Clevenger, Craig – geniale Mister Fletcher, Der

Mr. Ripley war gestern – heute ist Mr. Fletcher. Oder Mr. MacIntyre. Oder Mr. Edward. Oder Mr. Bishop. John Vincent hatte schon viele Namen und behält keinen für lange Zeit. Rastlos wechselt der begnadete Fälscher von einer Identität zur nächsten. Wie eine moderne Antwort auf den „talentierten Mr. Ripley“ lebt John Vincent unter dem Deckmantel anderer Namen. Als er am Beginn des Romans mit einer Überdosis Tabletten im Magen und Drogen im Blut ins Krankenhaus gebracht wird, heißt er gerade Daniel Fletcher.

Und dieser Daniel Fletcher sitzt nun einem Psychiater gegenüber, der seinen Geisteszustand begutachten soll. Macht Fletcher seine Sache gut und überzeugt den Gutachter davon, mental und psychisch fit zu sein, spaziert er am Ende als freier Mann zur Tür hinaus. Vermasselt er seine Vorstellung, riskiert er, in der psychiatrischen Abteilung weggesperrt zu werden.

Fletcher ist gerissen, hochintelligent, eiskalt und geradezu brillant. Seinen Job als Fälscher hat er zu höchster Perfektion gebracht, doch im Gespräch mit dem Psychiater steht für Fletcher viel auf dem Spiel und das nagt an ihm. Es geht nicht nur um sein Leben, das er verständlicherweise nicht bis ans Ende seiner Tage zugedröhnt und ruhig gestellt in einer geschlossenen Anstalt verbringen will. Es geht auch um seine Freundin Keara, die Fletcher in Gefahr glaubt. Aber um sie retten zu können, muss er erst einmal den Psychiater davon überzeugen, dass er weder verrückt noch selbstmordgefährdet ist …

In den USA hat Craig Clevenger für seinen Debütroman „Der geniale Mister Fletcher“ viel Lob bekommen. Leonardo diCaprio hat sich bereits die Filmrechte gesichert. Wer weiß, vielleicht sehen wir ihn schon bald wieder als Fälscher auf der Flucht über die Kinoleinwand hetzen, so wie schon in Steven Spielbergs Film „Catch me if you can“.

Vielversprechend scheint dieses Filmprojekt sich schon jetzt zu entwickeln und das hat vor allem zwei Gründe: Chuck Palahniuk, der Autor von „Fight Club“, der für Craig Clevengers Roman voll des Lobes ist (|“Bei Gott, das ist mit Abstand das beste Buch, das ich in den letzten Jahren gelesen habe.“|), schreibt das Drehbuch. Und darüber hinaus ist das Buch wirklich sehr gut. Herrn Palahniuks Meinung möchte ich mich zwar nicht vorbehaltlos anschließen, dafür habe ich in den letzten Jahren einfach schon zu viele gute Bücher gelesen (unter anderem eben auch von Chuck Palahniuk), aber es ist definitiv ein Roman, für den all das Lob berechtigt ist.

Clevenger konzentriert sich in seiner Geschichte gänzlich auf die Hauptfigur. Andere Figuren agieren höchstens am Rand, im Mittelpunkt steht Daniel Fletcher, mit seiner Lebensgeschichte und mit Blick auf sein „Duell“ mit dem Psychiater. Mit Fletcher hat Clevenger einen Protagonisten, der so viel Aufmerksamkeit absolut verdient hat. Ein Typ, der bis auf die letzte Seite etwas Rätselhaftes behält, dessen Geschichte zu fesseln weiß, und dessen Lebensart so skurril und faszinierend wirkt wie der voll ausgebildete zweite Mittelfinger an seiner linken Hand.

Fletcher wollte als Kind Verrenkungskünstler im Zirkus werden. Als Erwachsener ist er genau das, nur auf etwas andere Art. Seine Verrenkungen vollzieht er, indem er immer wieder in andere Identitäten schlüpft. Clevenger erzählt die Lebensgeschichte dieses Verrenkungskünstlers und skizziert dabei ein faszinierendes Psychogramm. Fletcher ist absoluter Perfektionist, macht keine Fehler, ist stets Herr der Lage und hat alles im Blick, so dass er nie die Kontrolle verliert. Bis auf eine Ausnahme: Von Zeit zu Zeit plagen ihn Migräneanfälle, die so heftig sind, dass sie meistens mit einer Überdosis Schmerzmittel im Bauch in komatösem Zustand im Krankenwagen enden. Das ist Fletchers Schwachpunkt. Doch er weiß mittlerweile, wie er sich aus solchen Situationen, wenn seine Person mehr Aufmerksamkeit bekommt, als ihm lieb ist, herauswindet. Er ist geübt im Umgang mit Psychiatern, durchschaut das Frage-Antwort-Spiel. Dennoch lässt ihn die ausgiebige Begutachtung durch Dr. Carlisle ins Schwitzen kommen.

Immer wenn er mit einer Identität in den Mittelpunkt des Interesses von wem auch immer rückt, taucht er ab, macht sich unsichtbar und nimmt einen neuen Namen und ein neues Leben an. Dabei geht er geradezu detailbesessen vor. Er entwickelte eine komplexe Biographie, ohne Lücken, besorgt sich alle nötigen Papiere und lebt unauffällig. Unsichtbar zu sein, entspricht Fletchers Idealbild. Und diese Unsichtbarkeit betreibt er mit einer selten gesehenen Perfektion.

Aber ganz ohne Schwächen und Fehler kommt eben auch Daniel Fletcher nicht aus, und so zeigt Clevengers Roman letztendlich auch, wie winzige Fehler und Zugeständnisse an andere den Einzelgänger verwundbar machen. Es folgt eine Kettenreaktion von Ereignissen, die der Autor mit viel Liebe zum Detail darstellt. Eine Sache bedingt die nächste und Fletchers Lügengerüst gerät ins Wanken.

Doch Fletcher ist eiskalt berechnend und hochintelligent, und so darf der Leser staunend und fasziniert verfolgen, wie Fletcher versucht, die Dinge wieder unter Kontrolle zu bekommen und sich aus seiner brenzligen Situation herauszuwinden. Die Auflösung ist dabei derart gewieft eingefädelt, dass man Clevenger nur zu so viel Erfindungsreichtum beglückwünschen kann.

Man merkt dem Roman zu keinem Zeitpunkt an, dass es sich um ein Debüt handelt. Gerissen entwickelt Clevenger einen Plot, der am Ende richtig aufgeht, ohne lose Enden zurückzulassen. „Der geniale Mister Fletcher“ ist dabei ein Lesegenuss, der gleichermaßen faszinierend wie fesselnd ist und das unter anderem auch, weil Clevenger dem Leser praktisch eine Anleitung zum Fälschen einer Identität liefert. Er zählt die Schritte auf, erläutert Fletchers Vorgehensweise und weist auf mögliche Schwachpunkte hin. Zur Nachahmung wohl eher nicht empfohlen, aber auch deswegen so spannend zu lesen, weil da eben noch der Reiz des Verbotenen mitschwingt. Die Figur Daniel Fletcher nimmt den Leser gefangen und lässt ihn bis zum Ende nicht mehr los.

Auch sprachlich ist „Der geniale Mister Fletcher“ ein erfrischendes Lesevergnügen. Clevengers Stil ist sehr direkt und offen, teilweise hart und explosiv wie der Lebenswandel seines Protagonisten. Im Klappentext wird der Roman mit den Werken von Paul Auster verglichen. Das vereinfacht die Sache zwar vielleicht ein bisschen zu sehr, aber der Vergleich ist nachvollziehbar. Beide Autoren haben in ihren Werken etwas Magisches und Fesselndes, dem man sich nicht entziehen kann. Sie üben gleichermaßen Faszination aus, mit einem gewieften und absolut gekonnten, intensiven Erzählstil.

Alles in allem ein Roman, der sich als der lobenden Worte würdig erweist. Eine Hauptfigur, die absolut faszinierend ist und eine Geschichte, die von der ersten bis zur letzten Seite bis ins Mark überzeugt. Ein Erzähler, der mit einem packenden Psychogramm zu fesseln und zu erstaunen weiß. Bei einem derart gerissenen Debütroman darf man sicherlich gespannt sein, was von Craig Clevenger in den nächsten Jahren noch so kommen mag. Den Namen sollte man sich in jedem Falle merken.

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