Schlagwort-Archive: Wolfgang Jeschke

Wolfgang Jeschke (Hrsg.) – Schöne nackte Welt. Internationale Science Fiction Stories

Classic SF of 1986: Eine der besten Jeschke-Anthologien

Dieser Heyne-Auswahlband versammelt internationale Science Fiction Erzählungen aus USA, Italien, Österreich, Jugoslawien, Polen, Ungarn und Deutschland.

Zu den Höhepunkten zählen:

• Lucius Shepards zwei Erzählungen „Der Pfad des Jaguars“ und „R & R“,
• die William-Gibson-Story „Der Wintermarkt“ sowie
• die beiden Novellen „Flucht aus Katmandu“ von Kim Stanley Robinson und
• „24 Ansichten des Berges Fuji, von Hokusai“ von Roger Zelazny, und viele mehr.

Kurzum: eine erstklassige Lese des Jahres 1986!
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Jeschke, Wolfgang (Hrsg.) – Heyne Science Fiction Jahresband 1999

Classic SF mit Humor: Haut den Dino auf die Rübe!

Der Heyne SF-Jahresband 1999 bietet Science Fiction auf höchstem Niveau, sowohl was Ideen, als auch Sprache und Stil anbelangt. Ein guter, anspruchsvoller Einstieg in das Genre. Bemerkenswert: Der Jahresband 1999 enthält fünf Novellen mit Umfängen zwischen 69 und 95 Seiten. Unter diesen Erzählungen ragt die erste in mehrfacher Hinsicht heraus: „Die Dechronisation von Sam Magruder“ von George Gaylord Simpson. Dafür hat kein Geringerer als Arthur C. Clarke das Vorwort verfasst.
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Wolfgang Jeschke (Hrsg.) – Heyne Science Fiction Jahresband 1997


Ernüchternde Zukunft, digitale Romantik: Auswahl erstklassiger SF-Stories

Der SF-Jahresband 1997 vereint Geschichten und Kurzromane von Michael Flynn, Elisabeth Vonarburg, Ben Bova, Stephen Baxter, Lucius Shepard, Charles Sheffield und – last but not least – Marcus Hammerschmitt. Insgesamt bietet der Band eine sehr gehalt- und niveauvolle Sammlung erstklassigen Materials, das von den Illustrationen ideal ergänzt wird. Die Story von Lucius Shepard über „Muschelkratzer-Bill“ landete zum Beispiel bei zahlreichen Awards auf den vordersten Plätzen.
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Wolfgang Jeschke (Hrsg.) – Heyne Science Fiction Jahresband 1989

Classic SF: Preiswürdige Erzählungen von Star-AutorInnen

Dieser Jahresband ist eine Fundgrube für SF-Einsteiger und -Fortgeschrittene gleichermaßen. Bekannte Autoren der 1980er Jahre wie George R.R. Martin, Walter Jon Williams und Lucius Shepard sind hier versammelt. Aufstrebende weibliche Autoren wie Karen Joy Fowler, deren Romane mittlerweile verfilmt werden, gaben damals ihr Debüt, und etablierte Autorinnen wie James Tiptree jr. alias Alice Sheldon befanden sich im Endstadium ihrer Karriere.
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Wolfgang Jeschke (Hg.) – Heyne Science Fiction Jahresband 1991

Sciencefiction und Phantastik vom Feinsten

Der inzwischen in Rente gegangene Herausgeber der Heyne Science Fiction Reihe, Wolfgang Jeschke, pflegte von 1980 bis 2000 eine schöne Tradition: Jedes Jahr präsentierte er seinen Lesern eine Anthologie von guten phantastischen Geschichten zu einem sehr erschwinglichen Preis. Lag dieser 1985 noch bei schlappen 5,80 DM, so war der Preis im Jahr 2000 bereits bei 18,00 DM angelangt – und wäre heute überhaupt nicht mehr bezahlbar. (Man könnte mal die Preissteigerungsrate ausrechnen: Sie ist astronomisch hoch.)

Wie immer jedoch lieferten die SF-Jahresbände Erzählungen, die von der ersten Liga der Autoren und Autorinnen stammte. Stets war ein kleiner Ausreißer dabei, sei es ein Autor aus dem Ostblock – zu dem Jeschke von jeher gute Kontakte pflegte -, oder ein Kurzroman, z.B. von Bruce McAllister oder Connie Willis.
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Wolfgang Jeschke (Hg.) – Science Fiction Story Reader 13

Klassische SF-Erzählungen von Star-AutorInnen

In dieser Anthologie aus dem Jahr 1980 sind neun SF-Erzählungen amerikanischer, deutscher, englischer und russischer AutorInnen vereinigt:

– der Kurzroman „Azteken“ der HUGO- und NEBULA-Award-Gewinnerin Vonda McIntyre;

– die romantisch-traurige Novelle vom „Alten Zinnsoldaten“ von Joan D. Vinge (HUGO für „Die Schneekönigin“);

– „Tertiär“, ein bemerkenswerter Kurzroman des deutschen Autors Gerhard Stein sowie

– die Kurzgeschichte „Kassandra“ der mehrfachen HUGO-Preisträgerin C.J. Cherryh, mit der sie im August 1979 erneut den HUGO Award gewann. Und vieles mehr.
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Wolfgang Jeschke (Hrsg.) – Heyne Science Fiction Jahresband 1988

Klassische SF-Erzählungen zu kleinem Preis

Der inzwischen verstorbene Herausgeber der Heyne Science Fiction Reihe, Wolfgang Jeschke, pflegte von 1980 bis 2000 eine schöne Tradition: Jedes Jahr präsentierte er seinen Lesern eine Anthologie von guten phantastischen Geschichten zu einem sehr erschwinglichen Preis. Lag dieser 1980 noch bei schlappen 4,80 DM, so war der Preis im Jahr 2000 bereits bei 18,00 DM angelangt – und wäre heute überhaupt nicht mehr bezahlbar. (Man könnte man die Preissteigerungsrate ausrechnen: Sie ist astronomisch hoch.)

Wie immer jedoch lieferten die SF-Jahresbände Erzählungen, die von der ersten Liga der Autoren und Autorinnen stammte. Stets war ein kleiner Ausreißer dabei, sei es ein Autor aus dem Ostblock – zu dem Jeschke von jeher gute Kontakte pflegte -, oder ein Kurzroman, z.B. von C.J. Cherryh.

Dieser Band erschien im Jubiläumsjahr 1988 – 25 Jahre Heyne Science Fiction, wenn ich mich nicht täusche. Die Beiträge sind herausragend, ebenso die angloamerikanischen Autoren.
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Wolfgang Jeschke (Hg.) – Ikarus 2002. SF-Erzählungen

Classic Science Fiction: humanistische Erzählungen, die jeder versteht

Wolfgang Jeschke, der ehemalige Herausgeber der SF- & Fantasy-Reihe im Heyne-Verlag, hat als seine letzten Herausgebertaten drei Bände mit den besten SF-Erzählungen veröffentlicht:

1) Ikarus 2001
2) Ikarus 2002
3) Fernes Licht

Die Beiträge in diesen drei Auswahlbänden stammen von den besten und bekanntesten AutorInnen in Science Fiction und Phantastik. In diesem zweiten „Ikarus“-Band sind Beiträge aus den Jahren 1941 bis 1992 vertreten.

Der Herausgeber

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Wolfgang Jeschke (Hg.) – Fernes Licht. Die besten Erzählungen aus 40 Jahren Heyne Science Fiction

Preisgünstiger Auswahlband: klassische Science-Fiction-Erzählungen

Zum vierzigjährigen Jubiläum der Heyne-SF-Reihe gab Wolfgang Jeschke diesen Auswahlband zu einem besonders günstigen Preis heraus: über 1000 Seiten für nur 15 D-Mark. Allerdings fand sich darin kein einziger Beitrag außerhalb des anglo-amerikanischen Sprachraums. Das finde ich sehr schade.

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Wolfgang Jeschke (Hrsg.) – Heyne Science Fiction Jahresband 1985

Hochkarätige Auswahl von SF-Erzählungen und -Romanen

Der inzwischen in Rente gegangene Herausgeber der Heyne-Science-Fiction-Reihe, Wolfgang Jeschke, pflegte von 1980 bis 2000 eine schöne Tradition: Jedes Jahr präsentierte er seinen Lesern eine Anthologie von guten phantastischen Geschichten zu einem sehr erschwinglichen Preis. Lag dieser 1980 noch bei schlappen 4,80 DM, so war der Preis im Jahr 2000 bereits bei 18,00 DM angelangt – und wäre heute überhaupt nicht mehr bezahlbar. (Man könnte man die Preissteigerungsrate ausrechnen: Sie ist astronomisch hoch.)

Wie immer jedoch lieferten die SF-Jahresbände Erzählungen, die von der ersten Liga der Autoren und Autorinnen stammte. Stets war ein kleiner Ausreißer dabei, sei es ein Autor aus dem Ostblock – zu dem Jeschke von jeher gute Kontakte pflegte -, oder ein Kurzroman, z. B. von James Blish oder Charles Harness. Ergänzt werden die zwei Romane, die schon zuvor in der Reihe erschienen waren, durch sieben Erzählungen, meist neueren Datums.

_Die Erzählungen_

_1) Robert Silverberg: Gefangene in der Ewigkeit (Hawksbill Station, 1967)_

Das Hawksbill-Lager ist ein Gefängnis der besonderen Art. Es befindet sich zwei Milliarden Jahre in der Vergangenheit, im frühen Kambrium. Ringsum finden sich nur kahle Felsen, denn das Leben hat es aus dem Meer noch nicht ans Land geschafft. Die totalitäre US-Regierung des Jahres 2005 hat politisch missliebige Männer – keine Frauen – per Zeitmaschine hierher verbannt: Anarchisten, Kommunisten und so weiter.

Ein Todesurteil ist dies zwar nicht gewesen, findet Jim Barrett, der ungekrönte König dieses Reiches. Aber nach fünfzehn Jahren setzen bei einigen der 140 Insassen geistige oder körperliche Ermüdungserscheinungen ein. Barrett hat nur einen schlecht verheilten Fuß, der ihn humpeln lässt, doch manch anderes ist nicht mehr ganz richtig im Oberstübchen.

Ein Neuankömmling versetzt das Lager in Aufregung. Das hiesige Ende des Zeitstrangs wird „Der Hammer“ genannt, und der Neuling landet folglich auf einer Plattform, die als „Amboss“ bezeichnet wird. Es ist ein ungewöhnlich junger Mann, vielleicht Mitte zwanzig, und er hat erhebliche Mühe, sich vom Schock, aus dem Oben nach hier unten geschickt worden zu sein, zu erholen.

Barrett nimmt Lew Hahn natürlich unter seine väterliche Fittiche, zeigt ihm das Lager, weist ihm ein Quartier zu. Doch schnell zeigt sich Enttäuschung unter den Insassen dieses Stalags: Hahn weiß kaum etwas über das Oben zu berichten, obwohl er behauptet, ein Ökonom und Mitglied einer politischen Gruppe gewesen zu sein. Die Ungereimtheiten häufen, bis eines Tages Barretts Spitzel ihm hinterbringen, dass Hahn heimlich Aufzeichnungen führe. Barrett liest sie, während Hahn beim Fischen ist. Die rund 5000 Wörter sind kein Ökonomengeschwafel, sondern eine präzise beobachtete psychologische Untersuchung des Lagers, inklusive einer Empfehlung, es zu schließen, um die Insassen zu rehabilitieren.

Was, zum Teufel, soll das heißen? Ist Hahn etwa verrückt? Der tut ja gerade so, als könnte er ins Oben zurückkehren, dabei weiß doch jeder, dass dies völlig unmöglich ist! Barretts Welt wird auf den Kopf gestellt, als Hahn in der folgenden Nacht tatsächlich verschwindet …

|Mein Eindruck|

Silverbergs Novelle ist ein bissige Anklage gegen die wachsende Intoleranz der Ära von Lyndon B. Johnson und Richard Nixon. Gesinnungsverbrecher wurden schon damals getötet, und 1968 sollte es Martin Luther King und Robert Kennedy erwischen. In einem SF-Kontext hätte man solche Verbrecher vielleicht auf einen Gefängnisplaneten verbannt, doch Silverbergs Variante ist einfallsreicher: Eine Zeitmaschine erfüllt den gleichen Zweck. Und zwei Mrd. Jahre sind offenbar eine ausreichende Distanz, um sicherzustellen, dass die Männer nichts an der Kausalität und dem Verlauf der Evolution verändern. Deshalb auch keine Frauen: Die Regierung will ja keine Kolonie gründen oder gar eine Konkurrenzspezies erzeugen.

Dennoch endet die Erzählung nicht resignativ oder gar in Gewalt, sondern schlägt einen hoffnungsvollen Ton an. Im Oben hat es eine Revolution gegeben (wie es sich die Studenten für 1968 erträumten), und alle Straflager der abgesetzten Regierung sollen geschlossen, ihre Insassen rehabilitiert und therapiert werden. Doch nachdem Barrett den ersten Schock über die wiederhergestellte Verbindung zur Zukunft überwunden hat, sieht er auch eine Chance für sich: Jemand muss freiwillig dafür sorgen, dass die geistig geschädigten Insassen langsam an die Rückführung gewöhnt werden. Er kann weiterhin König bleiben, gesteht Hahn gerne zu.

_2) Frederik Pohl: Die armen Reichen (The Midas Plague, 1954)_

Morey Fry heiratet Cherry, die Tochter von Richter Elon, der vier Klassen über ihm steht, und ist selig. Zumindest bis zu dem Tag, an dem sie sich tränenreich beschwert, dass ihr all der Konsum zu viel ist. „Können wir nicht einfach zu Hause einen schönen Abend verbringen, statt in die Oper zu gehen, Liebling?“ Morey wird angst und bange, denn mit dieser Einstellung kämen sie in Teufels Küche – und in eine noch tiefere Klasse! Wie sollen sie denn ihre Konsumrationierungsmarken aufbrauchen, wenn nicht durch fleißiges Konsumieren? All die Guten, die die Roboter herstellen, müssen doch auch verbraucht werden, oder? Und dann ist da noch der Konsumrationierungsausschuss (KRA), der darüber wacht, dass auch jeder genügend – seiner Klasse entsprechend – konsumiert.

Doch das noch fleißigere Essen hilft nichts – er bekommt einen Anpfiff von seinem Chef, dem der KRA seine Bemängelung von Moreys Konsumverhalten schon mitgeteilt hat. Morey muss sich etwas einfallen lassen. Aber er will auch nicht auf die schiefe Bahn geraten und irgendwelche gefälschten Rationierungsmarken kaufen oder so. Gute Güte! Als Cherry dies aus Barmherzigkeit tut, wird er richtig wütend.

Zum Glück gerät er – eher unfreiwillig – in die Bar, wo die Bigelows ihn darüber aufklären, dass die Roboter nichts Gutes seien, sondern den Menschen die Arbeit wegnähmen. Morey findet das Ehepaar Bigelow etwas exzentrisch, aber mit jedem Drink, den er auf Kosten ihres Markenhefts trinkt, sympathischer. Schließlich ist er derartig abgefüllt, dass er nicht mehr weiß, wie er nach Hause gekommen ist und was er dort gemacht hat.

Wenige Tage später bekommt er ein Lob von seinem Chef: Morey wird in Klasse befördert und kann sich nun endlich ein kleineres Haus leisten. Cherry ist außer sich vor Freude und Stolz auf ihn, aber er weiß nicht so recht, womit er das verdient hat. Erst als ihm sein Leibdiener Henry berichtet, dass der Schnaps ausgegangen sei, schwant ihm, dass in seinem eigenen Haus etwas nicht ganz in Ordnung ist …

|Mein Eindruck|

Der frühere Kommunist schildert in seiner humorvollen Satire eine Konsumgesellschaft, in der das Vorrecht auf Konsum und Luxus, wie es in den 1950er Jahren in den USA entstand, in sein Gegenteil verkehrt worden ist: in Konsumzwang und -terror. Die Menschen haben das Recht zu arbeiten zu erwerben, denn alle Arbeit wird von Robotern erledigt, ebenso jede Art von Produktion. Die Ressourcen der Erde werden dafür restlos ausgebeutet.

Damit die Produktion überhaupt sinnvoll erscheint, muss am anderen Ende der Versorgungslinie entsprechend viel konsumiert werden. So lautet zumindest die verquere Logik der herrschenden Klasse – die durchaus einiges für sich hat, wenn man sich den Sinn und Zweck von Werbung und Vermarktung näher anschaut. Moreys im Suff begangene „revolutionäre Heldentat“ besteht nun darin, die Roboter in seinem Heim auch gleich zu den Konsumenten gemacht zu haben. So ist der Kreislauf geschlossen: Roboter produzieren und konsumieren, während sich die Menschen zufrieden zurücklehnen können: Wenn sie etwas brauchen sollten, dann sie sich nur, was sie benötigen. Cherry ist wieder happy und Morey ist der Held des neuen Zeitalters. „Ach wie gut, dass niemand weiß“, dass ihm die Idee dazu im Suff gekommen ist.

_3) Isaac Asimov: Mutter Erde (1951)_

Diese Novelle ist im Psychohistoriker-Universum angesiedelt, erzählt aber von den Anfängen des Galaktischen Imperiums. In der FOUNDATION-Trilogie ist der Standort der Alten Erde völlig in Vergessenheit geraten, aber die wahren Ursachen dafür hat man nie erfahren. Diese Geschichte liefert eine Erklärung …

In letzter Zeit machen Gerüchte von einem terranischen „Projekt Pazifik“ die Runde, und sowohl auf der übervölkerten Erde wie auch auf den 50 Äußeren Welten fragt man sich zunehmend besorgt, was sich dahinter verbergen könnte. Die Politiker von Aurora, der ersten und mächtigsten der mittlerweile unabhängig gewordenen Erdkolonien, vermuten einen Umsturzversuch durch einen Agenten und machen Ion Moreanu, dem Anführer der Konservativen, den Prozess wegen Hochverrats. Wie konnte er sich nur mit diesen Affenmenschen von der Erde einlassen? Moreanu seinerseits bestreitet jede derartige Aktivität – vergeblich.

Auf einem Kongress der Äußeren Welten wird der streitbare terranische Reporter Ernest Keilin Augenzeuge, wie eine diplomatische Note die versammelten Abgesandten vor den Kopf stößt: Sollten sie eine Einigung erzielen, die gegen die Erde gerichtet sei, so würde die Erde dies als feindseligen Akt betrachten. Diese Drohung eint die zerstrittenen Exkolonien zu einer Front. Sofort werden Handelsbeschränkungen in kraft gesetzt: Atomtechnik darf nicht mehr zur Erde ausgeführt werden, worauf im Gegenzug die Erde landwirtschaftliche Ausfuhren unterbindet.

Als Schmuggler von den Äußeren Welten im Erdraum aufgebracht und interniert werden, kommt das Fass zum Überlaufen. Aurora erklärt der Erde den Krieg, welche sofort Kontra gibt, was wiederum den Rest der Äußeren Welten eint. Der 21-Tage-Krieg der Erde endet mit deren totalen Niederlage, aber nicht mit ihrer Zerstörung. Vielmehr wird die Erde quasi unter Quarantäne gestellt.

Als Ernest Keilin zum neuen Präsident der Erde gerufen wird, eröffnet ihm Luiz Moreno, der vormalige Bortschafter auf Aurora, dass „Projekt Pazifik“ tatsächlich existiere und die erste seiner drei Phasen abgeschlossen habe. Keilin fällt aus allen Wolken. Könnte das Opfer von zahlreichen Soldaten in der Schlacht beim Saturn eine abgekartete Sache gewesen sein, fragt Keilin?! Doch Moreno hat für alles eine plausible Erklärung: einen Meisterplan für die Entwicklung der Erde …

|Mein Eindruck|

In literarischer Hinsicht ist die Erzählung miserabel geschrieben, denn sie besteht nur aus aneinandergereihten Dialogen und einem abschließenden Monolog, der alles erklärt, ähnlich wie in einem Agatha-Christie-Krimi. Doch dies ist eben eine Story von Altmeister Asimov und die Herausgeber verbeugen sich entsprechend ehrfurchtsvoll. Noch dazu trägt die Geschichte unverkennbare Züge des Psychohistoriker-Universums – noch ein Grund mehr, Asimov zu huldigen.

Dabei huldigt der Meister in seiner Story seinerseits Edward Gibbon, dem Autor von „Aufstieg und Untergang des Römischen Reiches“: Er lässt seinen Historiker Georg Stein – wunderbar amerikanischer Name – ein Buch mit dem Titel „Abstieg und Untergang des Reiches“ verfassen und entsprechende Prognosen vom Stapel lassen.

Stein ist das Mastermind hinter dem Masterplan „Projekt Pazifik“. Der Verweis auf den Pazifik mag alles mögliche implizieren: von der Rückeroberung der 1941/42 besetzten Inseln von den Japanern bis zu hin Japan selbst, das unter der amerikanischen Besatzung erstarkte und seinerseits den amerikanischen Markt (rück-) eroberte.

_4) John Wyndham: Geh hin zur Ameise! (Consider her ways, 1961)_

Aus der großen Leere stürzt ihre Seele in einen Körper, der verfügbar ist. Sie erwacht in einem Bett und in einem riesenhaften Körper. Doch in den anderen Betten liegen ebenfalls Riesinnen, versehen mit jungen, pausbäckigen Frauenköpfen. Die Krankenschwester nennt sie „Mutter Orchidee“. Was soll der Unsinn? Sie heißt Jane Wayleigh, geborene Summers. Dann schläft sie wieder ein.

Als sie wieder wach ist, transportieren die Frauen sie in einer Ambulanz zu einem Haus auf dem Lande. Auf den Straßen arbeiten Trupps von muskelbepackten Arbeiterinnen und grüßen sie lächelnd und mit einem Zeichen. Diese Halluzination wird in der Tat immer interessanter und symbolträchtiger. Weitere Trupps von Arbeiterinnen, dann schließlich ein Gebäudekomplex: für Mütter wie sie und Dienstpersonal. Nur dass dieses Personal hauptsächlich aus Zwerginnen zu bestehen scheint.

Ihr nächstes Bett steht in einem Zimmer, in dem sich weitere fünf Riesinnen befinden: Mütter. Mehr Halluzinationen, Gott helfe ihr. Schon bald wird klar, dass mit Janes Verstand etwas nicht stimmt. Sie empfindet das Massieren durch die kleinen Pflegerinnen als lästig. Dann will sie auch noch etwas lesen, hat man so was schon gehört? Als die normal gewachsene Ärztin sie prüft, ob sie wie behauptet schreiben kann, verblüfft sie alle. So etwas ist noch nie vorgekommen. Und dann auch noch ihre Reden – von Gatten und Männern!

Sie bekommt ein Einzelbett, wo die Ärztin sie weiter befragt. Nachdem sie die besorgte Polizei – Reaktionärinnen werden grundsätzlich verfolgt – verscheucht hat, beruft sie ein fünfköpfiges Wissenschaftlergremium ein: Was ist los mit Jane? Es hilft jedoch alles nichts, wenn Jane ihre Geschichte erzählt. Sie vermisst ihren verunglückten Mann Donald so sehr.

Jane wird wieder verlegt, diesmal zu der achtzigjährigen Historikerin Laura. Deren Großmutter wusste noch, was Männer waren. Aber das ist schon lange her. Und seit der großen Pest, die die Männer ausrottete, hat das Doktorat der Ärztinnen geherrscht und die vier Klassen von Frauen geschaffen: Doktoren, Mütter, Dienerinnen und Arbeiterinnen. Und die Gesellschaft ist, so wie sie jetzt ist, natürlich ideal, was sonst? Da ist Jane, selbst eine Ärztin, entscheiden anderer Ansicht.

Es bleibt ihr nichts anderes übrig als einzusehen, dass sie hier nicht existieren kann, wie sie ist. Das Problem sind ihre Erinnerungen: Sie sind inkompatibel mit der Gesellschaft. Sie müssen gelöscht werden – oder Jane muss ihre Seele wieder von ihrem Körper trenne, wie schon bei dem Experiment, das sie erst in diese missliche Lage gebracht hat. Aber nun weiß Jane, welcher Wissenschaftler die Männerpest ausgelöst hat – und entwickelt einen tödlichen Plan …

|Mein Eindruck|

Der Titel dieser bekannten Erzählung stammt aus der Bibel: „Geh hin zur Ameise und studiere ihre Weise, lerne!“, wird ein Faulpelz ermahnt. Aber dies ist nur eine Anspielung auf das Modell des Ameisenhaufens, das der futuristischen Frauengesellschaft, auf die Jane stößt, das Vorbild lieferte: Mütter entsprechen Königinnen, den sie „werfen“ bei jeder Geburt vier Kinder auf einmal – Töchter, versteht sich. Diesen Kinderlieferanten dienen alle anderen, völlig unfruchtbaren Frauen, mit Ausnahme der gebärfähigen Doktoren.

Wie jede andere Gesellschaft ist auch die Frauen-Utopie ausdifferenziert gemäß den Erfordernissen der Spezialisierung: Pflegerinnen, Straßenbauarbeiterinnen, Gärtnerinnen usw. Was Jane nicht verstehen kann oder will, ist die fehlende Notwendigkeit für den Einsatz von Männern. Dieser Einwand gibt Laura, ihrer Gewährsfrau, Gelegenheit, sich über die einstigen Monopole der Männer (also in der Zeit von Wyndhams Lesern) auszulassen. Fast alle höheren Posten, von Anwalt über den Professor bis zum Politiker, waren von Männern besetzt. Dort hatten Frauen angeblich nichts zu suchen. Einzige Ausnahme: Ärztinnen.

Aber wie konnte es Lauras Meinung nach dazu kommen, fragt Jane. Und hier werden die langen Auslassungen Lauras sehr interessant: Schuld ist die Romantik! Angeblich im elften Jahrhundert erfunden (Wyndham meint wahrscheinlich Königin Eleonore von Aquitanien und ihre Troubadoure), diente die Ideologie der Romantik dazu, dass Frauen sich als etwas Besonderes vorkamen: als fraulich und Gott sei Dank nicht als männlich. Sie waren zu anderem, wohl auch Besserem bestimmt als das starke Geschlecht. Sollten die Männer doch Kriege führen, die Frauen hatten anderes zu tun: die Künste fördern, Kindern aufziehen und einen Haushalt führen!

Das wäre ja nicht so schlimm gewesen, wenn es nicht im 19. und 20. Jahrhundert zu einem Revival der Romantik-Ideologie gekommen wäre, das dazu diente, die Rechte der Frauen nicht weiter aus dem öffentlichen Raum zu verdrängen. Ja, Frauen sollten es jetzt als Vorrecht empfinden, ihren eigenen Haushalt zu haben, sobald sie einmal geheiratet hatten und er Mann für sie verantwortlich war. (Bis 1957 durften deutsche Frauen kein eigenes Bankkonto haben!)

Das Vorrecht der „Hausfrau“ – ein extra für sie geschaffener Beruf der Machtlosigkeit – bestand darin, das Geld ihres Nammes für alle möglichen Arten von Konsumgütern auszugeben. Ihr Glück bestand in Konsum, nichts weiter, erklärt Laura. Dagegen protestiert Jane vehement: Das Glück der Frau liege in der Liebe! Ach was, Liebe! Noch mehr Romantik, hält Laura dagegen. Liebe sei nur eine andere Vokabel für Sex, genau wie bei Tieren. Nun, damit sei jetzt endlich Schluss: Das Utopia der Frauen ist ein stabiler Staat – sobald Andersdenkende wie Jane entfernt worden seien …

Wyndhams Entwurf ist ebenso selten wie folgenreich. So hat extwa Stephen Baxter in seinem Zukunftsentwurf „Der Orden“ (2003), dem Auftakt zum Sternenkinder-Zyklus, einen den Ameisen sehr ähnlichen Orden entworfen, der sich ausschließlich über die Frauen fortpflanzt. (Siehe dazu meinen Bericht.) Dabei spielen die aufgeblähten Leiber der „Mütter“ eine Schlüsselrolle, genau wie bei Wyndham. Das Besondere bei Baxter: Der Orden ist derart stabil, dass er schon seit rund 2000 Jahren besteht – und es ihn noch eine ganze Weile geben dürfte, wie die Fortsetzung „Sternenkinder“ andeutet.

|5) Fitz-James O’Brien: Was war es? (1859)|

In New York City steht um das Jahr 1859 in der 26sten Straße ein Spukhaus. Harry hat sich mit seinem Freund Dr. Hammond einer philosophischen Gesellschaft angeschlossen, die sich in diesem Haus aus Interesse am Übernatürlichen einquartiert hat. Ein Gespenst wird nicht entdeckt, aber gerne rauchen die beiden im großen Garten dahinter ein Opiumpfeifchen. Die Droge beflügelt normalerweise ihre Gedanken, doch an diesem Abend wenden sich ihre Gedanken dem Düsteren, Schrecklichen zu.

Deshalb gelingt es Harry, danach auch nicht einzuschlafen. Gerade als einnicken will, fühlt er, wie eine Gestalt sich auf ihn wirft und zu würgen beginnt! Reflexhaft wehrt er sich und kann die kleinere Gestalt im Dunkeln überwinden, bis er sie zu Boden gezwungen hat. Zusammen mit dem herbeigerufenen Hammond fesselt er den Unbekannten. Als er das Licht aufdreht, erblickt er – nichts!

Der Gefesselte ist etwa so groß wie ein Junge, ertasten sie, etwa 1,30 m groß. Doch wie sollen sie ihn sichtbar machen? Da hat Harry eine Idee: Chloroform würde den Jungen betäuben. Danach ließe sich von der bewegungslosen Gestalt leicht ein Gipsabguss anfertigen. Gesagt, getan. Der Junge ist in der Tat hässlich und verwachsen. Wo mag er nur herkommen? Und wie kann ihn wieder loswerden?

|Mein Eindruck|

Wahrscheinlich zum ersten Mal in der Genreliteratur wird ein spukender Geist sichtbar gemacht – allerdings nicht mit Mehl, wie uns der Herausgeber weismachen will, sondern mit Gips. Der „Geist“ erweist sich als höchst körperlich und widerborstig gegen seine Gefangennahme, wie man es von jedem heimlich lebenden Wesen erwarten könnte.

Interessant sind die Reaktionen der Unbeteiligten: Sie sind erst erschrocken, aber neugierig, dann entsetzt, schließlich laufen sie davon. Kein Wunder also, dass keiner weiß, was mit dem Fremdwesen anzufangen ist, selbst wenn es sich als menschlich herausstellen sollte. Man lässt es einfach verhungern. Das soziale Gewissen scheint in der Mitte des 19. Jahrhunderts in den USA noch nicht zu schlagen, im Gegensatz zu England, wo Dickens und andere die Behörden und Wohltäter aufrüttelten.

_6) Clifford D. Simak: Flucht (1944)_

Die Sippe der Websters hat wieder einen der Ihren verloren. Nelson ist im Jahr 2117 in hohem Alter gestorben, nun ist Jerome A., selbst schon über sechzig, Oberhaupt der Familie. Sein Sohn Thomas will Ingenieur werden und fliegt zum Mars. Dort lebte Jerome A. selbst einmal 30 Jahre lang als Chirurg und lernte dabei nicht nur die Eigenarten des marsianischen Gehirns kennen (das er in einem Buch beschrieb), sondern auch einen lieben Freund, Juwain.

Die moderne Kommunikationstechnik erlaubt es Jerome, sich an jeden Ort holografisch zu transferieren, als sei er selbst vor Ort. Es besteht daher keine Notwendigkeit mehr zu verreisen. Doch was noch mehr ist: Jerome stellt bei seinem Besuch auf dem Raumflughafen fest, dass er Heimweh nach seinem Familiensitz hat, und zwar so schmerzhaft und eindeutig, dass es nichts anderes als ein Krankheitsbild ist: Agoraphobie, die Angst vor öffentlichen Plätzen.

Das wäre nicht weiter schlimm, wenn nicht ein Notfall eintreten würde. Juwain, sein philosophischer Freund vom Mars, ist krank geworden und muss am Gehirn operiert werden. Der zuständige Arzt bittet Jerome inständig, diese Operation selbst vorzunehmen. Wegen seiner Phobie drückt sich Jerome darum herum. Wenig später ruft ihn der Weltpräsident auf einer abgesicherten Leitung an. Jerome müsse zum Mars, um die Operation vorzunehmen. Es sei für die gesamte Menschheit wichtig, denn Juwain habe eine wichtige philosophische Entdeckung gemacht, die er im Falle seines Todes mit ins Grab nehmen würde.

Jerome ist nun von der Notwendigkeit, zum Mars zu fliegen, überzeugt und zwingt sich selbst, seine Phobie zu unterdrücken. Doch ein Umstand, den er nicht bedacht hat, macht ihm einen Streich durch die Rechnung: die Programmierung seiner Roboter …

|Mein Eindruck|

Simak ist ein Meister der elegischen Stimmung, der in Storysammlungen wie „City“ und Romanen wie „Way Station“ ein besonders Händchen für Stimmungen und psychologische Bedingungen an den Tag legte. Hier befasst er sich mit einem psychologischen Krankheitsbild, das sehr selten in der amerikanischen SF auftaucht: Agoraphobie. Nach einem idyllisch-elegischen Stimmungsbild bekommt die Geschichte doch noch die Kurve hin zu einer dramatischen Zuspitzung, die bis zur letzten Zeile zwei Möglichkeiten zulässt: Jerome A. Webster fliegt zum Mars oder seine Krankheit verhindert dies. Die Ironie ist superb, dass weder das eine noch das andere eintritt, sondern ein dritter Faktor interveniert. Nämlich dass die Roboter der Websters die gleiche Krankheit haben könnten!

_7) John Varley: Ich muss singen, ich muss tanzen (1976)_

Auf den Saturnringen hat sich ein illustres Künstlervölkchen angesiedelt: Menschen, die in Symbiose mit intelligenten Pflanzen-Wesen zusammenleben, die sie vor der kalten Umwelt schützen und nähren. Aber die Symbionten können nicht die Mineralstoffe erzeugen, die der Mensch benötigt. Deshalb besuchen sie alle zehn Jahre den künstlichen Mond Janus, der wie eine Musiknote geformt ist und eine einzige Industrie beherbergt: Künstleragenturen. Es ist das Gegenstück zur berühmten Tin Pan Alley in New York City.

Barnum und Bailey sind solch ein Künstlerpaar. Auf einen Tipp hin besuchen sie die Agentur von Ragtime und Tympani. Dort ist die Aufnahmeleiterrin Tympani recht angetan von Barnums Gesang, auch wenn sein Kopf unter einer grünen Hülle verborgen sein mag und nur sein Mund zu sehen ist. Dann zeigt sie ihm, wie sie mit Hilfe einer Schnittstelle zwischen Gehirn und Synthi aus Körperbewegungen Musik erzeugen kann. Bailey ist sofort fasziniert von dieser synästhetischen Musik. Das will er auch können.

Da sich Tympani irgendwie vor der permanenten Bindung an einen Symbionten fürchtet, bleibt nur die Möglichkeit, Bailey, sowohl Barnum als auch Tympani „infiltrieren“ zu lassen. Dank der Buchse in Tympanis Schädel haben Baileys Fühler leichten Zugang. Seine Hülle umschließt beide Menschen und führt in einem Rückkopplungsprozess den Bewegungsablauf des Liebesaktes in Musik über. Alle drei sind von dem Ergebnis sehr beglückt. Dennoch heißt es am Schluss Abschied nehmen – bis in zehn Jahren, wenn die beiden wieder Nachschub brauchen.

|Mein Eindruck|

Es ist eine weit entfernte Zukunft, die der Autor schildert, und doch eine denkbare Welt dort draußen in den Saturnringen. Meist werden die Ringe nur durchflogen, von Sonden wie Raumschiffen, doch nur selten werden Wesen auf den Ringen selbst angesiedelt, sondern in der Regel auf den Monden.

Der Autor hat nicht nur das Milieu von Musikern und Musikagenten gut eingefangen, wie es in der Tin Pan Alley existierte, sondern auch noch gleich eine neue Kunstform erfunden. Das Gerät Synaptikon stellt die weniger Jahre später im „Cyberpunk“ (ab 1980) so populäre Schnittstelle zwischen Gehirn und Computer her, der dann Gehirnimpulse direkt ausführt – oder umgekehrt. Typisch Varley, dass diese Kunstform gleich mit Sex verbunden wird – damit wollte er wohl seine jungen männlichen Leser erfreuen (ähnlich wie in der Story „Leb wohl, Robinson Crusoe!“).

Aber es ist nicht die einzige Story über neue Kunstformen. So hat etwa in „Das Phantom von Kansas“ eine Designerin von Stürmen ihren eindrucksvollen Auftritt. Und mehr als einmal erntete Varley für seine Einfälle hohe Auszeichnungen.

_8) James Blish: Der Tag nach dem Jüngsten Gericht (100 Seiten, 1971)_

Der amerikanische Waffenproduzent Baines wünscht, Theron Ware, einen Schwarzmagier höchsten Ansehens, zu prüfen und reist mit seinem Assi Jack Ginsberg nach Positano, wo sich Wares Palazzo über der ligurischen Steilküste erhebt. Schon bald zeigt sich, dass Ware ein Mann ist, der alle Erwartungen zu übertreffen weiß – für einen angemessenen Preis, versteht sich. Einen Konkurrenten ausschalten? Nichts leichter als das. Am Ostersonntag Armageddon entfesseln und 48 Dämonen der Hölle loslassen? Null problemo! Als Vorsichtsmaßnahme werden diesmal allerdings die Weißen Magier auf dem Monte Albano vorgewarnt, die einen Monsignore zu Ware entsenden.

Leider gerät Armageddon ein ganz klein wenig außer Kontrolle. Die Bomben fallen, die Seuchen wüten, die Dämonen vernichten. Ein Oberdämon verkündet den Beobachtern, die von ihrem Kreidekreis geschützt werden: „Gott ist tot.“ Schluck. Baphomet alias Put Satanachias kündigt an, er werde sich schon bald sie kümmern. Würg. Jack Ginsberg vertreibt sich während des bangen Wartens auf die Rückkehr des Mittelmeers und die Ankunft Satans die Zeit mit einem Sukkubus, einer sehr hübschen, sehr unkeuschen Sexdämonin.

Tief unter den Rocky Mountains haben die Bunker des Strategischen Bomberkommandos (SAC) die Bombardements überstanden, sogar der Computer läuft noch. General McKnight ist jetzt wahrscheinlich das Oberhaupt der Vereinigten Staaten – oder von dem, was davon noch übrig ist. Er schickt auf Anraten seiner zwei Berater ein Aufklärungsflugzeug los.

Es entdeckt im Death Valley eine riesige Festung mit 15 km Durchmesser. In ihrer Mitte gähnt ein Abgrund, in den sich ein Fluss ergießt: der Styx. „Dies ist die untere Hölle, genau wie in Dantes INFERNO“, meint der tschechische Berater, „und somit entspricht die Obere Hölle der Erdoberfläche.“ Natürlich protestiert der andere Berater, aber der Computer gibt dem Tschechen Recht: Es ist die Festung Dis und die Typen da auf den Zinnen sind Dämonen. McKnight beschließt, sie feurig zu begrüßen …

Baphomet ist nicht erschienen. Der Waffenfabrikant Baines macht sich mit Jack Ginsberg auf den Weg in die Schweiz, denn Radio Zürich sendet noch. So haben sie von der Festung Dis erfahren, nun wollen sie das SAC per Flugzeug erreichen. Es gelingt ihnen sogar. Dem Magier Ware steht dieser Weg nicht offen, denn Baines hat ihn nicht eingeladen. Ware grübelt vielmehr, ob es sein könnte, dass Baphomet gelogen hat und Gott noch lebt. Wenn ja, dann müsste er, Ware, seine Kraft in die Waagschale werfen, um gegen die Festung Dis zu kämpfen. Die Beschwörung eines Dämons klappt und liefert entsprechende Hinweise. Angetan mit Hexensalbe und Besenstiel düst er gegen Amerika los …

|Mein Eindruck|

In dieser Welt funktioniert schwarze Magie – an diesen Gedanken muss sich der SF-Leser erst einmal gewöhnen. Andererseits wird schnell klar, dass Magie auch nur eine weitere angewandte Wissenschaft ist, die ihren eigenen Gesetzen gehorcht. Nur dass diesmal Dämonen und anderes Gelichter beschworen werden. Das Armageddon und die Herrschaft der Hölle verändern zum Leidwesen von Magier Ware jedoch alle Gesetze, und seine Macht scheint gebrochen. Er muss sich an eine völlig veränderte Welt gewöhnen. Dieser konzeptionelle Durchbruch ist in Blishs Erzählungen häufig zu finden.

Auch dieser Roman stellt an einer Stelle die Frage (eher beiläufig) die Kernfrage: „Ist der Wunsch nach weltlichem Wissen, umso mehr dessen Erwerb und Anwendung, ein Missbrauch des Verstandes und womöglich sogar aktiv böse?“ Damit will der Autor keineswegs der Bibel und dem Papst das Wort reden, sondern einfach die Frage stellen, ab welchem Punkt man von einer bösartigen, menschenfeindlichen Anwendung weltlichen Wissens sprechen kann. Muss man in der Rüstungsproduktion lange danach suchen? Wahrscheinlich nicht.

Der Roman entstand 1971 unter dem Eindruck des andauernden Vietnamkrieges, in dem die USA Milliarden für Rüstung und Waffeneinsatz ausgaben. Und mit dieser schwarzen Satire ruft der Autor seinen Lesern ins Bewusstsein, was passieren könnte, wenn die gleichen Betonköpfe wie im Vietnamkrieg den Dritten Weltkrieg anfangen würden.

Aber es ist auch eine metaphysische Erzählung. Die Herrschaft der Hölle hat begonnen, der Antichrist tritt hervor und wird bejubelt, Luzifer ruft seinen Sohn, Baines, zu sich. Doch was schon dem Magier und dem Pater aufgefallen ist: Die alten magischen und religiösen Gesetze scheinen noch zu gelten. Wie kann dies aber sein, wenn Gott, wie Baphomet behauptete, tot ist? Der Autor hält die größte Überraschung für seine Helden und Leser bereit, wenn wir Luzifer begegnen. Und deshalb gibt es am Schluss einen Funken Hoffnung. Am Schluss fällt ein „VORHANG“. Offenbar haben wir es mit einer Art „Morality Play“ zu tun, wie sie im Mittelalter verbreitet waren.

_9) Charles L. Harness: Die Rose (100 Seiten, 1953)_

Anna van Tuyl ist eine verhinderte, weil verkrüppelte Balletttänzerin – sie hat einen Buckel. Dennoch hat sie unter dem Einfluss heftiger Träume eine Ballettmusik geschrieben und die Choreografie dazu entworfen: „Die Nachtigall und die Rose“, nach dem Märchen von Oscar Wilde. Darin bedauert eine Nachtigall einen in Liebeskummer verfallenen Studenten so sehr, dass sie sich für ihn opfert und mit ihrem Blut eine seiner weißen Rosen rot färbt – denn rote Rosen hatte seine Liebste verlangt.

Annas Freund und Mentor Matt Bell erwartet von ihr, dass sie noch die fehlenden Takte schreibt, die dem Opfertod der Nachtigall vorausgehen. Doch davor hat Anna Angst. Ein Mäzen habe nach ihr verlangt, berichtet er. Sie ahnt, dass es sich nur um eine von zwei Personen handeln kann. Eine davon ist der junge Ruy Jacques. Diesem begegnet sie auf der Hauptstraße, der bunten Via im Künstlerviertel bei der Oper. Er will tatsächlich ihr Ballett aufführen und sie auf die Bühne holen. Stattdessen bringt sie ihn dazu, mit ihr zu tanzen – er ist ja auch kein Adonis. Er spielt die Rolle des STUDENTEN und sie die der ROSE. Doch wer ist die NACHTIGALL?

Matthew Bell bittet Anna, sich bei Martha Jacques vorzustellen, der Gattin von Ruy Jacques. Anna soll sich als Psychologin um den genialen Mathematiker kümmern, der in seinem Gehirn die „Sciomnia“-Formel für die Große Vereinheitlichte Feldtheorie bergen soll. Die GVT vereint Einsteins Relativitätstheorie mit Plancks Quantentheorie. Einstein hatte seine 1949 vorgestellte GVT wieder verworfen, und seitdem beißen sich zahlreiche Mathematiker und Physiker an diesem Problem die Zähne aus. Jacques’ Gattin, eine Wissenschaftlerin im Dienst der Regierung, ist besonders scharf darauf. Sie hat sogar einen eigenen Sicherheitschef, der über sie und Jacques’ Kontakte wacht.

Als beim Vorstellungsgespräch herauskommt, dass Anna Ruy bereits kennengelernt hat, verdächtigt Martha sie sofort, ein Spionageverhältnis zu Ruy zu unterhalten. Zum Glück gelingt es dem plötzlich eintretenden Ruy, diesen Verdacht zu zerstreuen, indem er vorgibt, Anna mit einer anderen zu verwechseln. Dann bricht er zusammen. Nun gehört er ihr, denn sie kann ihn nur in ihrer Klinik behandeln.

Matt Bell und Anna rätseln über die Funktion des Höckers und die kleinen Höcker auf Ruys Stirn, die ja auch Anna vorweist. Beide neuen Organe sind von Nervensträngen durchzogen. Könnte es sich um eine Verlagerung der Zirbeldrüse handeln? Bell vermutet, dass dies Ruy in die Lage versetzen könnte, in die Zukunft zu sehen. Anna vermutet eher, dass der Mathematiker, der möglicherweise schizophren ist, Spuren von vergangenen Gedanken auf Gegenständen lesen kann. Das wiederum findet Bell zu phantastisch. Aber eins steht fest: Ruy hat Lesen und Schreiben verlernt – oder diese Fertigkeiten durch etwas anderes ersetzt …

|Mein Eindruck|

„Die Rose“ ist eine ebenso emotional bewegende wie intellektuell plausible Vision von der nächsten Entwicklungsstufe des Menschen, auf der der Gegensatz zwischen Kunst und Wissenschaft überwunden und transzendiert wird. Die nächste Stufe wird auf poetische Weise inszeniert, indem Anna Fledermausflügel entwickelt und Ruy ihr darin folgen wird.

Sie sind keine Engel, deutet der Autor damit an, auch keine Vampire, doch sie können weitaus mehr als der gegenwärtige Homo sapiens. Faszinierend ist ihre Wahrnehmung, die auf ganz andere Sinne als wir zurückgreift – dafür müssen sie weder lesen noch schreiben noch sprechen, denn sie verständigen sich telepathisch.

Wirklich anrührend ist diese Entwicklung in den Rahmen des modernen Märchens „Die Nachtigall und die Rose“ von Oscar Wilde eingebunden. Der Originalstudent wird von seiner Liebsten abgewiesen und vergräbt sich in seinen Büchern. Wilde wollte so romantische Flausen aufs Korn nehmen. Harness hingegen dreht diese Absicht um und ergreift Partei für die Kunst und gegen die Wissenschaft, die in der Figur der Martha als das absolut Böse, das jeden Mensch zum Werkzeug und Ding macht, dargestellt wird. Die Wissenschaft droht, falsch eingesetzt, den Menschen zu vernichten – siehe Hiroshima.

Die Rose hingegen steht als Metapher für Liebe und Menschlichkeit, die allein in der Lage ist, die Wissenschaft zu überwinden. Nach Hiroshima waren Geschichten wie diese keine Seltenheit, aber der Kurzroman von Harness ist unter diesen ein Juwel und machte ihn unter Eingeweihten zum Kultautor. „Die Rose“ hat eine unüberhörbare Botschaft: Wichtiger als alle intellektuellen Fähigkeiten ist für den Menschen der Zukunft seine Fähigkeit zu lieben.

_Die Übersetzung_

In den Übersetzungen wimmelt es nur so vor Druckfehlern. Das kann auf die alten Textformen zurückzuführen sein, denn die Übersetzungen wurde in der Regel vor 1980 angefertigt und die Übersetzer arbeiteten nicht sonderlich sorgfältig – es gab keine Computer mit Rechtschreibprüfung. So wird auf Seite 407 aus einer „Annahme“ flugs eine „Ausnahme“ und auf Seite 258 wurde „kaum“ zu „kam“.

Auf Seite 220 fehlt sogar ein Buchstabe: „Man öffnete eine Tür und führte (m)ich in einen Raum.“ Das Gegenteil kommt ebenfalls vor: zuviele Buchstaben. So auf Seite 262: „Die Frauen, Trägerin allen Lebens, fand eine Zeitlang den Mann unentbehrlich.“ Es sollte natürlich „Frau“ im Singular heißen, damit die Verbform berechtigt ist.

Der Leser wird auf Seite 156 reichlich verwirrt, wenn falsche Verben eingesetzt werden. So in dem Satz: „(eine kleine Scharte) kann kaum bemerkt haben (!), bevor dieser Endpunkt erreicht ist …“ Es muss hier statt „haben“ unbedingt „werden“ heißen, damit der zweite Satzteil einen Sinn ergibt.

Auch im sachlichen Bereich unterlaufen den Übersetzern Schnitzer. So wird auf Seite 338 nicht Scott, sondern Janis Joplin mit dem Ragtime in Verbindung gebracht. Janis jedoch hatte nur was für den Blues übrig, nicht für Klaviermusik.

Auf Seite 448 wird der Planet Jupiter von einem Observatorium in Arizona entdeckt – dabei wusste doch schon Galileo Galilei die Monde des Riesenplaneten ganz genau zu beschreiben, mit fatalen Folgen, wie man weiß. Der gewisse Mr. Tombaugh entdeckte also von Arizona aus einen ganz anderen Planeten, und ich tippe auf den Neptun.

((Die Rose))

Seite 470: „zusamm(en)setzt“

Seite 475: „Wie kann ich hierher?“ statt „Wie kam ich hierher?“

Seite 483: “ …weshalb sind wir nicht wie Vögel? Denn nur so kosten die Frucht der Rose und kosten ihren Samen …“ „so“ muss „sie“ heißen, dann wird ein Schuh draus.

Seite 496: „Sie warf Bell einen prüfen(d)en Blick zu.“

Seite 497: Eine Zeile fehlt, deshalb ergibt der Dialog keinen Sinn. „Bell: Bist du sicher, dass du den Part nicht übernehmen wirst?“ Anna: „Die Rolle ist ungeheuer anstrengend. Für mich wäre sie physisch nicht durchzuhalten.“ (mieses Deutsch!) [Lücke!] Anna: „Was soll das heißen – jetzt?“ Bell: „Du weißt sehr gut, was ich meine …“ usw.

Seite 504: „Anna drehte den K(n)opf herum und trat ein.“ Es sollte weder Kopf noch Knopf, sondern „Knauf“ heißen.

Seite 514: Sachlicher Fehler in dem Satz: „Die Volksmelodie taucht schon im vierzehnten Jahrhundert in einer Haydn-Sinfonie auf.“ Haydn komponierte im achtzehnten Jahrhundert!

Seite 543: „38 Akkorde Pause“. Dieser Ausdruck taucht mehrfach auf, so dass er zu stimmen scheint. Irrtum! Ein Akkord besteht nur aus einer Notenkombination, aber er ist keine Zeitunterteilung, nach der man eine Pause bemessen könnte. Als Musiker weiß ich das. Statt „Akkord“ müsste es demnach „38 Takte Pause“ heißen.

Seite 553: „Twinkele, twinkele, little star“. Kein Schwabe hat sich hier verewigt, sondern bloß ein Fipptehler. Es muss „Twinkle, twinkle, little star“ heißen, nach dem englischen Kinderlied.

_Unterm Strich_

Die Auswahl dieses SF-Jahresbandes ist wieder bunt gemischt, aber leider nicht so bunt, dass ein weiblicher Autor vertreten wäre. Neben mehreren SF-Klassikern sind auch neuere Storys aus den sechziger und siebziger Jahren dabei, leider aber nichts aus den aufregenden Achtzigern. Dieses Jahrzehnt war offenbar anderen Anthologien vorbehalten, so etwa Cyberpunk-Stories in „Atomic Avenue“.

Jeschke wollte den Jahresband offenbar auf ein möglichst breites Publikum ausrichten. Deshalb sind in den Anfangsjahren – etwa 1980 bis 1988 – meist ein Klassiker aus dem 19. Jahrhundert dabei. Hier ist es durch Fitz-James O’Brien vertreten, dessen Story über einen Unsichtbaren ich recht interessant fand.

Das goldene Zeitalter der Magazin-Science-Fiction – die vierziger und fünfziger Jahre – ist durch die Autoren Isaac Asimov, Frederik Pohl, Clifford D. Simak und Charles Harness vertreten. Deren Beiträge fand ich meist gelungen, bis auf den von Asimov, der hauptsächlich aus Dialogen besteht und recht langweilig ist. Dafür ist Wyndhams Novelle „Geh hin zur Ameise!“ eine richtige Erleichterung: Hier wird eine rein aus Frauen bestehende Gesellschaft entworfen, die ihre eigene Struktur herausgebildet hat. Es dauerte etliche Jahre, bis Autorinnen diese Idee aufgriffen – leider nicht mit besonders großem Erfolg. Aber diese Romane sind in der Heyne-SF-Reihe zu finden.

Silverberg, Blish und Varley repräsentieren die sechziger und siebziger Jahre. Ihre Beiträge sind durchaus empfehlenswert, ganz besonders der von Varley. Blish hingegen ist ein Metaphysiker, dessen gelehrte Prosa ein wenig gewöhnungsbedürftig ist. Aber mit seinem Kurzroman über den „Tag nach dem Jüngsten Gericht“ kann er dem Roman „Die Rose von Charles Harness in puncto Einfallsreichtum durchaus das Wasser reichen. Letzterer ist zu Recht der Höhepunkt der Auswahl.

Taschenbuch: 559 Seiten
Aus dem Englischen übertragen von diversen Übersetzern
ISBN-13: 978-3453311602
http://www.heyne.de

Wolfgang Jeschke (Hrsg.) – Heyne Science Fiction Jahresband 1981

Abwechslungsreiche SF-Erzählungen: keine deutsche Beteiligung

Der inzwischen in Rente gegangene Herausgeber der Heyne-Science-Fiction-Reihe, Wolfgang Jeschke, pflegte von 1980 bis 2000 eine schöne Tradition: Jedes Jahr präsentierte er seinen Lesern eine Anthologie von guten phantastischen Geschichten zu einem sehr erschwinglichen Preis. Lag dieser 1980 noch bei schlappen 4,80 DM, so war der Preis im Jahr 2000 bereits bei 18,00 DM angelangt – und wäre heute überhaupt nicht mehr bezahlbar. (Man könnte man die Preissteigerungsrate ausrechnen: Sie ist astronomisch hoch.)

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Wolfgang Jeschke (Hrsg.) – Heyne Science Fiction Jahresband 1983

Klassische SF-Erzählungen für Sammler und Interessierte

Der inzwischen verstorbene Herausgeber der Heyne-Science-Fiction-Reihe, Wolfgang Jeschke, pflegte von 1980 bis 2000 eine schöne Tradition: Jedes Jahr präsentierte er seinen Lesern eine Anthologie von guten phantastischen Geschichten zu einem sehr erschwinglichen Preis. Lag dieser 1980 noch bei schlappen 4,80 DM, so war der Preis im Jahr 2000 bereits bei 18,00 DM angelangt – und wäre heute überhaupt nicht mehr bezahlbar. (Man könnte man die Preissteigerungsrate ausrechnen: Sie ist astronomisch hoch.)

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Wolfgang Jeschke, Brian W. Aldiss (Hg.) – Titan-22

Am Ende aller Tage: untote Soldaten und goldene Männer

In der vorliegenden Ausgabe des Auswahlbandes Nr. 22 von „Titan“ sind nicht Beiträge zur „Science Fiction Hall of Fame“ gesammelt, sondern klassische SF-Erzählungen – Thema sind „Evil Earths“, also kaputte Erden. Dies ist der erste von zwei TITAN-Bänden zu diesem Thema (Teile 1 bis 3 des Originals). Die Originalerzählungen entstammen Magazinen, die heute nur noch schwer zugänglich sind, und zwar aus drei Jahrzehnten.

Wolfgang Jeschke, Brian W. Aldiss (Hg.) – Titan-22 weiterlesen

Wolfgang Jeschke – Schlechte Nachrichten aus dem Vatikan. Erzählungen und Hörspiele

Das Orakel aus dem Heyne-Verlag

Wolfgang Jeschke ist seit vielen Jahren einer der herausragenden SF-Autoren. Dabei ist er nicht nur mit Erzählungen hervorgetreten, sondern auch mit fiktionalen Dokumentationen und etlichen wichtigen Hörspielen. Sein Werk mag schmal sein, doch sein Aussagengehalt und Ideenreichtum wiegt umso schwerer.

Diese Collection versammelt einige seiner besten Arbeiten, vor allem aber auch drei Hörspiele, die man in den „Gesammelten Werken“ (Shayol-Verlag) nicht findet.

Der Autor

Wolfgang Jeschke, geboren 1936 in Tetschen, Tschechei, wuchs in Asperg bei Ludwigsburg auf und studierte Anglistik, Germanistik sowie Philosophie in München. Nach Verlagsredaktionsjobs wurde er 1969-1971 Herausgeber der Reihe „Science Fiction für Kenner“ im Lichtenberg Verlag, ab 1973 Mitherausgeber und ab 1977 alleiniger Herausgeber der bis 2001 einflussreichsten deutschen Science Fiction Reihe Deutschlands beim Heyne Verlag, München. Von 1977 bis 2001/02 gab er regelmäßig Anthologien – insgesamt über 400 – heraus, darunter die Einzigen mit gesamteuropäischen Autoren.

Seit 1955 veröffentlicht er eigene Arbeiten, die in ganz Europa übersetzt und z. T. für den Rundfunk bearbeitet wurden. Er schrieb mehrere Hörspiele, darunter „Sibyllen im Herkules oder Instant Biester“ (1986). Seine erster Roman ist „Der letzte Tag der Schöpfung“ (1981) befasst sich wie viele seiner Erzählungen mit Zeitreise und der Möglichkeit eines alternativen Geschichtsverlaufs. Sehr empfehlenswert ist auch die Novelle „Osiris Land“ (1982 und 1986). Sein Roman „MIDAS“ wurde mit dem Kurd-Laßwitz-Preis ausgezeichnet.

Die Erzählungen

1) Yeti (1980)

Ein Promoter verleitet zwei Bergsteiger, der Philosophie Reinhold Messners zu folgen, der Sauerstoffgeräte ablehnte, aber noch einen draufzusetzen: keine Schutzkleidung, keine Zelte, keine Helme – kurzum: nur den nackten Adam. Die Methode ist einfach: Gen- und Hormonbehandlungen sollen unseren zwei Helden u.a. einen Pelz wachsen.

Die zwei Bergsteiger haben den Termin die Mount-Everest-Besteigung bereits in der Tasche, müssen sich also ranhalten. Doch im 21. Jahrhundert ist die Gentechnik schon weit fortgeschritten, und so dauert es nur fünf Monate, bis ein wärmender Pelz gesprossen ist. Die Tour beginnt am Golf von Bengalen: keine Helikopter tragen unsere Helden zum Basislager, nein, Sir, sondern sie legen den ganzen Weg zum Gipfel auf Schusters Rappen – Moment: stimmt ja gar nicht! Mit Hilfe ihrer Krallen und harten Fußsohlen brauchen sie weder Schuhe noch Kletterhilfen. Der Gipfelsturm ist also gesichert.

Ein Bergsteiger aus Simbabwe, der ihnen unter dem Gipfel begegnet, erkennt die Wahrheit, wenn er sie sieht und murmelt bestürzt: „Yeti …“

Mein Eindruck

Die Story ist Reinhold Messner gewidmet, dem Gröbaz, also dem größten Bergsteiger aller Zeiten. Er propagiert „fair means“, also nur faire Mittel, die zum Bergsteigen eingesetzt werden sollten, daher die Ablehnung von Sauerstoffgeräten. Die Story setzt noch einen drauf und macht aus Gipfelstürmern Yetis. Folgerichtig titelte der PLAYBOY: „Nackt zum Gipfel“.

Während das Thema, die genetische Aufrüstung des Menschen, auf die Schippe genommen wird, so macht die Story Spaß, weil die Szenen wirklich authentisch wirken, so etwa sprachlich. Der Epilog liefert die Pointe: Die beiden Helden werden im Stich gelassen und ihr Fell nicht mehrlos – sie haben sich buchstäblich zum Affen machen lassen.

2) Dokumente über den Zustand des Landes vor der Verheerung (1981, KLP)

Man schreibt das Jahr 2436 im Jahre der Fleischwerdung Gottes, also genau 442 Jahre nach der „Verheerung des Landes“ anno 1994. Das „Land“ ist wieder auf frühmittelalterliches Niveau herabgesunken, nachdem Strom und Öl, Gas und Kohle sowie Medizin aufgebraucht worden sind. Lediglich Dampfkraft lässt sich noch erzeugen – mit Holz, versteht sich.

Ein kranker Pilger berichtet von einer neuen Seuche im Norden, als er in Österreich am Reschenpass eintrifft. Der Abt von Reschen weist ihm ein Quartier im abgelegenen Hungerturm zu, bei den Mutanten und vermutlich Kranken. Der Reisende namens Heike oder Haike, der von der Saar gekommen ist, hinterlässt ketzerische Schriften aus der Zeit vor der Verheerung. Diese Schriften stammen aus Garching bei München, erstellt von „Mäd saientists“, welche wenig später von Truppen des Bischofs von Freising niedergeworfen und in die Bergwerke von Salzburg verkauft wurden.

Mein Eindruck

Die Dokumente beschreiben, wie es dazu kommen konnte, dass ein mit biologischen Waffen geführter Krieg ausbrechen konnte. Sie beginnen 1972 mit den Vorhersagen und Warnungen des Club of Rome, konzentrieren sich aber auf das Jahr 1980, als die Umweltschutz- und Anti-Atom-Bewegungen zur Gründung der Grünen führen und extrapolieren dann einen Geschichtsverlauf, der in der Verheerung endet. Viele der Dokumente stammen aus SPIEGEL, ZEIT und VDI-Nachrichten, umfassen aber auch direkte Vorträge und Graffite, ja, sogar ein Zitat aus John Brunners Roman „Morgenwelt“.

Ist das wirklich eine Erzählung, fragt sich der Leser zu Recht. Die Auszeichnung mit dem Kurd-Laßwitz-Preis 1981 muss ja gerechtfertigt gewesen sein. Dazu ist eine Eigenleistung erforderlich. Diese besteht m.E. nicht nur in der Rahmenhandlung, sondern besonders auch in der Auswahl der Texte. Diese beleuchten Probleme wie Überbevölkerung, Energieversorgung (bes. Kriege ums Erdöl), Nahrungsmittel, Gentechnik, Nuklearenergie, Aufrüstung, Umweltverschmutzung usw., also alles Probleme, denen wir uns auch heute noch gegenübersehen, 30 Jahre danach.

Der Aufstieg der Informatik und der Massenkommunikation wird nur in Ansätzen registriert, aber immerhin. Das i-Tüpfelchen sind die letzten Texte, vorgebliche Reden von Amerikanern, die aus den neunziger Jahren datieren – und ergo erfunden sind. Darin lässt der Autor die Nutzung von Solarenergie, die von Weltraumspiegeln zur Erde geleitet wird, als unabdingbar bezeichnen – Stoff für eine Debatte.

Die Rahmenhandlung ist alles andere als skurril. Wenn die Kultur auf den strengkatholischen Glauben und dessen Diktate zurückfällt, dann hat das seinen guten Grund: Schutz und Segen erhoffen sich die wenigen Überlebenden. In dieser Hinsicht ähnelt die Rahmenhandlung Carl Amerys Bestseller „Der Untergang der Stadt Passau“ (siehe meinen Bericht) und Georg Zauners Roman „Die Enkel der Raketenbauer“.

3) Osiris Land (1982)

Man schreibt das Jahr 2036 n.Chr. und ein paar wenige Jahre nach dem atomaren und biologischen Holocaust, der mehreren Milliarden Menschen das Leben gekostet hat. An den Rändern der noch bewohnbaren Gebiete in der westlichen und mittleren Sahara treten in den verseuchten Gebieten Mutanten auf. Die Einheimischen töten sie aus Gründen des Selbstschutzes.

Die Geschichte wird erzählt von Beschir, einem Jungen aus einem Dorf in der Sahel-Zone. Seine auf die äußere Welt gerichteten Beobachtungen werden ergänzt von den Tagebucheintragungen eines Weißen, der aus dem unverseuchten Südafrika bereits Tausende Kilometer quer durch Afrika gezogen ist. Sein Name: Master Jack. Sein Ziel: das weitere Tausende Kilometer entfernte Ägypten oder was davon noch übrig ist, nachdem der zerstörte Assuan-Staudamm alles Land unter seinen ungeheuren Wasser- und Schlammassen begraben hat. Dort wurden merkwürdige Lichterscheinungen beobachtet: Raumfahrt in Zeiten nach der Apokalypse?

Zusammen mit einem Führer und Beschir als Helfer zieht Master Jack von Dorf zu Stadt, von Brunnen zu Fluss, stets die Zerstörungen beobachtend, die weißen Eunuchen-Sklaven und reichen Potentaten, die selbstherrlichen Flusskapitäne und die kannibalischen Einheimischen an den Ufern des Nils. Und schließlich treffen Jack und Beschir auf Außerirdische, Vorbilder für die altägyptischen Götter. Während Jacks Seele mit ihnen ins Herz der Galaxis fliegt, bewegt sich sein androider Körper, sein Bewusstsein mit Beschir zurück nach Südafrika.

Mein Eindruck

In Jeschkes wunderbar stimmungsvoll erzähltem Expeditionsbericht treffen der Orient aus Karl Mays Reiseerzählungen und die surrealen Landschaften James G. Ballards („Kristallwelt“) aufeinander und bilden eine eigenartig faszinierende Kombination, deren Zauber man sich nicht zu entziehen vermag. Die Erzählung weist den Autor als guten Stilisten und Fabulierer aus, der seine Figuren und ihre Welt mit Leben zu füllen vermag.

Doch unter der orientalisch-märchenhaften Oberfläche wartet das Grauen des Holocaust, das dem Leser vor allem durch die Tagebucheintragungen Master Jacks vermittelt wird – die Berichte, wie es den wenigen verzweifelten Überlebenden erging, die an Nordafrikas Küsten Zuflucht suchten und dort allesamt erschlagen wurden. Doch den dortigen Potentaten nützte diese „Schutzmaßnahme“ nichts, denn die Zugvögel brachten die Erreger der Beulenpest dennoch ins Land.

Wie es zu diesem globalen ABC-Krieg kommen konnte, zeichnet der Autor mit dem Kenntnisstand der Entstehungszeit Anfang der 80er Jahre (Iranische Revolution 1979) nach. Diese explosive politische Lage führte zwar zum Glück nicht zu einem Weltkrieg, wohl aber zu drei Golfkriegen. Und wer weiß: Wenn Oberst Gaddafi damals die Bombe gehabt hätte, als die Amerikaner Tripolis bombardierten…

4) Wir kommen auf Sie zu, Mr. Smith (1983)

Ein Personalleiter bekommt den Bewerber Winston Smith [so heißt die Hauptfigur in Orwells Roman „1984“] gemeldet. Soll eine Minute warten, lässt er seine Sekretärin ausrichten. In dieser Zeit liefert ihm sein Rechercheur Rechmann per Datenleitung und telefon sämtlichen relevanten Daten über Smith, seine Frau und das Kind, die Autos, die Hypothek, die vorherigen Firmen und die anhaltende Arbeitslosigkeit.

Er empfängt Smith kurz und sagt ihm dann, er käme wieder auf ihn zu. Sobald Smith gegangen ist, versieht er dessen Bewerbung mit dem Vermerk: „ABSAGEN.“ Smith zeigt ihm viel zu wenig Selbstvertrauen, um ihn auf den Posten eines Projektleiters zu setzen. Und der nächste Bewerber wartet schon.

Mein Eindruck

Der Pfiff an dieser Geschichte ist nicht die banale Handlung, sondern die Art der Datenbeschaffung. Rechmann scheint ein „Hacker“ zu sein, der schon mal illegal Daten abzapft, so etwa bei Sparkassen-Halbjahresabschlüssen. Es geht also um den „gläsernen Bürger“. Heute mutet diese Methode vorsintflutlich an. Jeschke schrieb die Story für eine Anthologie zum Orwell-Jahr 1984, um vor den Auswüchsen zu warnen. Heute ist die Lage für den Datenschutz trotz aller moderner Gesetze keinen Deut besser geworden, hat man den Eindruck.

5) Sibyllen im Herkules oder Instant Biester (Hörspiel, 1984)

Vor dem Nordkap hat ein amerikanisches Atom-U-Boot einen norwegischen Fischtrawler gerammt und ist gesunken, bald sieht sich der Kapitän in russische Fangnetze und Minenfelder gesperrt. Er droht damit, seine 192 Atomsprengköpfe abzufeuern, sollten die Russen ihm nicht freien Abzug gewähren. Die Lage ist brisant.

Unterdessen entziffern eine Radioteleskop-Astronomin und ihre Freundin, eine Tontechnikerin, ein verrauschtes Radiosignal aus dem Sternbild Herkules. Wenn man das Signal stark verlangsamt, kann man etwas wie „Instant Biester“ verstehen. Aber was soll das bedeuten? Sie bearbeiten das Band solange, bis sie mehrere Sprachen wie Englisch, Arabisch und Russisch verstehen können. Man soll das Band rückwärts abspielen, lautet die Anweisung. Trotzdem sind die Botschaften ein Rätsel: Es sind prophetische Warnungen aller bekannten Sibyllen vor dem drohenden Weltuntergang.

Ihre Vorgesetzten und Mitarbeiter nehmen die Sache ein paar Tage nicht ganz ernst, bis sie sich umhören. Andere Radioastronomen haben die Botschaft aus dem Herkules auch verstanden. Einer der Texte gibt auf Englisch nicht nur Anweisungen, sondern drückt auch sorgenvoll Anweisungen aus. Die Astronomin berechnet den Ursprungsort der Botschaft, die seit rund zehn Jahren aufgenommen, aber nicht verstanden wird. Die Stelle bezeichnet den Apex des Himmels, kurzum: jenen Ort, wohin sich unser Sonnensystem mit affenartiger Geschwindigkeit hinbewegt. Kommen die Botschaften also aus der Zukunft?

Mein Eindruck

Tom Clancy trifft Gregory Benford, dachte ich bei mir, als ich die beiden Grundideen zusammenfügte. Tom Clancy – dafür steht der U-Boot-Plot: Ein amerikanischer U-Boot-Kommandant darf tatsächlich (wie etwa in „Crimson Tide“ geschildert) ohne vorherige Rückfrage mit dem Hauptquartier seine Atomraketen abfeuern, wenn er in einer entsprechenden Notlage ist. Und dies ist es nach 22 Tagen definitiv.

Die Botschaft aus der Zukunft, die erst dechiffriert werden muss – das ist der Plot von Gregory Benfords bestem Roman „Timescape / Zeitschaft“ (siehe dazu meinen Bericht). Nun muss der dritte Faktor hinzukommen, der ganz Jeschkes eigener ist: die Sibyllen haben diesen Weltuntergang bereits vorausgesagt. Nicht von ungefähr tritt ein weiterer Nostradamus in einer Gastwirtschaft auf – und zitiert die Orakel der Sibyllen.

Wie so häufig verweist Jeschke auch auf Frank Herberts Atom-U-Boot-Thriller „Dragon in the Sea / Under Pressure“ (ein biblisches Zitat), welcher u. a. auch bei Heyne erschien. Und in einem weiteren Zitat über die Natur der Zeit scheint der Autor sich selbst zu zitieren, aus „Der letzte Tag der Schöpfung“. Ich habe das nicht nachgeprüft. Aber die Stelle besagt, dass die Zeit wie ein Ozean mit starken Unterströmungen sei, keinesfalls aber eine gerade Linie.

Insgesamt dürfte das Hörspiel seinerzeit für spannende Unterhaltung gesorgt und ernsthaft warnend gewirkt haben. Nur zwei Jahre nach dem NATO-Nachrüstungsbeschluss stieß es sicherlich nicht auf taube Ohren.

6) Nekyomanteion (1985, korrekter Titel: „Nekromanteion“)

Anfang des 21. Jahrhunderts ist es Wissenschaftlern gelungen, nicht nur Objekte zu kopieren, zu speichern und zu übermitteln, sondern auch komplette Lebewesen, darunter auch Menschen. Die MIDAS genannte Technologie ist jedoch, wie jede Aufzeichnungstechnik, nicht perfekt. Die menschlichen Kopien, die z. B. in ferne Raumfahrzeuge gesendet werden, erweisen sich als nur für kurze Dauer lebensfähig und es kommt zu schweren Fehlern.

Die US-Regierung, die Milliarden in das Projekt gesteckt hat, stellt es ein. Dafür kauft das Privatunternehmen Nekromanteion Inc. die Rechte und bietet in aller Welt einen neuen Service an: die Wiederauferstehung der Toten. Der einmal aufgenommene Tote (Jargon: Record) wird zu beliebigen Zeiten als Kopie neu erstellt, damit seine Angehörigen etc. ihn treffen können.

Solch ein Nekromanteion gab es vor 2500 Jahren am Fluss Acheron, der in der westgriechischen Provinz Epirus aus den Bergen in die Adria fließt. Damals bezeichnete er die Grenze zum Totenreich und es gab einen florierenden Kult von Priestern, die den Besuchern gegen hohes Entgelt eine Begegnung mit dem lieben Verstorbenen verschafften – ein aufgelegter Schwindel.

Nun bekommt die Familie Katsunaris, die Nekromanteion Inc. ein Grundstück am Acheron verkauft hat, ein Sonderangebot: die kostenlose Aufzeichnung von Opa Kristos. Die Söhne des Alten, darunter unser Chronist Apostoles, sind schlüssig, bis schließlich die Tochter Elena, die das Gasthaus führt, entscheidet, dass einem ja so viel Geld nicht in den Schoß fällt.

Also fährt Apostoles, mittlerweile schon in den Fünfzigern, den Alten zum Institut, auf dass er gescannt werde. Es ist nichts dabei. Und geschah gerade noch rechtzeitig, denn schon im gleichen Herbst segnet Opa Kristos das Zeitliche und wird im Nekromanteion beigesetzt. Vorerst. Zu seinem hundertsten Geburtstag anno 2034 macht sich die gesamte Sippe auf den Weg, um seiner Wiederauferstehung beizuwohnen und seinen Geburtstag zu feiern. Es wird ein Fiasko …

Mein Eindruck

Die sehr anrührende und anschauliche Erzählung verweist bereits auf den Roman „MIDAS oder Die Auferstehung des Fleisches“ voraus, der 1993 bei Heyne erschien (aber vorher bereits woanders). Bemerkenswert sind nicht nur die Entsprechungen zwischen Antike und Gegenwart bzw. naher Zukunft, sondern auch die schier unmerkliche Überbrückung der Lebenszeiten der Sippe Katsunaris. Am Anfang ist Apostoles, der Erzähler, noch selbst ein junger Mann, der mit einer deutschen Archäologin schöne Schäferstunden pflegt. Am Schluss ist er selbst über siebzig und ein schläfriger alter Kerl., der als einziger Sohn keine Kinder hat.

Während eine neue Flechte sämtliche Betonbauten ringsum und auf der Welt in Trümmer fallen lässt und die Region wieder in antike Verhältnisse versinkt, stellt das Nekromanteion heute wie damals einen großen Schwindel dar. Doch die Kritik richtet sich wie zu erwarten nicht etwa gegen den Betrug an den zahlenden Lebenden. Vielmehr erweist sich die unausgereifte Technologie als mieser Verrat an den Toten selbst: Ihre zeitweilige Wiederauferstehung gerät schon nach wenigen Stunden zu einer widerwärtigen Farce mit grausigen Untertönen. Man muss es gelesen haben, um es zu glauben.

Der Tod und die mehrfach zitierte „Hinfälligkeit des Fleisches“ ist das Generalthema, aber auch die ständige Erneuerung durch Kinder. Von einem trügerischen Idyll, das erotische Intermezzi kennt, führt der Weg der Erzählung geradewegs zum Horror einer Farce der Auferstehung. Der Eindruck, den die Erzählung hinterlässt, hallt noch lange nach.

7) Jona im Feuerofen oder Das versehrte Leben (Hörspiel, 1988)

In einer Heilanstalt erzählt Lady Lynn einer Besucherin (Journalistin?) die Geschichte ihrer Expedition zu einem fernen Stern. Sie war insgesamt 150 Jahre lang unterwegs, bevor sie auf eine veränderte und durch ihren Forschungsbericht aufgestörte Erde zurückkehrte, als einzige Überlebende. Die anderen kamen entweder auf Remora ums Leben oder – wie der Kapitän – töteten sich selbst.

Zunächst gibt Remora Rätsel auf, denn die Welt scheint sich in einer Sackgasse der Evolution zu befinden. Außer den elefantengroßen Tänzer-Krabben scheint es keinerlei Leben zu geben. Rätsel gibt das proteinhaltige Pilzgeflecht auf, das Joe Simonson, der Exobiologe, unter dem Gras findet und das bei Luftkontakt gleich darauf verfault. Er kommt aber nicht auf die Idee, dass es sich um eine sehr große Lebensform handeln könnte. Das wird ihm zum Verhängnis.

Denn Joe bleibt so lange, bis die Winterstürme mit aller Macht zu toben beginnen. Er kann nur noch mit dem Shuttle herauf ins Schiff geholt werden. Doch beim ferngesteuerten Landeanflug geht etwas schief: Es gibt drei Explosionen (statt nur einer), und auf der Aufnahme ist ein merkwürdiges Aufbrüllen zu hören, das sich keiner an Bord erklären kann.

Joe funkt, er wolle sich in einer nahegelegene Höhle in Sicherheit bringen, wo es nach Schwefel rieche. Doch das, was er vorfindet, verschlingt ihn mit Haut und Haar und beginnt einen Prozess der Untwerfung des Menschen. Er funkt in biblischer Diktion eine sonderbare abgewandelte Version der Jona-Legende aus der Bibel – nämlich dass auf Jona im Inneren des Untiers viele neue Jonas gefertigt werden …

Mein Eindruck

Jeschke greift eines seiner Lieblingsthemen auf: Dass das Fremde zu fremdartig ist, um mit menschlichen Begriffen als solches wahrgenommen und erkannt zu werden, bis es für eine Rettung zu spät ist. Standardprozeduren, menschlicher Hilfsinstinkt und ähnliche Schalterfaktoren sorgen dafür, dass Joes Warnung vor dem Versuch, ihn zu retten, in den Wind geschlagen wird – bis es für zwei weitere Expeditionsmitglieder zu spät ist.

Als Herausgeber hat Jeschke das Thema in mehreren Romanen darstellen lassen, so etwa in dem Roman „Das Auge der Königin“ von Philip Mann (siehe meinen Bericht) und in James Tiptrees „Die Feuerschneise“. Seine eigene Version ist packend inszeniert, weist aber auch lange Dialoge auf, die Lady Lynn vorbringen muss.

Vielfach unterlegt ist moderne und klassische Musik, so etwa Holsts „Planeten“ und Schuberts „Neunte Sinfonie“ (S. 235). Dem medium Hörspiel entsprechend nutzt der Text auch die Möglichkeit, Tonaufnahmen mehrfach zu wiederholen, um sie zu vergleichen und zu untersuchen. Auch dies dient dazu, Neugier und Spannung zu erzeugen. Schade, dass das Radiospiel hierzulande und heutzutage fast nur noch beim WDR produziert und gepflegt wird.

8) The Mississippi Straightforward Society (1988)

Die titelgebende Unternehmensberatung stellte dem Verlagsleiter Rolf Heyne aus Anlass des 30-jährigen Verlagsjubiläums (1958-1988) herrliche Wachstumszahlen in Aussicht. Schon Mitte des 21. Jahrhunderts würden die Heyne-Lagerkapazitäten den Regierungsbezirk Oberbayern abdecken und anno 2100 die Grenzen des Deutschen Reiches im Jahr 1937 überschreiten. Desgleichen tolle Wachstumsraten würden die Personalentwicklung, die Anzahl der Außenrepräsentanten, der monatlichen Buchtitel (über 1 Million in 2100) und natürlich des Holzverbrauchs aufweisen!

Doch dieser Wahnsinn hat Methode, nämlich die von Mark Twain. In dessen Buch „Das Leben auf dem Mississippi“ findet sich bereits die benutzte Extrapolationsmethode, abgeleitet vom erstaunlichen Trend des Vaters der Ströme, sich zu verkürzen. Durch Begradigung (daher auch „straightforward“) verliert der Strom im Schnitt soundso viele Kilometer. In wenigen Jahren, so ergibt sich daraus, dürften die Städte Cairo (Oberlauf) und New Orleans (Mündungsdelta) nebeneinanderliegen!

Mein Eindruck

Auch dieser scherzhaft gemeinte Text ist ein Beitrag zu einer Anthologie, nämlich zum „Rolf Heyne Taschenbuch“ 1988. Nach dem anfänglichen Marketinggesülze legt der Schreiber richtig los. Die prognostizierten Wachstumsresultate sind aberwitzig. Es wird angenommen, dass es keinerlei Grenzen des Wachstums geben werde. Tatsächlich wurde der Heyne-Verlag schon zwölf Jahre später, nach einer Fusion mit List und Ullstein (genannt „HEUL“) an den Bertelsmann-Konzern verkauft. Nix war’s mit Wachstum.

Doch das ist nicht der Punkt. Dem Autor geht es um die Bloßstellung der Beraterphilosophie, dass unbegrenztes Wachstums- und Profitstreben allein positiv sei. Egal, dass der Wald dabei dran glauben muss – ein Ende des Waldsterbens ist dadurch garantiert: positiv!

9) Es lebe der Wald (Hörspiel, 1990)

Im Zuge des Waldsterbens aufgrund von Industrie- und Verkehrsabgasen ist eine fast ausgestorbene Fichtenart wieder verbreitet worden, die in der Tschechei eine Resistenz gegen Emissionen entwickelte. Die Aufforstung war so erfolgreich, dass nun, nach rund 30 Jahren, fast ganz Süddeutschland südlich der Mainlinie (vulgo „Weißwurstäquator“) von der Art picea omorica Ossek (einem Herkunftsort) bewachsen ist. Und da nun diese Baumart geschlechtsreif wird, verstreut sie ihre Polen und Samen in alle Winde – mit verhängnisvollen Folgen …

Zuerst erwischt es einen Buchhandelsvertreter, der Asthmatiker ist und auf die „Ossekowa“ besonders allergisch reagiert. Auch der Hund seiner Hotelgastgeber ist eines rätselhaften Todes gestorben. Erst sechs Monate später findet man einen Großvater und sein Enkelkind nur 500 m von einer Straße und 300 m von einer S-Bahn-Station entfernt in einer Fichtenschonung. Woran können sie gestorben sein?

Als der Reporter Benedikt zu recherchieren beginnt, bekommt er es mit Originalen zu tun, die die „Hexenbäume“ verantwortlich machen, aber auch mit dem Pressesprecher des Innenministeriums, der erst alles abstreitet und von nichts weiß, dann aber „für alle Eventualitäten“ planen lässt, also auf für Evakuierungen. Bloß keine Panikmache, um Himmels willen!

Unterdessen schafft das Militär Fakten, indem es den Ossek-Fichtenbestand mit Flammenwerfern und Napalmbomben abfackelt und sogar einen Bürgermeister und Waldbesitzer um ein Haar umnietet. Dabei steht die eigentliche Fichtenblüte erst noch bevor …

Mein Eindruck

„Le Waldsterben“, wie unsere französischen Nachbarn das deutsche Phänomen so verwundert nannten, erregte in der Tat Mitte/Ende der achtziger Jahre das deutsche Gemüt mehr als der NATO-Doppelbeschluss, schien es doch um die Substanz deutscher Eigenart zu gehen: den deutschen Wald. Kahle Wälder, wie man sie heute am Großen Arber sehen kann, schienen der Horror zu sein. Die Grünen malten Menetekel an die Wand, sogar die CSU reagierte.

Jeschke dreht nun den Spieß um und lässt den Wald zurückschlagen. Denn der Mensch hat in seiner Überreaktion zu viel des Guten bzw. Falschen getan und eine Baumart eingeführt, deren Auswirkungen nicht getestet wurden. Nun beginnt der Pollen die Atemwege anzugreifen, Bienen und andere Tiere zu killen, ja, in Massen Oberflächen zu verstopfen.

In amerikanischer Manier lüftet Reporter Benedikt das Geheimnis, kämpft aber gegen die Windmühlen der Politik und der Narretei („Hexenbäume“). Dabei spielt das neue System des Audio-Helfers eine hilfreiche Rolle: ein Navi-Computer, der mehr ist als ein dummes Gerät, nämlich ein personalisierter Lebensbegleiter mit Stimmerkennung und -ausgabe. Mithin also ein Gerät, an dessen Entwicklung sich immer noch die IT-Hersteller die Zähne ausbeißen! Dabei erweist es sich für den asthmatischen Vertreter beinahe als Lebensretter.

10) Schlechte Nachrichten aus dem Vatikan (1990)

Die Schweizer Garde des Vatikans schiebt wieder mal eine anstrengende Nachtschicht. Während eine Hologrammprojektion die stille Erhabenheit des Petersplatzes vorgaukelt, schiebt ein Baufahrzeug mit seiner riesigen Schaufel Tausende von Leichen zusammen auf einen vier bis fünf Meter hohen Berg. Es handelt sich um fast 45.000 Babyleichen. Sie wurden aus allen Teilen der Welt hierhertransportiert, um entsorgt zu werden – gen Himmel.

Am Morgen ist die harte Arbeit geschafft. Die ersten amerikanischen Touristen besuchen den Petersplatz, der nun wieder leer und erhaben daliegt. Nur ein Vietnamveteran schöpft Verdacht: „Hier riecht es nach Tod, nach frischem Tod.“ Lang lebe Giovanni Paolo Secondo, der neue Papst.

Mein Eindruck

Die erstmals 1993 im kurzlebigen Magazin „Solaris“ veröffentlichte Erzählung ist eine bittere und mitunter eklige Anklage der päpstlichen Botschaft, dass alles Leben heilig sei und Abtreibung folglich eine Sünde, ebenso wie Empfängnisverhütung. Dem Dogma stellt der Autor die abstoßende Realität entgegen: Babys als Heroinversteck für Schmuggler missbraucht, Jungs und Mädchen als Kindersoldaten in Rebellenkriegen verheizt, der Babystrich in Asien und Afrika, Babys als Ersatzteillager für Organhändler und noch vieles mehr.

Die doppelseitige Titelillustration des Buches bringt die Aussage auf den Punkt: von rechts rührt Gottes Finger an das leere Kinderauge, von links reicht Adams Hand einen integrierten Schaltkreis. Doch das damit beglückte Kind hat leere Augen, denn es hat keine Seele mehr.

Zweifellos ist dies eine von Jeschkes wichtigsten und umstrittensten Geschichten, so umstritten offenbar, dass er es nötig fand, bei jedem Abdruck (auch beim ersten) ein zweiseitiges Vorwort voranzustellen, um seinen Standpunkt klarzustellen.

11) Happy Birthday, dear Alice! Happy Birthday, dear Anne! (Hörspiel, 1993)

„Bei weiblichen eineiigen Zwillingen tritt zuweilen die paranormale Fähigkeit der Gedankenübertragung auf. Sie ist weder an Raum noch an Zeit gebunden und ermöglicht eine unmittelbare Verständigung mit Raumfahrzeugen, die fast mit Lichtgeschwindigkeit fliegen. Deshalb arbeitet die NASA mit Clons dieser Zwillinge, um den Kontakt mit ihren fernen Sternenschiffen zu halten, indem ein Zwilling auf der Erde zurückbleibt.

Freilich unterliegen die „Rufe“ (und das Leben der Zwillinge) der Zeitdilatation, d.h. in diesem Fall, ein Wort von einer Sekunde Länge auf dem Schiff entspricht ca. 50 Sekunden auf der Erde und umgekehrt, ebenso die Geschwindigkeit des Alterns.

Anne und Alice waren bei dem Start des Raumschiffs beide 17 Jahre alt. Nun feiert Alice ihren 19. Geburtstag, Anne ihren achtzigsten. Die „Generationen-Clons“ Betty/Barbara, Christy/Claire, Dorothy/Daphne und Edith/Esther sowie der derzeitige Projektleiter der NASA, Mr. Smith, feiern mit.“ Soweit die nicht ganz korrekte, aber offizielle Beschreibung des Inhalts. Der Projektleiter heißt im Text nämlich Mr. Sacks.

Am Schluss singen alle das Geburtstagslied des Titels. Das Besondere dabei: Das zweite Geburtstagskind, Alice ist gar nicht anwesend. Sie ist nur aus dem Off zu hören, während sie für ihre Schwester Anne singt.

Mein Eindruck

Jeschke greift die alte Idee Heinleins auf, die dieser in den fünfziger Jahren in seinem Jugendroman „Von Stern zu Stern“ verarbeitet hatte. Der neue Dreh besteht nun darin, dass sich die Zeitdilatation bemerkbar macht, zuerst natürlich bei der unterschiedlichen Alterung der beiden Zwillinge (neu ist auch, dass es sich um Klone handelt), zum anderen aber auch bei der Länge der übertragenen Wörter. An diesem Punkt wäre es allerdings dem Einfallsreichtum des Tondesigners überlassen, einen dadurch zerdehnten Geburtstagsgruß an die Erde zu schicken.

Man sieht also, dass man auch in einem Kurzhörspiel von nur wenigen Seiten Text eine Menge Gehalt und Aussage unterbringen kann.

Die Illustrationen

Jobst Teltschik hat jeden Text mit mindestens einer Bleistift- oder Tuschezeichnung illustriert. Manchmal ist zu erkennen, was eine Kontur oder Gestalt darstellen soll, manchmal aber wird nur etwas angedeutet. Das wird viel gewischt, aber manchmal gucken doch auch gnomenhafte Gesichtchen in die Gegend. Auf jeden Fall lockern die Illustrationen den manchmal langen Text (bes. bei den Hörspielen) auf willkommene Weise auf.

Unterm Strich

„Schlechte Nachrichten aus dem Vatikan“ ist eine Erzählsammlung, die jeder ernsthaft an SF Interessierte kennen sollte, v. a. natürlich in Deutschland. Viele von Jeschkes Themen sind tief mit der Geschichte Deutschlands verbunden und spiegeln auf erstaunliche und heute wieder interessante Weise die Gedanken und Stimmungen zwischen 1980 und 1990 wider.

Die Dokumentation „Dokumente über den Zustand des Landes vor der Verheerung“ warnt vor einem dritten Weltkrieg, ausgelöst durch Ronald Reagans Administration, die 1980 den Erdnussfarmer Jimmy Carter ablöste. Auch in den anderen Texten warnt Jeschke vor damals virulenten Themen wie Krieg („Sibyllen im Herkules“), Umweltzerstörung („Es lebe der Wald“) und Kindermissbrauch und -mord („Schlechte Nachrichten aus dem Vatikan“). Aber er kann auch witzig sein, wie seine Storys „Yeti“, die dem Bergsteiger Reinhold Messner gewidmet ist, sowie „The Mississippi Straightforward Society“ beweisen.

Eines von Jeschkes charakteristischen Themen, das ihn nahezu einzigartig macht, ist die Überwindung des Todes. Ob dies mit seiner Biografie zu tun hat, sei dahingestellt. Doch „Nekromanteion“ (und nicht etwa „Nekyomanteion“) schildet die Abbildung eines Todgeweihten und seine künstliche „Totenbeschwörung“ (jedem Horrorleser ist der Begriff „Necromancer“, also Totenbeschwörer, vertraut). In seiner Erzählung „Orte der Erinnerung“ (ca. 2005) hat der Autor das Thema erneut aufgegriffen, diesmal als Verarbeitung des Mythos von Orpheus und Eurydike.

Aber typische SF-Themen kommen zum Glück nicht zu kurz. In dem Hörspiel „Jonah im Feuerofen“ gelingt es dem Expeditionsteam nicht, die bestimmende fremde Lebensform auf der Fremdwelt zu erkennen – der Preis dafür ist hoch. In der Erzählungen „Die Sonne des Anaximandros“ hat der Autor das Thema ca. 2010 erneut aufgegriffen.

Mehrfach taucht in seinem Werk das Thema der Zeitdilatation auf fast lichtschnellen Raumschiffen auf – auch eine Methode, das Leben zu verlängern. In dem Kurzhörspiel „Happy birthday …“ variiert Jeschke ein Thema, das Robert Heinelein schon in den fünfziger Jahren verarbeitete: zwillinge, die telepathisch kommunzieren, ermöglichen eine instantane Verständigungsmöglichkeit à la Ursula Le Guins Ansible. In der späteren Story „Ein Ruf aus der Dunkelheit“ (2009) macht er aus diesen Telepathen einen ganzen Mönchsorden.

Innerhalb der mittlerweile komplett vorliegenden „Gesammelten Werke“ bildet „Schlechte Nachrichten“ einen Übergang. Viele Erzählungen sind in „Orte der Erinnerung“ (Band 3) enthalten, doch keines der hier vorliegenden Hörspiele. Muss man also, um den kompletten Jeschke (ohne die Romane) lesen zu können, alle vier Bände kaufen? Ich fürchte, die Antwortet lautet: ja.

Taschenbuch: 378 Seiten
Illustriert von Jobst Teltschik
ISBN-13: 978-3453066052
www.heyne.de

Wolfgang Jeschke (Hg.) – Science Fiction Jubiläumsband. Das Lesebuch

Top-Auswahl aus 25 Jahren erstklassiger Phantastik

Zum 25-jährigen Jubiläum der „Heyne Science-Fiction & Fantasy“-Reihe präsentiert Herausgeber Wolfgang Jeschke achthundert Seiten mit den besten Erzählungen des SF-Genres. Fantasy ist hier nicht vertreten. Jede Story wird von Jeschke mit einer Vorbemerkung eingeleitet, die die Entwicklung des Heyne-SF-Programms betrifft. Beispielsweise charakterisiert er den ersten Herausgeber und SF-Experten Günther Schelwokat, vermerkt den Eintritt der ersten Übersetzer und welche Romane zu Dauersellern wurden – nämlich die hier aufgeführten.

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Wolfgang Jeschke, Frederik Pohl (Hrsg.) – Titan-2

Klassische SF-Storys: Die Apotheose von Poopy-Panda

In der vorliegenden ersten Ausgabe des Auswahlbandes Nr. 2 von „Titan“, der deutschen Ausgabe von „Star Science Fiction 3+4“, sind viele amerikanische Kurzgeschichten gesammelt, von bekannten und weniger bekannten Autoren. Diese Auswahlbände gab ursprünglich Frederik Pohl heraus. Er machte den Autoren 1953 zur Bedingung, dass es sich um Erstveröffentlichungen handeln musste. Das heißt, dass diese Storys keine Wiederverwertung darstellten, sondern Originale.

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Jeschke, Wolfgang / Pohl, Frederik – Titan-4

_SF-Storys: Der falsche Messias und andere Maskeraden_

In der vorliegenden ersten Ausgabe des Auswahlbandes Nr. 4 von „Titan“, der deutschen Ausgabe von „Star Science Fiction 2,3, 4 und 5“, sind viele amerikanische Kurzgeschichten gesammelt, von bekannten und weniger bekannten Autoren. Diese Auswahlbände gab ursprünglich Frederik Pohl heraus. Er machte den Autoren 1953 zur Bedingung, dass es sich um Erstveröffentlichungen handeln musste. Das heißt, dass diese Storys keine Wiederverwertung darstellten, sondern Originale.

Die Kriterien der deutschen Bände waren nicht Novität um jeden Preis, sondern vielmehr Qualität und bibliophile Rarität, denn TITAN sollte in der Heyne-Reihe „Science Fiction Classics“ erscheinen. Folglich konnten Erzählungen enthalten sein, die schon einmal in Deutschland woanders erschienen waren, aber zumeist nicht mehr greifbar waren. TITAN sollte nach dem Willen des deutschen Herausgebers Wolfgang Jeschke ausschließlich Erzählungen in ungekürzter Fassung und sorgfältiger Neuübersetzung enthalten. Mithin war TITAN von vornherein etwas für Sammler und Kenner, aber auch für alle, die Spaß an einer gut erzählten phantastischen Geschichte haben.

_Die Herausgeber _

1) _Wolfgang Jeschke_, geboren 1936 in Tetschen, Tschechei, wuchs in Asperg bei Ludwigsburg auf und studierte Anglistik, Germanistik sowie Philosophie in München. Nach Verlagsredaktionsjobs wurde er 1969-1971 Herausgeber der Reihe „Science Fiction für Kenner“ im Kichtenberg Verlag, ab 1973 Mitherausgeber und ab 1977 alleiniger Herausgeber der bis 2001 einflussreichsten deutschen Sciencefiction-Reihe Deutschlands beim Heyne Verlag, München. Von 1977 bis 2001/02 gab er regelmäßig Anthologien – insgesamt über 400 – heraus, darunter die einzigen mit gesamteuropäischen Autoren.

Seit 1955 veröffentlicht er eigene Arbeiten, die in ganz Europa übersetzt und z.T. für den Rundfunk bearbeitet wurden. Er schrieb mehrere Hörspiele, darunter „Sibyllen im Herkules oder Instant Biester“ (1986). Seine erster Roman ist „Der letzte Tag der Schöpfung“ (1981) befasst sich wie viele seiner Erzählungen mit Zeitreise und der Möglichkeit eines alternativen Geschichtsverlaufs. Sehr empfehlenswert ist auch die Novelle „Osiris Land“ (1982 und 1986). Eine seiner Storysammlungen trägt den Titel „Schlechte Nachrichten aus dem Vatikan“.

2) Der Werbefachmann, Autor, Literaturagent und Herausgeber _Frederik Pohl_, geboren 1919 in New York City, ist ein SF-Mann der ersten Stunde. Noch vor dem Zweiten Weltkrieg gehörte er der New Yorker „Futurian Science Literary Society“ an, bei der er er seine späteren Kollegen Isaac Asimov und Cyril M. Kornbluth kennenlernte. Von 1940-41 war er Magazinherausgeber, wandte sich dann aber dem Schreiben zu.

Als er sich mit Kornbluth zusammentat, entstanden seine bekanntesten Romane, von denen der beste zweifellos „The Space Merchants“ (1952 in „Galaxy“, 1953 in Buchform) ist. Er erschien bei uns unter dem Titel „Eine Handvoll Venus und ehrbare Kaufleute“ (1971). Darin kritisiert er auf bissige, satirische Weise die Ausbeutung des Weltraums. Ebenso erfolgreich ist seine Gateway-Trilogie, die zwischen 1977 und 1984 erschien und von denen der erste Band drei wichtige Preise einheimste.

_Die Erzählungen_

_1) Algis Budrys: |Die integrierten Menschen| (|Congruent People|)_

Dexter Bergenholm geht wie jeden Tag, von seiner Frau Miriam verabschiedet, aus dem Haus Richtung Büro. Doch diesmal bemerkt sein Unterbewusstsein am Kiosk mit den Tageszeitungen etwas Merkwürdiges: Ein Mann gibt dem Verkäufer eine Zeitung und bekommt dafür ein Geldstück. Als sein Bewusstsein endlich geruht, davon Notiz zu nehmen, schrillen die Alarmglocken: Müsste es nicht normalerweise umgekehrt sein?!

Bergenholm kauft die dem Verkäufer gegebene Zeitung und vergleicht sie mit der üblichen Ausgabe der „New York Times“. Es gibt einige gravierende Unterschiede. Doch war ist auf der abweichenden Ausgabe von „Stufe eins“ die Rede? Und wieso ist der Wetterbericht bis auf die Minute genau?

Als er dem Mann folgt, sieht er ihn in einen Lieferwagen steigen, der aber innen wi ein Bus ausgestattet ist. Am nächsten Morgen wiederholt sich der Vorgang, doch diesmal folgt Bergenholm dem Mann in den getarnten Buss. Der Mann begrüßt ihn mit seinem Namen, Bergenholm, stellt sich als Indoktrinator vor und lädt ihn zu einem Gespräch ein.

Wie sich zeigt, gehört der Mann zu einer Gruppe von Leuten, die sich dem gewohnten Einerlei der Wirklichkeit, eben der Stufe eins, entzogen haben und sozusagen mitten unter uns eine parallele Gesellschaft aufgebaut haben, damit sie besser und freier leben können. Doch der Mann stellt Bergenholm vor eine Alternative: Bergenholm soll ohne seine Frau auf die Stufe zwei gelangen, und das ist natürlich ein Problem. Aber nicht lange, wie sich herausstellt …

|Mein Eindruck|

Der Stil von Algis Budrys ist stets ein wenig unterkühlt, entbehrt aber nicht des Witzes. Für die Fünfziger Jahre typisch war die von Senator McCarthy geschürte Angst vor einer kommunistischen Unterwanderung. Leben die Spione (wie die verurteilten Rosenbergs) wirklich unerkannt unter uns, Leute wie du und ich, fragten sich die braven Bürger damals. Und brav war jeder, der sich den Regeln konform verhielt. Die „Regeln“ wurden allerdings von anderen aufgestellt, von Schiedsrichtern des Geschmacks ebenso wie von den diversen Gesetzgebern und Moralwächtern. Nicht ohne Grund erlebte die Zensur eine Blütezeit, die erst 1968 endete.

Bergenholm ist so ein braver Bürger. Seine Frau passt auf, dass an ihm alles regelkonform aussieht. Doch er ist anders, sonst würde er nicht bemerken, wie ein Zeitungskauf nicht regelkonform abläuft. Und er würde auch nicht in den getarnten Bus steigen, um den Verdächtigen zu beschatten. Am Schluss löst sich die potenziell gefahrvolle Aktion jedoch in reines Wohlgefallen auf, pointiert mit einem Witz. Doch im Leser bleibt, wie beabsichtigt, der Verdacht: Was wäre, wenn es wirklich eine Parallelgesellschaft gäbe, die uns von der „Stufe eins“ um Längen voraus wäre?

_2) Hal Clement: |Der kritische Faktor| (|Critical Factor|)_

Halbflüssige Wesen, die im Untergrund unserer Erde leben, haben gerade ein kleines Problem: Eroberer aus dem Norden bedrohen ihr Territorium. Ein Späher namens Pentong kehrt aus der Antarktis zurück und berührt den Ältesten, um zu berichten, was er dort gefunden hat: Eine Schicht über dem Gestein, die durch heißes Magma in Ozean verwandelt wird – im Klartext: Eis.

Was Pentong vorschlägt, ist revolutionär: Man könnte durch Eisschmelzen doch den Ozean so weit ausbreiten, dass der für die Untererdbewohner giftige Sauerstoff nicht mehr an das Erdreich gelangen könnte. Mithin würde sich ihr Lebensraum vergrößern.

Eigentlich eine geniale Idee. Doch Derel der Denker bezweifelt ihre theoretische Grundlage ebenso wie die praktische Ausführung. Er stellt ein paar Experimente mit dem Verhalten von Flüssigkeiten in Hohlräumen an und stößt auf eine neue unheimliche Kraft, die ihn fast das Leben kostet: Schwerkraft!

|Mein Eindruck|

Die rein naturwissenschaftlich orientierte Story erzählt, wie so viele von Clements Storys, von Alien mit fremden Naturgesetzen und fremdartigem Denken. Doch das hindert sie nicht daran, allgemeingültige Gesetze zu entdecken, die auch uns vertraut sind – Schwerkraft beispielsweise.

Die Tatsache, dass die Anderen das uns Vertraute erst entdecken, führt uns wiederum die Besonderheit des Phänomens vor Augen. Schwerkraft, so lernen, ist nichts, das wir für selbstverständlich und allgegenwärtig halten sollten. Denn stets gilt der Grundsatz: Alles ist relativ.

_3) Jerome Bixby: |Schöner leben| (|It’s a Good Life|, 1953)_

Peaksville lag vor vier Jahren in Ohio, doch wo es jetzt liegt, ist seinen Bewohnern unbekannt. Denn kurz hinter den letzten Häusern beginnt das Nichts. Nur hinter dem Haus der Fremonts liegen ein Maisfeld, eine Weide und ein schattiger Baum. Doch wer die Fremonts besucht, so wie jetzt Bill Soames mit seinen Kolonialwaren, der bangt um sein Leben. Zumindest aber um seine geistige Gesundheit. Denn bei den Fremonts lebt Anthony. Er dringt in Gedanken ein und kann Leute verschwinden lassen. Man sollte ihn besser nicht verärgern, haben alle gelernt. Und niemals darf ein Kind sich zur Farm verirren. Ein verschwundenes Kind ist Lektion genug.

Bill Soames ist froh, wieder unbeschadet von dannen radeln zu können. Doch abends kommt es zu einem Eklat. Dan Hollis‘ Geburtstag feiern die Dorfbewohner im Wohnzimmer der Fremonts, und einer spielt Klavier. Doch als Dan sich spätabends darüber ärgert, dass er seine ihm geschenkte Schallplatte nicht abspielen darf und zu singen anfängt, erscheint Anthony, und Totenstille tritt ein. Er nennt Dan einen „bösen Mann“, tut etwas Furchtbares mit ihm und lässt ihn verschwinden.

Wieder eine Lektion gelernt. Während alle die Frau von Dan Hollis zum Verstummen bringen und festhalten, verschwindet Anthony nach zwei Stunden wieder. Wer hätte gedacht, dass ein Dreijähriger so ein Tyrann sein kann …

|Mein Eindruck|

Eine Teufelsgeschichte! Diesmal mit einem der in den fünfziger Jahren so beliebten Mutanten. (Es wird keine Ursache für die Mutation angegeben, auch kein Atomkrieg.) Geschildert wird eine wahre Hölle, über die ein Einziger mit der Macht über Leben und Tod herrscht. Leider ist das Kind völlig unzurechnungsfähig.

Aber darum geht es eigentlich nicht. Wie der Titel schon andeutet, richtet der Autor sein Augenmerk nur en passant auf Anthonys Launen und konzentriert sich vielmehr auf die Bedingungen für das friedliche Überleben in dieser Hölle. Erstaunlicherweise sind zwar einige unzufrieden mit den Bedingungen, doch sie dürfen es niemals laut sagen. Stets müssen sie sagen, alles sei gut, prächtig oder schön, um nur den Tyrannen nicht zu verärgern (wie Dan Hollis). Außerdem versuchen sie nichts zu denken, denn der Tyrann ist ja bekanntlich ein Gedankenleser, der sogar geistige Strafmaßnahmen verhängen kann, wie bei seiner Tante Amy.

Die Geschichte ist leicht als Metapher für jedes repressive System zu deuten, sei es nun ein faschistisches, ein stalinistisches, feudalistisches oder ein kapitalistisches. Die Gedanken- und Verhaltenskontrolle ist bereits verinnerlicht, sodass es nur selten zu Verstößen gegen die Konformität kommt. Flucht wäre ja auch sinnlos, denn draußen wartet nur das Nichts. Der Autor hat eine Versuchsanordnung geschildert. Man kann den einen oder anderen Faktor ersetzen, beispielsweise Anthony durch einen Mann der Kirche, aber das Ergebnis bleibt immer das gleiche: Es ist eine Hölle.

_4) Isaac Asimov: |Ein so herrlicher Tag| (|It’s Such a Beautiful Day|)_

Der neuartige Materietransmitter ist endlich auch für den Personentransport geeignet und wird als T-Tür eingebaut. Das kalifornische Wohngebiet A-3 ist in dieser Hinsicht Vorreiter: Alle seine Gebäude inklusive der Schule verfügen über T-Türen, und die gewöhnlichen, manuell bedienbaren Türen (mit einfachem T) werden als „Notausgang“ bezeichnet.

Als Mrs. Hanshaw von der Lehrerin Miss Norris also einen Beschwerdeanruf wegen Richard Hanshaw, ihrem Sohn, bekommt, ist sie also höchst erstaunt: Ihr Dickie soll eine volle Stunde zu spät zum Unterricht erschienen sein?! Es muss sich wohl um einen schlechten Scherz handeln, den sie sich selbstredend verbittet.

Doch als Richard auch nicht zur vorgesehenen Rückkehrzeit um 15:00 Uhr per T-Tür erscheint, beginnt sich Mrs. Hanshaw Sorgen zu machen und zu grübeln. Heute Morgen war die T-Tür defekt, und Richard ging zu den Nachbarn, um deren T-Tür zu benutzen. Das hat aer aber offenbar nicht getan. Was ist bloß in den Jungen gefahren? Inzwischen war der Reparateur da und hat eine Pentode ausgewechselt, die den Feldgenerator steuert.

Richard kehrt zurück – durch den Notausgang! Und wie er nur aussieht! Von oben bis unten verdreckt und bestimmt voll schrecklicher Krankheitskeime. Ab, Marsch ins Bad mit ihm! Eins ist klar: Wie Miss Norris vorschlug, ist Richard wohl ein Fall für die Psychosonde. Aber man darf selbstverständlich kein Aufsehen erregen und muss auf Diskretion achten. Man könnte sonst zum Gespött der Nachbarschaft werden. Also geht Mrs. Hanshaw zum Hirnklempner, einem Psychotherapeuten namens Sloane.

Wohl wegen seines geringen Alters von knapp 40 Jahren lehnt Sloane es strikt ab, Richard einer Psychosondierung zu unterrichten. „Ein traumatisches Erlebnis für einen jungen Menschen“, warnt er. Vielmehr nimmt er Richard mit auf einen Spaziergang – nach draußen! Mrs Hanshaw ist fassungslos.

Richard zeigt Sloane die unbekannten Wunder des Draußen: grünes Gras, blauer Himmel, ein Bach, Insekten und bunte Vögel. Hier hat sich also der Junge die Zeit vertrieben. Und wenn er es recht bedenkt, findet Sloane es recht bedenklich, wenn ein Mensch in einer T-Tür erst in seine atomaren Bestandteile zerlegt und dann auf der Gegenseite wird zusammengesetzt wird …

|Mein Eindruck|

Die Idee des Materietransmitters ist schon ziemlich alt, beinahe unmöglich zu realisieren, wurde aber ungezählte male in der Sciencefiction eingesetzt. Bei John Brunner ersetzen Transmitter die Raumfahrt (vgl. „Die Sonnenbrücke“ und „Verbotene Kodierungen“). Doch während bei Brunner ein Kniff der Dimensionsmathematik den Durchtritt erlaubt, greift Asimov das Problem als Materie-Auflösung und -Zusammensetzung auf.

Wie er richtig sagt, ist das Verfahren schweineteuer, energieintensiv und obendrein gefährlich. Wie leicht könnte beim Berechnen der Zusammensetzung ein Hard- oder Softwarefehler auftreten? So einfach geht das „Beamen“ also nicht. Doch die Technik ist gar nicht der Schwerpunkt der Geschichte: Es geht um die veränderte Psyche.

Mrs Hanshaw kennt das Draußen gar nicht mehr als Lebensraum: Es kommt ihr so gefährlich vor wie uns der Weltraum. Ganz im Gegensatz zu Sohnemann Richard: Er entdeckt die vielfältigen Freuden, die das Draußen für den langsamen Betrachter bereithält. Daher: Zurück zur Natur!

_5) Henry Kuttner: |Tyrell der Erlöser| (|A Cross of Centuries|)_

Im Jahre 5000 ist Tyrell bekannt als der Reine Gesalbte, der Messias des Friedens, der Güte und der Liebe Gottes. Doch er lebt bereits 2000 Jahre und muss sich alle hundert Jahre einer Auffrischung seines Gedächtnisses unterziehen. Dies erfolgt mit Hilfe einer Maschine, die im Bergkloster von Abt Mons (= Berg) verborgen ist.

Auch diesmal kommt Tyrall zusammen mit seiner 300 Jahre alten, aber wie eine Zwölfjährige aussehende Jüngerin Nerina ins Bergkloster. Vor dem Teich der Wiedergeburt legt er seine wenigen Kleider und seine Schuhe ab und badet darin. Nur Nerina scheint zu bemerken, wie sehr sein Gedächtnis nachgelassen hat.

Am nächsten Morgen erzählt der runderneuerte Tyrell seiner erstaunten Anhängerin detailreich von der alten Zeit, die er damals zu überwinden geholfen habe. Der Anti-Christ sei umgegangen und habe die Tier-Menschen aufgestachelt, auf Tausenden von Welten habe Brudermord geherrscht. In der Tat ist Tyrell das einzige Wesen aus jener Zeit, das immer noch am Leben ist, um sich daran zu erinnern.

Am zweiten Morgen findet man die erwürgte Leiche eines Mönchs. Das Entsetzen unter den Brüdern ist ebenso groß wie bei Tyrell und Nerina. Wie kann es einen Akt der Gewalt nach acht Jahrhunderten Frieden geben? Doch als nerina in der folgenden Nacht einen Schrei hört und auf den Gang vor der Klosterzelle eilt, entdeckt sie zu ihrer Bestürzung Tyrell mit einem blutigen Messer in der Hand.

Wie kann es sein, dass er getötet hat, fragt sie sich und berät sich mit Abt Mons. Schier sprachlos vor Schrecken stammelt Mons etwas davon, wie die Maschine funktioniert. Es muss zu einem Fehler gekommen sein. Oder die Mönche habe ihre Arbeitsweise nicht richtig verstanden. Doch am Ende ahnt Nerina, worin ihre Pflicht besteht, um Tyrell zu erlösen. Sie nimmt das immer noch blutige Messer …

|Mein Eindruck|

Einmal ist die Religion die Zielscheibe von Autoren der fünfziger Jahre (siehe auch die zwei Auswählbände von H.J. Alpers bei Bastei-Lübbe). Der Profi-Autor Henry Kuttner, Gatte der Autorin Catherine L. Moore, schreibt in seiner Story das Leben des Messias einfach in die Zukunft vor. Er stellt nicht die Funktion eines solchen Gesalbten in Frage, wohl aber die Wahrheit, die mit dieser Figur verknüpft wird.

Anders als von den Mönchen angenommen, wird Tyrells Gedächtnis nicht jedesmal gelöscht, wenn er die Maschine benutzt, sondern nur in die Tiefe des Bewusstseins verdrängt. Mittlerweile sind es – nach 2000 Jahren – 20 Schichten. Es ist etwas schiefgegangen: Statt Neues zu speichern, hat sich das uralte Unterbewusstsein gemeldet: Mit tödlichen Folgen.

Tyrell gesteht es nur Nerina: Er war selbst jener Anti-Christ, der vor fast tausend Jahren die Menschen abschlachtete, damit sie ihn zu fürchten lernten. Nur so führte er den allgemeinen Frieden herbei, nicht mit der Sanftmut von Lämmern, sondern mit der Pranke des Löwen.

Der Autor stellt also die Botschaft Christi infrage und behauptet im Gegenteil, dass nur Stärke und sogar Vernichtung den Frieden herbeiführen könne. Das ist eine sehr kontrovers zu diskutierende Aussage. Und am Schluss eine messianische FRAU vorzustellen, dürfte die Gemüter im Vatikan ebenfalls nicht gerade beruhigt haben.

_6) Damon Knight: |Einer muss der Dumme sein| (|Idiot Stick|)_

Das Raumschiff der galaktischen Föderation landet in New Jersey. Die Aliens, lautet spindeldürre Kerle, verteilen Kapseln, die dem Empfänger ein intensives Glücksgefühl vermitteln. Kein Wunder, dass die Aliens nicht nur mit Wohlwollen, sondern mit einem Ansturm von Glücksbedürftigen empfangen werden.

Die Fremden wollen eine friedliche Niederlassung zu Studienzwecken bauen. Natürlich sind Zehntausende bereit, das Gelände dafür zu ebnen und das Gebäude zu errichten. Der Lohn besteht ja in den begehrten Glückskapseln. Jeder kriegt einen Stecken, der auf wundersame Weise den Boden einebnet und asphaltiert. Baker und Cooley sind sich einig, dass dies ein „Dummenschwengel“ sei – und sie, als Arbeiter, die Dummen. Die Dinger lassen sich nicht einfach nachbauen.

Wochen später, entdeckt ein Reporter vom Star-Ledger in New Jersey den Sprecher der Fremden betrunken in einer Bar. Der Sprecher lallt etwas von Mitleid. Mitleid mit wem? Mit den armseligen Menschen und ihrem nichtswürdigen Planeten. Solches Gerede macht den Reporter erst stutzig, dann wütend. Dan rückt der Sprecher, der voll auf Aspirin abfährt, mit der Sprache heraus: Das Gebäude werde ein Bohrloch verdecken, in welches man einen Sprengsatz einführen werde, der im Erdinnersten zünden solle. Puff, und Terra wird eine Staubwolke. Welchselbige man zur Abwehr einer möglichen Invasion benötige. Von wem ist leider nicht zu erfahren.

Wenige Tage später erobert ein wütender Mob das fremde Raumschiff und erschlägt alle Aliens – mit dem Dummenschwengel. Es kommt eben darauf an, an welchem Ende davon man sich jeweils befindet, meint Baker.

|Mein Eindruck|

Würde so eine Invasion funktionieren, fragen sich Baker und Cooley. Ohne Weiteres, meinen sie – und das meine ich auch. Es findet sich immer ein Idiot, der für ein bisschen momentanes Glücksgefühl sein Erstgeburtsrecht für ein Linsengericht verkaufen würde (vgl. dazu die Bibelgeschichte von Jakob und Esau, den Söhnen Isaaks, des Sohnes Abrahams).

Eine blutige Wendung nimmt die Story am Schluss: Für die Modifikation des fremden Allzweck-Stocks mussten in zehntausend Versuchen zehntausend Menschen ihr Leben lassen. Ist das also der Preis des Überlebens? Wenn das so ist, so die Aussage, dann ist der Preis keineswegs zu hoch. Dieses Prinzip sollte man aber tunlichst nicht auf Atombomben anwenden …

_7) Robert Silverberg: |Kolonist Wingert in der Klemme| (|Company Store|)_

Kolonist Roy Wingert ballert wild um sich, um die Kreaturen zu vernichten, die es auf ihn abgesehen haben. Er ist sauer, denn die terranische Kolonisationsbehörde hatte behauptet, dieser Kontinent wäre frei von solchem Kroppzeug. Da hört er eine Stimme hinter sich: „Darf ich Ihnen einen Taschenfeldgenerator anbieten, mit dem sie ein Sperrfeld errichten können?“ Aber immer doch! Das Feld hält die Viecher fern.

In der Verschnaufpause stellt sich der Besucher: ein Verkaufsroboter aus der Kleinen Magellanschen Wolke. Klingt harmlos, aber als der Blechkumpel verrät, er habe diese aggressiven Viecher extra zu diesem Verkaufszweck hierhergeschafft, bringt ihm das nicht gerade Pluspunkte ein. Wingert findet, der Robot müsste noch einiges über Verkaufsmethoden lernen. Er sagt ihm, er soll sich verziehen.

Wingert aktiviert den hier deponierten Materietransmitter und nimmt Verbindung mit der Erde auf, um Rasierklingen zu bestellen. Er kriegt eine Transportrechnung über 50 Dollar bei einem Warenwert von 1 Dollar. Moment mal! Doch seine Beschwerde wird abgeschmettert: Steht alles im Vertrag – Luxusgüter werden extra berechnet. Die Rückgabe kostet natürlich ebenso viel. Und bei der Konkurrenz dürfe er natürlich keinesfalls kaufen. Steht auch im Vertrag. Darauf steht eine Konventionalstrafe. Wingert rechnet aus, dass der Vertrag dafür sorgt, dass er bis zu seinem Lebensende in der Schuld der Company stehen wird. So sieht also moderne Sklaverei aus.

Der Roboter, der ihm das Enthaarungsgel angeboten hat, besteht jedoch seinerseits ebenfalls auf dem Kauf. Würde er seine Quote nicht erfüllen, würde man ihn demontieren. Mit gezücktem Desintegrator besteht der Robot darauf, dass Wingert den Feldgenerator bezahlt und mehr kauft. Das bringt den Kolonisten auf eine brillante Idee. Er stellt Kontakt mit der Erde her …

|Mein Eindruck|

Die Erfindung der Schuldknechtschaft liegt schon ein paar Jährchen zurück. Mehrere Jahrtausende, um genau zu sein. Und wie dem „Menschenhandel“-Buch von E. Benjamin Skinner zu entnehmen ist (ISBN 978-3-7857-2342-5; siehe meinen Bericht), ist diese Form der Sklaverei in vielen Gegenden der Welt noch so verbreitet, dass noch Millionen Menschen darunter leiden müssen.

Kolonist Wingert blickt jedoch auf Erfahrung mit Verkaufstypen wie dem Roboter zurück und kann dessen Drohung kühl hinnehmen, gibt sie ihm doch ein handfestes Argument gegenüber der Terra-Kolonisationsgesellschaft in die Hand: Was sich jetzt angesichts der Drohung als „lebensnotwendig“ (und nicht etwa ein Luxusartikel) ist, ist schlicht und ergreifend Geld. Und wenn die Company keines schickt, stellt das einen Vertragsbruch dar.

Es kommt, wie es kommen muss. Nach dem Vertragsbruch zerreißt Wingert das wertlose Papier und erklärt sich per Siedlerrecht zum Besitzer dieses Planeten. Eine ganze neue Verhandlungsposition für Wingert. Man sieht also, dass die Story einen gewissen Yankee-Witz verrät, einen Sinn für die praktischen Erfordernisse des Überlebens. Zum Beispiel Kaltschnäuzigkeit.

_Unterm Strich_

Während sich die meisten Beiträge dieser Storyauswahl mit den zeitbedingten Phänomenen beschäftigen, ragt Henry Kuttners Erzählung über den falsch programmierten Messias haushoch darüber hinaus. Profis wie Silverberg und Asimov mögen handwerklich top sein, doch Kuttner ist ihnen inhaltlich, wie auch stilistisch weit überlegen. Es ist nicht auszuschließen, dass seine Frau C.L. Moore daran mitgeschrieben hat. Die beiden benutzten auch viele Pseudonyme, um gemeinsame Arbeiten zu verkaufen.

Asimov greift die absehbaren Folgen der Verstädterung auf, Silverberg die Schuldknechtschaft in vielen Ländern, Budrys hingegen ist noch unter dem Eindruck der Kommunisten-Infiltration – so als könne ein Volk unterwandert werden. Hinter der öffentlichen Fassade existiert eine andere Welt. Ebenso auch in Bixbys kritischer Story über den dreijährigen Mutanten Anthony. Offensichtlich griffen mehrere Autoren die bürgerliche Fassade an. Doch nur Kuttner traute sich, das religiöse Fundament anzutasten.

Für den deutschen SF-Leser des Jahres 1976 waren diese Originalbeiträge – allesamt Erstveröffentlichungen von 1953 – willkommenes Lesefutter, um sich einen Überblick über die Entwicklung des Genres in den fünfziger Jahren zu verschaffen. Der Erfolg des TITAN-Formats mit seinen etwa zwei Dutzend Bänden gab Herausgeber Jeschke Recht. Auch die sorgfältige Übersetzung trägt noch heute zum positiven Eindruck bei. Ich fand nur einen einzigen Druckfehler.

|Taschenbuch: 143 Seiten
Im Original: Star Science Fiction 3+4, 1953, 1954, 1958 und 1959/1977
Aus dem US-Englischen von Walter Brumm und Horst Pukallus
ISBN-13: 978-3453304260|
[www.heyne.de]http://www.heyne.de

Wolfgang Jeschke (Hrsg.) – Die sechs Finger der Zeit

_Humorvoll-ironisch: Kuriose Tricks der Zeit_

Dies ist eine der ersten Anthologien, die Wolfgang Jeschke in der 1975 noch jungen Science-Fiction-Reihe herausgab – sie erschien 1971 erstmals im Lichtenberg-Verlag, von dem Jeschke kam. Weil das jedoch eine Hardcover-Ausgabe war, hat sie den Vorteil, gut lektoriert und korrigiert worden zu sein: Es gibt kaum Druckfehler.

Diese Auswahl bietet meist hochkarätige Autoren, darunter R.A. Lafferty, Katherine MacLean und Altmeister James H. Schmitz. Mit Manuel van Loggem sind zudem ein Niederländer und mit Hansjörg Präger ein Deutscher vertreten.

_Der Herausgeber _

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Wolfgang Jeschke, Robert Silverberg – Titan-6

Mit Tweel durch die Wüsten des Mars

Die Großen der Science-Fiction werden mit ihren Meisterwerken bereits in der sogenannten „Science Fiction Hall of Fame“ verewigt, welche natürlich in Buchform veröffentlicht wurde (statt sie in Granit zu meißeln). Daher können Freunde dieses Genres noch heute die ersten und wichtigsten Errungenschaften in der Entwicklung eines Genres nachlesen und begutachten, das inzwischen die ganze Welt erobert und zahlreiche Medien durchdrungen hat.

In der vorliegenden Ausgabe des Auswahlbandes Nr. 6 von „Titan“, der deutschen Ausgabe der „SF Hall of Fame“, sind Novellen von Heinlein, Lester del Rey und Stanley G. Weinbaum und John W. Campbell gesammelt.

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Rainer Eisfeld/Wolfgang Jeschke – Marsfieber. Aufbruch zum Roten Planeten. Phantasie und Wirklichkeit

Eisfeld Jeschke Marsfieber Cover kleinDer Mars: Faszination und Schrecken

Dieses Buch bietet einen Streifzug durch die Geschichte der Marsforschung. In zehn Kapiteln wird sie konterkariert durch die Dokumentation des Einflusses, den der rote Planet auf Kunst, Literatur und Film nahm. Die Darstellung setzt zeitlich nicht in der Vorzeit oder der Antike, sondern mit dem Beginn der Neuzeit oder präziser: mit dem Beginn der modernen Astronomie Ende des 16. Jahrhunderts ein. Die Instrumente dieser Epoche ermöglichten zum ersten Mal einen direkten Blick auf den Mars und signalisierten den Start seiner wissenschaftlichen Erforschung.

Frisch erworbenes Wissen wirft stets weitere Fragen auf und befördert ganz neue Dimensionen des Irrtums. Das „Marsfieber“ schreibt in dieser Hinsicht ein eigenes Kapitel. Noch viele Jahrhunderte blieben die Teleskope erdgebunden. Aufgrund der astronomischen Entfernung blieb das Bild vom Mars buchstäblich vage. Wie man das, was man nicht richtig sehen konnte, durchaus guten Gewissens erfand, stellt eine Lektion in wissenschaftlicher Fantasie dar: Eisfeld und Jeschke drucken viele Marskarten ab. Sie zeigen eine Marsoberfläche, die es niemals gab. Rainer Eisfeld/Wolfgang Jeschke – Marsfieber. Aufbruch zum Roten Planeten. Phantasie und Wirklichkeit weiterlesen