Schlagwort-Archive: Brian W. Aldiss

Brian W. Aldiss – Helliconia: Frühling (Helliconia 1)

Auftakt zur besten Planeten-Trilogie der SF

Der erste Band der Trilogie, die als ein zusammenhängender Roman zu lesen ist, stellt das komplizierte Doppelsternsystem vor, das den Schauplatz des dramatischen Geschehens um Klimawandel und Kulturfolgen auf der Welt Helliconia darstellt. Eine Raumstation verfolgt das geschehen und berichtet der weit entfernten Erde davon: Dies ist ihr Bericht. In der Einleitung lernen wir einen der Helden kennen: Yuli, den abtrünnigen Priester, der zum Gründer der Stadt Oldorando wird. Doch verhilft neues Denken der menschlichen Rasse auch zu erfolgreichem Überleben?
Brian W. Aldiss – Helliconia: Frühling (Helliconia 1) weiterlesen

Wolfgang Jeschke, Brian W. Aldiss (Hrsg.) – Titan-19

Bringt die Pferde ins Raumschiff! Galaktische Imperien – Teil 2

In der vorliegenden Ausgabe des Auswahlbandes Nr. 19 von „Titan“ sind nicht Beiträge zur „Science Fiction Hall of Fame“ ges<ammelt, sondern klassische SF-Erzählungen der 1950er Jahre – Thema sind „Galaktische Imperien“. Dies ist der zweite von vier TITAN-Bänden zu diesem Thema.

Die Kriterien der deutschen Bände waren nicht Novität um jeden Preis, sondern vielmehr Qualität und bibliophile Rarität, denn TITAN sollte in der Heyne-Reihe „Science Fiction Classics“ erscheinen. Folglich konnten Erzählungen enthalten sein, die schon einmal in Deutschland woanders erschienen waren, aber zumeist nicht mehr greifbar waren. TITAN sollte nach dem Willen des deutschen Herausgebers Wolfgang Jeschke ausschließlich Erzählungen in ungekürzter Fassung und sorgfältiger Neuübersetzung enthalten. Mithin war TITAN von vornherein etwas für Sammler und Kenner, aber auch für alle, die Spaß an einer gut erzählten phantastischen Geschichte haben.

Die Herausgeber

1) Wolfgang Jeschke, geboren 1936 in Tetschen, Tschechei, wuchs in Asperg bei Ludwigsburg auf und studierte Anglistik, Germanistik sowie Philosophie in München. Nach Verlagsredaktionsjobs wurde er 1969-1971 Herausgeber der Reihe „Science Fiction für Kenner“ im Lichtenberg Verlag, ab 1973 Mitherausgeber und ab 1977 alleiniger Herausgeber der bis 2001 einflussreichsten deutschen Sciencefiction-Reihe Deutschlands beim Heyne Verlag, München. Von 1977 bis 2001/02 gab er regelmäßig Anthologien – insgesamt über 400 – heraus, darunter die Einzigen mit gesamteuropäischen Autoren.

Seit 1955 veröffentlicht er eigene Arbeiten, die in ganz Europa übersetzt und z.T. für den Rundfunk bearbeitet wurden. Er schrieb mehrere Hörspiele, darunter „Sibyllen im Herkules oder Instant Biester“ (1986). Seine erster Roman ist „Der letzte Tag der Schöpfung“ (1981) befasst sich wie viele seiner Erzählungen mit Zeitreise und der Möglichkeit eines alternativen Geschichtsverlaufs. Sehr empfehlenswert ist auch die Novelle „Osiris Land“ (1982 und 1986). Eine seiner Storysammlungen trägt den Titel „Schlechte Nachrichten aus dem Vatikan“.

2) Brian W. Aldiss (*1925) ist nach James Graham Ballard und vor Michael Moorcock der wichtigste und experimentierfreudigste britische SF-Schriftsteller. Während Ballard nicht so thematisch und stilistisch vielseitig ist, hat er auch nicht Aldiss‘ ironischen Humor.

Aldiss wurde bei uns am bekanntesten mit seiner Helliconia-Trilogie, die einen Standard in Sachen Weltenbau in der modernen SF setzte. Das elegische Standardthema von Aldiss ist die Fruchtbarkeit des Lebens und die Sterilität des Todes. Für „Hothouse“ bekam Aldiss den HUGO Award. Er hat auch Theaterstücke, Erotik, Lyrik und vieles mehr geschrieben.

Die Erzählungen

1) Cordwainer Smith: „Das Verbrechen und der Ruhm des Kommandanten Suzdal“

Kommandant Suzdal ist ein Erforscher fremder Welten und dringt diesmal ans andere Ende der Galaxis vor, vielleicht sogar darüber hinaus. Natürlich ist er nicht die ganze Zeit wach, sondern lässt künstliche, in Würfeln gespeicherte Persönlichkeiten wie etwa Sicherheitsoffiziere den Flug seines Einmannschiffes überwachen.

Als sie ihn wecken, ist die Kacke bereits am Dampfen: Die Außenhülle des Schiffes leidet unter einer Invasion fremder Wesen, die männlichen Menschen verblüffend ähnlich sehen. Es handelt sich um Arachosianer, deren Welt ausschließlich von Männern bewohnt wird. Nach der Auslöschung allen weiblichen Lebens auf ihrer Welt infolge Strahlung haben sie im Laufe ihrer gesellschaftlichen und biologischen Evolution einen Hass auf alle Menschen entwickelt, die von Frauen geboren wurden. Deshalb greifen sie Suzdals Schiff an.

Was tun? An diesem Punkt folgt nun das wahrhaft kosmoserschütternde Verbrechen Suzdals: Er erschafft aus den Gendatenbanken eine Katzenrasse und schickt diese zwei Millionen Jahre in die Vergangenheit, von wo sie auf dem Mond von Arachosia allmählich Intelligenz entwickelt. Und weil er dieser Rasse Verehrung für „normale“ Menschen eingeprägt hat, kommt ihm nun ihre Flotte gegen die Arachosianer zu Hilfe.

Das mag zwar ein hübscher Trick sein, um sich aus der Patsche zu helfen, doch bringt es Suzdal trotzdem vors Kriegsgericht der Instrumentalität, die über die Erde und ihre Kolonien herrscht. Das Gericht nimmt ihm erst seinen Rang, dann sein Leben, schließlich aber seinen Tod, sodass er nach Shayol, dem Höllenplaneten, verbannt wird. Doch für die Klopten, jenen Katzenwesen vom Arachosia-Mond, ist er ein verehrungswürdiger Mensch, und dort währet sein Ruhm ewiglich.

Mein Eindruck

Auf recht ironische Weise arbeitet der Autor heraus, dass ein und dieselbe Tat sowohl Ruhm als auch Bestrafung einbringen kann. Dabei kommt uns diese Tat gar nicht mal so kriminell vor: Was soll daran so schlimm sein, eine Rasse zu erschaffen, indem man ihre Vorfahren in die Vergangenheit schickt? Witzig ist höchstens, dass es sich im Ergebnis um intelligente Katzen handelt, so als ob die Evolution nur lange genug müsste, um endlich Intelligenz hervorzubringen.

Was die bekannte Erzählung so besonders macht, ist die Art und Weise, wie sie erzählt wird. Das Urteil über Sudal wird praktisch schon vorweggenommen, obwohl wir noch gar nicht wissen, worum es sich bei seinem „Verbrechen“ handelt. Das steigert natürlich erstens die Spannung und fordert uns zweitens heraus, uns ein eigenes Urteil bilden zu wollen. Beide Effekte werden glänzend erreicht.

2) Alfred Coppel: „Der Rebell von Walkür“

Das Erste Imperium ging unter und das Interregnum, das ihm vier Generationen lang folgte, sorgte dafür, dass alles Wissen über die Technik, den Großen Vernichter, verlorenging – außer bei den Zauberern, die jeder aufrechte Krieger fürchtet. Doch zusammen mit den Kriegerkönigen der Äußeren Marken gelang es König Gilmer von der Erde, in der Schlacht von Kaidor die Abtrünnigen zu besiegen und das Zweite Imperium zu errichten, dessen Kaiser er wurde.

König Kieron von Walkür ist ein treuer Gefolgsmann des vor einem verstorbenen Kaisers gewesen. Doch seitdem herrscht die Kaisergattin Ivane über Höflinge und ihren schwachen Sohn, den Thronfolger Toran. Ihre Tochter Alys ist in Ungnade gefallen, wie Kieron unerfreut feststellen muss, als er bei Hofe um Steuernachlass bitten will. Er wird nicht einmal vorgelassen, sondern gedemütigt. Doch als er der Statue Gilmers in der Ahnengalerie seine Reverenz erweist, begegnet er Alys, die mittlerweile eine junge Frau von 20 Jahren ist. Und sie weiß ihn für sich zu gewinnen. Allerdings hat sie eine ganz spezielle Bitte …

Nach dem schmachvollen Abgang vom Hofe begibt sich Kieron mit seinen Kriegern an Bord seines Sternenschiffes zur Welt Kalgan, wo Freka der Unbekannte zum Aufstand gegen die Kaisergemahlin aufruft. Wie Alys ihn gebeten hat, weigert sich Kieron, sofort bei der Rebellion mitzumachen. Das bringt ihm das Misstrauen Frekas ein. Wenige Tage später taucht Alys in der Obhut seines besten Kämpfers Nevitta im Palast Frekas auf: Ihre kleine Intrige ist gescheitert und sie kann froh sein, den Schergen Ivanes entkommen zu sein. Was aber das Schockierende daran ist: Diese Schergen trugen das Wappen Kalgans! Und Toran wurde gemeuchelt!

Verrat innerhalb eines Verrats – das trägt die Handschrift Frekas und Ivanes, die unter einer Decke stecken. Besorgt um Alys, die Thronfolgerin, macht er sie zu seiner Geliebten und erklärt sie zur Kaiserin, der er den Treueid schwört. Kieron ist wütend und entdeckt einen weiteren Verräter in Frekas Festung: den Höfling Landor, seines Zeichens Erster Raumlord. Wenn es nach Kieron geht, hat er nicht lange zu leben. Also macht er sich an die Verfolgung, um herauszufinden, was Landor mit Freka zu besprechen hat …

Mein Eindruck

Angesichts der auffälligen Kombination von SF- und Fantasy-Elementen verblüfften mich die Parallelen zu Frank Herberts „Wüstenplanet“, wo ja auch SF-Technik in feudalistische Strukturen eingebettet ist. Gerüstete Ritter, die ihre Pferde an Bord riesiger Raumschiffe bringen, um sodann den Hyperraum zu durchqueren – man braucht schon viel Gläubigkeit an fantasievolle Szenen, um solche Szenarien zu goutieren.

Die Liebesgeschichte zwischen der jungen Alys und dem Recken Kieron ist nach dem Muster der dreißiger Jahre gestrickt: Sobald Alys, die stets modisch barbusig auftritt, Kaiserin geworden ist, steht sie weit über dem König Kieron – und muss ihm entsagen, denn er hat keine Absicht, der nächste Kaiser zu werden. Das ergibt jede Menge Herzschmerz, vor allem auf Seiten Alys‘.

Ein interessantes Element ist das Erwähnen von Robotern und Androiden. Und damit sei nur ein kleiner Hinweis auf die Pointe geliefert, die den finalen Showdown mit einer Überraschung krönt.

Wer hätte gedacht, dass ein späterer Mainstream-Autor von Agententhrillern wie „34° Grad Ost“ mal mit solchen Räuberpistolen anfing? Wer Alan Burt Akers oder die Marsromane von Tarzan-Erfinder Edgar Rice Burroughs mag, dem wird auch diese Novelle von berittenen Sternenkönigen gefallen.

3) Idris Seabright: „Sternenstaub fällt vom Himmel“

Die Menschheit hat Welt um Welt erobert, bis ein galaktisches Imperium entstanden ist. Doch dabei hat sie zahlreiche einheimische Völker unterdrückt, genau wie einst die Römer. Kerr ist ein Bewahrer von Leichen, die in seinem Gebäude aufbewahrt werden. Es sind in der Regel tote Vogelmenschen, die beiden Schaukämpfen in der Luft ums Leben gekommen sind. Bei den Kämpfen scheint ein Leuchten vom Himmel zu fallen.

Rhysha ist abends in sein Büro gekommen, um ihren gestorbenen Bruder auszulösen. Während sie die Formalitäten des Imperiums absolvieren, betrachtet er mit Entzücken ihre schlanke Gestalt in dem türkisfarbenen Federkleid. Er bietet ihr an, sie nach Hause zu begleiten, doch sie lebt in einem verrufenen Viertel, wo Menschen nicht gern gesehen sind. Auf dem nächtlichen Weg dorthin spuckt ein Bettler vor dieser Rassenschande aus – ein Mensch und ein „Extie“ zusammen!

Um Rhyshas Zweifel zu widerlegen, dass Menschen und Ngayir je zusammenleben könnten, singt er ihr eine Arie aus Mozarts „Zauberflöte“ vor, was sie sehr erfreut. Und später schenkt er ihr einen Halsanhänger mit einem Türkis daran. Er verspricht, für die Ngayir eine eigene Welt zu suchen.

Doch dieser Antrag wird abgewiesen und Kerr wird krank. Als er nach fünf Wochen zurück in sein Totenhaus kommt, sieht er, wer in der Konservierungsflüssigkeit liegt: Rhysha. Doch in dem Amulett, das er ihr schenkte, befindet sich ihre letzte Botschaft an ihn …

Mein Eindruck

Man könnte denken, die Sciencefiction sei auf einmal soziologisch geworden, aber die Erzählung liest sich dann doch nicht wie ein Traktat, sondern wie ein bittersüßes Drama, wie eine unerfüllte Liebesgeschichte. Und das i-Tüpfelchen würde dann der Titel liefern, der sich als bittere Wahrheit entpuppt.

Hinter der Romanze versteckt sich jedoch, wie der Schluss andeutet, knallharte wirtschaftliche Realität: Wer die – menschlichen – Massen nicht unterhält, muss verhungern. Dies sagt mehr über die Menschen aus als über die Fremdwesen. Die Menschen pflanzen sich so schnell fort, dass sie den Anderen den Lebensraum rauben müssen, um Platz für ihre Massen zu haben. Und alles, was den Fremdartigen zum Broterweb übrigbleibt, ist die Unterhaltung. Das war schon bei den amerikanischen Indianerhäuptlingen (unter ihnen sogar Geronimo) so, die in Buffalo Bills Wildwest-Show auftreten durften, um sich ein Gnadenbrot zu verdienen.

4) Clifford D. Simak: „Der Einwanderer“ (1954)

Selden Bishop, der zum Planeten Kimon fliegt, wird von allen Passagieren an Bord des Raumschiffs beneidet. Denn Kimon, zu dem seit rund hundert Jahren Kontakt besteht, ist immer noch eine Welt voller Geheimnisse. So lassen die Kimonianer nur die Intelligentesten unter den Erdlingen auf ihre Welt, doch von diesen Auserwählten erfährt man praktisch keine hilfreichen Informationen, wie man mit Kimon Handel treiben könnte. Die Menschen sind ein wenig frustriert, und so wurde auch Selden gebeten, mehr herauszufinden, das der Erde nützlich sein könnte: ein winziges Fitzelchen würde schon genügen, heißt es.

Selden hätte sich keine Sorgen zu machen brauchen, er habe zu wenig Geld mitgebracht. Seine Hotelsuite wird vom Staat bezahlt, ebenso die Drinks. Was ihn frustriert, sind nicht nur die überlegenden telepathischen und telekinetischen Fähigkeiten der wenigen Kimonianer, die er zu Gesicht bekommt. Nein, auch seine eigenen betriebswirtschaftlichen Kenntnisse sind überhaupt nicht gefragt. Jahre des Lernens umsonst! Wenigstens gibt es einen Lichtblick: Man kann Telepathie und Teleportation erlernen, wie die beiden Menschen Maxine und Monty demonstrieren.

Aber wie kann er etwas über die Bewohner dieses kahlen Planeten selbst erfahren? Ganz einfach: als Babysitter. Wie sich herausstellt, sind seine bescheidenen Fähigkeiten als Entertainer gefragt. Und so erzählt er den schönen Bewohnern mit ihren irdischen Namen – er können ihre wahren Namen ja doch nicht aussprechen – die Artuslegende. Als Clown fühlt er sich etwas unterfordert, aber es kommt ein Abend, da wird er im Stich gelassen und er bekommt erstmals einen erwachsenen Kimonianer zu Gesicht. Der entschuldigt sich für die unartigen Kinder.

Allmählich kommt Selden dahinter, was es mit der Beziehung zwischen Menschen und Kimonianern auf sich hat. Beide wollen voneinander lernen. Das Problem ist nur, dass sie von zwei ganz verschiedenen Enden des Spektrums kommen. Selden beschließt deshalb, noch einmal in die Schule zu gehen – in die der Einheimischen …

Mein Eindruck

Ich kenne keine einzige Erzählung von Clifford Simak, die unverständlich wäre. Und so ist auch „Der Einwanderer“ eminent lesbar, obwohl es um eine denkbar komplizierte Entwicklung geht. Denn stets muss der Ich-Erzähler Selden Bishop seinen eigenen Status revidieren. Er ist keinesfalls den Kimonianern ebenbürtig, aber auch nicht den weiterentwickelten Menschen. Außerdem muss er lernen, dass es schwer ist, den lädierten Stolz über diese Tatsache einzugestehen. Er kann nicht nach Hause schreiben, dass er nichts erfahren und nichts erreicht hat. Das lässt sein Stolz nicht zu – und auch nicht der aller anderen Menschen. Aus diesem Grund gibt es so wenige verwertbare Informationen über Kimon. Aus Scham.

Selden muss eine Fähigkeit erwerben, die es ihm ermöglicht, auf Kimon wieder ganz von vorne anzufangen: Demut. Dieser Entwicklung entspricht seine scheinbarer Abstieg: von der Uni zurück zur Oberschule und schließlich wieder im Kindergarten. Ohne hämische Ironie erzählt der klassische Autor, was nötig ist, um eine völlig fremde Kultur zu verstehen. Eine große Leistung.

5) James White: „Leibarzt“ (1961)

Dr. Conway ist Arzt mit einem Spezialgebiet: Fremdwesen. Sein Arbeitsort ist das Sector General Hospital, irgendwo im äußeren Spiralarm unserer Galaxis, und deshalb hat er täglich alle Hände voll zu tun. Selbst dann, wenn er auf die Hilfe eines Empathen, eines Alien-Chirurgen und weiterer Spezialisten zurückgreifen kann.

Diesmal hat er einen Patienten bekommen, der ihm Rätsel aufgibt. Das birnenförmige Wesen kommt aus der Andromeda-Galaxie und zwar an Bord eines Schiffes, das laut Logbuch ursprünglich zwei Passagiere hatte: den EPLH und seinen Leibarzt. Ist der Patient also nicht nur ein Mörder, sondern auch noch Kannibale? Das lässt Schlimmes befürchten, und folglich ist auch ein bewaffneter Leutnant von der Sektorüberwachung in der Nähe, der Conway über die Schulter schaut.

Zum Glück scheint der Patient bewusstlos zu sein. Das bietet Conway die Chance, sich bei anderen Andromedabewohnern umzuhören, den Ians. Als die Ianer seine Zeichnung sehen, fallen sie schier in Ohnmacht. Jedenfalls auf den Boden. Es handle sich um einen unsterblichen Gott, behaupten sie aufgeregt und beeilen sich, das göttliche Wesen zu bestaunen. Nach einer Weile weiterer Konsultaionen ergibt sich für Conway das Bild, dass sein Mörder und Kannibale nicht nur sehr langlebig ist, sondern auch noch instinktive Dominanzgelüste hegt. Na, prächtig.

Er macht dem Chefpsychologen O’Mara sein Dilemma klar: Entweder gehorcht er seinem hippokratischen Eid und versucht, den Patienten zu heilen, oder er riskiert die Übernahme der Station, wenn nicht sogar des Sektors durch den Fremdling. O’Mara gibt ihm trotzdem grünes Licht. Bei einer ersten Injektion reagiert der Patient wütend und aggressiv. Kein gutes Vorzeichen. Aber dennoch bereitet Conway die Operation vor. Vorsichtshalber trifft er sämtliche Vorsichtsmaßnahmen, und O’Mara wie auch der schussbereite Leutnant bleiben in seiner Nähe. Es kann losgehen …

Mein Eindruck

Dies ist eine der ersten Sector General-Stories, die James White über seine Weltraumärzte veröffentlichte. Er schrieb eine ganze Reihe von erfolgreichen Romanen darüber, und sie sind alle bei Heyne erhältlich (bzw. im modernen Antiquariat). Das Geheimnis dieses Erfolges ist nicht nur eine exzellente Schreibe, sondern zwei Faktoren: Exotik und scharfsinnige Ermittlung. Während die Aliens für jede Menge bizarre Exotik und Rätsel sorgen, muss Dr. Conway wie ein klassischer Sherlock Holmes seine grauen zellen anstrengen, um dem jeweiligen Rätsel und Problem auf den Grund zu gehen. Dabei stellen sich regelmäßig auch moralische Dilemmata ein, die es zu lösen gilt. Alles in allem stets eine runde Sache.

6) Hal Lynch: „Pensionsalter“

Tommy ist Captain in der Raumpatrouille. Nach einem weiteren glorreichen Einsatz gegen Aufständische auf Uriel kehrt er per Materiesender zu seiner Heimatwelt zurück. Rechtzeitig, um die Verabschiedung in den Ruhestand mitzuerleben, bei der Commander Croslake von Halligan abgelöst wird. Tommy hat kein Verständnis dafür, dass die Patrouille ihre Kommandeure so früh verabschiedet. Croslake ist gerademal 19 oder so, und er selbst erst 16.

Als er in der Zuschauermenge seinen älteren Bruder Billy, einen Lehrer, erspäht, fragt er ihn nach dem Sinn dieser Regelung. Der versucht es ihm zu erklären, aber Tommy kapiert kein Wort. Nur soviel, dass der nötige Idealismus flöten geht, sobald man das 15. Lebensjahr überschritten hat und erwachsen wird …

Mein Eindruck

Man könnte die Story als Fußnote der SF abhaken, wenn sie nicht ein Fünkchen Wahrheit enthielte: SF ist etwas für Jungs, vor allem dann, wenn sie nur auf Abenteuer, Romantik und Gewalt abgestellt ist. Alles andere ist für Erwachsene. Und weil die Raumpatrouille die Verkörperung dieser Ideale darstellt, duldet sie keine Erwachsenen in ihren Reihen. Q.E.D.

7) Pete Adams & Charles Nightinggale: „Pflanzzeit“

Randy Richmond ist ein Fernerkunder und somit lange allein unterwegs. Nur der kluge Multimedia-Computer hält ihn einigermaßen bei Laune. Um die Langeweile auf dem monatelangen Flug zu unterbrechen und etwas Rohstoffe zu sammeln, kommt ihm daher der Planet Rosy Lee gerade recht. Eingedenk des posthypnotischen Befehls, keinen Kontakt mit der einheimischen Bevölkerung aufzunehmen, landet Randy auf einer einsamen, anscheinend unbewohnten Insel.

Solch ein Bad im saphirblauen Ozean ist doch eine tolle Abwechslung! Aber wie staunt Randy erst, als er eine sich im Gras räkelnde Schönheit vorfindet, die einen betörenden Duft verströmt! Und da sie ihn schon so einladend anblickt, dauert es nicht lange, bis er sich in ihren Tiefen verliert. Als er wieder erwacht, ignoriert sie ihn jedoch hartnäckig. So wandert er weiter auf der Insel, bis er plötzlich ein weiteres einladendes Mädchen erblickt. Randy fackelt nicht lange. Doch nach dem Vergnügen kommt auch bei ihr der Frust: Sie ignoriert ihn abweisend. Auch bei einer dritten Schönheit ergeht es ihm nicht anders.

Nachdem er sich tüchtig ausgeschlafen hat und am nächsten Morgen aus der Luftschleuse schaut, entdecken seine entzückten Augen ein wahres Traumbild: ein ganzes Feld voller einladender Mädchen, die alle nur darauf aus zu sein scheinen, Gegenstand seiner amourösen Aufmerksamkeit zu werden. Randy, wieder erstarkt, macht sich sogleich ans Werk. Doch woher kommen diese Mädchen alle, und was führt sie alle zu ihm? Erst Stunden später entdeckt Randy zufällig die grausige Wahrheit.

Mein Eindruck

Dies ist weniger eine Story über willige junge Damen und einen Mann, der sie ruchlos ausnutzt, als vielmehr über einen Idioten, der nicht erkennt, was er vor sich hat: Pflanzen! Diese wundersame Art von Blume, deren Mimikry sich auf humanoide Lebensformen ausgerichtet hat, nennt sich Gigantiflora, was vor allem die Größe ihrer Knospen usw. erklärt. Natürlich sind die weiblichen Angehörigen der Spezies darauf aus, den Samen des symbiotischen Männchens zu erhalten UND den eigenen Pollen an ihre Artgenossinnen weiterzugeben. Ein Vorgang, der ausgezeichnet durch Kopulation zu bewerkstelligen ist.

Dies ist ebenfalls KEINE Horrorstory, wie man vielleicht meinen könnte, sondern sie hat ein tolles, ziemlich frivoles Happy-end. Randy sieht nämlich eine Marktlücke und wird zugleich Gärtner und Zuhälter. Was ganz im Sinne seiner Schützlinge ist, denen dieses Märchen vorgelesen wird …

Die Übersetzung

Heinz Nagel hat die Erzählungen wie auch die Einleitungen einwandfrei übersetzt, und so halten sich die allfälligen Druckfehler in Grenzen. Es gibt nur eine Ausnahme. Auf Seite 183 tut er in „Der Leibarzt“ etwas zuviel des Guten: “ …festgestellt, dass man noch eine weitere Person hätte an Bord sein müssen.“ Streicht man das Wörtchen „man“, erhält der Satz einen Sinn.

Unterm Strich

Mit den Beiträgen von Cordwainer Smith, Clifford Simak und James White enthält diese Auswahl drei hochkarätige und vielfach abgedruckte Erzählungen, die auch beim wiederholten Lesen wirklich unterhalten und zu überzeugen wissen. Zu beeindrucken weiß auch „Sternenstaub fällt vom Himmel“, während „Pensionsalter“ lediglich eine Fußnote darstellt.

Ein richtiges B-Movie der 1930er Jahre ist hingegen Alfred Coppels Sternendrama um Kieron von Walkür. Ebenso wie „Krieg der Sterne“ auf den SciFi-Serials der dreißiger Jahre à la „Buck Rogers“ (1939) basiert, die wiederum auf Conmicstrips der Jahre 1928-29 fußten, so nutzt auch Coppel die alten Versatzstücke, um dramatische Effekte zu erzielen. Mit dem Auftritt eines Androiden überwindet er die Klischees nur scheinbar, bereitet dem Leser aber eine hübsche Überraschung.

Eine frivole Extravaganz stellt hingegen die letzte Story „Pflanzzeit“ dar. Zu dem erotischen Inhalt passt ja auch der Name „Randy“, der im Englischen so viel wie „geil“ bedeutet. Es ist allerdings eine jener Stories, in der sich die Bewohner des fremden Planeten der Mimikry befleißigen, um von Humanoiden das zu bekommen, was sie brauchen. Etwa zur gleichen Zeit, nämlich im Jahr 1952, verursachte Philip José Farmer mit seiner erotischen Story „Die Liebenden“ (die er später zum Roman ausbaute) erhebliches Aufsehen im Genre, weil er einen Erdenmann eine eindeutig nichtmenschliche Frau lieben lässt, und zwar keineswegs nur platonisch. Anders als Farmers Liebende darf Randy Richmond ein Happy-end mit seinen floralen Damen erleben.

Dieses zweite Buch der vierteiligen Serie „Galaktic Empires“ soll nach dem Willen des Herausgebers Aldiss „Reife und Niedergang“ illustrieren. Richtig ist, dass sich die hier gezeigten Imperien auf der Höhe ihrer Macht befinden, die jedoch keineswegs unbestritten ist, wie Coppels Abenteuernovelle verdeutlicht. Die Dialektik von Aufstieg und Niedergang ist auch in so großen Gebilden wie Sternenreichen wirksam, und in den Folgebänden 20 und 21 dürfte sich die Abwärtsbewegung noch verstärken.

Taschenbuch: 239 Seiten
Originaltitel: Galactic Empires 1/2, 1976
Aus dem US-Englischen von Heinz Nagel
www.heyne.de

Brian W. Aldiss – Starship. Verloren im Weltraum

Seit Äonen fliegt ein Generationsraumschiff durchs Weltall. Das Ziel ist längst vergessen, die Besatzung in primitive Stämme zerfallen, deren Mitglieder einander bekämpfen. Um dem dumpfen Stillstand zu beenden, begibt sich eine kleine Gruppe auf die gefährliche Suche nach dem legendären „Kapitän“ … – Das Ringen um die eigene Geschichte bzw. Identität im Rahmen einer Weltraumfahrt wird intensiv, d. h. abenteuerlich und düster zugleich dargestellt. Schon in diesem Frühwerk erweist sich Brian W. Aldiss als Meister der Science Fiction, deren Hightech er durch klug erdachte soziale Extrapolationen ergänzt: Im Mittelpunkt steht der Mensch, für den Zukunft hier keineswegs Fortschritt bedeutet. Brian W. Aldiss – Starship. Verloren im Weltraum weiterlesen

Brian W. Aldiss – Raum, Zeit und Nathaniel. SF-Erzählungen


Classic SF mit Witz und Biss

„Humor ist merkwürdigerweise recht selten zu finden in der Science Fiction, und es gibt wenige Autoren, die witzige SF-Stories schreiben können. Brian W. Aldiss ist sicher der phantasievollste von ihnen – in alter englischer Tradition sozusagen – nur kann es bisweilen passieren, dass einem das Lachen im Hals stecken bleibt. Hier sind 14 Kostproben…“ (Verlagsinfo)
Brian W. Aldiss – Raum, Zeit und Nathaniel. SF-Erzählungen weiterlesen

Brian W. Aldiss – Der unmögliche Stern. SF-Erzählungen


Die besten der frühen Aldiss-SF-Erzählungen

Diese Auswahl von Erzählungen des britischen SF-Schwergewichts Brian W. Aldiss („Helliconia“ versammelt vor allem Erzählungen aus den Collections „Space, Time and Nathaniel“ (1957) und „Canopy of Time“ von 1959, es handelt sich also um frühe Storys. Einige davon werden aber bis heute regelmäßig nachgedruckt, so etwa „Poor Little Warrior!“.

Der Autor

Brian W. Aldiss (* 1925) ist nach James Graham Ballard und vor Michael Moorcock der wichtigste und experimentierfreudigste britische SF-Schriftsteller. Während Ballard nicht so thematisch und stilistisch vielseitig ist, hat er auch nicht Aldiss’ ironischen Humor.

Brian W. Aldiss – Der unmögliche Stern. SF-Erzählungen weiterlesen

Brian W. Aldiss – Dr. Moreaus neue Insel

Selbsterkenntnis und Abenteuer: Wells lässt grüßen

Ein Sabotageanschlag führt zum Absturz des Space Shuttles LEDA bei dessen Rückkehr vom Mond. Nur eines der vier Besatzungsmitglieder, Unterstaatssekretär Calvert Madle Roberts, überlebt die Katastrophe in der Weite des Pazifischen Ozeans.

Er wird an die Klippen einer Insel getrieben, die mit einem riesigen Buchstaben „M“ markiert sind. Das Aussehen der Bewohner der Insel schockiert Roberts – obwohl von menschlicher Gestalt, zeigen sie tierhafte Züge. Die Verantwortung für ihren Zustand trägt das unheimliche Genie Mortimer Dart, ein frühes Thalidomid-Opfer, dessen Faszination für menschliche Deformation ihn zu einer Serie von Experimenten veranlasst hat.

Nach und nach enthüllt sich die schreckliche Wahrheit dieses geheimen Menschenlabors, und es zeigt sich, dass die körperliche Deformation harmlos ist neben der Monstrosität, zu der menschlicher Geist in der Lage ist. (gekürzte Verlagsinfo)
Brian W. Aldiss – Dr. Moreaus neue Insel weiterlesen

Wolfgang Jeschke, Brian W. Aldiss (Hg.) – Titan-22

Am Ende aller Tage: untote Soldaten und goldene Männer

In der vorliegenden Ausgabe des Auswahlbandes Nr. 22 von „Titan“ sind nicht Beiträge zur „Science Fiction Hall of Fame“ gesammelt, sondern klassische SF-Erzählungen – Thema sind „Evil Earths“, also kaputte Erden. Dies ist der erste von zwei TITAN-Bänden zu diesem Thema (Teile 1 bis 3 des Originals). Die Originalerzählungen entstammen Magazinen, die heute nur noch schwer zugänglich sind, und zwar aus drei Jahrzehnten.

Wolfgang Jeschke, Brian W. Aldiss (Hg.) – Titan-22 weiterlesen

Brian W. Aldiss – Tod im Staub

Ein Hauch von Graham Greene: die Endlösung der Bevölkerungsfrage

Als Kapitän Nolan mit seinem Frachter im 22. Jahrhundert über den Atlantik schippert, fischt sein Maat einen Toten auf, der über die Wellen geht. Damit handelt sich die Besatzung eine Menge Ärger ein. Denn die mit 20 Milliarden Menschen überbevölkerte Welt ist voller Gifte, und die alten Supermächte sind längst auf den Stand von Entwicklungsländer herabgesunken. Währenddessen haben sich die afrikanischen Nationen zu Großmächten aufgeschwungen, die eifersüchtig über ihre Besitzstände wachen. Durch den Toten wird Nolan mitten in diesen Konflikt hineingezogen …

_Der Autor_

Brian W. Aldiss (* 1925) ist nach James Graham Ballard und vor Michael Moorcock der wichtigste und experimentierfreudigste britische SF-Schriftsteller. Während Ballard nicht so thematisch und stilistisch vielseitig ist, hat er auch nicht Aldiss‘ ironischen Humor.

Aldiss wurde bei uns am bekanntesten mit seiner „Helliconia“-Trilogie, die einen Standard in Sachen Weltenbau in der modernen SF setzte. Das elegische Standardthema von Aldiss ist die Fruchtbarkeit des Lebens und die Sterilität des Todes. Für „Hothouse“ („Am Vorabend der Ewigkeit“) bekam Aldiss den HUGO Award. Er hat auch Theaterstücke, Erotik, Lyrik und vieles mehr geschrieben.

_Handlung_

Im 22. Jahrhundert schippert Kapitän Knowle Noland mit seinem vollautomatisierten Frachter „Trieste Star“ gerade auf die südwestafrikanische Skelettküste zu, um dort Sand zu laden, als der Tote auftaucht. Dieser Tote hält sich nicht an die Regeln: Er liegt nicht brav in einem stillen Grab, sondern schwebt über die Wellen des Atlantiks.

Als Nolans erster Maat den Toten an Bord holt, zeigt sich, dass dieser einen Antigrav-Anzug umgeschnallt trägt, die sein Gewicht auf etwa zehn Kilo reduzierte. Dr. Thunderpeck weiß Bescheid: So etwas können sich nur sehr reiche und herzkranke Leute leisten, und der feine Anzug des Toten spricht dafür. Wahrscheinlich machte er eine Erholungskur an der Küste, in einer Luxusferienanlage. Von dort wehte ihn vielleicht der Wind aufs Meer hinaus, wo er verhungerte. Und jetzt haben sie den Salat, denkt Noland.

Genau. Als sei der Tote ein Geist seiner schuldbeladenen Vergangenheit, balgt sich Noland mit ihm – und entdeckt die Briefe. Es sind Liebesbriefe von einer gewissen Justine an einen gewissen „Peter“. Sie muss einen Geheimauftrag im Umkreis des afrikanischen Präsidenten El Mahasset haben und der Adressat, den sie „Peter“ nennt, ein hohes Tier aus Großbritannien sein. Der letzte Brief datiert erst zwei Tage zuvor. Justines Worte verzaubern den seit 19 Monaten pausenlos auf See schippernden Kapitän. So entgeht ihm eine verhängnisvolle Entwicklung an Bord.

Der Autopilot ist ausgefallen. Noch während er mit dem Maat die unheilbringende Leiche – der Maat hat bereits rote Flecken im Gesicht – über Bord wirft, erkennt der Kapitän, dass das Land der klippenstarrenden Küste bereits in unmittelbarer Nähe ist. Jede Kursänderung kommt zu spät, wird ihm klar. Vollgas gebend lacht Noland auf: „Jetzt erst recht, Justine!“ Und rammt seinen 80.000-Tonnen-Kahn mit Karacho in die Felsen der Skelettküste, die ihren Namen vollauf verdient. Unzählige Wracks liegen hier. Und schon ist die „Trieste Star“ eines von ihnen.

|Rückblende|

In seinem Bericht blickt Noland zurück auf die Ereignisse, die ihn hierhergebracht haben. Wegen seines speziellen geistigen Zustands, der ihn unter Stress in Halluzinationen mit Schreikrämpfen verfallen lässt, war er vor zwölf Jahren aufs Land verschickt worden. Dort befinden sich nur scharf bewachte Strafkolonien in der mechanisierten Landwirtschaft. Als er per Zufall auf die vogelfreien „Wanderer“ stieß, verriet er deren Anführer und wurde von seinem Boss, dem Farmer, dafür mit dem Posten auf der „Trieste Star“ belohnt. Seit jenem Tag vor zwölf Jahren fühlt sich Noland an der Ermordung der „Wanderer“ schuldig.

|Odyssee|

Der Atomreaktor der „Trieste Star“ gerät just in dem Moment außer Kontrolle, als eine Militärpatrouille von Neu-Angola an Bord gehen will, um die leckere Prise in Besitz zu nehmen. Die Atomexplosion verschont lediglich das Leben von Noland, doch keinen sonst (ein Irrtum, wie sich herausstellt). Auf der Suche nach Nahrung wendet sich der Schiffbrüchige nach Süden und wird von einer anderen Patrouille gefangen genommen.

In dem Freistaat Walvis Bay geht etwas vor sich: Überall wird gebaut und dekoriert. Hier lernt Noland endlich seine Traumfrau kennen, die Justine aus den Briefen. Er kann nicht anders, als ihr seine Liebe anzubieten. Voll Verachtung schiebt sie diesen ahnungslosen „Plebejer“ beiseite. Aufgrund der Briefe, die man ihm abnimmt, verdächtigt sie Noland natürlich, etwas mit dem Tod jenes Mannes zu tun haben, der mit seinem Antigravgerät auf das Meer hinausgetrieben worden – er war ein Spion. Ergo muss auch Noland ein Spion sein, oder? Vergeblich beteuert er seine Unschuld, was ihn nur umso erbärmlicher wirken lässt.

Seine Häscher wollen ihn zu Justines Verbündetem bringen, der natürlich ebenfalls in den unheilvollen Briefen erwähnt wird: Es ist der Adressat Peter Mercator. Zu seinem Entsetzen stellt sich Mercator als sein früherer Boss heraus. Welche Rolle Justine und Peter an diesem schicksalhaften Vorabend spielen wollen, soll Nolan nur zu bald herausfinden. Denn sie haben ihm eine zentrale Rolle dabei zugedacht …

_Mein Eindruck_

Dieser SF-Klassiker war einer der Ersten, der sich ernsthaft und konsequent mit dem schon Anfang der sechziger Jahre absehbaren Problem der Überbevölkerung auseinandersetzte. Ein halbes Jahrzehnt später beschäftigte sich John Brunner in „Schafe blicken auf“ mit den daraus entstehenden Schwierigkeiten, die die Menschheit zu bewältigen hat. In dieser Thematik sind die britischen Autoren, zu denen auch J. G. Ballard zu zählen ist, den meisten ihrer amerikanischen Kollegen um Jahre voraus.

Aldiss schildert ein 22. Jahrhundert, in dem sich nicht weniger als 24 Milliarden menschliche Wesen in Städten drängen, die inzwischen auf Plattformen über der völlig ausgebeuteten und automatisierten Landwirtschaft gebaut werden. Die Macht der Nationen hat sich inzwischen umgekehrt: Der Westen und Asien schauen neidisch auf die vergleichsweise noch fruchtbaren Ebenen Afrikas. Deshalb spielt jenes Afrika, in dem Noland strandet, eine so entscheidende Rolle.

Und er landet hier am Vorabend eines Tages, der über die Zukunft Afrikas und somit der Erde entscheidet: Der afrikanische Präsident El Mahasset soll in Walvis Bay, einer winzigen Exklave, praktisch einen neuen Staat gründen. Gelingt ihm dies, so wäre dies eine Demonstration für den Frieden in Afrika. Scheitert er, so wird er Krieg mit Algerien und Neu-Angola führen, die nur darauf warten, ihn zu ersetzen.

Fatalerweise steht mit dieser Entscheidung auch das Problem der Überbevölkerung auf der Kippe: Die Maßnahme der Enthaltsamkeit, der sich die Abstinezler-Sekte hingibt, fruchtet nichts. Nun sinnt die Sekte auf eine weitaus radikalere Maßnahme, um die zunehmende Überbevölkerung nicht nur zu stoppen, sondern sogar zu verringern: Krieg ist das patentierte und erprobte Mittel zur Dezimierung von Menschenmassen. Und Krieg wird es geben, sobald El Mahasset in aller Öffentlichkeit ermordet wird.

Dies haben Justine und Peter Mercator im Sinn, als Noland auftaucht. Da Mercator todkrank ist, soll Noland für ihn einspringen. Und was soll er bitteschön davon haben, fragt er hartnäckig. Das ist eben die knifflige Frage, die er in intensiven Dialogen mit Mercator und Justine erörtert. Was gewinnt er, was gewinnt die Welt, wenn er El Mahasset tötet? Die Frage sei doch vielmehr, ob es mindestens einen Gewinner geben wird, erwidert Justine: die Wanderer, die Noland selbst so schnöde verraten hat. Und mit ihnen hätte die Erde eine Überlebenschance. Wird Noland schießen?

_Die Übersetzung_

Die Übersetzung, die der Lichtenberg-Verlag 1970 unter der Leitung von Günther Schelwokat anfertigen ließ, zeichnet sich durch hohes sprachliches Niveau und das Fehlen jeglicher Druckfehler aus. Das erlaubt ein höchst erfreuliches Leseerlebnis. Erst 1973 und erneut 1983 veröffentlichte Heyne diese Übersetzungsfassung.

Lediglich zwei Wörter fielen mir auf. Auf S. 37 ist von einer „Sprue“-Krankheit die Rede. Der Ausdruck war mir nicht geläufig. Das englische Wort bezeichnet eine fiebrige Erkrankung. Auf Seite 53 wird das Wort „Garage“ wieder mal im alten Sinn „Autowerkstatt“ verwendet.

_Unterm Strich_

Die Imitation des offensichtlichen Vorbilds Graham Greene, bekannt für Romane wie „Der stille Amerikaner“ und „Der Honorarkonsul“, rechtfertigt noch nicht, dass dieser Roman einen Status als Klassiker erreicht hat. Nein, es reicht nicht, einen Engländer in eine Agentensituation à la James Bond zu schicken, auch wenn die Action noch so packend ist. Es ist daher die zweite Komponente, die den Ausschlag gibt: die Figur des Knowle Noland selbst.

Er ist nicht nur das hilflose Produkt der Zustände auf einer übervölkerten, ausgepowerten Erde. Vielmehr ist er obendrein ein höchst unzuverlässiger Chronist. Er leidet an einer seltenen Geisteskrankheit, die ihm Visionen und Halluzinationen vorgaukelt, die mal poetisch, mal horrormäßig anmuten. Und einer dieser Trancezustände verzerrt seinen Geisteszustand derart, dass er eine lange „Fugue“ von Visionen erlebt. Wir können zwar annehmen, er sei zu Tode gestürzt, und er selbst nimmt das ebenfalls an, doch ist das objektiv nicht der Fall – der Leser wird genarrt.

In dieser Fugue findet ein fundamentaler Wandel in Nolands gequälter Seele statt. Die Begegnung mit dem Tod, mit Toten, mit weisen Männern voll ironischer Sprüche – all dies ermöglicht erst, dass Noland verändert zu Mercator und Justine zurückkehren kann – um mit ihnen zu kollaborieren. So eine seelische Transformation sucht man in konventionellen SF-Abenteuern vergeblich. Dieser Inner Space hebt das Buch, ebenso wie die Problematik, weit über den Durchschnitt hinaus.

Entgegen meiner Erwartung – ich war abgestoßen vom scheußlichen Titelbild – erlebte ich also einen spannenden Roman, der politisch relevant ist, eine kritische Vision der Zukunft aufweist und zudem so gut erzählt ist, dass einem die Figur des Knowle Noland unweigerlich in Erinnerung bleibt. Hinzukommt die hohe Qualität der Übersetzung. Sammler greifen am besten zur weißen Ausgabe aus der Heyne SF Bibliothek, die 1983 erschien.

Taschenbuch: 144 Seiten
Originaltitel: Earthworks (1965)
Aus dem Englischen von Evelyn Linke
ISBN-13: 978-3453309050
www.heyne.de

Brian W. Aldiss – Graubart

Ein Roman mit Mümmelgreisen als Hauptfiguren? Das soll wohl ein Scherz sein! So dachte ich zumindest, bevor ich mich an dieses wundervolle Buch von 1964 herantraute. Und das Wagnis hat sich gelohnt: Dies ist nicht nur eine unterhaltsame, sehr menschliche Geschichte, sondern sie ist auch humorvoll und skurril. Doch die Botschaft ist ernst.

Handlung

Viele Wissenschaftler hatten eindringlich davor gewarnt, doch die Militärs glaubten, nicht auf sie verzichten zu können. Also wurden die Atomtests 1981 außerhalb der Erdatmosphäre durchgeführt. Die Befürchtungen schienen grundlos gewesen zu sein, doch nach einigen Jahren ließ es sich nicht länger vertuschen: Es kamen keine Kinder mehr zur Welt. Um genau zu sein: Es kamen auch keine Jungen von Haustieren mehr zur Welt. Die Menschheit hatte es fertiggebracht, sich selbst zu sterilisieren. Seuchen rafften viele der Überlebenden dahin. Die Welt ist beinahe leer.

Brian W. Aldiss – Graubart weiterlesen