James Tiptree jr. – Sternenlieder eines alten Primaten

Psychosexuelle Alpträume: klassische SF-Erzählungen

In dieser Storysammlung der geheimnisumwitterten SF-Kultfigur der siebziger Jahre ist endlich ihre Novelle „Dein haploides Herz“ enthalten, die in den bislang veröffentlichten Sammlungen „10.000 Lichtjahre von Zuhaus“, „Beam uns nachhaus“ und „Warme Welten und andere“ fehlte, obwohl sie bereits 1969 erschien. Außerdem ist die preisgekrönte Novelle „Houston, Houston, bitte melden!“ enthalten, in der weibliche Astronauten nach 300 Jahren auf verschollen geglaubte männliche Astronauten treffen…

Die Autorin

Alice Hastings Bradley Sheldon alias James Tiptree jr. alias Raccoona Sheldon wurde 1915 in Chicago geboren. Ihre Mutter war eine Reiseschriftstellerin, ihr Vater Anwalt. Sie lebte in ihrer Jugend in Afrika und Indien, aber anscheinend war sie lange Jahre für die Regierung, die CIA (bis 1955) und das Pentagon tätig. Im Jahr 1967 machte sie ihren Doktor in Psychologie. Obwohl sie bereits 1946 ihre erste Story veröffentlicht hatte, machte sie die Schriftstellerei erst 1967 zu ihrem Hobby, und nach ihrer Pensionierung schrieb sie weiter bis zu ihrem Tod 1987. Sie beging Selbstmord, nachdem sie ihren todkranken Gatten erschossen hatte.

Obwohl sie einige Romane schrieb, wird man sich an sie immer wegen ihrer vielen außergewöhnlichen Erzählungen erinnern. Ihre besten frühen Storys sind im Heyne-Verlag unter dem Titel „10.000 Lichtjahre von Zuhaus“ (1973) und „Warme Welten und andere“ (1975) erschienen. Unvergesslich ist mir zum Beispiel die Story „Liebe ist der Plan, der Plan ist Tod“, die den Nebula Award 1973 errang. Weitere Geschichten sind in „Sternenlieder eines alten Primaten“, „Aus dem Überall“ und schließlich „Die Sternenkrone“ gesammelt. Ihr Roman „Die Feuerschneise“ (Up the walls of the world, 1978, dt. bei Heyne) erhielt ebenfalls hohes Lob.

Erzählungen

1) Dein haploides Herz (1969)

Zwei Beamte, ausgesandt von der galaktischen Föderation, landen auf der Welt Esthaa. Der junge Pax Patton ist Mineraloge, geradezu ein Pfadfinder, und soll hier eigentlich bloß den Boden untersuchen. Der ältere ist Ian Suitlove, ein Ökologe, der aber auch Beglaubigungs-Beauftragter ist. Sein Auftrag besteht darin, den Esthaanern zu attestieren, dass sie von menschlicher Art sind und somit in die Föderation aufgenommen werden können.

Ian ist durch den Unfalltod seines Vorgängers Harkness gewarnt, dass hier etwas nicht mit rechten Dingen zugeht. Tatsächlich wundert er sich bald, dass keinerlei esthaanische Frauen zu sehen sind. Und dass man ihm und Pax den Besuch der Flenni verwehrt, die offenbar eine zweite menschliche Art darstellen. Die Flenni sind unterernährt, unterdrückt und unterprivilegiert. Bei einem heimlichen Besuch, der dem Kontaktmann Owanka offensichtlich nicht recht ist, bekommt Ian einen schriftlichen Hilferuf zugesteckt. Seine Befehle verbieten ihm, sich einzumischen.

Ian wird eines Tages vor den Rat der Esthaaner geladen, und Owanka ist offensichtlich sehr zornig. Auf einer Exkursion in die Berge soll Pax Patton seinen esthaanischen Begleiter ermordet haben. Ian ist ungläubig und verlangt Beweise, die nicht erbracht werden. Fortan steht er praktisch unter Hausarrest, seine Forschungen werden unterbunden. Da er um sein Leben fürchtet, flüchtet er zu den Flenni, die sich vor den wütenden Esthaanern in die Berge zurückgezogen haben.

Dort begegnet er Pax wieder. Der junge Erdling hat sich dem Widerstandskampf der Flenni gegen die Esthaaner angeschlossen, denn er ist überzeugt davon, dass er einen Völkermord verhindern muss. Er hat sogar schon eine schöne Flenni-Gefährtin gefunden. Ian seufzt, denn in Wahrheit verhält sich die ganze Sache völlig anders. Es handle sich nicht um Völkermord, sondern um – doch da wird die Gruppe von einem esthaanischen Fluggerät angegriffen…

Mein Eindruck

Wie viel doch ein halber Chromosomensatz ausmachen kann! Wir Menschen verfügen wegen der zweigeschlechtlichen Fortpflanzung über den doppelten Chromosomensatz, was dazu führt, dass die Gene des einen Satzes Defekte des anderen Satzes ausgleichen können. Doch Flenni und Esthaaner haben jeweils nur einen Chromosomensatz. Sie sind voneinander abhängig, doch die Esthaaner hassen die Flenni, von denen sie abhängig sind, weil sie glauben, dass sie sie weniger menschlich machen – und so die Beglaubigung als Menschen verhindern. Sie schneiden sich ins eigene Fleisch.

Die Story liest sich wie der bekiffte Bericht von einer höchst merkwürdigen CIA-Operation. Die Autorin hat ja für die CIA gearbeitet. Ian Suitlove (Anzugliebe = Beamter) greift wider Willen doch noch in den „Völkermord“ ein, um die völlige Auslöschung der Flenni zu verhindern. Er tut dies auf zwei ziemlich verrückte Arte. Einmal macht er infernalische Musik, um die akustische Kriegsführung der Esthaaner zu neutralisieren – eine groteske Szene. Zum anderen veranlasst er das schnellstmögliche Eingreifen von Privatleuten, denen er hier eine genetische Sensation verspricht – was ja in gewissem Sinne auch zutrifft. Wie so häufig bei Tiptree/Sheldon gibt es auch hier wieder eine Sexszene – allerdings mit Massensex.

2) Und so weiter und so weiter (1971)

An Bord eines Sternenschiffes, das in den Orion-Sektor fliegt, finden sich die Passagiere zusammen, um die gerade überstandene „Diskontinuität“ zu besprechen. Am Ende sind sich zwei Passagiere einig, dass von nun an der Niedergang der galaktischen Zivilisation beginnt: Alles ist erforscht, alles besiedelt, alle Grenzen erreicht. Dumm eben, dass man den Raum zur nächsten Galaxie nicht überwinden kann.

Unterdessen macht sich Klein-Rovy daran, die Grenzen des Nicht-Raums mit begierigen Augen zu erkunden…

Mein Eindruck

Jaja, das alte Lied: Die Alten sind enttäuscht davon, die Grenze der Möglichkeiten erreicht zu haben. Die nächste Generation pflichtet ihnen sogar bei. Nur die ganz Jungen ahnen noch nicht mal was von solchen Grenzen und gehen ganz neue Wege.

Diese sehr kurze Story von wenigen Seiten ist eine Skizze, deren Figuren – mit einer Ausnahme – noch nicht mal Namen haben. Rovy hingegen ist, wie sein Name „Rover“ besagt, ein Streuner und Erkunder. Während die Alten Argumente austauschen, tut er endlich mal was.

3) Ihr Rauch stieg ewig auf (1974)

Der 14-jährige Petey landet im Jahr 1935 oben in den Bergen von Arizona oder New Mexico, mitten im Mescalero-Reservat. Er hat seine Schrotflinte dabei, um auf einem See Enten zu jagen. Alles scheint perfekt zu sein, doch dann geht alles schief. Sogar Flugsaurier tauchen auf. Nach einem seltsamen Blitz sinkt Peteys Bewusstsein wütend in Finsternis…

…und erwacht 1944 im Zimmer der süßen Pilar, die er heftig begehrt. Doch dann sagt sie ihm, dass sie es gerne mit mehreren Männern macht. Wieder Wut, Blitz und Finsternis und…

…Erwachen im Jahr 1953. Pete ist aus dem Koreakrieg zurück und freut sich auf ein Stipendium, um studieren zu können. Er begehrt Molly, doch die meint, sie sei bereits vergeben. Blitz, Wut und Finsternis.

Erwachen. Pete hat Molly geheiratet und mit ihr zwei Kinder. Vons einem Wolkenkratzerbüro aus blickt der zufriedene Mediziner einer strahlenden Zukunft als Nobelpreisträger entgegen. Da fällt sein Blick auf den alten Poststapel. Darin steckt ein Arztjournal, das einen Artikel von der Djakarta University enthält, der genau seine Forschungsergebnisse vorwegnimmt… Blitz und Wut…

Und Erwachen in einer Mondlanschaft, wo sich fremdartige Wesen über ihn beugen. Die Erde ist zerstört, nur sein Bewusstsein ist irgendwie noch erhalten worden, und die Aliens stochern darin herum, indem es mit Energie reaktivieren. Deprimiert und enttäuscht beginnt Pete wieder zu träumen – von der Entenjagd.

Mein Eindruck

Das Leben ist nur ein Traum, den ein Verstorbener in endlosen Schleifen wieder und wieder durchläuft. Die von den Bewusstseinsszenen lebende Erzählung ist ein weiteres Beispiel für die höchst schwarze Sicht der Autorin Alice Sheldon auf die Zukunft der Menschheit im Allgemeinen und des westlichen Mannes im Besonderen.

4) Ein flüchtiges Seinsgefühl (A Momentary Sense of Being, 1975)

Die „Centaur“ ist schon seit zehn Jahren unterwegs zum Centauri-System, um es mit seinen Fähren zu erkunden. Sollte einer der Planeten für Menschen bewohnbar sein, soll sie grünes Licht nach Hause senden. Zu Hause, das ist eine übervölkerte und verschmutzte Erde, die bereits ihre Saatschiffe in Bereitschaft hält. Bislang sendeten die anderen Erkundungsschiffe immer nur Rot, doch der „Centaur“ scheint nun ein Glücksfall beschieden zu sein.

Aber was ist auf der Welt, die die Fähre erkundete, denn nun wirklich passiert? Das fragen sich nicht nur Kapitän Yelliston, sondern auch seine Xenobiologen und der Schiffsarzt Dr. Aaron Kay. Denn Kayes Schwester Lory war auf dieser paradiesischen Blumenwelt – und scheint wohlbehalten zusammen mit einem Alien zurückgekehrt zu sein. Nur dass bei ihrem Verhör einige Ungereimtheiten auftauchen. Das Verhör ist nötig, weil jemand sämtliche Aufzeichnungen zur Landung gelöscht hat.

So hat es offenbar vor dem Abflug Streit mit den anderen Gelandeten gegeben, die daraufhin entgegen aller Vorsichtsmaßnahmen ihre Schutzhelme abnahmen. Und Commander Kuh, Leiter des Landungstrupps, hat sich entschlossen, nicht zurückzukehren. Leutnant Tighe, ein australischer Mineraloge, ist der einzige, der bei dieser irregulären Aktion verletzt worden scheint und befindet sich nun in der Quarantäne an Bord der „Centaur“. Was aber das Merkwürdigste ist: Seitdem wird er immer wieder auf den Korridoren gesichtet, obwohl er sich doch körperlich im Bett befindet.

Mitten in der „Nacht“, als Dr. Kaye bei seiner Geliebten Solange liegt, kommt es zu einem Alarm. Als Kaye den Tatort erreicht, fragt er nach dem Grund der Schlägerei. Einer der anderen Leutnants hat sich über den Befehl des Kapitäns hinweggesetzt und an die Erde „grünes Licht“ gesendet, zumindest an die Russen dort. Was aber, wenn die noch anstehende Untersuchung des Aliens ergibt, dass „Lorys Welt“ gar nicht so paradiesisch ist, wie alle meinen, sondern alles nur auf einer Illusion oder Halluzination beruht?

Mein Eindruck

Dieser Erstkontakt ist ein Geschlechtsakt. Dumm nur, dass die Menschen nur Spermien sind, die nachdem sie ihren Befruchtungsdienst geleistet haben, entbehrlich sind und absterben. Das Alien ist die befruchtete Königin, an Bord geholt von Lory auf telepathischen Befehl hin. Doch was könnte aus den befruchteten Eiern, den Zygoten, entstanden sein, fragt sich der betrunkene Dr. Aaron Kay in seinem Audio-Tagebuch. Sind es jene übergroßen gestalten, die wie Geister im steuerlos gemachten Schiff umherwandeln? Oder sind andere Aliens nun auf Lorys Welt unterwegs?

Letzten Endes macht es für die „Centaur“ keinen Unterschied. Das Schiff ist mitsamt seiner Mission gescheitert, ein Opfer kollektiven Heilswahnsinns, der ausbrach, als das gefängnis des Aliens geöffnet wurde. Doch weitere Schiffe werden kommen, mit vielen weiteren menschlichen Spermien an Bord – um sich ebenfalls in die Leere zwischen den Sternen zu ergießen als sinnlose Ejakulation des Lebens?

Selten wurde das Unternehmen der Raumfahrt an sich so verzweifelt, zweck- und hoffnungslos beschrieben. Ich habe drei Tage gebraucht, um diesen Kurzroman zu lesen. Erst das dritte Kapitel bringt die Action, die die aufgebaute Spannung löst. Den Schluss bildet Kayes Monolog, der mich an das „Penelope“-Kapitel in James Joyces epochalem Roman „Ulysses“ erinnert: ein Gedankenstrom, der aber nichtsdestotrotz mit weiteren Informationen aufwartet. Es hilft, wenn man ein wenig Latein beherrscht, so etwa die Zeile „post coitum [animal] tristum“: Nach dem Geschlechtsakt, ist [das Tier] traurig…

5) Houston, Houston, bitte melden! (HUGO 1976)

Drei amerikanische Astronauten haben in ihrer winzigen Kapsel die Sonne umrundet und hoffen nun auf eine Rückkehr zur Erde. Doch etwas stimmt nicht mit dem Weltall, in das sie nach einem Sonnensturm zurückkehren. Sie rufen Houston, doch nur Frauenstimmen antworten, von einer Mondbasis aus. Und die Frau behauptet, dass es nicht Oktober sei, sondern der 15. März – und zwar 300 Jahre später.

Diesen Schock müssen Lorrimer, Davis und Geirr erst einmal verdauen, während sie ihren Kurs korrigieren. Sie können zwei Raumschiffe namens „Gloria“ und „Escondita“ treffen, die gerade Venus und Merkur erkunden. Die „Gloria“ geht auf Abfangkurs, um die drei längst totgeglaubten Männer aufzunehmen.

Doch es kommt noch härter. Die Erde ist durch eine Pandemie praktisch entvölkert, so dass nur noch zwei Millionen Menschen vor allem in Australien leben. Von diesen Menschen scheint die Mehrzahl weiblich zu sein, und sie haben weder Regierungen noch Hierarchien. Das ist besonders für Commander Davis schwer zu ertragen. Niemand hat ihn für Netzwerke ausgebildet.

Lorimer und Bud Geirr bekommen eine Droge verabreicht, die sie in einen Zustand redseliger Ruhe versetzt. Sie sprechen ihre Gedanken und Eindrücke offen aus, genau wie die Frauen an Bord. So kommen Lorimer beim Schachspiel mit Lady Blue, der „Kommandantin“, verräterische Details zu Ohren. Als er die beiden Judys anschaut, beschleicht ihn ein schrecklicher Verdacht. Was wird Cpt. Norman Davis tun, wen er die Wahrheit herausfindet?

Mein Eindruck

Die Erde gehört den Frauen, aber sie nennen sich natürlich „Menschen“ und haben sich spezialisiert. Schwere Arbeiten etwa werden von androgynen Frauen ausgeführt, den „Andys“ (von andros = Mann). Aber das wäre für den alten Doc Lorimer längst nicht so schlimm, wenn es nicht fast alles Klone von lediglich 1100 Erblinien wären. Das erscheint ihm wie der Stillstand der Evolution. Aber Lady Blue beruhigt ihn: Es gibt inzwischen Methoden, auch diese „Jungfernzeugung“ zu umgehen.

Auf den jungen Bud Geirr wirkt die Information, es gebe nur noch „Miezen“ auf der Erde, wie ein Aphrodisiakum: Er will ein Königreich errichten, in dem ihm die Frauen zu Füßen liegen. Er fängt gleich schon mal mit einer Vergewaltigung im „Gewächshaus“ an, auf Film aufgenommen von einem „Andy“. Lorimer darf nicht einschreiten, und bald entdeckt er auch, warum: Dieser Akt dient der Gewinnung von Sperma.

Auf Cpt. Norman Davis hat die Erkenntnis, dass es keine Männer mehr gibt, eine verheerende Wirkung. Denn Davis ist ein bibelfester Patriarch. Sofort fühlt er sich von Sendungsbewusstsein erfüllt, und seine Mission besteht selbstverständlich darin, ein neues Patriarchat über diese Millionen „hirnloser“ Weibchen zu errichten. Sein Versuch, das Kommando zu übernehmen, geht jedoch dank Lorimers Eingreifen gründlich schief…

In ihrer Radikalität ist die preisgekrönte Novelle (HUGO 1976) ein feministischer Gegenentwurf zum traditionellen Patriarchat, das schon Simone de Beauvoir in „Das andere Geschlecht“ heftig angegriffen hatte. Sie steht daher in einer Reihe mit der Novelle „Die unscheinbaren Frauen“ (The Women Men Don’t See, 1973), die sich auf Deutsch nur in der SF-Anthologie „30 Jahre Magazine of Fantasy and Science Fiction“ findet.

6) Der Psychologe, der keine Ratten quälen wollte (1976)

Tilman Lipsitz, ein jüdischer Psychologie-Doktorand, hat es satt, Ratten im Namen der quantitativen Beobachtungsmethode nach B.F. Skinner zu sezieren und zu quälen. Er versucht, qualitativ zu arbeiten, doch eine Besprechung beim Leiter dieses Forschungsprogramms belehrt ihn, dass er für sein Vorhaben allenfalls noch zwei Wochen bekommt. Dann ist Feiertag, Heldengedenktag, und alle gehen nach Hause.

Doch Tilman hat im Unterschied zu seinen Kollegen ein Gewissen. Er geht zurück in das Institut und schaut, ob alles in Ordnung ist. Zur Feier des Tages hat er sich eine Flasche Absinth mitgenommen, und der halluzinogene Alkohol beschwingt ihn. Er sieht ein, dass seine Methode keine Zukunft hat und bringt die erste Generation kurzerhand um. Doch dann entdeckt er, dass eine alte Ratte fehlt: Snedecor.

Als er unter den Käfigen nachschaut, entdeckt er etwas sehr Sonderbares: einen Knäuel Ratten, der lebendig ist, aber wie zusammengepackt erscheint. Der legendäre Rattenkönig – wow! Tilman wird von einer Art heiliger Scheu und Verehrung gepackt. Dann ist ihm, als werde hinter oder über dem Rattenkönig ein großer Kopf sichtbar, mit roten Augen. Und dieser führe sein leidendes, misshandeltes Volk aus dem Labor hinaus in die Freiheit. Er schließt sich ihm an…

Als er aus seinem Absinthrausch erwacht, ist ihm eine geniale neue Idee gekommen. Sie hat mit Shetlandponies zu tun und ihrer gehirnmäßigen Stimulation bei Pferderennen…

Mein Eindruck

Die Geschichte greift die Legende vom Rattenfänger von Hameln auf und kehrt sie um. Nun sind es die Ratten, die sich in Tilmans Absinthtraum selbst in die – jenseitige – Freiheit führen, und der Rattenfänger muss folgen. Doch ist diese erhoffte Freiheit zu erlangen? Ist es der Freitod, den die Autorin schließlich selbst gewählt hat?

Eines wird klar gemacht: Descartes‘ Unterscheidung zwischen Seelen von Menschen und den Seelen von Tieren wird radikal abgelehnt. Tiere haben das gleiche Recht auf Leben. Und folglich auch das gleiche Recht auf Erlösung vom Leiden, das ihnen der Mensch allenthalben antut. Nein, hier schlagen die Tiere nicht zurück: Hier werden sie wie das Volk Israel aus der ägyptischen oder babylonischen Knechtschaft in die Freiheit geführt.

Es kommt der Verdacht auf, dass dieses Versuchslabor in Wahrheit eine Metapher für ein KZ ist, in dem die Ratten in die Freiheit geführt werden – aber nur im Traum. Denn Lipsitz macht einen radikalen Schnitt mit der eigenen Testgruppe und betätigt sich wie einer der KZ-Herren als Massenmörder.

Der Schluss der Geschichte bildet dann einen zynischen Schlenker, passt aber gar nicht zu Tilmans vorheriger Gewissenhaftigkeit und Feinfühligkeit, sondern vielmehr zu seiner neuen „Persönlichkeit“ als KZ-Killer.

7) Sie wartet auf alle geborenen Menschen (1976)

Nach einem Atomkrieg wird ein kleines Mädchen geboren, das von Geburt an blind ist, sich aber bestens mit einem anderen Sinn zurechtfindet. Es öffnet die Augen mit den weißen Iriden nicht, umgeht aber geschickt alle Hindernisse. Zusammen mit seinem Grüppchen von Überlebenden wächst es am Meer auf. Dort hat man noch einen Geigerzähler, mit dem sich die Reststrahlung messen lässt.

Eines Tages beginnen die Überfälle der „Flieger“, blutrünstiger Krieger, die Kinder rauben und die Erwachsenen töten. Doch nun entdeckt ihre Ziehmutter das wahre Talent des Mädchens, das sie „Snow“ getauft hatte: Kaum öffnet es die Augen, fallen die Flieger tot um. Leider aber auch seine Amme.

Bei einem Großangriff der „Flieger“ tötet Snows Blick nicht nur alle „Flieger“, sondern auch alle Dorfbewohner. Also zieht das Mädchen zum nächsten Dorf weiter, Und zum Nächsten, und so weiter, bis alle Zeit vergangen ist und Besuch von den Sternen kommt. Denn Snow ist auch unsterblich…

Mein Eindruck

Eingebettet ist diese klassische Mutantengeschichte nach dem Vorbild des Ahasver-Mythos in den ewigen, kosmischen Kampf zwischen Leben und Tod. Das Leben birgt den Tod, bringt ihn hervor, geht unter, ersteht von Neuem und so weiter. Somit ist die Mutantin eine Vereinigung aus Leben und Tod: ein schönes Versprechen, eine tödliche Vergeltung.

Snows Episode sind zahlreiche weitere vorgeschaltet. Von den Sauriern über die Urmenschen und die sterbenden Kiowa-Indianer bis hin zum Vorabend des atomaren Holocausts reicht die Kette, welche das Wechselspiel zwischen Leben und Tod belegen soll. Eine elegische Erzählung, ein würdiger Abschluss dieser Sammlung.

8) Vorwort von Ursula K. Le Guin

Die mehrfach preisgekrönte SF-Autorin Le Guin beschäftigt sich nicht ganz unerwartet mit der Tatsache, dass Tiptree zuerst tatsächlich für einen männlichen Autor gehalten wurde. Und zwar von keinem Geringeren als Robert Silverberg, einem Urgestein der SF – siehe das Nachwort zu „Warme Welten und andere“ (vgl. dazu meinen Bericht). Dabei ist Tiptree natürlich Alice Sheldon, 1915 bis 1987.

Die Frage, die Le Guin dann erörtert, ist inzwischen banal, war damals, in den feministischen Achtzigern, wichtig: Was unterscheidet „männliches“ Schreiben von „weiblichem“ Schreiben? Gibt es überhaupt einen Unterschied, und falls doch, welche sind das überhaupt? Und dürfen nur Frauen über selbstbewusste Frauen schreiben, wie es Tiptree in „Die unscheinbaren Frauen“ und „Houston, Houston…“ tat?

All dies ist heute müßige Wortklauberei. Wichtig ist am Ende nur dies: Dies seien großartige Geschichten.

Die Übersetzung

Ich habe 19 stilistische, sprachliche oder grammatikalische Fehler in den von mir erneut gelesen Texten gefunden. Es dürfte sich also nur um die Spitze des Eisbergs handeln. Hinzukommen zwei offene Fragen nach Fakten. Was beispielsweise ist ein „Mannheimkreis“ (S.165)? Die Wikipedia weiß nichts darüber.

Auf S. 160 wird auf einen „alten Wilhelm“ Bezug genommen, der nicht weiter bezeichnet wird. Aus dem Kontext kann nur der philosophisch gebildete Leser schließen, dass es sich um Wilhelm von Ockham (1288–1347) handeln dürfte, der bekanntlich „Ockhams Rasiermesser“ erdachte: „Die Lösung für ein Problem, die als die einfachste erscheint, ist höchstwahrscheinlich auch die richtige.“ (Siehe unten.) Was einen allerdings mächtig auf den Holzweg führen kann, wie die Besatzungsmitglieder der „Centaur“ erfahren müssen.

Vereinfacht ausgedrückt besagt Ockhams scholastischer Lehrsatz:

1. Von mehreren möglichen Erklärungen desselben Sachverhalts ist die einfachste Theorie allen anderen vorzuziehen.

2. Eine Theorie ist einfach, wenn sie möglichst wenige Variablen und Hypothesen enthält, die in klaren logischen Beziehungen zueinander stehen, aus denen der zu erklärende Sachverhalt logisch folgt.

Unterm Strich

Auffällig an Tiptrees hier gesammelten Erzählungen sind das zyklische Geschichtsbild und das Aufbegheren gegen die überkommenen Rollenbilder für die beiden Geschlechter. Für ihren Pessimismus hinsichtlich eines „Fortschritts“ in der Geschichte der Menschheit sprechen die Erzählungen, in denen die Geschehnisse sich wiederholen, etwa in „Ihr Rauch stieg ewig auf“ und in „Und so weiter und so weiter“.

Auch die beste Geschichte des Bandes, „Houston, Houston…“ lebt von der Wiederholung, denn nach 300 Jahren findet erneut der Kampf des alten Patriarchats mit den Frauen statt. Gibt es je einen Fortschritt? Selbst der Rattenforscher und die Crew der „Centaur“ können nicht durchbrechen auf eine bessere, hoffnungsvollere Seinsebene. Ihr Schicksal ist fremdbestimmt und verfremdet sie, begleitet von schwärzester Ironie. Und „Dein haploides Herz“ zeigt eine fremde, humanoide Rasse, deren zwei diploide Formen einander in einem tödlichen Zweikampf gegenseitig vernichten.

Mit anderen Worten: Hoffnungsfrohe Zukunftsliteratur sieht anders aus. Aber innerhalb der Geschichte des Genres hatten diese Erzählungen ihre Berechtigung, denn sie unterminierten den Glauben der naturwissenschaftlich orientierten US-Autoren, dass die Technologie den Menschen das Heil bringen werden, und zwar auch zwischen den Sternen.

Das rückwärts gewandte Hard-Science-Denken aus den 1930er und 1940er Jahren von Heinlein, Asimov, Niven und Co. wird nun von Tiptrees „Soft-Science“-basierter Kritik als bloßer Wunschtraum entlarvt. Zwischen den Sternen und in ferner Zukunft warten keine Geburtstagstorten, sondern so fremde Erscheinungen wie geklonte Frauen, telepathische Aliens und vor allem psychosexuelle Alpträume – zumindest für die männlichen Erkunder. Tiptree hat offenbar von der inhaltlichen Revolution profitiert, die die v.a. britische New Wave in den 1960ern ermöglichte. Leider schlug sich dies nicht auch in ihren stilistischen Formennieder.

In den Jahren zwischen 1969 und 1976 hatten Tiptrees Warnungen durchaus ihre Berechtigung. Heute erscheinen sie selbst dem durchschnittlichen Wissenschaftsleser vermutlich als kaum noch verständlich, wenn auch einem erfahrenen SF-Leser wie mir. Das liegt zum Teil aber auch an den unangemessen schlechten Übersetzungen, die in diesem Band zusammengeschustert wurden. Ich traue beispielsweise kaum einer Zeile in dem Kurzroman „Ein flüchtiges Seinsgefühl“. Zum Glück liegen inzwischen sämtliche Erzählungen Tiptrees in neuer Übersetzung vor, und diese mehreren Bände zu kaufen, lohnt sich wirklich.

Taschenbuch: 382 Seiten
Originaltitel: Star Songs of an Old Primate, 1978
Aus dem US-Englischen von Irene Bonhorst, Walter Brumm, Jürgen Langowski und Sylvia Pukallus
ISBN-13: 978-3453009745

www.heyne.de

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