Clive Barker – Das 2. Buch des Blutes. Horror-Erzählungen

Die furchterregende Sinnlichkeit Jacquelines

Leser mit schwachen Nerven seien gewarnt: Clive Barker ist nichts für zart besaitete Gemüter! In seinen phantastischen Geschichten beschwört er voller Wortgewalt das Grauen und geht über alles hinaus, was man sich in seinen schlimmsten Alpträumen vorgestellt hat. (Verlagsinfo) Für seine „Bücher des Blutes“ bekam Clive Barker 1985 den World- und den British Fantasy Award. Seine Schrecken sind (meist) in der realen Welt angesiedelt, im Hier und Jetzt, oft sogar mitten in der Großstadt.

Auch im zweiten Band seiner Serie von Horror-Erzählungen steht Clive Barker auf der Seite der Monster. Bei ihm sterben Sympathiepersonen, und das Gute wird nicht immer belohnt. Das macht ihn so ungewöhnlich. „Keine Wonne kommt der des Grauens gleich – solange es nicht das eigene ist“, schreibt der Autor in seiner ersten Geschichte hier.

Der Autor

Clive Barker, 1952 in Liverpool geboren, ist der Autor von bislang 18 Büchern, darunter die sechs „Bücher des Blutes“. Sein erstes Buch für Kinder trägt den Titel „The Thief of Always“ (Das Haus der verschwundenen Jahre). Er ist darüber hinaus ein bekannter bildender Künstler, Filmproduzent und -regisseur („Hellraiser 1“) sowie Computerspiel-Designer. Er lebt in Beverly Hills, Kalifornien, mit seinem Lebenspartner, dem Fotografen David Armstrong, und ihrer Tochter Nicole.


Literarische Werke (Quelle: Wikipedia.de)

Books of Blood, Volume I, Sphere 1984, ISBN 0-7221-1412-5
Das erste Buch des Blutes, Droemer Knaur 1987, ISBN 3-426-19185-7

Books of Blood, Volume II, Sphere 1984, ISBN 0-7221-1413-3
Das zweite Buch des Blutes, Droemer Knaur 1987, ISBN 3-426-19208-X

Books of Blood, Volume III, Sphere 1984, ISBN 0-7221-1414-1
Das dritte Buch des Blutes, Droemer Knaur 1988, Übersetzer Peter Kobbe, ISBN 3-426-19229-2

Books of Blood, Volume IV, Sphere 1985, ISBN 0-7221-1373-0
Das Vierte Buch des Blutes, Droemer Knaur 1991, Übersetzer Peter Kobbe, ISBN 3-426-01849-7

Books of Blood, Volume V, Sphere 1985, ISBN 0-7221-1374-9
Das Fünfte Buch des Blutes, Droemer Knaur 1991, Übersetzer Peter Kobbe, ISBN 3-426-01850-0

Books of Blood, Volume VI, Sphere 1985, ISBN 0-7221-1375-7
Das Sechste Buch des Blutes, Droemer Knaur 1991, Übersetzer Joachim Körber, ISBN 3-426-01851-9

The Damnation Game, Weidenfeld & Nicolson 1985, ISBN 0-297-78789-6
Spiel des Verderbens, Droemer Knaur 1987, Übersetzer Joachim Körber, ISBN 3-426-01800-4

Weaveworld, Collins 1987, ISBN 0-00-223254-5
Gyre, Heyne 1992, Übersetzer Joachim Körber, ISBN 3-453-05337-0

Cabal, Poseidon Press 1988, ISBN 0-671-62688-4
Cabal, Heyne 1989, Übersetzer Joachim Körber, ISBN 3-453-03626-3

The Great and Secret Show: The First Book of „The Art“, Collins 1989, ISBN 0-00-223453-X
Jenseits des Bösen, Heyne 1990, Übersetzer Joachim Körber, ISBN 3-453-04231-X

The Fifth Dominion, HarperCollins 1991, ISBN 0-06-017922-8
Imagica, Heyne 1994, Übersetzer Andreas Brandhorst, ISBN 3-453-08206-0

The Hellbound Heart, Fontana 1991, ISBN 0-00-647065-3
Das Tor zur Hölle : „Hellraiser“, Heyne 1992, Übersetzerin Ute Thiemann, ISBN 3-453-05291-9

The Thief of Always, HarperCollins 1992, ISBN 0-06-017724-1
Das Haus der verschwundenen Jahre, Heyne 1995, Übersetzerin Eva L. Wahser, ISBN 3-453-08699-6

Everville: The Second Book of „The Art“, HarperCollins (UK) 1994, ISBN 0-00-223985-X
Stadt des Bösen, Heyne 1995, Übersetzer Joachim Körber, ISBN 3-453-08914-6

Incarnations – Three Plays by Clive Barker, HarperPrism 1995, ISBN 0-06-105244-2
Offenbarungen

Sacrament, HarperCollins 1996, ISBN 0-06-017949-X
Das Sakrament, Heyne 1999, Übersetzer Thomas Hag, ISBN 3-453-13698-5

Forms of Heaven – Three Plays by Clive Barker, HarperPrism 1996, ISBN 0-06-105270-1
Galilee – A Romance, HarperCollins (UK) 1998, ISBN 0-00-223560-9

Galileo, Heyne 2000, Übersetzerin Waltraud Götting, ISBN 3-453-17425-9

The Essential Clive Barker: Selected Fiction, HarperCollins (UK) 1999, ISBN 0-00-224725-9
Coldheart Canyon – A Hollywood Ghost Story, HarperCollins 2001, ISBN 0-06-018297-0
Coldheart Canyon, Heyne 2004, Übersetzer Peter Robert, ISBN 978-3-453-87959-1

Abarat, HarperCollins (UK) 2002, 0-00-225952-4
Abarat, Heyne 2004, Übersetzer Karsten Singelmann, ISBN 978-3-453-00092-6

Abarat: Days of Magic, Nights of War, HarperCollins (UK) 2004, ISBN 0-00-710045-0
Abarat – Tage der Wunder, Nächte des Zorns, Heyne 2005, Übersetzer Karsten Singelmann, ISBN 978-3-453-00127-5

Visions of Heaven and Hell, Rizzoli New York 2005, ISBN 0-8478-2737-2 (Artbook)
The Adventures of Mr Maximillian Bacchus and His Travelling Circus, Bad Moon Books 2009, ISBN 978-0-9821546-1-8
Mister B. Gone, Harper Voyager (UK) 2007, ISBN 978-0-00-726261-8
Fahr zur Hölle, Mister B., Festa 2014, Übersetzer Joachim Körber, ISBN 978-3-86552-295-5

Abarat: Absolute Midnight, Joanna Cotler Books / HarperCollins 2011, ISBN 978-0-06-029171-6
Abarat – In der Tiefe der Nacht, Heyne 2011, Übersetzer Falk Behr, ISBN 978-3-453-00128-2

The Painter, the Creature, and the Father of Lies, Earthling Publications 2011, ISBN 978-0-9795054-4-7 (Sammlung von nicht-fiktionalen Prosatexten Barkers, z. B. Vorworte für diverse Bücher)

The Scarlet Gospels, St. Martin’s Press 2015, ISBN 978-1-250-05580-4
Das scharlachrote Evangelium, Festa 2015, Übersetzerin Claudia Rapp, ISBN 978-3-86552-379-2

Filmografie (Auswahl)

Regie

1973: Salomé (Kurzfilm)
1978: Forbidden (Kurzfilm)
1987: Hellraiser – Das Tor zur Hölle (Hellraiser)
1990: Cabal – Die Brut der Nacht (Nightbreed)
1995: Lord of Illusions

Drehbuch

1973: Salomé (Kurzfilm)
1978: Forbidden (Kurzfilm)
1985: Underworld
1986: Rawhead Rex
1987: Hellraiser – Das Tor zur Hölle (Hellraiser)
1987: Geschichten aus der Schattenwelt (Tales from the Darkside, Fernsehserie, Episode: The Yattering and Jack)
1988: Hellraiser II – Hellbound (auch Executive Producer)
1990: Cabal – Die Brut der Nacht (Nightbreed)
1992: Candyman’s Fluch (Candyman, auch Executive Producer)
1995: Candyman 2 – Die Blutrache (Candyman: Farewell to the Flesh, auch Executive Producer)
1997: Quicksilver Highway (Stephen King’s Quicksilver Highway, eine Episode)
2002: Saint Sinner (Clive Barker’s Saint Sinner, Fernsehfilm, auch Executive Producer)
2006: Masters of Horror (Fernsehserie, Episoden Valerie on the Stairs und Haeckel’s Tale)
2008: The Midnight Meat Train (auch Produzent)

Produktion

1992: Hellraiser III (Executive Producer)
1996: Hellraiser IV – Bloodline (Executive Producer)
2006: Clive Barkers Die Seuche (The Plague)
2008: Clive Barker’s Book of Blood (Book of Blood)
2009: Dread

Die Erzählungen

1) Moloch Angst

In „Moloch Angst“ lernen wir einen Psychopathen kennen, der mit allen Mitteln versucht, die Ängste seiner Zeitgenossen zu brechen. So sperrt er etwa eine Vegetarierin mit einem Stück Fleisch in eine Kammer ein, bis sie darüber herfällt. Im Verhalten, das seine Gefangenen an den Tag legen, sucht er den Schlüssel zu seiner eigenen Angst. Der Schluss der Story ist leider schon frühzeitig zu erahnen.

2) „Das Höllenrennen“

Alle hundert Jahre steigt die Hölle an die Erdoberfläche empor, um sich mit den aktuell herrschenden Mächten zu messen. Natürlich ist die Hölle stets auf Seelen aus, die sie verderben und für sich gewinnen kann. Aber es besteht stets die Chance, dass sie gewinnt und dann die Oberhand gewinnt….

Der gegenwärtige Anlass für das Auftreten der höllischen Vertreter ist ein simpler, in keinster Weise ungewöhnlicher Stadtmarathon (wohl eher ein Halbmarathon), wie man ihn in England gern pflegt. Die Einnahmen sollen der Krebsforschung gespendet werden. Die Innenstadt von London ist gesperrt worden, die Läufer stellen sich auf, die Reporter Jim und Mike bereiten das Radiopublikum auf das Ereignis vor.

Olympiasieger Joel Jones schaut sich seine Konkurrenten an. Sein Erzfeind ist da: Frank „Flash“ (Blitz) McLeod. Dann sind da noch Voight aus Südafrika, Nick Lawyer und der bebrillte Kinderman. Joel ist einer der wenigen Schwarzen im Feld. Startschuss? Nach wenigen hundert Metern führt Lawyer vor McLeod und Joel. Dann folgt Voight.

Doch was ist das? Lawyer strauchelt und gibt auf! Die Reporter geraten ganz aus dem Häuschen. Nach einigen Minuten blickt der führende McLeod zurück und strauchelt ebenfalls. Joel verfolgt mit wachsendem Entsetzen, wie sich Franks Augen mit Blut füllen. Frank spornt ihn an: „Lauf weiter! Aber schau dich um Himmels willen nicht um! Lauf um dein Leben…“ McLeod bricht zusammen und muss mit einer Ambulanz abtransportiert werden.

Joel läuft fortan für sich selbst, vor sich sieht er Voight und irgendow weit hinten läuft wohl auch Kinderman. Er schließt zu Voight auf, dessen Rhythmus ungleichmäßig wird. Da erst wirft Joel einen Blick zurück. Ein verstörender Anblick lässt ihn straucheln…

Unterdessen hat Joels Trainer Cameron eine unheimliche Begegnung. Er hat Voight in einem schwarzen Mercedes sitzen sehen. Nanu, läuft Voight denn nicht beim Rennen mit? Cameron radelt dem Mercedes bis zu einem schäbigen Gebäude hinterher und schleicht den drei Gestalten, die dem Auto entsteigen nach. Es geht in einen Keller, der unglaublich kalt ist. Denn entgegen der allgemeinen Ansicht ist die Hölle nicht heiß, sondern eiskalt. So hat sie Dante in seiner „Göttlichen Komödie“ beschrieben, zumindest ihren neunten Kreis.

Aus einem eisigen Loch in der Mitte des Kellers steigt ein höllischer Gebieter, vor dem sich Voight, der Chauffeur und ein Dritter, der das Kommando hat, auf die Knie werfen. Cameron macht, dass er wegkommt. Doch leider begeht er den Fehler, noch einen Blick über die Schulter zu werfen. Er beginnt zu straucheln…

Mein Eindruck

Warum die Hölle nur einmal in hundert Jahren und dann auch nur bei einem popligen Londoner Stadtlauf ihre Kräfte mit den Sterblichen messen sollte, bleibt das Geheimnis des Autors. Wahrscheinlich macht die Höllfe aber Multitasking und tritt gleichzeitig an vielen geeigneten Anlässen auf, um auf Seelenfang zu gehen.

Interessanter ist da schon die Frage, wer denn ihre menschlichen Agenten sind. In dieser Erzählung ist es ein gewisser Gregory Burgess, seines Zeichens Unterhausabgeordneter des britischen Parlaments. Das ist sicherlich eine recht einflussreiche Position als Höllenknecht, und wenn er sich einen Mercedes leisten kann, dann deutet dies darauf hin, dass sein Lohn recht erklecklich gewesen sein muss. Allerdings ist der Preis, den er entrichten muss, um dies zu erringen, nicht unerheblich: Seine Daumen haben dran glauben müssen – und seine Hoden ebenfalls. Sehr ironisch ist die böse Andeutung des Autors, die Regierung des Volkes könnte schon von der Hölle unterwandert sein, von entmannten Schwuchteln. Dann aber taucht die Frage auf, wieso die Hölle überhaupt noch antritt, wenn ihr der Sieg im Parlament doch schon so gut wie sicher ist.

Für Burgess scheint die Stellung als Diener der Höllenfürsten nicht gerade die sicherste zu sein. Burgess hat den Triumph der Hölle durch ein kleines Versehen verpatzt, und solches Versagen finden seine Herren gar nicht witzig. So wie die Zönobiten in „Hellraiser“ kommen sie in ihrer unterkühlten Weise, um keinen Fehler unbestraft zu lassen…

Marathon zu laufen, ist eine britische Leidenschaft und landauf, landab finden am Wochenende während des allzu kurzen englischen Sommers entsprechende „half marathons“ statt. So eine Rennen hat in dramaturgischer Hinsicht mehrere Vorteile: Es hat einen definierten und ein festgelegtes Ende. Das Ende sieht Sieg oder Niederlage vor. Es kann nur einen Sieger geben, aber bis zum Sieg kann während der Etappen jede Menge passieren. Und dazu gehört auch der Auftritt eines unvorhergesehenen Läufers.

Diese Elemente tragen dazu bei, dass die Erzählung bis zur letzten Sekunde des Rennens spannend bleibt. Natürlich gibt es die obligatorische Überraschung, als alles nach einem Sieg des Verräters Voight aussieht.

Sehr schön fand ich das Zitat aus Samuel T. Coleridges berühmten Gedicht „Kubla Khan“, in dem erstmals ein Land namens Xanadu erwähnt wird. In dem Gedicht fließt der heilige Fluss Alph „hinab zu einer sonnenlosen See“. Barker deutet dies so um, dass mit der sonnenlosen See die Hölle gemeint ist. Ein recht bitterer Nachgeschmack bleibt zurück, typisch für Barkers furchtlose Methode, solche alten verehrten Kulturgüter wie Xanada etc. vom Sockel zu stürzen und zu etwas Makabrem zu pervertieren. Auf diese Weise hat er eine Menge Staub aufgewirbelt. Damals zumindest.

3) Jacqueline Ess: ihr Wille, ihr Vermächtnis

Da lob ich mir doch die folgende Geschichte (ah, wohlige Schauder!) – sie wird immer wieder in Anthologien aufgenommen, zu recht ein literarisches Juwel: „Jacqueline Ess: ihr Wille, ihr Vermächtnis“.

Jacqueline entdeckt ihre Fähigkeit der Telekinese und mit Gedankenkraft den Körper eines anderen Menschen zu zerstören. In einem Wutanfall vernichtet sie jedoch ihren widerlichen Ehemann und knetet seinen Kadaver zu einem Klumpen zusammen. Danach irrt sie ziellos durch die Welt, auf der Suche nach jemandem, der ihr hilft, ihre furchterregenden Fähigkeiten in den Griff zu bekommen…

Diese Erzählung ist eine schmerzhafte Elegie voll Sex und Sinnlichkeit, die stetig auf einen ungeheuren Höhepunkt zustrebt und deren Ende einer ungehemmten Explosion gleichkommt – mit Abstand die beste Story dieses Bandes.

4) In „Wüstenväter“ tummeln sich fleischige Dämonen in der Wüste, ein schießwütiger Sheriff macht mit seiner Gemeinde Jagd auf sie. Spannende Situationen und eine bizarre Spannung schaffen eine Stimmung, wie man sie selten in einer Story findet.

5) Neue Morde in der Rue Morgue

Im winterlichen Paris liegt Schnee und ein eisiger Wind vertreibt die Liebespaare von den Seine-Brücken. Dies ist nicht das sonnige Fort Lauderdale, wo Louis Fox sein Zuhause hat. Mit 73 Jahren ist ein international bekannter und geachteter Maler, doch das zählt hier nicht. Er ist nach Paris gekommen, weil ein Telegramm seiner Schwester Catherine ihn gerufen hat. Die Stadt hat sich seit den Tagen seines Großvaters und dessen Bruder stark verändert. Die Rue Morgue ist unauffindbar. Dabei löste doch Großonkel Auguste Dupin dort seinen größten Fall: den Doppelmord in der Rue Morgue. Davon erzählte sein Bruder, als Louis’ Opa, einem gewissen Eddie, den er 1835 in Richmond Virginia, in einer Bar kennenlernte. Dieser Eddie hieß Poe mit Nachnamen, und der Rest ist bekannt.

Catherine, drei Jahre älter als Louis, erzählt, die Polizei beschuldige ihren Bruder Philipppe Laborteau des Mordes an seiner Geliebten, der 19-jährigen Natalie Perec. Sie wurde schrecklich zugerichtet. Der 69-Jährige hat ein kleines Appartement, seine Liebeslaube. Doch Philippe, den Louis im Knast besucht, ist untröstlich über Natalies Tod. Und in einer untypischen emotionalen Aufwallung gibt er Louis’ grässlichen Geschichten über die Rue Morgue die Schuld. Louis verwahrt sich dagegen sehr. Was soll das eine mit dem anderen zu tun haben?

Dann besichtigt er den Tatort, mit dem Schlüssel, den ihm Catherine ausgehändigt hat. Sie hat beim Aufräumen die Gestalt eines großen Mannes gesehen und ist erschreckt geflohen. Nun nimmt sich Louis doppelt in Acht. Auch er schnuppert das penetrante Parfüm, das dem Fremden zueigen ist. Die Glühbirne wurde zerstört, und das Zimmer wird nur von Mondschein und Straßenlaternen beleuchtet. Da tritt ein Schatten hinter dem Bett hervor.

Der Mann ist groß, in einen Mantel gehüllt, bärtig. Und er lächelt, dann schüttelt er den Kopf, aber zugleich auch seinen Körper. Louis ist verblüfft über die dicken Träne, die dem Unbekannten, der kein Wort spricht, über die Wange läuft. Nach etwas wie einem Schluchzen stürzt der Unbekannte zur Zimmertür hinaus und die Treppen hinunter. Das Zimmer liegt immerhin im dritten Stock, und Louis ist nicht mehr der Jüngste. Er verliert das Rennen hinunter zum Ausgang. Der Fremde ist schon über alle Berge.

Als er zu Catherine zurückkehrt, ist sie ganz aufgelöst. Ihre Wohnung ist verwüstet worden. Von eben jenem Fremden, den er verfolgt. Wer ist dieser Eindringling, und was will er? Am nächsten Tag gibt ihm Philippe, der nunmehr sediert wird, einen erstes Hinweis: Er habe ein Experiment durchgeführt. Inspiriert von Louis’ Geschichte über Auguste Dupins Heldentat in der Rue Morgue, wollte er sehen, ob es ihm gelänge, aus einem Affen einen Menschen zu machen. Die Folgen kosteten Natalie das Leben. „Sie war eine Hure!“ schreit Philippe.

Mein Eindruck

Diese Erzählung verknüpft auf eine perfide Weise die Poe’sche Vorlage des Doppelmords in der Rue Morgue mit Mary Shelleys Klassiker von Dr. Viktor Frankensteins Kreatur. Diese Kreatur ist einerseits ein verzerrtes Abbild ihres Schöpfers Philippe Laborteau – sie liebt rothaarige Frau – andererseits aber auch ein Kind seines Vaters: ebenfalls Philippe. Und wie jedes Kind will es zurück zu ihm. Daher wartet es stets in seinem ehemaligen Liebesnest.

Doch Philippes Schöpfung ist keineswegs unschuldig wie ein Baby. Vielmehr greift der Autor hier Motive des Falls Jack the Ripper auf und lässt die Kreatur Prostituierte ermorden. Wegen ihrer Körperkräfte sind die Verletzungen sehr brutal und führen regelmäßig zum Tode. Aber der menschliche Affe hat ein Mittel gefunden, um die Frauen nicht mehr schreien zu lassen: Er betäubt sie mit Drogen, nach denen sie eh schon süchtig sind. Mit wachsendem Grauen sieht Louis zu, wie der Affe mit seiner Schönen der Nacht so etwas wie Sex hat.

Eine makabere Wendung gibt es am Schluss, als es keineswegs der Affe und Mörder ist, der stirbt, sondern der rechtschaffene Louis. Die Verhältnisse sind auf eine so entsetzliche Weise auf den Kopf gestellt, dass es Louis in ihr nicht mehr aushält und sich umbringt. Seelenruhig watschelt der Affe, angetan als respektierlicher Bürger, währenddessen mit seiner Nachtschönen durch Straßen, die den kommenden Frühling spüren, nach Sacre Coeur…

Unterm Strich

„Das Höllenrennen“ ist nicht allzu spannend und relativ zahm, aber es ist wenigstens bis zum Schluss halbwegs spannend. Man sollte die Untertöne beachten, so etwa die Anspielung auf Xanadu. Dass Barker hier die englische Vorliebe fürs Langstreckenlaufen auf die Schippe nimmt, dürfte wohl klar sein.

Nach diesem, ähem, Warm-Laufen folgt mit „Die neuen Morde in der Rue Morgue“ eine Hommage an Edgar Allan Poe, Mary Shelleys „Frankenstein“ und den ewig spukenden Jack the Ripper. Im Finale, das fein ausgeklügelt vorbereitet wird, bibbert der Leser bzw. Hörer zusammen mit dem privaten Ermittler Louis im Kleiderschrank, während Unaussprechliches vor seinen Augen seinen Lauf nimmt. Das ist erstklassige Horrorgeschichte mit Stil. Aber auch mit einem sehr zynischen Schlussakkord.

„Moloch Angst“ und „Wüstenväter“ sind nicht so ganz mein Fall, aber mein persönlicher Barker-Favorit ist und bleibt „Jacqueline Ess: Ihr Wille, ihr Vermächtnis“: beängstigend, erotisch und furchtlos in seiner Zielstrebigkeit.

Auch „Das 2. Buch des Blutes“ bietet eine aufregende Mischung aus völlig unterschiedlichen Stories, die innovativ und rundherum erfrischend wirken, selbst wenn sich der Autor mal auf den Gründer seines Genres besinnt: Edgar Allan Poe.

O-Titel: Books of Blood, Vol. 2, 1985;
Hardcover: 223 Seiten,
aus dem Englischen übertragen von Peter Kobbe
ISBN-13: 9783426192085

https://www.droemer-knaur.de/

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