Alle Beiträge von Meike Schulte-Meyer

Moore, Alan / Campbell, Eddie – From Hell

_Apokalypse im Londoner East End_

Herbst 1888, London – Whitechapel. Eine Stadt hält den Atem an. In den dunklen Gassen des East Ends werden innerhalb weniger Wochen fünf Frauen ermordet – alle auf brutale Weise verstümmelt. Die Polizei tappt im Dunkeln und streitet sich um Zuständigkeiten. Der Täter bleibt bis heute ein Phantom: Jack the Ripper.

Die wahren Hintergründe von Jack the Ripper dürften wohl nie befriedigend aufgeklärt werden. Teilweise, weil die Ripper-Morde einfach schon zu lange zurückliegen, teilweise, weil es damals bei den Ermittlungen einige Schlampereien gab. Es gibt die vielfältigsten Theorien von den unterschiedlichsten Autoren. Nicht wenigen hat dabei der Mythos Jack the Ripper ein bisschen zu sehr die Phantasie beflügelt. Plausible und nachvollziehbare oder gar beweisbare Theorien sind rar.

Als wichtigste Grundlage für „From Hell“ kann vor allem ein Autor genannt werden: Stephen Knight. In seinem Buch „Jack the Ripper – The Final Solution“ gibt er seine Theorie der Ripper-Morde wieder und deckt eine Verschwörung auf, die bis ins englische Königshaus hinaufreicht. Sein Buch ist bis heute umstritten, auch wenn seine Argumentation plausibel klingt. Jack the Ripper bleibt bei allem Enthusiasmus für Knights Werk auch weiterhin ein Phantom …

_Melodrama in Schwarzweiß_

Licht in das Dunkel versuchen Alan Moore und Eddie Campbell mit ihrem Comic-Buch „From Hell“ zu bringen, das häppchenweise erstmals von 1989 bis 1992 in der amerikanischen Comic-Anthologie Taboo erschien. Moore und Campbell lassen den Herbst 1888 auf dem Papier noch einmal aufleben und den Leser durch die Gassen des East Ends wandeln – auf den Spuren von Jack the Ripper. Mit einfachen Schwarzweiß-Zeichnungen, teils nur schemenhaft mit einigen Strichen angedeutet, teils intensiv und düster, wird die Handlung zum Leben erweckt.

Nach einem Prolog beginnt die eigentliche Geschichte mit Hintergründen, die Stephen Knight recherchiert hat. Prince Albert nimmt 1884 Malstunden bei dem Maler Walter Sickert und lernt bei seinen Besuchen Annie Elizabeth Crook kennen, die im Süßwarenladen gegenüber des Ateliers arbeitet. Die beiden beginnen eine Beziehung, aus der ein Kind hervorgeht, und heiraten heimlich, ohne dass Annie wirklich weiß, wen sie da ehelicht. Die Queen erfährt von der Affäre ihres ohnehin schon skandalträchtigen Sohnes und lässt Annie wegschaffen, um zu verhindern, dass die Geschichte publik wird.

Anschließend wird Sir William Gull vorgestellt, der Mann, der auch im weiteren Verlauf des Buches immer wieder im Mittelpunkt steht. Der Leser erhält einen Einblick in Gulls Lebenslauf, angefangen von seiner Kindheit über seinen Aufstieg zum Außerordentlichen königlichen Leibarzt bis hin zu seiner Initiierung bei den Freimaurern.

Jahre später (1888) setzt die Handlung wieder ein und erzählt die Geschichte einer Erpressung. Annie, die mittlerweile Prostituierte im East End ist, schmiedet mit ihren Freundinnen einen Plan, um an Geld zu kommen, damit sie ihre fälligen Schutzgelder an die Old-Nichol-Bande bezahlen können. Sie wollen das Königshaus mit ihrem Wissen um das Kind und die heimliche Heirat von Prince Albert erpressen. Als die Queen davon erfährt, gibt sie Sir Gull den Auftrag, sich um die Angelegenheit zu kümmern – auf seine Art.

Und so begleitet der Leser Gull in den folgenden Kapiteln zusammen mit dem Kutscher Netley auf seinen nächtlichen Touren durch das East End. Sir Gull kümmert sich in der Tat auf seine Art um die Angelegenheit und verbreitet für mehrere Wochen Angst und Schrecken in den dunklen Gassen von Whitechapel. Der Rest ist Geschichte …

_|“Ein abgründiges, 600-seitiges Monster“|_

… mit diesen Worten hat der |Guardian| eine sehr treffende Beschreibung für „From Hell“ geliefert. Atmosphärisch dicht, vor Spannung geradezu knisternd, so werden dem Leser die Geschehnisse von 1888 präsentiert. Es geht dabei weniger um die Frage, wer der Täter war (das weiß der Leser schon sehr früh), sondern mehr um seinen Antrieb. Was kann einen hochangesehenen, intelligenten Mann aus gutem Hause zu so einer unbeschreiblichen Brutalität bringen? Diese Hintergründe versuchen Moore und Campbell zu erleuchten. Das Verbrechen an sich bleibt dabei unfassbar. Die Taten des Rippers werden mit geradezu kriminalistischer Genauigkeit geschildert und in verwirrenden und erschreckend realen Bildern dargestellt.

In Sachen Täter-Theorie stützen sich die beiden Autoren auf unterschiedliche Bücher, am stärksten sind aber die Bezüge zu Stephen Knight, dessen Buch ich vor ein paar Jahren ebenfalls gelesen habe. Das Schöne an „From Hell“ ist, dass die Handlung in Bezug auf die wirklichen damaligen Geschehnisse sehr nachvollziehbar bleibt. Es gibt einen 56 Seiten starken Anhang, in dem zu jeder Seite des Comics Anmerkungen gemacht werden. Man kann daran sehr gut nachvollziehen, auf welche Quellen sich die Handlung stützt und wo aus dramaturgischen Gründen etwas „interpoliert“ wurde. Man merkt dem Buch an, dass viel harte Recherche dahinter steckt und es nicht nur darum geht, eine spannende Geschichte zu erzählen, sondern auch um den Versuch, die tatsächlichen damaligen Geschehnisse nachzuzeichnen.

Das Packende an „From Hell“ bleibt aber die düstere und beklemmende Atmosphäre. Man wird als Leser sofort in den Bann der Geschichte gezogen. Moore versteht sich darauf, eine dichte Atmosphäre aufzubauen, Andeutungen einzustreuen und das Ganze mystisch auszuschmücken. Abgerundet von Campbells intensiven und düsteren Darstellungen, entsteht ein wahres Meisterwerk. Die schwarzweißen Bilder verleihen der Geschichte eine gewisse Tiefe, die das Buch mit Farbbildern wahrscheinlich nicht zu erreichen vermocht hätte. Aus feinen Strichen und wilden Schraffuren entsteht vor dem Auge des Betrachters das Londoner East End am Vorabend des 20. Jahrhunderts.

Moore und Campbell vermögen es, so gut wie alle Facetten der Ripper-Saga auszuleuchten. „From Hell“ ist keine kriminologische Dokumentation, aber auch keine Horror-Geschichte. Vielmehr wird das Buch zu einer Gesellschaftsstudie, zu einem Blick auf die dunkle Seite des viktorianischen Zeitalters. Moore und Campbell wollen zeigen, wie die Gesellschaft sich zu der Zeit gewandelt hat, am Beginn „des Jahrhunderts des Massenmordes“. Die These der Autoren, dass mit den Ripper-Morden im Grunde das 20. Jahrhundert eingeläutet wurde, wird sehr deutlich und überzeugend vermittelt. Sir Gull bildet dabei den zentralen Punkt, um den sich alles dreht. Moore und Campbell erstellen eine Art Psychogramm und leuchten die Person Gulls bis in den letzten Winkel aus.

Dieser Anspruch der Autoren schlägt sich sehr deutlich in dem Werk nieder. „From Hell“ ist alles andere als seichte Unterhaltung. Auch wenn vieles im Anhang erläutert wird, so sind viele Passagen, insbesondere mit Bezügen auf Freimaurertum, philosophische und mystische Sachverhalte nicht gerade leicht verständlich. Es werden einzelne Stränge unterschiedlicher Verschwörungstheorien aufgegriffen und in den Zusammenhang eingeordnet. Verwirrend wirken auch immer wieder die Halluzinationen, die Gull im Laufe der Handlung mehrmals durchlebt, insbesondere während der Morde, die einen fast schon rituellen Charakter annehmen. Wer sich in Sachen Freimaurertum und Verschwörungen gar nicht auskennt, wird sicherlich hier und da Probleme haben, Andeutungen und Symbole zu verstehen. Der unheimlichen und mysteriösen Gesamtstimmung des Buches tut das aber vermutlich keinen Abbruch.

Doch auch ganz banale und offensichtliche Andeutungen würzen immer wieder die Geschichte. Sei es Walter Sickert, der vor Beginn der Morde in einer Unterhaltung mit Marie Jane Kelly (dem letzten Ripper-Opfer) sagt: „1888 scheint ein teuflisches Jahr zu sein“, oder Bilder, die unkommentiert zunächst eine gewisse Zweideutigkeit in sich bergen, z. B. Walter Sickert, der mit einem Messer hantiert oder Sir William Gull, der mit blutigen Händen eine Ratte seziert. Es gibt viel in den Abbildungen und zwischen den Zeilen zu lesen.

Auch viele der Abbildungen sind harter Tobak. Gnadenlos wird das Leben der damaligen Zeit in all seiner Härte dokumentiert. Nichts wird beschönigt, nichts wird aufgebauscht, nichts wirkt verzerrt. Diese Härte in der Darstellung zeigt unvermittelt den brutalen und trostlosen Alltag der Frauen im East End und ist damit sicherlich authentisch. Das Buch hat keine wirklich schöne Szene, selbst wenn es um Liebe und Sex geht. Es erschüttert und stimmt nachdenklich, und gerade wenn man sieht, wie Gull im Wahn seine Opfer mit dem Messer traktiert, möchte man oft am liebsten wegschauen. „From Hell“ ist also nicht unbedingt Lektüre für zartbesaitete Gemüter.

Bleibt unterm Strich ein durchweg positiver Eindruck zurück. „From Hell“ ist ein außergewöhnlich mitreißender und spannender Comic. Gesellschaftsstudie, Mörder-Psychogram und visualisierte Geschichte in einem: Unbedingt empfehlenswert.

|Ein Melodrama in sechzehn Teilen
Ausgezeichnet mit dem Max-und-Moritz-Preis
ISBN-13: 978-3-936068-29-0|

Gavalda, Anna – Alles Glück kommt nie

Die Messlatte liegt hoch für Anna Gavalda, nachdem ihr vorangegangener Roman [„Zusammen ist man weniger allein“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=938 so enorm erfolgreich war. Entsprechend hoch sind nun die Erwartungen an den Nachfolger mit dem etwas holprig klingenden Titel „Alles Glück kommt nie“.

Charles Balanda ist 46 Jahre alt, lebt als erfolgreicher Architekt mit seiner Lebensgefährtin Laurence und deren halbwüchsiger Tochter Mathilde in Paris. Charles steht mit beiden Beinen im Leben – zumindest glaubt er das – und jettet um den Globus, um die Baustellen seiner illustren, internationalen Projekte zu betreuen.

Eines Tages erhält er einen Brief, in dem nur drei Worte stehen. Drei Worte, die Charles völlig aus der Bahn werfen: „Anouk ist tot.“ Anouk hat einmal eine wichtige Rolle in Charles‘ Leben gespielt. Sie war nicht nur die Mutter seines besten Freundes Alexis, sondern wurde im Laufe der Jahre zu seiner großen Liebe. Doch zusammen mit der Geschichte um Anouk hat Charles viele ebenso schöne wie schmerzhafte Erinnerungen verborgen. Nach und nach drängt all das zurück an die Oberfläche und sorgt dafür, dass Charles immer mehr ins Straucheln gerät.

Charles versucht herauszufinden, was mit Anouk geschehen ist, und je mehr er sich gedanklich mit Anouk befasst, desto mehr stellt er fest, dass er eigentlich gar nicht das Leben führt, das er gerne hätte. So richtig merkt er das aber erst, als er Kate kennenlernt, die zusammen mit einer Schar von Kindern auf einem abgelegenen Herrensitz in der Provinz lebt. Das Chaos und die Herzlichkeit, die Charles hier erfährt, lassen ihn umdenken und sein Leben auf den Kopf stellen …

Auch in ihrem neuesten Roman konzentriert Anna Gavalda sich auf das, was sie am besten kann: lebendige Figurenskizzierung und eindrückliche Gefühlswelten, die sie so einfach, klar und präzise wiederzugeben vermag, dass man glauben könnte, die Protagonisten stünden neben einem. Viel Plot brauchte Anna Gavalda noch nie.

Da wäre Anouk, die in ihrer Bewältigung des alltäglichen Leben manchmal der Verzweiflung nahe ist, aber als Krankenschwester wahre Wunder bewirkt. Da wäre Charles, der orientierungslos durch sein straff organisiertes Architektenleben hastet und dabei völlig aus den Augen verliert, was Leben eigentlich bedeutet. Da wäre Alexis, ein begnadeter Musiker, der seiner Mutter so viel Kummer bereitet. Da wäre Nounou, ein alter Zauberer, dessen Anouk sich eines Tages angenommen hat und der im Geheimen ein Doppelleben führt. Und da wäre natürlich Kate mit ihrer Kinderhorde, die herrlich chaotisch auf einem alten Herrensitz leben. Wieder einmal lebt Anna Gavaldas Roman von den Figuren und ihren Beziehungen zueinander.

Und dennoch haftet Gavaldas neuestem Werk auch ein nicht zu ignorierender Makel an. Nie zuvor hatte ich bei einem Text von ihr solche Schwierigkeiten, in die Geschichte einzutauchen. Lange dauert es, bis die Geschichte überhaupt auf Touren kommt, und das gesamte erste Romandrittel stellt den Leser auf die Probe. Ein bisschen schleicht sich das Gefühl ein, Anna Gavalda wollte es diesmal auf irgendeine Art und Weise besonders machen – aber das heißt leider nicht, dass sie es gut macht.

Der Roman gliedert sich in vier Teile, und erst mit Ende des zweiten Teils geht es eigentlich so richtig los. Bis dahin hadert Charles mit der Vergangenheit. Er kommt mit seinem Alltag nicht mehr zurecht, stolpert nach der Nachricht von Anouks Tod durch sein Leben und verzettelt sich ganz in Gedanken und Erinnerungsfetzen – so gesehen gibt Anna Gavalda Charles‘ Lebenssituation höchst authentisch wider. So richtig lesenswert ist dieser Teil des Romans dennoch nicht, denn wie ihre Hauptfigur scheint auch Anna Gavalda sich dabei ein wenig zu verzetteln.

Sie springt von hier nach dort, erhascht überall nur einen Bruchteil eines Eindrucks, einer Schwingung oder Erinnerung, und als Leser kann man dabei nicht immer ganz genau folgen. Man kommt dadurch nicht so leicht wie sonst typischerweise in Anna Gavaldas Romanen auf Augenhöhe mit den Protagonisten, und krass formuliert, hätte man die ersten 250 Seiten sicherlich auch auf gute 50 Seiten zusammenraffen können, ohne dass der Leser etwas verpasst hätte. Gerade das war ja auch immer Anna Gavaldas Stärke: kurz und prägnant, aber nicht minder einfühlsam und plastisch ihre Figuren zu skizzieren. Diesmal gelingt ihr das leider nicht so gut.

Auch stilistisch unterscheidet sich „Alles Glück kommt nie“ von den Vorgängern. Straff und auf den Punkt genau hat Anna Gavalda sonst meistens formuliert – diesmal stückelt sie mit Ein- und Zweiwortsätzen herum oder schleppt einen einzigen Satz auch mal über mehr als zwei Seiten. All das wirkt gekünstelter, als man es von Anna Gavalda gewohnt ist – dabei hat sie diesen gekünstelten Erzählstil nie nötig gehabt.

Und so muss der Leser eben sehr viel Geduld mitbringen, um bis zum Ende des zweiten Teils durchzuhalten, wenn der Plot dann endlich auf Touren kommt, und um ganz ehrlich zu sein, ob ich mit einem anderen Autoren so viel Geduld gehabt hätte wie mit Anna Gavalda (weil sie eben Anna Gavalda ist), weiß ich nicht.

Erst mit Charles‘ Aufbruch in die Provinz nimmt die Geschichte Fahrt auf. Die Figuren nehmen Formen an und so langsam tritt auch wieder der vertraute Gavalda-Effekt beim Lesen ein: Man klebt an den Seiten, und auch wenn eigentlich nichts Weltbewegendes passiert, kann man schlecht die Finger von dem Buch lassen. Anna Gavalda beherrscht ihr Handwerk eben doch noch.

Und so stimmt einen die zweite Buchhälfte doch noch einigermaßen versöhnlich. Die Seiten fliegen dahin und die Figuren wirken so lebensecht, als würden sie neben dem Leser stehen. Lediglich die Figur der Kate hinterlässt in diesem guten Eindruck einen Kratzer. Was Kate an Gutmenschentum heraushängen lässt, ist ein bisschen viel des Guten. Sie opfert ihr Leben einer Horde Kinder, lebt in der letzten Ecke der Provinz in einer Art idyllischem, chaotischem Zirkus, der das reinste Paradies zu sein scheint, und steckt Charles mit ihrem Gutmenschentum auch noch an. Das klingt dann doch alles ein bisschen zu dick aufgetragen für meinen Geschmack – aber wie immer bei Anna Gavalda, liest es sich wunderbar. Als besonderen Leckerbissen gibt es dann noch ein herrliches Wiedersehen mit altbekannten Figuren, die Charles in Paris bei einem Bistrobesuch trifft – eines der absoluten Highlights dieses Romans.

Letzter Fehlgriff, der nicht unerwähnt bleiben soll, ist die Buchgestaltung. Die deutsche Übersetzung, die holprig und verkitscht zugleich klingt, gepaart mit einem Titelbild, das mehr auf die Generation Rosamunde Pilcher abzuzielen scheint – das kann auf den ersten Blick schon abschreckend wirken, und in der Buchhandlung hätte ich diese Buch wohl gar nicht wahrgenommen.

Bleiben am Ende etwas enttäuschte Erwartungen zurück. Anna Gavalda hatte sich mit ihren bisherigen Büchern in die Riege meiner persönlichen Lieblingsautoren geschrieben, „Alles Glück kommt nie“ wird sich aber definitiv nicht in die Liste meiner persönlichen Lieblingsbücher einreihen.

Zu lange braucht das Buch, um in Fahrt zu kommen, zu aufgebläht wirkt das erste Buchdrittel, und so kommen Anna Gavaldas markanteste Fähigkeiten diesmal erst sehr spät zum Tragen. Erst ab der zweiten Hälfte des 608-seitigen Romans schafft Gavalda es, den Leser mit ihrer prägnanten und einfühlsamen Figurenskizzierung um den Finger zu wickeln.

Bleibt zu hoffen, dass dies nur ein Ausrutscher war, denn der sei Anna Gavalda gerne verziehen, wenn sie sich dafür mit ihrem nächsten Roman wieder ihrem gewohnten Qualitätsniveau annähert.

|Originaltitel: La consolante
Aus dem Französischen von Ina Kronenberger
604 Seiten, gebunden
ISBN-13: 978-3-446-23057-6|
http://www.hanser.de

Dunthorne, Joe – Ich, Oliver Tate

_Die Mannwerdung hat schon so ihre Tücken …_

… Das ist auch die leidvolle Erfahrung des fünfzehnjährigen Oliver Tate. Oliver lebt mit seinen Eltern in Swansea und weiß alles – zumindest glaubt er das. Und weil er ja schon so gut Bescheid weiß, wird es Zeit, den Worten Taten folgen zu lassen. Das Motto lautet: Weg mit der Jungfräulichkeit! Dabei helfen soll ihm seine Freundin Jordana, die nicht abgeneigt ist, obwohl Oliver küsst, als wolle er Zahnfüllungen spachteln.

Oliver Tate macht es seinen Mitmenschen auch sonst nicht immer leicht. Er sammelt Fremdwörter, ist klug und selbstgerecht, quält dicke Mädchen und hasst Jordanas Hund. Darüber hinaus überwacht er penibel das Sexleben seiner Eltern. Als Oliver feststellt, dass der Dimmerschalter im Elternschlafzimmer schon seit zwei Monaten morgens nicht mehr auf dunkelster Stufe eingestellt ist (laut Oliver ein eindeutiges Zeichen vollzogenen Beischlafs), diagnostiziert er das Ende der Ehe seiner Eltern.

Das kann und will Oliver nicht hinnehmen, und so macht er sich auf, das Eheleben der Eltern in Schwung zu bringen. Dazu ist ihm jedes Mittel recht, und schon bald schießt er mit seiner Mission ein wenig über das Ziel hinaus …

Erster Kuss, erste Liebe, erster Liebeskummer – das mag literarisch schon ziemlich abgegrastes Terrain sein, dennoch hat Joe Dunthorne mit „Ich, Oliver Tate“ einen durchweg unterhaltsamen Debütroman abgeliefert. Dabei braucht der Roman eine gewisse Einlesezeit. Immer wieder streut Dunthorne in Olivers Erzählung Zitate ein: Kühlschrank-Botschaften, Tagebucheinträge, Lexikondefinitionen. Dadurch wirkt der Erzählfluss anfangs etwas unruhig, hat man sich aber erst einmal auf die Art des Romans eingelassen, macht die Lektüre dann richtig Spaß.

Was Joe Dunthornes gelungenes Debüt besonders ausmacht, ist sein gewitzter Ton. Treffend ironisch beschreibt er Olivers pubertäres Gehabe, lässt ihn nichtsdestotrotz aber immer wieder als den klugen Menschen durchschimmern, der er tatsächlich zu sein scheint. Ihm gelingt die Balance, die Figur des Oliver von allen Seiten zu beleuchten, mit all ihren Macken, ihrer Selbstgerechtigkeit und der Verletzlichkeit, die sich hinter einer Fassade aus Fremdwörtern verbirgt.

Oliver durchlebt ein Wechselbad der Gefühle, erlebt den ersten Sex, muss aber gleichzeitig bangen, dass die Ehe seiner Eltern auseinanderbricht. Dieses drohende Unheil bestimmt sein Denken dermaßen, dass er seiner Freundin Jordana, die eigentlich viel Schlimmeres durchmacht, nicht wirklich eine Stütze ist. Und so folgt auf den unausweichlichen Bruch mit Jordana schließlich auch der unausweichliche erste Liebeskummer – mit Weltuntergang und allem, was dazugehört.

Olivers Leben stellt sich innerhalb weniger Wochen komplett auf den Kopf, und so durchlebt er so manche hoffnungslos absurde Situation. Das verleiht dem Buch eine weitere wunderbar komische Note. Die Methoden, die Oliver anwendet, um die Ehe seiner Eltern zu retten, sind schon herrlich skurril und gipfeln in einem verzwickt schrägen Finale.

Es ist zwar nicht so, dass man bei der Lektüre pausenlos von Lachkrämpfen geschüttelt wird, dennoch gibt es viele Szenen zum Schmunzeln und das ganze Buch ist ein feiner Unterhaltungsspaß. Dunthorne weiß seinen Sprachwitz wunderbar einzusetzen, und so ist „Ich, Oliver Tate“ weniger ein Roman der Schenkelklopfer als vielmehr feinsinnige und schräge Lektüre, die mit jeder Seite Spaß macht.

Bleibt unterm Strich ein positiver Eindruck zurück. Joe Dunthorne hat mit „Ich, Oliver Tate“ einen bemerkenswerten Debütroman abgeliefert. Humorvoll, feinsinnig und anrührend zugleich beschreibt er die Tücken der Pubertät auf wunderbar lesenswerte Art. Bleibt zu hoffen, dass der Waliser uns nicht zu lange auf sein nächstes Werk warten lässt.

|Originaltitel: Submarine
Aus dem Englischen von Mayela Gerhardt
379 Seiten, gebunden
ISBN-13: 978-3-498-01326-4|
http://www.rowohlt.de

Vargas, Fred / Baudoin, Edmond – Zeichen des Widders, Das

_Sieht man sich die Rezensionen_ bei |Amazon| zu Fred Vargas‘ neuestem Werk „Das Zeichen des Widders“ an, so wird schnell deutlich, dass die Grande Dame des französischen Kriminalromans zu polarisieren weiß. Entsetzt musste da so mancher Leser feststellen, dass der vermeintliche Roman „nur“ ein Comic ist, und sich darauf einzulassen, scheint so manchen eingeschworenen Romanleser leider zu überfordern.

Umso schöner ist es zu sehen, dass eine Autorin, die seit 1994 mit immerhin neun Romanen national wie auch international so manchen Literaturpreis einheimsen konnte, so mutig und offen neue Wege beschreitet. Wer ihr vorhält, dass ihr neuestes Werk ja „nur“ ein Comic sei, der verkennt die enormen Möglichkeiten dieses Genres.

Was Fred Vargas in Zusammenarbeit mit dem Zeichner-Urgestein Edmond Baudoin auf die Beine gestellt hat, ist mehr als ein schnöder Comic. Vielmehr hält der Leser eine düstere, atmosphärisch dichte und spannende Graphic Novel in den Händen, die viel zu sehr Roman ist, um ein Comic zu sein, und viel zu sehr Comic, um ein Roman zu sein.

_“Das Zeichen des Widders“_ erzählt die Geschichte des jungen Grégoire. Zusammen mit seinem Kumpel Vincent versucht er sich als Kleinkrimineller auf den Straße von Paris. Ihr Leben nimmt eine Wende, als sie einem alten Mann eine Tasche stehlen, deren Inhalt sie in Angst und Schrecken versetzt: vier Haarbüschel, ein Tierschädel, eine Polizeimarke, eine Filmdose voller Zahnsplitter und 30.000 Francs.

Als Grégoire am nächsten Morgen Vincent tot in dessen Wohnung auffindet, nimmt er Tasche und Geld an sich. Der Beklaute heftet sich derweil an Grégoires Fersen, um seine Tasche bei günstiger Gelegenheit möglichst unauffällig zurückzuergattern. Unterdessen versucht Grégoire auf eigene Faust, etwas über den Besitzer der ominösen Tasche herauszufinden, ohne zu ahnen, wie gefährlich das für ihn werden kann.

Kommissar Adamsberg hingegen hat so eine Ahnung, wer hinter dem Mord an Vincent stecken könnte, und wähnt nun auch Grégoire in Gefahr. Doch der sucht lieber das Weite anstatt sich Adamsberg anzuvertrauen …

_Im Prinzip_ gibt es zwei unterschiedliche Ansätze, Vargas‘ neuestes Werk zu betrachten: als Vargas-„Roman“ oder als das, was es ist, nämlich eine Graphic Novel. Freunde der Vargas’schen Kriminalromane werden hier sicherlich eine ganze Menge Vertrautes vermissen. Zum einen bekommen Adamsberg und sein Team nun plötzlich ein Gesicht (zum Teils wie zum Beispiel im Fall von Danglard recht derb und unschön gezeichnet) und zum anderen muss Vargas‘ textlicher Beitrag zu diesem Werk schon aufgrund der anderen Darstellungsweise anders ausfallen als sonst. Insofern kann es eigentlich nur sinnvoll sein, das Ganze ein wenig von Vargas‘ bisherigem Wirken zu lösen und als eigenständiges Werk zu betrachten.

Und dann sieht das Urteil gar nicht so schlecht aus. „Das Zeichen des Widders“ funktioniert als Graphic Novel wunderbar, und Fred Vargas macht ihre Sache als Autorin in fremden Gefilden sehr gut. Von der Umsetzung her kann das Team Vargas/Baudoin es durchaus mit anderen Genregrößen aufnehmen. Baudoins Zeichnungen steuern dazu natürlich einen ganz großen Teil bei. Mit groben Strichen skizziert er die Geschichte und legt dabei eine etwas raue Darstellungsweise an den Tag. Vieles wird mit scheinbar wirren Strichen angedeutet, und die schwarz-weiße Darstellung trägt das Ihrige zur eher düsteren Atmosphäre der Geschichte bei.

Gesichter bleiben oft schemenhaft, viele Details werden verwischt, und dennoch entwickelt die Geschichte, wenn man sich erst einmal darauf eingelassen hat, eine beachtliche Tiefe. Mit Grégoire hat Vargas eine sympathische Hauptfigur geschaffen, deren Leben sie hier und da mit liebenswürdigen und skurrilen Details versieht. Natürlich funktioniert die Figurenskizzierung nicht ganz so tiefgreifend wie in ihren Romanen, aber betrachtet man das Ganze im Rahmen der Möglichkeiten der Graphic Novel, so gelingt die Darstellung der Charaktere durchaus gut.

Etwas comic-untypisch ist teilweise die Art der Dialoge. Auf vielen Seiten werden einzelne Szenen nur anhand eines Bildes angedeutet. Man sieht, in welcher Situation die Figuren miteinander sprechen, aber der folgende Dialog spielt sich dann zum Teils auch nur in Worten und weniger in Bildern ab. „Das Zeichen des Widders“ kann sich damit als eigenständiges Werk behaupten, das mit den Möglichkeiten des Genres spielt. Man sieht hier wirklich auf ganz eigenwillige Weise eine Verknüpfung zweier Welten – der des Romans und der des Comics.

Und so sind Geschichte und Darstellung über weite Strecken auch durchaus überzeugend. Was auch in der Graphic Novel typisch für Vargas bleibt, ist die teilweise vorherrschende Unergründlichkeit von Adamsbergs Gedankengängen. Er folgt wie üblich seiner Intuition, und als Leser schaut man ihm dabei mitunter etwas verwundert zu.

_Dennoch ist „Das Zeichen des Widders“_ ein insgesamt durchaus zufriedenstellendes Lesevergnügen. Die Leserschaft wird es sicherlich weiter spalten – die Graphic Novel ist halt ein Format, dessen Vorzüge viele nicht zu schätzen wissen, weil sie sich nie wirklich ernsthaft darauf eingelassen haben. Wer genau das aber einmal macht, der wird mit einer düsteren und spannenden Geschichte belohnt, die zwar einerseits durch ihre Umsetzung als Graphic Novel sehr viel bildhafter ist, als man das von Fred Vargas sonst gewohnt ist, aber aufgrund der teils sehr schemenhaften Darstellung auch noch vieles der Fantasie des Lesers überlässt.

Fred Vargas‘ Ausflug in neue Gefilde ist nicht zuletzt auch durch die ausdrucksstarken Zeichnungen von Edmond Baudoin durchaus geglückt. Dennoch werden sicherlich viele ihrer angestammten Leser inständig hoffen, dass es ihr letztes Experiment dieser Art war …

|Originaltitel: Les quatre fleuves
Mit Zeichnungen von Baudoin
222 Seiten, gebunden
ISBN-13: 978-3-351-03250-0|
http://www.aufbau-verlag.de

_Mehr von Fred Vargas auf |Buchwurm.info|:_

[„Die schöne Diva von Saint-Jacques“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2880
[„Die dritte Jungfrau“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3517
[„Die schwarzen Wasser der Seine“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4430

Delaney, Joseph – Spook 4 – Der Kampf des Geisterjägers

_Mittlerweile_ liegt zur „Spook“-Reihe von Joseph Delaney schon der vierte Band vor. Mit den ersten drei Teilen hat Delaney die Geschichte um den jungen Geisterjäger-Azubi Tom Ward kontinuierlich in Punkto Spannung steigern können. Stellt sich also die Frage, ob ihm das auch mit dem vorliegenden vierten Band „Der Kampf des Geisterjägers“ so gut gelingt …

_Tom Ward_ ist nun schon seit geraumer Zeit der Lehrling des alternden Geisterjägers Mr. Gregory. Zusammen mit der jungen Hexe Alice, mit der Tom Freundschaft geschlossen hat, lebt er bei dem alten Meister in Chipenden und bereist von dort das Land, wann immer die Dienste des Spooks gebraucht werden.

Mittlerweile hat Tom schon so manchen finsteren Mächten gegenübertreten müssen, doch nun stellt sich ihm und seinem Meister ein neues Problem: die Hexen von Pendle. Viel zu lange hat der alte Spook die Probleme in Pendle ignoriert, doch als er Besuch von Pater Stocks erhält, einem alten Freund und Vertrauten aus der Umgebung des Pendle Hill, wird ihm klar, dass er dem Treiben der dunklen Mächten dort schon viel zu lange tatenlos zugesehen hat.

Während der Spook beschließt, möglichst bald nach Pendle aufzubrechen, ist Tom zusammen mit Alice unterwegs zum Bauernhof von Toms Bruder Jack. Dort stehen noch immer die drei Truhen, die seine Mutter ihm anvertraut hat. Doch als die beiden am Hof ankommen, sind sie entsetzt: Die Truhen sind gestohlen und Toms Bruder mit Frau und Tochter entführt worden. Die Spur führt in Richtung Pendle und so hat der alte Spook nach der Rückkehr von Tom nach Chipenden gleich zwei gute Gründe, das Hexenproblem in Pendle nicht länger aufzuschieben. Sie machen sich unverzüglich auf den Weg.

Kaum sind sie dort angekommen und haben bei Pater Stocks Quartier bezogen, überschlagen sich auch schon die Ereignisse. Alice wird entführt und schon wenig später steckt auch Tom in ernsthaften Schwierigkeiten, als man ihn eines Schwerverbrechens bezichtigt. Währenddessen treffen die drei ursprünglich verfeindeten Hexenclans von Pendle letzte Vorbereitungen, sich zu vereinigen, um in einem gemeinsamen Ritual am Hexensabbat den Teufel heraufzubeschwören. Ob Tom und sein Meister das verhindern können?

_Der vierte Band_ der „Spook“-Reihe macht schon auf den ersten Blick einen etwas anderen Eindruck als die Vorgängerbände. Ungewöhnlich dick ist das Buch, und entsprechend komplex legt Delaney diesmal auch die Geschichte an. In keinem bisherigen „Spook“-Band sind so viele Figuren aufgetaucht und wurden so viel Erzählstränge angelegt wie in diesem Band. Immer wieder verzweigt sich die Handlung, die Wege der Protagonisten trennen sich, um sich zu einem späteren Zeitpunkt wieder zu kreuzen.

Für Spannung ist dabei auch diesmal wieder reichlich gesorgt. Die Entführung von Toms Familie, die Geschehnisse in Pendle, in deren Folge Tom verhaftet wird, die Rolle der rätselhaften Truhen unbekannten Inhalts – all das sorgt für eine zügige Spannungssteigerung. Delaney versteht sich darauf, den Leser durch eine spannende Erzählweise bei der Stange zu halten. Das gelingt ihm in diesem Band ähnlich gut wie in den vorangegangenen.

Trotzdem hat man ein wenig das Gefühl, dass Delaney diesmal zu viel wollte. Er baut so viele Figuren auf und lässt so viel gleichzeitig passieren, dass ihm dabei die Figurenentwicklung immer mal wieder ein wenig entgleitet. Der alte Spook kommt in diesem Band definitiv zu kurz. Immer wieder verschwindet er von der Bildfläche und taucht dann nur kurz auf, wie zu einer Stippvisite. Dafür, dass Tom ja eigentlich immer noch der Lehrling ist, muss er erstaunlich viel im Alleingang bewältigen.

Wird mit Beginn der Handlung in Pendle noch Mistress Wurmalde, die Haushälterin des Magistrats, als die große Böse aufgebaut, die Erz-Feindin von Toms Mutter aus alten Zeiten, die noch eine offene Rechnung begleichen will und deshalb die Hexenclans von Pendle um sich schart, so geht sie am Ende ziemlich jämmerlich unter. Für die große Übeltäterin des Romans ist das ein wenig zu unspektakulär. Und so fehlt dem Roman immer wieder die Balance. Fast bekommt man das Gefühl, Delaney würde sich mit all den vielen auftauchenden Figuren ein wenig verzetteln.

Zum Ende hin baut Delaney dann noch ein großes Finale auf, pünktlich zum Hexensabbat. Es kommt zur großen Schlacht am Pendel Hill, die gleichzeitig einen entscheidenden Wendepunkt für die gesamte „Spook“-Reihe markiert. Einige Eckpfeiler der Geschichte werden manifestiert, die auch für den weiteren Verlauf der Handlung nicht unbedeutend sein dürften. Toms Rolle in der Geschichte bekommt eine neue Bedeutung, die der wachsame Leser aber schon vorausahnen kann.

Und so wird auf diesen „Spook“-Band sicherlich ein weiterer folgen und Delaney die Reihe munter weiter aufbauen. Wie er allerdings weiterhin die Spannung mit jedem Band hochhalten und Tom mit einem stets neuen und stärkeren Bösewicht konfrontieren will, ist mir im Augenblick noch schleierhaft. Ewig wird sich die Spannungsschraube nicht weiterdrehen lassen. und irgendwann kommt sicherlich der Punkt, an dem auch aus der bis dato so unterhaltsamen „Spook“-Reihe die Luft raus ist. Hoffen wir aber, dass das noch einige Bände dauern wird …

_Bleibt unterm Strich_ zwar ein positiver, aber auch leicht angeschlagener Eindruck zurück. Stellten die ersten drei Bände jeweils eine Steigerung in Spannung, Größe von Toms Gegner und Unterhaltungswert dar, so zeigen sich mit dem vorliegenden vierten Band erstmals einige Schwächen. Plot- und Figurenentwicklung wirken nicht immer gut ausbalanciert und man hat ein wenig das Gefühl, dass Delaney diesmal etwas zu viel des Guten wollte. „Spook“ ist zwar immer noch ein unterhaltsames Lesevergnügen, aber dennoch offenbart der vierte Teil der Reihe Schwächen, die die Vorgängerbände nicht hatten. Bleibt zu hoffen, dass dies nur eine kurze Phase ist, die Delaney mit dem nächsten Band wieder überwinden kann.

|Originaltitel: The Wardstone Chronicles – The Spook’s Battle, 2007
Aus dem Englischen von Tanja Ohlsen
Illustriert von Patrick Arrasmith
416 Seiten, gebunden in Lederoptik mit Gold- und Reliefprägung
Empfohlen ab 10 Jahren
ISBN-13: 978-3-570-13399-6|
http://www.cbj-verlag.de

_Die „Spook“-Serie in chronologischer Reihenfolge:_

[„Spook: Der Schüler des Geisterjägers“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2303
[„Spook: Der Fluch des Geisterjägers“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3535
[„Spook: Das Geheimnis des Geisterjägers“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4184
[„Spook: Der Kampf des Geisterjägers“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5314

Hill, Susan – Der Seele schwarzer Grund

Nach mittlerweile zwei Romanen hat Susan Hill rund um den Ermittler Simon Serrailler eine durchaus lesenwerte Krimireihe aufgebaut, die sich vor allem durch ihre ausgefeilte Figurenskizzierung aus der Masse des Genres heraushebt. Mit „Der Seele schwarzer Grund“ legt die Britin nun den dritten Serrailler-Krimi vor, der mehr oder minder nahtlos an die Handlung des Vorgängerbandes „Des Abends eisige Stille“ anschließt.

Der ungelöste Fall um das Verschwinden des achtjährigen David Angus belastet Simon Serrailer noch immer. Der Fall tritt auf der Stelle und Serrailler und sein Team kommen dem Täter kaum einen Schritt näher. Doch eines Tages bittet die Polizei von Yorkshire Simon um seine Hilfe. Die Kollegen vermuten einen Zusammenhang zwischen dem Verschwinden eines siebenjährigen Jungen und dem Fall David Angus.

Und endlich gibt es sogar tatsächlich eine greifbare Spur. Das Auto des Verdächtigen wurde gesehen. Simon nimmt zusammen mit den Kollegen aus dem Norden die Verfolgung auf. Es kommt zu einer dramatischen Verhaftung, bei der die Identität des Täters alle Beteiligten überrascht.

In Lafferton treibt derweil ein anderer Täter sein Unwesen. Reverend Jane Fitzroy, noch neu in der Gemeinde von Lafferton, gerät als Erste in seine Fänge …

Susan Hill schreibt keine Krimis von der Stange. Im Fokus steht bei ihr oft weniger das Verbrechen an sich, bzw. dessen Auflösung, sondern die Menschen, die davon betroffen sind. Sie lässt viele Figuren agieren, wechselt häufig die Perspektive und lässt viele Aspekte in die Handlung einfließen, die andere Autoren wohl als schmückendes Beiwerk empfinden und weitestgehend ignorieren würden.

Hill schreibt gegen die Gewohnheiten des Genres und fordert damit auch den Leser ganz anders als der Großteil anderer Krimiautoren. Schon in ihrem ersten Roman passierte der erste Mord erst nach weit über 100 Seiten, und so ist auch „Der Seele schwarzer Grund“ wieder einmal ein Krimi gegen die Lesegewohnheiten. Das eigentliche Verbrechen ist schon im vorherigen Roman passiert und der Täter ist schon nach etwa 90 Seiten dingfest gemacht.

Was folgt, ist mehr eine Auseinandersetzung mit den Folgen des Verbrechens, die nicht nur für die Ermittler mehr Fragen aufwirft, als sie beantwortet. Der Täter bleibt verschlossen, die Taten rätselhaft. Selten genug kommt es vor, dass auch die Aufarbeitung der Tat durch die Angehörigen des Täters ein Thema ist – Susan Hill nimmt sich dafür reichlich Zeit und lässt dessen Mutter daran fast zerbrechen.

Wie auch in den vorangegangen Romanen kehrt Susan Hill stets die menschliche Sicht der Dinge heraus. Und so hat sie in ihrem mittlerweile dritten Roman der Reihe schon erstaunlich plastische Figuren herausgearbeitet. Simon Serraillers Familie, insbesondere seine Schwester Cat, die mit Mann und Kindern in einem alten Bauernhaus lebt und neben Haushalt und Familie auch noch den Praxisalltag als Ärztin zu bewältigen hat, ist häufig ein Thema.

Bei Susan Hill ist alles miteinander vernetzt. Lafferton ist ein recht kleiner Ort, so dass Berührungspunkte zwischen den Protagonisten sich fast von selbst ergeben. Als neue Figur taucht in diesem Roman Reverend Jane Fitzroy auf, die auch mit im Zentrum des neuen Falls steht, der die Polizei von Lafferton auf Trab hält. So entstehen – der ursprüngliche Fall ist schließlich schon gelöst – dennoch immer wieder Spannungsmomente in einem ansonsten eher gemächlichen Plot. Hill setzt auf eine feine, psychologische Spannung. Actionreiche Situationen findet man bei ihr genauso selten wie blutrünstige Mordschilderungen.

Die Spannung ergibt sich aus dem Plot heraus, aus der Entwicklung der Figuren und ihren Verflechtungen und nicht aus der Menge an Blut, die vergossen wird. Hill ist sehr subtil und zeigt damit sehr schön, wie auch mit wenig Blutvergießen ein spannender Krimiplot entstehen kann, zu dem der Leser dank der ausgefeilten Figurenskizzierung eine tiefe Beziehung aufbaut.

Dennoch hat gerade dieser dritte Roman der Reihe auch so seine Schönheitsfehler. Simon Serrailler ist eine durchaus reizvolle Hauptfigur, bewegt sich in seiner persönlichen Entwicklung aber zunehmend in eine Sackgasse. Das schreit für den nächsten Band nach einem Befreiungsschlag, doch gestaltet Hill das Ende des Romans leider etwas zu flach und uninspiriert, als dass man gleich zum nächsten Band (den es sicherlich geben wird) greifen möchte. Die Geschichte wird nicht so richtig aufgelöst. Die losen Enden bleiben in der Luft hängen und vor allem mit Blick auf den zentralen Fall weiß der Leser am Ende eigentlich kaum mehr als schon zu Anfang des Romans.

Für meinen Geschmack ist es etwas zu schwammig, ein Buch, das eigentlich ein Nachklang des vorangegangen Buches (welches ja auch schon ein recht offenes Ende hatte) ist, in einem derartigen Schwebezustand zu beenden. So richtig zufrieden ist man auf diese Weise am Ende nicht, denn es ist eben einfach keine ganz runde Sache.

Dabei versteht Susan Hill ihr Handwerk eigentlich sehr gut. Sie weiß den Leser auch mit wenig greifbarer Handlung zu unterhalten, sie skizziert interessante Figuren und erzählt in einem lockeren Ton, der das Buch zu leichter und flotter Lektüre macht. Nur fällt eben diesmal der Schlussakkord am Ende etwas dissonant aus.

Bleiben unterm Strich gemischte Gefühle zurück. Susan Hill versteht sich darauf, eine feinsinnige psychologische Spannung zu erzeugen, und beweist auch mit ihrer gelungenen Figurenskizzierung, wie gut sie sich auf die leisen Töne des belletristischen Krimis versteht. Dennoch ist dieser Band der Serrailler-Reihe eine etwas unrunde Sache, die den Leser am Ende nicht ganz zufrieden zurücklässt. Zu vieles bleibt gerade auch mit Blick auf den zentralen Fall in der Schwebe. Dennoch kann man die Reihe an sich durchaus noch jedem ans Herz legen, für den Krimispannung sich nicht einfach nur in der Menge des vergossenen Blutes niederschlägt.

_Susan Hills Serrailler-Krimis in chronologischer Reihenfolge:_

[„Der Menschen dunkles Sehnen“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1698
[„Des Abends eisige Stille“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3889
„Der Seele schwarzer Grund“

|Originaltitel: The Risk of Darkness
Aus dem Englischen von Susanne Aeckerle
489 Seiten, gebunden
ISBN-13: 978-3-426-66148-2|
http://www.knaur.de

Sebastian Fitzek – Der Seelenbrecher

Das Szenario ist klassisch: ein Ort, abgeschnitten von der Außenwelt, an dem Menschen der Willkür eines unheimlichen Mörders ausgeliefert sind. Hier müssen sie irgendwie mit der Gefahr fertig werden, zumindest bis von Außen Verstärkung eintrifft.

Genau dieser klassischen Rezeptur bedient sich auch Sebastian Fitzek in seinem aktuellen Roman „Der Seelenbrecher“. Der von der Außenwelt abgeschnittene Ort ist in diesem Fall eine psychiatrische Luxusklinik, und der unheimliche Mörder ist der titelstiftende Seelenbrecher.

Der Seelenbrecher ist ein perfider Psychopath. Drei junge Frauen sind ihm bereits zum Opfer gefallen. Sie alle verschwanden für eine Woche und kehrten psychisch völlig gebrochen wieder zurück. Alle drei Frauen wirkten nach ihrem Wiederauftauchen, als wären sie in ihrem eigenen Körper begraben. Niemand dringt mehr zu ihnen durch, sie nehmen nichts mehr wahr. Eine starb gar an den Folgen.

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Stein, Garth – Enzo. Die Kunst, ein Mensch zu sein

Es mag auf den ersten Blick albern anmuten, dass Garth Stein in seinem Roman „Enzo. Die Kunst, ein Mensch zu sein“ einen Hund als Ich-Erzähler auftreten lässt. Doch das kann eigentlich nur derjenige behaupten, der sich nicht näher mit dem Buch befasst hat. Denn wer genauer hinschaut, der muss schnell einsehen, dass der vierbeinige Ich-Erzähler ein äußerst raffinierter Zug des Autors ist – und das nicht nur, weil Enzo genau der treue und liebe Weggefährte ist, den sich jeder Hundefreund wünscht …

Enzo lebt mit Herrchen Denny in Seattle und ist mit seinem Leben eigentlich sehr zufrieden. Nach dem, was er im Fernsehen gesehen hat, ist er sich sicher, dass er in seinem nächsten Leben ein Mensch sein wird, und so beobachtet Enzo die Welt um sich herum ganz genau – schließlich hat er noch eine Menge zu lernen.

Herrchen Denny ist ihm da ein guter Lehrmeister. Er ist Rennfahrer und auf bestem Wege, ein Profi zu werden, und vom Rennsport kann auch Enzo eine Menge über das Leben lernen. Ihrer beider Leben verändert sich mit dem Auftauchen von Eve. Enzo weiß, dass Eve für Denny zu wichtig ist, als dass er eifersüchtig auf sie sein sollte, und so lernt er, Eve zu akzeptieren. Eve und Denny heiraten und das Glück ist perfekt, als die kleine Zoë geboren wird.

Doch schon bald legt sich ein dunkler Schatten auf das Familienglück und ihnen allen stehen harte Zeiten bevor. Enzo würde gerne seinen Beitrag leisten, aber da ihm nur die einfachsten Gesten bleiben, kann er sich nicht verständlich machen. Und so muss er zuschauen, wie das Familienglück dahinbröckelt …

Ein Hund als Ich-Erzähler ist für sich genommen schon mal ungewöhnlich, denn eine solche Entscheidung ist immer auch eine Gratwanderung. Schnell kann eine Geschichte auf diese Weise ins Lächerliche abgleiten, weil die Art und Weise der Hauptfigur einfach albern wirkt. Nicht so bei „Enzo“. Garth Stein gelingt das Kunststück, uns einen Hund als Protagonisten vorzusetzen, der zu keinem Zeitpunkt albern wirkt. Enzo ist ein ernstzunehmender Protagonist und ein wahrer Philosoph auf vier Pfoten.

Stein nutzt Enzos Perspektiven, um menschliche Verhaltensweisen aus einem verschobenen Blickwinkel zu betrachten. Enzo beobachtet, kommentiert und lernt. Und als philosophische Spiegelfläche muss immer wieder der Rennsport herhalten, der nicht nur Denny begeistert, sondern seinen Hund gleichermaßen. Immer wieder zieht Stein Vergleiche anhand exemplarischer Beispiele aus dem Rennsport, und so muss auch Enzo mit der Zeit begreifen, dass ein Rennen nie in der ersten Kurven gewonnen wird, dort aber durchaus verloren werden kann.

So entsteht eine Geschichte, die einen wunderbaren Tiefgang beweist. Enzo als Ich-Erzähler läuft damit zu keinem Zeitpunkt Gefahr, lächerlich zu wirken, vielmehr ist er der staunende Außenstehende, welcher der Geschichte durch seine Versuche, die Menschen zu verstehen, eine wunderbare Wärme und Tiefe verleiht.

Was Denny an Schicksal ertragen muss, ist allerhand und schon fast ein bisschen viel des Guten. Doch Denny ist ein Kämpfer und Enzo steht ihm dabei zur Seite – auf seine ganz eigene Art. „Enzo. Die Kunst ein Mensch zu sein“ ist eine Geschichte voller Tragik. Enzos Perspektive sorgt dabei aber auch immer wieder für humorvolle Momente, denn nicht selten ist es gerade das Verhalten des Hundes, das zum Schmunzeln anregt.

Und so entwickelt sich „Enzo. Die Kunst, ein Mensch zu sein“ zu einem Wechselbad der Gefühle und zu einer Geschichte, die weit mehr Tiefgang entwickelt, als man ihr anfänglich zutrauen möchte. Durch Enzos Beobachtungen lernt auch der Leser/Hörer eine Menge über die Menschen – über Freundschaft, Liebe und Verantwortung und darüber, wie man auch im Leben nicht gleich in der ersten Kurve aus dem Rennen fliegt.

Das Konzept von „Enzo. Die Kunst, ein Mensch zu sein“ wirkt so einfach und funktioniert dabei so wunderbar. Man kommt nicht umhin, am Ende zugeben zu müssen, dass „Enzo“ ganz tief zu rühren vermag, und so muss man sich im Finale dann auch mal die eine oder andere Träne wegdrücken.

Seinen Beitrag zum Gelingen des Hörbuchs aus dem |Argon|-Verlag steuert auch Helmut Krauss bei, seines Zeichen Synchronsprecher von Marlon Brando, John Goodman und Samuel L. Jackson. Seine raue, tiefe Stimme passt wunderbar zu Enzo und verleiht der Geschichte zusätzliche Wärme und Tiefe.

Insgesamt bleibt damit ein sehr positiver Eindruck zurück. Eine wunderbar warmherzige Geschichte, die so einfach und doch voller Intensität erzählt wird. Ein sympathischer Titelheld, den nicht nur Hundeliebhaber schnell ins Herz schließen dürften, und ein Plot, der unter die Haut geht. Enzo, den Philosophen auf vier Pfoten, muss man einfach mögen. Und so kommt unterm Strich eine uneingeschränkte Empfehlung dabei heraus, insbesondere auch für das von Helmut Krauss so wunderbar gelesene Hörbuch.

|Originaltitel: The Art of Racing in the Rain
Aus dem Amerikanischen von Werner Löcher-Lawrence
314 Minuten auf 4 CDs
ISBN-13: 978-3-86610-557-7
gebundene Ausgabe bei Droemer, 2008|
http://www.argon-verlag.de

Savage, Sam – Firmin – Ein Rattenleben

Ratten sind eigentlich nicht sonderlich beliebte und gern gesehene Geschöpfe, sieht man mal von den beiden rein fiktiven Artgenossen Rizzo (die „Muppets“-Ratte) und Rémy (die kochende Ratte aus „Ratatouille“) ab. Dieser Liste sympathischer Ratten kann man nun eine weitere hinzufügen: Firmin.

Firmin wächst im Keller einer Buchhandlung am Bostoner Scollay Square auf, als jüngstes von dreizehn Geschwistern. Als Kleinster und Schwächster des Wurfs hat Firmin keine leichte Kindheit. Im Kampf um eine freie Zitze bleibt er meist auf der Strecke, und während seine Geschwister groß und stark und (dank des stetigen Alkoholpegels von Mama Ratte) beschwipst werden, bleibt Firmin dürr und schwach. Seine Nahrung werden fortan die Bücher.

Firmin knabbert sich von Buch zu Buch, bis er eines Tage feststellt, dass auf den Seiten der Bücher Worte gedruckt stehen, die er nicht nur versteht, sondern die ihn auch sein Elend vergessen lassen. Und so frisst er sich fortan nur noch im übertragenen Sinne durch die Bücher. Er verschlingt Sachbücher und Belletristik gleichermaßen und ist fasziniert von der Welt der Menschen.

Er beobachtet das bunte Treiben in der Buchhandlung und ist überzeugt, dass ihn dank der gemeinsamen Liebe zu den Büchern schon bald eine innige Freundschaft mit Buchhändler Norman verbinden wird. Firmin macht sich auf, die Freundschaft der Menschen zu suchen, und bis er das erreicht hat, träumt er sich halt im Keller mithilfe der Bücher in die Welt der Menschen. Doch irgendwie stellt Firmin sich das alles ein wenig zu einfach vor …

Man mag erwarten, dass Firmin eine komische Figur und die Geschichte, wie er die Freundschaft der Menschen sucht, zwangsläufig lustig sein muss. Doch wer einen witzigen Roman über eine komische Ratte mit bibliophilen Neigungen erwartet, der dürfte etwas enttäuscht sein. Firmin hat zwar durchaus komische Züge, aber insgesamt bietet die Geschichte weit weniger Anlass zur Heiterkeit, als man auf den ersten Blick vermuten mag.

Sam Savage hat mit „Firmin – Ein Rattenleben“ vielmehr eine gleichermaßen melancholische wie liebenswürdige Geschichte geschrieben. Firmin ist der große Sympathieträger, der den Plot zusammenhält, und für manch einen mag Firmins Welt enttäuschend klein sehr. Er ist halt nur eine Ratte, und so kennt er nicht viel mehr als die Buchhandlung und das ebenfalls am Scollay Square gelegene Kino „Rialto“, in das er sich gerne zwecks Nahrungssuche und Horizonterweiterung begibt.

Der Plot bleibt damit auch stets sehr überschaubar, aber was den Roman eben so sympathisch macht, ist Sam Savages feinfühlige Art, nicht nur seinen ungewöhnlichen Protagonisten Firmin zu skizzieren, sondern auch die übrigen Figuren. Und so kommt die Geschichte eben größtenteils ohne Spannung im eigentlichen Sinne aus, und es ist mehr die charmante Hauptfigur, die den Leser durch den Roman zieht, als die Geschichte an sich.

Das mag manchem Leser zu wenig sein, aber wer die Muße hat, sich darauf einzulassen, der wird mit einer durchaus unterhaltsamen und warmherzigen Geschichte belohnt. Erst ungefähr ab der Hälfte ändert sich Weltbewegendes in Firmins Leben, und damit wird auch die Geschichte interessanter, musste sie doch vorher lediglich mit Andeutungen Firmins bezüglich zukünftiger Ereignisse auskommen.

Dass dennoch keine Langeweile aufkommt, ist sicherlich auch Sam Savages ebenso einfacher wie bildhafter Sprache zu verdanken. So kann sich der Roman trotz seines eher belanglos anmutenden Plots in wahres Kopfkino verwandeln und wird zu einem schönen Leseerlebnis.

Anhand von Firmin dokumentiert Sam Savage ein Kapitel der Stadtgeschichte Bostons, als der Scollay Square mit all seinen schummrigen Bars, kleinen Läden und schmierigen Kinos in den 60er Jahren der Moderne weichen musste. Firmin lebt genau zu dieser Zeit dort und sieht den Niedergang des Stadtteils von seinem Beobachtungsposten in der Buchhandlung.

Besonders ansprechend ist übrigens die Optik des Buches gelungen. „Schlampiger“ Buchschnitt, „schmuddeliger“ Schutzumschlag – man könnte fast glauben, der Roman hätte lange Jahre im Keller der Buchhandlung Staub angesetzt, bis eine dürre, bibliophile Ratte das Buch aus dem Regal gezogen hat …

Insgesamt bleibt von „Firmin – Ein Rattenleben“ ein durchaus positiver Eindruck zurück. Ein sehr leiser Roman – lebendig und charmant -, der die traurige Geschichte eines verkannten Außenseiters erzählt. Firmin muss man einfach ins Herz schließen. Wer die Muße hat, sich auf einen feinfühlig skizziert Roman mit sympathischen Figuren und einer wunderbar melancholischen Art einzulassen, der dürfte seine Freude daran haben. Wer aber Bücher vor allem nach Faktoren wie Spannung und Tempo misst, der dürfte sich langweilen und dabei ein herrlich warmherziges Kleinod verpassen.

|Originaltitel: Firmin. Adventures of a Metropolitan Lowlife
Deutsch von Susanne Aeckerle, Marion Balkenhol und Hermann Gieselbusch
213 Seiten, gebunden, Buchschnitt mit Rattenzahnung|
http://www.ullsteinbuchverlage.de/ullsteinhc/

Homes, A. M. – Dieses Buch wird Ihr Leben retten

Der Titel von A. M. Homes‘ Roman – „Dieses Buch wird Ihr Leben retten“ – mag im ersten Moment eher abschreckend wirken und an Bücher wie „Sorge dich nicht, lebe!“ erinnern. Darauf jedoch seine Erwartungshaltung aufzubauen, wäre völlig falsch. Hinter dem vermeintlichen Lebensratgeber verbirgt sich ein wunderbar warmherziger und liebenswerter Roman.

Die Geschichte dreht sich um Richard Novak. Reich geworden durch den Aktienhandel, lebt er zurückgezogen in den Hügeln von L.A. Er ist geschieden und hat zu seiner Familie und vor allem zu seinem Sohn Ben kaum Kontakt. Das Essen bringt die Ernährungsberaterin ins Haus, seine Putzfrau kümmert sich um den Haushalt und ansonsten kriegt er eigentlich nur noch von seiner Fitnesstrainerin Besuch.

Richard Novak tut sich selbst zwar jede Menge Gutes, ernährt sich gesund und hält sich fit, aber alles, was sich auf zwischenmenschlicher Ebene abspielt und soziale Interaktion erfordert, meidet er weitestgehend. Kurzum, er führt ein irgendwie steriles Leben. Das ist ihm selbst nicht wirklich bewusst, zumindest so lange, bis ein vermeintlicher Herzinfarkt ihn dazu zwingt, die Notrufnummer zu wählen.

Mit der eigenen Sterblichkeit konfrontiert, wird Richard plötzlich bewusst, dass es niemanden in seinem Leben gibt, mit dem er über sein Leid reden könnte. Als er dann auch noch sein geliebtes Haus verlassen muss, weil es in einem Erdloch zu versinken droht, beginnt Richard sein Leben umzukrempeln. Er schließt Freundschaften und hilft anderen, doch vor die schwierigste Aufgabe stellt ihn immer noch sein Sohn Ben, an den Richard einfach nicht heranzukommen scheint …

Richard präsentiert sich zu Beginn des Romans nicht gerade als sonderlich sympathischer Protagonist. Er lebt in seiner eigenen Welt. Er arbeitet nicht, sondern kontrolliert nur jeden Tag brav, wie seine Aktien stehen. Er pflegt keine nennenswerten zwischenmenschlichen Kontakte – zumindest nicht mit persönlicher Komponente und verlässt so gut wie nie das Haus. Er lebt wie unter einer Glasglocke und wahrt dabei stets die Distanz nicht nur zu anderen Menschen, sondern auch zu sich selbst. Und so ist Richard eben auch kein Protagonist, in den man sich hineinversetzen kann. Er bleibt auf Distanz und es dauert eine Weile, bis man ihn ins Herz zu schließen beginnt.

Als Richard dann eines Abends wegen heftiger Schmerzen den Notruf wählt und ins Krankenhaus verfrachtet wird, ist das für ihn ein höchst einschneidendes Erlebnis. Im Krankenhaus weiß er nicht recht, wen er überhaupt anrufen sollte, um mitzuteilen, dass es ihm sehr schlecht geht und er vielleicht bald sterben wird: Seine Ex-Frau? Seinen Anwalt? Oder seine Putzfrau?

Und so reift in Richard schließlich die Erkenntnis, dass seinem Leben etwas ganz entscheidendes fehlt. Ganz langsam und ohne, dass er selbst großartig merkt, was er da eigentlich tut, beginnt er sein Leben zu ändern. Er beginnt auf andere Menschen zuzugehen. Er schließt Freundschaften, die er vorher nie für möglich gehalten hätte. Seiner Ex-Frau und seinem Bruder ist diese Verwandlung fast schon ein bisschen unheimlich. Richard tritt aus seinem eigenen Schatten und fängt an etwas zu tun, von dem er vorher zwar immer geglaubt hat er würde es tun, es aber nie wirklich getan hat: Er fängt an zu leben.

Es ist schön mit anzusehen, wie Richard sich zunächst ganz zaghaft und dann mit zunehmend festerem Schritt in die Welt hinauswagt, wie er Anteil am Leben anderer nimmt und dafür etwas zurückbekommt, von dem er sich früher niemals hätte eingestanden, dass es ihm fehlt: Menschliche Wärme und Zuneigung. Dankbarkeit und Mitgefühl.

Und so entwickelt sich „Dieses Buch wird Ihr Leben retten“ mit seinem Protagonisten zu einer einfühlsamen und warmherzigen Geschichte ohne dabei in kitschige Gefilde abzugleiten. Richard entwickelt gar heldenhafte Züge und sammelt beim Leser wie auch bei seinen Mitmenschen massig Sympathiepunkte. Dennoch schießt A.M. Homes in der Wandlung Richards nicht über das Ziel hinaus. Es gibt nicht das überzogene Friede-Freude-Eierkuchen-Finale, das man im Verlauf des Romans vielleicht schon mal befürchten mag.

Die Autorin beweist ein feines Gespür dafür, die richtige Balance zu finden und die Wandlung von Richard nicht zu sehr zu überzeichnen. Er wird eben nicht zu einem komplett neuen Menschen. Er streift seine Ängste und Gewohnheiten nicht einfach über Nacht ab.

Zu sehen, wie Richard sich langsam aus seinem Schneckenhaus hinauswagt, macht auch deswegen Spaß, weil A.M. Homes einen so lockeren und eingängigen Schreibstil hat. Obwohl die meiste Zeit nicht so wahnsinnig viel passiert und das Buch ohne Spannung im engeren Sinne auskommt, hält Homes den Leser bei Laune. Das Buch lässt sich wunderbar flott herunterlesen. Homes weiß auch mit einfachen Mitteln zu unterhalten und erzählt so eine Geschichte, die man gerne weiterverfolgt und die auch immer wieder mit einem Augenzwinkern daher kommt.

Bleibt unterm Strich insgesamt ein positiver Eindruck zurück. „Dieses Buch wird Ihr Leben retten“ ist ein wunderbar warmherziger Roman, eingängig geschrieben und voller liebenswerter, teils gar skurriler Figuren. A.M. Homes schafft es, stets glaubwürdig zu bleiben. Nirgends gleitet die Geschichte in kitschige Gefilde ab, nichts wirkt überzeichnet. Ein leiser, aber durchaus sehr unterhaltsamer Roman, dessen Figuren man mit der Zeit immer mehr ins Herz schließt.

http://www.heyne.de

Elliott, Will – Hölle

Was der Australier Will Elliott mit „Hölle“ abgeliefert hat, ist ein rundum erfolgreiches Debüt. Er gewann auf Anhieb einen der wichtigsten australischen Literaturpreise. Was folgte, war die Nominierung für den |International Horror Guild Award| und die Übersetzung in fünf Sprachen. „Hölle“ erzählt eine höchst eigenwillige und abgefahrene Geschichte und ist für die sonst eher auf Hörspiele fixierte |Lauscherlounge| die erste Hörbuchproduktion im klassischen Sinne.

Eines Nachts fährt Jamie beinahe einen Clown über den Haufen. Aus dem Nichts taucht die Gestalt auf. In der Nacht darauf beobachtet Jamie zwei weitere Clowns, die sich höchst eigentümlich verhalten. Als Jamie dann etwas an sich nimmt, das einer der Clowns wegwirft, ist plötzlich nichts mehr, wie es war. Jamie erhält unheimliche Drohungen, seine Wohnung wird vollkommen verwüstet und ein paar Kerle in Clownskostümen machen Jagd auf ihn.

Die Clowns bringen Jamie schließlich in den Pilo-Zirkus, einen bizarren Rummelplatz voller Freaks, Wahrsager, Magier und Akrobaten. Jamie soll fortan bei den Clowns leben und mit ihnen auftreten. Doch was das wirklich bedeutet, begreift Jamie erst, als er zum ersten Mal die Schminke anlegt und in sein Clownskostüm schlüpft: Jamie verwandelt sich in einen vollkommen anderen Menschen – den gehässigen, bösen Clown JJ.

Jamies Leben dreht sich fortan um ein rätselhaftes Pulver, das ihm jeden Wunsch erfüllen kann und das Leben auch der anderen Akteure im Pilo-Zirkus bestimmt. Auch Jamie droht dem Pulver zu verfallen, doch wird er den Zirkus dann jemals wieder verlassen können? Um dem Zirkus zu entrinnen, muss Jamie zuerst einmal seinen ärgsten Widersacher bezwingen: sein eigenes dunkles Ich …

Will Elliott präsentiert dem Leser/Hörer mit „Hölle“ seine ganz eigene Mischung aus Thriller, Horror und schwarzem Humor. Man fragt sich lange Zeit, was real ist und was nicht. Doch Jamie ist nicht der Einzige, der Bekanntschaft mit den Clowns macht. Auch sein Mitbewohner Steve bekommt Besuch von ihnen und muss sie fortan ebenfalls fürchten. Dabei liegt es gewissermaßen nahe, dass das Auftauchen der Clowns vielleicht auch nur Einbildung ist. Jamie und Steve wohnen in etwas unübersichtlichen Verhältnissen. Drogen spielen dabei anscheinend eine entscheidende Rolle, und dass in Jamies WG Junkies ein- und ausgehen, ist nicht Ungewöhnliches.

Dass man zunächst auf das Thema Persönlichkeitsspaltung tippt, ist also nicht ganz abwegig, wenngleich Elliott seine Geschichte mit einer Prise Mystery würzt, die zeigt, dass die Lösung eben auch in einer ganz anderen Richtung liegen kann. Der Pilo-Zirkus ist eine völlig eigenständige Welt, die aber auch stets von Menschen aus unserer Realität besucht wird. Anscheinend gibt es Portale, durch die Menschen auf das Zirkusgelände gelangen, ohne selbst zu bemerken, dass sie sich in einer völlig anderen Wirklichkeit befinden.

Und so offenbart Elliott dem Leser/Hörer das Rätsel, das sich hinter dem Pilo-Zirkus verbirgt, eben nicht ganz direkt. Man fragt sich bis zum Schluss, wie man die Geschichte interpretieren soll, ob es da überhaupt etwas zu interpretieren gibt oder ob man die mysteriöse Art des Romans nicht einfach so hinnehmen sollte.

Die Spaltung der Hauptfigur in den netten Jamie und den bösartigen JJ besitzt auf jeden Fall ihren Reiz, und der besteht eben nicht allein im Aufeinandertreffen dieser gegenteiligen Charaktere in einer Figur, sondern vor allem in dem Kampf um die Oberhand, den sich die beiden liefern. Jeder will den anderen dominieren und ihm seinen Willen aufzwingen. Während Jamie nach einer Möglichkeit sucht, dem Zirkus zu entrinnen und all die bösen Taten JJs zu verhindern, versucht sein innerer Kontrahent JJ genau das Gegenteil. Daraus ergibt sich ein höchst spannendes Psychoduell mit äußerst ungewissem Ausgang.

Ein weiterer Reiz der Geschichte liegt in der Skurrilität des Handlungsortes. Die in sich abgeschlossene Welt des Pilo-Zirkus bietet Platz für allerhand eigenartige Typen. Da wären allen voran Jamies Clownkollegen. Chef der Clowntruppe ist der herrische Gonco. Dann gibt es da noch den alten Clown Winston, den masochistisch veranlagten Ruffshot, und die beiden etwas zurückgebliebenen Brüder Doopie und Goshi. Vor allem Goshi, der ein höchst inniges und geradezu intimes Verhältnis zu einer Zimmerpflanze hegt, ist eine der skurrilsten Figuren im Zirkus.

Begleitet wird das Ganze von einer surrealen und düsteren Grundstimmung. Man merkt schnell, dass dem Zirkus etwas grundsätzlich Böses innewohnt, und so nimmt die Geschichte mit der Zeit auch ziemliche blutrünstige Züge an. Das verdeutlicht auch die Verwandlung, die Jamie jedes Mal durchläuft, wenn er die Schminke aufträgt und zum bösen JJ wird. Auch die beiden Zirkus-Chefs Kurt und George Pilo mit ihrer Dauerfehde strahlen etwas durchweg Durchtriebenes und Böses aus.

Und so wird „Hölle“ dominiert von einer dichten und gleichermaßen düsteren Atmosphäre, die von dem kontinuierlich aufwärts strebenden Spannungsbogen des Plots zusätzlich unterstrichen wird. Je weiter die Geschichte voranschreitet, desto tiefer taucht man in den Plot ein, und das bunte Treiben im Pilo-Zirkus wird zu feinstem Kopfkino.

Dass dem so ist, liegt sicherlich auch an der unerwartet vielseitigen Vortragsweise von Oliver Rohrbeck. Zugegeben, ich hätte ihm eine dermaßen vielgestaltige Stimme kaum zugetraut, so markant haftet er mir als Synchronsprecher von Ben Stiller und als Justus Jonas von den |Drei ???| im Kopf. Aber gerade die skurrilen Figuren und die düsteren Seiten des Zirkus‘ verkörpert Oliver Rohrbeck sehr gekonnt. Die Bösartigkeit der Pilo-Brüder, die schrägen Charakterzüge von Doopie und Goshi – all das füllt Oliver Rohrbeck gekonnt mit Leben.

Unterm Strich kann man also festhalten, dass der Start der |Lauscherlounge| in Hörbuchgefilde durchaus geglückt ist. Mit Will Elliotts „Hölle“ fiel die Wahl auf einen spannenden und schrägen Thriller, der nicht zuletzt auch dank Oliver Rohrbecks gelungener Vortragsweise für ein äußerst kurzweiliges Hörvergnügen sorgt.

|Originaltitel: The Pilo Family Circus
Aus dem Englischen von Birgit Reß-Bohusch
ISBN-13: 978-3-7857-3322-6
Buchausgabe bei Piper: 387 Seiten, ISBN-13: 978-3-492-70159-4|
[www.lauscherlounge.de]http://www.lauscherlounge.de/
[www.luebbe-audio.de]http://www.luebbe-audio.de
[www.piper-verlag.de]http://www.piper-verlag.de

Nadel, Barbara – Tod am Bosporus

Das Lob im Klappentext, das Inspektor Íkmen als „Brunetti von Istanbul“ umschreibt, und der Vergleich von Barbara Nadel mit Krimigrößen wie Donna Leon wecken die Neugierde. Istanbul ist im abgegrasten Krimigenre immer noch einer der exotischeren Schauplätze, und bereits das ist Grund genug, einmal einen Inspektor-Íkmen-Krimi genauer unter die Lupe zu nehmen.

„Tod am Bosporus“ ist bereits der siebte Fall für Inspektor Íkmen und noch dazu einer, der sich als besonders knifflig erweist. In Istanbul sterben einige Jugendliche unter mysteriösen Umständen. Allesamt waren sie Mitglieder der Istanbuler Gothic-Szene. Und allesamt scheinen sie in seltsamen Ritualen umgekommen zu sein. Íkmen und seine Kollegen gehen Hinweisen aus dem Internet nach, und auch die Stieftochter seines Kollegen Mehmet Süleyman kennt sich in der Szene aus und kann den Ermittlern ein wenig auf die Sprünge helfen.

Doch sind die Istanbuler Gothics nur eine harmlose Modeerscheinung oder haben sie etwas mit den Morden zu tun? Ist der Täter einer der Ihren und vollzieht er womöglich satanistische Rituale? Als dann auch noch satanistische Schmierereien an Kirchen auftauchen, kann Max, ein englischer Magier, der seit Jahren in Istanbul lebt und den Süleyman und Íkmen schon lange kennen, etwas Licht ins Dunkel bringen. Doch dann verschwindet der Engländer plötzlich spurlos und die Wände seines Arbeitszimmers sind mit Blut bespritzt …

Istanbul als Schnittpunkt zwischen Orient und Okzident ist für sich genommen schon ein interessanter und geschichtsträchtiger Schauplatz. Barbara Nadel präsentiert vor diesem Hintergrund einen Plot, der gespickt ist mit Magiern und Zigeunern und immer wieder Bezug nimmt auf die reichhaltige kulturelle Geschichte der Stadt. Istanbul ist eine Stadt mit vielen Kontrasten und unterschiedlichsten Einflüssen – muslimisch, kurdisch, westlich.

Daraus entsteht eine im Grunde interessante Mischung, die aber leider keine ganz so intensive Atmosphäre entstehen lässt, wie man anfangs hoffen mag. Das Potenzial der Geschichte und des Handlungsortes sind groß, und Barbara Nadel beweist auch, dass sie sich in Istanbul gut auskennt (schließlich hat die Engländerin die Stadt zu ihrer Wahlheimat erklärt), dennoch vermag sie ihre Kenntnisse nicht hundertprozentig in eine atmosphärische Dichte umzusetzen.

Nadel lässt sich viel Zeit damit, den Plot aufzubauen. Sie widmet sich ausgiebig ihren Protagonisten, allen voran Çetin Íkmen und seiner Familie und seinem Kollegen Mehmet Süleyman, der aufgrund eines noch ausstehenden HIV-Testergebnisses seine ganz eigenen Probleme hat. Süleyman ist ganz der südländische Cassanova, der sich dummerweise ohne Kondom mit einer HIV-positiven russischen Prostituierten eingelassen hat und dem infolgedessen die Frau weggelaufen ist.

Ganz allgemein sind Nadels Protagonisten recht ambivalent, was sehr positiv zu beeindrucken vermag. Sie sind nicht die strahlenden Helden. Jeder hat seine ganz eigenen Macken und Fehler, und auch Gesetzesverstöße unterlaufen da schon mal. So legt Nadel ihren Charakteren eben keine plakative Schwarz-Weiß-Skizzierung zugrunde, und das ist einer der Vorzüge von „Tod am Bosporus“.

Der Plot an sich ist durchaus spannend erzählt, hätte aber ein wenig Straffung vertragen. Die Laufzeit des Hörbuches liegt bei knapp zwölf Stunden – für einen Krimi ist das schon sehr lang. Gerade am Ende, wenn der eigentliche Showdown vorbei ist, zieht sich der Roman weiter in die Länge. Zwar tut die belletristische Herangehensweise mit ausgiebiger Figurenskizzierung den meisten Romanen dieser Art durchaus gut, aber in diesem Fall hätte ich mir zugunsten der Spannung dann doch gewünscht, dass Nadel ihre Geschichte hier und da etwas kompakter und gradliniger abgefasst hätte.

Gerade der Genuss des Hörbuches braucht einige Zeit zum Einhören. Am Anfang hat man schon ein wenig Schwierigkeiten damit, sich in dem Wirrwarr der vielen türkischen Namen wiederzufinden, und bis man im Geiste alles sortiert und eingeordnet hat, vergeht einige Zeit.

Was leider ebenfalls wenig überzeugt, ist die Sprecherin Birgit Becker. Sie liest sehr langsam und dabei zwar stets sehr schön deutlich und verständlich, aber leider auch zu eintönig und mit wenig Satzmelodie. Auch mit der Akzentuierung von Emotionen hat sie so ihre Schwierigkeiten, und Dialoge lassen sich durch die stets sehr gleich klingende Stimme nicht immer gut nachvollziehen. Und so wird das fast zwölfstündige Hörbuch dann doch etwas fade und leblos. Schade eigentlich, denn inhaltlich gestrafft und durch gelegentliche Einspielung stimmiger Hintergrundmusik hätte man ein atmosphärisch dichtes Hörbuch aus der Geschichte machen können.

Lobenswert ist wie so oft bei |Radioropa Hörbuch| die technisches Umsetzung. „Tod am Bosporus“ liegt in Form von zehn Audio-CDs und einer mp3-CD vor. So bleibt einem für den mobilen Hörgenuss mit dem mp3-Player ein zeitraubendes Einlesen der Audio-CDs erspart. Das dürfen andere Hörbuchverlage sich gerne abschauen.

Bleibt unterm Strich also ein eher schwacher Eindruck zurück. Mit Inspektor Íkmen kann Barbara Nadel zwar einen sympathischen Protagonisten aufbieten und mit Istanbul hat sie sich auch einen interessanten Schauplatz herausgesucht, dennoch mangelt es „Tod am Bosporus“ hie und da immer wieder an Dichte und Spannung. Diesen Eindruck unterstreicht auch die etwas fade Sprecherleistung von Birgit Becker. Und so kann Íkmen am Ende als „Brunetti von Istanbul“ leider noch nicht so ganz überzeugen.

|Laufzeit: 11:57 Stunden
10 Audio-CDs + 1 Bonus-CD im mp3-Format
Buchausgabe bei List: März 2006, Broschur im Juli 2007|
http://www.hoerbuchnetz.de/

Husmann, Ralf – Nicht mein Tag

Ralf Husmanns berufliche Vita liest sich wie eine Garantie für feinsten Unterhaltungsgenuss: Chefredakteur und Produzent für die |Harald Schmidt Show|, für |ANKE| und |Rent a Pocher| und obendrein Autor von |Stromberg| und |Dr. Psycho|. Wenn ein Mann wie Ralf Husmann dann einen Roman schreibt, kann das doch eigentlich nur gut werden. Wenn ein Mann wie Christoph Maria Herbst dann auch noch das Hörbuch liest, erst recht.

„Nicht mein Tag“ erzählt die Geschichte von Till Reiners, Bankangestellter, Seitenscheitelträger mit beigen Leinenhosen und nicht minder beigem Leben – absolut mittelmäßig und langweilig. Till lebt mit Frau und Sohn in Osthofen |ein Leben wie eine „Tatort“-Folge: ziemlich deutsch, mäßig spannend, mit wenig Sex, und man ahnt nach der Hälfte, wie es aus geht.|

Doch das alles ändert sich auf einen Schlag, als plötzlich Nappo in Tills Leben tritt. Als Nappo bei einem Überfall auf die Dresdner-Bank-Filiale, in der Till arbeitet, die Nerven verliert, nimmt er erst einmal Till als Geisel und dessen Subaru mit Sonnendach als Fluchtwagen. Doch Nappo ist halt nicht sehr routiniert im Umgang mit Geiseln, genauso wie Till noch etwas unbedarft im Umgang mit geiselnehmenden Bankräubern ist, und so entwickelt die Geschichte ein recht sonderbares Eigenleben …

„Nicht mein Tag“ weckt gleich auf den ersten Blick Erinnerungen an die Romane von Tommy Jaud. Ein ähnlicher Humor, ein Autor mit einem ähnlichen Hintergrund – da darf man zu Recht darauf hoffen, seine Lachmuskeln zu strapazieren. Till Reiners könnte auch einem Tommy-Jaud-Roman entsprungen sein. Auf den ersten Blick würde er sich wunderbar einreihen, neben Tommy Jauds Protagonisten Simon Peters und Pitschi Greulich.

Mit viel Wortwitz bugsiert Ralf Husmann seinen Helden durch seinen langweiligen Alltag und sorgt damit für so manchen Schmunzler. Till Reiners ist der klassische Typ, der im Restaurant immer von der Kellnerin übersehen wird: unscheinbar und uncool. Ein Typ, der in der Masse verschwindet und bislang gerade auch über seine Durchschnittlichkeit ganz glücklich war – bis sein Abenteuer mit Nappo beginnt. Till entwickelt seine ganz spezielle Art von Stockholm-Syndrom, und auch seine medienfixierte Kollegin Jessica heizt die Verwirrung rund um Tills Rolle als Geisel noch weiter an.

Als Nappo und Till dann im Fluchtwagen auf dem Weg aus der Stadt sind, fragt man sich, was eigentlich noch drei weitere CDs lang passieren soll, denn schließlich ist klar, dass Nappo früher oder später erwischt wird. Doch bis dahin passiert noch eine ganze Menge, das auch Till sich im Nachhinein nicht so ganz erklären kann.

Kennt man schon die Tommy-Jaud-Romane, so läuft man Gefahr, etwas zu hohe Erwartungen in „Nicht mein Tag“ zu stecken, denn die Ausgangssituation ist nun mal ähnlich: ähnlicher Humor, ähnliche Geschichte und obendrein noch der gleiche Sprecher wie bei der Vertonung der Tommy-Jaud-Bücher.

Schon bei Tommy Jaud hat die kongeniale Vortragsweise von Christoph Maria Herbst so manchen schmerzhaften Lachanfall verursacht. Er versteht es auf besondere Art, die komische Seite der Figuren herauszukehren, verpasst jeder von ihnen ihre eigene charakteristische Stimme und lässt die Hörbücher zu einem rundum unterhaltsamen Spaß werden. Das ist auch bei „Nicht mein Tag“ der Fall; auch hier ist es wieder im Speziellen Christoph Maria Herbst, der den besonderen Hörgenuss ausmacht.

Als Buch hätte „Nicht mein Tag“ mir vermutlich längst nicht so gut gefallen wie als Lesung. Dafür driftet der Humor hier und da dann doch zu sehr in Richtung Klamauk ab (ich erinnere hier mal nur an das ständige Gefurze von Till Reiners Bankkollegen Herrn Walter). Und auch die Entwicklung des Protagonisten gelingt Husmann nicht ganz so rund und glaubwürdig, wie es – um bei dem Vergleich zu bleiben – einem Tommy Jaud mit seiner „Resturlaub“-Figur Pitschi Greulich geglückt ist. Sicherlich wäre „Nicht mein Tag“ auch noch etwas witziger gewesen, wenn die Geschichte etwas straffer und komprimierter erzählt worden wäre. So fragt man sich zwischendurch halt doch immer mal wieder, was denn da eigentlich noch alles passieren soll. Natürlich läuft so ein Plot auch nicht ganz ohne klischeebehaftete Figuren ab, aber das gehört zur Comedy im Prinzip ja auch dazu.

Dass „Nicht mein Tag“ dennoch ein kurzweiliges Hörvergnügen ist, haben wir also in erster Linie Christoph Maria Herbst zu verdanken. Er trifft wieder einmal den richtigen Ton, lässt den völlig überforderten Till Reiners eingeschüchtert herumstammeln und Nappo schön prollig daherfluchen. Die großen Lachanfälle, wie ich sie noch bei den Tommy-Jaud-Romanen hatte (vor allem bei „Resturlaub“), bleiben bei „Nicht mein Tag“ zwar größtenteils aus, aber Husmann beweist dennoch einen feinsinnigen Wortwitz und ein unterhaltsames, ironisches Understatement.

Alles in allem liegt hier also ein Hörbuch vor, das man in erster Linie wirklich explizit als Lesung weiterempfehlen möchte. Der Humor ist ähnlich gelagert wie bei Tommy Jaud, wenngleich selbiger unerreicht bleibt. Christoph Maria Herbst unterstreicht erneut seine Qualitäten als kongenialer Sprecher des humorbetonten Hörbuchs und sorgt dafür, dass „Nicht mein Tag“ trotz einzelner Schwächen doch noch zu einem sehr unterhaltsamen Hörgenuss wird.

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Read, Cornelia – Schneeweißchen und Rosentot

Wer Lesestoff ein wenig abseits ausgelatschter Krimipfade sucht, der sollte einen näheren Blick auf Cornelia Reads Debütroman „Schneeweißchen und Rosentot“ werfen. Mit Madeline Dare hat Read eine eher ungewöhnliche Krimiheldin geschaffen, die ihren Fall erfrischend anders löst:

Madeline Dare ist eine Tochter aus ehemals gut betuchtem, alteingesessenem New Yorker Hause. Vom Glanz und Reichtum vergangener Tage ist in großen Teilen der Familie nur noch wenig übrig geblieben, auch wenn man gerne noch den Anschein wahren möchte. Zu ihrem eigenen Leidwesen lebt Madeline aber nicht mehr in New York, sondern ist ihrem Mann in das ländliche, langweilige Syracuse gefolgt. Während Ehemann Dean oft wochenlang in Kanada als Schienenschleifer arbeitet, schreibt Madeline für die „leichten“ Seiten der örtlichen Lokalzeitung Rezepttipps, Buchkritiken und Reiseempfehlungen.

In Syracuse passiert nicht viel Spektakuläres, und so berichtet man in Deans Familie immer wieder gerne von den Leichen zweier junger Mädchen, die vor neunzehn Jahren hier gefunden wurden. Der Fall wurde niemals gelöst. Stolz wird Madeline dann eines Tages bei einer gemütlichen Familienzusammenkunft auf der Farm von Deans Eltern ein Beweisstück präsentiert, von dem die Polizei nichts weiß. Madeline klappt bei dem Anblick die Kinnlade herunter, schließlich kann sie das Beweisstück ganz eindeutig ihrem Lieblingscousin Lapthorne zuordnen.

Und so ist Madelines Neugier entfacht. Sie muss unbedingt herausfinden, ob Lapthorne etwas mit den Morden zu tun hat, sonst hat sie keine ruhige Minute mehr. Sie fängt an, ein wenig nachzuforschen und Informationen zusammenzutragen. Doch offenbar macht sie das nicht unauffällig genug, denn plötzlich gibt es eine weitere Leiche. Obendrein offenbart sich ein beängstigender Zusammenhang zwischen den Morden: Alle Opfer werden wie Illustrationen zu bekannten Märchen inszeniert …

Wie eingangs bereits erwähnt, ist „Schneeweißchen und Rosentot“ kein Krimi von der Stange. Der Roman hat eine ausgeprägte belletristische Ader; der Krimiplot kommt erst ganz gemächlich in Fahrt, denn Read widmet sich erst einmal ausgiebig der Hauptfigur Madeline und ihren Lebensumständen. Bis die neunzehn Jahre zurückliegenden Morde überhaupt zu einem akuten Thema werden und Madeline ernsthafte Nachforschungen anstellt, dauert es eine ganze Weile.

Dass dennoch keine Langeweile aufkommt, ist vor allem Cornelia Reads unterhaltsamem Erzählstil zu verdanken. Sie erzählt ganz locker drauflos und offenbart dabei einen wunderbar trockenen Humor, der auch jene Passagen, die ohne viel Krimispannung auskommen müssen, unterhaltsam gestaltet.

Der Reiz der Geschichte liegt obendrein darin, dass Madeline eher zufällig in die ganze Sache hineinschliddert. Sie will gar keinen Mord aufklären und ist alles andere als eine knallharte, abgebrühte Investigativjournalistin. Alles, was sie will, ist die Gewissheit, dass ihr Lieblingscousin kein Mörder ist.

Dass ihr die Ermittlungen dann im weiteren Verlauf keine Ruhe mehr lassen und sie den Fall nun doch aufklären will, wird ihr teilweise selbst ein bisschen unheimlich. Doch da macht sich auch der Druck ihres Chefs bemerkbar, der mit Genugtuung zur Kenntnis nehmen würde, dass Madeline nicht abgebrüht genug dafür ist, diese Geschichte bis zum Ende zu verfolgen. Und so bleibt Madeline doch am Ball. Unverhoffte Unterstützung bekommt sie dabei von ihrer alten Freundin Ellis. Und so schlingern die beiden als etwas chaotisches Ermittlerduo durch den Fall und sorgen schon durch ihre Art, die Sache anzupacken, für einige Spannung.

Es dauert zwar eine Weile, aber dafür entwickelt „Schneeweißchen und Rosentot“ sich dann im weiteren Verlauf umso spannender. Der Plot nimmt an Fahrt auf, Hinweise werden ausgestreut und der Leser kann miträtseln, wer hinter den Morden steckt. Das Ganze gipfelt in einem rasanten, nervenaufreibenden Finale, das man anfangs kaum für möglich gehalten hätte.

Protagonistin Madeline bringt man recht schnell Sympathien entgegen. Obwohl sie aus gutem Hause abstammt, ist sie überraschend bodenständig. Sie fühlt sich im eher provinziellen Syracuse zwar nicht besonders wohl, findet sich aber aus Liebe zum ihrem Mann Dean damit ab – zumindest solange Aussicht auf einen in nicht all zu ferner Zukunft anstehenden Ortswechsel besteht.

Dean stammt aus einfachen Verhältnissen. Seine Familie bewirtschaftet eine Farm, auf der Dean immer mal wieder aushilft und wo auch Madeline daher häufiger zu Besuch ist. Das scheint der alteingesessenen New Yorkerin aus guten Hause aber sympathischerweise eher wenig Bauchschmerzen zu verursachen. Ihre Herkunft spielt in ihrem gegenwärtigen Alltag kaum eine Rolle, und mit dem Upper-Class-Gehabe, das viele ihrer Verwandten an den Tag legen, kann sie eher wenig anfangen. Und so kann Madeline eben auf der Sympathieskala punkten.

Unterm Strich ist Cornelia Read mit „Schneeweißchen und Rosentot“ also ein außerordentlich vielversprechendes Debüt geglückt. Sie weiß mit einer sympathischen Protagonistin zu überzeugen und legt einen lockeren Schreibstil voll trockenen Humors an den Tag. Der Krimiplot kommt zwar aufgrund der ausgeprägten belletristischen Ader des Romans eher gemächlich in Gang, aber das mindert keinesfalls das Lesevergnügen. Der sich im Laufe des Romans entfaltende Krimiplot ist gut komponiert und entwickelt eine Spannung, die man in Anbetracht des eher gemütlich Starts kaum für möglich halten mag. Alles in allem ein erfrischender Krimispaß, der Lust auf weitere Bücher von Cornelia Read macht.

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Rufin, Jean-Christophe – 100 Stunden

Wie viele Menschen verkraftet die Erde? Das ist eine der zentrale Fragen, mit denen Jean-Christophe Rufin den Leser/Hörer seines Romans „100 Stunden“ konfrontiert. Entwickelte Rufin in seinem ersten Roman „Globalia“ noch eine Anti-Utopie à la Orwell und Co., liest sich „100 Stunden“ mehr als eine Art Öko-Thriller.

Die französische Umweltaktivistin Juliette befreit im polnischen Wroclaw Tiere aus einem Versuchslabor, demoliert die Einrichtung und nimmt im Auftrag ihres Freundes Jonathan ein ominöses Fläschchen mit. Für wen die Ware bestimmt ist, weiß sie genauso wenig wie was sie enthält. Doch Juliette lässt sich nach Ausführung ihres Auftrag nicht so einfach abservieren. Die Umweltaktivistin will weiterhin an dem Projekt beteiligt bleiben und die Hintermänner der Aktion treffen. Also versteckt sie das Fläschchen, wodurch sie schon bald den Zorn eines Mannes auf sich zieht, der sich in seiner Arbeit nicht von Juliettes Motivation behindern lassen will …

Währenddessen wird in den USA der Arzt und Ex-Agent Paul Matisse von seinem alten Chef Archie erneut rekrutiert. Archie hat nach seinem Ausscheiden bei der CIA eine Art privaten Geheimdienst ins Leben gerufen, der nun auch mit den Ermittlungen in Sachen Wroclaw betraut wird. Dafür braucht Archie den Mediziner Paul, der prompt einwilligt und zusammen mit seiner früheren Partnerin Kerry die Hintergründe aufzuklären versucht.

Schon bald zeigt sich, dass der Cholera in der Sache eine zentrale Bedeutung zukommt. Paul und Kerry setzen sich auf die Fährte einer fanatischen, radikalen Umweltschutzorganisation, deren finstere Pläne zum Schutz des Planeten schon bald eine Bedrohung für die halbe Menschheit darstellen. Für Paul und Kerry beginnt ein Wettlauf mit der Zeit, wenn sie die Pläne der Umweltfanatiker vereiteln wollen …

„100 Stunden“ ist ein Roman, der zwar einerseits durchaus als Thriller erscheint, andererseits aber als solcher eher ruhig daherkommt. Wer nervenaufreibende Spannung und haarsträubende Action erwartet, den dürfte das gemächliche Tempo von „100 Stunden“ vermutlich eher abschrecken. Schon in der (sicherlich gekürzten) Hörbuchfassung ist die Spannung zwar greifbar, liest man aber die Pressestimmen, so könnte man glatt auf die Idee kommen, Rufin habe einen actionreichen, atemlosen Thriller abgeliefert.

Dabei ist die Spannung eher subtiler Art. Paul und Kerry ermitteln im Umfeld einiger Umweltschutzorganisationen und reisen um den Globus, um die Spur der Fanatiker aufzunehmen. Das läuft schon mal sehr spannend ab, vor allem natürlich im Showdown, als die Zeit knapp wird, aber oft ist es eben auch schnöde Ermittlungsarbeit, bei der Rufin in den Gesprächen der Agenten die thematisierte Kernproblematik anklingen lässt. Insgesamt wirkt gerade auch die Agentenarbeit sehr realistisch – viel Recherche, wenig James-Bond-mäßige Action.

Der zentrale Aspekt des Buches ist das Problem der Überbevölkerung. Wie soll Umweltschutz funktionieren können, wenn die Erde einfach schlichtweg zu stark bevölkert ist, um ein halbwegs nachhaltiges Leben zu ermöglichen? Die Sichtweise der Umweltschützer in Rufins Roman ist höchst kontrovers. Ihr vorrangiges Ziel ist der Schutz der Erde, nur sind ihre Schlussfolgerungen zur Umsetzung des Ziels äußerst drastisch. Man landet am Ende bei der Frage, was eine höhere Priorität besitzt – der Schutz der Umwelt und damit die Sicherung der Lebensgrundlage für zukünftige Generationen oder das Leben des Einzelnen.

Durch diese Radikalisierung des Umweltschutzes zwingt Rufin auch den Leser/Hörer dazu, immer wieder Stellung zu beziehen. Er konfrontiert ihn mit der radikalst möglichen Ausrichtung. Die ist zwar sicherlich in gewisser Weise effektiv (wenngleich in der Lösung der radikalen Umweltschützer ein gewichtiger Denkfehler steckt), aber eben auch höchst unethisch. Aber wo genau verläuft dabei die Grenze? Wo ist der Punkt, ab dem sich die ethische Verantwortung gegenüber unser aller Lebensgrundlage anderen ethischen Fragen unterzuordnen hat? Und wie müsste die richtige Antwort auf das Problem der Überbevölkerung lauten?

Es ist vor allem dieser Aspekt, diese philosophische Komponente, die „100 Stunden“ so interessant macht. Das war auch schon in Rufins Vorgängerwerk „Globalia“ nicht anders. Rufin fordert den Leser/Hörer zum eigenständigen Denken heraus. Rufin selbst ist Wissenschaftler. Er ist Mitbegründer von |Ärzte ohne Grenzen|, arbeitete als Entwicklungshelfer und wurde 2007 französischer Botschafter im Senegal. Er weiß, wovon er schreibt, und so macht eben auch die philosophische Komponente, die sich hinter der Umweltschutz- und Dritte-Welt-Problematik verbirgt, einen sehr gut recherchierten Eindruck. Da mag man Rufin teilweise verzeihen, dass sein Roman als Thriller nicht immer ganz so wunderbar funktioniert wie andere Exemplare dieses Genres.

Ein weiterer Makel, der „100 Stunden“ anhaftet, ist die Figurenskizzierung. Die Protagonisten wirken teilweise sehr eindimensional. Man fiebert nicht so richtig mit ihnen mit und kann sich nicht sonderlich gut in sie hineinversetzen. Dieser Eindruck manifestiert sich besonders deutlich in der Figur der Juliette. Man kann nicht so ganz nachvollziehen, was sie motiviert, und so bleibt sie bis zum Schluss etwas zu schablonenhaft.

Die 451-minütige Lesung von |Argon Hörbuch| ist dabei eine sehr empfehlenswerte Variante, sich „100 Stunden“ zu Gemüte zu führen. Wolfram Kochs gekonnte Vortragsweise macht den Roman zu einem kurzweiligen Hörvergnügen.

Bleiben unterm Strich also etwas gemischte Gefühle zurück. „100 Stunden“ behandelte eine interessante und äußerst wichtige Problematik. Rufin regt den Leser zum Nachdenken an und verpackt die Problematiken von Umweltschutz und Überbevölkerung in einer Geschichte, die größtenteils spannend, aber nicht so actiongeladen und nervenaufreibend ist, wie man anhand des Presselobes vielleicht glauben möchte. Auch die Figurenskizzierung bleibt leider hinter den Erwartungen zurück. Dafür versteht Rufin sich eben darauf, seine philosophische Romankomponente interessant verpackt unters Volk zu bringen.

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Menger, Ivar Leon / Rönfeldt, Jan-David – DODO – Teil 1: Dodos Rückkehr

Schon der Trailer zu „DODO“ hört sich äußerst vielversprechend an. Angepriesen wird ein Fantasy-Sci-Fi-Märchen-Hörspiel, das mit einer Riege hochkarätiger Sprecher und einer großen Portion Humor aufwarten kann. Eine Genre-Persiflage, die dennoch spannend und unterhaltsam sein soll – und das, obwohl Hauptfigur Dodo eigentlich ein absoluter Langweiler ist.

Dodo wohnt bei seiner Omi und ist ein herzensguter Kerl. Nach dem Motto „Jeden Tag eine gute Tat“ greift er seiner Omi in allen Belangen des Alltags unter die Arme. Jeden Montag hilft er ihr mit der Wäsche, jeden Freitag mäht er ihr den Rasen und am Samstag wird der Hof gekehrt. Zur Belohnung gibt es dann Omis frisch aufgebrühten Brennnessel-Tee.

Das alles ändert sich, als Dodo eines Freitags beim Rasenmähen von einem mysteriösen Anrufer gestört wird, der ihm einen Job anbietet. Er soll einen verschwundenen Löffel wiederbeschaffen und bei Erfolg mit einer 5.000-Euro-Sofortrente belohnt werden. Dodo fühlt sich erst einmal veräppelt, aber dem Anrufer ist die Sache ernst. Und so startet Dodo in ein völlig unverhofftes Abenteuer …

„DODO – Teil 1: Dodos Rückkehr“ offenbart sich gleich von Beginn an als höchst skurriles Hörspiel. Nicht ganz umsonst ziert das Cover ein „FSK“-Sticker, der „DODO“ |ab 6 Jahren oder 2 Promille| freigibt. Ganz so schlimm ist es freilich nicht. „DODO“ macht durchaus auch in nüchternem Zustand Spaß, aber wer so gar nichts für Klamauk übrig hat, der ist mit den 2 Promille dann vielleicht doch besser bedient.

„DODO“ ist ein Sammelsurium schräger Einfälle. Da wäre zum Beispiel Strom-Tom, Dodos eigentümlicher Assistent, der sich die ganze Zeit über in Dodos Magen befindet, von dort allerhand bissige Kommentare loslässt und Dodo im Bedarfsfall auch schon mal mittels Stromschlag „motiviert“. Zusammen mit Strom-Tom macht Dodo sich also auf zur Grenze, hinter der Dodo den sonderbaren Löffel finden soll. Hinter der Grenze stößt Dodo auf ein fantastisches Land, ein Paradies namens Lichtwiese, wo er das Mädchen Elenor kennenlernt.

Das alles offenbart sich als skurriler Mix aus Science-Fiction-Geschichte und Fantasy-Märchen und dürfte sowohl Kindern Spaß machen als auch Erwachsenen, die noch irgendwo eine verborgene kindliche Ader in sich tragen. Es ist schon ein sehr kindlicher Humor, der bei „DODO“ dominiert, und das wird manch einen sicherlich abschrecken, weil er die Gags zu billig und klamaukig findet. Die Macher nehmen halt sich selbst auch nicht all zu ernst. Man merkt, dass das Team, das hinter „DODO“ steckt (unter anderem Oliver Rohrbeck), selbst Spaß an der Sache hat. Um das zu wissen, muss man nur den Trailer hören.

Die Art, wie Autor Ivar Leon Menger all die skurrilen Einfälle und die subtilen Gags zu einer Geschichte zusammenfügt, ist trotz des Hangs zum Klamauk durchaus überzeugend. Im Laufe der Handlung wird gar eine gewisse Spannung aufgebaut, die vor allem auch durch die hervorragende Inszenierung und die guten Sprecherleistungen (allen voran Dodo-Sprecher Andreas Fröhlich) unterstrichen wird. Da hat man von Ivar Leon Menger schon weiß Gott Schlechteres gehört – ich erinnere hier nur an „Hotel Luxury End“, den Mitrate-Fall der „Übergangs-Drei-???-Vertretung“ |Die Dr3i|.

„Dodos Rückkehr“ schafft eine durchaus interessante Ausgangssituation für die weitere Serie. Der Held wird positioniert, der grundlegende Plot aufgebaut und es deutet sich schon an, dass es für unseren Langweiler Dodo in den nächsten Folgen noch recht turbulent werden könnte. Dann erfahren wir sicherlich auch, was sich hinter den bereits auf dem Cover erwähnten |fiesen Klammermutschkas| verbirgt …

Kurzum, „DODO – Teil 1: Dodos Rückkehr“ offenbart ein kurzweiliges Hörvergnügen, das wieder einmal beweist, dass die Hörspielmacher von der |Lauscherlounge| ihr Handwerk verstehen. „DODO“ ist liebevoll produziert und hervorragend inszeniert. Wer sich auch mal auf einen Plot mit Hang zum Klamauk einlassen kann und nicht immer alles ganz ernst nimmt, dem dürfte „DODO“ gewiss einigen Spaß bereiten. Ein erfrischendes Hörvergnügen nicht nur für Kinderohren. Man darf sicherlich gespannt sein, wie die Serie sich weiterhin entwickeln wird.

Die Website zur Hörspiel-Reihe:
[www.dodo-dieserie.de.]http://www.dodo-dieserie.de

http://www.lauscherlounge.de/

Duve, Karen – Taxi

Manch einer mag noch immer das Vorurteil hegen, dass es nicht gutgehen kann, wenn eine Frau am Steuer sitzt. Die Protagonistin von Karen Duves neuestem Roman „Taxi“ dürfte sich noch des Öfteren mit diesem Vorurteil konfrontiert gesehen haben. Schließlich spielt „Taxi“ mitten in den Achtzigerjahren. Taxifahren war hier noch stärker eine Männerdomäne als heute, auch wenn die Anzeige, auf die Protagonistin Alex sich bewirbt, ausdrücklich auch an Frauen gerichtet ist – allerdings wohl mehr aus der Verzweifelung heraus, dass man so gut wie jeden einstellen würde …

Für Alex beginnt mit dieser Anzeige eine Ära als Taxifahrerin auf den Straßen Hamburgs. Das bedeutet für Alex Herwig gleichzeitig den lang ersehnten Aufbruch zu neuen Ufern. Hockte sie vorher noch mit ihrem Bruder zusammen in der unbeheizten Gartenlaube ihrer Eltern, als schwarzes Schaf in einer spießigen, langweiligen Familie, scheint ihre ziellose Jugend beendet, deren bisheriger Tiefpunkt wohl die abgebrochene Ausbildung im Versicherungswesen darstellte. Nun startet sie in die Freiheit – zumindest glaubt sie das.

Nachdem sie wochenlang Straßennamen gebüffelt hat, hält Alex, nicht zuletzt dank eines gnädigen Prüfers, endlich den Taxischein in Händen. Vom ersten selbstverdienten Geld folgt schon bald die eigene Wohnung, doch vom Leben hat sie eigentlich nicht sonderlich viel. Nacht für Nacht ist sie auf den Straßen Hamburgs unterwegs, verschläft dadurch die Tage und fängt, ohne es eigentlich zu wollen, eine Beziehung mit Taxi-Kollege Dietrich an.

Bei den übrigen Kollegen hat sie keinen leichten Stand: verklemmte Frauenhasser, Scheinstudenten, Möchtegernschriftsteller und Halbintellektuelle – das ist grob betrachtet das Umfeld, mit dem Alex irgendwie tagein, tagaus klarkommen muss. Dietrich ist da auch nicht immer hilfreich, hat sie doch den größten Zwist stets mit Dietrichs bestem Freund Rüdiger, der ein pseudointellektueller Frauenhasser ist. Doch Alex hinterfragt all das nicht, ist Nacht für Nacht viel zu sehr damit beschäftigt, ihre Fahrgäste zu hassen, als dass sie etwas an ihrem Leben ändern würde.

Und so wird es eine sehr lange und beschwerliche Reise, die Alex aufnehmen muss, um irgendwann sich selbst zu finden. Ihr Weg ist gepflastert mit unheilvollen Männerbekanntschaften, kleinwüchsigen Psychologiestudenten und haarsträubenden und bizarren Erlebnissen auf den nächtlichen Taxitouren.

Nachdem [„Die entführte Prinzessin“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1085 eine faszinierende, wenngleich auch sehr ungewöhnliche Leseerfahrung für einen Duve-Roman war, geht es mit „Taxi“ wieder mehr zurück zu den Wurzeln. Sogar ziemlich direkt zurück zu den Wurzeln, denn „Taxi“ hat stärkere autobiographische Züge als irgendein anderer Duve-Roman zuvor. Karen Duve ist selbst jahrelang in Hamburg Taxi gefahren. Ihre Protagonistin lässt sie mit genau jenem Taxi der Nummer „Zwodoppelvier“ fahren, in dem auch sie in den Achtzigern durch Hamburgs Straßen gekurvt ist.

Dennoch ist „Taxi“ alles andere als eine Autobiographie. Es mag Parallelen geben, und wie weit die genau reichen, vermag wohl nur die Autorin selbst zu sagen, dennoch ist der Roman ein fiktionales Werk. Alles in allem klingt das im ersten Moment noch sehr unspektakulär. Eine Frau, die Nacht für Nacht Taxi fährt und von ihren Erlebnissen mit ihren verkorksten Fahrgästen berichtet, um sich dann nach Feierabend ihrer noch viel verkorksteren Beziehung zu ihrem Freund Dietrich zu widmen – klingt bei bloßer Betrachtung des Inhalts wenig unterhaltsam.

Aber wir haben es hier schließlich mit Karen Duve zu tun. Wenn der Verlag im Klappentext schreibt |“Taxi fahren können viele – doch grandios darüber schreiben kann nur Karen Duve“|, dann ist das keinesfalls bloß Lobhudelei zum Zwecke der Verkaufsförderung. Es steckt ein wahrer Kern in diesem Satz, denn Karen Duve ist in der Tat das große Kunststück geglückt, einen wunderbar unterhaltsamen Roman über etwas so alltägliches wie das Taxifahren zu schreiben.

Und das liegt allem voran an Duves eingängigem Erzählstil. Es braucht nicht viel Handlung, um von Karen Duves Romanen gefangen genommen zu werden, egal, ob man sich wie im Fall des [„Regenromans“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1954 in der ostdeutschen Einöde befindet oder ob man wie bei „Taxi“ mit der Protagonistin durch die einsamen, nächtlichen Straßen Hamburgs düst.

Karen Duve ist eben eine großartige Erzählerin und eine äußerst genaue Beobachterin, die auch die alltäglichsten Dinge herrlichen treffend und pointiert zu erzählen weiß. Dabei springt sie nicht immer sanft mit ihren Figuren um. Auch Alex hat einiges zu erdulden, bis sie nach so mancher qualvollen Erfahrung irgendwann doch auf dem Weg zu sich selbst ist. Aber das ist ein harter und schmerzvoller Prozess, den Karen Duve schonungslos ehrlich und unbarmherzig dokumentiert.

Das zu lesen und den Entwicklungsprozess der Protagonistin nachzuvollziehen, ist dank Karen Duves erzählerischer Raffinesse ein echtes Vergnügen. Man kann zwar einiges an Alex oft nicht so ganz nachvollziehen, denn warum nimmt sie ihr Leben denn nicht mal endlich in die Hand, anstatt sich weiter jeden Tag über die frauenfeindlichen Sprüche der Kollegen, ihre Beziehungskatastrophe mit Dietrich und die Unerträglichkeit ihrer Fahrgäste zu mokieren. Man möchte Alex am liebsten einmal kräftig in den Hintern und damit aus ihrem trägen Trott heraus treten. Aber Karen Duve lässt Alex durch einen harten Lernprozess langsam reifen – und das auf äußerst lesenswerte Art.

Bleibt unterm Strich ein sehr positiver Eindruck zurück. Karen Duve hat mit „Taxi“ einmal mehr ihr großartiges Talent unter Beweis gestellt, und manch einer mag erleichtert darüber sein, dass sie nach ihrem Ausflug in fantastische Gefilde nun wieder in gewohnt belletristisches Fahrwasser eingeschwenkt ist. „Taxi“ ist in jedem Fall eine Empfehlung wert; ein äußerst lesenswerter Roman, der sehr stark von der pointierten und wohlakzentuierten Erzählweise der Autorin lebt. Wer Karen Duve noch nicht kennt, der sollte das schleunigst nachholen, denn sonst läuft er Gefahr eine der aktuell besten deutschen Autorinnen zu verpassen …

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Hickman, Leo – Fast nackt. Mein abenteuerlicher Versuch, ethisch korrekt zu leben

Ist es möglich, ein Leben ohne schlechtes Gewissen zu führen? Der in London lebende Journalist Leo Hickman hat den Selbstversuch gemacht. Was ursprünglich nur als Stoff für eine fortlaufende Kolumne für den |Guardian| gedacht war, füllt inzwischen ein ganzes Buch: „Fast nackt. Mein abenteuerlicher Versuch, ethisch korrekt zu leben.“ Bei |Radioropa Hörbuch| liegt der Titel nun auch als Hörbuch vor. Ethisch höchst vorbildlich, denn so musste kein Baum sterben, um als Buch zu enden – obwohl das Produzieren und Abspielen einer mp3-CD natürlich auch Energie kostet und damit gewissermaßen zum Klimawandel beiträgt. Man merkt schon, das mit dem konsequent ethisch korrekten Leben ist gar nicht so einfach …

Genau diese Erfahrung macht auch Leo Hickman. Er geht sein Projekt recht unbedarft und naiv an, und da er weiß, dass er selbst sicherlich nicht die nötige Kompetenz hat zu beurteilen, was ethisch korrekt ist und was nicht, sucht er sich drei Berater, die in Umwelt-, Ernährungs- und Globalisierungsfragen bestens Bescheid wissen. Er lädt die drei ein, ihn und seine Frau Jane in ihrem kleinen Londoner Reihenhaus zu besuchen, um möglichst kritisch unter die Lupe zu nehmen, wie sie mit ihrer kleinen Tochter leben.

Und so wird alles kritisch beäugt: die Lebensmitteln im Kühlschrank, die Putzmittel unter der Spüle, die Kosmetika im Badezimmer, die verwendeten Materialien im Wohnraum, der Kleiderschrank, das Bankkonto, das Kinderzimmer und der handtuchgroße Garten. Schon bald fragen sich Leo und Jane, was sie sich damit angetan haben, denn die Berater finden praktisch überall etwas zu mosern.

Doch Leo hat das Projekt natürlich gestartet, um auch tatsächlich etwas zu verändern, und so versuchen er und seine Frau Jane brav, möglichst viele Tipps der Berater umzusetzen: Eine Gemüse-Abo-Kiste wird bestellt, Küchenabfälle werden im Wurm-Komposter entsorgt, Pampers werden durch auswaschbare Windeln ersetzt und geputzt wird mit Waschsoda und halbierten Zitronen.

Lassen sich manche Anregungen noch relativ leicht umsetzen, so erfordern andere schon eine gehörige Portion Standhaftigkeit und Idealismus. So z. B. der auto- und flugzeugfreie Wanderurlaub in Italien mit dem kleinen Töchterchen. Die Hickmans machen es sich nicht immer leicht und versuchen tatsächlich, ihr Experiment bis an die Grenzen auszureizen, auch wenn dabei so manches Mal der Haussegen schiefhängt …

Resultat dieses Selbstversuchs ist ein Buch bzw. Hörbuch, das gleichermaßen unterhaltsam wie informativ ist. „Fast nackt“ ist eine wunderbare Anregung, die eigenen Lebensgewohnheiten kritisch zu hinterfragen. Dabei stehen eigene Realität und die Tipps der Berater teilweise in krassem Gegensatz. Die Hickmans sind eine ganz normale Durchschnittsfamilie, mit ganz normalen Konsum- und Lebensgewohnheiten, in denen sich so ziemlich jeder ein Stück weit wiederfinden dürfte.

Was die Berater ihnen dann teilweise an Tipps für ein ethischeres Leben mit auf den Weg geben, ist durchtränkt von Idealismus. Manchmal erscheinen sie geradezu kindlich-naiv, wenn sie z. B. Leo davon überzeugen wollen, dass er durch Briefe an seinen Supermarkt seinen Unmut über Teile ihres unethischen Sortiments äußern und durch konstruktiv angebrachte Verbesserungsvorschläge etwas daran ändern sollte.

Auch die völlige Verteufelung des Autos lässt sich nicht aus jeder Lebensperspektive nachvollziehen. Mag der Autoverzicht für den in London lebenden Öko-Single noch toll und befreiend sein, so fällt es mir als Selbstständige im ländlichen Raum mit weit verzweigtem Kundenkreis schon äußerst schwer, in einem Auto das Teufelswerkzeug zu sehen, als das Leos Berater es einstufen.

Und so kann man manchmal über die naive Sichtweise der Berater nur schmunzeln, während Leos Frau Jane in solchen Momenten vorzugsweise mit den Augen rollt. Sehr sympathisch ist eben auch, dass die Hickmans, obwohl sie nicht mit allem etwas anfangen können, was die Berater ihnen empfehlen, doch stets für sich selbst herausfinden wollen, was es mit einer Sache auf sich hat – mal mit mehr, mal mit weniger Erfolg.

Wenn drei Berater einer Familie zu einer rundum ethisch korrekten Lebensweise verhelfen wollen, dann wird da zwangsläufig auch einiges vereinfacht. Dass Kühe z. B. Mastitis (Euterentzündung) bekommen, weil sie von ihren Kälbern getrennt werden, ist ausgemachter Unfug. Das mag jetzt im ersten Moment etwas negativ klingen, dennoch hat mir „Fast nackt“ ausgesprochen gut gefallen. Auch wenn man viele der grundlegenden Fakten als halbwegs informierter und kritischer Verbraucher kennt, so ist „Fast nackt“ dennoch ein schöner Rundumschlag, der einen immer wieder dazu ermuntert, die eigenen Verhaltensweisen kritisch zu betrachten.

Vieles von dem, was auch die Hickmans in ihrem Selbstversuch erfolgreich umsetzen (z. B. auf „Lebensmittelkilometer“ achten, „Chemiekeulen“ aus dem Haushalt verbannen, Kräuter aus dem eigenen Garten ernten, Abfall vermeiden, etc.), lässt sich relativ leicht umsetzen. Die Sichtweise der Berater mahnt, als Konsument stets hinter die Fassade zu schauen. Alles, was man kauft, wurde irgendwann einmal unter Umständen energieaufwändig und ressourcenverschleißend produziert und transportiert. Sich als Konsument zunehmend kritischer auf die Finger zu schauen, kann also nicht schaden.

Eine besondere Würze von „Fast nackt“ sind die Zuschriften, die Leo Hickman zu seinem Selbstversuch und seiner begleitenden |Guardian|-Kolumne aus aller Welt bekommen hat. Darin erntet er viel Zuspruch und Ermunterungen, mit seinem Projekt fortzufahren, aber ein besonderer Leckerbissen sind die skurrilen Auswüchse ethisch hyperkorrekten Lebens, auf die man einen Blick erhaschen kann. Zumindest kannte ich vorher noch niemanden, der in einem Meditationskurs schon mal einen Spüllappen gehäkelt hat. Auch die Praxis selbstgebastelter Damenbinden war mir bislang noch fremd.

Und so offenbart „Fast nackt“ eben ganz nebenbei auch eine höchst unterhaltsame Komponente. Die hyperkorrekten Tipps der Berater zur ethisch korrekten Lebensweise werden durch den Praxistest einer Otto-Normalverbraucher-Familie wie den Hickmans immer wieder ins rechte Verhältnis gerückt. Und so kommt „Fast nackt“ eben erfrischenderweise ohne mahnend erhobenen Zeigefinger aus. Ethisch korrekt zu leben, ist halt schön und gut, aber deswegen darf das Leben trotzdem noch Spaß machen. Die Hickmans zeigen sehr schön, dass man nicht zum Eremiten werden muss, um sein Leben bewusster und nachhaltiger zu gestalten. Oft genügt es schon, an ein paar kleinen Schrauben zu drehen, um seinen Beitrag zu leisten.

Und so bleibt unterm Strich eben trotz so mancher idealismusdurchtränkter Tipps der Berater ein sehr positiver Eindruck zurück. „Fast nackt“ zeigt auf wunderbar unterhaltsame Art und Weise, wie man mit teils wirklich sehr einfachen Maßnahmen sein Leben ethischer gestalten kann. Die Lesung von Markus Born ist dabei eine gute Alternative zum Buch, wenngleich sie den Nachteil hat, dass man die vielen genannten Internetadressen später schlecht noch mal nachschlagen kann. Alles in allem kann man „Fast nackt“ eigentlich nur jedem ans Herz legen, denn das Thema geht uns schließlich alle an. Man muss ja nicht gleich anfangen, sich seine Spüllappen selber zu häkeln …

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Krajewski, Marek – Kalenderblattmörder, Der

Bereits Susanne Goga hat mit [„Leo Berlin“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1597 bewiesen, dass die Zwanzigerjahre einen durchaus reizvollen Krimi-Schauplatz abgeben. Ein zweiter Autor, der sich dieser Zeit als Hintergrund seiner Romane widmet, ist der Pole Marek Krajewski. Seine Romane um den eigenwilligen Kriminalrat Eberhard Mock spielen dagegen jedoch in Breslau und nicht in Berlin. Doch seine Einblicke in die Gesellschaft und den Geist der damaligen Zeit lassen ein ganz ähnliches Bild entstehen.

Es ist das Jahr 1927, als Kriminalrat Eberhard Mock eine Reihe recht mysteriöser Morde aufzuklären hat. Ein Musiker wird lebendig eingemauert aufgefunden und ein Stadtrat baumelt kopfüber mit einer Klaviersaite befestigt von einem Kronleuchter. Doch dies sind nicht die beiden einzigen Mordfälle, die Mock zu schaffen machen. Was Mock und seinen Kollegen besonderes Kopfzerbrechen bereitet, sind die abgerissenen Kalenderblätter, die der Mörder an den Leichen zurücklässt. Worauf spielt er damit an? Nachdem Mock lange Zeit im Dunkeln tappt, deutet eine Spur bis weit in die Vergangenheit Breslaus …

Derweil plagen Mock aber auch noch ganz andere Probleme. Seine Ehe läuft nicht besonders gut. Mock hat einen Hang zum Alkohol und geht nicht immer ganz sanft mit seiner Frau um – bis selbige ihn eines Tag Hals über Kopf verlässt. Mock versucht herauszufinden, was seine Frau hinter seinem Rücken treibt, und dazu werden auch schon mal die Kollegen zur Observierung der werten Gattin beordert …

Marek Krajewski skizziert das Breslau der 20er Jahre als ein Ort des Umbruchs. Die feine Gesellschaft genießt das Leben in vollen Zügen. Alkohol und Kokain wird dabei gerne mal reichlich zugesprochen und man vergnügt sich auch schon mal mit einer kleinen Orgie. Auch Mocks Frau scheint dem nicht abgeneigt zu sein und sucht den Spaß außerhalb des Ehebettes und der rustikalen Zuneigung des Kriminalrats Eberhard Mock. Die Schilderungen um die Erlebnisse von Mocks Frau spiegeln die Dekadenz der damaligen Oberschicht wider. Hinter den Türen der noblen, gut betuchten Breslauer Bürgerlichkeit tun sich Abgründe auf. Kaum ein Tabu bleibt ungebrochen.

Hinter dieser Dekadenz verbirgt sich aber auch eine zunehmende Verkommenheit, die in vielen Bereichen der Geschichte immer wieder durchschimmert. Alkoholismus ist salonfähig und geradezu alltäglich – auch unter Mocks Kollegen bei der Polizei. Und dass ein Eberhard Mock selbst im Ehebett derart rustikal zu Werke geht, dass das Wort Vergewaltigung keinesfalls übertrieben ist, und er obendrein seinen Posten dazu missbraucht, Kraft seine Amtes seiner Frau hinterherspionieren zu lassen, scheint ebenfalls niemanden zu kümmern. Auch sein Umgang mit Zeugen lässt nicht unbedingt die besten Manieren erkennen.

Das macht es dem Leser bzw. Hörer natürlich alles andere als leicht, den ungehobelten Kriminalrat ins Herz zu schließen. Mock ist kein Sympathieträger und schon gar kein strahlender Held im Dienste der Gerechtigkeit. Er ist ein sperriger Typ, dessen ungehobelte Art einem immer wieder gegen den Strich läuft. Da die Lesung von Hans-Werner Meyer obendrein gekürzt ist, fällt es schwer, sich so richtig auf Eberhard Mock einzulassen, und da er nun mal im Zentrum der Handlung steht, sorgt das für eine Distanz, die man bis zum Ende der Geschichte nicht so recht zu überwinden vermag.

Der Fall an sich ist durchaus spannend erzählt. Tappen Mock und seine Kollegen noch anfänglich komplett im Dunkeln, so offenbart sich mit der Zeit die Möglichkeit, dass die Taten irgendwie mit der Geschichte der Stadt verflochten sind. Und so entwickelt die Geschichte im Laufe der Ermittlungen noch einigermaßen Spannung. Etwas irritierend ist hingegen die Auflösung. Zum Ende hin bleibt einiges auf äußerst unbefriedigende Art offen im Raum stehen, und die mystische Note, die bei dieser Auflösung mitschwingt, hinterlässt einen recht unschönen Nachgeschmack. Dieser „Mystery-Faktor“ ist nicht nur unbefriedigend, sondern wirkt auch unstimmig.

Die 20er Jahre sind an sich eine verlockende Zeit voller Gegensätze, die einen hervorragenden Hintergrund für einen Roman abgibt. Ich hatte mir von diesem Hörbuch aber dennoch etwas mehr Atmosphäre erhofft. In der Kürze des Hörbuchs (gerade mal zwei CDs gegenüber 336 Buchseiten), scheint genau diese nämlich etwas auf der Strecke zu bleiben. Man merkt der Geschichte an, dass hier fleißig gekürzt wurde, und das ist sehr schade.

Hans-Werner Meyer macht als Erzähler seine Sache allerdings sehr gut. Er versteht sich darauf, die unterschiedlichen Figuren mit unterschiedlichen Stimmen zu lesen und lässt so im Kopf des Hörers ein Bild der unterschiedlichen Figuren entstehen.

Bleibt unterm Strich ein mittelmäßiger Eindruck zurück. Hans-Werner Meyer macht seine Sache als Vorleser sehr gut, wohingegen die Geschichte etwas zu straff erzählt scheint. Zu einer ohnehin schon so sperrigen Figur wie Eberhard Mock kann man so kaum eine Beziehung aufbauen, und daher bleibt in jedem Fall eine große Distanz zwischen Hörer und Figuren bestehen. Der Fall an sich ist zwar spannend, die mystische Note, die nach der Auflösung noch vieles im Unklaren lässt, stört hingegen.

Somit ist „Der Kalenderblattmörder“ leider nur ein allenfalls durchschnittliches Hörvergnügen. Im Zweifelsfall kann es also vielleicht sinnvoller sein, bei Marek Krajewski direkt zum Buch anstatt zum Hörbuch zu greifen.

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Lemieux, Jean – Todeslied

_Abgeschiedene Lokalitäten_ sind oft ganz herausragende Handlungsorte für Krimiplots. Man denke nur an Agatha Christies „Zehn kleine Negerlein“, in dem auf einer von der Außenwelt abgeschnittenen Insel mehrere Morde geschehen und der Täter eine der Personen auf der Insel sein muss. Eine ähnliche Situation ist die Grundlage für den Plot von „Todeslied“, einem kanadischen Krimi aus der Feder von Jean Lemieux, der 2007 in Deutschland bereits [„Das Gesetz der Insel“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3869 veröffentlichte.

Die Geschichte spielt auf der kleinen kanadischen Insel Île-d’Entrée. Dort lebt eine kleine verschworene Gemeinschaft, die Fremden seit jeher skeptisch gegenübersteht. Wer hier als Außenstehender Fuß fassen will, hat es nicht leicht. Das bekommt auch die englische Krankenschwester Gladys Patterson zu spüren. Nach nunmehr 30 Jahren auf der Insel wird sie zwar geduldet, so richtig akzeptiert wurde sie aber nie.

Da wird eines Morgens die Leiche einer auf der Insel lebenden jungen Frau unterhalb der Klippen der Île-d’Entrée gefunden. Der Arzt François Robidoux ist gerade zu seinem üblichen Arbeitsbesuch auf der Insel, kann aber auch nichts mehr ausrichten. Sergeant Moreau wird mit dem Fall betraut, stößt aber bei seinen ersten Befragungen der Anwohner nach seiner Ankunft auf der Insel auf wenig Verwertbares. Jeder scheint ihm etwas zu verschweigen, und so tappt der Sergeant erst einmal im Dunkeln. Als dann ein Sturm heraufzieht und die Insel vorübergehend von der Außenwelt abgeschnitten ist, spitzen sich die Dinge zu …

_“Todeslied“_ ist ein ganz gemächlicher und subtiler Krimi. Lemieux lässt sich zu Beginn Zeit. Zwar weiß der Leser gleich im Prolog, dass auf der Île-d’Entrée zwei Frauen unter höchst verdächtigen Umständen ums Leben gekommen sind, von denen die eine die Krankenschwester Gladys Patterson ist, doch lässt Lemieux es danach erst einmal sehr beschaulich und unspektakulär angehen.

Der Leser begleitet den noch recht jungen Arzt François Robidoux bei seinem Besuch auf die Île-d’Entrée. Zusammen mit Gladys Patterson klappert er seine Patienten ab und hofft, die Insel möglichst bald wieder verlassen zu können. Er isst mit Gladys zusammen zu Abend und liest auf Gladys Bitte lange Passagen aus ihrem Tagebuch, in dem sie ihre erste Zeit auf der Insel schildert. Die Handlung plätschert vor allem in der ersten Hälfte des Romans darum eher gemächlich vor sich hin. Bis die Leiche der jungen Frau gefunden wird, vergehen 130 Seiten – und dabei umfasst das Buch nur 277 Seiten insgesamt.

Mit dem Leichenfund an den Klippen kommt zumindest kurzzeitig so etwas wie Spannung auf und die Geschichte wird interessanter. Bis es zu den finalen Ereignissen kommt, die dann auch den Tod von Gladys Patterson bedeuten, dauert es noch einmal gute 80 weitere Seiten, und zumindest dann kehrt auch die Spannung wieder einmal zurück in die Geschichte.

Ansonsten ist „Todeslied“ eher unspektakuläre Lektüre. Lemieux greift auf einen seltsam distanzierten Erzählton zurück. Manche Verknüpfungen setzt er so beiläufig und unterschwellig, dass man nicht immer alles direkt nachvollziehen kann, und auch die Figuren bleiben dem Leser eher fremd. Man kommt nicht dazu, eine Beziehung zu ihnen aufzubauen. Lemieux hält seine Protagonisten auf Distanz zum Leser, und so kann dieser ihre mitunter seltsamen Verhaltensweisen oft herzlich wenig nachvollziehen.

Das ist ein echtes Manko, da gerade bei einem so subtilen Krimi, der im Prinzip von der Interaktion der Protagonisten und von den Spannungen zwischen den einzelnen Figuren lebt, die Figuren nachvollziehbarer sein müssten. Lemieux‘ Figuren bleiben für den Leser aber teils bis zum Schluss rätselhaft und verschlossen. Da man sich somit kaum in die Figuren hineinfühlen kann, hinterlässt auch die Geschichte selbst kaum Spuren. Nicht alles wird nachvollziehbar dargelegt, und auch das Finale fällt nicht wirklich zufriedenstellend aus.

Am Ende entpuppt sich „Todeslied“ als ein äußerst blasser Roman. Als belletristischer Krimi funktioniert er kaum und als reiner Unterhaltungskrimi ist er nicht spannend genug. „Todeslied“ wirkt damit irgendwie profillos und hinterlässt keinen bleibenden Eindruck, sondern ist ganz im Gegenteil sehr schnell aus dem Gedächtnis verschwunden.

Rätselhaft bleibt auch der deutsche Titel des Romans. Wie man auf „Todeslied“ als Übersetzung für „La lune rouge“ kommt und was das Ganze mit dem Inhalt dieses Buches zu tun haben soll, bleibt wohl das Geheimnis des Übersetzers. Rein äußerlich riecht „Todeslied“ ein wenig nach einer Mogelpackung. Hinten prangt in großen blutroten Lettern „Spiel mir das Lieb vom Tod“ auf dem Buchdeckel und das wird noch gekrönt durch einen Klappentext, der nicht ganz zum Inhalt des Buches passt und mehr nach reißerischer Thrilleraufmachung aussieht. Der Klappentext verspricht somit weit mehr Spannung als das Buch letztendlich bieten kann.

_Bleibt unterm Strich_ ein eher schwacher Eindruck zurück. Lemieux gelingt es nicht so recht, dem Leser seine Protagonisten näherzubringen, denn dafür baut er schon durch seine kühle Sprache eine zu große Distanz zum Leser auf. Und so ist „Todeslied“ leider ein Buch, das scheinbar spurlos an einem vorüberzieht. Zu wenig Spannung, zu viel Distanz und ein Klappentext, der mehr verspricht, als der Inhalt zu halten vermag.

_Jean Lemieux_, 1954 in Iberville (Quebec/Kanada)geboren, ist Allgemeinarzt und Schriftsteller. Zwischen 1980 und 1982 war er auf den Îles-de-la-Madeleine als Arzt tätig. Nachdem er 1983 durch die Welt reiste, kehrte er 1984 auf die Inseln zurück, wo er bis 1994 schrieb und lebte. Seit 1994 wohnt er wieder auf dem Festland in Québec, der Hauptstadt der gleichnamigen Provinz.

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