Georges Bataille – Story of the Eye (Modern Classics)

Simones obszöne Akte

Georges Bataille veröffentlichte seinen Roman „Histoire de l’Oeil“ unter dem Pseudonym „Lord Auch“ 1928. Es erlebte drei weitere Auflagen bis 1967, doch diese Ausgaben weichen von der Urform erheblich ab. Die vorgestellte englischsprachige Ausgabe beruht auf der Erstausgabe von 1928 und umfasst die dazugehörige biographische Notiz, in der der Autor Parallelen zu seinem eigenen Leben zieht.

Mit Essays von Susan Sontag – „The Pornographic Imagination“ (1967) – und Roland Barthes – „The Metaphor of the eye“ (1963) – hat der nicht genannte Herausgeber diesen Band sinnvoll ergänzt und abgerundet mit Aspekten, die weit über das Werk hinausweisen.

Der Autor

Georges Bataille wurde 1897 als Sohn reicher Bauern in der Auvergne geboren. 1917, nachdem er den Eintritt ins Priesterseminar erwogen hatte, entschied er sich für eine Ausbildung zum Archivar oder Historiker. Vor Antritt seines Dienstes an der Nationalbibliotek verbrachte er Zeit in Madrid, wo er am 7. Mai 1922 den Tod des Toreros Granero, den er in „Geschichte des Auges“ (1928) beschreibt, miterlebte. Im Kreis der Surrealisten befreundete er sich mit Michel Leiris und André Masson.

Anfang der 1930er Jahre engagierte sich Bataille auf der Linken und schloss sich 1935/36 der linksintellektuellen Gruppe „Contre Attaque“ an. 1934 lernte er seine „Laura“ Colette Peignot kenne, die als revolutionäre Antistalinistin aus Russland nach Paris gekommen war. Als die Geliebte 1938 an Lungenkrebs starb, hielt Bataille den priester mit dem Revolver von ihr fern. Nach ihrem Tode hat er Texte von „Laura“ herausgegeben.

1936 gründete bataille zusammen mit Roger Caillois, Michel Leiris und Jules Monnerot die Société Secrète. 1941 erschien „Madame Edwarda“, 1942 musste Batauille den Bibliotheksdienst verlassen. Während eines längeren Aufenthalts in der Normandie im Dorf Tilly hat er wahrscheinlich den Text „Der Tote“ geschrieben. Seit dieser Zeit hat er kontinuierlich publiziert, und 1946 gründete er die Monatsschrift „Critique“, die noch heute fortgeführt wird. Anfang 1962 zog Bataille wieder nach Paris, wo er am 9. Juli starb.

Handlung

Das ländliche Südfrankreich, Anfang der 20er Jahre (genauer: 1922). Der Erzähler ist ein junger Mann, der auf dem Gut seiner Eltern wohnt. Zusammen mit der wagemutigen, „lüsternen“ Simone erlebt er recht merkwürdige Liebesabenteuer – das, was man landläufig „obszön“ nennt. Ähnlich wie bei Pubertierenden ist aber das sexuelle Begehren der beiden noch nicht so sehr auf die körperliche Vereinigung gerichtet, sondern auf das Ausleben der verschiedensten körperlichen Erregbarkeiten. Viele davon verletzen Tabus, und stets ist Simone die treibende Kraft – sie verachtet ihre wehrlose Mutter und von hemmungsloser Emotionalität.

Es beginnt ganz harmlos damit, dass sich Simone mit nacktem Unterkörper in einen Teller Milch setzt. Weitere Spiele mit den Flüsigkeiten Urin und Sperma folgen. Auch Tränen fließen reichlich. Diese Dinge konstituieren die erste Kette von Dingsymbolen – Barthes nennt sie Metaphernobjekte oder, kürzer: Metaphern. Diese Metaphern durchlaufen in ihrer Kette Formveränderungen, was noch sehr interessant wird.

Da diese Spiele nicht nur im Haus stattfinden, sondern auch in der freien Natur ringsum, trägt der Kitzel des Entdecktwerdens zu höherer Erregung bei. Interessant wird die Beziehung, als die beiden von der jüngeren Marcelle überrascht werden. Prompt wird auch sie in die Liebesspiele einbezogen, bis es dann eines Abends zu einen Katastrophe kommt. Bei einem Liebesspiel mit anderen Paaren fließt auf einmal auch (jungfräuliches?) Blut, und das bringt Marcelle zum Ausrasten. Sie sperrt sich in einen Schrank ein und entleert dort ihre Blase. Später, als die Erwachsenen auftauchen, finden sie Marcelle in einem verwirrten Geisteszustand wieder. Sie wird in ein 20 km entferntes Sanatorium eingewiesen.

Das hindert Simone und ihren Lover keineswegs daran, Wochen später mitten in der Nacht dorthin zu radeln und zu sehen, ob sie nicht Marcelle befreien können. Es ist eine stürmische Gewitternacht mit nur wenig Mondschein – ein gespenstische Szene aus frühen romantischen Geistergeschichten, in der das schlossartige Sanatorium – die Fenster sind vergittert – als eine Art „Burg von Otranto“ (von Hugh Walpole, 1757) auftritt. Bei einem zweiten Versuch klappt es dann, die arme Marcelle zu befreien. Doch leider stellt sich heraus, dass sie den Erzähler für einen „cardinal“ hält, einen Pfarrer, der neben der blutigen Guillotine (auch die Guillotine hat ein „Auge“) als Trostspender zu fungieren hatte. Sie fürchtet den „cardinal“, und schließlich erhängt sie sich.

Weitere symbolträchtige Szenen des Schneidens werden geboten, die wichtigste betrifft Augäpfel und den gekochten Eiern. Zwischen diesen beiden Wörtern – Auge und Ei – besteht im Französischen hohe phonetische Ähnlichkeit, daher die Assoziation. Weiße, runde Objekte konstituieren die zweite Metaphernkette: das Auge läuft vor Tränen über, das Ei läuft aus, ein Auge wird ausgestochen usw. – hier tauscht sich die erste mit der zweiten Metaphernkette aus. Es gibt zahlreiche Kombinationen, von der ersten solchen Konvergenz – dem Teller Milch – bis zur letzten Szene des Werks: dem Auge in Simones Schoß.

Zerbrochene Eier, zerbrochene Augen – die symbolische Überhöhung durch batailles poetische methode nimmt kontinuierlich zu, bis sich der Leser an Bunuels surrealistischen Film „Le chien andalou“ (Der andalusische Hund, 1929) erinnert fühlt, in dem offenbar das Auge einer schönen Frau zerschnitten wird und ein Zebra im Wohnzimmer auftaucht. Und in der Tat bestehen enge Verbindungen zwischen Bataille und dem Surrealismus. Sie treten offen hervor, als die zwei Metaphernkette nicht nur miteinander austauschen, sondern zudem auch noch die Konnotationen der Elemente verändern: Simones Zunge trinkt beim Lecken das Auge des Erzählers und dergleichen. Diese Stilfigur bzw. Technik nennt Barthes „Metonymie“.

Eine erotische Odyssee führt den Erzähler und Simone mit einem reichen Engländer im Schlepp in die Stierkampfarena von Madrid (mehr Augen, mehr Blut, Urin und „Eier“) sowie in die Kirche von Don Juan in Sevilla: Augen, Urin, Blut – das volle Programm. Dies ist der konsequente Höhepunkt des poetischen Verfahrens und seines Ergebnisses, des Buches.

Das Manuskript bricht bei der Überfahrt des Trios von Gibraltar nach Afrika ab. Notizen für die Fortsetzung finden sich in der 4. Auflage von 1967 und sind in der vorliegende Ausgabe zu finden.

Die biografische Notiz

Sie ist nicht von der Erzählung zu trennen. Und das macht es den Interpretatoren so schwer, eine Bedeutung des Werkes zu konstruieren, die über es hinausweist. Denn Bataille findet zu seiner eigenen Verblüffung zahlreiche Parallelen zwischen den phantasierten Szenen und seinem eigenen Leben. In seiner Kindheit (bis ca. 1914/16) hatten er und seine Mutter den blinden und syphilitischen Vater zu pflegen, der dann später – ebenso wie die Mutter – dem Wahnsinn verfiel. Bataille erinnert sich an die weiß hervorquellenden Augäpfel des Blinden, der sich quälte, in ein Gefäß neben dem Bett zu urinieren. Diese zwei Dingsymbole sind also schon früh angelegt worden. Marcelle hat ihre Vorlage in Batailles Mutter, die sich später wie Marcelle erhängte (aber reanimiert werden konnte).

Die Essays

Susan Sontag, eine amerikanische Intellektuelle, die schon Mitte der sechziger von sich reden machte, stellt die Pornografie in den literarischen Kontext. Diesen bezieht sie vor allem aus maßgeblichen französischen Werken, darunter natürlich auch „Histoire de l’Oeil“. Aber auch bei Sade und Pauline Réage wird sie fündig. Sie hat sehr viele kluge Dinge zu sagen. Kurzum: Pornografie ist zwar auch Literatur, aber nur dann gute Literatur, wenn sie nicht den Massengeschmack anspricht, sich nicht sehr auf Kompromisse einlässt, also Tabus verletzt, und wenn sie auf tiefere Wahrheiten verweist, wie entfernt auch immer diese liegen mögen.

Ich fand Roland Barthes‘ Essay „Die Metapher des Auges“ aufgrund seiner methodischen Herangehensweise als struktureller Linguist sehr viel verständlicher, erhellender und nützlicher. Auf ihm beruhen die Thesen von den sich gegenseitig berührenden Metaphernketten und von der Metonymie, die sich in Batailles poetischer Methode verbinden.

Mein Eindruck

Doch was will uns der Dichter sagen? Simone ist eine würdige Nachfolgerin von de Sades Heldenfigur Juliette. Die verachtungsvolle Herausforderung aller sittlichen Tabus zeichnet ihre Handlungen aus. Allerdings ist ihr ihre Haltung im Gegensatz zu Juliettes nicht selbst bewusst. Während Juliette Freiheit und Macht/Herrschaft erstrebt und dafür Tabus en masse übertritt, agiert Simone lediglich, wie es ihrer Natur entspricht. Sie hat kein Programm, sie ist allenfalls das Programm des Autors.

Aber obwohl sie eine beeindruckende Figur ist, so hat sie doch wenig Persönlichkeit, genau wie Marcelle oder der Erzähler. Sie ist eine Theaterfigur – wie fast alle Figuren in der pornografischen Literatur, also Rollenträger. Ihre Rolle ist der Katalysator des Tabubrechens. Ihre Aktion ist die obszöne Tat. Ihre Attribute sind die Metaphernketten.

Aber was soll das, fragt man sich mit Recht. Es ist die Aufgabe dieser Katalysatiorfigur, so meine These, die ganze Welt mit bedeutung aufzuladen, durch die obszöne tat zu erotisieren. Simone tut dies schon in der ersten Szene: Sie setzt sich nackt in einen Teller Milch. (Das ist ein sehr blasser Abklatsch dessen, was noch folgen soll, etwa in der Arena oder der Kirche.) Durch die Berührung mit ihrem Genital erhält die Milch eine andere Konnotation. Und diese tat zeigt, dass es Millionen Möglichkeiten gibt, etwas Erotisches mit der eigenen körperlichen Ausstattung anzufangen.

Zu Simones späteren „Heldentaten“ gehören das Pissen auf eine Leiche und das Liebemachen neben dieser. Das ist schon recht obszön, nicht wahr? Aber es wird verständlich im Lichte des Gesagten. Simones Tat überschreitet den Tod, indem sie ihn anders konnotiert, mit anderer Bedeutung auflädt. Das ist kein Leugnen des Todes, sondern eine Bekräftigung des Lebens. Simone ist ein sehr vitales Wesen, fast schon eine Urkraft wie Wedekinds Lulu. Sie ist das, was O in Réages Buch gerne sein möchte: ein entpersönlichtes, völlig einem anderen (höheren?) Willen hingegebenes Wesen. Doch Simone veräußert sich nicht wie O, sondern bleibt ganz bei sich, indem sie orgiastisch das Leben in obszönen Akten auslebt.

Ihr Tun ist – um mit Bataille zu sprechen – tragisch, denn sie sondert sich von den gesellschaftlichen Werten ab, und es hat keinen Endzweck wie etwa ein Haus zu kaufen und eine Familie zu gründen; es muss sich immer weiter perpetuieren, damit das Wesen dieses Täters bekräftigt bleibt. Solch ein Leben ist ohne endgültige Befriedigung und in der westlichen Gesellschaft zum Scheitern verurteilt. Aber es kann grandios sein, solange es dauert.

Englischniveau

Der Hinweis ist eigentlich unnötig: Für Batailles Text reichen mittelgute Englischkenntnisse aus, für den Rest ist ein eher akademisches Niveau ratsam.

Taschenbuch: 127 Seiten
Originaltitel: Story of the Eye,
Aus dem Französischen von Joachim Neugroschal
ISBN-13: 9780140053593

www.heyne.de

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