Schlagwort-Archive: Wolfgang Jeschke

Wolfgang Jeschke / Ben Bova (Hrsgg.) – Titan-9. SF-Erzählungen

Classic SF: Zauber der X-Logik

Die Großen der Science-Fiction werden mit ihren Meisterwerken bereits in der so genannten „Science Fiction Hall of Fame“ verewigt, welche natürlich in Buchform veröffentlicht wurde (statt sie in Granit zu meißeln). Daher können Freunde dieses Genres noch heute die ersten und wichtigsten Errungenschaften in der Entwicklung eines Genres nachlesen und begutachten, das inzwischen die ganze Welt erobert und zahlreiche Medien durchdrungen hat.

In der vorliegenden Ausgabe des Auswahlbandes Nr. 9 von „Titan“, der deutschen Ausgabe der „SF Hall of Fame“, sind Storys von Henry Kuttner alias Lewis Padgett, Fredric Brown, Clifford Simak und Murray Leinster gesammelt.
Wolfgang Jeschke / Ben Bova (Hrsgg.) – Titan-9. SF-Erzählungen weiterlesen

Wolfgang Jeschke (Hg.) – Science Fiction Story-Reader 14. Internationale SF-Erzählungen


Classic SF: Der Terminator lässt schön grüßen

In dieser Anthologie sind 24 SF-Erzählungen internationaler AutorInnen vereinigt, darunter:

– Die Erzählung „Der Henker ist heimgekehrt“ von Roger Zelazny, die 1976 mit dem HUGO Award als beste Novelle des Jahres ausgezeichnet wurde;

– Thomas F. Monteleones Novelle „Feraxya“ (Breath’s a ware that will not keep); und

– Crant Carringtons tragisch-schöne Geschichte “Was tun, wenn die Geliebte an Bord des Raumschiffs weilt?” sowie

– P.J. Plaugers beachtliche Kurzgeschichte „Ein Kind jeglichen Alters“ (A Child of all Ages).

– Stories von den deutschen AutorInnen Irmtraud Kemp, Jörn J. Bambeck, Reinmar Cunis, Gerd Maxímovic, Peter Schattschneider, Lutz Rathenow, Rudolf Stolte und anderen.
Wolfgang Jeschke (Hg.) – Science Fiction Story-Reader 14. Internationale SF-Erzählungen weiterlesen

Wolfgang Jeschke (Hg.) – Science Fiction Story Reader 15

Classic SF: Das Ende der Welt und andere Unannehmlichkeiten

In dieser Anthologie sind 18 SF-Erzählungen und -Gedichte internationaler AutorInnen vereinigt, darunter:

– die schockierende Geschichte der von den Ayatollahs kontrollierten USA „Einige meiner Freunde sind Amerikaner“ von Francois Camoin;

– „Bitterblumen“ vom mehrfachen HUGO- und NEBUAL-Award-Preisträger George R.R. Martin;

– Stories von Robert Holdstock, Thomas F. Monteleone, Richard D. Nolane, Vernor Vinge und Joe Wehrle sowie

– Stories von den deutschen Autoren Wolfgang Jeschke, Jörn J. Bambeck, Reinmar Cunis, Hermann Jauk, Michael Morgental, Curd Paetzke, Dietrich Wachler, Jörg Weigand und anderen.
Wolfgang Jeschke (Hg.) – Science Fiction Story Reader 15 weiterlesen

Wolfgang Jeschke (Hg.) – Ikarus 2002. SF-Erzählungen

Classic Science Fiction: humanistische Erzählungen, die jeder versteht

Wolfgang Jeschke, der ehemalige Herausgeber der SF- & Fantasy-Reihe im Heyne-Verlag, hat als seine letzten Herausgebertaten drei Bände mit den besten SF-Erzählungen veröffentlicht:

1) Ikarus 2001
2) Ikarus 2002
3) Fernes Licht

Die Beiträge in diesen drei Auswahlbänden stammen von den besten und bekanntesten AutorInnen in Science Fiction und Phantastik. In diesem zweiten „Ikarus“-Band sind Beiträge aus den Jahren 1941 bis 1992 vertreten.

Der Herausgeber

Wolfgang Jeschke (Hg.) – Ikarus 2002. SF-Erzählungen weiterlesen

Wolfgang Jeschke (Hrsg.) – Heyne Science Fiction Jahresband 1982

Preiswerte Qualitäts-Phantastik auch für Nicht-SF-Leser

Der inzwischen in Rente gegangene Herausgeber der Heyne-Science-Fiction-Reihe, Wolfgang Jeschke, pflegte von 1980 bis 2000 eine schöne Tradition: Jedes Jahr präsentierte er seinen Lesern eine Anthologie von guten phantastischen Geschichten zu einem sehr erschwinglichen Preis. Lag dieser 1980 noch bei schlappen 4,80 DM, so war der Preis im Jahr 2000 bereits bei 18,00 DM angelangt – und wäre heute überhaupt nicht mehr bezahlbar. (Man könnte man die Preissteigerungsrate ausrechnen: Sie ist astronomisch hoch.)

Wie immer jedoch lieferten die SF-Jahresbände Erzählungen, die von der ersten Liga der Autoren und Autorinnen stammte. Stets war ein kleiner Ausreißer dabei, sei es ein Autor aus dem früheren Ostblock – zu dem Jeschke von jeher gute Kontakte pflegte -, oder ein Kurzroman, z. B. hier von C. J. Cherryh. Der Herausgeber schrieb in den frühen Jahresbänden stets ein kurzes Porträt des jeweiligen Autors dazu, inklusive eines Fotos. In späteren Bänden wurde dieses Schmankerl aufgegeben, wahrscheinlich aus Zeitmangel.

Die Erzählungen

1) Ray Bradbury: April 2000: Die dritte Expedition (1950)

Die dritte Marsexpedition forscht im Jahr 2000 nach dem Verbleib der ersten beiden Expeditionen. Als das Raumschiff landet, trauen die Männer ihren Augen nicht: Die Landschaft ist die des idyllischen Illinois aus der Zeit ihrer Großeltern. Und als Kapitän John Black mit Arzt und Navigator zur Erkundung hinausgeht, ist auch die Atmosphäre exakt so wie auf der Erde.

Noch unheimlicher wird die Sache, als sie eine alte Frau fragen, welches Jahr man schreibe: Na, 1926 natürlich! Einer der Begleiter sieht seine Großeltern und wird von ihnen herzlich begrüßt – obwohl sie schon vor 30 Jahren starben. Und Black selbst entdeckt seinen Bruder Ed und seine Eltern, die auch schon tot sind.

In der Nacht, als er in seinem alten Jugendzimmer neben seinem Bruder liegt, kommen seine aufgewühlten Gefühle endlich zur Ruhe und er kann nachdenken, was dahinterstecken könnte. Er macht eine schreckliche Entdeckung. Leider ein paar Momente zu spät. Die Erde wird eine vierte Expedition schicken müssen.

Mein Eindruck

Wie Philip K. Dick nach ihm traut Bradbury dem Anschein nicht. Für ihn ist die Wirklichkeit des Mars nur ein Trugbild, ein erkenntnistheoretisches Verwirrspiel. Dick sollte später die sogenannte Wirklichkeit zunehmend radikaler zertrümmern und letztlich – in „VALIS“ – bei den „höheren Instanzen anlangen. So weit geht Bradbury noch längst nicht. Seine Story aus dem Zyklus „Die Mars-Chroniken“, der just im Jahr 1982 mit Rock Hudson verfilmt wurde, spiegelt uns eine Idylle vor, die er selbst noch, als Junge in Waukegan, Illinois, kennengelernt hatte: alles zu schön, um wahr zu sein. Aber gerne hätten wir, dass die Idylle wahr wäre!

2) Catherine L. Moore: Shambleau (1933)

Der am Rande der Legalität lebende Northwest Smith gerät in einer marsianischen Siedlerstadt in eine Verfolgungsjagd. Doch er kann sich davor rechtzeitig in Sicherheit bringen und wartet ab, wer denn da verfolgt wird: Es ist eine junge Frau in einem scharlachroten Lederdress, die einen Turban trägt – eine recht ungewöhnliche Aufmachung. Der Mob schreit: „Shambleau!“, als ob sie eine Hexe wäre und verbrannt werden müsste. Smith nimmt die Frau in Schutz und sagt, den Anführern, sie gehöre ihm. Man schaut ihn voll Mitleid und Verachtung an, geht dann fort. Smith ist erstaunt. Was hat die Leute so aufgebracht?

Er nimmt sie mit sich nach Hause in seine schäbige Absteige. Dort merkt er, dass sie eine fremde Lebensform sein muss, denn sie hat Katzenaugen, und unter ihrem Turban lugt im Dämmerlicht eine scharlachrote Locke hervor – die sich bewegt! Hat er sich getäuscht? Etwas in ihm sträubt sich dagegen, sie zu küssen. Zu groß ist der Abscheu vor dem absolut Fremden. In der Nacht hat er seltsame Träume voller Lust und Ekel.

Nachdem er am nächsten Tag seine Erledigungen gemacht hat, kehrt er heim und bemerkt, dass Shambleau nichts gegessen hat. Hm, wovon ernährt sie sich denn dann, will er wissen. Von … anderen … Dingen, meint sie ausweichend. Sie spricht die terranische Sprache sehr schlecht, und so hält sich Smith zurück.

Doch mitten in der Nacht erwacht er wegen einer Ahnung, dass etwas nicht stimmt. Im schwachen marsianischen Mondlicht sieht er, wie Shambleau, die Frau mit dem verführerischen Mädchenkörper, ihren Turban abwickelt. Darunter kommen Dinger zum Vorschein, die er zunächst für rote Locken hält, doch sie krümmen sich, wachsen, glänzen schleimig und bedecken bald ihren ganzen Körper. Er kann seinen Blick nicht abwenden, fasziniert und entsetzt. MEDUSA, schreit sein Geist, doch ein telepathischer Befehl von der Kreatur verhindert, dass der Mann die Flucht ergreift. Und als sie ihren mit ihrem Katzenauge anschaut, ist es für ihn zu spät, um zu fliehen…

Mein Eindruck

Als diese Erzählung 1933 veröffentlicht wurde, hatte sie weitreichenden Einfluss auf das Schaffen vieler Autoren im phantastischen Umfeld. Ohne sie wären geniale Storys wie „Black Destroyer“ von A.E. van Vogt, diverse „Star-Trek“-Episoden und der Roman „Die Feuerschneise“ von James Tiptree jr. nicht denkbar gewesen. Denn diese schildern wie „Shambleau“ die Essenz des absolut Fremdartigen, das mit dem Menschen nichts gemeinsam hat – außer vielleicht der äußerlichen Gestalt.

Das Besondere an der Kreatur Shambleau ist zudem, dass sie die Verkörperung eines uralten Menschheitsmythos ist – ja, sogar dessen Grundlage, weil die Rasse der Shambleaus schon uralt ist. Somit schließt sich also ein Kreis, und die Idee, dass Aliens unsere Vorbilder für gewisse Ideen sein könnten, ist ebenso folgenreich wie die Darstellung des Fremdartigen.

Drittens berührt das Shambleau einen tiefen Zwiespalt in Northwest Smith, der in allen Menschen existiert: Die Lust, die die Gorgo erzeugt, ist dem Fleisch willkommen und erfüllt das Bedürfnis nach Befriedigung der Libido. Doch die Begegnung mit dem absolut Fremden jagt unserer Seele eine grundlegende Angst ein, die den Geist zum Kontrahenten des Fleisches macht. Dieser Zwiespalt bringt Smith fast um. Nur sein Freund kann ihm das Leben retten, doch er selbst ist dazu nicht mehr imstande: Das Shambleau hat ihm die Lebensenergie ausgesaugt ….

3) C.J. Cherryh: Hestia (1979)

Hinweis: Hestia war die griechische Göttin des Herdes und des Herdfeuers, wie die Altphilologin Cherryh sehr wohl wusste. Hestia wurde bei jedem Essen zuerst mit einem Gebet bedacht, auch von Gästen. Im Gegensatz zu ihrer römischen Nachfolgerin Vesta, einer Staatsgöttin, war Hestia eine Familien- und Hausgöttin.

Der Name des regelmäßig überfluteten Planeten Hestia weist auf die Notwendigkeit der ersten Voraussetzung für erfolgreiche menschliche Ansiedlungen hin: das Herdfeuer, Trockenheit, schützende Wärme. Leider wird die menschliche Bevölkerung, die sich hauptsächlich im Hauptstromtal niedergelassen hat – weil die einheimische intelligente Spezies ihr das Vordringen auf die Höhen verwehrt – jeden Frühling beinahe weggeschwemmt: Die Schmelzwasser des Stroms spülen die Haustiere und Hütten ebenso weg wie die Bodenkrume.

Nach 100 Jahren Siedlung sieht es für Hestia ziemlich mies aus. Die Kolonialbeamten der Erde machen sich „vom Acker“. Als ihr Chef, Sam Merritt, die Gelegenheit nutzen will, die ein Sternenschiff mit seiner früheren Geliebten Lilith bietet, verwehrt ihm der lokale Gouverneur Lee die (illegale) Abreise und zwingt ihn, noch mindestens ein Jahr Hestia sein Ingenieurswissen zur Verfügung zu stellen. Merritt muss widerwillig mitmachen und fährt den Strom hinauf, in einem Boot, das von Amos Selby und seinem unehelichen Sohn Jim gesteuert wird.

In Burns Station lernt er die Tochter des Hauses, die hübsche Meg, kennen. Er erklärt ihr jedoch, dass aus ihnen beiden wohl nichts unter den aktuellen Umständen werden würde. Sie ist Hestianerin, und er hat seinen Platz noch nicht gefunden. An der Grenze zum wilden Teil Hestias soll Sam mit einem Damm die Wasser des Stromes zähmen. Der Bau des Damms wird jedoch von den intelligenten Ureinwohnern sabotiert, so dass der Bau zahlreiche Opfer an Menschen, Vieh, Hunden und Material fordert.

Eines Tages gelingt es Sam und Jim, ein Weibchen einzufangen. Sie nehmen Sazhje gegen den Widerstand der Grenzsiedler in ein Zimmer des Haupthauses und ketten sie an. Eine Art inter-rassischer Kommunikation sowie Verständnis kommt in mehreren Wochen zustande. Als der Widerstand zu groß wird, muss Sam Sazhje wieder freilassen, obwohl die anderen sie lieber tot sehen würden. Er trifft sie weiterhin im Wald und schläft mit ihr. Meg ist ebenso abgestoßen von Sams Verhalten wie die anderen Grenzer.

Beim Versuch, Sazhjes Volk vor den Folgen des Damms zu warnen – der Stausee wird seinen Lebensraum überfluten – wird er von ihrem Volk gefangengenommen. Heftige Diskussionen und Mordversuche bedrohen sein Leben. Man nimmt ihn zu der Truppe von Ghair mit, der zahlreiche Grenzer getötet hat. Ghair hat Sprengstoff erbeutet und will den Damm sprengen, sodass die Grenzer am Strom ertrinken würden. Es geht also auf beiden Seiten um „Sie oder wir“.

Sam kann zurück zu den Menschen fliehen. Zusammen mit Amos und Jim kann er fast den Anschlag auf den Damm vereiteln, doch der Damm bricht und ertränkt dabei Ghairs Volk. Doch Sazhjes Stamm bietet den Grenzern nun Land am ungefährdeten Oberlauf an. Eine friedliche Koexistenz liegt im Bereich des Möglichen.

Abspann: Sam verzichtet in Hestias Hauptstadt auf das Recht auf den Abflug in einem Sternenschiff und reist mit Meg und Jim zurück zur früheren Grenze, nach Burns Station. Sie kommen an einem angelnden Ureinwohner vorbei, der sich in die nunmehr verlassenen Menschengebiete vorgewagt hat. Genau ein Jahr ist vergangen, seitdem Sam diesen Strom erstmals hinauffuhr.

Mein Eindruck

„Hestia“ zeigt ganz klar bereits in den Anfangskapiteln die krassen Unterschiede zwischen Erdgeborenen, Hestiasiedlern und Sternenfahrern auf. Ihre geistigen Einstellungen sind inkompatibel. Sternenfahrer würde niemals mit den verachteten Weltlingen siedeln, und Erdgeborene sind zu vernünftig und finanzbewußt, um die heimatverbundenen, sturen Hestianer wirklich verstehen zu können. Und für die Hestianer sind die anderen entweder Ausbeuter und völlig Fremde, die bald wieder verschwinden.

Und dann sind da noch die Nichtmenschen. Für sie geht es ebenso wie für die Kolonisten um das nackte Überleben, sollte Sam den Damm fertigstellen. Erst als Samm gegen alle Widerstände die Verständigung mit Sazhjes Volk gelingt, gibt es für die Grenzer wie auch für das Volk wieder eine Perspektive, an die vorher niemand zu glauben gewagt hat.

In „Hestia“ ist Cherryh eine spannende, wenn auch actionarme Grenzer-Story gelungen, in der die Sackgasse der gewaltsamen Konfrontation überwunden wird.

4) Lino Aldani: Das andere Ufer (1979)

Auf der Kolonialwelt Igea leben die „Kindus“, intelligente und menschenähnliche Zweibeiner. Udo ist ein junger Kindu-Jäger, aber Loa, seine neue Freundin, ist geschickter im Fischen. Eines Tages verspürt Udo den dringenden Wunsch, den Fluss zu überqueren und auf das andere Ufer zu gehen: zu den weißen Engeln.

Bruce Edgeworth ist ein steinreicher Großindustrieller von der Erde. Er ist nach Igea gekommen, wo ihm Doktor Killpatrick durch ein Videosystem den Kindu beim Jagen gezeigt hat. Dass dieser Kindu intelligent zu sein scheint und offenbar zu menschlichen Beziehungen fähig ist, hat Edgeworth ein echtes Problem. Denn er braucht eine neue Leber, und der Kindu soll sie ihm spenden – dafür hat die Firma Igea die Kindus gezüchtet. Ein wenig weibliche Überredungskunst räumen allerdings Edgeworths Bedenken vollständig aus.

Mein Eindruck

1979 war die Idee der Züchtung von Organspendern wahrscheinlich noch etwas sehr Anstößiges, denn der Vorgang war etwas sehr Amoralisches. Ob er es heute noch ist, lässt sich an der Diskussion über die Stammzellenforschung ablesen. Klone sind ebenso tabu wie die Verwendung ungeborenen Lebens. Die Haltung der Gesellschaft ist also unverändert so wie damals. Nur dass sich heute kaum noch jemand darüber aufregt.

5) John Brunner: Die Behrendt-Umwandlung (1975)

Nach fünf Kriegen sind alle Erdteile von Hungersnöten heimgesucht. Alle Lebensmittel sind rationiert, aber was ist das für eine Nahrung, die die Suppentanker ranschaffen und verteilen? Ein junger Polizist, der bereits unter den ersten Anzeichen von Skorbut leidet, kommt mit dem Piloten eines Hubschraubers der Regierung ins Gespräch. Der Pilot erzählt ihm, während er ihm etwas zu essen gibt, woher die Nahrung stammt: aus dem Behrendt-Umwandler.

Wie der Name schon sagt, wurde der Umwandler von dem Wissenschaftler Behrendt erfunden und zur Produktionsreife geführt. Der Konverter wandelt Gras und andere organische Materie in Lebensmittel um: Früchte, Gemüse, sogar Wein. Damit wollte der Erfinder den Hunger in der Welt abschaffen – eine noble Absicht Doch bevor er sein Gerät vermarkten konnte, wurde er von seinen geldgebern ausgebootet, enteignet und in den Ruin getrieben. Er soll sich selbst aus Verzweiflung in seinen Umwandler gestürzt haben, lautet die Legende.

Tragischerweise bewirkte der Umwandler das Gegenteil von dem, was er bewirken sollte. Denn da nun die betuchteren Bevölkerungsschichten, die sich den Umwandler leisten konnten, keine Agrarerzeugnisse mehr kaufen, verloren die Bauern ihren Absatzmarkt. Wozu sich noch den Rücken krumm schuften? Auch Maschinen konnten sie nicht mehr anschaffen. Sie gingen zugrunde. Der Umwandler machte sie überflüssig.

Nun gibt es keine Landwirtschaft mehr, sondern nur noch Unkraut, das man in den Konverter wirft. Vielleicht auch die eine oder andere Ratte, meint der Pilot, und vielleicht auch den einen anderen Angehörigen derjenigen zwei Drittel der Menschheit, die inzwischen verhungert sind. Dem Polizisten dreht es schier den Magen um. Besonders als er den fettleibigen Vertreter der Regierung wieder in den Hubschrauber steigen sieht …

Mein Eindruck

Die Geschichte soll zeigen, wie sich eine unüberlegt eingesetzte wohlwollende Maßnahme in ihr genaues Gegenteil verwandeln kann, wenn man die Folgen ihres Einsatzes nicht bedacht hat. Davon hat man ja im Bereich der Biologie schon viel gehört, z. B. beim Einsetzen des Nilbarsches im Viktoriasee. Der See ist nun kurz vorm Exitus, und sogar sein Wasserpegel sinkt deshalb.

Der Autor hat seine Story allerdings nur als Dialog aufgezogen, und das macht sie ein klein wenig zu einem Essay-Ersatz, bei dem nur die Argumente und Fragen ausgetauscht werden. Von erzählerischer Raffinesse also leider keine Spur.

6) Larry Niven: Wechselhafter Mond (Inconstant Moon, 1971)

Der freie Schriftsteller Stan ruft nachts um zwölf seine Freundin Leslie, die Astronomin, in Los Angeles an, um zu fragen, ob sie das Gleiche beobachtet wie er: den unnatürlich hell strahlenden Mond über dem Pazifik. Auch sie wundert sich über dieses Phänomen, und als Astronomin weiß sie ja, woher der Glanz des Mondes kommt: von der Sonne, die er reflektiert. Was also ist mit der Sonne passiert?

In dieser Weltuntergangsstimmung machen sich die beiden ein paar schöne Stunden in Bars, Restaurants, beim Schaufenster-Shopping auf dem teuren Rodeo Drive. Was, wenn dies wirklich der letzte Tag der Erde ist, weil die Sonne zur Nova geworden und explodiert ist? In wenigen Stunden wäre es dann aus mit allen Menschen in Kalifornien. Doch ganz so schlimm komm es dann doch nicht. Denn ein gelber Fixstern wie die Sonne kann gar nicht zur Nova werden, weil sie nicht genügend Masse besitzt.

Was ist aber dann passiert? Stan und Leslie finden heraus. Zum Glück haben sie sich für eine Woche mit Lebensmitteln und Wasser eingedeckt, denn nun brechen alle Einrichtungen der Zivilisation zusammen …

Mein Eindruck

Diese berühmte Weltuntergangsgeschichte ist ein Vorspiel, eine Fingerübung für den Megaseller, den Niven bald danach schreiben sollte: „Luzifers Hammer“. Es ist eine Studie darüber, welche Gefühle Menschen bewegen, wenn sie den sicheren Untergang der Welt vor Augen haben und zu welchen Handlungen sie dann bereit sind. Aber was passiert, wenn die Natur ihnen noch eine Gnadenfrist einräumt? Haben sie vorgesorgt oder stürzen sie sich aus dem Fenster?

7) Walter M. Miller jr.: Der Darfsteller (1954)

In der nahen Zukunft hat das von programmierbaren Schaufensterpuppen ausgeführte „Autodrama“ das traditionelle Theaterschauspiel abgelöst – und mit ihm auch die menschlichen Darsteller. Thornier, der einst große Mime, hat dadurch seine Berufung verloren, doch er arbeitet immer noch im Theatergebäude: als Reinigungskraft. Dass er sich erniedrigt fühlt, versteht sich von selbst. Sein Kumpel Rick erklärt, wie das Autodrama im einzelnen funktioniert, und ein tollkühner Plan.

Als das neue Stück namens „Der Anarchist“ seine Premiere hat, will er die Puppe der Hauptfigur ausfallen lassen und für sie einspringen. Soweit klappt sein Plan auch hervorragend, denn die Koproduzentin spielt mit, ist sie doch eine alte Bekannte von Thornier. Doch dann taucht auch seine frühere Geliebte Mela auf, die ebenfalls in diesem Stück durch eine Puppe verkörpert wird. Und an diesem Punkt beginnen die Dinge schiefzugehen …

Mein Eindruck

In jeder Zeile verrät der Autor seine genaue Kenntnis des Theaters, und zwar nicht nur von dessen äußerer Mechanik und Verwaltung, sondern auch vom Innenleben der Schauspieler – wie sie „ticken“, was sie motiviert, was sie zum Versagen und zum Weitermachen bringen kann. Diese Psychologie erfüllt den Charakter der Hauptfigur der Geschichte auf glaubwürdige Weise und bringt den Leser dazu, mit ihm zu fühlen: sich zu freuen, mit ihm zu bangen.

Der Autor verschließt auch nicht die Augen vor der Notwendigkeit der Veränderung durch neue Technik: Rechner, Fernsehen, Schreibmaschine, was auch immer – nun ist es eben Autodrama. Doch er sagt auch, dass jede unabwendbar erscheinende Veränderung nicht immer zum Besten ausschlagen muss. Die Hauptsache ist doch meist, dass sie Geld einbringt. Wenn dadurch einige tausend Leute ihren Job verlieren – nun ja, dann müssen sie eben umsatteln. Leichter gesagt als getan.

Was die Geschichte inzwischen antiquiert erscheinen lässt (anno 1982 wohl nicht so sehr als jetzt, 2007), sind natürlich die technischen Details. Die Programmierung der „Mannequins“, die wie frühere Stars aussehen, erfolgt noch mit Lochstreifenbändern wie anno dazumal und noch nicht mit magnetischen (Festplatte) oder optischen Medien (mit Laserabtastung) wie heute. Auch das ein paar verwirrende Druckfehler den Leser stören, gehört zu den Schwächen dieses Textes. Auf Seite 388 muss es z. B. statt „mit einem … Federhütchen und dem Kopf“ natürlich „auf dem Kopf“ heißen.

8) Arthur C. Clarke: Die neun Milliarden Namen Gottes (1953)

Britische Computerwissenschaftler erhalten vom Lama eines tibetischen Klosters (denn damals war Tibet noch nicht von den Chinesen besetzt) den Auftrag, einen Rechner mit einem speziellen Programm zu liefern und vor Ort in Tibet zu betreiben. Der Mark V solle keine Zahlen knacken, sondern mit lediglich neun Zeichen die neun Milliarden Gottes buchstabieren. Den Zweck der Übung erfragt der Vertriebsbeauftragte lieber nicht. Der religiöse Charakter des Auftrags ist offenkundig.

Doch vor Ort machen sich die zwei Techniker nach Monaten des Buchstabendruckens allmählich Sorgen. Der Abt hat einem von ihnen gesagt, schon in wenigen Tagen werde der Auftrag beendet sein. Ja, und was passiert dann? In einem Anfall von Redseligkeit verriet es der Abt: Der Auftrag der Mönche, die Namen Gottes zu buchstabieren, sei erfüllt, Gott sei’s zufrieden und der Zweck seiner Schöpfung somit erfüllt. Ja, und was kommt danach, will der Techniker wissen? Wieso, fragt der Abt, danach kommt ein neues, ein anderes Universum …

Mein Eindruck

Hm, neun Milliarden: Das sind 9×10 hoch 9. Kann man diese hohe Zahl wirklich mit nur neun Zeichen erreichen? Dafür gibt es einen simplen Algorithmus, der mit neun hoch neun beginnt, womit die erste Permutation ausgeführt wird. Und danach folgen noch viele, viele weitere.

Aber das ist nebensächlich. Interessant ist an der Kurzgeschichte, dass der Autor, ein damals bekannter Ingenieur und Erfinder des Satelliten, hier modernste Rechentechnik (der Mönch rechnet allerdings noch mit einem Abakus) und Religion bzw. Mystik miteinander verknüpft. Computer als Mittel zur Erkenntnis der Schöpfung? Das kann offenbar auch ins Auge gehen, allerdings mal wieder anders als erwartet.

Unterm Strich

Diese Zusammenstellung bietet dem SF-Interessierten eine gesunde Mischung aus kurzen und langen Geschichten. An keiner Stelle verlangen die Autoren, dass der Leser irgendwelches technisches Wissen mitbringt. Es gibt keine einzige Hard-Science-Story, und daher kann man sich auch als Leser von Mainstream-Geschichten ohne Probleme mit den Inhalten dieser Geschichten befassen.

Mit Ray Bradbury, dem Drehbuchautor von John Hustons Film „Moby Dick“, ist sogar ein sehr bekannter Klassiker darunter. Die Mischung aus Bekanntem und Unbekanntem, Kurzem und Langem macht den besonderen Reiz der Jahresbände aus. Sie waren daher innerhalb der Heyne-SF-Reihe stets die auflagenstärksten Titel. Vielleicht lag es auch nur daran, dass sie für sehr wenig Geld sehr viele Seiten von hochkarätigen Autoren boten.

Je höher die Papierpreise kletterten, desto weniger ließ sich dieses Erfolgskonzept aufrechterhalten. Die letzten Best-of-Bände waren die Anthologien „Ikarus 2001“ und „Ikarus 2002“ sowie „Fernes Licht“, in denen Jeschke seine absoluten Lieblinge versammelte. Wir können nur hoffen, dass die Zeiten zurückkehren, in denen Erzählungen noch gefragt waren. Der Kurd-Laßwitz-Preis prämiert lediglich Storys aus deutschen Landen, doch internationale Produktionen muss man in Magazinen wie „Alien Contact“ suchen, die reine Zuschusspublikationen sind.

Taschenbuch: 461 Seiten
Aus dem Englischen übertragen von diversen Übersetzern
ISBN-13: 978-3453307568
http://www.heyne.de

Wolfgang Jeschke, Brian W. Aldiss (Hrsg.) – Titan-19

Bringt die Pferde ins Raumschiff! Galaktische Imperien – Teil 2

In der vorliegenden Ausgabe des Auswahlbandes Nr. 19 von „Titan“ sind nicht Beiträge zur „Science Fiction Hall of Fame“ ges<ammelt, sondern klassische SF-Erzählungen der 1950er Jahre – Thema sind „Galaktische Imperien“. Dies ist der zweite von vier TITAN-Bänden zu diesem Thema.

Die Kriterien der deutschen Bände waren nicht Novität um jeden Preis, sondern vielmehr Qualität und bibliophile Rarität, denn TITAN sollte in der Heyne-Reihe „Science Fiction Classics“ erscheinen. Folglich konnten Erzählungen enthalten sein, die schon einmal in Deutschland woanders erschienen waren, aber zumeist nicht mehr greifbar waren. TITAN sollte nach dem Willen des deutschen Herausgebers Wolfgang Jeschke ausschließlich Erzählungen in ungekürzter Fassung und sorgfältiger Neuübersetzung enthalten. Mithin war TITAN von vornherein etwas für Sammler und Kenner, aber auch für alle, die Spaß an einer gut erzählten phantastischen Geschichte haben.

Die Herausgeber

1) Wolfgang Jeschke, geboren 1936 in Tetschen, Tschechei, wuchs in Asperg bei Ludwigsburg auf und studierte Anglistik, Germanistik sowie Philosophie in München. Nach Verlagsredaktionsjobs wurde er 1969-1971 Herausgeber der Reihe „Science Fiction für Kenner“ im Lichtenberg Verlag, ab 1973 Mitherausgeber und ab 1977 alleiniger Herausgeber der bis 2001 einflussreichsten deutschen Sciencefiction-Reihe Deutschlands beim Heyne Verlag, München. Von 1977 bis 2001/02 gab er regelmäßig Anthologien – insgesamt über 400 – heraus, darunter die Einzigen mit gesamteuropäischen Autoren.

Seit 1955 veröffentlicht er eigene Arbeiten, die in ganz Europa übersetzt und z.T. für den Rundfunk bearbeitet wurden. Er schrieb mehrere Hörspiele, darunter „Sibyllen im Herkules oder Instant Biester“ (1986). Seine erster Roman ist „Der letzte Tag der Schöpfung“ (1981) befasst sich wie viele seiner Erzählungen mit Zeitreise und der Möglichkeit eines alternativen Geschichtsverlaufs. Sehr empfehlenswert ist auch die Novelle „Osiris Land“ (1982 und 1986). Eine seiner Storysammlungen trägt den Titel „Schlechte Nachrichten aus dem Vatikan“.

2) Brian W. Aldiss (*1925) ist nach James Graham Ballard und vor Michael Moorcock der wichtigste und experimentierfreudigste britische SF-Schriftsteller. Während Ballard nicht so thematisch und stilistisch vielseitig ist, hat er auch nicht Aldiss‘ ironischen Humor.

Aldiss wurde bei uns am bekanntesten mit seiner Helliconia-Trilogie, die einen Standard in Sachen Weltenbau in der modernen SF setzte. Das elegische Standardthema von Aldiss ist die Fruchtbarkeit des Lebens und die Sterilität des Todes. Für „Hothouse“ bekam Aldiss den HUGO Award. Er hat auch Theaterstücke, Erotik, Lyrik und vieles mehr geschrieben.

Die Erzählungen

1) Cordwainer Smith: „Das Verbrechen und der Ruhm des Kommandanten Suzdal“

Kommandant Suzdal ist ein Erforscher fremder Welten und dringt diesmal ans andere Ende der Galaxis vor, vielleicht sogar darüber hinaus. Natürlich ist er nicht die ganze Zeit wach, sondern lässt künstliche, in Würfeln gespeicherte Persönlichkeiten wie etwa Sicherheitsoffiziere den Flug seines Einmannschiffes überwachen.

Als sie ihn wecken, ist die Kacke bereits am Dampfen: Die Außenhülle des Schiffes leidet unter einer Invasion fremder Wesen, die männlichen Menschen verblüffend ähnlich sehen. Es handelt sich um Arachosianer, deren Welt ausschließlich von Männern bewohnt wird. Nach der Auslöschung allen weiblichen Lebens auf ihrer Welt infolge Strahlung haben sie im Laufe ihrer gesellschaftlichen und biologischen Evolution einen Hass auf alle Menschen entwickelt, die von Frauen geboren wurden. Deshalb greifen sie Suzdals Schiff an.

Was tun? An diesem Punkt folgt nun das wahrhaft kosmoserschütternde Verbrechen Suzdals: Er erschafft aus den Gendatenbanken eine Katzenrasse und schickt diese zwei Millionen Jahre in die Vergangenheit, von wo sie auf dem Mond von Arachosia allmählich Intelligenz entwickelt. Und weil er dieser Rasse Verehrung für „normale“ Menschen eingeprägt hat, kommt ihm nun ihre Flotte gegen die Arachosianer zu Hilfe.

Das mag zwar ein hübscher Trick sein, um sich aus der Patsche zu helfen, doch bringt es Suzdal trotzdem vors Kriegsgericht der Instrumentalität, die über die Erde und ihre Kolonien herrscht. Das Gericht nimmt ihm erst seinen Rang, dann sein Leben, schließlich aber seinen Tod, sodass er nach Shayol, dem Höllenplaneten, verbannt wird. Doch für die Klopten, jenen Katzenwesen vom Arachosia-Mond, ist er ein verehrungswürdiger Mensch, und dort währet sein Ruhm ewiglich.

Mein Eindruck

Auf recht ironische Weise arbeitet der Autor heraus, dass ein und dieselbe Tat sowohl Ruhm als auch Bestrafung einbringen kann. Dabei kommt uns diese Tat gar nicht mal so kriminell vor: Was soll daran so schlimm sein, eine Rasse zu erschaffen, indem man ihre Vorfahren in die Vergangenheit schickt? Witzig ist höchstens, dass es sich im Ergebnis um intelligente Katzen handelt, so als ob die Evolution nur lange genug müsste, um endlich Intelligenz hervorzubringen.

Was die bekannte Erzählung so besonders macht, ist die Art und Weise, wie sie erzählt wird. Das Urteil über Sudal wird praktisch schon vorweggenommen, obwohl wir noch gar nicht wissen, worum es sich bei seinem „Verbrechen“ handelt. Das steigert natürlich erstens die Spannung und fordert uns zweitens heraus, uns ein eigenes Urteil bilden zu wollen. Beide Effekte werden glänzend erreicht.

2) Alfred Coppel: „Der Rebell von Walkür“

Das Erste Imperium ging unter und das Interregnum, das ihm vier Generationen lang folgte, sorgte dafür, dass alles Wissen über die Technik, den Großen Vernichter, verlorenging – außer bei den Zauberern, die jeder aufrechte Krieger fürchtet. Doch zusammen mit den Kriegerkönigen der Äußeren Marken gelang es König Gilmer von der Erde, in der Schlacht von Kaidor die Abtrünnigen zu besiegen und das Zweite Imperium zu errichten, dessen Kaiser er wurde.

König Kieron von Walkür ist ein treuer Gefolgsmann des vor einem verstorbenen Kaisers gewesen. Doch seitdem herrscht die Kaisergattin Ivane über Höflinge und ihren schwachen Sohn, den Thronfolger Toran. Ihre Tochter Alys ist in Ungnade gefallen, wie Kieron unerfreut feststellen muss, als er bei Hofe um Steuernachlass bitten will. Er wird nicht einmal vorgelassen, sondern gedemütigt. Doch als er der Statue Gilmers in der Ahnengalerie seine Reverenz erweist, begegnet er Alys, die mittlerweile eine junge Frau von 20 Jahren ist. Und sie weiß ihn für sich zu gewinnen. Allerdings hat sie eine ganz spezielle Bitte …

Nach dem schmachvollen Abgang vom Hofe begibt sich Kieron mit seinen Kriegern an Bord seines Sternenschiffes zur Welt Kalgan, wo Freka der Unbekannte zum Aufstand gegen die Kaisergemahlin aufruft. Wie Alys ihn gebeten hat, weigert sich Kieron, sofort bei der Rebellion mitzumachen. Das bringt ihm das Misstrauen Frekas ein. Wenige Tage später taucht Alys in der Obhut seines besten Kämpfers Nevitta im Palast Frekas auf: Ihre kleine Intrige ist gescheitert und sie kann froh sein, den Schergen Ivanes entkommen zu sein. Was aber das Schockierende daran ist: Diese Schergen trugen das Wappen Kalgans! Und Toran wurde gemeuchelt!

Verrat innerhalb eines Verrats – das trägt die Handschrift Frekas und Ivanes, die unter einer Decke stecken. Besorgt um Alys, die Thronfolgerin, macht er sie zu seiner Geliebten und erklärt sie zur Kaiserin, der er den Treueid schwört. Kieron ist wütend und entdeckt einen weiteren Verräter in Frekas Festung: den Höfling Landor, seines Zeichens Erster Raumlord. Wenn es nach Kieron geht, hat er nicht lange zu leben. Also macht er sich an die Verfolgung, um herauszufinden, was Landor mit Freka zu besprechen hat …

Mein Eindruck

Angesichts der auffälligen Kombination von SF- und Fantasy-Elementen verblüfften mich die Parallelen zu Frank Herberts „Wüstenplanet“, wo ja auch SF-Technik in feudalistische Strukturen eingebettet ist. Gerüstete Ritter, die ihre Pferde an Bord riesiger Raumschiffe bringen, um sodann den Hyperraum zu durchqueren – man braucht schon viel Gläubigkeit an fantasievolle Szenen, um solche Szenarien zu goutieren.

Die Liebesgeschichte zwischen der jungen Alys und dem Recken Kieron ist nach dem Muster der dreißiger Jahre gestrickt: Sobald Alys, die stets modisch barbusig auftritt, Kaiserin geworden ist, steht sie weit über dem König Kieron – und muss ihm entsagen, denn er hat keine Absicht, der nächste Kaiser zu werden. Das ergibt jede Menge Herzschmerz, vor allem auf Seiten Alys‘.

Ein interessantes Element ist das Erwähnen von Robotern und Androiden. Und damit sei nur ein kleiner Hinweis auf die Pointe geliefert, die den finalen Showdown mit einer Überraschung krönt.

Wer hätte gedacht, dass ein späterer Mainstream-Autor von Agententhrillern wie „34° Grad Ost“ mal mit solchen Räuberpistolen anfing? Wer Alan Burt Akers oder die Marsromane von Tarzan-Erfinder Edgar Rice Burroughs mag, dem wird auch diese Novelle von berittenen Sternenkönigen gefallen.

3) Idris Seabright: „Sternenstaub fällt vom Himmel“

Die Menschheit hat Welt um Welt erobert, bis ein galaktisches Imperium entstanden ist. Doch dabei hat sie zahlreiche einheimische Völker unterdrückt, genau wie einst die Römer. Kerr ist ein Bewahrer von Leichen, die in seinem Gebäude aufbewahrt werden. Es sind in der Regel tote Vogelmenschen, die beiden Schaukämpfen in der Luft ums Leben gekommen sind. Bei den Kämpfen scheint ein Leuchten vom Himmel zu fallen.

Rhysha ist abends in sein Büro gekommen, um ihren gestorbenen Bruder auszulösen. Während sie die Formalitäten des Imperiums absolvieren, betrachtet er mit Entzücken ihre schlanke Gestalt in dem türkisfarbenen Federkleid. Er bietet ihr an, sie nach Hause zu begleiten, doch sie lebt in einem verrufenen Viertel, wo Menschen nicht gern gesehen sind. Auf dem nächtlichen Weg dorthin spuckt ein Bettler vor dieser Rassenschande aus – ein Mensch und ein „Extie“ zusammen!

Um Rhyshas Zweifel zu widerlegen, dass Menschen und Ngayir je zusammenleben könnten, singt er ihr eine Arie aus Mozarts „Zauberflöte“ vor, was sie sehr erfreut. Und später schenkt er ihr einen Halsanhänger mit einem Türkis daran. Er verspricht, für die Ngayir eine eigene Welt zu suchen.

Doch dieser Antrag wird abgewiesen und Kerr wird krank. Als er nach fünf Wochen zurück in sein Totenhaus kommt, sieht er, wer in der Konservierungsflüssigkeit liegt: Rhysha. Doch in dem Amulett, das er ihr schenkte, befindet sich ihre letzte Botschaft an ihn …

Mein Eindruck

Man könnte denken, die Sciencefiction sei auf einmal soziologisch geworden, aber die Erzählung liest sich dann doch nicht wie ein Traktat, sondern wie ein bittersüßes Drama, wie eine unerfüllte Liebesgeschichte. Und das i-Tüpfelchen würde dann der Titel liefern, der sich als bittere Wahrheit entpuppt.

Hinter der Romanze versteckt sich jedoch, wie der Schluss andeutet, knallharte wirtschaftliche Realität: Wer die – menschlichen – Massen nicht unterhält, muss verhungern. Dies sagt mehr über die Menschen aus als über die Fremdwesen. Die Menschen pflanzen sich so schnell fort, dass sie den Anderen den Lebensraum rauben müssen, um Platz für ihre Massen zu haben. Und alles, was den Fremdartigen zum Broterweb übrigbleibt, ist die Unterhaltung. Das war schon bei den amerikanischen Indianerhäuptlingen (unter ihnen sogar Geronimo) so, die in Buffalo Bills Wildwest-Show auftreten durften, um sich ein Gnadenbrot zu verdienen.

4) Clifford D. Simak: „Der Einwanderer“ (1954)

Selden Bishop, der zum Planeten Kimon fliegt, wird von allen Passagieren an Bord des Raumschiffs beneidet. Denn Kimon, zu dem seit rund hundert Jahren Kontakt besteht, ist immer noch eine Welt voller Geheimnisse. So lassen die Kimonianer nur die Intelligentesten unter den Erdlingen auf ihre Welt, doch von diesen Auserwählten erfährt man praktisch keine hilfreichen Informationen, wie man mit Kimon Handel treiben könnte. Die Menschen sind ein wenig frustriert, und so wurde auch Selden gebeten, mehr herauszufinden, das der Erde nützlich sein könnte: ein winziges Fitzelchen würde schon genügen, heißt es.

Selden hätte sich keine Sorgen zu machen brauchen, er habe zu wenig Geld mitgebracht. Seine Hotelsuite wird vom Staat bezahlt, ebenso die Drinks. Was ihn frustriert, sind nicht nur die überlegenden telepathischen und telekinetischen Fähigkeiten der wenigen Kimonianer, die er zu Gesicht bekommt. Nein, auch seine eigenen betriebswirtschaftlichen Kenntnisse sind überhaupt nicht gefragt. Jahre des Lernens umsonst! Wenigstens gibt es einen Lichtblick: Man kann Telepathie und Teleportation erlernen, wie die beiden Menschen Maxine und Monty demonstrieren.

Aber wie kann er etwas über die Bewohner dieses kahlen Planeten selbst erfahren? Ganz einfach: als Babysitter. Wie sich herausstellt, sind seine bescheidenen Fähigkeiten als Entertainer gefragt. Und so erzählt er den schönen Bewohnern mit ihren irdischen Namen – er können ihre wahren Namen ja doch nicht aussprechen – die Artuslegende. Als Clown fühlt er sich etwas unterfordert, aber es kommt ein Abend, da wird er im Stich gelassen und er bekommt erstmals einen erwachsenen Kimonianer zu Gesicht. Der entschuldigt sich für die unartigen Kinder.

Allmählich kommt Selden dahinter, was es mit der Beziehung zwischen Menschen und Kimonianern auf sich hat. Beide wollen voneinander lernen. Das Problem ist nur, dass sie von zwei ganz verschiedenen Enden des Spektrums kommen. Selden beschließt deshalb, noch einmal in die Schule zu gehen – in die der Einheimischen …

Mein Eindruck

Ich kenne keine einzige Erzählung von Clifford Simak, die unverständlich wäre. Und so ist auch „Der Einwanderer“ eminent lesbar, obwohl es um eine denkbar komplizierte Entwicklung geht. Denn stets muss der Ich-Erzähler Selden Bishop seinen eigenen Status revidieren. Er ist keinesfalls den Kimonianern ebenbürtig, aber auch nicht den weiterentwickelten Menschen. Außerdem muss er lernen, dass es schwer ist, den lädierten Stolz über diese Tatsache einzugestehen. Er kann nicht nach Hause schreiben, dass er nichts erfahren und nichts erreicht hat. Das lässt sein Stolz nicht zu – und auch nicht der aller anderen Menschen. Aus diesem Grund gibt es so wenige verwertbare Informationen über Kimon. Aus Scham.

Selden muss eine Fähigkeit erwerben, die es ihm ermöglicht, auf Kimon wieder ganz von vorne anzufangen: Demut. Dieser Entwicklung entspricht seine scheinbarer Abstieg: von der Uni zurück zur Oberschule und schließlich wieder im Kindergarten. Ohne hämische Ironie erzählt der klassische Autor, was nötig ist, um eine völlig fremde Kultur zu verstehen. Eine große Leistung.

5) James White: „Leibarzt“ (1961)

Dr. Conway ist Arzt mit einem Spezialgebiet: Fremdwesen. Sein Arbeitsort ist das Sector General Hospital, irgendwo im äußeren Spiralarm unserer Galaxis, und deshalb hat er täglich alle Hände voll zu tun. Selbst dann, wenn er auf die Hilfe eines Empathen, eines Alien-Chirurgen und weiterer Spezialisten zurückgreifen kann.

Diesmal hat er einen Patienten bekommen, der ihm Rätsel aufgibt. Das birnenförmige Wesen kommt aus der Andromeda-Galaxie und zwar an Bord eines Schiffes, das laut Logbuch ursprünglich zwei Passagiere hatte: den EPLH und seinen Leibarzt. Ist der Patient also nicht nur ein Mörder, sondern auch noch Kannibale? Das lässt Schlimmes befürchten, und folglich ist auch ein bewaffneter Leutnant von der Sektorüberwachung in der Nähe, der Conway über die Schulter schaut.

Zum Glück scheint der Patient bewusstlos zu sein. Das bietet Conway die Chance, sich bei anderen Andromedabewohnern umzuhören, den Ians. Als die Ianer seine Zeichnung sehen, fallen sie schier in Ohnmacht. Jedenfalls auf den Boden. Es handle sich um einen unsterblichen Gott, behaupten sie aufgeregt und beeilen sich, das göttliche Wesen zu bestaunen. Nach einer Weile weiterer Konsultaionen ergibt sich für Conway das Bild, dass sein Mörder und Kannibale nicht nur sehr langlebig ist, sondern auch noch instinktive Dominanzgelüste hegt. Na, prächtig.

Er macht dem Chefpsychologen O’Mara sein Dilemma klar: Entweder gehorcht er seinem hippokratischen Eid und versucht, den Patienten zu heilen, oder er riskiert die Übernahme der Station, wenn nicht sogar des Sektors durch den Fremdling. O’Mara gibt ihm trotzdem grünes Licht. Bei einer ersten Injektion reagiert der Patient wütend und aggressiv. Kein gutes Vorzeichen. Aber dennoch bereitet Conway die Operation vor. Vorsichtshalber trifft er sämtliche Vorsichtsmaßnahmen, und O’Mara wie auch der schussbereite Leutnant bleiben in seiner Nähe. Es kann losgehen …

Mein Eindruck

Dies ist eine der ersten Sector General-Stories, die James White über seine Weltraumärzte veröffentlichte. Er schrieb eine ganze Reihe von erfolgreichen Romanen darüber, und sie sind alle bei Heyne erhältlich (bzw. im modernen Antiquariat). Das Geheimnis dieses Erfolges ist nicht nur eine exzellente Schreibe, sondern zwei Faktoren: Exotik und scharfsinnige Ermittlung. Während die Aliens für jede Menge bizarre Exotik und Rätsel sorgen, muss Dr. Conway wie ein klassischer Sherlock Holmes seine grauen zellen anstrengen, um dem jeweiligen Rätsel und Problem auf den Grund zu gehen. Dabei stellen sich regelmäßig auch moralische Dilemmata ein, die es zu lösen gilt. Alles in allem stets eine runde Sache.

6) Hal Lynch: „Pensionsalter“

Tommy ist Captain in der Raumpatrouille. Nach einem weiteren glorreichen Einsatz gegen Aufständische auf Uriel kehrt er per Materiesender zu seiner Heimatwelt zurück. Rechtzeitig, um die Verabschiedung in den Ruhestand mitzuerleben, bei der Commander Croslake von Halligan abgelöst wird. Tommy hat kein Verständnis dafür, dass die Patrouille ihre Kommandeure so früh verabschiedet. Croslake ist gerademal 19 oder so, und er selbst erst 16.

Als er in der Zuschauermenge seinen älteren Bruder Billy, einen Lehrer, erspäht, fragt er ihn nach dem Sinn dieser Regelung. Der versucht es ihm zu erklären, aber Tommy kapiert kein Wort. Nur soviel, dass der nötige Idealismus flöten geht, sobald man das 15. Lebensjahr überschritten hat und erwachsen wird …

Mein Eindruck

Man könnte die Story als Fußnote der SF abhaken, wenn sie nicht ein Fünkchen Wahrheit enthielte: SF ist etwas für Jungs, vor allem dann, wenn sie nur auf Abenteuer, Romantik und Gewalt abgestellt ist. Alles andere ist für Erwachsene. Und weil die Raumpatrouille die Verkörperung dieser Ideale darstellt, duldet sie keine Erwachsenen in ihren Reihen. Q.E.D.

7) Pete Adams & Charles Nightinggale: „Pflanzzeit“

Randy Richmond ist ein Fernerkunder und somit lange allein unterwegs. Nur der kluge Multimedia-Computer hält ihn einigermaßen bei Laune. Um die Langeweile auf dem monatelangen Flug zu unterbrechen und etwas Rohstoffe zu sammeln, kommt ihm daher der Planet Rosy Lee gerade recht. Eingedenk des posthypnotischen Befehls, keinen Kontakt mit der einheimischen Bevölkerung aufzunehmen, landet Randy auf einer einsamen, anscheinend unbewohnten Insel.

Solch ein Bad im saphirblauen Ozean ist doch eine tolle Abwechslung! Aber wie staunt Randy erst, als er eine sich im Gras räkelnde Schönheit vorfindet, die einen betörenden Duft verströmt! Und da sie ihn schon so einladend anblickt, dauert es nicht lange, bis er sich in ihren Tiefen verliert. Als er wieder erwacht, ignoriert sie ihn jedoch hartnäckig. So wandert er weiter auf der Insel, bis er plötzlich ein weiteres einladendes Mädchen erblickt. Randy fackelt nicht lange. Doch nach dem Vergnügen kommt auch bei ihr der Frust: Sie ignoriert ihn abweisend. Auch bei einer dritten Schönheit ergeht es ihm nicht anders.

Nachdem er sich tüchtig ausgeschlafen hat und am nächsten Morgen aus der Luftschleuse schaut, entdecken seine entzückten Augen ein wahres Traumbild: ein ganzes Feld voller einladender Mädchen, die alle nur darauf aus zu sein scheinen, Gegenstand seiner amourösen Aufmerksamkeit zu werden. Randy, wieder erstarkt, macht sich sogleich ans Werk. Doch woher kommen diese Mädchen alle, und was führt sie alle zu ihm? Erst Stunden später entdeckt Randy zufällig die grausige Wahrheit.

Mein Eindruck

Dies ist weniger eine Story über willige junge Damen und einen Mann, der sie ruchlos ausnutzt, als vielmehr über einen Idioten, der nicht erkennt, was er vor sich hat: Pflanzen! Diese wundersame Art von Blume, deren Mimikry sich auf humanoide Lebensformen ausgerichtet hat, nennt sich Gigantiflora, was vor allem die Größe ihrer Knospen usw. erklärt. Natürlich sind die weiblichen Angehörigen der Spezies darauf aus, den Samen des symbiotischen Männchens zu erhalten UND den eigenen Pollen an ihre Artgenossinnen weiterzugeben. Ein Vorgang, der ausgezeichnet durch Kopulation zu bewerkstelligen ist.

Dies ist ebenfalls KEINE Horrorstory, wie man vielleicht meinen könnte, sondern sie hat ein tolles, ziemlich frivoles Happy-end. Randy sieht nämlich eine Marktlücke und wird zugleich Gärtner und Zuhälter. Was ganz im Sinne seiner Schützlinge ist, denen dieses Märchen vorgelesen wird …

Die Übersetzung

Heinz Nagel hat die Erzählungen wie auch die Einleitungen einwandfrei übersetzt, und so halten sich die allfälligen Druckfehler in Grenzen. Es gibt nur eine Ausnahme. Auf Seite 183 tut er in „Der Leibarzt“ etwas zuviel des Guten: “ …festgestellt, dass man noch eine weitere Person hätte an Bord sein müssen.“ Streicht man das Wörtchen „man“, erhält der Satz einen Sinn.

Unterm Strich

Mit den Beiträgen von Cordwainer Smith, Clifford Simak und James White enthält diese Auswahl drei hochkarätige und vielfach abgedruckte Erzählungen, die auch beim wiederholten Lesen wirklich unterhalten und zu überzeugen wissen. Zu beeindrucken weiß auch „Sternenstaub fällt vom Himmel“, während „Pensionsalter“ lediglich eine Fußnote darstellt.

Ein richtiges B-Movie der 1930er Jahre ist hingegen Alfred Coppels Sternendrama um Kieron von Walkür. Ebenso wie „Krieg der Sterne“ auf den SciFi-Serials der dreißiger Jahre à la „Buck Rogers“ (1939) basiert, die wiederum auf Conmicstrips der Jahre 1928-29 fußten, so nutzt auch Coppel die alten Versatzstücke, um dramatische Effekte zu erzielen. Mit dem Auftritt eines Androiden überwindet er die Klischees nur scheinbar, bereitet dem Leser aber eine hübsche Überraschung.

Eine frivole Extravaganz stellt hingegen die letzte Story „Pflanzzeit“ dar. Zu dem erotischen Inhalt passt ja auch der Name „Randy“, der im Englischen so viel wie „geil“ bedeutet. Es ist allerdings eine jener Stories, in der sich die Bewohner des fremden Planeten der Mimikry befleißigen, um von Humanoiden das zu bekommen, was sie brauchen. Etwa zur gleichen Zeit, nämlich im Jahr 1952, verursachte Philip José Farmer mit seiner erotischen Story „Die Liebenden“ (die er später zum Roman ausbaute) erhebliches Aufsehen im Genre, weil er einen Erdenmann eine eindeutig nichtmenschliche Frau lieben lässt, und zwar keineswegs nur platonisch. Anders als Farmers Liebende darf Randy Richmond ein Happy-end mit seinen floralen Damen erleben.

Dieses zweite Buch der vierteiligen Serie „Galaktic Empires“ soll nach dem Willen des Herausgebers Aldiss „Reife und Niedergang“ illustrieren. Richtig ist, dass sich die hier gezeigten Imperien auf der Höhe ihrer Macht befinden, die jedoch keineswegs unbestritten ist, wie Coppels Abenteuernovelle verdeutlicht. Die Dialektik von Aufstieg und Niedergang ist auch in so großen Gebilden wie Sternenreichen wirksam, und in den Folgebänden 20 und 21 dürfte sich die Abwärtsbewegung noch verstärken.

Taschenbuch: 239 Seiten
Originaltitel: Galactic Empires 1/2, 1976
Aus dem US-Englischen von Heinz Nagel
www.heyne.de

Wolfgang Jeschke (Hrsg.) – Schöne nackte Welt. Internationale Science Fiction Stories

Classic SF of 1986: Eine der besten Jeschke-Anthologien

Dieser Heyne-Auswahlband versammelt internationale Science Fiction Erzählungen aus USA, Italien, Österreich, Jugoslawien, Polen, Ungarn und Deutschland.

Zu den Höhepunkten zählen:

• Lucius Shepards zwei Erzählungen „Der Pfad des Jaguars“ und „R & R“,
• die William-Gibson-Story „Der Wintermarkt“ sowie
• die beiden Novellen „Flucht aus Katmandu“ von Kim Stanley Robinson und
• „24 Ansichten des Berges Fuji, von Hokusai“ von Roger Zelazny, und viele mehr.

Kurzum: eine erstklassige Lese des Jahres 1986!
Wolfgang Jeschke (Hrsg.) – Schöne nackte Welt. Internationale Science Fiction Stories weiterlesen

Jeschke, Wolfgang (Hrsg.) – Heyne Science Fiction Jahresband 1999

Classic SF mit Humor: Haut den Dino auf die Rübe!

Der Heyne SF-Jahresband 1999 bietet Science Fiction auf höchstem Niveau, sowohl was Ideen, als auch Sprache und Stil anbelangt. Ein guter, anspruchsvoller Einstieg in das Genre. Bemerkenswert: Der Jahresband 1999 enthält fünf Novellen mit Umfängen zwischen 69 und 95 Seiten. Unter diesen Erzählungen ragt die erste in mehrfacher Hinsicht heraus: „Die Dechronisation von Sam Magruder“ von George Gaylord Simpson. Dafür hat kein Geringerer als Arthur C. Clarke das Vorwort verfasst.
Jeschke, Wolfgang (Hrsg.) – Heyne Science Fiction Jahresband 1999 weiterlesen

Wolfgang Jeschke (Hrsg.) – Heyne Science Fiction Jahresband 1997


Ernüchternde Zukunft, digitale Romantik: Auswahl erstklassiger SF-Stories

Der SF-Jahresband 1997 vereint Geschichten und Kurzromane von Michael Flynn, Elisabeth Vonarburg, Ben Bova, Stephen Baxter, Lucius Shepard, Charles Sheffield und – last but not least – Marcus Hammerschmitt. Insgesamt bietet der Band eine sehr gehalt- und niveauvolle Sammlung erstklassigen Materials, das von den Illustrationen ideal ergänzt wird. Die Story von Lucius Shepard über „Muschelkratzer-Bill“ landete zum Beispiel bei zahlreichen Awards auf den vordersten Plätzen.
Wolfgang Jeschke (Hrsg.) – Heyne Science Fiction Jahresband 1997 weiterlesen

Wolfgang Jeschke (Hrsg.) – Heyne Science Fiction Jahresband 1989

Classic SF: Preiswürdige Erzählungen von Star-AutorInnen

Dieser Jahresband ist eine Fundgrube für SF-Einsteiger und -Fortgeschrittene gleichermaßen. Bekannte Autoren der 1980er Jahre wie George R.R. Martin, Walter Jon Williams und Lucius Shepard sind hier versammelt. Aufstrebende weibliche Autoren wie Karen Joy Fowler, deren Romane mittlerweile verfilmt werden, gaben damals ihr Debüt, und etablierte Autorinnen wie James Tiptree jr. alias Alice Sheldon befanden sich im Endstadium ihrer Karriere.
Wolfgang Jeschke (Hrsg.) – Heyne Science Fiction Jahresband 1989 weiterlesen

Wolfgang Jeschke (Hg.) – Heyne Science Fiction Jahresband 1991

Sciencefiction und Phantastik vom Feinsten

Der inzwischen in Rente gegangene Herausgeber der Heyne Science Fiction Reihe, Wolfgang Jeschke, pflegte von 1980 bis 2000 eine schöne Tradition: Jedes Jahr präsentierte er seinen Lesern eine Anthologie von guten phantastischen Geschichten zu einem sehr erschwinglichen Preis. Lag dieser 1985 noch bei schlappen 5,80 DM, so war der Preis im Jahr 2000 bereits bei 18,00 DM angelangt – und wäre heute überhaupt nicht mehr bezahlbar. (Man könnte mal die Preissteigerungsrate ausrechnen: Sie ist astronomisch hoch.)

Wie immer jedoch lieferten die SF-Jahresbände Erzählungen, die von der ersten Liga der Autoren und Autorinnen stammte. Stets war ein kleiner Ausreißer dabei, sei es ein Autor aus dem Ostblock – zu dem Jeschke von jeher gute Kontakte pflegte -, oder ein Kurzroman, z.B. von Bruce McAllister oder Connie Willis.
Wolfgang Jeschke (Hg.) – Heyne Science Fiction Jahresband 1991 weiterlesen

Wolfgang Jeschke (Hg.) – Science Fiction Story Reader 13

Klassische SF-Erzählungen von Star-AutorInnen

In dieser Anthologie aus dem Jahr 1980 sind neun SF-Erzählungen amerikanischer, deutscher, englischer und russischer AutorInnen vereinigt:

– der Kurzroman „Azteken“ der HUGO- und NEBULA-Award-Gewinnerin Vonda McIntyre;

– die romantisch-traurige Novelle vom „Alten Zinnsoldaten“ von Joan D. Vinge (HUGO für „Die Schneekönigin“);

– „Tertiär“, ein bemerkenswerter Kurzroman des deutschen Autors Gerhard Stein sowie

– die Kurzgeschichte „Kassandra“ der mehrfachen HUGO-Preisträgerin C.J. Cherryh, mit der sie im August 1979 erneut den HUGO Award gewann. Und vieles mehr.
Wolfgang Jeschke (Hg.) – Science Fiction Story Reader 13 weiterlesen

Wolfgang Jeschke (Hrsg.) – Heyne Science Fiction Jahresband 1988

Klassische SF-Erzählungen zu kleinem Preis

Der inzwischen verstorbene Herausgeber der Heyne Science Fiction Reihe, Wolfgang Jeschke, pflegte von 1980 bis 2000 eine schöne Tradition: Jedes Jahr präsentierte er seinen Lesern eine Anthologie von guten phantastischen Geschichten zu einem sehr erschwinglichen Preis. Lag dieser 1980 noch bei schlappen 4,80 DM, so war der Preis im Jahr 2000 bereits bei 18,00 DM angelangt – und wäre heute überhaupt nicht mehr bezahlbar. (Man könnte man die Preissteigerungsrate ausrechnen: Sie ist astronomisch hoch.)

Wie immer jedoch lieferten die SF-Jahresbände Erzählungen, die von der ersten Liga der Autoren und Autorinnen stammte. Stets war ein kleiner Ausreißer dabei, sei es ein Autor aus dem Ostblock – zu dem Jeschke von jeher gute Kontakte pflegte -, oder ein Kurzroman, z.B. von C.J. Cherryh.

Dieser Band erschien im Jubiläumsjahr 1988 – 25 Jahre Heyne Science Fiction, wenn ich mich nicht täusche. Die Beiträge sind herausragend, ebenso die angloamerikanischen Autoren.
Wolfgang Jeschke (Hrsg.) – Heyne Science Fiction Jahresband 1988 weiterlesen

Wolfgang Jeschke (Hg.) – Fernes Licht. Die besten Erzählungen aus 40 Jahren Heyne Science Fiction

Preisgünstiger Auswahlband: klassische Science-Fiction-Erzählungen

Zum vierzigjährigen Jubiläum der Heyne-SF-Reihe gab Wolfgang Jeschke diesen Auswahlband zu einem besonders günstigen Preis heraus: über 1000 Seiten für nur 15 D-Mark. Allerdings fand sich darin kein einziger Beitrag außerhalb des anglo-amerikanischen Sprachraums. Das finde ich sehr schade.

Wolfgang Jeschke (Hg.) – Fernes Licht. Die besten Erzählungen aus 40 Jahren Heyne Science Fiction weiterlesen

Wolfgang Jeschke (Hrsg.) – Heyne Science Fiction Jahresband 1985

Hochkarätige Auswahl von SF-Erzählungen und -Romanen

Der inzwischen in Rente gegangene Herausgeber der Heyne-Science-Fiction-Reihe, Wolfgang Jeschke, pflegte von 1980 bis 2000 eine schöne Tradition: Jedes Jahr präsentierte er seinen Lesern eine Anthologie von guten phantastischen Geschichten zu einem sehr erschwinglichen Preis. Lag dieser 1980 noch bei schlappen 4,80 DM, so war der Preis im Jahr 2000 bereits bei 18,00 DM angelangt – und wäre heute überhaupt nicht mehr bezahlbar. (Man könnte man die Preissteigerungsrate ausrechnen: Sie ist astronomisch hoch.)

Wie immer jedoch lieferten die SF-Jahresbände Erzählungen, die von der ersten Liga der Autoren und Autorinnen stammte. Stets war ein kleiner Ausreißer dabei, sei es ein Autor aus dem Ostblock – zu dem Jeschke von jeher gute Kontakte pflegte -, oder ein Kurzroman, z. B. von James Blish oder Charles Harness. Ergänzt werden die zwei Romane, die schon zuvor in der Reihe erschienen waren, durch sieben Erzählungen, meist neueren Datums.

_Die Erzählungen_

_1) Robert Silverberg: Gefangene in der Ewigkeit (Hawksbill Station, 1967)_

Das Hawksbill-Lager ist ein Gefängnis der besonderen Art. Es befindet sich zwei Milliarden Jahre in der Vergangenheit, im frühen Kambrium. Ringsum finden sich nur kahle Felsen, denn das Leben hat es aus dem Meer noch nicht ans Land geschafft. Die totalitäre US-Regierung des Jahres 2005 hat politisch missliebige Männer – keine Frauen – per Zeitmaschine hierher verbannt: Anarchisten, Kommunisten und so weiter.

Ein Todesurteil ist dies zwar nicht gewesen, findet Jim Barrett, der ungekrönte König dieses Reiches. Aber nach fünfzehn Jahren setzen bei einigen der 140 Insassen geistige oder körperliche Ermüdungserscheinungen ein. Barrett hat nur einen schlecht verheilten Fuß, der ihn humpeln lässt, doch manch anderes ist nicht mehr ganz richtig im Oberstübchen.

Ein Neuankömmling versetzt das Lager in Aufregung. Das hiesige Ende des Zeitstrangs wird „Der Hammer“ genannt, und der Neuling landet folglich auf einer Plattform, die als „Amboss“ bezeichnet wird. Es ist ein ungewöhnlich junger Mann, vielleicht Mitte zwanzig, und er hat erhebliche Mühe, sich vom Schock, aus dem Oben nach hier unten geschickt worden zu sein, zu erholen.

Barrett nimmt Lew Hahn natürlich unter seine väterliche Fittiche, zeigt ihm das Lager, weist ihm ein Quartier zu. Doch schnell zeigt sich Enttäuschung unter den Insassen dieses Stalags: Hahn weiß kaum etwas über das Oben zu berichten, obwohl er behauptet, ein Ökonom und Mitglied einer politischen Gruppe gewesen zu sein. Die Ungereimtheiten häufen, bis eines Tages Barretts Spitzel ihm hinterbringen, dass Hahn heimlich Aufzeichnungen führe. Barrett liest sie, während Hahn beim Fischen ist. Die rund 5000 Wörter sind kein Ökonomengeschwafel, sondern eine präzise beobachtete psychologische Untersuchung des Lagers, inklusive einer Empfehlung, es zu schließen, um die Insassen zu rehabilitieren.

Was, zum Teufel, soll das heißen? Ist Hahn etwa verrückt? Der tut ja gerade so, als könnte er ins Oben zurückkehren, dabei weiß doch jeder, dass dies völlig unmöglich ist! Barretts Welt wird auf den Kopf gestellt, als Hahn in der folgenden Nacht tatsächlich verschwindet …

|Mein Eindruck|

Silverbergs Novelle ist ein bissige Anklage gegen die wachsende Intoleranz der Ära von Lyndon B. Johnson und Richard Nixon. Gesinnungsverbrecher wurden schon damals getötet, und 1968 sollte es Martin Luther King und Robert Kennedy erwischen. In einem SF-Kontext hätte man solche Verbrecher vielleicht auf einen Gefängnisplaneten verbannt, doch Silverbergs Variante ist einfallsreicher: Eine Zeitmaschine erfüllt den gleichen Zweck. Und zwei Mrd. Jahre sind offenbar eine ausreichende Distanz, um sicherzustellen, dass die Männer nichts an der Kausalität und dem Verlauf der Evolution verändern. Deshalb auch keine Frauen: Die Regierung will ja keine Kolonie gründen oder gar eine Konkurrenzspezies erzeugen.

Dennoch endet die Erzählung nicht resignativ oder gar in Gewalt, sondern schlägt einen hoffnungsvollen Ton an. Im Oben hat es eine Revolution gegeben (wie es sich die Studenten für 1968 erträumten), und alle Straflager der abgesetzten Regierung sollen geschlossen, ihre Insassen rehabilitiert und therapiert werden. Doch nachdem Barrett den ersten Schock über die wiederhergestellte Verbindung zur Zukunft überwunden hat, sieht er auch eine Chance für sich: Jemand muss freiwillig dafür sorgen, dass die geistig geschädigten Insassen langsam an die Rückführung gewöhnt werden. Er kann weiterhin König bleiben, gesteht Hahn gerne zu.

_2) Frederik Pohl: Die armen Reichen (The Midas Plague, 1954)_

Morey Fry heiratet Cherry, die Tochter von Richter Elon, der vier Klassen über ihm steht, und ist selig. Zumindest bis zu dem Tag, an dem sie sich tränenreich beschwert, dass ihr all der Konsum zu viel ist. „Können wir nicht einfach zu Hause einen schönen Abend verbringen, statt in die Oper zu gehen, Liebling?“ Morey wird angst und bange, denn mit dieser Einstellung kämen sie in Teufels Küche – und in eine noch tiefere Klasse! Wie sollen sie denn ihre Konsumrationierungsmarken aufbrauchen, wenn nicht durch fleißiges Konsumieren? All die Guten, die die Roboter herstellen, müssen doch auch verbraucht werden, oder? Und dann ist da noch der Konsumrationierungsausschuss (KRA), der darüber wacht, dass auch jeder genügend – seiner Klasse entsprechend – konsumiert.

Doch das noch fleißigere Essen hilft nichts – er bekommt einen Anpfiff von seinem Chef, dem der KRA seine Bemängelung von Moreys Konsumverhalten schon mitgeteilt hat. Morey muss sich etwas einfallen lassen. Aber er will auch nicht auf die schiefe Bahn geraten und irgendwelche gefälschten Rationierungsmarken kaufen oder so. Gute Güte! Als Cherry dies aus Barmherzigkeit tut, wird er richtig wütend.

Zum Glück gerät er – eher unfreiwillig – in die Bar, wo die Bigelows ihn darüber aufklären, dass die Roboter nichts Gutes seien, sondern den Menschen die Arbeit wegnähmen. Morey findet das Ehepaar Bigelow etwas exzentrisch, aber mit jedem Drink, den er auf Kosten ihres Markenhefts trinkt, sympathischer. Schließlich ist er derartig abgefüllt, dass er nicht mehr weiß, wie er nach Hause gekommen ist und was er dort gemacht hat.

Wenige Tage später bekommt er ein Lob von seinem Chef: Morey wird in Klasse befördert und kann sich nun endlich ein kleineres Haus leisten. Cherry ist außer sich vor Freude und Stolz auf ihn, aber er weiß nicht so recht, womit er das verdient hat. Erst als ihm sein Leibdiener Henry berichtet, dass der Schnaps ausgegangen sei, schwant ihm, dass in seinem eigenen Haus etwas nicht ganz in Ordnung ist …

|Mein Eindruck|

Der frühere Kommunist schildert in seiner humorvollen Satire eine Konsumgesellschaft, in der das Vorrecht auf Konsum und Luxus, wie es in den 1950er Jahren in den USA entstand, in sein Gegenteil verkehrt worden ist: in Konsumzwang und -terror. Die Menschen haben das Recht zu arbeiten zu erwerben, denn alle Arbeit wird von Robotern erledigt, ebenso jede Art von Produktion. Die Ressourcen der Erde werden dafür restlos ausgebeutet.

Damit die Produktion überhaupt sinnvoll erscheint, muss am anderen Ende der Versorgungslinie entsprechend viel konsumiert werden. So lautet zumindest die verquere Logik der herrschenden Klasse – die durchaus einiges für sich hat, wenn man sich den Sinn und Zweck von Werbung und Vermarktung näher anschaut. Moreys im Suff begangene „revolutionäre Heldentat“ besteht nun darin, die Roboter in seinem Heim auch gleich zu den Konsumenten gemacht zu haben. So ist der Kreislauf geschlossen: Roboter produzieren und konsumieren, während sich die Menschen zufrieden zurücklehnen können: Wenn sie etwas brauchen sollten, dann sie sich nur, was sie benötigen. Cherry ist wieder happy und Morey ist der Held des neuen Zeitalters. „Ach wie gut, dass niemand weiß“, dass ihm die Idee dazu im Suff gekommen ist.

_3) Isaac Asimov: Mutter Erde (1951)_

Diese Novelle ist im Psychohistoriker-Universum angesiedelt, erzählt aber von den Anfängen des Galaktischen Imperiums. In der FOUNDATION-Trilogie ist der Standort der Alten Erde völlig in Vergessenheit geraten, aber die wahren Ursachen dafür hat man nie erfahren. Diese Geschichte liefert eine Erklärung …

In letzter Zeit machen Gerüchte von einem terranischen „Projekt Pazifik“ die Runde, und sowohl auf der übervölkerten Erde wie auch auf den 50 Äußeren Welten fragt man sich zunehmend besorgt, was sich dahinter verbergen könnte. Die Politiker von Aurora, der ersten und mächtigsten der mittlerweile unabhängig gewordenen Erdkolonien, vermuten einen Umsturzversuch durch einen Agenten und machen Ion Moreanu, dem Anführer der Konservativen, den Prozess wegen Hochverrats. Wie konnte er sich nur mit diesen Affenmenschen von der Erde einlassen? Moreanu seinerseits bestreitet jede derartige Aktivität – vergeblich.

Auf einem Kongress der Äußeren Welten wird der streitbare terranische Reporter Ernest Keilin Augenzeuge, wie eine diplomatische Note die versammelten Abgesandten vor den Kopf stößt: Sollten sie eine Einigung erzielen, die gegen die Erde gerichtet sei, so würde die Erde dies als feindseligen Akt betrachten. Diese Drohung eint die zerstrittenen Exkolonien zu einer Front. Sofort werden Handelsbeschränkungen in kraft gesetzt: Atomtechnik darf nicht mehr zur Erde ausgeführt werden, worauf im Gegenzug die Erde landwirtschaftliche Ausfuhren unterbindet.

Als Schmuggler von den Äußeren Welten im Erdraum aufgebracht und interniert werden, kommt das Fass zum Überlaufen. Aurora erklärt der Erde den Krieg, welche sofort Kontra gibt, was wiederum den Rest der Äußeren Welten eint. Der 21-Tage-Krieg der Erde endet mit deren totalen Niederlage, aber nicht mit ihrer Zerstörung. Vielmehr wird die Erde quasi unter Quarantäne gestellt.

Als Ernest Keilin zum neuen Präsident der Erde gerufen wird, eröffnet ihm Luiz Moreno, der vormalige Bortschafter auf Aurora, dass „Projekt Pazifik“ tatsächlich existiere und die erste seiner drei Phasen abgeschlossen habe. Keilin fällt aus allen Wolken. Könnte das Opfer von zahlreichen Soldaten in der Schlacht beim Saturn eine abgekartete Sache gewesen sein, fragt Keilin?! Doch Moreno hat für alles eine plausible Erklärung: einen Meisterplan für die Entwicklung der Erde …

|Mein Eindruck|

In literarischer Hinsicht ist die Erzählung miserabel geschrieben, denn sie besteht nur aus aneinandergereihten Dialogen und einem abschließenden Monolog, der alles erklärt, ähnlich wie in einem Agatha-Christie-Krimi. Doch dies ist eben eine Story von Altmeister Asimov und die Herausgeber verbeugen sich entsprechend ehrfurchtsvoll. Noch dazu trägt die Geschichte unverkennbare Züge des Psychohistoriker-Universums – noch ein Grund mehr, Asimov zu huldigen.

Dabei huldigt der Meister in seiner Story seinerseits Edward Gibbon, dem Autor von „Aufstieg und Untergang des Römischen Reiches“: Er lässt seinen Historiker Georg Stein – wunderbar amerikanischer Name – ein Buch mit dem Titel „Abstieg und Untergang des Reiches“ verfassen und entsprechende Prognosen vom Stapel lassen.

Stein ist das Mastermind hinter dem Masterplan „Projekt Pazifik“. Der Verweis auf den Pazifik mag alles mögliche implizieren: von der Rückeroberung der 1941/42 besetzten Inseln von den Japanern bis zu hin Japan selbst, das unter der amerikanischen Besatzung erstarkte und seinerseits den amerikanischen Markt (rück-) eroberte.

_4) John Wyndham: Geh hin zur Ameise! (Consider her ways, 1961)_

Aus der großen Leere stürzt ihre Seele in einen Körper, der verfügbar ist. Sie erwacht in einem Bett und in einem riesenhaften Körper. Doch in den anderen Betten liegen ebenfalls Riesinnen, versehen mit jungen, pausbäckigen Frauenköpfen. Die Krankenschwester nennt sie „Mutter Orchidee“. Was soll der Unsinn? Sie heißt Jane Wayleigh, geborene Summers. Dann schläft sie wieder ein.

Als sie wieder wach ist, transportieren die Frauen sie in einer Ambulanz zu einem Haus auf dem Lande. Auf den Straßen arbeiten Trupps von muskelbepackten Arbeiterinnen und grüßen sie lächelnd und mit einem Zeichen. Diese Halluzination wird in der Tat immer interessanter und symbolträchtiger. Weitere Trupps von Arbeiterinnen, dann schließlich ein Gebäudekomplex: für Mütter wie sie und Dienstpersonal. Nur dass dieses Personal hauptsächlich aus Zwerginnen zu bestehen scheint.

Ihr nächstes Bett steht in einem Zimmer, in dem sich weitere fünf Riesinnen befinden: Mütter. Mehr Halluzinationen, Gott helfe ihr. Schon bald wird klar, dass mit Janes Verstand etwas nicht stimmt. Sie empfindet das Massieren durch die kleinen Pflegerinnen als lästig. Dann will sie auch noch etwas lesen, hat man so was schon gehört? Als die normal gewachsene Ärztin sie prüft, ob sie wie behauptet schreiben kann, verblüfft sie alle. So etwas ist noch nie vorgekommen. Und dann auch noch ihre Reden – von Gatten und Männern!

Sie bekommt ein Einzelbett, wo die Ärztin sie weiter befragt. Nachdem sie die besorgte Polizei – Reaktionärinnen werden grundsätzlich verfolgt – verscheucht hat, beruft sie ein fünfköpfiges Wissenschaftlergremium ein: Was ist los mit Jane? Es hilft jedoch alles nichts, wenn Jane ihre Geschichte erzählt. Sie vermisst ihren verunglückten Mann Donald so sehr.

Jane wird wieder verlegt, diesmal zu der achtzigjährigen Historikerin Laura. Deren Großmutter wusste noch, was Männer waren. Aber das ist schon lange her. Und seit der großen Pest, die die Männer ausrottete, hat das Doktorat der Ärztinnen geherrscht und die vier Klassen von Frauen geschaffen: Doktoren, Mütter, Dienerinnen und Arbeiterinnen. Und die Gesellschaft ist, so wie sie jetzt ist, natürlich ideal, was sonst? Da ist Jane, selbst eine Ärztin, entscheiden anderer Ansicht.

Es bleibt ihr nichts anderes übrig als einzusehen, dass sie hier nicht existieren kann, wie sie ist. Das Problem sind ihre Erinnerungen: Sie sind inkompatibel mit der Gesellschaft. Sie müssen gelöscht werden – oder Jane muss ihre Seele wieder von ihrem Körper trenne, wie schon bei dem Experiment, das sie erst in diese missliche Lage gebracht hat. Aber nun weiß Jane, welcher Wissenschaftler die Männerpest ausgelöst hat – und entwickelt einen tödlichen Plan …

|Mein Eindruck|

Der Titel dieser bekannten Erzählung stammt aus der Bibel: „Geh hin zur Ameise und studiere ihre Weise, lerne!“, wird ein Faulpelz ermahnt. Aber dies ist nur eine Anspielung auf das Modell des Ameisenhaufens, das der futuristischen Frauengesellschaft, auf die Jane stößt, das Vorbild lieferte: Mütter entsprechen Königinnen, den sie „werfen“ bei jeder Geburt vier Kinder auf einmal – Töchter, versteht sich. Diesen Kinderlieferanten dienen alle anderen, völlig unfruchtbaren Frauen, mit Ausnahme der gebärfähigen Doktoren.

Wie jede andere Gesellschaft ist auch die Frauen-Utopie ausdifferenziert gemäß den Erfordernissen der Spezialisierung: Pflegerinnen, Straßenbauarbeiterinnen, Gärtnerinnen usw. Was Jane nicht verstehen kann oder will, ist die fehlende Notwendigkeit für den Einsatz von Männern. Dieser Einwand gibt Laura, ihrer Gewährsfrau, Gelegenheit, sich über die einstigen Monopole der Männer (also in der Zeit von Wyndhams Lesern) auszulassen. Fast alle höheren Posten, von Anwalt über den Professor bis zum Politiker, waren von Männern besetzt. Dort hatten Frauen angeblich nichts zu suchen. Einzige Ausnahme: Ärztinnen.

Aber wie konnte es Lauras Meinung nach dazu kommen, fragt Jane. Und hier werden die langen Auslassungen Lauras sehr interessant: Schuld ist die Romantik! Angeblich im elften Jahrhundert erfunden (Wyndham meint wahrscheinlich Königin Eleonore von Aquitanien und ihre Troubadoure), diente die Ideologie der Romantik dazu, dass Frauen sich als etwas Besonderes vorkamen: als fraulich und Gott sei Dank nicht als männlich. Sie waren zu anderem, wohl auch Besserem bestimmt als das starke Geschlecht. Sollten die Männer doch Kriege führen, die Frauen hatten anderes zu tun: die Künste fördern, Kindern aufziehen und einen Haushalt führen!

Das wäre ja nicht so schlimm gewesen, wenn es nicht im 19. und 20. Jahrhundert zu einem Revival der Romantik-Ideologie gekommen wäre, das dazu diente, die Rechte der Frauen nicht weiter aus dem öffentlichen Raum zu verdrängen. Ja, Frauen sollten es jetzt als Vorrecht empfinden, ihren eigenen Haushalt zu haben, sobald sie einmal geheiratet hatten und er Mann für sie verantwortlich war. (Bis 1957 durften deutsche Frauen kein eigenes Bankkonto haben!)

Das Vorrecht der „Hausfrau“ – ein extra für sie geschaffener Beruf der Machtlosigkeit – bestand darin, das Geld ihres Nammes für alle möglichen Arten von Konsumgütern auszugeben. Ihr Glück bestand in Konsum, nichts weiter, erklärt Laura. Dagegen protestiert Jane vehement: Das Glück der Frau liege in der Liebe! Ach was, Liebe! Noch mehr Romantik, hält Laura dagegen. Liebe sei nur eine andere Vokabel für Sex, genau wie bei Tieren. Nun, damit sei jetzt endlich Schluss: Das Utopia der Frauen ist ein stabiler Staat – sobald Andersdenkende wie Jane entfernt worden seien …

Wyndhams Entwurf ist ebenso selten wie folgenreich. So hat extwa Stephen Baxter in seinem Zukunftsentwurf „Der Orden“ (2003), dem Auftakt zum Sternenkinder-Zyklus, einen den Ameisen sehr ähnlichen Orden entworfen, der sich ausschließlich über die Frauen fortpflanzt. (Siehe dazu meinen Bericht.) Dabei spielen die aufgeblähten Leiber der „Mütter“ eine Schlüsselrolle, genau wie bei Wyndham. Das Besondere bei Baxter: Der Orden ist derart stabil, dass er schon seit rund 2000 Jahren besteht – und es ihn noch eine ganze Weile geben dürfte, wie die Fortsetzung „Sternenkinder“ andeutet.

|5) Fitz-James O’Brien: Was war es? (1859)|

In New York City steht um das Jahr 1859 in der 26sten Straße ein Spukhaus. Harry hat sich mit seinem Freund Dr. Hammond einer philosophischen Gesellschaft angeschlossen, die sich in diesem Haus aus Interesse am Übernatürlichen einquartiert hat. Ein Gespenst wird nicht entdeckt, aber gerne rauchen die beiden im großen Garten dahinter ein Opiumpfeifchen. Die Droge beflügelt normalerweise ihre Gedanken, doch an diesem Abend wenden sich ihre Gedanken dem Düsteren, Schrecklichen zu.

Deshalb gelingt es Harry, danach auch nicht einzuschlafen. Gerade als einnicken will, fühlt er, wie eine Gestalt sich auf ihn wirft und zu würgen beginnt! Reflexhaft wehrt er sich und kann die kleinere Gestalt im Dunkeln überwinden, bis er sie zu Boden gezwungen hat. Zusammen mit dem herbeigerufenen Hammond fesselt er den Unbekannten. Als er das Licht aufdreht, erblickt er – nichts!

Der Gefesselte ist etwa so groß wie ein Junge, ertasten sie, etwa 1,30 m groß. Doch wie sollen sie ihn sichtbar machen? Da hat Harry eine Idee: Chloroform würde den Jungen betäuben. Danach ließe sich von der bewegungslosen Gestalt leicht ein Gipsabguss anfertigen. Gesagt, getan. Der Junge ist in der Tat hässlich und verwachsen. Wo mag er nur herkommen? Und wie kann ihn wieder loswerden?

|Mein Eindruck|

Wahrscheinlich zum ersten Mal in der Genreliteratur wird ein spukender Geist sichtbar gemacht – allerdings nicht mit Mehl, wie uns der Herausgeber weismachen will, sondern mit Gips. Der „Geist“ erweist sich als höchst körperlich und widerborstig gegen seine Gefangennahme, wie man es von jedem heimlich lebenden Wesen erwarten könnte.

Interessant sind die Reaktionen der Unbeteiligten: Sie sind erst erschrocken, aber neugierig, dann entsetzt, schließlich laufen sie davon. Kein Wunder also, dass keiner weiß, was mit dem Fremdwesen anzufangen ist, selbst wenn es sich als menschlich herausstellen sollte. Man lässt es einfach verhungern. Das soziale Gewissen scheint in der Mitte des 19. Jahrhunderts in den USA noch nicht zu schlagen, im Gegensatz zu England, wo Dickens und andere die Behörden und Wohltäter aufrüttelten.

_6) Clifford D. Simak: Flucht (1944)_

Die Sippe der Websters hat wieder einen der Ihren verloren. Nelson ist im Jahr 2117 in hohem Alter gestorben, nun ist Jerome A., selbst schon über sechzig, Oberhaupt der Familie. Sein Sohn Thomas will Ingenieur werden und fliegt zum Mars. Dort lebte Jerome A. selbst einmal 30 Jahre lang als Chirurg und lernte dabei nicht nur die Eigenarten des marsianischen Gehirns kennen (das er in einem Buch beschrieb), sondern auch einen lieben Freund, Juwain.

Die moderne Kommunikationstechnik erlaubt es Jerome, sich an jeden Ort holografisch zu transferieren, als sei er selbst vor Ort. Es besteht daher keine Notwendigkeit mehr zu verreisen. Doch was noch mehr ist: Jerome stellt bei seinem Besuch auf dem Raumflughafen fest, dass er Heimweh nach seinem Familiensitz hat, und zwar so schmerzhaft und eindeutig, dass es nichts anderes als ein Krankheitsbild ist: Agoraphobie, die Angst vor öffentlichen Plätzen.

Das wäre nicht weiter schlimm, wenn nicht ein Notfall eintreten würde. Juwain, sein philosophischer Freund vom Mars, ist krank geworden und muss am Gehirn operiert werden. Der zuständige Arzt bittet Jerome inständig, diese Operation selbst vorzunehmen. Wegen seiner Phobie drückt sich Jerome darum herum. Wenig später ruft ihn der Weltpräsident auf einer abgesicherten Leitung an. Jerome müsse zum Mars, um die Operation vorzunehmen. Es sei für die gesamte Menschheit wichtig, denn Juwain habe eine wichtige philosophische Entdeckung gemacht, die er im Falle seines Todes mit ins Grab nehmen würde.

Jerome ist nun von der Notwendigkeit, zum Mars zu fliegen, überzeugt und zwingt sich selbst, seine Phobie zu unterdrücken. Doch ein Umstand, den er nicht bedacht hat, macht ihm einen Streich durch die Rechnung: die Programmierung seiner Roboter …

|Mein Eindruck|

Simak ist ein Meister der elegischen Stimmung, der in Storysammlungen wie „City“ und Romanen wie „Way Station“ ein besonders Händchen für Stimmungen und psychologische Bedingungen an den Tag legte. Hier befasst er sich mit einem psychologischen Krankheitsbild, das sehr selten in der amerikanischen SF auftaucht: Agoraphobie. Nach einem idyllisch-elegischen Stimmungsbild bekommt die Geschichte doch noch die Kurve hin zu einer dramatischen Zuspitzung, die bis zur letzten Zeile zwei Möglichkeiten zulässt: Jerome A. Webster fliegt zum Mars oder seine Krankheit verhindert dies. Die Ironie ist superb, dass weder das eine noch das andere eintritt, sondern ein dritter Faktor interveniert. Nämlich dass die Roboter der Websters die gleiche Krankheit haben könnten!

_7) John Varley: Ich muss singen, ich muss tanzen (1976)_

Auf den Saturnringen hat sich ein illustres Künstlervölkchen angesiedelt: Menschen, die in Symbiose mit intelligenten Pflanzen-Wesen zusammenleben, die sie vor der kalten Umwelt schützen und nähren. Aber die Symbionten können nicht die Mineralstoffe erzeugen, die der Mensch benötigt. Deshalb besuchen sie alle zehn Jahre den künstlichen Mond Janus, der wie eine Musiknote geformt ist und eine einzige Industrie beherbergt: Künstleragenturen. Es ist das Gegenstück zur berühmten Tin Pan Alley in New York City.

Barnum und Bailey sind solch ein Künstlerpaar. Auf einen Tipp hin besuchen sie die Agentur von Ragtime und Tympani. Dort ist die Aufnahmeleiterrin Tympani recht angetan von Barnums Gesang, auch wenn sein Kopf unter einer grünen Hülle verborgen sein mag und nur sein Mund zu sehen ist. Dann zeigt sie ihm, wie sie mit Hilfe einer Schnittstelle zwischen Gehirn und Synthi aus Körperbewegungen Musik erzeugen kann. Bailey ist sofort fasziniert von dieser synästhetischen Musik. Das will er auch können.

Da sich Tympani irgendwie vor der permanenten Bindung an einen Symbionten fürchtet, bleibt nur die Möglichkeit, Bailey, sowohl Barnum als auch Tympani „infiltrieren“ zu lassen. Dank der Buchse in Tympanis Schädel haben Baileys Fühler leichten Zugang. Seine Hülle umschließt beide Menschen und führt in einem Rückkopplungsprozess den Bewegungsablauf des Liebesaktes in Musik über. Alle drei sind von dem Ergebnis sehr beglückt. Dennoch heißt es am Schluss Abschied nehmen – bis in zehn Jahren, wenn die beiden wieder Nachschub brauchen.

|Mein Eindruck|

Es ist eine weit entfernte Zukunft, die der Autor schildert, und doch eine denkbare Welt dort draußen in den Saturnringen. Meist werden die Ringe nur durchflogen, von Sonden wie Raumschiffen, doch nur selten werden Wesen auf den Ringen selbst angesiedelt, sondern in der Regel auf den Monden.

Der Autor hat nicht nur das Milieu von Musikern und Musikagenten gut eingefangen, wie es in der Tin Pan Alley existierte, sondern auch noch gleich eine neue Kunstform erfunden. Das Gerät Synaptikon stellt die weniger Jahre später im „Cyberpunk“ (ab 1980) so populäre Schnittstelle zwischen Gehirn und Computer her, der dann Gehirnimpulse direkt ausführt – oder umgekehrt. Typisch Varley, dass diese Kunstform gleich mit Sex verbunden wird – damit wollte er wohl seine jungen männlichen Leser erfreuen (ähnlich wie in der Story „Leb wohl, Robinson Crusoe!“).

Aber es ist nicht die einzige Story über neue Kunstformen. So hat etwa in „Das Phantom von Kansas“ eine Designerin von Stürmen ihren eindrucksvollen Auftritt. Und mehr als einmal erntete Varley für seine Einfälle hohe Auszeichnungen.

_8) James Blish: Der Tag nach dem Jüngsten Gericht (100 Seiten, 1971)_

Der amerikanische Waffenproduzent Baines wünscht, Theron Ware, einen Schwarzmagier höchsten Ansehens, zu prüfen und reist mit seinem Assi Jack Ginsberg nach Positano, wo sich Wares Palazzo über der ligurischen Steilküste erhebt. Schon bald zeigt sich, dass Ware ein Mann ist, der alle Erwartungen zu übertreffen weiß – für einen angemessenen Preis, versteht sich. Einen Konkurrenten ausschalten? Nichts leichter als das. Am Ostersonntag Armageddon entfesseln und 48 Dämonen der Hölle loslassen? Null problemo! Als Vorsichtsmaßnahme werden diesmal allerdings die Weißen Magier auf dem Monte Albano vorgewarnt, die einen Monsignore zu Ware entsenden.

Leider gerät Armageddon ein ganz klein wenig außer Kontrolle. Die Bomben fallen, die Seuchen wüten, die Dämonen vernichten. Ein Oberdämon verkündet den Beobachtern, die von ihrem Kreidekreis geschützt werden: „Gott ist tot.“ Schluck. Baphomet alias Put Satanachias kündigt an, er werde sich schon bald sie kümmern. Würg. Jack Ginsberg vertreibt sich während des bangen Wartens auf die Rückkehr des Mittelmeers und die Ankunft Satans die Zeit mit einem Sukkubus, einer sehr hübschen, sehr unkeuschen Sexdämonin.

Tief unter den Rocky Mountains haben die Bunker des Strategischen Bomberkommandos (SAC) die Bombardements überstanden, sogar der Computer läuft noch. General McKnight ist jetzt wahrscheinlich das Oberhaupt der Vereinigten Staaten – oder von dem, was davon noch übrig ist. Er schickt auf Anraten seiner zwei Berater ein Aufklärungsflugzeug los.

Es entdeckt im Death Valley eine riesige Festung mit 15 km Durchmesser. In ihrer Mitte gähnt ein Abgrund, in den sich ein Fluss ergießt: der Styx. „Dies ist die untere Hölle, genau wie in Dantes INFERNO“, meint der tschechische Berater, „und somit entspricht die Obere Hölle der Erdoberfläche.“ Natürlich protestiert der andere Berater, aber der Computer gibt dem Tschechen Recht: Es ist die Festung Dis und die Typen da auf den Zinnen sind Dämonen. McKnight beschließt, sie feurig zu begrüßen …

Baphomet ist nicht erschienen. Der Waffenfabrikant Baines macht sich mit Jack Ginsberg auf den Weg in die Schweiz, denn Radio Zürich sendet noch. So haben sie von der Festung Dis erfahren, nun wollen sie das SAC per Flugzeug erreichen. Es gelingt ihnen sogar. Dem Magier Ware steht dieser Weg nicht offen, denn Baines hat ihn nicht eingeladen. Ware grübelt vielmehr, ob es sein könnte, dass Baphomet gelogen hat und Gott noch lebt. Wenn ja, dann müsste er, Ware, seine Kraft in die Waagschale werfen, um gegen die Festung Dis zu kämpfen. Die Beschwörung eines Dämons klappt und liefert entsprechende Hinweise. Angetan mit Hexensalbe und Besenstiel düst er gegen Amerika los …

|Mein Eindruck|

In dieser Welt funktioniert schwarze Magie – an diesen Gedanken muss sich der SF-Leser erst einmal gewöhnen. Andererseits wird schnell klar, dass Magie auch nur eine weitere angewandte Wissenschaft ist, die ihren eigenen Gesetzen gehorcht. Nur dass diesmal Dämonen und anderes Gelichter beschworen werden. Das Armageddon und die Herrschaft der Hölle verändern zum Leidwesen von Magier Ware jedoch alle Gesetze, und seine Macht scheint gebrochen. Er muss sich an eine völlig veränderte Welt gewöhnen. Dieser konzeptionelle Durchbruch ist in Blishs Erzählungen häufig zu finden.

Auch dieser Roman stellt an einer Stelle die Frage (eher beiläufig) die Kernfrage: „Ist der Wunsch nach weltlichem Wissen, umso mehr dessen Erwerb und Anwendung, ein Missbrauch des Verstandes und womöglich sogar aktiv böse?“ Damit will der Autor keineswegs der Bibel und dem Papst das Wort reden, sondern einfach die Frage stellen, ab welchem Punkt man von einer bösartigen, menschenfeindlichen Anwendung weltlichen Wissens sprechen kann. Muss man in der Rüstungsproduktion lange danach suchen? Wahrscheinlich nicht.

Der Roman entstand 1971 unter dem Eindruck des andauernden Vietnamkrieges, in dem die USA Milliarden für Rüstung und Waffeneinsatz ausgaben. Und mit dieser schwarzen Satire ruft der Autor seinen Lesern ins Bewusstsein, was passieren könnte, wenn die gleichen Betonköpfe wie im Vietnamkrieg den Dritten Weltkrieg anfangen würden.

Aber es ist auch eine metaphysische Erzählung. Die Herrschaft der Hölle hat begonnen, der Antichrist tritt hervor und wird bejubelt, Luzifer ruft seinen Sohn, Baines, zu sich. Doch was schon dem Magier und dem Pater aufgefallen ist: Die alten magischen und religiösen Gesetze scheinen noch zu gelten. Wie kann dies aber sein, wenn Gott, wie Baphomet behauptete, tot ist? Der Autor hält die größte Überraschung für seine Helden und Leser bereit, wenn wir Luzifer begegnen. Und deshalb gibt es am Schluss einen Funken Hoffnung. Am Schluss fällt ein „VORHANG“. Offenbar haben wir es mit einer Art „Morality Play“ zu tun, wie sie im Mittelalter verbreitet waren.

_9) Charles L. Harness: Die Rose (100 Seiten, 1953)_

Anna van Tuyl ist eine verhinderte, weil verkrüppelte Balletttänzerin – sie hat einen Buckel. Dennoch hat sie unter dem Einfluss heftiger Träume eine Ballettmusik geschrieben und die Choreografie dazu entworfen: „Die Nachtigall und die Rose“, nach dem Märchen von Oscar Wilde. Darin bedauert eine Nachtigall einen in Liebeskummer verfallenen Studenten so sehr, dass sie sich für ihn opfert und mit ihrem Blut eine seiner weißen Rosen rot färbt – denn rote Rosen hatte seine Liebste verlangt.

Annas Freund und Mentor Matt Bell erwartet von ihr, dass sie noch die fehlenden Takte schreibt, die dem Opfertod der Nachtigall vorausgehen. Doch davor hat Anna Angst. Ein Mäzen habe nach ihr verlangt, berichtet er. Sie ahnt, dass es sich nur um eine von zwei Personen handeln kann. Eine davon ist der junge Ruy Jacques. Diesem begegnet sie auf der Hauptstraße, der bunten Via im Künstlerviertel bei der Oper. Er will tatsächlich ihr Ballett aufführen und sie auf die Bühne holen. Stattdessen bringt sie ihn dazu, mit ihr zu tanzen – er ist ja auch kein Adonis. Er spielt die Rolle des STUDENTEN und sie die der ROSE. Doch wer ist die NACHTIGALL?

Matthew Bell bittet Anna, sich bei Martha Jacques vorzustellen, der Gattin von Ruy Jacques. Anna soll sich als Psychologin um den genialen Mathematiker kümmern, der in seinem Gehirn die „Sciomnia“-Formel für die Große Vereinheitlichte Feldtheorie bergen soll. Die GVT vereint Einsteins Relativitätstheorie mit Plancks Quantentheorie. Einstein hatte seine 1949 vorgestellte GVT wieder verworfen, und seitdem beißen sich zahlreiche Mathematiker und Physiker an diesem Problem die Zähne aus. Jacques’ Gattin, eine Wissenschaftlerin im Dienst der Regierung, ist besonders scharf darauf. Sie hat sogar einen eigenen Sicherheitschef, der über sie und Jacques’ Kontakte wacht.

Als beim Vorstellungsgespräch herauskommt, dass Anna Ruy bereits kennengelernt hat, verdächtigt Martha sie sofort, ein Spionageverhältnis zu Ruy zu unterhalten. Zum Glück gelingt es dem plötzlich eintretenden Ruy, diesen Verdacht zu zerstreuen, indem er vorgibt, Anna mit einer anderen zu verwechseln. Dann bricht er zusammen. Nun gehört er ihr, denn sie kann ihn nur in ihrer Klinik behandeln.

Matt Bell und Anna rätseln über die Funktion des Höckers und die kleinen Höcker auf Ruys Stirn, die ja auch Anna vorweist. Beide neuen Organe sind von Nervensträngen durchzogen. Könnte es sich um eine Verlagerung der Zirbeldrüse handeln? Bell vermutet, dass dies Ruy in die Lage versetzen könnte, in die Zukunft zu sehen. Anna vermutet eher, dass der Mathematiker, der möglicherweise schizophren ist, Spuren von vergangenen Gedanken auf Gegenständen lesen kann. Das wiederum findet Bell zu phantastisch. Aber eins steht fest: Ruy hat Lesen und Schreiben verlernt – oder diese Fertigkeiten durch etwas anderes ersetzt …

|Mein Eindruck|

„Die Rose“ ist eine ebenso emotional bewegende wie intellektuell plausible Vision von der nächsten Entwicklungsstufe des Menschen, auf der der Gegensatz zwischen Kunst und Wissenschaft überwunden und transzendiert wird. Die nächste Stufe wird auf poetische Weise inszeniert, indem Anna Fledermausflügel entwickelt und Ruy ihr darin folgen wird.

Sie sind keine Engel, deutet der Autor damit an, auch keine Vampire, doch sie können weitaus mehr als der gegenwärtige Homo sapiens. Faszinierend ist ihre Wahrnehmung, die auf ganz andere Sinne als wir zurückgreift – dafür müssen sie weder lesen noch schreiben noch sprechen, denn sie verständigen sich telepathisch.

Wirklich anrührend ist diese Entwicklung in den Rahmen des modernen Märchens „Die Nachtigall und die Rose“ von Oscar Wilde eingebunden. Der Originalstudent wird von seiner Liebsten abgewiesen und vergräbt sich in seinen Büchern. Wilde wollte so romantische Flausen aufs Korn nehmen. Harness hingegen dreht diese Absicht um und ergreift Partei für die Kunst und gegen die Wissenschaft, die in der Figur der Martha als das absolut Böse, das jeden Mensch zum Werkzeug und Ding macht, dargestellt wird. Die Wissenschaft droht, falsch eingesetzt, den Menschen zu vernichten – siehe Hiroshima.

Die Rose hingegen steht als Metapher für Liebe und Menschlichkeit, die allein in der Lage ist, die Wissenschaft zu überwinden. Nach Hiroshima waren Geschichten wie diese keine Seltenheit, aber der Kurzroman von Harness ist unter diesen ein Juwel und machte ihn unter Eingeweihten zum Kultautor. „Die Rose“ hat eine unüberhörbare Botschaft: Wichtiger als alle intellektuellen Fähigkeiten ist für den Menschen der Zukunft seine Fähigkeit zu lieben.

_Die Übersetzung_

In den Übersetzungen wimmelt es nur so vor Druckfehlern. Das kann auf die alten Textformen zurückzuführen sein, denn die Übersetzungen wurde in der Regel vor 1980 angefertigt und die Übersetzer arbeiteten nicht sonderlich sorgfältig – es gab keine Computer mit Rechtschreibprüfung. So wird auf Seite 407 aus einer „Annahme“ flugs eine „Ausnahme“ und auf Seite 258 wurde „kaum“ zu „kam“.

Auf Seite 220 fehlt sogar ein Buchstabe: „Man öffnete eine Tür und führte (m)ich in einen Raum.“ Das Gegenteil kommt ebenfalls vor: zuviele Buchstaben. So auf Seite 262: „Die Frauen, Trägerin allen Lebens, fand eine Zeitlang den Mann unentbehrlich.“ Es sollte natürlich „Frau“ im Singular heißen, damit die Verbform berechtigt ist.

Der Leser wird auf Seite 156 reichlich verwirrt, wenn falsche Verben eingesetzt werden. So in dem Satz: „(eine kleine Scharte) kann kaum bemerkt haben (!), bevor dieser Endpunkt erreicht ist …“ Es muss hier statt „haben“ unbedingt „werden“ heißen, damit der zweite Satzteil einen Sinn ergibt.

Auch im sachlichen Bereich unterlaufen den Übersetzern Schnitzer. So wird auf Seite 338 nicht Scott, sondern Janis Joplin mit dem Ragtime in Verbindung gebracht. Janis jedoch hatte nur was für den Blues übrig, nicht für Klaviermusik.

Auf Seite 448 wird der Planet Jupiter von einem Observatorium in Arizona entdeckt – dabei wusste doch schon Galileo Galilei die Monde des Riesenplaneten ganz genau zu beschreiben, mit fatalen Folgen, wie man weiß. Der gewisse Mr. Tombaugh entdeckte also von Arizona aus einen ganz anderen Planeten, und ich tippe auf den Neptun.

((Die Rose))

Seite 470: „zusamm(en)setzt“

Seite 475: „Wie kann ich hierher?“ statt „Wie kam ich hierher?“

Seite 483: “ …weshalb sind wir nicht wie Vögel? Denn nur so kosten die Frucht der Rose und kosten ihren Samen …“ „so“ muss „sie“ heißen, dann wird ein Schuh draus.

Seite 496: „Sie warf Bell einen prüfen(d)en Blick zu.“

Seite 497: Eine Zeile fehlt, deshalb ergibt der Dialog keinen Sinn. „Bell: Bist du sicher, dass du den Part nicht übernehmen wirst?“ Anna: „Die Rolle ist ungeheuer anstrengend. Für mich wäre sie physisch nicht durchzuhalten.“ (mieses Deutsch!) [Lücke!] Anna: „Was soll das heißen – jetzt?“ Bell: „Du weißt sehr gut, was ich meine …“ usw.

Seite 504: „Anna drehte den K(n)opf herum und trat ein.“ Es sollte weder Kopf noch Knopf, sondern „Knauf“ heißen.

Seite 514: Sachlicher Fehler in dem Satz: „Die Volksmelodie taucht schon im vierzehnten Jahrhundert in einer Haydn-Sinfonie auf.“ Haydn komponierte im achtzehnten Jahrhundert!

Seite 543: „38 Akkorde Pause“. Dieser Ausdruck taucht mehrfach auf, so dass er zu stimmen scheint. Irrtum! Ein Akkord besteht nur aus einer Notenkombination, aber er ist keine Zeitunterteilung, nach der man eine Pause bemessen könnte. Als Musiker weiß ich das. Statt „Akkord“ müsste es demnach „38 Takte Pause“ heißen.

Seite 553: „Twinkele, twinkele, little star“. Kein Schwabe hat sich hier verewigt, sondern bloß ein Fipptehler. Es muss „Twinkle, twinkle, little star“ heißen, nach dem englischen Kinderlied.

_Unterm Strich_

Die Auswahl dieses SF-Jahresbandes ist wieder bunt gemischt, aber leider nicht so bunt, dass ein weiblicher Autor vertreten wäre. Neben mehreren SF-Klassikern sind auch neuere Storys aus den sechziger und siebziger Jahren dabei, leider aber nichts aus den aufregenden Achtzigern. Dieses Jahrzehnt war offenbar anderen Anthologien vorbehalten, so etwa Cyberpunk-Stories in „Atomic Avenue“.

Jeschke wollte den Jahresband offenbar auf ein möglichst breites Publikum ausrichten. Deshalb sind in den Anfangsjahren – etwa 1980 bis 1988 – meist ein Klassiker aus dem 19. Jahrhundert dabei. Hier ist es durch Fitz-James O’Brien vertreten, dessen Story über einen Unsichtbaren ich recht interessant fand.

Das goldene Zeitalter der Magazin-Science-Fiction – die vierziger und fünfziger Jahre – ist durch die Autoren Isaac Asimov, Frederik Pohl, Clifford D. Simak und Charles Harness vertreten. Deren Beiträge fand ich meist gelungen, bis auf den von Asimov, der hauptsächlich aus Dialogen besteht und recht langweilig ist. Dafür ist Wyndhams Novelle „Geh hin zur Ameise!“ eine richtige Erleichterung: Hier wird eine rein aus Frauen bestehende Gesellschaft entworfen, die ihre eigene Struktur herausgebildet hat. Es dauerte etliche Jahre, bis Autorinnen diese Idee aufgriffen – leider nicht mit besonders großem Erfolg. Aber diese Romane sind in der Heyne-SF-Reihe zu finden.

Silverberg, Blish und Varley repräsentieren die sechziger und siebziger Jahre. Ihre Beiträge sind durchaus empfehlenswert, ganz besonders der von Varley. Blish hingegen ist ein Metaphysiker, dessen gelehrte Prosa ein wenig gewöhnungsbedürftig ist. Aber mit seinem Kurzroman über den „Tag nach dem Jüngsten Gericht“ kann er dem Roman „Die Rose von Charles Harness in puncto Einfallsreichtum durchaus das Wasser reichen. Letzterer ist zu Recht der Höhepunkt der Auswahl.

Taschenbuch: 559 Seiten
Aus dem Englischen übertragen von diversen Übersetzern
ISBN-13: 978-3453311602
http://www.heyne.de

Wolfgang Jeschke (Hrsg.) – Heyne Science Fiction Jahresband 1981

Abwechslungsreiche SF-Erzählungen: keine deutsche Beteiligung

Der inzwischen in Rente gegangene Herausgeber der Heyne-Science-Fiction-Reihe, Wolfgang Jeschke, pflegte von 1980 bis 2000 eine schöne Tradition: Jedes Jahr präsentierte er seinen Lesern eine Anthologie von guten phantastischen Geschichten zu einem sehr erschwinglichen Preis. Lag dieser 1980 noch bei schlappen 4,80 DM, so war der Preis im Jahr 2000 bereits bei 18,00 DM angelangt – und wäre heute überhaupt nicht mehr bezahlbar. (Man könnte man die Preissteigerungsrate ausrechnen: Sie ist astronomisch hoch.)

Wolfgang Jeschke (Hrsg.) – Heyne Science Fiction Jahresband 1981 weiterlesen

Wolfgang Jeschke (Hrsg.) – Heyne Science Fiction Jahresband 1983

Klassische SF-Erzählungen für Sammler und Interessierte

Der inzwischen verstorbene Herausgeber der Heyne-Science-Fiction-Reihe, Wolfgang Jeschke, pflegte von 1980 bis 2000 eine schöne Tradition: Jedes Jahr präsentierte er seinen Lesern eine Anthologie von guten phantastischen Geschichten zu einem sehr erschwinglichen Preis. Lag dieser 1980 noch bei schlappen 4,80 DM, so war der Preis im Jahr 2000 bereits bei 18,00 DM angelangt – und wäre heute überhaupt nicht mehr bezahlbar. (Man könnte man die Preissteigerungsrate ausrechnen: Sie ist astronomisch hoch.)

Wolfgang Jeschke (Hrsg.) – Heyne Science Fiction Jahresband 1983 weiterlesen

Wolfgang Jeschke, Brian W. Aldiss (Hg.) – Titan-22

Am Ende aller Tage: untote Soldaten und goldene Männer

In der vorliegenden Ausgabe des Auswahlbandes Nr. 22 von „Titan“ sind nicht Beiträge zur „Science Fiction Hall of Fame“ gesammelt, sondern klassische SF-Erzählungen – Thema sind „Evil Earths“, also kaputte Erden. Dies ist der erste von zwei TITAN-Bänden zu diesem Thema (Teile 1 bis 3 des Originals). Die Originalerzählungen entstammen Magazinen, die heute nur noch schwer zugänglich sind, und zwar aus drei Jahrzehnten.

Wolfgang Jeschke, Brian W. Aldiss (Hg.) – Titan-22 weiterlesen

Wolfgang Jeschke – Schlechte Nachrichten aus dem Vatikan. Erzählungen und Hörspiele

Das Orakel aus dem Heyne-Verlag

Wolfgang Jeschke ist seit vielen Jahren einer der herausragenden SF-Autoren. Dabei ist er nicht nur mit Erzählungen hervorgetreten, sondern auch mit fiktionalen Dokumentationen und etlichen wichtigen Hörspielen. Sein Werk mag schmal sein, doch sein Aussagengehalt und Ideenreichtum wiegt umso schwerer.

Diese Collection versammelt einige seiner besten Arbeiten, vor allem aber auch drei Hörspiele, die man in den „Gesammelten Werken“ (Shayol-Verlag) nicht findet.

Der Autor

Wolfgang Jeschke, geboren 1936 in Tetschen, Tschechei, wuchs in Asperg bei Ludwigsburg auf und studierte Anglistik, Germanistik sowie Philosophie in München. Nach Verlagsredaktionsjobs wurde er 1969-1971 Herausgeber der Reihe „Science Fiction für Kenner“ im Lichtenberg Verlag, ab 1973 Mitherausgeber und ab 1977 alleiniger Herausgeber der bis 2001 einflussreichsten deutschen Science Fiction Reihe Deutschlands beim Heyne Verlag, München. Von 1977 bis 2001/02 gab er regelmäßig Anthologien – insgesamt über 400 – heraus, darunter die Einzigen mit gesamteuropäischen Autoren.

Seit 1955 veröffentlicht er eigene Arbeiten, die in ganz Europa übersetzt und z. T. für den Rundfunk bearbeitet wurden. Er schrieb mehrere Hörspiele, darunter „Sibyllen im Herkules oder Instant Biester“ (1986). Seine erster Roman ist „Der letzte Tag der Schöpfung“ (1981) befasst sich wie viele seiner Erzählungen mit Zeitreise und der Möglichkeit eines alternativen Geschichtsverlaufs. Sehr empfehlenswert ist auch die Novelle „Osiris Land“ (1982 und 1986). Sein Roman „MIDAS“ wurde mit dem Kurd-Laßwitz-Preis ausgezeichnet.

Die Erzählungen

1) Yeti (1980)

Ein Promoter verleitet zwei Bergsteiger, der Philosophie Reinhold Messners zu folgen, der Sauerstoffgeräte ablehnte, aber noch einen draufzusetzen: keine Schutzkleidung, keine Zelte, keine Helme – kurzum: nur den nackten Adam. Die Methode ist einfach: Gen- und Hormonbehandlungen sollen unseren zwei Helden u.a. einen Pelz wachsen.

Die zwei Bergsteiger haben den Termin die Mount-Everest-Besteigung bereits in der Tasche, müssen sich also ranhalten. Doch im 21. Jahrhundert ist die Gentechnik schon weit fortgeschritten, und so dauert es nur fünf Monate, bis ein wärmender Pelz gesprossen ist. Die Tour beginnt am Golf von Bengalen: keine Helikopter tragen unsere Helden zum Basislager, nein, Sir, sondern sie legen den ganzen Weg zum Gipfel auf Schusters Rappen – Moment: stimmt ja gar nicht! Mit Hilfe ihrer Krallen und harten Fußsohlen brauchen sie weder Schuhe noch Kletterhilfen. Der Gipfelsturm ist also gesichert.

Ein Bergsteiger aus Simbabwe, der ihnen unter dem Gipfel begegnet, erkennt die Wahrheit, wenn er sie sieht und murmelt bestürzt: „Yeti …“

Mein Eindruck

Die Story ist Reinhold Messner gewidmet, dem Gröbaz, also dem größten Bergsteiger aller Zeiten. Er propagiert „fair means“, also nur faire Mittel, die zum Bergsteigen eingesetzt werden sollten, daher die Ablehnung von Sauerstoffgeräten. Die Story setzt noch einen drauf und macht aus Gipfelstürmern Yetis. Folgerichtig titelte der PLAYBOY: „Nackt zum Gipfel“.

Während das Thema, die genetische Aufrüstung des Menschen, auf die Schippe genommen wird, so macht die Story Spaß, weil die Szenen wirklich authentisch wirken, so etwa sprachlich. Der Epilog liefert die Pointe: Die beiden Helden werden im Stich gelassen und ihr Fell nicht mehrlos – sie haben sich buchstäblich zum Affen machen lassen.

2) Dokumente über den Zustand des Landes vor der Verheerung (1981, KLP)

Man schreibt das Jahr 2436 im Jahre der Fleischwerdung Gottes, also genau 442 Jahre nach der „Verheerung des Landes“ anno 1994. Das „Land“ ist wieder auf frühmittelalterliches Niveau herabgesunken, nachdem Strom und Öl, Gas und Kohle sowie Medizin aufgebraucht worden sind. Lediglich Dampfkraft lässt sich noch erzeugen – mit Holz, versteht sich.

Ein kranker Pilger berichtet von einer neuen Seuche im Norden, als er in Österreich am Reschenpass eintrifft. Der Abt von Reschen weist ihm ein Quartier im abgelegenen Hungerturm zu, bei den Mutanten und vermutlich Kranken. Der Reisende namens Heike oder Haike, der von der Saar gekommen ist, hinterlässt ketzerische Schriften aus der Zeit vor der Verheerung. Diese Schriften stammen aus Garching bei München, erstellt von „Mäd saientists“, welche wenig später von Truppen des Bischofs von Freising niedergeworfen und in die Bergwerke von Salzburg verkauft wurden.

Mein Eindruck

Die Dokumente beschreiben, wie es dazu kommen konnte, dass ein mit biologischen Waffen geführter Krieg ausbrechen konnte. Sie beginnen 1972 mit den Vorhersagen und Warnungen des Club of Rome, konzentrieren sich aber auf das Jahr 1980, als die Umweltschutz- und Anti-Atom-Bewegungen zur Gründung der Grünen führen und extrapolieren dann einen Geschichtsverlauf, der in der Verheerung endet. Viele der Dokumente stammen aus SPIEGEL, ZEIT und VDI-Nachrichten, umfassen aber auch direkte Vorträge und Graffite, ja, sogar ein Zitat aus John Brunners Roman „Morgenwelt“.

Ist das wirklich eine Erzählung, fragt sich der Leser zu Recht. Die Auszeichnung mit dem Kurd-Laßwitz-Preis 1981 muss ja gerechtfertigt gewesen sein. Dazu ist eine Eigenleistung erforderlich. Diese besteht m.E. nicht nur in der Rahmenhandlung, sondern besonders auch in der Auswahl der Texte. Diese beleuchten Probleme wie Überbevölkerung, Energieversorgung (bes. Kriege ums Erdöl), Nahrungsmittel, Gentechnik, Nuklearenergie, Aufrüstung, Umweltverschmutzung usw., also alles Probleme, denen wir uns auch heute noch gegenübersehen, 30 Jahre danach.

Der Aufstieg der Informatik und der Massenkommunikation wird nur in Ansätzen registriert, aber immerhin. Das i-Tüpfelchen sind die letzten Texte, vorgebliche Reden von Amerikanern, die aus den neunziger Jahren datieren – und ergo erfunden sind. Darin lässt der Autor die Nutzung von Solarenergie, die von Weltraumspiegeln zur Erde geleitet wird, als unabdingbar bezeichnen – Stoff für eine Debatte.

Die Rahmenhandlung ist alles andere als skurril. Wenn die Kultur auf den strengkatholischen Glauben und dessen Diktate zurückfällt, dann hat das seinen guten Grund: Schutz und Segen erhoffen sich die wenigen Überlebenden. In dieser Hinsicht ähnelt die Rahmenhandlung Carl Amerys Bestseller „Der Untergang der Stadt Passau“ (siehe meinen Bericht) und Georg Zauners Roman „Die Enkel der Raketenbauer“.

3) Osiris Land (1982)

Man schreibt das Jahr 2036 n.Chr. und ein paar wenige Jahre nach dem atomaren und biologischen Holocaust, der mehreren Milliarden Menschen das Leben gekostet hat. An den Rändern der noch bewohnbaren Gebiete in der westlichen und mittleren Sahara treten in den verseuchten Gebieten Mutanten auf. Die Einheimischen töten sie aus Gründen des Selbstschutzes.

Die Geschichte wird erzählt von Beschir, einem Jungen aus einem Dorf in der Sahel-Zone. Seine auf die äußere Welt gerichteten Beobachtungen werden ergänzt von den Tagebucheintragungen eines Weißen, der aus dem unverseuchten Südafrika bereits Tausende Kilometer quer durch Afrika gezogen ist. Sein Name: Master Jack. Sein Ziel: das weitere Tausende Kilometer entfernte Ägypten oder was davon noch übrig ist, nachdem der zerstörte Assuan-Staudamm alles Land unter seinen ungeheuren Wasser- und Schlammassen begraben hat. Dort wurden merkwürdige Lichterscheinungen beobachtet: Raumfahrt in Zeiten nach der Apokalypse?

Zusammen mit einem Führer und Beschir als Helfer zieht Master Jack von Dorf zu Stadt, von Brunnen zu Fluss, stets die Zerstörungen beobachtend, die weißen Eunuchen-Sklaven und reichen Potentaten, die selbstherrlichen Flusskapitäne und die kannibalischen Einheimischen an den Ufern des Nils. Und schließlich treffen Jack und Beschir auf Außerirdische, Vorbilder für die altägyptischen Götter. Während Jacks Seele mit ihnen ins Herz der Galaxis fliegt, bewegt sich sein androider Körper, sein Bewusstsein mit Beschir zurück nach Südafrika.

Mein Eindruck

In Jeschkes wunderbar stimmungsvoll erzähltem Expeditionsbericht treffen der Orient aus Karl Mays Reiseerzählungen und die surrealen Landschaften James G. Ballards („Kristallwelt“) aufeinander und bilden eine eigenartig faszinierende Kombination, deren Zauber man sich nicht zu entziehen vermag. Die Erzählung weist den Autor als guten Stilisten und Fabulierer aus, der seine Figuren und ihre Welt mit Leben zu füllen vermag.

Doch unter der orientalisch-märchenhaften Oberfläche wartet das Grauen des Holocaust, das dem Leser vor allem durch die Tagebucheintragungen Master Jacks vermittelt wird – die Berichte, wie es den wenigen verzweifelten Überlebenden erging, die an Nordafrikas Küsten Zuflucht suchten und dort allesamt erschlagen wurden. Doch den dortigen Potentaten nützte diese „Schutzmaßnahme“ nichts, denn die Zugvögel brachten die Erreger der Beulenpest dennoch ins Land.

Wie es zu diesem globalen ABC-Krieg kommen konnte, zeichnet der Autor mit dem Kenntnisstand der Entstehungszeit Anfang der 80er Jahre (Iranische Revolution 1979) nach. Diese explosive politische Lage führte zwar zum Glück nicht zu einem Weltkrieg, wohl aber zu drei Golfkriegen. Und wer weiß: Wenn Oberst Gaddafi damals die Bombe gehabt hätte, als die Amerikaner Tripolis bombardierten…

4) Wir kommen auf Sie zu, Mr. Smith (1983)

Ein Personalleiter bekommt den Bewerber Winston Smith [so heißt die Hauptfigur in Orwells Roman „1984“] gemeldet. Soll eine Minute warten, lässt er seine Sekretärin ausrichten. In dieser Zeit liefert ihm sein Rechercheur Rechmann per Datenleitung und telefon sämtlichen relevanten Daten über Smith, seine Frau und das Kind, die Autos, die Hypothek, die vorherigen Firmen und die anhaltende Arbeitslosigkeit.

Er empfängt Smith kurz und sagt ihm dann, er käme wieder auf ihn zu. Sobald Smith gegangen ist, versieht er dessen Bewerbung mit dem Vermerk: „ABSAGEN.“ Smith zeigt ihm viel zu wenig Selbstvertrauen, um ihn auf den Posten eines Projektleiters zu setzen. Und der nächste Bewerber wartet schon.

Mein Eindruck

Der Pfiff an dieser Geschichte ist nicht die banale Handlung, sondern die Art der Datenbeschaffung. Rechmann scheint ein „Hacker“ zu sein, der schon mal illegal Daten abzapft, so etwa bei Sparkassen-Halbjahresabschlüssen. Es geht also um den „gläsernen Bürger“. Heute mutet diese Methode vorsintflutlich an. Jeschke schrieb die Story für eine Anthologie zum Orwell-Jahr 1984, um vor den Auswüchsen zu warnen. Heute ist die Lage für den Datenschutz trotz aller moderner Gesetze keinen Deut besser geworden, hat man den Eindruck.

5) Sibyllen im Herkules oder Instant Biester (Hörspiel, 1984)

Vor dem Nordkap hat ein amerikanisches Atom-U-Boot einen norwegischen Fischtrawler gerammt und ist gesunken, bald sieht sich der Kapitän in russische Fangnetze und Minenfelder gesperrt. Er droht damit, seine 192 Atomsprengköpfe abzufeuern, sollten die Russen ihm nicht freien Abzug gewähren. Die Lage ist brisant.

Unterdessen entziffern eine Radioteleskop-Astronomin und ihre Freundin, eine Tontechnikerin, ein verrauschtes Radiosignal aus dem Sternbild Herkules. Wenn man das Signal stark verlangsamt, kann man etwas wie „Instant Biester“ verstehen. Aber was soll das bedeuten? Sie bearbeiten das Band solange, bis sie mehrere Sprachen wie Englisch, Arabisch und Russisch verstehen können. Man soll das Band rückwärts abspielen, lautet die Anweisung. Trotzdem sind die Botschaften ein Rätsel: Es sind prophetische Warnungen aller bekannten Sibyllen vor dem drohenden Weltuntergang.

Ihre Vorgesetzten und Mitarbeiter nehmen die Sache ein paar Tage nicht ganz ernst, bis sie sich umhören. Andere Radioastronomen haben die Botschaft aus dem Herkules auch verstanden. Einer der Texte gibt auf Englisch nicht nur Anweisungen, sondern drückt auch sorgenvoll Anweisungen aus. Die Astronomin berechnet den Ursprungsort der Botschaft, die seit rund zehn Jahren aufgenommen, aber nicht verstanden wird. Die Stelle bezeichnet den Apex des Himmels, kurzum: jenen Ort, wohin sich unser Sonnensystem mit affenartiger Geschwindigkeit hinbewegt. Kommen die Botschaften also aus der Zukunft?

Mein Eindruck

Tom Clancy trifft Gregory Benford, dachte ich bei mir, als ich die beiden Grundideen zusammenfügte. Tom Clancy – dafür steht der U-Boot-Plot: Ein amerikanischer U-Boot-Kommandant darf tatsächlich (wie etwa in „Crimson Tide“ geschildert) ohne vorherige Rückfrage mit dem Hauptquartier seine Atomraketen abfeuern, wenn er in einer entsprechenden Notlage ist. Und dies ist es nach 22 Tagen definitiv.

Die Botschaft aus der Zukunft, die erst dechiffriert werden muss – das ist der Plot von Gregory Benfords bestem Roman „Timescape / Zeitschaft“ (siehe dazu meinen Bericht). Nun muss der dritte Faktor hinzukommen, der ganz Jeschkes eigener ist: die Sibyllen haben diesen Weltuntergang bereits vorausgesagt. Nicht von ungefähr tritt ein weiterer Nostradamus in einer Gastwirtschaft auf – und zitiert die Orakel der Sibyllen.

Wie so häufig verweist Jeschke auch auf Frank Herberts Atom-U-Boot-Thriller „Dragon in the Sea / Under Pressure“ (ein biblisches Zitat), welcher u. a. auch bei Heyne erschien. Und in einem weiteren Zitat über die Natur der Zeit scheint der Autor sich selbst zu zitieren, aus „Der letzte Tag der Schöpfung“. Ich habe das nicht nachgeprüft. Aber die Stelle besagt, dass die Zeit wie ein Ozean mit starken Unterströmungen sei, keinesfalls aber eine gerade Linie.

Insgesamt dürfte das Hörspiel seinerzeit für spannende Unterhaltung gesorgt und ernsthaft warnend gewirkt haben. Nur zwei Jahre nach dem NATO-Nachrüstungsbeschluss stieß es sicherlich nicht auf taube Ohren.

6) Nekyomanteion (1985, korrekter Titel: „Nekromanteion“)

Anfang des 21. Jahrhunderts ist es Wissenschaftlern gelungen, nicht nur Objekte zu kopieren, zu speichern und zu übermitteln, sondern auch komplette Lebewesen, darunter auch Menschen. Die MIDAS genannte Technologie ist jedoch, wie jede Aufzeichnungstechnik, nicht perfekt. Die menschlichen Kopien, die z. B. in ferne Raumfahrzeuge gesendet werden, erweisen sich als nur für kurze Dauer lebensfähig und es kommt zu schweren Fehlern.

Die US-Regierung, die Milliarden in das Projekt gesteckt hat, stellt es ein. Dafür kauft das Privatunternehmen Nekromanteion Inc. die Rechte und bietet in aller Welt einen neuen Service an: die Wiederauferstehung der Toten. Der einmal aufgenommene Tote (Jargon: Record) wird zu beliebigen Zeiten als Kopie neu erstellt, damit seine Angehörigen etc. ihn treffen können.

Solch ein Nekromanteion gab es vor 2500 Jahren am Fluss Acheron, der in der westgriechischen Provinz Epirus aus den Bergen in die Adria fließt. Damals bezeichnete er die Grenze zum Totenreich und es gab einen florierenden Kult von Priestern, die den Besuchern gegen hohes Entgelt eine Begegnung mit dem lieben Verstorbenen verschafften – ein aufgelegter Schwindel.

Nun bekommt die Familie Katsunaris, die Nekromanteion Inc. ein Grundstück am Acheron verkauft hat, ein Sonderangebot: die kostenlose Aufzeichnung von Opa Kristos. Die Söhne des Alten, darunter unser Chronist Apostoles, sind schlüssig, bis schließlich die Tochter Elena, die das Gasthaus führt, entscheidet, dass einem ja so viel Geld nicht in den Schoß fällt.

Also fährt Apostoles, mittlerweile schon in den Fünfzigern, den Alten zum Institut, auf dass er gescannt werde. Es ist nichts dabei. Und geschah gerade noch rechtzeitig, denn schon im gleichen Herbst segnet Opa Kristos das Zeitliche und wird im Nekromanteion beigesetzt. Vorerst. Zu seinem hundertsten Geburtstag anno 2034 macht sich die gesamte Sippe auf den Weg, um seiner Wiederauferstehung beizuwohnen und seinen Geburtstag zu feiern. Es wird ein Fiasko …

Mein Eindruck

Die sehr anrührende und anschauliche Erzählung verweist bereits auf den Roman „MIDAS oder Die Auferstehung des Fleisches“ voraus, der 1993 bei Heyne erschien (aber vorher bereits woanders). Bemerkenswert sind nicht nur die Entsprechungen zwischen Antike und Gegenwart bzw. naher Zukunft, sondern auch die schier unmerkliche Überbrückung der Lebenszeiten der Sippe Katsunaris. Am Anfang ist Apostoles, der Erzähler, noch selbst ein junger Mann, der mit einer deutschen Archäologin schöne Schäferstunden pflegt. Am Schluss ist er selbst über siebzig und ein schläfriger alter Kerl., der als einziger Sohn keine Kinder hat.

Während eine neue Flechte sämtliche Betonbauten ringsum und auf der Welt in Trümmer fallen lässt und die Region wieder in antike Verhältnisse versinkt, stellt das Nekromanteion heute wie damals einen großen Schwindel dar. Doch die Kritik richtet sich wie zu erwarten nicht etwa gegen den Betrug an den zahlenden Lebenden. Vielmehr erweist sich die unausgereifte Technologie als mieser Verrat an den Toten selbst: Ihre zeitweilige Wiederauferstehung gerät schon nach wenigen Stunden zu einer widerwärtigen Farce mit grausigen Untertönen. Man muss es gelesen haben, um es zu glauben.

Der Tod und die mehrfach zitierte „Hinfälligkeit des Fleisches“ ist das Generalthema, aber auch die ständige Erneuerung durch Kinder. Von einem trügerischen Idyll, das erotische Intermezzi kennt, führt der Weg der Erzählung geradewegs zum Horror einer Farce der Auferstehung. Der Eindruck, den die Erzählung hinterlässt, hallt noch lange nach.

7) Jona im Feuerofen oder Das versehrte Leben (Hörspiel, 1988)

In einer Heilanstalt erzählt Lady Lynn einer Besucherin (Journalistin?) die Geschichte ihrer Expedition zu einem fernen Stern. Sie war insgesamt 150 Jahre lang unterwegs, bevor sie auf eine veränderte und durch ihren Forschungsbericht aufgestörte Erde zurückkehrte, als einzige Überlebende. Die anderen kamen entweder auf Remora ums Leben oder – wie der Kapitän – töteten sich selbst.

Zunächst gibt Remora Rätsel auf, denn die Welt scheint sich in einer Sackgasse der Evolution zu befinden. Außer den elefantengroßen Tänzer-Krabben scheint es keinerlei Leben zu geben. Rätsel gibt das proteinhaltige Pilzgeflecht auf, das Joe Simonson, der Exobiologe, unter dem Gras findet und das bei Luftkontakt gleich darauf verfault. Er kommt aber nicht auf die Idee, dass es sich um eine sehr große Lebensform handeln könnte. Das wird ihm zum Verhängnis.

Denn Joe bleibt so lange, bis die Winterstürme mit aller Macht zu toben beginnen. Er kann nur noch mit dem Shuttle herauf ins Schiff geholt werden. Doch beim ferngesteuerten Landeanflug geht etwas schief: Es gibt drei Explosionen (statt nur einer), und auf der Aufnahme ist ein merkwürdiges Aufbrüllen zu hören, das sich keiner an Bord erklären kann.

Joe funkt, er wolle sich in einer nahegelegene Höhle in Sicherheit bringen, wo es nach Schwefel rieche. Doch das, was er vorfindet, verschlingt ihn mit Haut und Haar und beginnt einen Prozess der Untwerfung des Menschen. Er funkt in biblischer Diktion eine sonderbare abgewandelte Version der Jona-Legende aus der Bibel – nämlich dass auf Jona im Inneren des Untiers viele neue Jonas gefertigt werden …

Mein Eindruck

Jeschke greift eines seiner Lieblingsthemen auf: Dass das Fremde zu fremdartig ist, um mit menschlichen Begriffen als solches wahrgenommen und erkannt zu werden, bis es für eine Rettung zu spät ist. Standardprozeduren, menschlicher Hilfsinstinkt und ähnliche Schalterfaktoren sorgen dafür, dass Joes Warnung vor dem Versuch, ihn zu retten, in den Wind geschlagen wird – bis es für zwei weitere Expeditionsmitglieder zu spät ist.

Als Herausgeber hat Jeschke das Thema in mehreren Romanen darstellen lassen, so etwa in dem Roman „Das Auge der Königin“ von Philip Mann (siehe meinen Bericht) und in James Tiptrees „Die Feuerschneise“. Seine eigene Version ist packend inszeniert, weist aber auch lange Dialoge auf, die Lady Lynn vorbringen muss.

Vielfach unterlegt ist moderne und klassische Musik, so etwa Holsts „Planeten“ und Schuberts „Neunte Sinfonie“ (S. 235). Dem medium Hörspiel entsprechend nutzt der Text auch die Möglichkeit, Tonaufnahmen mehrfach zu wiederholen, um sie zu vergleichen und zu untersuchen. Auch dies dient dazu, Neugier und Spannung zu erzeugen. Schade, dass das Radiospiel hierzulande und heutzutage fast nur noch beim WDR produziert und gepflegt wird.

8) The Mississippi Straightforward Society (1988)

Die titelgebende Unternehmensberatung stellte dem Verlagsleiter Rolf Heyne aus Anlass des 30-jährigen Verlagsjubiläums (1958-1988) herrliche Wachstumszahlen in Aussicht. Schon Mitte des 21. Jahrhunderts würden die Heyne-Lagerkapazitäten den Regierungsbezirk Oberbayern abdecken und anno 2100 die Grenzen des Deutschen Reiches im Jahr 1937 überschreiten. Desgleichen tolle Wachstumsraten würden die Personalentwicklung, die Anzahl der Außenrepräsentanten, der monatlichen Buchtitel (über 1 Million in 2100) und natürlich des Holzverbrauchs aufweisen!

Doch dieser Wahnsinn hat Methode, nämlich die von Mark Twain. In dessen Buch „Das Leben auf dem Mississippi“ findet sich bereits die benutzte Extrapolationsmethode, abgeleitet vom erstaunlichen Trend des Vaters der Ströme, sich zu verkürzen. Durch Begradigung (daher auch „straightforward“) verliert der Strom im Schnitt soundso viele Kilometer. In wenigen Jahren, so ergibt sich daraus, dürften die Städte Cairo (Oberlauf) und New Orleans (Mündungsdelta) nebeneinanderliegen!

Mein Eindruck

Auch dieser scherzhaft gemeinte Text ist ein Beitrag zu einer Anthologie, nämlich zum „Rolf Heyne Taschenbuch“ 1988. Nach dem anfänglichen Marketinggesülze legt der Schreiber richtig los. Die prognostizierten Wachstumsresultate sind aberwitzig. Es wird angenommen, dass es keinerlei Grenzen des Wachstums geben werde. Tatsächlich wurde der Heyne-Verlag schon zwölf Jahre später, nach einer Fusion mit List und Ullstein (genannt „HEUL“) an den Bertelsmann-Konzern verkauft. Nix war’s mit Wachstum.

Doch das ist nicht der Punkt. Dem Autor geht es um die Bloßstellung der Beraterphilosophie, dass unbegrenztes Wachstums- und Profitstreben allein positiv sei. Egal, dass der Wald dabei dran glauben muss – ein Ende des Waldsterbens ist dadurch garantiert: positiv!

9) Es lebe der Wald (Hörspiel, 1990)

Im Zuge des Waldsterbens aufgrund von Industrie- und Verkehrsabgasen ist eine fast ausgestorbene Fichtenart wieder verbreitet worden, die in der Tschechei eine Resistenz gegen Emissionen entwickelte. Die Aufforstung war so erfolgreich, dass nun, nach rund 30 Jahren, fast ganz Süddeutschland südlich der Mainlinie (vulgo „Weißwurstäquator“) von der Art picea omorica Ossek (einem Herkunftsort) bewachsen ist. Und da nun diese Baumart geschlechtsreif wird, verstreut sie ihre Polen und Samen in alle Winde – mit verhängnisvollen Folgen …

Zuerst erwischt es einen Buchhandelsvertreter, der Asthmatiker ist und auf die „Ossekowa“ besonders allergisch reagiert. Auch der Hund seiner Hotelgastgeber ist eines rätselhaften Todes gestorben. Erst sechs Monate später findet man einen Großvater und sein Enkelkind nur 500 m von einer Straße und 300 m von einer S-Bahn-Station entfernt in einer Fichtenschonung. Woran können sie gestorben sein?

Als der Reporter Benedikt zu recherchieren beginnt, bekommt er es mit Originalen zu tun, die die „Hexenbäume“ verantwortlich machen, aber auch mit dem Pressesprecher des Innenministeriums, der erst alles abstreitet und von nichts weiß, dann aber „für alle Eventualitäten“ planen lässt, also auf für Evakuierungen. Bloß keine Panikmache, um Himmels willen!

Unterdessen schafft das Militär Fakten, indem es den Ossek-Fichtenbestand mit Flammenwerfern und Napalmbomben abfackelt und sogar einen Bürgermeister und Waldbesitzer um ein Haar umnietet. Dabei steht die eigentliche Fichtenblüte erst noch bevor …

Mein Eindruck

„Le Waldsterben“, wie unsere französischen Nachbarn das deutsche Phänomen so verwundert nannten, erregte in der Tat Mitte/Ende der achtziger Jahre das deutsche Gemüt mehr als der NATO-Doppelbeschluss, schien es doch um die Substanz deutscher Eigenart zu gehen: den deutschen Wald. Kahle Wälder, wie man sie heute am Großen Arber sehen kann, schienen der Horror zu sein. Die Grünen malten Menetekel an die Wand, sogar die CSU reagierte.

Jeschke dreht nun den Spieß um und lässt den Wald zurückschlagen. Denn der Mensch hat in seiner Überreaktion zu viel des Guten bzw. Falschen getan und eine Baumart eingeführt, deren Auswirkungen nicht getestet wurden. Nun beginnt der Pollen die Atemwege anzugreifen, Bienen und andere Tiere zu killen, ja, in Massen Oberflächen zu verstopfen.

In amerikanischer Manier lüftet Reporter Benedikt das Geheimnis, kämpft aber gegen die Windmühlen der Politik und der Narretei („Hexenbäume“). Dabei spielt das neue System des Audio-Helfers eine hilfreiche Rolle: ein Navi-Computer, der mehr ist als ein dummes Gerät, nämlich ein personalisierter Lebensbegleiter mit Stimmerkennung und -ausgabe. Mithin also ein Gerät, an dessen Entwicklung sich immer noch die IT-Hersteller die Zähne ausbeißen! Dabei erweist es sich für den asthmatischen Vertreter beinahe als Lebensretter.

10) Schlechte Nachrichten aus dem Vatikan (1990)

Die Schweizer Garde des Vatikans schiebt wieder mal eine anstrengende Nachtschicht. Während eine Hologrammprojektion die stille Erhabenheit des Petersplatzes vorgaukelt, schiebt ein Baufahrzeug mit seiner riesigen Schaufel Tausende von Leichen zusammen auf einen vier bis fünf Meter hohen Berg. Es handelt sich um fast 45.000 Babyleichen. Sie wurden aus allen Teilen der Welt hierhertransportiert, um entsorgt zu werden – gen Himmel.

Am Morgen ist die harte Arbeit geschafft. Die ersten amerikanischen Touristen besuchen den Petersplatz, der nun wieder leer und erhaben daliegt. Nur ein Vietnamveteran schöpft Verdacht: „Hier riecht es nach Tod, nach frischem Tod.“ Lang lebe Giovanni Paolo Secondo, der neue Papst.

Mein Eindruck

Die erstmals 1993 im kurzlebigen Magazin „Solaris“ veröffentlichte Erzählung ist eine bittere und mitunter eklige Anklage der päpstlichen Botschaft, dass alles Leben heilig sei und Abtreibung folglich eine Sünde, ebenso wie Empfängnisverhütung. Dem Dogma stellt der Autor die abstoßende Realität entgegen: Babys als Heroinversteck für Schmuggler missbraucht, Jungs und Mädchen als Kindersoldaten in Rebellenkriegen verheizt, der Babystrich in Asien und Afrika, Babys als Ersatzteillager für Organhändler und noch vieles mehr.

Die doppelseitige Titelillustration des Buches bringt die Aussage auf den Punkt: von rechts rührt Gottes Finger an das leere Kinderauge, von links reicht Adams Hand einen integrierten Schaltkreis. Doch das damit beglückte Kind hat leere Augen, denn es hat keine Seele mehr.

Zweifellos ist dies eine von Jeschkes wichtigsten und umstrittensten Geschichten, so umstritten offenbar, dass er es nötig fand, bei jedem Abdruck (auch beim ersten) ein zweiseitiges Vorwort voranzustellen, um seinen Standpunkt klarzustellen.

11) Happy Birthday, dear Alice! Happy Birthday, dear Anne! (Hörspiel, 1993)

„Bei weiblichen eineiigen Zwillingen tritt zuweilen die paranormale Fähigkeit der Gedankenübertragung auf. Sie ist weder an Raum noch an Zeit gebunden und ermöglicht eine unmittelbare Verständigung mit Raumfahrzeugen, die fast mit Lichtgeschwindigkeit fliegen. Deshalb arbeitet die NASA mit Clons dieser Zwillinge, um den Kontakt mit ihren fernen Sternenschiffen zu halten, indem ein Zwilling auf der Erde zurückbleibt.

Freilich unterliegen die „Rufe“ (und das Leben der Zwillinge) der Zeitdilatation, d.h. in diesem Fall, ein Wort von einer Sekunde Länge auf dem Schiff entspricht ca. 50 Sekunden auf der Erde und umgekehrt, ebenso die Geschwindigkeit des Alterns.

Anne und Alice waren bei dem Start des Raumschiffs beide 17 Jahre alt. Nun feiert Alice ihren 19. Geburtstag, Anne ihren achtzigsten. Die „Generationen-Clons“ Betty/Barbara, Christy/Claire, Dorothy/Daphne und Edith/Esther sowie der derzeitige Projektleiter der NASA, Mr. Smith, feiern mit.“ Soweit die nicht ganz korrekte, aber offizielle Beschreibung des Inhalts. Der Projektleiter heißt im Text nämlich Mr. Sacks.

Am Schluss singen alle das Geburtstagslied des Titels. Das Besondere dabei: Das zweite Geburtstagskind, Alice ist gar nicht anwesend. Sie ist nur aus dem Off zu hören, während sie für ihre Schwester Anne singt.

Mein Eindruck

Jeschke greift die alte Idee Heinleins auf, die dieser in den fünfziger Jahren in seinem Jugendroman „Von Stern zu Stern“ verarbeitet hatte. Der neue Dreh besteht nun darin, dass sich die Zeitdilatation bemerkbar macht, zuerst natürlich bei der unterschiedlichen Alterung der beiden Zwillinge (neu ist auch, dass es sich um Klone handelt), zum anderen aber auch bei der Länge der übertragenen Wörter. An diesem Punkt wäre es allerdings dem Einfallsreichtum des Tondesigners überlassen, einen dadurch zerdehnten Geburtstagsgruß an die Erde zu schicken.

Man sieht also, dass man auch in einem Kurzhörspiel von nur wenigen Seiten Text eine Menge Gehalt und Aussage unterbringen kann.

Die Illustrationen

Jobst Teltschik hat jeden Text mit mindestens einer Bleistift- oder Tuschezeichnung illustriert. Manchmal ist zu erkennen, was eine Kontur oder Gestalt darstellen soll, manchmal aber wird nur etwas angedeutet. Das wird viel gewischt, aber manchmal gucken doch auch gnomenhafte Gesichtchen in die Gegend. Auf jeden Fall lockern die Illustrationen den manchmal langen Text (bes. bei den Hörspielen) auf willkommene Weise auf.

Unterm Strich

„Schlechte Nachrichten aus dem Vatikan“ ist eine Erzählsammlung, die jeder ernsthaft an SF Interessierte kennen sollte, v. a. natürlich in Deutschland. Viele von Jeschkes Themen sind tief mit der Geschichte Deutschlands verbunden und spiegeln auf erstaunliche und heute wieder interessante Weise die Gedanken und Stimmungen zwischen 1980 und 1990 wider.

Die Dokumentation „Dokumente über den Zustand des Landes vor der Verheerung“ warnt vor einem dritten Weltkrieg, ausgelöst durch Ronald Reagans Administration, die 1980 den Erdnussfarmer Jimmy Carter ablöste. Auch in den anderen Texten warnt Jeschke vor damals virulenten Themen wie Krieg („Sibyllen im Herkules“), Umweltzerstörung („Es lebe der Wald“) und Kindermissbrauch und -mord („Schlechte Nachrichten aus dem Vatikan“). Aber er kann auch witzig sein, wie seine Storys „Yeti“, die dem Bergsteiger Reinhold Messner gewidmet ist, sowie „The Mississippi Straightforward Society“ beweisen.

Eines von Jeschkes charakteristischen Themen, das ihn nahezu einzigartig macht, ist die Überwindung des Todes. Ob dies mit seiner Biografie zu tun hat, sei dahingestellt. Doch „Nekromanteion“ (und nicht etwa „Nekyomanteion“) schildet die Abbildung eines Todgeweihten und seine künstliche „Totenbeschwörung“ (jedem Horrorleser ist der Begriff „Necromancer“, also Totenbeschwörer, vertraut). In seiner Erzählung „Orte der Erinnerung“ (ca. 2005) hat der Autor das Thema erneut aufgegriffen, diesmal als Verarbeitung des Mythos von Orpheus und Eurydike.

Aber typische SF-Themen kommen zum Glück nicht zu kurz. In dem Hörspiel „Jonah im Feuerofen“ gelingt es dem Expeditionsteam nicht, die bestimmende fremde Lebensform auf der Fremdwelt zu erkennen – der Preis dafür ist hoch. In der Erzählungen „Die Sonne des Anaximandros“ hat der Autor das Thema ca. 2010 erneut aufgegriffen.

Mehrfach taucht in seinem Werk das Thema der Zeitdilatation auf fast lichtschnellen Raumschiffen auf – auch eine Methode, das Leben zu verlängern. In dem Kurzhörspiel „Happy birthday …“ variiert Jeschke ein Thema, das Robert Heinelein schon in den fünfziger Jahren verarbeitete: zwillinge, die telepathisch kommunzieren, ermöglichen eine instantane Verständigungsmöglichkeit à la Ursula Le Guins Ansible. In der späteren Story „Ein Ruf aus der Dunkelheit“ (2009) macht er aus diesen Telepathen einen ganzen Mönchsorden.

Innerhalb der mittlerweile komplett vorliegenden „Gesammelten Werke“ bildet „Schlechte Nachrichten“ einen Übergang. Viele Erzählungen sind in „Orte der Erinnerung“ (Band 3) enthalten, doch keines der hier vorliegenden Hörspiele. Muss man also, um den kompletten Jeschke (ohne die Romane) lesen zu können, alle vier Bände kaufen? Ich fürchte, die Antwortet lautet: ja.

Taschenbuch: 378 Seiten
Illustriert von Jobst Teltschik
ISBN-13: 978-3453066052
www.heyne.de

Wolfgang Jeschke (Hg.) – Science Fiction Jubiläumsband. Das Lesebuch

Top-Auswahl aus 25 Jahren erstklassiger Phantastik

Zum 25-jährigen Jubiläum der „Heyne Science-Fiction & Fantasy“-Reihe präsentiert Herausgeber Wolfgang Jeschke achthundert Seiten mit den besten Erzählungen des SF-Genres. Fantasy ist hier nicht vertreten. Jede Story wird von Jeschke mit einer Vorbemerkung eingeleitet, die die Entwicklung des Heyne-SF-Programms betrifft. Beispielsweise charakterisiert er den ersten Herausgeber und SF-Experten Günther Schelwokat, vermerkt den Eintritt der ersten Übersetzer und welche Romane zu Dauersellern wurden – nämlich die hier aufgeführten.

Wolfgang Jeschke (Hg.) – Science Fiction Jubiläumsband. Das Lesebuch weiterlesen