Connie Willis – Brandwache. Phantastische Geschichten

Ausgezeichnete, einfallsreiche Phantastik-Erzählungen

Dies ist eine Story-Sammlung der besonderen Art, von einer der besten Autorinnen der phantastischen Literatur. Die Titelgeschichte wurde mehrfach ausgezeichnet.

Dies sind die Stories:

– Die Story vom Historiker, der eine Zeitreise in das von Luftangriffen bedrohte London des Jahres 1940 unternimmt, um die St. Pauls Kathedrale vor den Bomben zu retten.
– Die Story von der Familie, die nach dem nuklearen Holocaust zu überleben versucht.
– Die Story vom ersten getauften Affen und
– Die Story von den ko(s)mischen Eigenarten des interstellaren Tourismus;
– Und andere.

Die Autorin

Constance Elaine Trimmer Willis wurde am Silvestertag des Jahres 1945 in Denver, US-Staat Colorado geboren. Sie studierte Englisch und Erziehungswissenschaften am dortigen Colorado State College (heute University of Northern Colorado), wo sie 1967 ihren Abschluss machte und als Lehrerin zu arbeiten begann.

Ihre erste Kurzgeschichte („The Secret of Santa Titicaca“) veröffentlichte Willis im Dezember 1970. Bekannt wurde sich durch ihre pointierten Storys. Ein Debütroman (Water Witch; dt. „Die Wasserhexe“, zusammen mit Cynthia Felice) folgte erst 1982. Der Erfolg ermöglichte es Willis, ihren Beruf aufzugeben und sich auf die Schriftstellerei zu konzentrieren.

Die 1945 geborene Lehrerin und US-Schriftstellerin ist seit den achtziger Jahren eine der besten und originellsten Science Fiction-Autorinnen. Die Stories, die dies beweisen, sind in dem Band „Brandwache“ gesammelt (deutsch bei Luchterhand). Sie hat bereits zahlreiche Preise eingeheimst, darunter den HUGO und den NEBULA für ihren Zeitreiseroman „Die Jahre des Schwarzen Todes“ (1992, dt. bei Heyne).

„Lincolns Träume“ war 1987 ihr Romandebüt als Solo-Autorin, davor schrieb sie als Ko-Autorin mit Cynthia Felice. Für „Die Farben der Zeit“ wurde Connie Willis mit dem Hugo Gernsback- und dem Locus (Magazine) Award für den besten SF-Roman des Jahres 1997 ausgezeichnet.

Seither hat Willis mehr Auszeichnungen – darunter elf Hugo Gernsback Awards und sieben Nebula Awards – eingeheimst als jede andere Science-Fiction-Autorin. Dabei fühlt sie sich dem Genre keineswegs verpflichtet. Willis setzt ihre Hauptfiguren gern den Attacken karrieresüchtig stromlinienförmiger, politisch überkorrekter, humorloser Zeitgenossen aus, die sie auf diese Weise anprangert.

Mit ihrem Gatten, einem ehemaligen Physikprofessor, lebt Connie Willis heute in Greeley, Colorado.

Die Erzählungen

1) Brandwache (Fire Watch, 1982, in: IASFM 18. Folge)

Bartholomew, ein zeitreisender Geschichtsstudent muss sich fürs Praktikum seine Informationen über die Brandwache der Londoner St.-Pauls-Kathedrale während der Bombenangriffe im Herbst des Jahres 1940 persönlich besorgen – ein nicht ganz ungefährliches Unterfangen, wie er schon bald zu seinem Leidwesen herausfindet. Dabei besteht die Gefahr nicht nur in den von deutschen Bombern abgeworfenen Brandbomben, sondern geht auch von einem Mann namens Langby aus.

Langby wird schon früh misstrauisch, als sich herausstellt, dass der Zeitreisende keine Ahnung von Katzen hat – es gibt sie in seiner Zeitebene einfach nicht mehr. Auch was die zahlreichen Abkürzungen wie etwa ZVD oder FFE bedeuten, scheint der Junge nicht zu wissen. Eines Tages beobachtet der Student, wie Langby sich mit einem Mann länger unterhält, der ihm eine Zeitung mit dem Titel „Der Arbeiter“ übergibt. Unseren Studenten beschleicht ein entsetzlicher Verdacht: Ist Langby etwa ein verkappter Nazispion? Fortan behält er Langby im Auge und kriegt infolgedessen kaum ein Auge zu, um auszuruhen.

Er lernt eine junge Frau kennen, die ausgebombt wurde und eine Anstellung sucht. Doch leider arbeiten in der Brandwache nur unbezahlte Freiwillige. Er freundet sich mit Enola an und gibt ihr Geld für Brandy – das sie leider nie zurückzahlt. Auch in den U-Bahnschächten, wie die Bevölkerung nachts vor den Bombenangriffen, ist Enola nicht zu finden. Wahrscheinlich ist auch sie aufs Land gezogen.

In einer dramatischen Bombennacht rettet der Student dem verdächtigen Langby, den er inzwischen als Kommunisten entlarvt hat, das Leben. Doch der Gerettete hält seinerseits den Studenten für einen Nazispion, denn er weiß einfach zuviel bzw. zuwenig und zeigt keinerlei Mitgefühl für die Leute, auf die es ankommt.

Dass sich der Student Bartholomew grundlegend geändert und seine Objektivität völlig eingebüßt hat, zeigt sich bei der Prüfung, die ihm sein Doktorvater Dunworthy auferlegt: Zahlen, nichts als Zahlen. Da dreht Bartholomew vollends durch…

Mein Eindruck

Mit dieser feinen, bewegenden Novelle erweiterte die Autorin ihr Universum um die Oxford-Historiker Prof. Dunworthys und Lady Shrapnels. „Die Jahre des schwarzen Todes“, ihr vielfach ausgezeichneter Roman, grenzt direkt an die Handlung dieser Novelle an: Die Studentin Kivrin, Bartholomews Zimmergenossin, soll ins Pestjahr 1349 geschickt werden. Ebenfalls in diesem Universum spielt der Roman “ Die Farbe des Alls“ und weitere Romane, die „Brandwache“ erneut aufgreifen.

Bartholomew ist ein Forscher wider Willen, doch er schlägt sich wacker. Seine Erlebnisse sind voll Horror, wenn die Bomben fallen, aber auch Romantik lässt nicht auf sich warten: Enola braucht ihn wirklich. Leider verhält er sich ziemlich linkisch, entwickelt sich aber rasch weiter, so dass es vielleicht noch zu einem Happy End kommt. Dass er in seine eigene Zeit zurückkehren muss, darf er ihr nicht sagen.

Zeitreisen hat etliche Tücken, und die wichtigste ist das mangelnde Wissen über die Zielzeit. Die Autorin hat sich eine spezielle Methode ausdenken müssen, um ihren Zeitforscher Bartholomew mit Informationen über seine Zielzeit zu versorgen. Es geschieht mithilfe einer Art Telepathie. Er bekommt quasi Uploads aus der Zukunft.

Die deutsche Übersetzung ist nicht ganz astrein. Was die Londoner als „The Blitz“ bezeichnen, lässt sich keinesfalls mit dem etablierten Begriff „Blitzkrieg“ übersetzen. Letzterer bezeichnet nämlich ein ganzen Feldzug.

2) Die Liturgie von der Totenbestattung (Service for the Burial of the Dead, 1982)

Im 19. oder frühen 20. Jahrhundert irgendwo im Bibelgürtel der USA: Die junge, unverheiratete Anne Lawrence hat die Nacht frierend verbracht, weil sie auf Elliott wartete, doch der erschien nicht am Treffpunkt. Am nächsten Morgen findet man das zerbrochene Boot des jungen Mannes und nimmt an, dass er ertrunken ist. Statt um ihn zu trauern, ist sie frustriert, denn sie weiß, dass er ja mit der begüterten jungen Victoria verlobt gewesen war.

Wenige Stunden später soll die Gedenkfeier für Elliott in der protestantischen Kirche stattfinden. Um Victoria und ihrem Vater aus dem Weg zu gehen, eilt Anne unter einem Vorwand zur Sakristei hinunter. Dort stößt sie unvermittelt auf Elliott. Ist er es wirklich oder nur sein Geist?

Wenige Tage später taucht Victorias verlorengeglaubter Bruder Roger am Rande seiner Sarggrube auf. Alle dachten, er sei beim Untergang seines Schiffes vor der Ostküste ertrunken. Doch da steht er, putzmunter und grinsend. Anne ist gespannt, ob er wie Elliott die dargebotene Nahrung verweigert…

Mein Eindruck

Anne und Victoria sind zwar heimliche Rivalinnen, was die Gunst Elliotts angeht, doch in ihrem Verlust beinahe gleich: Anne kann Elliot sehen, Victoria aber nicht. Beide können Roger sehen, obwohl dessen materielle Existenz ebenso zweifelhaft ist. Was ist wahr, was wirklich, was vorgestellt? Dieses Rätselspiel trägt den Leser, der an Mark Twains Roman „Tom Sawyer“, erinnert wird, durch die ganze Geschichte. (Tom Sawyer musste mit ansehen, wie man ihn für tot hielt und begrub.)

3) Alle meine geliebten Töchter (All My Darling Daughters, 1985)

Auf einer der L5-Stationen (an den sog. Lagrange-Punkten des Sonnensystems) ist eine Art Internat eingerichtet worden. Eine Vaterfigur namens Moulton hat die Leitung, eine strenge Dormitoriumsleiterin verhängt Strafen wie etwa eine Armbandfessel zur Überwachung oder Ausgangssperre. Es gibt eine Abteilung für Mädchen und eine für Jungs, teils Treuhandkinder. Allerdings spielen die Hormone verrückt und es kommt zu sogenannten Samurai-partys, bei denen regelmäßig Sex gemacht wird.

Diese Zeiten sind abrupt vorüber, muss Octavia, ein Treuhandkind, frustriert feststellen: Die Jungs wollen keinen Sex mehr. Haben sie die falsche Droge eingeworfen, oder was? Eines Tages erfährt sie es von ihrer Freundin Arabel: Die Jungs haben jetzt kleine Iltis-artige Tierchen, sog. Tessel, denen sie Namen wie „Tochter Anna“ geben. Wie schräg ist das denn? Offenbar haben die Tessel eine Vagina, die groß genug ist, um den vorgesehenen Zweck zu erfüllen.

Als ihre neue Zimmergenossin Zibet eines der Tierchen stiehlt, versteckt Octavia das Kleine, damit es nicht missbraucht wird. Sie hat herausgefunden, dass die Tessel bei der Penetration Schmerzen leiden, und sorgt dafür, dass alle Tessel eingesammelt werden. Das sorgt für erheblichen Aufruhr unter den Jungs, die allerdings zu Weihnachten in den Zwangsurlaub abreisen müssen. Dann tut Zibet etwas, das Octavias Plan durchkreuzt…

Mein Eindruck

Das Vorwort der Autorin, wie es jeder Geschichte vorsteht, verweist den Leser auf die Lebensgeschichte der Dichterin Elizabeth Barrett, die mit 40 Jahren mit dem Dichter Robert Browning durchbrannte. Sie floh vor einem dominanten, vereinnahmenden Vater namens Edward Moulton (!) Barrett und hinterließ ihre Schwestern Arabel und Henriettta. Ihren Hund Flush nahm sie wohlweislich mit, denn ihr Vater wollte alles, was an die ungehorsame Tochter erinnerte, auslöschen.

Octavia (benannt nach Moultons Diener Octavius) ist auf der L5-Welt ausgesetzt worden. Als Treuhandkind wurde sie von ihrem Vater per Samenspende gezeugt und dann hier abgesetzt, eine Mutter kennt sie ebenfalls nicht. Ihre Sprache bezeugt ihre Rebellion gegen diesen Zustand der Unfreiheit und Verstoßung. Sex ist ihre einzige Erlösung aus dieser „Hölle“, und doch weiß sie noch nicht, was echte Sünde ist. Das bringt ihr ihre Zimmergenossin bei: Zibet schickt ihre Schwester Henra mit dem geretteten Tessel „Tochter Anna“ in die terranische Heimat. Das bedeutet erstens, dass Tessel weiter gequält werden und zweitens, dass es zudem keine Treuhandkinder mehr geben wird…

Tiefenpsychologisch ist diese herausfordernde Geschichte ebenfalls sehr ergiebig, wenn man sie analysieren würde. Ich bin dafür allerdings nicht qualifiziert. Es geht um Töchter und ihre abwesenden Väter, Söhne und Mädchenersatz, insgesamt also um heikle Themen.

4) Ein Brief von den Clearys (Clearys (A Letter from the Clearys, 1982

Seitdem vor zwei Jahren die Atombombe auf Chicago fiel, ist das Leben im Mittleren Westen nicht mehr das gleiche gewesen. Die vierzehnjährige Lynn erinnert sich noch an die Zeit, als die Clearys ihre Nachbarn waren, und vermisst sie und ihre Mädchen, die ihre Spielkameradinnen waren. Seit Mom, Dad und ihr Sohn David auf den Pike’s Peak bei Denver in Colorado gezogen sind, versteckt sich die Familie vor den Plünderern. Die haben Davids Frau und Tochter sowie den Nachbarn Mr Talbot erschossen, so dass deren Frau nun zu ihnen gezogen ist.

Die Winter dauern nun bis Mitte Juni, und Lynn watet in Turnschuhen durch den Schnee. Sie sollte im Krämerladen Tomatensamen besorgen, für das neue Gewächshaus. Aber alles, was sie per Zufall fand, war ein Brief von den Clearys. Als sie ihn vorliest, fließen bei Mrs Talbot Tränen, doch die Erwachsenen fallen in eine Art Erstarrung. Dad geht ins Dorf und vernagelt das verlassene Postamt im verlassenen Krämerladen. Lynn ärgert sich. Ist doch nicht ihre Schuld, dass sie den blöden Brief gefunden hat, oder? Doch der Brief lässt alte Wunden aufbrechen…

Mein Eindruck

„Ein Brief von den Clearys“ ist eine subtile Story, in der der Leser erst so nach und nach begreift, in welcher Umgebung und nach welchem Ereignis sich die so harmlos anhörenden Geschehnisse abspielen.

Aber wer zwischen den Zeilen zu lesen vermag, wird erkennen, dass es sich hier vielleicht um die letzten Überlebenden im ganzen Mittelwesten handelt. Pike’s Peak ist ein sehr hoher Berg in der Nähe von Denver. Dass die Winter bis Mitte Juni dauern, bedeutet, dass der Nukleare Winter die ganze Erde daran hindert, Frucht hervorzubringen. Daher auch die Errichtung des Gewächshauses und die Suche nach Tomatensamen. Konserven sind schon längst aufgebraucht.

Auch Angst vor Strahlung existiert latent in den Erwachsenen: Mom betrachtet Lynns Wunde am Unterarm, wo sie sich immer am kleinen Holzofen (es gibt weder Strom noch irgendwelche anderen Brennstoffe mehr) verbrennt, mit Misstrauen. Kurzum: Auf wenigen Seiten entfaltet die Autorin ein Post-Holocaust-Panorama, das es in sich hat. Es war damals eine Warnung vor der Wiederaufrüstung unter Präsident Reagan – und ist leider schon wieder sehr aktuell.

5) Und sie kommen von meilenweit her (And Come From Miles Around, 1983)

Die Sonnenfinsternis steht bevor und Leute kommen von meilenweit her, um dieses Schauspiel ausgerechnet in Colorado zu bestaunen. So auch Meg, ihr Mann Rich und ihre kleine Tochter Lainey. Während ein kleiner Kongress der Astronomen stattfindet, schaut sich Meg mit offenen Augen um. Sie bemerkt vier seltsam gekleidete „Astronauten“, die eine fremde Sprache sprechen. Sie bemerkt nicht nur eine Rakete, sondern gleich zwei. Sie bemerkt rothaarige Jungs, die sich auf die Eklipse vorbereiten. Verblüfft stellt sie fest, dass die Männer auf ihre, Megs, eigene Wettervorhersage hören.

Der Moment der Eklipse ist so phänomenal, dass Meg versteht, warum die Leute nicht über Satelliten zuschauen wollen, sondern dieses Ereignis vor Ort sehen müssen. Danach starten die vier „Astronauten“ und Rothaarigen mit ihren Raketen. Sie sind einen weiten Weg gekommen, die Außerirdischen. Aber das braucht ja keiner zu wissen.

Mein Eindruck

In klassischem Hemingway-Stil (Hemingway war Kriegsreporter) zeigt uns die Autorin nur eine Erzählperspektive, aber diese hat es in sich. Mit protokollarischem Blick notiert Meg, die junge Mutter, ihre Beobachtungen, zieht ihre ganz eigenen Schlüsse – und verrät kaum etwas davon den Männern. Denn Männern halten eine junge Mutter irgendwie automatisch für unterbelichtet. Dabei sind die es, die Scheuklappen tragen. Diese Diskrepanz sorgt für eine Menge Ironie, wenn man ein Gespür dafür hat.

6) Daisy in der Sonne (Daisy, In the Sun, 1979)

Eine weitere Gespenstergeschichte, wie es scheint. Daisys Vater hat der Familie verkündet, dass die Sonne zu einer Nova werden wird und ihnen nur noch ein bis fünf Jahre Zeit bleiben würden. Die Mutter weigert sich, diese Vorhersage zu akzeptieren und fordert, etwas dagegen zu unternehmen.

Sie wiederholt Daisys Verhalten sogar mit den gleichen Worten: Daisy weigert sich, die Tatsache anzuerkennen, dass sie eine Frau wird, ihre Brüste wachsen und ihr Schoß zu bluten beginnt – Dunkelheit und Blut, soll das fortan ihre Zukunft sein?

Während es immer kälter wird und Schnee fällt, tauchen immer mehr Geister im Wohnzimmer auf, Leute von der Eisenbahn, ihr lesender Bruder David sowie ein attraktiver Junge namens Ron oder Ra. Was mag das zu bedeuten haben?

Mein Eindruck

Die Erzählung hat mich mit ihrer psychologischen Tiefenanalyse eines zur Frau werdenden Mädchens beeindruckt, das in der Erwartung lebt, dass die Sonne explodieren wird. Wie sich herausstellt, ist die Sonne zum Erzählzeitpunkt bereits zur Nova geworden und hat alles auf der Erde verändert. Daisys Bruder David liefert sogar die Erklärung für Daisys ungewöhnlichen Zustand aus Traum und Erinnerung: Alle ihre Teilchen haben sich aufgelöst, erinnern sich aber noch, was sie einst ausgemacht hat.

Sehr ironisch wird Daisys Erzählung dadurch, dass sie sich einen Spaß daraus macht, ihrer Mutter die vor jedem Sonnenstrahl flüchtet, Angst einzujagen. Ihre Großmutter in Kanada, zu der sie eine Zugfahrt macht, ist eher das Gegenteil davon: furchtlos aber vorsorgend – sie kauft Fenstervorgänge, die überall vergriffen sind, außer in der Hauptstadt Ottawa.

Neckisch wird die Erzählung in einer erotischen Szene. Daisy muss die Angst vor Jungs überwinden, die ihr ihre neurotische Mutter eingeflößt hat. Sie setzt sie zu Ron ins Cabrio, dessen Verdeck offen und somit gegen die Sonne ungeschützt ist. Soll sie sich vielleicht ewig verkriechen und als Jungfrau sterben?! Nein, denkt Daisy, und lässt zu, dass sich Rons Hand unaufhaltsam ihrem Busen nähert…

7) Der Samariter (Samaritan, 1979)

Reverend Will Hoyle versieht auf dem Cheyenne Mountain in Colorado seinen religiösen Dienst als presbyterianischer Seelsorger. Er findet, seine Hilfspastorin Natalie Abreu, die ihren Harvard-Abschluss vor erst einem Jahr gemacht hat, ein wenig übereifrig, von ihren grellen Outfits mal ganz abgesehen. Heute schleppt sie Esau an, den intelligenten Orang-Utan, dem sie die Zeichensprache beigebracht hat. Hoyle soll ihn taufen. Hoyle zögert und stellt ein paar prüfende Fragen, ob Esau das auch will. Die Verständigung ist nicht einfach, aber eindeutig formt Esau die Gebärden für SAMARITER. Nicht für den GUTEN Samariter wohlgemerkt.

Hoyle schickt die beiden weg, um nachdenken zu können. Esau arbeitet in der Kathedrale, die repariert werden muss, seit Fanatiker sie beschädigten. Der Affe ist einfach ein fantastisch guter Kletterer. Als sich Hoyle an seine Bischöfin, doch die ist keine Hilfe: Sie überlässt die Entscheidung ihm. Als er in seiner nächsten Predigt Andeutungen macht, dass auch Affen getauft werden KÖNNTEN, hagelt es Protestbriefe – und ein Stein fliegt durchs Fenster.

Esau wieder in den Zoo zu bringen, damit er in Sicherheit ist, bildet auch keine Lösung. Denn von seiner offenbar äffischen Pflicht, ein Weibchen zu befruchten, bis zu seiner hundertprozentigen Gesundheit wissen die Zoopfleger nichts an ihm auszusetzen. Einen Tag später ist Esau so schwer verletzt, dass Natalies junger Freund einen Arzt holt. Ist Esau wirklich nur von der Leiter gefallen, fragt sich Hoyle. Die Zeichen stehen so schlecht, dass sich Hoyle dieser armen Seele erbarmt…

Mein Eindruck

Der Titel bezieht sich tatsächlich nicht auf den römischen Soldaten St. Martin, sondern auf jene Frau aus der jüdischen Samaria, die Jesus begegnet, welcher bekanntlich aus Galiläa stammte, einer Provinz an der Grenze zu Syrien. Diese Samariterin also bezweifelt, dass sie Jesus Wasser geben darf – allein aufgrund der Verschiedenheit ihrer jeweiligen Herkunft.

Kann Esau (der haarige Bruder von Isaaks Sohn Jakob) diese Geschichte gekannt haben, fragt Hoyle Natalie. Er konnte. Denn Natalie hat Esau die heilige Schrift mit allen vier Evangelien in Zeichensprache „vorgelesen“. Die Stelle steht angeblich im Johannes-Evangelium, Kapitel 4. Ist der Affe also würdig, eine Seele zu besitzen? Das ist die Kernfrage. Die Gegner stellen den Primaten auf eine Stufe mit Schweinen (die bekanntlich als Speise dienen). Wenn man aber umgekehrt einem Primaten eine Seele zugesteht, muss man dies dann nicht auch Schweinen zugestehen?

Die Story wird in einer Zukunft angesiedelt, in der die bekannten Religionen Wandlungen durchlaufen haben. Die Charismatiker, di die Kathedrale angriffen, sagen den Weltuntergang und die Wiederkehr des Antichristen voraus – ähnlich wie in Robert Silverbergs Novelle „Thomas der Verkünder“ (in „Heyne SF Jahresband 2000“). Kann also diese Affentaufe den Antichrist herbeirufen, suggeriert die Autorin, bzw. IST der Affe schon der Antichrist? Das grenzt schon an Satire.

8) Geblauter Mond (Blued Moon, 1984 in IASFM)

Wenn der Mond blau aussieht, dann geschehen die verrücktesten Dinge. Das zumindest behauptet der Aberglauben in den südöstlichen Bundesstaaten der USA. Zu spüren bekommen es jedoch die Bewohner und Besucher des Örtchens Chugwater in Wyoming. Dort startet die Firma Mowen Chemical von Mr. Mowen gerade das Projekt „Ungenutzte Emission in die Stratosphäre blasen“. Schon von Anfang an hat Mowen eine Ahnung, das die Nebenwirkungen noch nicht durchgetestet wurden, aber sein Forschungsdirektor Brad McAfee hat ihm versichert, alles stünde zum besten. Am nächsten Tag soll es eine Pressekonferenz geben, um die Medien aufzuklären.

Der ehemalige Englischlehrer Ulric Henry fragt sich immer noch, warum er überhaupt als Betriebslinguist eingestellt worden ist. Und warum er dazu verdammt ist, das Apartment ausgerechnet mit Brad McAfee zu teilen. Brad redet nicht nur komisch – „Kröselsucht“, was soll das sein? – er ist auch der Welt größter Schürzenjäger. Er hat sogar das von Lynn Saunders geleitete Projekt für sich reklamiert: Alle meine Bräute arbeiten für mich“, behauptet der Chauvi und spekuliert dabei auf die Übernahme der Firma.

Derzeit programmiert McAfee das „Projekt Sally“. Sally ist Mr. Mowens Tochter, die auf dem College Englisch und Spracherzeugung studiert. Sie soll am nächsten Tag zur Erntedankfeier eintreffen. Zu seinem Unglück wird Ulric von McAfee in das Projekt Sally eingespannt. Seine Funktion: „Brautanwärmung“. Als Vorgeschmack druckt er eine Bekanntschaftsanzeige für Ulric aus, doch der zerreißt das Schreiben. Ein Fetzen davon weht aus dem Fenster und wird fortan zu der Welle von Zufällen beitragen, die über Chugwater hereinbricht.

Denn ein Programm ist die eine Sache, die von Projekt „Ungenutzte Emissionen“ gestörte Atmosphäre jedoch eine ganz andere. Der Mond ist von den Mowen-Partikeln geblaut. Als Sally Mowen von Baum und direkt auf Ulric fällt, nimmt eine verhängnisvolle Kette von Zufällen ihren Lauf…

Mein Eindruck

Die Autorin hat es mehrfach zugegeben: Sie ist ein großer Fan von viktorianischen Komödien à la P.G. Wodehouse und Jerome K. Jerome, von Weihnachten und – natürlich – von Screwball-Comedy-Spielfilmen jeder Art. Das würde zwar eine lustige Mischung ergeben, doch der Witz der Autorin besteht auch darin, dass sie etwas auf eine ganz bestimmte Weise ausdrücken möchte. Die Unwahrscheinlichkeit des Blauen Monds kommt ihr dabei zu Hilfe.

Diese sorgt dafür, dass die Kommunikation weder Computer noch per Telefon mehr richtig klappt, sondern nur noch Informationen an jene verteilt, die sie gar nichts angehen. So gerät etwa das ultrageheime „Projekt Sally“ ausgerechnet der Sekretärin Mr. Mowens in die Hände. Janice sieht sich in die Lage versetzt, das Geheimdokument einer Dame in die Hand drücken zu dürfen, die sich als größte Feministin westlich des Mississippi einen Namen gemacht hat: die ehemalige Mrs. Mowen, Sallys Mutter…

Als wäre die technische Kommunikation noch nicht genug aus dem Ruder gelaufen, kommt auch die natürlichsprachliche hinzu. „Geblauter Mond“ – so etwas kann auch nur ein Englischlehrerin sagen. Auf dieser Ebene kommen sich Ulric und Sally wesentlich näher als erwartet. In echter Screwball-Manier ist ihre sprachliche Kommunikation völlig asymmetrisch: Sie bekommt nur „Ich…“ heraus, er lässt sie kaum zu Wort kommen, was zu einem gigantischen Missverständnis führt. Werden die beiden, die offensichtlich füreinander bestimmt sind, jemals zueinander finden? Wir bangen – und wünschen Brad einen Moment, in dem „Kröselsucht“ noch das geringste seiner Probleme sein wird…

Die Übersetzung

Malte Heim ist nicht der weltbeste Übersetzer, aber er kann passable Übertragungen erzielen. Er klebt zu sehr am Original, was dann im Deutschen schief oder unangemessen klingt.

S. 66: „ganz für dich [re]servieren…“. Die Vorsilbe -re fehlt.

S. 90: „vom Vater ererb[t]en Instinkte…“. Das T fehlt.

S. 146: „[W]er sollte schon bemerken, dass sie eine seltsame fremde Sprache sprechen?“ Das W fehlt.

S. 152: „zu dem kleinen Mädchen durchzustoßen, daß sie zuvor gewesen war…“ Statt „daß“ müsste es „das“ heißen.

S. 173: „ich glaube, du bis[t] Ra…“ Das T fehlt.

S. 201: ((im Vorwort)) „bis es [ich] das Ziel erreiche.“ Statt „es“ müsste es „ich“ heißen.

Unterm Strich

Die Zeitreise-Erzählung „Brandwache“ erhielt den Hugo Award, die Post-Holocaust-Story „Ein Brief von den Clearys“ den Nebula Award. Auch die übrigen Geschichten liefern eine Menge Stoff für die grauen Zellen und das Zwerchfell. „Geblauter Mond“ ist eine Screwball-Comedy reinsten Wassers, so dass ihre fünfzig Seiten wie im Flug vorübergehen.

Diese Story-Auswahl kann man dem literarisch interessierten Science Fiction-Leser uneingeschränkt empfehlen. Die Autorin stellt vor allem weibliche Figuren in den Mittelpunkt, nicht nur weil sie ein ganz anderes Empfinden haben als männliche Figuren. Das hindert sie nicht, ziemlich kritische Fragen zu stellen, wie etwa jene nach der Seele eines Orang-Utans und nach dem Wohlergehen einer Retortentochter.

Hinweis: Auf dem Cover steht „herausgegeben und mit einem Nachwort von René Oth“. Davon stimmt höchstens die erste Hälfte, aber von einem Nachwort findet sich in meiner Ausgabe nicht die geringste Spur.

Taschenbuch: 249 Seiten
Originaltitel: Fire Watch. Memorable Tales by a Young Master, 1985
Aus dem US-Englischen übertragen von Malte Heim, außer der ersten, die Ingrid Hermann übertrug.
ISBN-13: 9783472616603

Luchterhand Verlag

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