Schlagwort-Archive: SF-Stories

Theodore Sturgeon – Nach dem Exodus. SF-Erzählungen

Drei Experimente in Sachen Liebe

Dieser Band von phantastischen Erzählungen umfasst drei klassische Novellen des mehrfach ausgezeichneten US-amerikanischen Autors.

– Die Story von der Welt, wo sich die ganze Familie im Inzest liebt.
– Die Story von der Prinzessin, die den Frosch fand, küsste, zu ihrem Prinzen machte und herausfand, dass er todkrank war. Aber sie hatte ein Rezept.
– Die Story von den zwei Schiffbrüchigen, die als Adam und Eva Robinson Crusoe spielten und sich dennoch nicht verliebten, oder doch?

Der Autor
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Theodore Sturgeon – Der Gott des Mikrokosmos. SF-Erzählungen

Classic SF: Frankenstein und Plappermäuler

Der Erzählband enthält acht Stories vom besten Story-Autor der vierziger und fünfziger Jahre, Theodore Sturgeon. Und weil „Sturgeon“ auf deutsch „Stör“ bedeutet, hieß der Originaltitel „Caviar“. Die Titelgeschichte aus dem Jahr 1941 ist bereits klassischer Teil des SF-Kanons.

Der Autor
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Dieter Wessels (Hg.) – Classic Science Fiction Stories. Fremdsprachentexte

Die Klassik der SF dauerte nur 30 Jahre

In der englischen Originalsprache enthält dieser Auswahlband Erzählungen von Isaac Asimov, E.F. Russell, Philip K. Dick, Robert A. Heinlein, John Wyndham, Harlan Ellison, John Wyndham, Alfred bester, J.G. Ballard und Harry Harrison – allesamt Autoren der ersten Liga, aber es sind keine weiblichen Vertreter darunter und auch keine Nicht-Angelsachsen.

Das Besondere an dieser Ausgabe ist die Kurzcharakteristik zum jeweiligen Autor und – das ist rar – eine Interpretationshilfe zur jeweiligen Erzählung. Mittelgute Englischkenntnisse sind für die Lektüre natürlich Bedingung, aber viele neue Vokabeln werden in Fußnoten erklärt.

Hier findet man unter anderem:

1) Die Story von dem Roboter, der für den Mond gebaut wurde und nun auf einem irdischen Schrottplatz landet – mit unerwarteten Folgen;
2) Die Story von dem Roboter, der sich für einen Menschen hält, aber in Wahrheit ein Infiltrant der Aliens ist;
3) Die Story von dem Flottenkommandanten, den ein kleines Mädchen zum Weinen bringt;
4) Die Story von der übervölkerten Welt, auf der zwei Glückspilze noch eine unbelegte Besenkammer finden; und weitere.
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James Tiptree jr. – Warme Welten und andere

Coole Storys: respektlos, witzig, spannend und ganz anders

Diese klassische Geschichtensammlung der amerikanischen SF-Erzählerin versammelt ein Dutzend Erzählungen, die aus der Zeit stammen, als Tiptree alias Sheldon für gehörig Furore sorgte. Unter anderem bildete ihre Geschichte „Paradiesmilch“ den krönenden Abschluss von Harlan Ellisons legendärer Tabubrecher-Anthologie „Again, Dangerous Visions“ aus dem Jahr 1971. Die vorliegende |Heyne|-Ausgabe umfasst eine aufschlussreiche Einleitung von Robert Silverberg, in der er darüber spekuliert, wer dieser geheimnisvolle „Mister Tiptree“ sein könnte.

Die Autorin

Alice Hastings Bradley Sheldon alias James Tiptree jr. alias Raccoona Sheldon wurde 1915 in Chicago geboren. Ihre Mutter war eine Reiseschriftstellerin, ihr Vater Anwalt. Sie lebte in ihrer Jugend in Afrika und Indien, aber anscheinend war sie lange Jahre für die Regierung, die CIA (bis 1955) und das Pentagon tätig. Im Jahr 1967 machte sie ihren Doktor in Psychologie. Obwohl sie bereits 1946 ihre erste Story veröffentlicht hatte, machte sie die Schriftstellerei erst 1967 zu ihrem Hobby, und nach ihrer Pensionierung schrieb sie weiter bis zu ihrem Tod 1987. Sie beging Selbstmord, nachdem sie ihren todkranken Gatten erschossen hatte.

Obwohl sie einige Romane schrieb, wird man sich an sie immer wegen ihrer vielen außergewöhnlichen Erzählungen erinnern. Ihre besten frühen Storys sind im |Heyne|-Verlag unter dem Titel „10.000 Lichtjahre von Zuhause“ (1973) und „Warme Welten und andere“ (1975) erschienen. Unvergesslich ist mir zum Beispiel die Story „Liebe ist der Plan, der Plan ist Tod“, die den |Nebula Award| 1973 errang. Weitere Geschichten sind in „Sternenlieder eines alten Primaten„, „Aus dem Überall“ und schließlich „Die Sternenkrone“ gesammelt. Ihr Roman „Die Feuerschneise“ (Up the walls of the world, 1978, dt. bei |Heyne|) erhielt ebenfalls viel Lob.

Hinweis: Bei Golkonda ist eine Monographie über die Autorin erschienen, die ich hier vorgestellt habe.

Erzählungen

1) All die schönen Jas

Die Aliens haben die Erde entdeckt, aber ihre Xenologen schätzen ihre Attraktivität als Nistplatz als recht gering ein. Nach mehreren (unbemerkten) Besuchen materialisiert sich schließlich ein reicher Jüngling, der auf der Flucht ist und sich eine Menschengestalt hat geben lassen: mitten in Washington, unweit des Weißen Hauses. Das wäre an sich nichts Besonderes, wäre er dabei nicht völlig nackt und fünf Meter groß!

Die ausgelöste Panik unter den Erdlingen sagt ihm, dass etwas nicht stimmt. Ein Rundblick lässt ihn sich verkleinern und ein paar Klamotten anziehen. Nun sieht er aus wie ein junger Dandy aus dem Fernsehen. Sofort schnappt ihn sich eine junge Frau: Filomena. Ein kurzer Blick in ihren Geist verrät ihm ihren Namen. Er fragt sie, ob sie mit ihm nisten will. Nicht gleich an Ort und Stelle, signalisiert sie ihm, aber sie brauchen auf jeden Fall einen Wagen – den einer Freundin. Zusammen mit dieser und anderen Studenten fahren sie zum Arlington-Heldenfriedhof. Am Kennedy-Grab holt der Fremdling sein „Gepäck“: eine silberne Kapsel. Unterdessen versinkt Washington in Chaos …

Der Fremdling und seine vier Begleiter finden einen Unterschlupf, wo sie ungestört sind. Die beiden Frauen, Filomena und Greg, machen ebenso Liebe mit ihm wie RT, der Marxist und UFOloge, der schon immer an Außerirdische glaubte. Der Vierte im Bund ist zufrieden mit geistiger Übereinkunft. Danach kommuniziert der Fremde mithilfe seines „Gepäcks“: mehrere Aliens antworten und es wird den Erdlingen klar, dass die Alien-Invasion bereits in vollem Gange sein muss. So etwa sinkt der Sauerstoffgehalt in New York City zusehends zu jenem Wert, an dem er für anaerobe Wesen freundlich genug ist …

Da eröffnet ihnen der Fremdling, dass „er“ schwanger sei und in ungefähr einer Minute oder so etwa 30.000 Junge bekommen werde …

Mein Eindruck

Die Story arbeitet auf indirekte Weise mit dem Hintergrund der späten sechziger Jahre: |Pink Floyd|s „Umma Gumma“ und |Gandalf| sind en vogue, und die vier Hippies stehen auf Räucherstäbchen und freie Liebe. Da erfolgt die Alien-Invasion durch den Fremdling, und es sind weder die Geheimdienste noch das Militär, die die Welt vor seiner Brut retten, sondern eben unsere vier Hippies. Nicht Hass rettet die Welt, sondern Liebe.

Die Story ist wie so viele von Tiptrees Texten voller amüsanter oder boshafter Anspielungen, mit vielen Leerstellen, die der intelligente Leser mühelos füllen kann. Tiptree schrieb einmal, dass er/sie in seinen/ihren Geschichten eines um jeden Preis vermeiden wollte: Langeweile. Das ihm ihm/ihr vollauf geglückt.

2) Das ein- und ausgeschaltete Mädchen (HUGO Award 1974)

In der Zukunft ist öffentliche Werbung außer auf dem Produkt selbst verboten. Was ist also zu tun? Natürlich Product placement. Aber bitte nicht so plump wie in den 2D-Filmen, nein, man kreiere einen Promi, mit dem sich dann ein paar Millionen der 15 Milliarden Erdenbürger identifizieren können, und lasse ihn oder sie ganz unauffällig die beworbenen Produkte benutzen. Ungefähr so wie in der „Truman Show“, nur noch etwas unauffälliger. Alles klar?

Allerdings muss das Risiko, das die Werbeträger mit diesem Promi eingehen, auf ein absolutes Minimum begrenzt werden. Die Lösung lautet „Fernsteuerung“. Man braucht also zwei Dinge: eine lebende Puppe – die lässt sich problemlos klonen oder in Fleischtanks züchten und dann verdrahten. Zum anderen muss sie von einer geeigneten Steuerperson während aller Wachzeiten kontrolliert werden. Nicht so einfach. Diese Person müsste schon ziemlich aufopferungsvoll sein und sich selbst als stark benachteiligt sehen. Das ist im Fall der jungen Frau P. (für „Philadelphia“) Burke der Fall.

Die General Transmission Corporation, kurz GTX, heuert das Mädchen, nachdem es gerade einen Selbstmord versucht hat, an und offeriert ihr, dass sie in ihrer neuen Stellung an die Promis ihrer Träume herankäme, so wie sie es sich erhofft. P. Burke ist überglücklich. Sie ist arm und hässlich und hätte nie in ihrem Leben auch nur den Hauch einer Chance, ins Götterland aufzusteigen, in dem sich ihre Idole tummeln.

Monatelang läuft alles nach Plan, und der Rubel rollt. Doch dann kreuzt der Sohn des Konzernchefs auf, Paul Isham III. Er ist unzufrieden mit seinem privilegierten Sohnesstatus. Er verliebt sich in die Puppe, die den schönen Namen „Delphi“ trägt, und glaubt doch tatsächlich, sie sei ein echter Mensch. Damit beginnt eine Tragödie, die auch P. Burke ganz persönlich treffen wird.

Mein Eindruck

Diese ganze herzergreifende Story wird von einer Person unbestimmten Geschlechts in einem solchen Schnodderton erzählt, dass man sie eigentlich nur durch die Brille der tragischen Ironie ernst nehmen kann. Unser Erzähler, der den Leser mit „Oller“ und „Döskopp“ anredet, erklärt aber zum Glück auch, wie die Dinge in der Zukunft laufen, so dass man, ein Quäntchen Grips vorausgesetzt, alles richtig schön auf die Reihe kriegt. Dem Leser bleibt die Wahl: Soll er lachen oder weinen oder beides?

Am Schluss können wir jedoch über den Drahtzieher hinter dieser Sache lachen. Nachdem das Projekt „Hirnleiher“ so schweinemäßig in die Binsen ging, kramt er ein neues Projekt heraus, das Profit verspricht: Es geht um Zeitanomalien, und im ersten Test wird er mitten in die Nixon-Ära versetzt. Gratulation zur demnächst fälligen Einberufung nach Vietnam!

Diese Novelle wurde 1974 mit dem |HUGO Award| ausgezeichnet.

3) Am letzten Nachmittag

Vor Jahren sind die ersten Siedler auf dieser Welt mit ihrem Raumschiff abgestürzt. Sie fanden zum Glück eine der wenigen Lichtungen auf der von Wald bedeckten Insel, machten sich aber keine Gedanken darüber, warum es diese Lichtung überhaupt gab. Sie bauten ihre Siedlung auf, überwanden Probleme und vermehrten sich.

Mysha ist ein Mann der ersten Stunde und hat inzwischen mit seiner Frau Bethel einen erwachsenen Sohn, Piet, und eine jüngere Tochter, die schöne Melie. Mysha ist aber auch ein Seher, der geistigen Kontakt mit einer fremden Lebensform hat, dem „noion“, das als verschrumpelter Beutel an einem Baum hängt. Mit der Hilfe des „noion“ überwand er eine gesundheitliche Krise der Siedler, entdeckte aber auch den langen Zyklus der größten einheimischen Lebensform: der Zerstörer.

Es sind Lichtungen wie diese, zu denen die im Wasser lebenden Zerstörer alle Jahre wieder ziehen, um sich zu paaren und ihre Eier zu legen. Heute ist der Tag, an dem Mysha die Herden von Zerstörern heranziehen sieht, wenn er auf seinem Hügel über der Siedlung sitzt. Die Siedlung ist inzwischen mit Palisaden befestigt, und sogar eine Laserkanone konnte aus dem Raumschiffwrack geborgen, an Strom angeschlossen und aufgestellt werden. Doch wird das reichen? Mysha fleht das „noion“ an, ihnen zu helfen. Als der „Angriff“ rollt, muss er erkennen, dass sein Preis für das Überleben diesmal sehr viel höher sein wird …

Mein Eindruck

„Am letzten Nachmittag“ liest sich, als hätte man die biblische Geschichte von Noah zu einem Actiondrama verarbeitet. Der Angriff der Zerstörer hat titanische Cinemascope-Dimensionen und ist höchst dramatisch dem Ringen eines einzelnen Mannes, Mysha, gegenübergestellt, der das „noion“, ein Ersatz für den alttestamentarischen Gott Jahwe, um Beistand anfleht. Der Beistand wird zunächst auch gewährt, doch natürlich um einen Preis. Und da das „noion“ bereits selbst stirbt, ist fraglich, ob die Hilfe ausreicht. Und ob Mysha überleben wird.

Der Leser mag sich fragen, warum die Siedler nicht einfach in die Berge ausweichen und der Herde der Zerstörer ihren Willen lassen, bis sie wieder abgezogen ist. Das ist der Knackpunkt für Myshas Verhalten, seinen Pakt mit dem quasi-göttlichen „noion“. Dieses Zurückweichen würde die Vernichtung von altem Wissen, der Bibliothek, und moderner Technik, des Generators und des Labors, bedeuten, insgesamt also einen Rückfall auf eine weitaus primitivere Zivilisationsstufe.

Diesen Fall ist Mysha nicht bereit hinzunehmen. Denn er weiß, dass dann das Wissen der alten Erde verschwinden und die Entwicklung der Siedler einen ganz anderen Verlauf nehmen wird. Sie werden vielleicht in die Barbarei zurückfallen. Myshas Kampf ist ein Kulturkampf. Das macht ihn zum Helden. Seine Geschichte ist, wie gesagt, dramatisch und spannend zu lesen, wie der Auftakt zu einem Planetenroman.

4) Und irrend hab ich dies gefunden

Die Forscher sind auf dem Planeten Delphis Gamma Fünf gelandet, haben aber nur primitive Eingeborene gefunden. Nur Evan Dilwyn, der junge Kulturforscher, ist überzeugt, dass der Berg der Eingeborenen, den sie „Der Berg-des-Weggehens“ und „Der Clivorn“ nennen, ein Geheimnis birgt. Er bricht alle Regeln und Beziehungen ab, um Den Clivorn zu ersteigen. Selbst die Eingeborenen hindern ihn vergeblich daran, den Berg, wo sie ihre Toten bestatten, zu besteigen, denn sie glauben, er wolle dort sterben und ihnen seine Kleider vorenthalten. Weil sie ihn verletzen, verliert er an Kraft.

Er findet, was er vom Schiff gesehen zu haben glaubt: eine horizontale Linie, die eine Energiebarriere verbirgt. Doch darüber gibt es eine zweite Energiebarriere, und erst dahinter offenbart sich ihm das Geheimnis Des Clivorn. Leider zu spät …

Mein Eindruck

Diese schöne Erzählung ist in bester Le-Guin-Tradition geschrieben, und sogar die Namen Clivorn und Ardhvenne erinnern an Le Guins frühe [Hainish-Romane]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=328 wie etwa „Rocannons Welt“. Das Thema ist der Widerspruch zwischen moderner, computerbasierter Wissenschaft, die nur auf technische Daten vertraut, und der alten Feldforschung, die auf Erfahrungen aus erster Hand basiert.

Das Brechen der neuen Regeln hat natürlich seinen Preis: Offenbarung und Tod. Aber wir lernen daraus, dass nichts die unmittelbare Erfahrung aus erster Hand ersetzen kann. Man sollte bedenken, dass diesen Text eine Wissenschaftlerin geschrieben hat, und sie nimmt darin eine sehr kritische Haltung ein.

5) Amberjack

Eine Boy-meets-girl-Story. Amberjack, ein Arzt, hat *Rue, eine Künstlerin, kennen gelernt, aber sie weigern sich, es „Liebe“ zu nennen. Eines Tages gesteht sie ihm auf dem oberen Ende der Feuerleiter ihre Schwangerschaft und sagt, sie wolle ihn verlassen. Da passiert etwas Merkwürdiges in der Zeitstruktur, oder ist es ein Verkleidungstrick? Amberjack sieht in die Zukunft: Sein Sohn tritt ins Zimmer, aber dann kommt noch eine Frau: *Rue, wie sie als Mutter dieses Sohn ausgesehen hätte. Die Frau auf der Feuerleiter stürzt in die Tiefe, und die Frau im Zimmer zieht ihre Perücke ab …

Mein Eindruck

Noch so eine von Tiptree/Sheldons verrückten Geschichten, auf die man sich keinen Reim machen kann. Aber durch die Brechung in der Zeitstruktur qualifiziert sie sich durchaus als eine SF-Story.

6) Liebe ist der Plan, der Plan ist Tod (Nebula Award 1973)

Der Ich-Erzähler ist ein Alien, eine Mischung aus Panzerechse und Spinne. Die ganze Story dreht sich um Überleben und Fortpflanzung, auf sehr ungewöhnliche Weise.

Unser junges Monster wird wie seine Geschwister von der veränderten Mutter plötzlich verstoßen. Wer nicht schnell davonläuft, wird von ihr gefressen. Vorbei sind die Tage, da sie Schutz und Nahrung bot. Unser Monster schafft es, diesem ersten Verrat zu entkommen. Doch der Plan ist groß, und so ist das stetig wachsende Monster mit effektiven Waffen und starkem Panzer ausgestattet. Das Überleben klappt, doch seine Artgenossen weisen es drohend fort.

Auf der Suche nach Gesellschaft stößt es eines Tages auf eine kleine rosa schimmernde Kreatur, die ständig „Lieliluu“ piept und gurrt.. Doch statt sie zu fressen, wickelt er sie ein, denn er hat sich in das Wesen verliebt. Damit er mit seinem Liebling überleben kann, zieht er in eine Höhle, die er mit Beute vollstopft.

Von einem alten, gebrechlichen Artgenossen hat er erfahren, was der Plan vorsieht. Dass nämlich die Artgenossen in dem kommenden harten Winter, der jährlich länger wird, einander jagen und fressen. Nur der Gierigste wird überleben. Der Plan mag zwar groß sein, doch unser Monster gedenkt, sich ihm zu widersetzen, denn es ist ja intelligent, und die Kälte des Winters macht dumm. Auf diese Weise, so hofft es, werde es zusammen mit seinem rötlichen Liebling den langen Winter überstehen, bis die Tage wieder länger werden.

Als es so aussieht, als sei der Plan überwunden worden, beginnt sich der kleine Liebling zu verlieben, und es kommt zu einer Paarung und Befruchtung. Auf eine geradezu unheimliche Weise verändert sich der Liebling. Und da er nun Junge zu versorgen hat, braucht er viel Nahrung …

Mein Eindruck

Wenn es je so etwas wie eine antike Tragödie für Aliens geben sollte, so ist dies sicherlich der Prototyp dafür. Unser Jüngling hofft, mit seiner Intelligenz dem Diktat des „Plans“ widerstehen zu können. Doch das Diktat der Liebe macht ihm einen dicken Strich durch die Rechnung, und so wird des Monsters Intelligenz ausgehebelt, um der Herrschaft des Plans, d. h. der Triebe und des Instinktes, zur Geltung zu verhelfen.

Die Story ist sowohl ironisch, weil unser junger Held allen Illusionen der Jugend von Größe und Intelligenz erliegt, als auch tragisch, weil die Herrschaft des Triebes jedes Lernen, Weiterdenken und die Entwicklung der Art verhindert. Es ist ein ewiger Kreislauf, aus dem es keine Chance auf Entkommen gibt. Das ist einer der Gründe, warum die Story zeitlos wirken kann und in ihrer Emotionalität und subjektiven Darstellung den Leser direkt anspricht.

7) Paradiesmilch

Das Imperium des Menschen hat sich ausgebreitet und dabei den Lebensraum der Crots vereinnahmt, die zwar Zweibeiner sind, aber geistig sehr unterbelichtet. Nun taucht auf einer Orbitalstation der junge Timor auf, der Sohn eines bekannten Pioniers der Erdflotte. Er verhält sich recht seltsam, so möchte er beispielsweise keinen Sex mit dem Mädchen Seoul haben, und die Anspielungen zweier gleichaltriger Jungen versteht er nicht. Daher nimmt sich ein Erwachsener seiner an, um herauszufinden, was mit ihm los ist.

Der Erwachsene ist ein Schwarzer, Santiago, und wie Timor – es ist nicht sein richtiger Name – zu spät erkennt, verfügt Santiago über ausgeklügelte Verhörmethoden. Die braucht er auch, denn Timor wurde offenbar geistig konditioniert. Er setzt sogar Hypnose ein, um aus Timor herauszuholen, wo er in den letzten sieben Jahren war. Auf „Paradies“, gesteht Timor, und dort gebe es tolle Städte, in denen elfenhafte Wesen leben. Aber von einer solchen Alienrasse hat niemand etwas gehört. Seltsam, nicht?

Timor ist unter Hypnose in der Lage, die ungefähre Lage von „Paradies“ anzugeben. Santiago fliegt mit ihm hin. Als sie auf dem Strand vor dem Dschungel landen, ist von Städten nirgendwo etwas zu sehen, und von Elfen schon gleich gar nicht. Doch da tauchen wirklich Wesen aus dem Dschungel aus, und nun schlägt Timors Herz höher – allerdings ekelt es Santiago nun wirklich …

Mein Eindruck

Man sollte berücksichtigen, dass Alice Sheldon einige Jahre für die CIA als Psychologin tätig war. Daher ist sie mit Techniken wie Gehirnwäsche, Hypnose und Dekonditionierung (also das Gegenteil von Gehirnwäsche) vertraut. Alle Techniken kommen in dieser Story am jungen Timor zum Einsatz. Die Gehirnwäsche wurde ihm auf „Paradies“ verpasst, ebenso die Konditionierung für das Überleben unter Menschen (aber von wem, verrät die Story nicht).

Santiagos Aufgabe besteht darin, den Weg Timors zurückzuverfolgen – eine in Tiptrees Storys häufige Richtung der Handlung. Ob sich die Thematik der Gehirnwäsche à la [„The Manchurian Candidate“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1069 auch auf damalige Vietnameinsätze der CIA (ca. 1969) anwenden lässt, wäre eine Frage der guten Recherche, aber die Assoziation wird nahegelegt, so etwa durch das Dschungelambiente am Schluss der Geschichte.

8) Nachts blüht der Saurier

Eine Museumsdirektorin erzählt einem befreundeten Besucher von ihrer ersten Zeitreise-Expedition, die sie vor vielen Jahren nach Ostafrika zu den Hominiden führte. Sie waren sieben Leute und hoffnungsvoll, doch als ihr Techniker von einem Kurztrip in die Gegenwart zurückkehrte, erfuhren sie, dass man ihnen die Gelder streichen werde – einfach zu teuer. Doch Fitz, der Techniker, hat eine irrwitzige Lösung des Problems. Er hat dem maßgeblichen Senator, der im Bewilligungsausschuss das Sagen hat, vorgeflunkert, es gäbe hier einen riesigen Saurier zu schießen!

Natürlich sind die Saurier schon 80 Millionen Jahre ausgestorben, aber herrje, man könne ja einen echten Saurier in dessen Zeit erlegen und die Beute nach Ostafrika transferieren. Dann müsse man aber dafür sorgen, dass alles echt aussieht: die Spuren am Ufer des Sees, ja, und vor allem der Dung des Dinosauriers, der den Senator von dessen Echtheit überzeugen soll. Tja, und von da an futterten die Expeditionsmitglieder jede Menge Grünzeug …

Mein Eindruck

Die Saurier-Story ohne Saurier ist natürlich ein einziger riesiger Witz, eine Schnurrpfeiferei, wie sie nur erzählt werden kann, wenn eine Menge Alkohol im Spiel ist. Andererseits aber belegt sie mehrere Aspekte. 1) Senatoren lassen sich leicht auf den Arm nehmen. 2) Selbst eine Zeitreise garantiert nicht, dass die „wissenschaftlichen Ergebnisse“ echt sind, z. B. versteinerte Exkremente. 3) Wissenschaftler sind für ihre Forschungsgelder zu absolut allem bereit. Und obendrein macht die Story irrsinnig Spaß.

9) Doktor Ains letzter Flug

Dies ist der Bericht von Dr. Ains Flug und den bemerkenswerten Umständen seines Todes. Schon als er von Omaha/Nebraska nach Chicago flog, will man eine Frau neben ihm gesehen haben. Jedenfalls sprach er mit einer. Und er redete ständig mit ihr, als habe er sie direkt vor sich. Doch niemand kann sich später an sie erinnern. Auf allen Zwischenstationen fütterte er die Vögel auf den Flughäfen aus einer Futtertüte.

Er flog von Chicago über New York und Glasgow nach Moskau auf eine Konferenz von Mikrobiologen. Dort hielt er erst eine miese Rede mit unwissenschaftlichen Klagen über den schlechten Zustand der Erde und brach dann auch noch alle Geheimhaltungsvereinbarungen, als er von seiner Arbeit erzählte. Er habe, so sagte er zum Erstaunen der Zuhörer, ein Leukämievirus mutieren lassen, so dass nur höhere Säugetiere davon betroffen würden. Deren Immunsystem würde ausgeschaltet.

Als er in Hongkong landet, nehmen ihn die Amis fest und bringen ihn wieder nach Omaha, ins Militärhospital. Da ist es aber bereits zu spät, für ihn und für die Welt. Die Menschen überall auf seiner Reiseroute und zusätzlich auf den Wanderrouten der Zugvögel, die er gefüttert hatte, beginnen zu sterben …

Mein Eindruck

„Dr. Ain“ ist eine der erstaunlichsten Geschichten der SF überhaupt. Sie enthält mehrere Rätsel. Was verfüttert er an die Vögel? Wer ist er überhaupt? Und wer ist die Frau, mit der er sich ständig unterhält? Die Antwort: Diese Frau ist die Erde: Gäa Gloriatrix, seine erotische Geliebte, die er retten will, indem er den Menschen ausrottet. Und der Flug dient der Aussaat dieses Mittels zur Ausrottung. Im Grunde ist Dr. Ains Flug also ein Horrortrip … Hinweis: Die Autorin hat noch einige weitere Storys über die Reinigung der Erde von der menschlichen „Pest“ veröffentlicht.

10) Fehler

Bei einem Frachtflug zum Planeten der Shodars rastet der Matrose Mitchell leider aus. Captain John, unser Chronist, hätte den impulsiven Mann nie mitnehmen sollen, aber nun ist es zu spät: Mitchell reißt einem der Shodars die Fühler ab! Es kommt zu einem Prozess, zu einer Verurteilung wegen Kastration und zu einer Strafe.

Zunächst spürt Mitchell nichts, und Captain John ist schon froh, aber dann erweist sich die Strafe als unvorstellbar grausam. Die Shodars haben nicht seine Haftung im Raum verändert, sondern seine Haftung in der Zeit. Folglich erfolgt seine Reaktion immer eine Sekunde zu spät. Zu anfangs jedenfalls. Zwei Jahre später sind aus den Sekunden 20 Stunden geworden. Maggie, Mitchells Frau, unternimmt heldenmütig – oder liebevoll – alles, um ihrem Mann in diese 20-Stunden-Vergangenheit (oder Zukunft?) zu folgen …

Mein Eindruck

Die Story enthält eine verblüffend geschickt ausgeformte Idee, auf die man erstmal kommen muss. Ein Rutschen in der Zeit, dessen Ausmaß allmählich anwächst. Bis die Liebe zwischen Mann und Frau tragische Ausmaße annimmt und sie an Orpheus und Eurydike erinnern, wenn auch mit umgekehrten Vorzeichen: Sie folgt ihm in die Unterwelt des time-slips. Bewegend und mit einer netten Pointe versehen.

11) Ein Kommen, ein Gehen

Maltbie Trot ist ein Mitarbeiter bei einem Zeitungsverlag, der Leserbriefe an die „Liebe Candy“ beantwortet, sollte sich also mit Beziehungsfragen auskennen. Aber mit dem Mädchen, das aus dem Nichts bei ihm erscheint, ist er mit seinem Latein am Ende. Sie stammt aus dem 22-69, sagt sie, stammt aus Shago (= Chicago?) und hat schon einige Beziehungsformen ausprobiert. Aber weder Kommune à la Gangbang noch Harem noch Multikulti-Ehe sind etwas für sie. Da verschwindet sie wieder, aber wenigstens sah sie gut aus. Maltbies Stuhl hat sie mitgenommen. Sauerei.

Mein Eindruck

Die superkurze Story von gerade mal sechs Seiten nimmt satirisch die Leserberatungsseiten der Zeitungen und Frauenzeitschriften auf die Schippe. Nicht nur, indem ein männlicher Schreiberling sich als „Candy“ ausgibt – das kann man schon vermuten, wenn man Dr. Sommer in „Bravo“ liest. Nein, auch die komplizierten Beziehungsformen im 23. Jahrhundert sind eine Nummer zu schwierig für unseren 08/15-Ratgeber. Das Mädel redet in einem schnoddrigen (Berliner?) Gossenjargon, der mir sehr sympathisch ist. Und eigentlich willse ja gar nich zu Candy, sondern bloß aufn Lokus …

12) Die Einleitung von Robert Silverberg und Wolfgang Jeschke

99 Prozent dieses Textes stammen von Silverberg, von Jeschke kommen nur wenige Zeilen der Erläuterung hinzu. Erst 1977 wurde das Geheimnis um „James Tiptree jr.“ gelüftet, doch weil Silverbergs Text bereits 1974 (in „Phantasmicom“) erschien, spekuliert er noch, der Autor von „Paradiesmilch“ und anderen irren Geschichten müsse wohl ein Mann sein. Weil ja der Stil irgendwie „maskulin“ sei.

Was ich am ehesten aus seinem Text mitzunehmen bereit war, sind seine kurzen Wertungen der Erzählungen und besonders der Sammlungen, in denen sie zusammengefasst veröffentlicht wurden. So fehlt beispielsweise „Your haploid heart“ in der ersten Sammlung „10.000 Lichtjahr von Zuhause“ aus dem Jahr 1973, wohl weil die Novelle dafür zu lang war. Sie erschien erst in „Sternenlieder eines alten Primaten“ (ebenfalls bei Heyne). Silverberg weist auf diesen bemerkenswerten Umstand hin.

Ebenfalls von Interesse, zumindest für den literaturhistorisch interessierten SF-Fan, ist sein Bericht über das Auftauchen des „Phänomens“ James Tiptree jr., denn daran lässt sich ablesen, wie sehr die alte Garde von diesen umwerfenden Storys beeindruckt, wenn nicht sogar geschockt war. Es war unausweichlich, dass Tiptree auch in Harlan Ellisons Anthologie „Again, dangerous visions“ aufgenommen wurde. Ellison wollte ja alles, was irgendwie rebellisch und ungewöhnlich aussah, aufnehmen. Schon 1969 hatte er mit „Dangerous Visions“ die Leser aufgeschreckt. Wir warten heute noch auf seine Anthologie „Last dangerous visions“: Die Beiträge sind alle bezahlt, aber das Buch noch nicht erschienen. Vielleicht klappt’s ja, wenn Ellison unter der Erde ist. (Was inzwischen der Fall ist, aber die Anthologie ist immer noch nicht da.)

Die Übersetzung

… von René Mahlow ist leider nicht ganz das Gelbe vom Ei. Zwar wird man – selten genug – von Druckfehlern verschont, aber die meisten der rund ein Dutzend Zweifelsfälle sind in der Regel stilistischer Natur. „Ein delikater Augenblick“ ist zum Beispiel nicht etwas Schmackhaftes, sondern etwas Zerbrechliches, das auf der Kippe steht. Statt „Quetchuan“ sollte die Sprache der Inkas „Quetchua“ heißen. Ich wünschte, der Verlag würde die Übersetzung nochmals durchsehen und neu veröffentlichen.

Hinweis: Das hat inzwischen ein österreichischer Verlag erledigt, der leider keine Rezensionsexemplare verschickt, sonst hätte ich sie schon längst besprochen.

Unterm Strich

Von allen originellen Geschichten ist mir vor allem die kurze Story „Liebe ist der Plan, der Plan ist Tod“ in Erinnerung geblieben, weiß Gott, warum; vielleicht wegen ihrer – durchaus nicht vorhersehbaren – Unausweichlichkeit, die an die antike Tragödie erinnert, aber auch wegen der intensiven sinnlichen Gefühle, die in der Beziehung der Echse zu ihrem „Liebling“ zum Ausdruck gebracht werden. Zu Recht ist die Erzählung mit einem wichtigen Preis des Genres (Nebula Award) ausgezeichnet worden.

Science-Fiction hat ihre Allgegenwärtigkeit vor allem dadurch erreicht, dass sie einerseits ein Sammelbecken für alle Arten von mythischen Helden und Heldinnen bildet, andererseits aber auch eine Literaturgattung ist, die ständig neue Ideen hervorbringt. Hervorbringen muss, denn der Wettbewerb innerhalb der SF und ihrer zahlreichen medialen Erscheinungsformen ist heute beinhart.

Anno 1970/73, als diese Erzählungen erschienen, war die SF zwar schon als TV-Serie über die Bildschirme geflimmert („Star Trek“), hatte sich aber erst nach vierzig Jahren von ihren amerikanischen Groschenheft-Anfängen (ca. 1927) entfernt – und der große Durchbruch stand mit „Star Wars“ (1977) noch bevor.

Tiptrees Erzählungen und ihre abgefahrenen Ideen trugen mit zu einer Veränderung des SF-Genres bei, nicht wie die New Wave sozialkritisch, sondern wie Le Guin in Richtung „weicher“ Wissenschaften und dabei besonders aus weiblicher Sicht – obwohl man das ihren Storys lange Zeit nicht ansah. Aber es ist auffällig, wie oft Frauen und Mädchen in diesen hier gesammelten Geschichten im Mittelpunkt stehen – oder als Gegenüber auftreten. Dass dies den männlichen Autoren der SF, stellvertretend sei Silverberg genannt, nicht auffiel, verwundert noch heute.

Für mich ist dieser Erzählband einer der persönlich wichtigsten in der SF, viel wichtiger als irgendetwas von Heinlein oder Asimov oder Herbert. Denn Tiptree alias Alice Sheldon wagt sich auf respektlose Standpunkte und und kritische Blickwinkel vor, die ihre Kollegen nie auch nur einzunehmen gewagt hätten – und die deshalb bis heute zu faszinieren wissen. SF lebt von Ideen, und die Kurzgeschichte ist von jeher die ideale Form dafür.

Taschenbuch: 220 Seiten
Originaltitel: Warm worlds and others, 1975
Aus dem Englischen von René Mahlow.
Illustriert von Thomas Heston, Titelbild von Karel Thole
ISBN-13: 9783453307247

www.heyne.de

John Brunner – Der galaktische Verbraucherservice: Zeitmaschinen für jedermann

Stiftung Warentest goes Galaxy!

Endlich hat sich mal jemand die Mühe gemacht, preiswerte Zeitmaschinen und doppelröhrige Wunscherfüllungsmaschinen auf Herz und Nieren zu prüfen! Die Berichte des Galaktischen Verbraucherservice sind Gold wert und jeder Endbenutzer, der sie als Heimgerät zu verwenden gedenkt, sollte die entsprechenden Berichte in „Der gute Kauf“ gelesen haben – möglichst VORHER. Sieben weitere Erzählungen ergänzen diese wertvollen Berichte.
Die Erzählungen
John Brunner – Der galaktische Verbraucherservice: Zeitmaschinen für jedermann weiterlesen

Philip K. Dick – Paycheck – Die Abrechnung. Erzählungen

Mittelmäßige Story-Auswahl

Der vorliegende Band enthält einige der besten Storys von Philip K. Dick (1928-82), darunter die literarische Vorlage zu John Woos Actionkrimi „Paycheck – Die Abrechnung“ (mit Ben Affleck und Uma Thurman). Etliche andere Storys erschienen bereits in der Mammutstorysammlung „Der unmögliche Planet“. Einige sind dort aber nicht enthalten, so auch „Paycheck“. Ich bespreche diese „neuen“ Storys eingehender.

Philip K. Dick ist in Hollywood angesagt: Der letzte Höhepunkt der Verfilmungen seiner Werke besteht in „Paycheck – Die Abrechnung“. Aber die Verfilmungen begannen schon 1980 mit Ridley Scotts „Blade Runner“, und das ist nun ein wahrer Kultfilm geworden. Weiter ging’s mit „Total Recall“, „Screamers“, „Impostor“ und „Minority Report“. Andere Filme wie „Matrix“, „eXistenZ“, „Vanilla Sky“ und „Die Truman Show“ verdanken Dicks Ideen ebenfalls sehr viel, ohne ihm allerdings dafür nachträglich zu danken. Warum Dick ziemlich genau 50 Jahre nach Erscheinen der jeweiligen Storys aktuell wird, könnte etwas mit den Lizenzrechten zu tun haben. Das ist aber nur eine Vermutung.

Aber auch die Filme befassen sich zwangsläufig mit den Grundthemen in Dicks Werk: Was ist menschlich? Und was ist die Wirklichkeit? Früher oder später dürfte wohl jeder Leser ebenfalls auf diese zwei Fragen stoßen. Dick liefert dazu eine Menge Anregungen und unterhaltsame Ideen.

Der Autor

Philip Kindred Dick (1928-1982) war einer der wichtigsten und zugleich ärmsten Science-Fiction-Schriftsteller seiner Zeit. Obwohl er fast 30 Jahre lang veröffentlichte (1953-1981), wurde ihm zu Lebzeiten nur geringe Anerkennung zuteil. Oder von der falschen Seite: Das FBI ließ einmal seine Wohnung nach dem Manuskript von „Flow my tears, the policeman said“ (dt. als „Die andere Welt“ bei Heyne) durchsuchen. Okay, das war unter Nixon. Er war mehrmals verheiratet und wieder geschieden, philosophisch, literarisch und musikologisch gebildet, gab sich aber wegen des Schreibstresses durchaus dem Konsum von Medikamenten und Rauschdrogen wie LSD hin – wohl nicht nur auf Erkenntnissuche wie 1967.
Er erlebte noch, wie Ridley Scott seinen Roman „Do androids dream of electric sheep?“ zu „Blade Runner“ umsetzte und ist kurz in einer Szene in „Total Recall“ (1982) zu sehen (auf der Marsschienenbahn).

Vorwort – von Sascha Mamczak

Sascha Mamczak ist bei Heyne der verantwortliche Lektor für die Science-Fiction-Titel. In seinem Vorwort geht er auf die Frage ein, wie sich Science-Fiction und Film/Fernsehen zueinander verhalten, genauer: Wie gut könnten Verfilmungen von Science-Fiction-Stoffen sein, wenn sich Film & Fernsehen Mühe gäben? Es gibt ja so unterschiedliche Werke wie „Blade Runner“ und „Total Recall“ – der eine ein Kultfilm, der andere ein Starvehikel im Gewand eines Actionfilms. Aus seinen Antworten muss man allerdings selbst ableiten, was Mamczak von John Woos Film „Paycheck“ halten würde, wenn man ihn fragte.

Wichtiger noch sind seine Anmerkungen zur Bedeutung der Science-Fiction als literarisches bzw. multimediales Mittel, um sich mit der Gegenwart auseinanderzusetzen: Sie ist das einzige Genre, das die angemessenen Mittel bereitstellt. Wie sonst sollte man die Tatsache umsetzen, dass die USA & Co. einen permanenten Präventivkrieg gegen „den Terror“ führen? Wer schuldig und wer unschuldig ist – wer bestimmt das?

Die Folgen dieses neuen Kalten Krieges werden zunehmend bizarrer, je mehr deutlich erkennbar wird, wie skrupellos sich die USA und Großbritannien eine Entschuldigung für ihren Angriff auf den Irak zusammengedichtet haben. Dass die angegriffenen „Terroristen“ nun weltweit den Spieß umdrehen, wird noch zu einigem Kopfzerbrechen und leider auch zu vielen Opfern führen. Wir bekommen es bereits jetzt durch gestiegene Sicherheitsausgaben zu spüren.

Die Erzählungen

Paycheck – Die Abrechnung (1953)

Die Titelstory schildert uns die Abenteuer des Mechanikers Michael Jennings. Er ist gerade von einer zweijährigen Anstellung bei der Firma Rethrick Construction zurückgekehrt. Da man ihm aber sein Gedächtnis gelöscht hat (eine Operationsnarbe beweist das), erinnert er sich nicht daran, was er in dieser Zeit getan hat. Man kann sich seine Überraschung vorstellen, als er als Lohn für zwei Jahre Lebenszeit nicht die erwarteten 50.000 Verrechnungseinheiten, sondern lediglich eine Tüte mit sieben rätselhaften Gegenständen erhält. Doch es ist alles rechtens, wie Kelly, die Empfangsdame, beweist: Er hatte die Umwandlung des Geldes in „Naturalien“ selbst genehmigt.

In den zwei Jahren ist es zu einem Regierungsumsturz gekommen. Mittlerweile schnüffelt so etwas wie Gestapo hinter allem her – natürlich auch hinter Jennings. Man will wissen, was Rethrick baut und was Jennings dabei zu tun hatte. „Wo ist die Rethrick-Fabrik?“ Jennings hat keine Ahnung. Doch mit Hilfe der „geerbten“ Objekte kann er a) entkommen und b) sogar diese ominöse Fabrik ausfindig machen: Sie liegt in Iowa, ein grauer Betonklotz auf einem schwer bewachten, kahlgebrannten Hügel.

Da kommt Jennings ein verwegener Gedanke: Wenn er Rethrick mit dem erpressen könnte, was er in der Fabrik zu finden hofft, dann könnte er Teilhaber werden. Leider kommt es ganz anders, denn Kelly, der er sich anvertraut und auf die er baut, ist nicht die, für die sie sich ausgibt…

Nanny (1955)

„Nanny“ (Kindermädchen) ist eine beißende Satire auf das amerikanische Konsumverhalten. – In einer Welt der nahen Zukunft gibt es Robotkindermädchen (ähnlich wie „Asimo“), die zwar ihre Schützlinge behüten wie ihren künstlichen Augapfel, aber dafür gegeneinander kämpfen bis zum Letzten. Nach wenigen Jahren sind die Modelle so veraltet, dass sie die Schlachten untereinander verlieren und durch neue ersetzt werden müssen. Das wiederum hält die Wirtschaftsmaschine am Laufen, ist aber auch ein Spiegelbild des Rüstungswettlaufs zwischen beiden großen Machtblöcken während des Kalten Krieges . Geschildert durch die Augen zweier Kinder und zweier Elternpaare ist diese Erzählung zwar sehr geradlinig, aber auch sehr einfühlsam.

Jons Welt (1954)

Caleb Ryan lebt in einem verwüsteten Nachkriegsamerika, das sich so langsam wieder berappelt. Immerhin verfügt er als Ingenieur inzwischen über eine richtige Zeitmaschine. Damit will er in die Vergangenheit reisen, an jenen Zeitpunkt, da der Militärforscher Schonerman den Grundstein legte für jene Killerroboter à la „Terminator“, die zunächst von der UNO gegen die Sowjets eingesetzt wurden, die sich dann aber verselbständigten und Krieg gegen alle Menschen führten – und dabei fast Erfolg gehabt hätten.

Der einzige Umstand, der Ryans perfekt geordnetes Leben stört, ist das abnorme Verhalten seines Sohnes Jon. Jon hat, wie er erzählt, lebhafte „Visionen“ von einer alternativen Wirklichkeit, in der die Erde von gelben Weizenfeldern und grünen Parks bedeckt ist und weiß gewandete Menschen über das Universum diskutieren. Jons Vater lässt ihn umgehend am Gehirn operieren, um diese Hirngespinste abzustellen.

In der Vergangenheit gelingt es Ryan und seinem Begleiter Kastner, Schonermans wissenschaftliche Unterlagen zu stehlen und zu entkommen. Auf einem der Zwischenstopps zurück in die Zukunft erfährt Ryan, dass der Krieg vorüber ist. Von den Killerrobotern, den „Greifern“, haben die Soldaten nie etwas gehört, auch nicht von einem gewissen Schonerman.

Als die Zeitreisenden in ihrer eigenen Zeit ankommen, sehen sie Jons Visionen verwirklicht. Jon gibt es nicht mehr. Doch anhand der Schonerman-Papiere könnten sie in der Vergangenheit noch einmal die Wiederholung des Krieges herbeiführen…

Die Story erinnert stark an „Die Sieger“, in der Soldaten, die lange im Bunker ihre Welt errichtet hatten, plötzlich in eine grüne Welt an der Oberfläche dringen, wo Roboter herrschen. Die Pointe ist sowohl ironisch als auch tragisch, wenn man Jons Schicksal bedenkt.

Frühstück im Zwielicht (1954)

Eine bitterböse, fesselnde Story mit einer überdeutlichen Warnung vor einem Atomkrieg.- Die fünfköpfige amerikanische Musterfamilie der McLeans frühstückt wie jeden Werktagmorgen, doch als Sohn Tommy zur Schule gehen will, ist da keine Schule mehr. Auch keine Straße, keine Häuser, nicht einmal eine Stadt. Da ist nur ein diffuser Nebel und wehende Asche vor der Haustür…

Die Soldaten, die mit Gasmasken in das Haus der McLeans eindringen, sind völlig von den Socken: ein gesunder Mann, der nicht beim Militär ist, eine Frau, die „nicht verschnürt“ ist, und Kinder, die nicht in Kanada im Lager indoktriniert werden. Und kiloweise Lebensmittel! Nachdem das gegenseitige Entsetzen und Erstaunen etwas abgeklungen ist, erklärt der herbeigerufene Politische Kommissar die Lage: 1977 – also in der Zukunft der McLeans – begannen die Sowjets, die USA mit robotergesteuerten Raketen zu beschießen. Er herrscht permanenter Weltkrieg zwischen den Machtblöcken. Die Raketen haben Amerika in eine radioaktive Wüste aus Schutt und Asche verwandelt.

Die einzige Möglichkeit, wie die McLeans in dieses Horrorszenario gekommen sein können, ist eine Zeitanomalie. Nachdem sie sich dafür entschieden haben, hier nicht leben zu wollen – man hätte sie alle getrennt -, verschlägt sie ein schwerer Raketenangriff wieder in ihre angestammte Gegenwart. Erschüttert, doch unfähig, die Wahrheit über die erlebte Zukunft zu erzählen, beginnt Tim McLean zu berichten: „Es muss an dem Heißwasserboiler gelegen haben“…

Kleine Stadt (1954)

Verne Haskel ist ein frustrierter Arbeiter in Woodland, Kalifornien. Er arbeitet in der Fabrik für Pumpen und Ventile. Seine Frau Madge ist ebenfalls frustriert und hat deshalb einen Liebhaber, Dr. Paul Tyler, aber das merkt Verne nicht. Denn Verne beschäftigt sich seit seiner Kindheit privat nur mit seiner riesigen Modelleisenbahn, die er im Keller aufgebaut hat. Madge findet sie monströs und Vernes Verhalten infantil. Dr. Tyler hingegen schwant Übles, sieht aber in Vernes Obsession zunächst eine Möglichkeit, ihn unmündig erklären zu lassen und sodann Madge zu bekommen.

Dummerweise verfällt Verne eines Nachts auf den verwegenen Gedanken, die Modelleisenbahn und das Abbild von Woodland, das sie reflektiert, abzuändern. Alles wird ersetzt und umgemodelt. Dann passiert etwas, das typisch ist für Dick: Die Vorstellung wird zur Wirklichkeit. Motto: Du kannst die Welt verändern, wenn du es willst. Und also geschah es, und Verne sah, dass es gut war.

Das Vater-Ding (1954)

Der achtjährige Charles Walton ist entsetzt: Er hat seinen Vater doppelt gesehen. Doch das Wesen, das sich nun an den Tisch zum Abendessen setzt, kann nicht sein richtiger Vater sein. Es sieht nicht echt aus. Und es droht ihm mit Prügel, sollte er nicht zur Vernunft kommen. Doch Charlie weiß sich zu helfen. Er geht zu Tony Peretti, dem 14-jährigen Schulrabauken, der bereits ein Luftgewehr besitzt. Peretti glaubt Charlie erst, als er die abgestreifte Haut von Charlies echtem Vater in einer Tonne in der Garage gezeigt bekommt. Peretti fällt an dem lebenden Vater-Ding auf, dass es irgendwie ferngesteuert wirkt. Doch wodurch und woher? Der beste Sucher ist Bobby Daniels, und tatsächlich: Unter einem Betondeckel im Garten findet sich ein riesiger Käfer. Leider nützt das Luftgewehr nichts gegen das Viech, und das Vater-Ding greift das Trio an. Charlie flieht in ein Bambusgebüsch und erstarrt: Dort wächst bleich wie ein Pilz – ein Mutter-Ding. Und einen Meter ist ein Charlie-Ding schon fast herangereift. Und dahinter warten noch andere Dinger. Da packt ihn das Vater-Ding…

Der gute (gütige) Vater verschwindet und wird durch den schlechten (strafenden) Vater ersetzt: eine der verbreiteten Kindheitsängste. Offenbar auch die von Philip K. Dick. Obwohl die Story von 1954 sehr gut in das paranoide politische Klima der McCarthy-Ära passen würde, die in jedem linken Amerikaner ein kommunistisches Monster vermutete.- Die Story ist sehr lebendig, spannend und einfühlsam erzählt. Sie erinnert am Schluss stark an Jack Finneys Roman „Invasion of the body-snatchers“, der nur ein Jahr später veröffentlicht wurde. Dieser sah bislang zwei Verfilmungen, 1956 von Don Siegel und 1978 durch Philip Kaufman.

Zwischen den Stühlen (The Chromium Fence, 1955)

In den USA haben zwei politische Parteien das Sagen: Die Naturalisten bestehen auf dem Recht des Menschen, Schweiß abzusondern und keine gepflegten Zähne zu haben. Die Puristen sind das Gegenteil: Die Schweißdrüsen sind zu entfernen und die Zähne penibel zu reinigen etc.

Don Walsh jedoch, ein braver Arbeiter mit Familie, weigert sich, einer dieser Parteien am Tag der Wahl sein Votum zu geben. Streit gibt es schon genug in seiner Familie: In der winzigen Wohnung kabbelt sich sein Schwager als Naturalist mit Dons Sohn Jimmy, einem Fähnrich der Puristenliga.

Am Tag, als die von der Industrie gestützten Puristen siegen, wird auch das sogenannte Horney-Gesetz verabschiedet, das Nazi-mäßige Verhältnisse einführt: Es gibt eine Konformitätskontrolle, und Don soll zur Umerziehung ins Lager. Als er allerdings erkennt, dass der Psychiater-Robot ihn falsch im Sinne der Regierung beraten hat, trifft er eine fatale Entscheidung. Dons Ende kommt unvermittelt und wirkt schockierend.

Autofab (1955)

Nach fünf Jahren Atomkrieg kriechen die Menschen (d.h. die Amerikaner) wieder aus ihren Löchern und bauen sich ärmliche Siedlungen. Aber sie haben es im Vergleich zu anderen Völkern noch gut: Automatische Fabriken, die sie zuvor unterirdisch angelegt hatten, versorgen sie mit allem, was sie brauchen: Medikamente, Lebensmittel, Kleidung, you name it.

Doch „der Mensch ist Mensch, weil er begehrt“ – und das gilt besonders für die Freiheit. Eines Tages beschließen die Oberen von dem, was einst Kansas City war, sich einen Autofab-Experten zu holen, um endlich selbst die Leitung der Automatischen Fabriken – kurz „Autofab“ – zu übernehmen. Denn die Autofab lässt sich nicht abschalten. O’Neill hat ein paar geniale Ideen, und nachdem die anderen ihre Wut an unschuldigen Androiden abreagiert haben, kommt er auch zum Zuge: Er legt einen Köder aus dem seltenen Metalls Wolfram aus, um den sich garantiert zwei Autofabs streiten müssen. Tatsächlich scheint sich die Autofab von Pittsburgh über den Haufen raren Rohstoffs zu freuen, da fallen die Jäger und Roboter aus Detroit über ihre Maschinen her. Pittsburgh sucht sich Verbündete, Detroit natürlich ebenfalls – schon bald ist der schönste Krieg im Gange.

Leider haben die Menschen jetzt zwar Freiheit, aber nichts mehr von den Autofab-Annehmlichkeiten. Mehrere Monate später geht O’Neill der halb zerstörten Autofab von Kansas auf den Grund und hört ein Rumoren, Surren und Grummeln. Tut sich da was? Und was, um Himmels willen, wird da unten produziert?

Man hat diese Story als Vision einer außer Kontrolle geratenen Ökologie gedeutet, als eine „grüne“ Warnung. Das scheint mir zu weit hergeholt. Denn die Autofab ist die Verkörperung einer Technologie, die sich aufgrund der Survival-Ideologie des Militärs, inzwischen der Kontrolle des Menschen entzieht. Die Autofab-Kultur kann denn auch nur mit einer militärischen List außer Gefecht gesetzt werden, jedoch nicht mit einem Frontalangriff. Richtig fies wird die Story dann am Schluss, als aus der Wiederauferstehung der Fabrik ihre Ausbreitung auf den Rest des Universums folgt.

Zur Zeit der Perky Pat (1963)

Ähnlich wie in „Autofab“ leben auch hier die Überlebenden eines Atomkrieges in unterirdischen Anlagen, die sie „Launengruben“ nennen“, und bekommen alles Lebensnotwendige von Flugzeugen, die Care-Pakete abwerfen. Aus den mechanischen Teilen bauen die Erwachsenen aber nicht etwa besonders nützliche Dinge, sondern eine Art Puppenhaus, über das jede Familie verfügt. Das Spiel heißt „Perky Pat“ und funktioniert genau wie Monopoly, nur dass die Hauptfigur eine Barbiepuppe namens Perky Pat ist: 17, blond und unschuldig. So geben die Überlebenden ihrem Bedürfnis nach, in der Scheinwelt der Vergangenheit zu leben, einer Welt des Konsums. Währenddessen lernt die junge Generation, mutierte Tiere, sogenannte Hutzen (Hunde + Katzen) zu jagen und zu essen.

Eines Tages kommt es zu einem Wettstreit zwischen Perky-Pat-Spielern und Spielern von „Companion Connie“ aus Oakland. Die Bedrohung ihrer jeweiligen Scheinwelten ist enorm: Companion Connie ist – oh Schock! – nicht nur verheiratet und intim mit ihrem Mann, sondern erwartet auch noch ein Baby! Als die Gewinner in ihre Perky-Pat-Kolonie zurückkehren, werden sie dort mit Steinwürfen bedroht und ausgestoßen: Companion Connie ist ihnen ein Gräuel.

Zwei Jahre später (1965) weitete Dick dieses Thema zu seinem Roman „Die drei Stigmata des Palmer Eldritch“ aus: Die Scheinwelt von Überlebenden auf dem Mars wird durch Halluzinogene noch zementiert und plausibler.

Allzeit-bereit (1963)

In einem Amerika der nahen Zukunft haben es die Beamtengewerkschaften geschafft, dass sie einen Stellvertreter des Präsidenten stellen können. Dieser steht auf Abruf bereit, falls das präsidiale Supergehirn Unicephalon (= Ein-Kopf) 40-D ausfallen sollte. Bei einer Alien-Invasion tritt dieser Ernstfall ein: die KI fällt für Wochen aus. Nun muss Max Fischer ran, ein behäbiger Bürokrat, der plötzlich die Rolle des Obersten Befehlshabers der Streitkräfte ausfüllen soll.

Kein Wunder, dass er Opposition hervorruft, allerdings aus einem unwahrscheinlichen Lager: von den Medien. Die Nachrichtensprecher dieser Zeit sind Clowns und sehen auch so aus: mit roter Perücke und Knollennase. Jim-Jam Briskin bestreitet, dass Max Fischer legitimer Präsident der USA ist und stellt sich selbst Gegenkandidaten auf. Es sieht nicht gut aus für Fischers gerade erst begonnene Laufbahn als Präsi und er will schon auf den Knopf zur Vernichtung von Briskin drücken, da meldet sich die KI Unicephalon zurück und bringt alle zur Räson. Na, dann vielleicht beim nächsten Mal, Max?

Ein kleines Trostpflaster für uns Temponauten (1974)

„Ich will sterben“, fleht Addison Doug, doch dieser Wunsch bleibt ihm verwehrt. Genauso wie seine Mit-Temponauten Benz und Crayne ist er in einer Zeitschleife gefangen: Er ist dazu verdammt, immer wieder seinen eigenen Tod, seine Rückkehr und die nationale Trauerfeier wiederzuerleben. Seine Merry Lou ist ihm nur eine kleine psychologische Stütze bei seiner Bürde, aber immerhin: Benz und Crayne haben überhaupt niemanden, der ihnen hilft.

Nach und nach erfahren wir aus Gesprächen, wie es zu der misslichen Lage kam. Die Russen hatten schon ein Team 50 Jahre voraus in die Zukunft geschickt. Die Amerikaner mussten natürlich nachziehen, mit einem doppelt so weiten „Flug“. Leider ging beim „Wiedereintritt“ in die Gegenwart etwas schief, und damit begann die Zeitschleife. Als einzigen Ausweg sieht Doug die Selbstvernichtung beim „nächsten“ Flug: Er nimmt 50 Pfund Zusatzgewicht mit, so dass es beim Rückeintritt zu einer Implosion kommen müsste, bei der die Temponauten sterben sollten….

Das ist eine psychologisch tiefgründige, aber logisch gesehen anstrengende Story. Kein Wunder angesichts der zu bewältigenden Zeitparadoxa. Am wichtigsten ist aber die Psychologie, und auch bei dieser hapert es, besonders bei Merry Lou: Wenn sie Doug liebt, warum hilft sie ihm dann zu sterben? Sie sagt nie, dass sie ihn von seiner Bürde – nämlich die Hölle des ewigen Lebens – befreien will. Auch wird erst beim wiederholten Lesen klar, warum Doug seinen zwei Kollegen etwas vormacht: Sein letztes Gespräch mit dem Militärkommando der Mission verläuft ganz anders als er es ihnen erzählt. Fazit: In dieser Story, die zuerst in „Final Stage“ (GB) erschien, steckt mehr, als auf den ersten Blick zu sehen ist. Daher hat sie andere Autoren stark beeinflusst.

Die Präpersonen (1974)

Diese provokante Erzählung schildert die Welt des kleinen Jungen Walter Best, in der die Abtreibung bis zum zwölften Lebensjahr des Kindes legalisiert ist. Walter lebt daher in ständiger Furcht vor den „Männern im weißen Lieferwagen“: Von ihren Eltern für unerwünscht erklärte Kinder können noch lange nach ihrer Geburt durch Euthanasie getötet werden. Die Parallelen zu den Maßgaben für eine Abtreibung sind unübersehbar – der Autor hat lediglich die Frist vom 5. Monat auf das 12. Jahr verschoben, genau wie das die US-Regierung in seiner Story-Welt tut.

Kein Wunder, dass diese Geschichte in den USA die vehemente Kritik feministischer Autorinnen hervorrief, und sogar Professor Joanna Russ, selbst progressive Science-Fiction-Autorin („Planet der Frauen“), wurde ausfallend gegenüber dem Autor! Man sollte aber berücksichtigen, dass Dick seine Ansicht zur Abtreibung hier nicht unreflektiert und pauschal formuliert hat, sondern mit Vorbedacht. Und dass es nicht unbedingt seine eigene Meinung sein muss – ähnlich wie bei „Glaube unserer Väter“. Es trifft aber zu, dass er hier Walter Bests Vater Ian, einen Abtreibungsgegner, einige sehr unschöne Dinge über Frauen sagen lässt, die sich keine Kinder wünschen. Auch ansonsten hält Dick hier starken Tobak bereit.

Mein Eindruck

Meine Eindrücke habe ich zu fast jeder Story geschrieben. Unter den „neuen“ Storys ragen sicherlich „Paycheck“ (1953) und „Frühstück im Zwielicht“ (1954) heraus. In „Paycheck“ entwickeln unscheinbare Gegenstände wie etwa ein Busfahrschein oder ein Poker-Chip lebenswichtige Bedeutung. In den Augen des Zeitreisenden ändert sich ihre Bedeutung für sein Leben grundlegend, weil sie sich genau dann als passend erweisen, wenn ihr Nutzen am größten ist. Hier erhebt sich die Frage, ob nicht Ursache und Wirkung vertauscht werden. Der Witz ist aber, dass bei Zeitreisen mit höchster Wahrscheinlichkeit Ursache und Wirkung vertauscht werden. Davon abgesehen, erweist sich „Paycheck“ als durchaus robuste Basis für einen Thriller. John Woo hat dann nur noch die Action hinzufügen müssen – mit den erkennbar traurigen Ergebnissen.

„Frühstück im Zwielicht“ ist eine laute und eindeutige Warnung vor dem kommenden Weltkrieg. Die Anfangsszene ist ein echter Schocker: man sitzt friedlich und nichts ahnend beim Frühstück, als ein paar Soldaten brüllend die Tür eintreten und fragen, was der Unsinn soll, schließlich herrsche Krieg! Hier erlaubt sich Dick natürlich auch einen Spaß mit Zeit, Raum und Chaos. Am besten ist aber der ironische Schluss: Die Betroffenen betrachten es als ihre Pflicht, ihren nichts ahnenden Nachbarn nichts von dem Horror, der möglicherweise auf sie zukommt, zu verraten, sondern behelfen sich lieber mit dem defekten Heißwasserboiler, der all die Verwüstung an ihrem Haus angerichtet haben muss. Mögen die Nachbarn noch lange friedlich schlafen.

Dagegen fallen die Storys „Allzeit-bereit“, „Zwischen den Stühlen“, „Jons Welt“ und „Kleine Stadt“ ein ganz klein wenig ab. Da sie aber in gleicher Weise auf eine Pointe hin geschrieben sind, verfehlen sie ihre Wirkung auf den Leser nicht. Sie sind ironisch, zuweilen tragisch oder komisch. Die Botschaft ist häufig eine Warnung oder zumindest das Anprangern eines realen oder möglichen Missstandes, selbst wenn dies die (austauschbare?) Position des US-Präsidenten betrifft.

Unterm Strich

„Paycheck“ ist bietet eine ähnlich gute Auswahl an Storys wie „Minority Report“ – ebenfalls ein Film-Tie-in, wie die Amerikaner sagen. Die Überschneidungen sind geringer, als man zunächst befürchten würde – so fehlt etwa die harte Story „Glaube unserer Väter“. Diese Storys hier sind wahlweise provokativ („Präpersonen“), kritisch („Nanny“, Vater-Ding“, „Zwischen den Stühlen“), ironisch („Paycheck“), tragisch („Jons Welt“, „Temponauten“) und komisch („Kleine Stadt“, „Perky Pat“), aber stets mit einer Pointe versehen, die den Leser mit einer klaren Aussage des Autors zurücklässt.

Diese Auswahl – mit sechs Filmfotos illustriert – bietet dem deutschen Leser, der vielleicht nicht mehr auf die Haffmans-Story-Gesamtausgabe zurückgreifen kann, eine Menge weiterer Storys, die in den letzten Jahren nicht mehr zugänglich waren – auch nicht in „Der unmögliche Planet“ mit seinen 832 Seiten.

Die einzige Geschichte, die in Philip K. Dicks persönlicher Auswahl seiner besten Storys („Best of PKD“, 1977, vgl. die Moewig-Ausgabe) noch nicht in diesen späten Auswahlbänden vorliegt, ist „If there were no Benny Cemoli“ aus dem Jahr 1963. Die genannte PKD-Ausgabe von 1977 enthält übrigens ein gutes Vorwort von Dicks englischem Kollegen John Brunner sowie ein Nachwort und Anmerkungen vom Meister selbst.

Michael Matzer ©2004ff

[Nachtrag des Lektors: Die Seitenangabe bei amazon weicht ab, es sind 381 Seiten.]