Julian May – Der goldene Ring (Pliozän-Saga 2)

Mit der Laserlanze in den Freiheitskampf

Die ins Pliozän verschlagenen Menschen haben es gelernt, mit den telepathischen Aliens, die die Erde vor sechs Millionen Jahren beherrschten und die Zeitreisenden aus der Zukunft versklavten, einigermaßen zurechtzukommen.

Manchen von ihnen ist diese Sklaverei ganz und gar nicht unangenehm, denn mit dem Halsring, den die Menschen zu tragen gezwungen sind und der die telepathischen Kräfte verstärkt, werden nicht nur Strafen, sondern auch Belohnungen verteilt, und ein goldener Ring verleiht geradezu göttliche Fähigkeiten. Doch es gibt genug unter ihnen, die das Joch der Fremden abzuschütteln gewillt sind.

Nachdem eine Laserlanze der Aliens in ihre Hände gefallen ist und nachdem sie den tödlichen Schwachpunkt der Beherrscher herausgefunden haben – die toxische Wirkung von Eisen -, wagen sie den Frontalangriff. (Verlagsinfo)

Die „Pliozän-Saga“, die auf deutsch bei Heyne erschien, ist eine der wichtigsten literarischen Leistungen der Science Fantasy während der achtziger Jahre. Der Pliozän-Zyklus ist die vierbändige Saga um das Schicksal einer Handvoll Menschen, die im Jahr 2110 freiwillig ins Zeit-Exil des Pliozäns vor ca. sechs Millionen Jahren gehen, um der Verfolgung von Psi-Begabten zu entgehen. Gegen dort herrschende Aliens müssen sie zahlreiche Kämpfe bestehen, entwickeln aber auch ungeahnte Fähigkeiten.

Eine Zusammenfassung der Ereignisse des 1. Bandes folgt am Beginn dieses Bandes. Wenn man also den 1. Band nicht besitzt, hat man wenig verpasst.

Die Autorin

Julian Clare May (geboren am 10. Juli 1931 in Chicago, Illinois; gestorben am 17. Oktober 2017) war eine amerikanische Schriftstellerin. Sie benutzte im Laufe ihrer Karriere eine Reihe von Pseudonymen, am bekanntesten dürfte Ian Thorne sein. Sie war Autorin von mehr als 290 Kinderbüchern sowie von Science Fiction und Fantasy. Sie war mehrfach Co-Autorin von Marion Zimmer Bradley. (Wikipedia.de)

Die 1931 geborene, unter dem Namen „Julian May“ schreibende Mrs. Dikty hat über 290 andere Bücher geschrieben, meist zur Vermittlung von wissenschaftlichen Kenntnissen an junge Leser. Diese Erfahrung hat sich in den Pliozän-Saga-Bänden ausgezahlt, die gespickt sind mit Bildungs-Elementen und Zitaten.

Julian May genießt unter den alteingesessenen Science Fiction-Autorinnen höchstes Ansehen. Sie ist nicht nur eine ausgezeichnete Schriftstellerin, die souverän ihr Handwerk versteht, sondern hat auch eine Menge Ahnung von dem, was sie an wissenschaftlichem Hintergrund in ihre Bücher hineinpackt.

Als der erste Band ihrer Pliozän-Saga für den Hugo Gernsback Award, den wichtigsten US-Preis der Science Fiction-Leser, nominiert wurde, stieg ihre Bekanntheit ganz beträchtlich an. Im angelsächsischen – im Gegensatz zum deutschen – Sprachraum wurde die Pliozän-Saga ein Bestseller, so dass Julian May noch vier weitere Romane um die PSI-Familie Remillard folgen ließ.

Pliozän-Saga

Das vielfarbene Land. OT: Many-Colored Land, Heyne, München 1986, ISBN 3-453-31250-3.
Der goldene Ring. OT: Golden Torc, Heyne, München 1986, ISBN 3-453-31251-1.
Kein König von Geburt. OT: Nonborn King, Heyne, München 1987, ISBN 3-453-31255-4.
Der Widersacher. OT: Adversary, Heyne, München 1987, ISBN 3-453-31284-8.

Galactic Milieu

Intervention: A Root Tale to the Galactic Milieu and a Vinculum between it and The Saga of Pliocene Exile. Houghton Mifflin, Boston 1987, ISBN 0-395-43782-2.
Jack the Bodiless. Knopf, New York 1991, ISBN 0-679-40950-5.
Diamond Mask. Knopf, New York 1994, ISBN 0-679-43310-4.
Magnificat. Knopf, New York 1996, ISBN 0-679-44177-8.

Ruwenda

Die Zauberin von Ruwenda. Heyne, München 1994, ISBN 3-453-09221-X (mit Marion Zimmer Bradley und Andre Norton)
Der Fluch der Schwarzen Lilie. Heyne, München 1997, ISBN 3-453-11704-2.
Hüter der Träume ISBN 3-453-12510-X
Das Amulett von Ruwenda. Heyne, München 1998, ISBN 3-453-13138-X (mit Marion Zimmer Bradley)

Die Rampart-Welten

Der Sporn des Perseus. OT: Perseus Spur, Bastei Lübbe, Bergisch Gladbach 2001, ISBN 3-404-24294-7.
Die Schulter des Orion. OT: Orion Arm, Bastei Lübbe, Bergisch Gladbach 2002, ISBN 3-404-24305-6.
Die Nebel des Sagittarius. OT: Sagittarius Whorl, Bastei Lübbe, Bergisch Gladbach 2003, ISBN 3-404-24314-5.

Boreal Moon

Schwertmond, 2009, ISBN 3-404-20606-1, OT: Conqueror’s Moon, 2003
Dunkelmond, 2009, ISBN 3-404-20606-1, OT: Ironcrown Moon, 2004
Schattenmond, 2009, ISBN 3-404-20606-1, OT: Sorcerer’s Moon, 2006

Vorgeschichte

Der Science Fiction-Roman „Intervention“ berichtet vom Aufstieg der PSI-begabten Familie Remillard im frühen 21. Jahrhundert, also in unserer nahen Zukunft. Sie verursachen die Große Intervention durch die Aliens, eine wohlwollende Aufsicht über unsere am Rande des Abgrunds schlingernde Zivilisation. Die Auferlegung der Aufsicht wird in den Galactic-Milieu-Büchern durch die Remillards herausgefordert, die den Kampf jedoch verlieren und verbannt werden – aus dem 22. Jahrhundert durch ein Zeitportal in das frühgeschichtliche Pliozän vor ca. 30-10 Millionen Jahren…

Im Jahr 2034 gelingt dem französischen Gelehrten Théo Guderian eine bahnbrechende Erfindung: Er stellt über einen Abgrund von Zeit hinweg eine Verbindung mit dem Pliozän her, sechs Millionen Jahre in der Vergangenheit. Es gibt keine Saurier mehr, aber immerhin schon kleine menschenähnliche Affen, den Ramapithecus. Doch die Verbindung ist eine Einbahnstraße. Nichts gelangt aus der Vergangenheit in die Gegenwart zurück.

Trotzdem übt dieses Zeit-Tor auf viele Menschen eine Faszination aus, vor allem auf die Zivilisationsmüden und die Ausgeflippten. Sie gehen hindurch, um in einer unberührten Natur, in einer jungfräulichen Welt neu anzufangen – der Traum von Amerika, der Neuen Welt, scheint zum Greifen nahe.

Keiner von ihnen ahnt, dass um jene Zeit die Erde fest in der Hand von telepathisch begabten Aliens ist, für die dieser Zustrom von Menschen und Material aus der Zukunft eine wahre Labsal bedeutet, um ihre perversen Gelüste zu befriedigen. Die Tanu und Firvulag, wie sie sich nennen, reiben sich die Hände.

Sie versklaven die neuen Menschen ebenso reihenweise wie sie es mit den menschlichen Vorfahren, den Ramapithecinen, gemacht haben. Sie legen ihnen einen psycho-aktiven Halsring, einen Torque, um, der ihren Geist unterwirft. Allerdings gibt es Nebenwirkungen, wie sich zeigt: Bei vielen der Menschen hat der Halsring ungeahnte Psi-Kräfte freigesetzt, mit denen sie sich zu behaupten wissen.

Handlung des 2. Bandes

Daher haben es einige Menschen gelernt, mit den Verhältnissen im Pliozän zurechtzukommen. Manchen von ihnen ist die Sklaverei unter Tanu und Firvulag ganz und gar nicht unangenehm, denn mit dem Halsring, der selbst schwache Psi-Begabungen verstärkt, werden nicht nur Strafen, sondern auch Belohnungen verteilt. Ein goldener Torque verleiht geradezu göttliche Fähigkeiten.

Doch neben den stets rebellischen Remillards gibt es auch unter den anderen unterworfenen Menschen genügend, die das Joch der Aliens abschütteln wollen. Nachdem eine Laserlanze der Aliens in ihre Hände gefallen ist und sie den tödlichen Schwachpunkt der Beherrscher herausgefunden haben, wagen die Rebellen den Frontalangriff auf die Unterdrücker, für die Eisen pures Gift ist – ganz im Gegensatz zu den Menschen.

Mein Eindruck

Die Erzählweise ist fesselnd, ein wenig verzweigt und verschlungen, aber stets am Schicksal der einzelnen Akteure auf humane Weise interessiert. Hier erzählt eine Meisterin des Genres, die sich mit dem, was sie erzählt, intensiv auseinandergesetzt hat und es mit großem emotionalem Engagement und Witz zu vermitteln weiß.

Was der Autorin an farbiger, spannender Schilderung und überzeugender Charakterzeichnung, besonders bei höherstehenden Figuren, gelingt, schädigt sie wieder durch pathetische Sprache und einen mit gesuchten Adjektiven und Fremdwörtern aufgeblähten Erzählstil.

Ziemlich klischeehaft handelnde Charaktere, aber auch Aktionen wie etwa durch Heldentode und sentimentale Liebesaffären haben mich genervt. Nun gut, dies alles gehört zur „romance“, der abenteuerlichen Geschichte, die im Gegensatz zum „realistischen“ Roman auf Knalleffekte setzt.

Die Pliozän-Saga ist somit ein sehr langer, episch ausgedehnter Science Fantasy Thriller, der versucht, mit viel Blut, Gewalt und Sex (zumindest in der nicht zensierten US-Ausgabe) zu unterhalten. Die nicht zu verleugnenden Zwischentöne aus Menschlichkeit, echt gefühlter Zuneigung und Religiosität werden von den lauten Tönen der „heroischen“ Taten allzu oft in den Hintergrund gedrängt.

Ausstattung und Übersetzung

Die Illustrationen von Giuseppe Mangoni machen die Dimensionen Aueinandertreffen der unterschiedlichsten Völker anschaulich deutlich. Die Karten, die Erhard Ringer beigesteuert hat, lassen keine Unklarheiten über die Lokalitäten aufkommen. Am Schluss des Bandes verteidigt die Autorin einige geologisch und geografische Besonderheiten ihrer Welt. Das Mittelmeer ist leer, und die Straße von Gibraltar existiert (noch) nicht.

Die Übertragung ins Deutsche, die Rosemarie Hundertmarck leisten sollte, war sicher keine einfache Aufgabe, denn die Autorin verwendet massenhaft hochtrabend und gelehrt klingende Wörter lateinischen Ursprungs. Deshalb verwundert es nicht, wenn auch die deutsche Version mitunter gestelzt und gewollt klingt, ohne dabei jedoch den Nuancenreichtum des Originals erreichen zu können. Am Aufwand, den der Heyne-Verlag für diesen Zyklus getrieben hat, kann es also nicht gelegen haben, dass es bis heute keine Neuauflage gegeben hat.

Unterm Strich

Wer eine spannende Handlung in einer vielschichtig entworfenen Welt erleben möchte, der ist hier genau richtig. Aber Vorsicht: Die Autorin stellt ihre Ansprüche an den Leser. Der Knackpunkt ist die Vielschichtigkeit. Je gebildeter der Leser, desto tiefer kann er in die Bedeutungsschichten vordringen (von denen es immerhin laut Autorin sechs geben soll) und umso mehr befriedigendes Vergnügen kann er daraus ziehen. Actionhöhepunkte gibt es vor allem in den Bänden 2 bis 4.

Taschenbuch: 493 Seiten
Originaltitel: The Golden Torc, 1982
Aus dem Englischen von Rosemarie Hundertmarck
ISBN-13: 9783453312517

www.heyne.de

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