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S.H.A. Parzzival – Todesanzeigen (Sternenabenteuer TITAN 22)

Lesbische Pärchen retten die Welt

Shalyn Shan, geboren 2077, ist die Kommandantin des hypermodernen Forschungsschiffes TITAN. Sie hat bereits einige gefährliche Abenteuer hinter sich, und bei einem davon verlor sie ihren Gatten Jörn Callaghan, der seitdem verschollen ist. Nach einem dieser Abenteuer tritt Shalyn den verdienten Urlaub an. An dessen letztem Tag lernt sie die hübsche Monja Anjetta kennen und verliebt sich seltsamerweise Hals über Kopf in sie. Shalyns Begleiter, der extraterrestrische Ritter Sir Klakkarakk, wundert sich. Was ist in die Kommandantin gefahren? Liegt es daran, dass Shalyn eine suuranische Empathin ist?

Doch dann ruft die Pflicht: Ökoterroristen lassen weltweit genmanipulierte Monsterkäfer auf die Filialen der Kaufhauskette World Market los. Was steckt dahinter?
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Wolfgang Jeschke, Brian W. Aldiss (Hrsg.) – Titan-19

Bringt die Pferde ins Raumschiff! Galaktische Imperien – Teil 2

In der vorliegenden Ausgabe des Auswahlbandes Nr. 19 von „Titan“ sind nicht Beiträge zur „Science Fiction Hall of Fame“ ges<ammelt, sondern klassische SF-Erzählungen der 1950er Jahre – Thema sind „Galaktische Imperien“. Dies ist der zweite von vier TITAN-Bänden zu diesem Thema.

Die Kriterien der deutschen Bände waren nicht Novität um jeden Preis, sondern vielmehr Qualität und bibliophile Rarität, denn TITAN sollte in der Heyne-Reihe „Science Fiction Classics“ erscheinen. Folglich konnten Erzählungen enthalten sein, die schon einmal in Deutschland woanders erschienen waren, aber zumeist nicht mehr greifbar waren. TITAN sollte nach dem Willen des deutschen Herausgebers Wolfgang Jeschke ausschließlich Erzählungen in ungekürzter Fassung und sorgfältiger Neuübersetzung enthalten. Mithin war TITAN von vornherein etwas für Sammler und Kenner, aber auch für alle, die Spaß an einer gut erzählten phantastischen Geschichte haben.

Die Herausgeber

1) Wolfgang Jeschke, geboren 1936 in Tetschen, Tschechei, wuchs in Asperg bei Ludwigsburg auf und studierte Anglistik, Germanistik sowie Philosophie in München. Nach Verlagsredaktionsjobs wurde er 1969-1971 Herausgeber der Reihe „Science Fiction für Kenner“ im Lichtenberg Verlag, ab 1973 Mitherausgeber und ab 1977 alleiniger Herausgeber der bis 2001 einflussreichsten deutschen Sciencefiction-Reihe Deutschlands beim Heyne Verlag, München. Von 1977 bis 2001/02 gab er regelmäßig Anthologien – insgesamt über 400 – heraus, darunter die Einzigen mit gesamteuropäischen Autoren.

Seit 1955 veröffentlicht er eigene Arbeiten, die in ganz Europa übersetzt und z.T. für den Rundfunk bearbeitet wurden. Er schrieb mehrere Hörspiele, darunter „Sibyllen im Herkules oder Instant Biester“ (1986). Seine erster Roman ist „Der letzte Tag der Schöpfung“ (1981) befasst sich wie viele seiner Erzählungen mit Zeitreise und der Möglichkeit eines alternativen Geschichtsverlaufs. Sehr empfehlenswert ist auch die Novelle „Osiris Land“ (1982 und 1986). Eine seiner Storysammlungen trägt den Titel „Schlechte Nachrichten aus dem Vatikan“.

2) Brian W. Aldiss (*1925) ist nach James Graham Ballard und vor Michael Moorcock der wichtigste und experimentierfreudigste britische SF-Schriftsteller. Während Ballard nicht so thematisch und stilistisch vielseitig ist, hat er auch nicht Aldiss‘ ironischen Humor.

Aldiss wurde bei uns am bekanntesten mit seiner Helliconia-Trilogie, die einen Standard in Sachen Weltenbau in der modernen SF setzte. Das elegische Standardthema von Aldiss ist die Fruchtbarkeit des Lebens und die Sterilität des Todes. Für „Hothouse“ bekam Aldiss den HUGO Award. Er hat auch Theaterstücke, Erotik, Lyrik und vieles mehr geschrieben.

Die Erzählungen

1) Cordwainer Smith: „Das Verbrechen und der Ruhm des Kommandanten Suzdal“

Kommandant Suzdal ist ein Erforscher fremder Welten und dringt diesmal ans andere Ende der Galaxis vor, vielleicht sogar darüber hinaus. Natürlich ist er nicht die ganze Zeit wach, sondern lässt künstliche, in Würfeln gespeicherte Persönlichkeiten wie etwa Sicherheitsoffiziere den Flug seines Einmannschiffes überwachen.

Als sie ihn wecken, ist die Kacke bereits am Dampfen: Die Außenhülle des Schiffes leidet unter einer Invasion fremder Wesen, die männlichen Menschen verblüffend ähnlich sehen. Es handelt sich um Arachosianer, deren Welt ausschließlich von Männern bewohnt wird. Nach der Auslöschung allen weiblichen Lebens auf ihrer Welt infolge Strahlung haben sie im Laufe ihrer gesellschaftlichen und biologischen Evolution einen Hass auf alle Menschen entwickelt, die von Frauen geboren wurden. Deshalb greifen sie Suzdals Schiff an.

Was tun? An diesem Punkt folgt nun das wahrhaft kosmoserschütternde Verbrechen Suzdals: Er erschafft aus den Gendatenbanken eine Katzenrasse und schickt diese zwei Millionen Jahre in die Vergangenheit, von wo sie auf dem Mond von Arachosia allmählich Intelligenz entwickelt. Und weil er dieser Rasse Verehrung für „normale“ Menschen eingeprägt hat, kommt ihm nun ihre Flotte gegen die Arachosianer zu Hilfe.

Das mag zwar ein hübscher Trick sein, um sich aus der Patsche zu helfen, doch bringt es Suzdal trotzdem vors Kriegsgericht der Instrumentalität, die über die Erde und ihre Kolonien herrscht. Das Gericht nimmt ihm erst seinen Rang, dann sein Leben, schließlich aber seinen Tod, sodass er nach Shayol, dem Höllenplaneten, verbannt wird. Doch für die Klopten, jenen Katzenwesen vom Arachosia-Mond, ist er ein verehrungswürdiger Mensch, und dort währet sein Ruhm ewiglich.

Mein Eindruck

Auf recht ironische Weise arbeitet der Autor heraus, dass ein und dieselbe Tat sowohl Ruhm als auch Bestrafung einbringen kann. Dabei kommt uns diese Tat gar nicht mal so kriminell vor: Was soll daran so schlimm sein, eine Rasse zu erschaffen, indem man ihre Vorfahren in die Vergangenheit schickt? Witzig ist höchstens, dass es sich im Ergebnis um intelligente Katzen handelt, so als ob die Evolution nur lange genug müsste, um endlich Intelligenz hervorzubringen.

Was die bekannte Erzählung so besonders macht, ist die Art und Weise, wie sie erzählt wird. Das Urteil über Sudal wird praktisch schon vorweggenommen, obwohl wir noch gar nicht wissen, worum es sich bei seinem „Verbrechen“ handelt. Das steigert natürlich erstens die Spannung und fordert uns zweitens heraus, uns ein eigenes Urteil bilden zu wollen. Beide Effekte werden glänzend erreicht.

2) Alfred Coppel: „Der Rebell von Walkür“

Das Erste Imperium ging unter und das Interregnum, das ihm vier Generationen lang folgte, sorgte dafür, dass alles Wissen über die Technik, den Großen Vernichter, verlorenging – außer bei den Zauberern, die jeder aufrechte Krieger fürchtet. Doch zusammen mit den Kriegerkönigen der Äußeren Marken gelang es König Gilmer von der Erde, in der Schlacht von Kaidor die Abtrünnigen zu besiegen und das Zweite Imperium zu errichten, dessen Kaiser er wurde.

König Kieron von Walkür ist ein treuer Gefolgsmann des vor einem verstorbenen Kaisers gewesen. Doch seitdem herrscht die Kaisergattin Ivane über Höflinge und ihren schwachen Sohn, den Thronfolger Toran. Ihre Tochter Alys ist in Ungnade gefallen, wie Kieron unerfreut feststellen muss, als er bei Hofe um Steuernachlass bitten will. Er wird nicht einmal vorgelassen, sondern gedemütigt. Doch als er der Statue Gilmers in der Ahnengalerie seine Reverenz erweist, begegnet er Alys, die mittlerweile eine junge Frau von 20 Jahren ist. Und sie weiß ihn für sich zu gewinnen. Allerdings hat sie eine ganz spezielle Bitte …

Nach dem schmachvollen Abgang vom Hofe begibt sich Kieron mit seinen Kriegern an Bord seines Sternenschiffes zur Welt Kalgan, wo Freka der Unbekannte zum Aufstand gegen die Kaisergemahlin aufruft. Wie Alys ihn gebeten hat, weigert sich Kieron, sofort bei der Rebellion mitzumachen. Das bringt ihm das Misstrauen Frekas ein. Wenige Tage später taucht Alys in der Obhut seines besten Kämpfers Nevitta im Palast Frekas auf: Ihre kleine Intrige ist gescheitert und sie kann froh sein, den Schergen Ivanes entkommen zu sein. Was aber das Schockierende daran ist: Diese Schergen trugen das Wappen Kalgans! Und Toran wurde gemeuchelt!

Verrat innerhalb eines Verrats – das trägt die Handschrift Frekas und Ivanes, die unter einer Decke stecken. Besorgt um Alys, die Thronfolgerin, macht er sie zu seiner Geliebten und erklärt sie zur Kaiserin, der er den Treueid schwört. Kieron ist wütend und entdeckt einen weiteren Verräter in Frekas Festung: den Höfling Landor, seines Zeichens Erster Raumlord. Wenn es nach Kieron geht, hat er nicht lange zu leben. Also macht er sich an die Verfolgung, um herauszufinden, was Landor mit Freka zu besprechen hat …

Mein Eindruck

Angesichts der auffälligen Kombination von SF- und Fantasy-Elementen verblüfften mich die Parallelen zu Frank Herberts „Wüstenplanet“, wo ja auch SF-Technik in feudalistische Strukturen eingebettet ist. Gerüstete Ritter, die ihre Pferde an Bord riesiger Raumschiffe bringen, um sodann den Hyperraum zu durchqueren – man braucht schon viel Gläubigkeit an fantasievolle Szenen, um solche Szenarien zu goutieren.

Die Liebesgeschichte zwischen der jungen Alys und dem Recken Kieron ist nach dem Muster der dreißiger Jahre gestrickt: Sobald Alys, die stets modisch barbusig auftritt, Kaiserin geworden ist, steht sie weit über dem König Kieron – und muss ihm entsagen, denn er hat keine Absicht, der nächste Kaiser zu werden. Das ergibt jede Menge Herzschmerz, vor allem auf Seiten Alys‘.

Ein interessantes Element ist das Erwähnen von Robotern und Androiden. Und damit sei nur ein kleiner Hinweis auf die Pointe geliefert, die den finalen Showdown mit einer Überraschung krönt.

Wer hätte gedacht, dass ein späterer Mainstream-Autor von Agententhrillern wie „34° Grad Ost“ mal mit solchen Räuberpistolen anfing? Wer Alan Burt Akers oder die Marsromane von Tarzan-Erfinder Edgar Rice Burroughs mag, dem wird auch diese Novelle von berittenen Sternenkönigen gefallen.

3) Idris Seabright: „Sternenstaub fällt vom Himmel“

Die Menschheit hat Welt um Welt erobert, bis ein galaktisches Imperium entstanden ist. Doch dabei hat sie zahlreiche einheimische Völker unterdrückt, genau wie einst die Römer. Kerr ist ein Bewahrer von Leichen, die in seinem Gebäude aufbewahrt werden. Es sind in der Regel tote Vogelmenschen, die beiden Schaukämpfen in der Luft ums Leben gekommen sind. Bei den Kämpfen scheint ein Leuchten vom Himmel zu fallen.

Rhysha ist abends in sein Büro gekommen, um ihren gestorbenen Bruder auszulösen. Während sie die Formalitäten des Imperiums absolvieren, betrachtet er mit Entzücken ihre schlanke Gestalt in dem türkisfarbenen Federkleid. Er bietet ihr an, sie nach Hause zu begleiten, doch sie lebt in einem verrufenen Viertel, wo Menschen nicht gern gesehen sind. Auf dem nächtlichen Weg dorthin spuckt ein Bettler vor dieser Rassenschande aus – ein Mensch und ein „Extie“ zusammen!

Um Rhyshas Zweifel zu widerlegen, dass Menschen und Ngayir je zusammenleben könnten, singt er ihr eine Arie aus Mozarts „Zauberflöte“ vor, was sie sehr erfreut. Und später schenkt er ihr einen Halsanhänger mit einem Türkis daran. Er verspricht, für die Ngayir eine eigene Welt zu suchen.

Doch dieser Antrag wird abgewiesen und Kerr wird krank. Als er nach fünf Wochen zurück in sein Totenhaus kommt, sieht er, wer in der Konservierungsflüssigkeit liegt: Rhysha. Doch in dem Amulett, das er ihr schenkte, befindet sich ihre letzte Botschaft an ihn …

Mein Eindruck

Man könnte denken, die Sciencefiction sei auf einmal soziologisch geworden, aber die Erzählung liest sich dann doch nicht wie ein Traktat, sondern wie ein bittersüßes Drama, wie eine unerfüllte Liebesgeschichte. Und das i-Tüpfelchen würde dann der Titel liefern, der sich als bittere Wahrheit entpuppt.

Hinter der Romanze versteckt sich jedoch, wie der Schluss andeutet, knallharte wirtschaftliche Realität: Wer die – menschlichen – Massen nicht unterhält, muss verhungern. Dies sagt mehr über die Menschen aus als über die Fremdwesen. Die Menschen pflanzen sich so schnell fort, dass sie den Anderen den Lebensraum rauben müssen, um Platz für ihre Massen zu haben. Und alles, was den Fremdartigen zum Broterweb übrigbleibt, ist die Unterhaltung. Das war schon bei den amerikanischen Indianerhäuptlingen (unter ihnen sogar Geronimo) so, die in Buffalo Bills Wildwest-Show auftreten durften, um sich ein Gnadenbrot zu verdienen.

4) Clifford D. Simak: „Der Einwanderer“ (1954)

Selden Bishop, der zum Planeten Kimon fliegt, wird von allen Passagieren an Bord des Raumschiffs beneidet. Denn Kimon, zu dem seit rund hundert Jahren Kontakt besteht, ist immer noch eine Welt voller Geheimnisse. So lassen die Kimonianer nur die Intelligentesten unter den Erdlingen auf ihre Welt, doch von diesen Auserwählten erfährt man praktisch keine hilfreichen Informationen, wie man mit Kimon Handel treiben könnte. Die Menschen sind ein wenig frustriert, und so wurde auch Selden gebeten, mehr herauszufinden, das der Erde nützlich sein könnte: ein winziges Fitzelchen würde schon genügen, heißt es.

Selden hätte sich keine Sorgen zu machen brauchen, er habe zu wenig Geld mitgebracht. Seine Hotelsuite wird vom Staat bezahlt, ebenso die Drinks. Was ihn frustriert, sind nicht nur die überlegenden telepathischen und telekinetischen Fähigkeiten der wenigen Kimonianer, die er zu Gesicht bekommt. Nein, auch seine eigenen betriebswirtschaftlichen Kenntnisse sind überhaupt nicht gefragt. Jahre des Lernens umsonst! Wenigstens gibt es einen Lichtblick: Man kann Telepathie und Teleportation erlernen, wie die beiden Menschen Maxine und Monty demonstrieren.

Aber wie kann er etwas über die Bewohner dieses kahlen Planeten selbst erfahren? Ganz einfach: als Babysitter. Wie sich herausstellt, sind seine bescheidenen Fähigkeiten als Entertainer gefragt. Und so erzählt er den schönen Bewohnern mit ihren irdischen Namen – er können ihre wahren Namen ja doch nicht aussprechen – die Artuslegende. Als Clown fühlt er sich etwas unterfordert, aber es kommt ein Abend, da wird er im Stich gelassen und er bekommt erstmals einen erwachsenen Kimonianer zu Gesicht. Der entschuldigt sich für die unartigen Kinder.

Allmählich kommt Selden dahinter, was es mit der Beziehung zwischen Menschen und Kimonianern auf sich hat. Beide wollen voneinander lernen. Das Problem ist nur, dass sie von zwei ganz verschiedenen Enden des Spektrums kommen. Selden beschließt deshalb, noch einmal in die Schule zu gehen – in die der Einheimischen …

Mein Eindruck

Ich kenne keine einzige Erzählung von Clifford Simak, die unverständlich wäre. Und so ist auch „Der Einwanderer“ eminent lesbar, obwohl es um eine denkbar komplizierte Entwicklung geht. Denn stets muss der Ich-Erzähler Selden Bishop seinen eigenen Status revidieren. Er ist keinesfalls den Kimonianern ebenbürtig, aber auch nicht den weiterentwickelten Menschen. Außerdem muss er lernen, dass es schwer ist, den lädierten Stolz über diese Tatsache einzugestehen. Er kann nicht nach Hause schreiben, dass er nichts erfahren und nichts erreicht hat. Das lässt sein Stolz nicht zu – und auch nicht der aller anderen Menschen. Aus diesem Grund gibt es so wenige verwertbare Informationen über Kimon. Aus Scham.

Selden muss eine Fähigkeit erwerben, die es ihm ermöglicht, auf Kimon wieder ganz von vorne anzufangen: Demut. Dieser Entwicklung entspricht seine scheinbarer Abstieg: von der Uni zurück zur Oberschule und schließlich wieder im Kindergarten. Ohne hämische Ironie erzählt der klassische Autor, was nötig ist, um eine völlig fremde Kultur zu verstehen. Eine große Leistung.

5) James White: „Leibarzt“ (1961)

Dr. Conway ist Arzt mit einem Spezialgebiet: Fremdwesen. Sein Arbeitsort ist das Sector General Hospital, irgendwo im äußeren Spiralarm unserer Galaxis, und deshalb hat er täglich alle Hände voll zu tun. Selbst dann, wenn er auf die Hilfe eines Empathen, eines Alien-Chirurgen und weiterer Spezialisten zurückgreifen kann.

Diesmal hat er einen Patienten bekommen, der ihm Rätsel aufgibt. Das birnenförmige Wesen kommt aus der Andromeda-Galaxie und zwar an Bord eines Schiffes, das laut Logbuch ursprünglich zwei Passagiere hatte: den EPLH und seinen Leibarzt. Ist der Patient also nicht nur ein Mörder, sondern auch noch Kannibale? Das lässt Schlimmes befürchten, und folglich ist auch ein bewaffneter Leutnant von der Sektorüberwachung in der Nähe, der Conway über die Schulter schaut.

Zum Glück scheint der Patient bewusstlos zu sein. Das bietet Conway die Chance, sich bei anderen Andromedabewohnern umzuhören, den Ians. Als die Ianer seine Zeichnung sehen, fallen sie schier in Ohnmacht. Jedenfalls auf den Boden. Es handle sich um einen unsterblichen Gott, behaupten sie aufgeregt und beeilen sich, das göttliche Wesen zu bestaunen. Nach einer Weile weiterer Konsultaionen ergibt sich für Conway das Bild, dass sein Mörder und Kannibale nicht nur sehr langlebig ist, sondern auch noch instinktive Dominanzgelüste hegt. Na, prächtig.

Er macht dem Chefpsychologen O’Mara sein Dilemma klar: Entweder gehorcht er seinem hippokratischen Eid und versucht, den Patienten zu heilen, oder er riskiert die Übernahme der Station, wenn nicht sogar des Sektors durch den Fremdling. O’Mara gibt ihm trotzdem grünes Licht. Bei einer ersten Injektion reagiert der Patient wütend und aggressiv. Kein gutes Vorzeichen. Aber dennoch bereitet Conway die Operation vor. Vorsichtshalber trifft er sämtliche Vorsichtsmaßnahmen, und O’Mara wie auch der schussbereite Leutnant bleiben in seiner Nähe. Es kann losgehen …

Mein Eindruck

Dies ist eine der ersten Sector General-Stories, die James White über seine Weltraumärzte veröffentlichte. Er schrieb eine ganze Reihe von erfolgreichen Romanen darüber, und sie sind alle bei Heyne erhältlich (bzw. im modernen Antiquariat). Das Geheimnis dieses Erfolges ist nicht nur eine exzellente Schreibe, sondern zwei Faktoren: Exotik und scharfsinnige Ermittlung. Während die Aliens für jede Menge bizarre Exotik und Rätsel sorgen, muss Dr. Conway wie ein klassischer Sherlock Holmes seine grauen zellen anstrengen, um dem jeweiligen Rätsel und Problem auf den Grund zu gehen. Dabei stellen sich regelmäßig auch moralische Dilemmata ein, die es zu lösen gilt. Alles in allem stets eine runde Sache.

6) Hal Lynch: „Pensionsalter“

Tommy ist Captain in der Raumpatrouille. Nach einem weiteren glorreichen Einsatz gegen Aufständische auf Uriel kehrt er per Materiesender zu seiner Heimatwelt zurück. Rechtzeitig, um die Verabschiedung in den Ruhestand mitzuerleben, bei der Commander Croslake von Halligan abgelöst wird. Tommy hat kein Verständnis dafür, dass die Patrouille ihre Kommandeure so früh verabschiedet. Croslake ist gerademal 19 oder so, und er selbst erst 16.

Als er in der Zuschauermenge seinen älteren Bruder Billy, einen Lehrer, erspäht, fragt er ihn nach dem Sinn dieser Regelung. Der versucht es ihm zu erklären, aber Tommy kapiert kein Wort. Nur soviel, dass der nötige Idealismus flöten geht, sobald man das 15. Lebensjahr überschritten hat und erwachsen wird …

Mein Eindruck

Man könnte die Story als Fußnote der SF abhaken, wenn sie nicht ein Fünkchen Wahrheit enthielte: SF ist etwas für Jungs, vor allem dann, wenn sie nur auf Abenteuer, Romantik und Gewalt abgestellt ist. Alles andere ist für Erwachsene. Und weil die Raumpatrouille die Verkörperung dieser Ideale darstellt, duldet sie keine Erwachsenen in ihren Reihen. Q.E.D.

7) Pete Adams & Charles Nightinggale: „Pflanzzeit“

Randy Richmond ist ein Fernerkunder und somit lange allein unterwegs. Nur der kluge Multimedia-Computer hält ihn einigermaßen bei Laune. Um die Langeweile auf dem monatelangen Flug zu unterbrechen und etwas Rohstoffe zu sammeln, kommt ihm daher der Planet Rosy Lee gerade recht. Eingedenk des posthypnotischen Befehls, keinen Kontakt mit der einheimischen Bevölkerung aufzunehmen, landet Randy auf einer einsamen, anscheinend unbewohnten Insel.

Solch ein Bad im saphirblauen Ozean ist doch eine tolle Abwechslung! Aber wie staunt Randy erst, als er eine sich im Gras räkelnde Schönheit vorfindet, die einen betörenden Duft verströmt! Und da sie ihn schon so einladend anblickt, dauert es nicht lange, bis er sich in ihren Tiefen verliert. Als er wieder erwacht, ignoriert sie ihn jedoch hartnäckig. So wandert er weiter auf der Insel, bis er plötzlich ein weiteres einladendes Mädchen erblickt. Randy fackelt nicht lange. Doch nach dem Vergnügen kommt auch bei ihr der Frust: Sie ignoriert ihn abweisend. Auch bei einer dritten Schönheit ergeht es ihm nicht anders.

Nachdem er sich tüchtig ausgeschlafen hat und am nächsten Morgen aus der Luftschleuse schaut, entdecken seine entzückten Augen ein wahres Traumbild: ein ganzes Feld voller einladender Mädchen, die alle nur darauf aus zu sein scheinen, Gegenstand seiner amourösen Aufmerksamkeit zu werden. Randy, wieder erstarkt, macht sich sogleich ans Werk. Doch woher kommen diese Mädchen alle, und was führt sie alle zu ihm? Erst Stunden später entdeckt Randy zufällig die grausige Wahrheit.

Mein Eindruck

Dies ist weniger eine Story über willige junge Damen und einen Mann, der sie ruchlos ausnutzt, als vielmehr über einen Idioten, der nicht erkennt, was er vor sich hat: Pflanzen! Diese wundersame Art von Blume, deren Mimikry sich auf humanoide Lebensformen ausgerichtet hat, nennt sich Gigantiflora, was vor allem die Größe ihrer Knospen usw. erklärt. Natürlich sind die weiblichen Angehörigen der Spezies darauf aus, den Samen des symbiotischen Männchens zu erhalten UND den eigenen Pollen an ihre Artgenossinnen weiterzugeben. Ein Vorgang, der ausgezeichnet durch Kopulation zu bewerkstelligen ist.

Dies ist ebenfalls KEINE Horrorstory, wie man vielleicht meinen könnte, sondern sie hat ein tolles, ziemlich frivoles Happy-end. Randy sieht nämlich eine Marktlücke und wird zugleich Gärtner und Zuhälter. Was ganz im Sinne seiner Schützlinge ist, denen dieses Märchen vorgelesen wird …

Die Übersetzung

Heinz Nagel hat die Erzählungen wie auch die Einleitungen einwandfrei übersetzt, und so halten sich die allfälligen Druckfehler in Grenzen. Es gibt nur eine Ausnahme. Auf Seite 183 tut er in „Der Leibarzt“ etwas zuviel des Guten: “ …festgestellt, dass man noch eine weitere Person hätte an Bord sein müssen.“ Streicht man das Wörtchen „man“, erhält der Satz einen Sinn.

Unterm Strich

Mit den Beiträgen von Cordwainer Smith, Clifford Simak und James White enthält diese Auswahl drei hochkarätige und vielfach abgedruckte Erzählungen, die auch beim wiederholten Lesen wirklich unterhalten und zu überzeugen wissen. Zu beeindrucken weiß auch „Sternenstaub fällt vom Himmel“, während „Pensionsalter“ lediglich eine Fußnote darstellt.

Ein richtiges B-Movie der 1930er Jahre ist hingegen Alfred Coppels Sternendrama um Kieron von Walkür. Ebenso wie „Krieg der Sterne“ auf den SciFi-Serials der dreißiger Jahre à la „Buck Rogers“ (1939) basiert, die wiederum auf Conmicstrips der Jahre 1928-29 fußten, so nutzt auch Coppel die alten Versatzstücke, um dramatische Effekte zu erzielen. Mit dem Auftritt eines Androiden überwindet er die Klischees nur scheinbar, bereitet dem Leser aber eine hübsche Überraschung.

Eine frivole Extravaganz stellt hingegen die letzte Story „Pflanzzeit“ dar. Zu dem erotischen Inhalt passt ja auch der Name „Randy“, der im Englischen so viel wie „geil“ bedeutet. Es ist allerdings eine jener Stories, in der sich die Bewohner des fremden Planeten der Mimikry befleißigen, um von Humanoiden das zu bekommen, was sie brauchen. Etwa zur gleichen Zeit, nämlich im Jahr 1952, verursachte Philip José Farmer mit seiner erotischen Story „Die Liebenden“ (die er später zum Roman ausbaute) erhebliches Aufsehen im Genre, weil er einen Erdenmann eine eindeutig nichtmenschliche Frau lieben lässt, und zwar keineswegs nur platonisch. Anders als Farmers Liebende darf Randy Richmond ein Happy-end mit seinen floralen Damen erleben.

Dieses zweite Buch der vierteiligen Serie „Galaktic Empires“ soll nach dem Willen des Herausgebers Aldiss „Reife und Niedergang“ illustrieren. Richtig ist, dass sich die hier gezeigten Imperien auf der Höhe ihrer Macht befinden, die jedoch keineswegs unbestritten ist, wie Coppels Abenteuernovelle verdeutlicht. Die Dialektik von Aufstieg und Niedergang ist auch in so großen Gebilden wie Sternenreichen wirksam, und in den Folgebänden 20 und 21 dürfte sich die Abwärtsbewegung noch verstärken.

Taschenbuch: 239 Seiten
Originaltitel: Galactic Empires 1/2, 1976
Aus dem US-Englischen von Heinz Nagel
www.heyne.de

Wolfgang Jeschke, Frederik Pohl (Hrsg.) – Titan-2

Klassische SF-Storys: Die Apotheose von Poopy-Panda

In der vorliegenden ersten Ausgabe des Auswahlbandes Nr. 2 von „Titan“, der deutschen Ausgabe von „Star Science Fiction 3+4“, sind viele amerikanische Kurzgeschichten gesammelt, von bekannten und weniger bekannten Autoren. Diese Auswahlbände gab ursprünglich Frederik Pohl heraus. Er machte den Autoren 1953 zur Bedingung, dass es sich um Erstveröffentlichungen handeln musste. Das heißt, dass diese Storys keine Wiederverwertung darstellten, sondern Originale.

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Jeschke, Wolfgang / Pohl, Frederik – Titan-4

_SF-Storys: Der falsche Messias und andere Maskeraden_

In der vorliegenden ersten Ausgabe des Auswahlbandes Nr. 4 von „Titan“, der deutschen Ausgabe von „Star Science Fiction 2,3, 4 und 5“, sind viele amerikanische Kurzgeschichten gesammelt, von bekannten und weniger bekannten Autoren. Diese Auswahlbände gab ursprünglich Frederik Pohl heraus. Er machte den Autoren 1953 zur Bedingung, dass es sich um Erstveröffentlichungen handeln musste. Das heißt, dass diese Storys keine Wiederverwertung darstellten, sondern Originale.

Die Kriterien der deutschen Bände waren nicht Novität um jeden Preis, sondern vielmehr Qualität und bibliophile Rarität, denn TITAN sollte in der Heyne-Reihe „Science Fiction Classics“ erscheinen. Folglich konnten Erzählungen enthalten sein, die schon einmal in Deutschland woanders erschienen waren, aber zumeist nicht mehr greifbar waren. TITAN sollte nach dem Willen des deutschen Herausgebers Wolfgang Jeschke ausschließlich Erzählungen in ungekürzter Fassung und sorgfältiger Neuübersetzung enthalten. Mithin war TITAN von vornherein etwas für Sammler und Kenner, aber auch für alle, die Spaß an einer gut erzählten phantastischen Geschichte haben.

_Die Herausgeber _

1) _Wolfgang Jeschke_, geboren 1936 in Tetschen, Tschechei, wuchs in Asperg bei Ludwigsburg auf und studierte Anglistik, Germanistik sowie Philosophie in München. Nach Verlagsredaktionsjobs wurde er 1969-1971 Herausgeber der Reihe „Science Fiction für Kenner“ im Kichtenberg Verlag, ab 1973 Mitherausgeber und ab 1977 alleiniger Herausgeber der bis 2001 einflussreichsten deutschen Sciencefiction-Reihe Deutschlands beim Heyne Verlag, München. Von 1977 bis 2001/02 gab er regelmäßig Anthologien – insgesamt über 400 – heraus, darunter die einzigen mit gesamteuropäischen Autoren.

Seit 1955 veröffentlicht er eigene Arbeiten, die in ganz Europa übersetzt und z.T. für den Rundfunk bearbeitet wurden. Er schrieb mehrere Hörspiele, darunter „Sibyllen im Herkules oder Instant Biester“ (1986). Seine erster Roman ist „Der letzte Tag der Schöpfung“ (1981) befasst sich wie viele seiner Erzählungen mit Zeitreise und der Möglichkeit eines alternativen Geschichtsverlaufs. Sehr empfehlenswert ist auch die Novelle „Osiris Land“ (1982 und 1986). Eine seiner Storysammlungen trägt den Titel „Schlechte Nachrichten aus dem Vatikan“.

2) Der Werbefachmann, Autor, Literaturagent und Herausgeber _Frederik Pohl_, geboren 1919 in New York City, ist ein SF-Mann der ersten Stunde. Noch vor dem Zweiten Weltkrieg gehörte er der New Yorker „Futurian Science Literary Society“ an, bei der er er seine späteren Kollegen Isaac Asimov und Cyril M. Kornbluth kennenlernte. Von 1940-41 war er Magazinherausgeber, wandte sich dann aber dem Schreiben zu.

Als er sich mit Kornbluth zusammentat, entstanden seine bekanntesten Romane, von denen der beste zweifellos „The Space Merchants“ (1952 in „Galaxy“, 1953 in Buchform) ist. Er erschien bei uns unter dem Titel „Eine Handvoll Venus und ehrbare Kaufleute“ (1971). Darin kritisiert er auf bissige, satirische Weise die Ausbeutung des Weltraums. Ebenso erfolgreich ist seine Gateway-Trilogie, die zwischen 1977 und 1984 erschien und von denen der erste Band drei wichtige Preise einheimste.

_Die Erzählungen_

_1) Algis Budrys: |Die integrierten Menschen| (|Congruent People|)_

Dexter Bergenholm geht wie jeden Tag, von seiner Frau Miriam verabschiedet, aus dem Haus Richtung Büro. Doch diesmal bemerkt sein Unterbewusstsein am Kiosk mit den Tageszeitungen etwas Merkwürdiges: Ein Mann gibt dem Verkäufer eine Zeitung und bekommt dafür ein Geldstück. Als sein Bewusstsein endlich geruht, davon Notiz zu nehmen, schrillen die Alarmglocken: Müsste es nicht normalerweise umgekehrt sein?!

Bergenholm kauft die dem Verkäufer gegebene Zeitung und vergleicht sie mit der üblichen Ausgabe der „New York Times“. Es gibt einige gravierende Unterschiede. Doch war ist auf der abweichenden Ausgabe von „Stufe eins“ die Rede? Und wieso ist der Wetterbericht bis auf die Minute genau?

Als er dem Mann folgt, sieht er ihn in einen Lieferwagen steigen, der aber innen wi ein Bus ausgestattet ist. Am nächsten Morgen wiederholt sich der Vorgang, doch diesmal folgt Bergenholm dem Mann in den getarnten Buss. Der Mann begrüßt ihn mit seinem Namen, Bergenholm, stellt sich als Indoktrinator vor und lädt ihn zu einem Gespräch ein.

Wie sich zeigt, gehört der Mann zu einer Gruppe von Leuten, die sich dem gewohnten Einerlei der Wirklichkeit, eben der Stufe eins, entzogen haben und sozusagen mitten unter uns eine parallele Gesellschaft aufgebaut haben, damit sie besser und freier leben können. Doch der Mann stellt Bergenholm vor eine Alternative: Bergenholm soll ohne seine Frau auf die Stufe zwei gelangen, und das ist natürlich ein Problem. Aber nicht lange, wie sich herausstellt …

|Mein Eindruck|

Der Stil von Algis Budrys ist stets ein wenig unterkühlt, entbehrt aber nicht des Witzes. Für die Fünfziger Jahre typisch war die von Senator McCarthy geschürte Angst vor einer kommunistischen Unterwanderung. Leben die Spione (wie die verurteilten Rosenbergs) wirklich unerkannt unter uns, Leute wie du und ich, fragten sich die braven Bürger damals. Und brav war jeder, der sich den Regeln konform verhielt. Die „Regeln“ wurden allerdings von anderen aufgestellt, von Schiedsrichtern des Geschmacks ebenso wie von den diversen Gesetzgebern und Moralwächtern. Nicht ohne Grund erlebte die Zensur eine Blütezeit, die erst 1968 endete.

Bergenholm ist so ein braver Bürger. Seine Frau passt auf, dass an ihm alles regelkonform aussieht. Doch er ist anders, sonst würde er nicht bemerken, wie ein Zeitungskauf nicht regelkonform abläuft. Und er würde auch nicht in den getarnten Bus steigen, um den Verdächtigen zu beschatten. Am Schluss löst sich die potenziell gefahrvolle Aktion jedoch in reines Wohlgefallen auf, pointiert mit einem Witz. Doch im Leser bleibt, wie beabsichtigt, der Verdacht: Was wäre, wenn es wirklich eine Parallelgesellschaft gäbe, die uns von der „Stufe eins“ um Längen voraus wäre?

_2) Hal Clement: |Der kritische Faktor| (|Critical Factor|)_

Halbflüssige Wesen, die im Untergrund unserer Erde leben, haben gerade ein kleines Problem: Eroberer aus dem Norden bedrohen ihr Territorium. Ein Späher namens Pentong kehrt aus der Antarktis zurück und berührt den Ältesten, um zu berichten, was er dort gefunden hat: Eine Schicht über dem Gestein, die durch heißes Magma in Ozean verwandelt wird – im Klartext: Eis.

Was Pentong vorschlägt, ist revolutionär: Man könnte durch Eisschmelzen doch den Ozean so weit ausbreiten, dass der für die Untererdbewohner giftige Sauerstoff nicht mehr an das Erdreich gelangen könnte. Mithin würde sich ihr Lebensraum vergrößern.

Eigentlich eine geniale Idee. Doch Derel der Denker bezweifelt ihre theoretische Grundlage ebenso wie die praktische Ausführung. Er stellt ein paar Experimente mit dem Verhalten von Flüssigkeiten in Hohlräumen an und stößt auf eine neue unheimliche Kraft, die ihn fast das Leben kostet: Schwerkraft!

|Mein Eindruck|

Die rein naturwissenschaftlich orientierte Story erzählt, wie so viele von Clements Storys, von Alien mit fremden Naturgesetzen und fremdartigem Denken. Doch das hindert sie nicht daran, allgemeingültige Gesetze zu entdecken, die auch uns vertraut sind – Schwerkraft beispielsweise.

Die Tatsache, dass die Anderen das uns Vertraute erst entdecken, führt uns wiederum die Besonderheit des Phänomens vor Augen. Schwerkraft, so lernen, ist nichts, das wir für selbstverständlich und allgegenwärtig halten sollten. Denn stets gilt der Grundsatz: Alles ist relativ.

_3) Jerome Bixby: |Schöner leben| (|It’s a Good Life|, 1953)_

Peaksville lag vor vier Jahren in Ohio, doch wo es jetzt liegt, ist seinen Bewohnern unbekannt. Denn kurz hinter den letzten Häusern beginnt das Nichts. Nur hinter dem Haus der Fremonts liegen ein Maisfeld, eine Weide und ein schattiger Baum. Doch wer die Fremonts besucht, so wie jetzt Bill Soames mit seinen Kolonialwaren, der bangt um sein Leben. Zumindest aber um seine geistige Gesundheit. Denn bei den Fremonts lebt Anthony. Er dringt in Gedanken ein und kann Leute verschwinden lassen. Man sollte ihn besser nicht verärgern, haben alle gelernt. Und niemals darf ein Kind sich zur Farm verirren. Ein verschwundenes Kind ist Lektion genug.

Bill Soames ist froh, wieder unbeschadet von dannen radeln zu können. Doch abends kommt es zu einem Eklat. Dan Hollis‘ Geburtstag feiern die Dorfbewohner im Wohnzimmer der Fremonts, und einer spielt Klavier. Doch als Dan sich spätabends darüber ärgert, dass er seine ihm geschenkte Schallplatte nicht abspielen darf und zu singen anfängt, erscheint Anthony, und Totenstille tritt ein. Er nennt Dan einen „bösen Mann“, tut etwas Furchtbares mit ihm und lässt ihn verschwinden.

Wieder eine Lektion gelernt. Während alle die Frau von Dan Hollis zum Verstummen bringen und festhalten, verschwindet Anthony nach zwei Stunden wieder. Wer hätte gedacht, dass ein Dreijähriger so ein Tyrann sein kann …

|Mein Eindruck|

Eine Teufelsgeschichte! Diesmal mit einem der in den fünfziger Jahren so beliebten Mutanten. (Es wird keine Ursache für die Mutation angegeben, auch kein Atomkrieg.) Geschildert wird eine wahre Hölle, über die ein Einziger mit der Macht über Leben und Tod herrscht. Leider ist das Kind völlig unzurechnungsfähig.

Aber darum geht es eigentlich nicht. Wie der Titel schon andeutet, richtet der Autor sein Augenmerk nur en passant auf Anthonys Launen und konzentriert sich vielmehr auf die Bedingungen für das friedliche Überleben in dieser Hölle. Erstaunlicherweise sind zwar einige unzufrieden mit den Bedingungen, doch sie dürfen es niemals laut sagen. Stets müssen sie sagen, alles sei gut, prächtig oder schön, um nur den Tyrannen nicht zu verärgern (wie Dan Hollis). Außerdem versuchen sie nichts zu denken, denn der Tyrann ist ja bekanntlich ein Gedankenleser, der sogar geistige Strafmaßnahmen verhängen kann, wie bei seiner Tante Amy.

Die Geschichte ist leicht als Metapher für jedes repressive System zu deuten, sei es nun ein faschistisches, ein stalinistisches, feudalistisches oder ein kapitalistisches. Die Gedanken- und Verhaltenskontrolle ist bereits verinnerlicht, sodass es nur selten zu Verstößen gegen die Konformität kommt. Flucht wäre ja auch sinnlos, denn draußen wartet nur das Nichts. Der Autor hat eine Versuchsanordnung geschildert. Man kann den einen oder anderen Faktor ersetzen, beispielsweise Anthony durch einen Mann der Kirche, aber das Ergebnis bleibt immer das gleiche: Es ist eine Hölle.

_4) Isaac Asimov: |Ein so herrlicher Tag| (|It’s Such a Beautiful Day|)_

Der neuartige Materietransmitter ist endlich auch für den Personentransport geeignet und wird als T-Tür eingebaut. Das kalifornische Wohngebiet A-3 ist in dieser Hinsicht Vorreiter: Alle seine Gebäude inklusive der Schule verfügen über T-Türen, und die gewöhnlichen, manuell bedienbaren Türen (mit einfachem T) werden als „Notausgang“ bezeichnet.

Als Mrs. Hanshaw von der Lehrerin Miss Norris also einen Beschwerdeanruf wegen Richard Hanshaw, ihrem Sohn, bekommt, ist sie also höchst erstaunt: Ihr Dickie soll eine volle Stunde zu spät zum Unterricht erschienen sein?! Es muss sich wohl um einen schlechten Scherz handeln, den sie sich selbstredend verbittet.

Doch als Richard auch nicht zur vorgesehenen Rückkehrzeit um 15:00 Uhr per T-Tür erscheint, beginnt sich Mrs. Hanshaw Sorgen zu machen und zu grübeln. Heute Morgen war die T-Tür defekt, und Richard ging zu den Nachbarn, um deren T-Tür zu benutzen. Das hat aer aber offenbar nicht getan. Was ist bloß in den Jungen gefahren? Inzwischen war der Reparateur da und hat eine Pentode ausgewechselt, die den Feldgenerator steuert.

Richard kehrt zurück – durch den Notausgang! Und wie er nur aussieht! Von oben bis unten verdreckt und bestimmt voll schrecklicher Krankheitskeime. Ab, Marsch ins Bad mit ihm! Eins ist klar: Wie Miss Norris vorschlug, ist Richard wohl ein Fall für die Psychosonde. Aber man darf selbstverständlich kein Aufsehen erregen und muss auf Diskretion achten. Man könnte sonst zum Gespött der Nachbarschaft werden. Also geht Mrs. Hanshaw zum Hirnklempner, einem Psychotherapeuten namens Sloane.

Wohl wegen seines geringen Alters von knapp 40 Jahren lehnt Sloane es strikt ab, Richard einer Psychosondierung zu unterrichten. „Ein traumatisches Erlebnis für einen jungen Menschen“, warnt er. Vielmehr nimmt er Richard mit auf einen Spaziergang – nach draußen! Mrs Hanshaw ist fassungslos.

Richard zeigt Sloane die unbekannten Wunder des Draußen: grünes Gras, blauer Himmel, ein Bach, Insekten und bunte Vögel. Hier hat sich also der Junge die Zeit vertrieben. Und wenn er es recht bedenkt, findet Sloane es recht bedenklich, wenn ein Mensch in einer T-Tür erst in seine atomaren Bestandteile zerlegt und dann auf der Gegenseite wird zusammengesetzt wird …

|Mein Eindruck|

Die Idee des Materietransmitters ist schon ziemlich alt, beinahe unmöglich zu realisieren, wurde aber ungezählte male in der Sciencefiction eingesetzt. Bei John Brunner ersetzen Transmitter die Raumfahrt (vgl. „Die Sonnenbrücke“ und „Verbotene Kodierungen“). Doch während bei Brunner ein Kniff der Dimensionsmathematik den Durchtritt erlaubt, greift Asimov das Problem als Materie-Auflösung und -Zusammensetzung auf.

Wie er richtig sagt, ist das Verfahren schweineteuer, energieintensiv und obendrein gefährlich. Wie leicht könnte beim Berechnen der Zusammensetzung ein Hard- oder Softwarefehler auftreten? So einfach geht das „Beamen“ also nicht. Doch die Technik ist gar nicht der Schwerpunkt der Geschichte: Es geht um die veränderte Psyche.

Mrs Hanshaw kennt das Draußen gar nicht mehr als Lebensraum: Es kommt ihr so gefährlich vor wie uns der Weltraum. Ganz im Gegensatz zu Sohnemann Richard: Er entdeckt die vielfältigen Freuden, die das Draußen für den langsamen Betrachter bereithält. Daher: Zurück zur Natur!

_5) Henry Kuttner: |Tyrell der Erlöser| (|A Cross of Centuries|)_

Im Jahre 5000 ist Tyrell bekannt als der Reine Gesalbte, der Messias des Friedens, der Güte und der Liebe Gottes. Doch er lebt bereits 2000 Jahre und muss sich alle hundert Jahre einer Auffrischung seines Gedächtnisses unterziehen. Dies erfolgt mit Hilfe einer Maschine, die im Bergkloster von Abt Mons (= Berg) verborgen ist.

Auch diesmal kommt Tyrall zusammen mit seiner 300 Jahre alten, aber wie eine Zwölfjährige aussehende Jüngerin Nerina ins Bergkloster. Vor dem Teich der Wiedergeburt legt er seine wenigen Kleider und seine Schuhe ab und badet darin. Nur Nerina scheint zu bemerken, wie sehr sein Gedächtnis nachgelassen hat.

Am nächsten Morgen erzählt der runderneuerte Tyrell seiner erstaunten Anhängerin detailreich von der alten Zeit, die er damals zu überwinden geholfen habe. Der Anti-Christ sei umgegangen und habe die Tier-Menschen aufgestachelt, auf Tausenden von Welten habe Brudermord geherrscht. In der Tat ist Tyrell das einzige Wesen aus jener Zeit, das immer noch am Leben ist, um sich daran zu erinnern.

Am zweiten Morgen findet man die erwürgte Leiche eines Mönchs. Das Entsetzen unter den Brüdern ist ebenso groß wie bei Tyrell und Nerina. Wie kann es einen Akt der Gewalt nach acht Jahrhunderten Frieden geben? Doch als nerina in der folgenden Nacht einen Schrei hört und auf den Gang vor der Klosterzelle eilt, entdeckt sie zu ihrer Bestürzung Tyrell mit einem blutigen Messer in der Hand.

Wie kann es sein, dass er getötet hat, fragt sie sich und berät sich mit Abt Mons. Schier sprachlos vor Schrecken stammelt Mons etwas davon, wie die Maschine funktioniert. Es muss zu einem Fehler gekommen sein. Oder die Mönche habe ihre Arbeitsweise nicht richtig verstanden. Doch am Ende ahnt Nerina, worin ihre Pflicht besteht, um Tyrell zu erlösen. Sie nimmt das immer noch blutige Messer …

|Mein Eindruck|

Einmal ist die Religion die Zielscheibe von Autoren der fünfziger Jahre (siehe auch die zwei Auswählbände von H.J. Alpers bei Bastei-Lübbe). Der Profi-Autor Henry Kuttner, Gatte der Autorin Catherine L. Moore, schreibt in seiner Story das Leben des Messias einfach in die Zukunft vor. Er stellt nicht die Funktion eines solchen Gesalbten in Frage, wohl aber die Wahrheit, die mit dieser Figur verknüpft wird.

Anders als von den Mönchen angenommen, wird Tyrells Gedächtnis nicht jedesmal gelöscht, wenn er die Maschine benutzt, sondern nur in die Tiefe des Bewusstseins verdrängt. Mittlerweile sind es – nach 2000 Jahren – 20 Schichten. Es ist etwas schiefgegangen: Statt Neues zu speichern, hat sich das uralte Unterbewusstsein gemeldet: Mit tödlichen Folgen.

Tyrell gesteht es nur Nerina: Er war selbst jener Anti-Christ, der vor fast tausend Jahren die Menschen abschlachtete, damit sie ihn zu fürchten lernten. Nur so führte er den allgemeinen Frieden herbei, nicht mit der Sanftmut von Lämmern, sondern mit der Pranke des Löwen.

Der Autor stellt also die Botschaft Christi infrage und behauptet im Gegenteil, dass nur Stärke und sogar Vernichtung den Frieden herbeiführen könne. Das ist eine sehr kontrovers zu diskutierende Aussage. Und am Schluss eine messianische FRAU vorzustellen, dürfte die Gemüter im Vatikan ebenfalls nicht gerade beruhigt haben.

_6) Damon Knight: |Einer muss der Dumme sein| (|Idiot Stick|)_

Das Raumschiff der galaktischen Föderation landet in New Jersey. Die Aliens, lautet spindeldürre Kerle, verteilen Kapseln, die dem Empfänger ein intensives Glücksgefühl vermitteln. Kein Wunder, dass die Aliens nicht nur mit Wohlwollen, sondern mit einem Ansturm von Glücksbedürftigen empfangen werden.

Die Fremden wollen eine friedliche Niederlassung zu Studienzwecken bauen. Natürlich sind Zehntausende bereit, das Gelände dafür zu ebnen und das Gebäude zu errichten. Der Lohn besteht ja in den begehrten Glückskapseln. Jeder kriegt einen Stecken, der auf wundersame Weise den Boden einebnet und asphaltiert. Baker und Cooley sind sich einig, dass dies ein „Dummenschwengel“ sei – und sie, als Arbeiter, die Dummen. Die Dinger lassen sich nicht einfach nachbauen.

Wochen später, entdeckt ein Reporter vom Star-Ledger in New Jersey den Sprecher der Fremden betrunken in einer Bar. Der Sprecher lallt etwas von Mitleid. Mitleid mit wem? Mit den armseligen Menschen und ihrem nichtswürdigen Planeten. Solches Gerede macht den Reporter erst stutzig, dann wütend. Dan rückt der Sprecher, der voll auf Aspirin abfährt, mit der Sprache heraus: Das Gebäude werde ein Bohrloch verdecken, in welches man einen Sprengsatz einführen werde, der im Erdinnersten zünden solle. Puff, und Terra wird eine Staubwolke. Welchselbige man zur Abwehr einer möglichen Invasion benötige. Von wem ist leider nicht zu erfahren.

Wenige Tage später erobert ein wütender Mob das fremde Raumschiff und erschlägt alle Aliens – mit dem Dummenschwengel. Es kommt eben darauf an, an welchem Ende davon man sich jeweils befindet, meint Baker.

|Mein Eindruck|

Würde so eine Invasion funktionieren, fragen sich Baker und Cooley. Ohne Weiteres, meinen sie – und das meine ich auch. Es findet sich immer ein Idiot, der für ein bisschen momentanes Glücksgefühl sein Erstgeburtsrecht für ein Linsengericht verkaufen würde (vgl. dazu die Bibelgeschichte von Jakob und Esau, den Söhnen Isaaks, des Sohnes Abrahams).

Eine blutige Wendung nimmt die Story am Schluss: Für die Modifikation des fremden Allzweck-Stocks mussten in zehntausend Versuchen zehntausend Menschen ihr Leben lassen. Ist das also der Preis des Überlebens? Wenn das so ist, so die Aussage, dann ist der Preis keineswegs zu hoch. Dieses Prinzip sollte man aber tunlichst nicht auf Atombomben anwenden …

_7) Robert Silverberg: |Kolonist Wingert in der Klemme| (|Company Store|)_

Kolonist Roy Wingert ballert wild um sich, um die Kreaturen zu vernichten, die es auf ihn abgesehen haben. Er ist sauer, denn die terranische Kolonisationsbehörde hatte behauptet, dieser Kontinent wäre frei von solchem Kroppzeug. Da hört er eine Stimme hinter sich: „Darf ich Ihnen einen Taschenfeldgenerator anbieten, mit dem sie ein Sperrfeld errichten können?“ Aber immer doch! Das Feld hält die Viecher fern.

In der Verschnaufpause stellt sich der Besucher: ein Verkaufsroboter aus der Kleinen Magellanschen Wolke. Klingt harmlos, aber als der Blechkumpel verrät, er habe diese aggressiven Viecher extra zu diesem Verkaufszweck hierhergeschafft, bringt ihm das nicht gerade Pluspunkte ein. Wingert findet, der Robot müsste noch einiges über Verkaufsmethoden lernen. Er sagt ihm, er soll sich verziehen.

Wingert aktiviert den hier deponierten Materietransmitter und nimmt Verbindung mit der Erde auf, um Rasierklingen zu bestellen. Er kriegt eine Transportrechnung über 50 Dollar bei einem Warenwert von 1 Dollar. Moment mal! Doch seine Beschwerde wird abgeschmettert: Steht alles im Vertrag – Luxusgüter werden extra berechnet. Die Rückgabe kostet natürlich ebenso viel. Und bei der Konkurrenz dürfe er natürlich keinesfalls kaufen. Steht auch im Vertrag. Darauf steht eine Konventionalstrafe. Wingert rechnet aus, dass der Vertrag dafür sorgt, dass er bis zu seinem Lebensende in der Schuld der Company stehen wird. So sieht also moderne Sklaverei aus.

Der Roboter, der ihm das Enthaarungsgel angeboten hat, besteht jedoch seinerseits ebenfalls auf dem Kauf. Würde er seine Quote nicht erfüllen, würde man ihn demontieren. Mit gezücktem Desintegrator besteht der Robot darauf, dass Wingert den Feldgenerator bezahlt und mehr kauft. Das bringt den Kolonisten auf eine brillante Idee. Er stellt Kontakt mit der Erde her …

|Mein Eindruck|

Die Erfindung der Schuldknechtschaft liegt schon ein paar Jährchen zurück. Mehrere Jahrtausende, um genau zu sein. Und wie dem „Menschenhandel“-Buch von E. Benjamin Skinner zu entnehmen ist (ISBN 978-3-7857-2342-5; siehe meinen Bericht), ist diese Form der Sklaverei in vielen Gegenden der Welt noch so verbreitet, dass noch Millionen Menschen darunter leiden müssen.

Kolonist Wingert blickt jedoch auf Erfahrung mit Verkaufstypen wie dem Roboter zurück und kann dessen Drohung kühl hinnehmen, gibt sie ihm doch ein handfestes Argument gegenüber der Terra-Kolonisationsgesellschaft in die Hand: Was sich jetzt angesichts der Drohung als „lebensnotwendig“ (und nicht etwa ein Luxusartikel) ist, ist schlicht und ergreifend Geld. Und wenn die Company keines schickt, stellt das einen Vertragsbruch dar.

Es kommt, wie es kommen muss. Nach dem Vertragsbruch zerreißt Wingert das wertlose Papier und erklärt sich per Siedlerrecht zum Besitzer dieses Planeten. Eine ganze neue Verhandlungsposition für Wingert. Man sieht also, dass die Story einen gewissen Yankee-Witz verrät, einen Sinn für die praktischen Erfordernisse des Überlebens. Zum Beispiel Kaltschnäuzigkeit.

_Unterm Strich_

Während sich die meisten Beiträge dieser Storyauswahl mit den zeitbedingten Phänomenen beschäftigen, ragt Henry Kuttners Erzählung über den falsch programmierten Messias haushoch darüber hinaus. Profis wie Silverberg und Asimov mögen handwerklich top sein, doch Kuttner ist ihnen inhaltlich, wie auch stilistisch weit überlegen. Es ist nicht auszuschließen, dass seine Frau C.L. Moore daran mitgeschrieben hat. Die beiden benutzten auch viele Pseudonyme, um gemeinsame Arbeiten zu verkaufen.

Asimov greift die absehbaren Folgen der Verstädterung auf, Silverberg die Schuldknechtschaft in vielen Ländern, Budrys hingegen ist noch unter dem Eindruck der Kommunisten-Infiltration – so als könne ein Volk unterwandert werden. Hinter der öffentlichen Fassade existiert eine andere Welt. Ebenso auch in Bixbys kritischer Story über den dreijährigen Mutanten Anthony. Offensichtlich griffen mehrere Autoren die bürgerliche Fassade an. Doch nur Kuttner traute sich, das religiöse Fundament anzutasten.

Für den deutschen SF-Leser des Jahres 1976 waren diese Originalbeiträge – allesamt Erstveröffentlichungen von 1953 – willkommenes Lesefutter, um sich einen Überblick über die Entwicklung des Genres in den fünfziger Jahren zu verschaffen. Der Erfolg des TITAN-Formats mit seinen etwa zwei Dutzend Bänden gab Herausgeber Jeschke Recht. Auch die sorgfältige Übersetzung trägt noch heute zum positiven Eindruck bei. Ich fand nur einen einzigen Druckfehler.

|Taschenbuch: 143 Seiten
Im Original: Star Science Fiction 3+4, 1953, 1954, 1958 und 1959/1977
Aus dem US-Englischen von Walter Brumm und Horst Pukallus
ISBN-13: 978-3453304260|
[www.heyne.de]http://www.heyne.de

Wolfgang Jeschke, Robert Silverberg – Titan-6

Mit Tweel durch die Wüsten des Mars

Die Großen der Science-Fiction werden mit ihren Meisterwerken bereits in der sogenannten „Science Fiction Hall of Fame“ verewigt, welche natürlich in Buchform veröffentlicht wurde (statt sie in Granit zu meißeln). Daher können Freunde dieses Genres noch heute die ersten und wichtigsten Errungenschaften in der Entwicklung eines Genres nachlesen und begutachten, das inzwischen die ganze Welt erobert und zahlreiche Medien durchdrungen hat.

In der vorliegenden Ausgabe des Auswahlbandes Nr. 6 von „Titan“, der deutschen Ausgabe der „SF Hall of Fame“, sind Novellen von Heinlein, Lester del Rey und Stanley G. Weinbaum und John W. Campbell gesammelt.

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