Carlo Collodi – Pinocchio

Lehrreiche Abenteuer eines hölzernen Straßenjungen

Wer kennt ihn nicht, den von Tischlermeister Geppetto aus einem Stück Holz geschaffenen kleinen Taugenichts Pinocchio, der sich in den Kopf gesetzt hat, ein richtiger Junge zu werden! An der liebevoll produzierten neuen Hörspiel-Version von Titania Medien werden kleine und große Hörer ihre helle Freude haben. (Verlagsinfo)

Zu empfehlen ab 6 Jahren.

Die Sprecher/Die Inszenierung

Max Schautzer: Erzähler
Dirk Petrick: Pinocchio
Reinhilt Schneider: Fee
Dirk Voßberg-Vanmarcke: Fuchs
Knut Vanmarcke: Kater
Kathrin Ackermann: Grille
Gudo Hoegel: Meister Geppetto
Hasso Zorn: Meister Antonio
Max Felder: Docht
Pascal Breuer: Marder
Harald Dietl: Kutscher
Erich Ludwig: Theaterdirektor
Johannes Raspe: Falke
Bene Gutjan: Esel
Johannes Steck: Wirt
Gabrielle Pietermann: Taube
Tobias Lelle: Delphin
Manfred Lehmann: Bauer
Jannik Endemann: Harlekin
Tim Schwarzmaier: Junge
Wolfgang Welter: Krämer
Marc Gruppe: Hanswurst

Marc Gruppe schrieb wie stets das Buch und gemeinsam mit Stephan Bosenius setzte er es um. Die Aufnahme fand bei Titania Medien Studio, in den Planet Earth Studios und im Fluxx Tonstudio statt. Die detailreiche, stimmungsvolle Illustration stammt von Firuz Askin.

Hörprobe: http://www.titania-medien.de/audio/hoerspiele/ (ohne Gewähr)

Handlung

In dem italienischen Dorf leben zwei Tischlermeister. Meister Antonio Kirsche ist froh, das sprechende Holzscheit an Meister Geppetto loszuwerden, denn wer will schon ein Möbelstück, das ein Junge werden möchte? Geppetto will eine Marionette schnitzen, doch die ist so lebendig, dass sie ihm die Perücke vom Kopf klaut. Er nennt sie scherzhaft Pinocchio, Holzauge/Holzköpfchen, und verpasst ihr ein Kleidchen und ein keckes Hütchen.

Die Puppe will später, wenn der Meister schläft, spazieren gehen, doch die alte weise Grille warnt sie davor. Pinocchio will aber lieber Spaß haben als vorsichtig zu sein. Sie nennt ihn einen Esel und warnt ihn vor dem Gefängnis, wo die Tunichtgut und Tagediebe landen. Da verletzt er sie, bis sie vollends verstummt. Als der Meister wieder erwacht, verspricht ihm seine muntere Marionette, bestimmt in die Schule zu gehen. Aber dafür ist zumindest ein ABC-Buch nötig. Geppetto tauscht es gegen seine warme Jacke ein, und das mitten im Winter. Pinocchio ist gerührt und verspricht, ihm eine neue Jacke zu kaufen. Dann eilt er hinaus in den Schneesturm.

Im Marionettentheater gibt es Geld zu verdienen, sieht er. Aber erst muss er Eintritt zahlen. Für das neue ABC-Buch kriegt er das nötige Kleingeld, doch sein Auftritt wird ein voller Erfolg. Der Theaterdirektor zahlt ihm fünf Goldstücke. Das sollte für eine Jacke UND ein ABC-Buch reichen.

Doch Kater und Fuchs, zwei Gauner, die als Invaliden auftreten, haben es ebenfalls auf das Gold abgesehen. Er wolle doch sicher sein Gold vermehren, nicht wahr? Pinocchio ist von der Idee begeistert. Meister Geppetto könnte sich ein neues Haus kaufen! Nun, dann müsse er nur mit ihnen ins Wunderland mitkommen und dort sein Gold im Acker pflanzen, damit ein Baum daraus wächst, der goldene Früchte hervorbringt. Ist doch logisch, oder?

Doch nach durchzechter Nacht sind Kater und Fuchs spurlos verschwunden und der Wirt verlangt seine Bezahlung. Ein ganzes Goldstück muss Pinocchio ihm entrichten, bevor er aufbricht. Der Geist der toten Grille warnt ihn erneut, dass es ein schlimmes Ende mit ihm nehmen werde und warnt ihn vor den Räubern im nahen Wald. Pinocchio ist aber kein völliger Holzkopf und überlistet Kater und Fuchs, die sich als Räuber verkleidet haben.

So gelangt er endlich zu dem Häuschen der guten Fee mit den blauen Haaren. Wird sein Schicksal endlich eine Wendung zum Besseren nehmen?

Mein Eindruck

„Für dieses Märchen, das zunächst in 36 kleinen Folgen erschien, schöpfte Collodi in verschiedenen kulturellen und literarischen Wurzeln: in dem alten italienischen Theater mit seiner tragenden Figur des Harlekins, im Reich der Fabeln mit den sprechenden und wie Menschen handelnden Tieren sowie in Volkstraditionen. Zu den Volkstraditionen gehörten unter anderem die Marionetten, die von toskanischen Familien als bleibende Abbilder (damals gab es noch keine Fotografien), ihrer verstorbenen Vorfahren, ihrer ausgewanderten Onkel und Tanten und auch von Nachbarn, die auf eine lange, gefährliche Reise gegangen waren, hergestellt wurden.“ (Quelle: Rossipotti.de)

„Realistisch, also aus dem Leben der Italiener des 19.Jahrhunderts, ist dabei zum Beispiel, wie sein Vater, der Tischler Gepetto, auf der Suche nach seinem weggelaufenen Sohn ins Gefängnis gebracht wird und dass die Richter seine Unschuld nicht glauben.“ Auch Pinocchio selbst wird einmal ins Gefängnis geworfen, obwohl er ja das Opfer eines Verbrechens ist.

Der Autor wollte mit seinen 36 geschichten über den sprechenden Holzkopf die Leser seiner Kinderzeitung dazu ermahnen, möglichst viel zu lernen. Aber gleichzeitig sollten sie nicht wie in den staatlichen Schulen nur Gehorsam lernen und dafür das Denken einstellen, sondern ihren eigenen Kopf benutzen. So sollten sie beispielsweise beurteilen, ob es eine gute Idee ist, wenn Pinocchio mit Docht ins Spielland wandert.

Gegensätze

Kontraste sind ein wichtiges pädagogisches Mittel, das der Autor vielfach anwendet. „Auf der einen Seite versucht Pinocchio, auf der Insel der fleißigen Bienen furchtbar fleißig zu sein, auf der anderen Seite lässt er sich im Land der Spielereien komplett gehen – zwei Orte des absoluten Gegensatzes. Ein anderer Punkt ist die klassische Aufteilung zwischen Gut und Böse – Pinocchio, der als „unfertiger“ Mensch stets an Gut (Geppetto) und Böse (Feuerfresser, Kerzendocht) aneckt, um sich zuletzt an der guten Seite zu orientieren, stellt dabei den Mittelpunkt dar, um den sich die jeweiligen Parteien bemühen.“ (Wikipedia.de) Der hölzerne Pinocchio ist immer etwas dumm, und erst als er klug, hilfsbereit und fleißig wird, darf er sich mit Hilfe der Fee in einen richtigen Jungen verwandeln.

Auch für Erwachsene

Seit 1977 wird „Pinocchio“ auch als Buch für Erwachsene gelesen, mit seiner eigenen Position in der Literaturgeschichte (etwa hinsichtlich der Volksmärchen aus ganz Europa). Nun werden Parallelen zur Jesus-Legende und zu Lukians Satiren deutlich. Der Junge im Riesenhai erscheint nun wie der widerspenstige Jona im Walfisch, wo er geläutert wird. Pinocchio, die Marionette mit einem eigenen Willen, erscheint auch als Narr, der den Leser durch seine Eulenspiegel-Eskapaden zum Nachdenken über sich selbst bringen soll.

Die Sprecher/Die Inszenierung

Die Sprecher

Das Personal eines Märchens ist keineswegs auf menschliche Figuren beschränkt. Auch die Tiere, Geister und die Fee sprechen. Deshalb ist nicht nur für einige Abwechslung gesorgt, sondern es ist auch interessant, wie die einzelnen Sprecher ihre jeweilige Rolle interpretiert haben.

Die wichtigste Figur ist natürlich die des Titels. Dirk Petrick spricht die hölzerne Puppe, die gerne „ein richtiger Junge“ werden möchte, mit viel Heiterkeit, die sich in häufigem Lachen ausdrückt. Aber auch die Unbekümmertheit, die für den ahnungslosen Holzjungen charakteristisch ist und sich als so verhängnisvoll erweist, klingt vielfach durch. Selbst wenn der Holzjunge eine unschuldige Grille tötet, können wir ihm nicht böse sein. Pinocchio lässt praktisch nie den Kopf hängen, selbst wenn er sich in einen Esel verwandelt oder als Wachhund dienen muss. Er ist wie eine Naturgewalt und nicht unterzukriegen.

Seine magische Helferin, die Fee, tritt hingegen in verschiedenen Menschenaltersstufen auf. Zunächst ist sie ein junges Mädchen, dann eine Frau mittleren Alters, schließlich eine alte Frau, an der Pinocchio eine gute Tat vollbringt – quasi mal zur Abwechslung. In diesen drei Menschenaltern erinnert die Fee an antike Göttinnen, etwa bei den Kelten.

Max Schautzer ist älteren Zuhörern noch als Fernseh-Showmaster in Erinnerung. Ihm nun als Erzähler und Quasi-Märchenonkel wiederzubegegnen, erfordert eine gewisse Umgewöhnung. Aber da er seine Sache gut macht, dürften die kleinen Zuhörer ihrerseits keinerlei Problem mit seinem Beitrag haben.

Geräusche

Der Ur-Pinocchio hatte 36 Szenen, und der vorliegenden akustischen Umsetzung mangelt es ebenfalls nicht an Szenen. Dementsprechend groß ist die Palette an unterschiedlichsten Geräuschen und Lauten (wie Eselsgeschrei), die im Hintergrund der Dialoge zu erlauschen sind. Schon gleich die erste Szene in den Werkstätten von Meister Kirsche und Meister Gepetto haben sehr viel mit Holz und seiner Bearbeitung zu tun: Hobeln etwa, aber auch das Klacken, wenn hölzerne Marionettenglieder aneinanderschlagen.

Ein weiteres ulkiges Holzgeräusch entsteht, als Pinocchios Nase durch Feenzauber länger und länger wird. Es bleibt nicht beim Knirschen, sondern ein Krachen kommt hinzu und schließlich sogar ein Klirren, als die Nase ein Fenster durchbricht und die Scheibe zerbirst. Einen Hörgenuss bietet auch die Wirtshausszene und die Szene im Innern des Riesenhais. Meeresrauschen und Schreie von Möwen begleiten den Dialog zwischen Pinocchio und seinem frustrierten „Vater“ Geppetto.

Immer wieder treten Geister, Tiere und die Fee auf. Denn schließlich ist dies ein richtiges Märchen. Deren Auftritte werden mitunter von fröhlichen, aber auch zauberhaft-mystisch klingenden Harmonien begleitet. Der Ritt auf der Taube weist die musikalische Begleitung durch ein Piano auf, neben diversen Geräuschen, die den Flügelschlag und den Wind nachahmen.

Musik

In einem Hörspiel, das sich an derart junge Zuhörer wendet, ist die richtige Musik von größter Bedeutung. Denn eine entsprechende Musik könnte die kleinen Lauscher auch gleich wieder in die Flucht schlagen, etwa „Zarathustra“ von Richard Strauss oder Wagners „Walkürenritt“. Deshalb ist es sehr wichtig, dass eine idyllische und beruhigende Musikuntermalung die kleinen Hörer in Sicherheit wiegt – selbst wenn die Dialoge von Aufregung zeugen.

Das Stück beginnt mit langsamer Musik auf Saiteninstrumenten, auch die Melodie ist ziemlich volksnah. Dies vermittelt die Stimmung eines Volksmärchens, ohne sich allerdings als solches anzubiedern. Erst als die Marionette zum ersten Mal spricht, erklingen italienische Geigen, und der Schauplatz lässt sich endlich identifizieren.

Die Musik wird richtig fröhlich, als Pinocchio das Volksfest mit dem Theaterzelt betritt. Im Zelt treten Marionetten wie er auf. Es gibt Lacher und viel Applaus für Pinocchios Darbietung. Die Heiterkeit seitens der Musik hält sogar dann noch an, als Kater und Fuchs sich an unseren Helden heranmachen. Hier hätte ich mir ein paar weniger fröhliche Zwischentöne gewünscht. Später ist dem Jungen eine Solo-Violine zugeordnet, die seine Einsamkeit verdeutlicht – dazu passt der unheimliche Ruf des nächtlichen Käuzchens.

Nach dem Theater wird der Jahrmarkt im Spielland zu einem weiteren musikalischen Höhepunkt. Hier erklingt eine veritable Dampforgel, ein Orchestrion. Diese aufgesetzte Fröhlichkeit schlägt schon bald um in Bestürzung und Entsetzen, als sich erst Docht in einen Esel verwandelt und dann Pinocchio selbst. Stets hat die Hintergrundmusik die Aufgabe, die Emotionen des Hörers zu steuern.

Musik, Geräusche und Stimmen wurde so fein aufeinander abgestimmt, dass sie zu einer Einheit verschmelzen. Dabei stehen die Dialoge natürlich immer im Vordergrund, damit der Hörer jede Silbe genau hören kann. An keiner Stelle wird der Dialog irgendwie verdeckt.

Das Booklet

… enthält im Innenteil lediglich Werbung für das Programm von Titania Medien, insbesondere für die Hörspielserie „Anne“ (auf Green Gables usw.). Auf der letzten Seite finden sich die Informationen, die ich oben aufgeführt habe, also über die Sprecher und die Macher. Die Titelillustration stammt von Firuz Askin.

Unterm Strich

Diese Fassung des ursprünglichen Buches von 1883 lässt alle Gefängnisszenen weg, die den Fluss der Handlung eh nur hemmen würden. Somit bleiben sozialkritische Töne außen vor, und die Handlung konzentriert sich auf das quasi-menschliche Schicksal einer auf den Kopf gefallenen Holzpuppe. Dieses Schicksal ist schon turbulent und märchenhaft genug.

Sprechende Tiere, die sich als listige Gauner, entpuppen? Da muss der junge Hörer ein wenig aufpassen – und hoffentlich auch eine Kleinigkeit hier und da lernen. Denn aufs Lernen kommt es in Pinocchios Werdegang an. Nur ein kluger Junge, der seine Lebens-Lektionen (und nicht etwa die in der Staatsschule) gelernt hat, wird auch „ein richtiger Junge“ werden.

Schön ist an dieser Geschichte – im Unterschied zu Collodis anderen didaktischen Erzählungen -, dass alle Lektionen nicht nur in Gestalten gekleidet sind, sondern dass die ältere Generation den Jungen gütig, verzeihend und verständnisvoll unter die Arme greift. Die Strafe, die würde sich der Junge am liebsten selbst verabreichen.

Nur die Grille ermahnt und tadelt ihn ständig auf mütterliche Weise. Das alleine ist schon genug – die Warnungen aber ignoriert der Junge geflissentlich gleich wieder. Der beste Lehrmeister ist für ihn eben das Leben selbst. Genau, wie sich der Autor vorgestellt hat. Für ironische Brechungen ist also auch gesorgt. Wer will, kann die Geschichte auch als Erwachsener durchaus genießen und sich seinen Teil dazu denken.

Das Hörspiel

Die professionelle Inszenierung, die filmreife Musik und bekannte Stimmen von Synchronsprechern und Theaterschauspielern einsetzt, bietet dem Hörer ein akustisches Kinoerlebnis, das man sich mehrmals anhören sollte, um auch die Feinheiten mitzubekommen.

Doch das Hörspiel lässt sich in erster Linie sehr jungen Zuhörern ab sechs Jahren empfehlen. Es ist leicht verständlich, wirkungsvoll inszeniert, und die Stimmen der Hollywoodstars vermitteln das richtige Kino-Feeling. Für Sammler ist die aufwendig produzierte SPECIAL-Reihe, deren Titel stets rechtzeitig zu Weihnachten erscheinen, inzwischen ein Leckerbissen.

Der Autor vergibt: (5.0/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (2 Stimmen, Durchschnitt: 5,00 von 5)

1 Audio-CD: 79:56 Minuten
Info: Storia di uno burattino, 1881 ; Le avventure di Pinocchio, 1883

www.titania-medien.de