Clive Barker – Das 1. Buch des Blutes. Horror-Erzählungen

Dämonen und Verdammte – preisgekönter Horror

Nichts für schwache Gemüter und zartbesaitete Seelen – so lautet die Warnung im Vorwort von Ramsey Campbell, ebenfalls einem renommierten Horrorautor. Für seine „Bücher des Blutes“ bekam Clive Barker 1985 den World- und den British Fantasy Award. Seine Schrecken sind (meist) in der realen Welt angesiedelt, im Hier und Jetzt, oft sogar mitten in der Großstadt.

Der Autor

Clive Barker, 1952 in Liverpool geboren, ist der Autor von bislang 18 Büchern, darunter die sechs „Bücher des Blutes“. Sein erstes Buch für Kinder trägt den Titel „The Thief of Always“ (Das Haus der verschwundenen Jahre). Er ist darüber hinaus ein bekannter bildender Künstler, Filmproduzent und -regisseur („Hellraiser 1“) sowie Computerspiel-Designer. Er lebt in Beverly Hills, Kalifornien, mit seinem Lebenspartner, dem Fotografen David Armstrong, und ihrer Tochter Nicole.


Literarische Werke (Quelle: Wikipedia.de)

Books of Blood, Volume I, Sphere 1984, ISBN 0-7221-1412-5
Das erste Buch des Blutes, Droemer Knaur 1987, ISBN 3-426-19185-7

Books of Blood, Volume II, Sphere 1984, ISBN 0-7221-1413-3
Das zweite Buch des Blutes, Droemer Knaur 1987, ISBN 3-426-19208-X

Books of Blood, Volume III, Sphere 1984, ISBN 0-7221-1414-1
Das dritte Buch des Blutes, Droemer Knaur 1988, Übersetzer Peter Kobbe, ISBN 3-426-19229-2

Books of Blood, Volume IV, Sphere 1985, ISBN 0-7221-1373-0
Das Vierte Buch des Blutes, Droemer Knaur 1991, Übersetzer Peter Kobbe, ISBN 3-426-01849-7

Books of Blood, Volume V, Sphere 1985, ISBN 0-7221-1374-9
Das Fünfte Buch des Blutes, Droemer Knaur 1991, Übersetzer Peter Kobbe, ISBN 3-426-01850-0

Books of Blood, Volume VI, Sphere 1985, ISBN 0-7221-1375-7
Das Sechste Buch des Blutes, Droemer Knaur 1991, Übersetzer Joachim Körber, ISBN 3-426-01851-9

The Damnation Game, Weidenfeld & Nicolson 1985, ISBN 0-297-78789-6
Spiel des Verderbens, Droemer Knaur 1987, Übersetzer Joachim Körber, ISBN 3-426-01800-4

Weaveworld, Collins 1987, ISBN 0-00-223254-5
Gyre, Heyne 1992, Übersetzer Joachim Körber, ISBN 3-453-05337-0

Cabal, Poseidon Press 1988, ISBN 0-671-62688-4
Cabal, Heyne 1989, Übersetzer Joachim Körber, ISBN 3-453-03626-3

The Great and Secret Show: The First Book of „The Art“, Collins 1989, ISBN 0-00-223453-X
Jenseits des Bösen, Heyne 1990, Übersetzer Joachim Körber, ISBN 3-453-04231-X

The Fifth Dominion, HarperCollins 1991, ISBN 0-06-017922-8
Imagica, Heyne 1994, Übersetzer Andreas Brandhorst, ISBN 3-453-08206-0

The Hellbound Heart, Fontana 1991, ISBN 0-00-647065-3
Das Tor zur Hölle : „Hellraiser“, Heyne 1992, Übersetzerin Ute Thiemann, ISBN 3-453-05291-9

The Thief of Always, HarperCollins 1992, ISBN 0-06-017724-1
Das Haus der verschwundenen Jahre, Heyne 1995, Übersetzerin Eva L. Wahser, ISBN 3-453-08699-6

Everville: The Second Book of „The Art“, HarperCollins (UK) 1994, ISBN 0-00-223985-X
Stadt des Bösen, Heyne 1995, Übersetzer Joachim Körber, ISBN 3-453-08914-6

Incarnations – Three Plays by Clive Barker, HarperPrism 1995, ISBN 0-06-105244-2
Offenbarungen

Sacrament, HarperCollins 1996, ISBN 0-06-017949-X
Das Sakrament, Heyne 1999, Übersetzer Thomas Hag, ISBN 3-453-13698-5

Forms of Heaven – Three Plays by Clive Barker, HarperPrism 1996, ISBN 0-06-105270-1
Galilee – A Romance, HarperCollins (UK) 1998, ISBN 0-00-223560-9

Galileo, Heyne 2000, Übersetzerin Waltraud Götting, ISBN 3-453-17425-9

The Essential Clive Barker: Selected Fiction, HarperCollins (UK) 1999, ISBN 0-00-224725-9
Coldheart Canyon – A Hollywood Ghost Story, HarperCollins 2001, ISBN 0-06-018297-0
Coldheart Canyon, Heyne 2004, Übersetzer Peter Robert, ISBN 978-3-453-87959-1

Abarat, HarperCollins (UK) 2002, 0-00-225952-4
Abarat, Heyne 2004, Übersetzer Karsten Singelmann, ISBN 978-3-453-00092-6

Abarat: Days of Magic, Nights of War, HarperCollins (UK) 2004, ISBN 0-00-710045-0
Abarat – Tage der Wunder, Nächte des Zorns, Heyne 2005, Übersetzer Karsten Singelmann, ISBN 978-3-453-00127-5

Visions of Heaven and Hell, Rizzoli New York 2005, ISBN 0-8478-2737-2 (Artbook)
The Adventures of Mr Maximillian Bacchus and His Travelling Circus, Bad Moon Books 2009, ISBN 978-0-9821546-1-8
Mister B. Gone, Harper Voyager (UK) 2007, ISBN 978-0-00-726261-8
Fahr zur Hölle, Mister B., Festa 2014, Übersetzer Joachim Körber, ISBN 978-3-86552-295-5

Abarat: Absolute Midnight, Joanna Cotler Books / HarperCollins 2011, ISBN 978-0-06-029171-6
Abarat – In der Tiefe der Nacht, Heyne 2011, Übersetzer Falk Behr, ISBN 978-3-453-00128-2

The Painter, the Creature, and the Father of Lies, Earthling Publications 2011, ISBN 978-0-9795054-4-7 (Sammlung von nicht-fiktionalen Prosatexten Barkers, z. B. Vorworte für diverse Bücher)

The Scarlet Gospels, St. Martin’s Press 2015, ISBN 978-1-250-05580-4
Das scharlachrote Evangelium, Festa 2015, Übersetzerin Claudia Rapp, ISBN 978-3-86552-379-2

Filmografie (Auswahl)

Regie

1973: Salomé (Kurzfilm)
1978: Forbidden (Kurzfilm)
1987: Hellraiser – Das Tor zur Hölle (Hellraiser)
1990: Cabal – Die Brut der Nacht (Nightbreed)
1995: Lord of Illusions

Drehbuch

1973: Salomé (Kurzfilm)
1978: Forbidden (Kurzfilm)
1985: Underworld
1986: Rawhead Rex
1987: Hellraiser – Das Tor zur Hölle (Hellraiser)
1987: Geschichten aus der Schattenwelt (Tales from the Darkside, Fernsehserie, Episode: The Yattering and Jack)
1988: Hellraiser II – Hellbound (auch Executive Producer)
1990: Cabal – Die Brut der Nacht (Nightbreed)
1992: Candyman’s Fluch (Candyman, auch Executive Producer)
1995: Candyman 2 – Die Blutrache (Candyman: Farewell to the Flesh, auch Executive Producer)
1997: Quicksilver Highway (Stephen King’s Quicksilver Highway, eine Episode)
2002: Saint Sinner (Clive Barker’s Saint Sinner, Fernsehfilm, auch Executive Producer)
2006: Masters of Horror (Fernsehserie, Episoden Valerie on the Stairs und Haeckel’s Tale)
2008: The Midnight Meat Train (auch Produzent)

Produktion

1992: Hellraiser III (Executive Producer)
1996: Hellraiser IV – Bloodline (Executive Producer)
2006: Clive Barkers Die Seuche (The Plague)
2008: Clive Barker’s Book of Blood (Book of Blood)
2009: Dread

Die Erzählungen

1) Das Buch des Blutes

„Auch die Toten haben Straßen“, lautet der schaurige erste Satz. Die Totenstraßen haben Mautstellen ebenso wie Kreuzungen, und an einer dieser Kreuzungen liegt das Londoner Haus am Tollington Place 65. Es steht leer und ein Spalt schlängelt sich durch die Mitte seiner 18.-Jahrhundert-Fassade. Der Riss zwischen den Welten der Lebenden der Toten führt zu einem undefinierbaren Gestank, der selbst das Ungeziefer vertrieben hat.

Seit drei Wochen führt das Parapsychologische Institut einer Uni in Essex hier Untersuchungen durch – oder vielmehr ein Experiment mit einem Medium. Dieses Medium ist der 20-jährige Simon McNeal. Doch Simon ist ein Schwindler, der behauptet, er könne prominente Tote wie John Lennon herbeizitieren und von ihnen Berichte, Briefe und Zeichnungen anfertigen lassen.

Die Psi-Forscherin Dr. Mary Florescu arbeitet im Stockwerk unter dem Schreibezimmer. Die Witwe hält Simon keineswegs für einen Schwindler und ist sogar ein wenig scharf auf den schönen Jüngling. Besonders dann, wenn er wie so oft nur eine Unterhose anhat …

Rick Fuller, ihr Fotograf, hat auf einmal eine Aura. Das findet Mary merkwürdig, aber es kommt noch besser: Die Wände und Decken des Hauses werden durchsichtig. Sie erblickt die Verkehrsader der Toten. An dieser Kreuzung dürfen nur Verursacher und Opfer von Gewalttaten passieren, und sie hört Schmerzensschreie, sieht die Wunden. Doch das gilt auch umgekehrt: Die Toten bemerken das Haus, als die Grenze verschwindet, und sie sehen, dass Simon, der Schwindler, die Geschichten von Toten frei erfunden hat. Das soll er büßen.

Die Toten verlangen Genugtuung, und als Mary zum Schreibezimmer hinaufgeht, sieht sie durch die Wände hindurch, was sie mit ihm anstellen: Sie schreiben in seine Haut hinein, schreiben ihre eigenen Geschichten wie in ein Buch, ein Buch des Blutes, an jede Stelle seines zuckenden, Abbitte leistenden Leibes …

Marys Erscheinen im Zimmer vertreibt die Toten. Sie begutachtet ihr Werk und weiß, dass sie die Geschichten veröffentlichen muss. McNeal wird leben, und er ist auf immer an Mary gebunden. Für Rick Fullers Verstand kommt hingegen jede Hilfe zu spät.

Mein Eindruck

Die Story leitet nicht nur das Generalthema des Zyklus der sechs „Bücher des Blutes“ ein: die Geschichten der Toten und des Todes. Sie stellt auch eine Warnung dar. Mann sollte diese Geschichten ernst nehmen. Wer weiß, vielleicht könnten einem dies sonst die Toten übel nehmen und sich wie an Simon McNeal rächen. Die zweite Warnung richtet sich an unbedarfte Leser, die meinten, sie wüssten, was Horror ist. Nein, hier geht es hammerhart zur Sache, ohne angezogene Handbremse oder Bremsfallschirm. Man weiß nie, was auf einen zukommt, aber der Autor warnt den Leser ausdrücklich: Machen Sie sich auf das Schlimmste gefasst. Auch ein guter PR-Spruch.

2) Der Mitternachts-Fleischzug

Leon Kaufman ist erst seit dreieinhalb Monaten in New York City, der „Hochburg der Lust“, doch schon hat die Stadt seiner Träume ihren Glamour verloren. Sie bringt nicht Lust hervor, sondern Gewalt. Man nehme zum Beispiel den Fall der Schlachthaus-U-Bahn. Loretta Dyer wurde nackt und ausgeblutet von der Decke hängend gefunden, gerade so, als wäre sie eine Fleischseite beim Schlachter. Und erst gestern gab es gleich drei von dieser Sorte, nur wurde der Täter offenbar bei seiner „Arbeit“ gestört. Sie waren noch nicht ausgeblutet. Leon schaudert, als er zur Arbeit geht. Im Café meint ein Fettwanst, es handele sich um irgendwelche Ungeheuer aus der Retorte. Oder um einen durchgeknallten Cop auf der Pirsch nach Frischfleisch.

Mahogany erwacht pünktlich um 18:00 Uhr zur Nachtschicht. Er ist ein Auserwählter auf einer heiligen Missen, der einer alten Tradition folgt, jener der „Jäger der Nacht“ wie etwa Jack the Ripper. Jeder Jäger ist wählerisch: Mahogany sucht nur die Jungen und Gesunden heraus aus der Masse der U-Bahn-Benutzer. Leider hat der Job auch seine Nachteile: Ewiger Ruhm bleibt ihm versagt. Und nach zehn Jahren ist er mittlerweile etwas müde und langsam, weshalb ihm Fehler wie bei Loretta Dyer unterlaufen. Seine Meister mögen das überhaupt nicht, denn sie sind auf das Fleisch, das er ihnen bringt, angewiesen. Kurzum: Er braucht einen Nachfolger, einen Lehrling, dem er die Kniffe seines Handwerks beibringen kann.

Leon Kaufman nimmt die U-Bahn, die ihn um 23:10 nach Hause in Far Rockaway bringen soll. Schon bald schläft er ein. Weil die Polizei in einem Blumenhändler aus der Bronx den U-Bahn-Schlächter erwischt zu haben glaubt, gibt es heute Abend weniger Kontrollen als sonst. Als er aus einem Traum von Mutti aufschreckt, fällt ihm die irrsinnige Geschwindigkeit des Zuges auf. Und an der Haltestelle 4th Street scheint ein junger Mann zu fehlen. Da hört Leon auf einmal, wie im nächsten Waggon Tuch zerreißt, ob sich jemand die Kleider vom Leib risse. Als er hinter den Vorhang schaut, der die Tür zwischen beiden Waggons verdeckt, schaut, ist es ein Blick in eine Hölle aus Blut …
Es ist der Beginn einer alles verändernden Nacht für Leon Kaufman und Mahogany den Jäger.

Mein Eindruck

„Der Mitternachts-Fleischzug“ ist höchst symbolträchtig und auf ihre spezielle Horrorweise auch kritisch gegenüber der Metropole New York. Die Großstadt ist dem Fleischjäger nur ein weiteres Jagdrevier im Dschungel. Und seine Herren, in deren Auftrag Mahogany (eine Assoziation mit Brecht/Weills „Stadt Mahagonny“ liegt nahe) Fleisch beschafft, waren schon lange VOR der Stadt und den Siedlern und Ureinwohnern hier. Sozusagen die Großen Alten, denen jeder opfern muss. Wen oder was sie verkörpern, muss sich jeder selbst ausdenken.

3) Das Geyatter und Jack“ ist auch als illustriertes Comic-Book unter dem Titel „Ein höllischer Gast“ erschienen (siehe meine Rezension). Die Herren der Hölle haben das Geyatter, einen niederen Dämon mit dem netten Namen Cuazzel, in das Haus des Gewürzgurken-Importeurs Jack J. Polo abkommandiert, weil Polos Mutter, eine Satanistin, sie um eine Seele betrogen hat. Rache ist Blutwurscht, lautet die Devise – Polos Seele muss her!

Leichter gesagt als getan. Cuazzel hat den Job, Jack in den Wahnsinn zu treiben. Aber nicht einfach so, sondern es gibt strenge Regeln zu beachten: Es darf Polos Haus nicht verlassen; es darf sich ihm nicht zeigen; es darf Polo nicht berühren. Das macht den Job schon schwer genug, findet es.

Aber auch Jack Polo kennt die Regeln, hat sich doch seine Mutter intensiv mit Seelenkunde und Theologie beschäftigt. Und das macht Cuazzels Job zu einer Achterbahnfahrt des Grauens: Schon drei von Jacks Katzen hat es abgemurkst, und Jack ist immer noch nicht wütend! Immer erklärt er alles mit diesem blöden Spruch: „Que sera sera.“ (Was sein wird, wird sein.)

Doch als die beiden süßen Töchter Jacks, Gina (23) und Amanda (22), ihn besuchen kommen, um mit ihm ein kuscheliges Weihnachtsfest zu feiern, sieht das Geyatter endlich seine große Stunde gekommen. Jetzt oder nie. Doch der Weihnachtsabend geht für alle ganz anders aus als erwartet.

Mein Eindruck

Das Geyatter, dieser rote Dämon aus der Hölle, ist wirklich ein abgrundtief böses Kerlchen – mit Recht möchte man es für seine undankbare Aufgabe bedauern, Jack aus der Fassung zu bringen. Und seine Herren – allen voran der stinkige Beelzebub – sind ja so was von gnadenlos! Und dann all diese Regeln … Wie soll ein ganz normaler Dämon wie Cuazzel da auf einen grünen Zweig kommen? Er ist ja nur ein kleines Rädchen in der riesigen höllischen Bürokratie.

Die Story ist eine herrliche Satire auf alle Bürokratien der Welt sowie auf die Genspensterkrimis, die in merry old England seit jeher so beliebt waren. Bis Clive Barker den AutorInnen zeigte, wo der Hammer hängt. Natürlich gibt es in der Story jede Menge Schaueffekte, die man sich genussvoll bildlich vorstellen kann.

Auch als Weihnachtsparodie funktioniert die Story glänzend. Sie räumt auf mit all dem Humbug über unsichtbare Weihnachtsmänner und Christkindlein – nein, die Gespenster kommen direkt aus der Hölle und haben einen konkreten Auftrag: Seelenfang. Das legt den Verdacht nahe, dass auch die Veranstalter von Weihnachtsfeiern und Mega-Events nichts anderes im Sinn haben als – Seelenfang!

4) In „Schweineblut-Blues“ verwandelt sich ein Heim für schwer erziehbare Jugendliche zum Wallfahrtsort für eine Mastsau, die allem Anschein nach die Reinkarnation eines ehemaligen Insassen des Heims ist. Hier bekommen alle Beteiligten den Blues.

5) In „Sex, Tod und Starglanz“ gibt ein Theater und dessen Truppe (Barker schrieb eine Menge erfolgreicher Theaterstücke) eine letzte Abschiedsvorstellung mit Shakespeares „Was ihr wollt“ vor dem fachkundigen Publikum des halbverwesten örtlichen Friedhofs. Hier wird das alte Motiv des „Phantoms in der Oper“ neu und überraschend variiert.

6) Die letzte Geschichte im Band ist auch die eindrucksvollste und haarsträubendste. „Im Bergland: Agonie der Städte“ ist ein außergewöhnliches Schauspiel, das zwei homosexuelle Engländer in Jugoslawien (als es das noch gab) erleben. Die Einwohner zweier verfeindeter Städte (‚Agonie‘ bedeutet Todeskampf) haben sich jeweils an einem Gerüst zu einem Riesen zusammengebunden. Diese beiden Riesen marschieren nun aufeinander zu. Was folgt, muss man selbst gelesen haben.

Mein Eindruck

Im Bergland: Agonie der Städte“ beschwört Bilder herauf, die so archaisch und mächtig sind, dass die Erzählung noch nach zwanzig Jahren frisch in der Erinnerung weiterlebt. Das aus dem Griechischen stammende Wort „Agonie“ bedeutet „Todeskampf“, denn es ist von „agon“, dem Kampf, abgeleitet (daher auch die Begriffe Ant- bzw. Protagonist). Genau darum scheint es zunächst im Kampf der Städte zu gehen, doch im Laufe der Geschichte wird die Möglichkeit, die Utopie eines Neuanfangs sichtbar gemacht, die das schrecklichen Geschehen zu etwas Gutem wenden kann. Solange man es erkennt.

EXKURS & SPOILER

Wer wirklich ganz genau wissen möchte, wie der Kampf der Giganten funktionieren kann, der bekommt hier eine kurze Erklärung. Wer sich die Neugier erhalten will, sollte diesen Abschnitt meiden.

Mehr als 38.000 Bürger haben sich – pro Gemeinde – zu einem der Giganten zusammengeschlossen. Sie tun dies alle zehn Jahre, indem sie sich spezialisieren und die am besten Geeigneten an die optimale Stelle des Giganten platzieren. Mit Geschirren, Seilen und Zügen sind alle miteinander verbunden. Ganz oben sind die Bürger für Augen und Mund platziert, die den Weg bestimmen. Der Gigant dürfte mehrere hundert Meter hoch sein, denn seine Schrittlänge beträgt nicht weniger als etwa tausend Meter. Nachts verdunkelt die aufragende Säule aus Leibern den Sternenhimmel.

Wie genau normalerweise gekämpft wird, etwa mit Waffen, wird nicht erklärt, denn dazu kommt es ja nicht. Aber ein Zusammenprall der zwei Giganten dürfte allein schon ausreichend sein, um den Schwächeren in die Knie zu zwingen. Die Leiber, die die Haut-Zellen bilden, sind übrigens nackt, was den Anblick noch einen Tick archaischer macht: Nackt pflegten die Ringer in den Tagen der ollen Griechen und Römer gegeneinander anzutreten, und ihre Blöße verdeckten sie erst, als auch Frauen dieses Spektakel sehen wollten.

SPOILER ENDE

Das herausragende Merkmal der Giganten ist die gemeinschaftliche und gerichtete Anstrengung, die etwas weitaus Größeres vollbringen kann als eine formlose Masse aus Menschen. Nicht Chaos herrscht, sondern Ordnung, nicht Individualismus, sondern Gemeinsinn, und nicht die Libido, sondern der Wille. Normalerweise. Als der eine Gigant zusammenbricht, erfasst den Überlebenden eine Art Irrsinn angesichts dieser Katastrophe, und er torkelt ziel- und willenlos von dannen. Doch es tritt keine Auflösung ein, so stark ist der buchstäbliche Zusammenhalt der Bürger.

Es ist der fleischgewordene „homo gestalt“, den die Philosophen sich erdachten, als sie von der Übertragung eines Schwarmbewusstseins auf den Menschen träumten. (Es gibt dazu sehr schöne Science-Fiction-Romane, so etwa Theodore Sturgeons „More than human“ und John Brunners „The whole man“.)

Nun sehen sich unsere beiden schwulen englischen Loverboys einem Wunder und einem Horror gegenüber, der alles, was sie erfahren oder auch nur gedacht haben, in den Schatten stellt. Ihnen steht buchstäblich der Verstand still, und etwas anderes tritt an seine Stelle, etwas, das sie in der finalen Konfrontation mit dem Giganten unterschiedlich reagieren lässt.

Von Anfang an ist Judd, der Reporter, als Zyniker zu erkennen, der Mick nur wegen dessen gutem Aussehen mitgenommen hat. Mick hingegen ist ein Romantiker, der sich für Meisterwerke der Kunst begeistern kann, aber auch gegen einen guten Fick nichts einzuwenden hat. An diesem Unterschied entscheidet sich, wer die Begegnung mit diesem wandelnden Gemeinwesen überlebt und wer nicht. Ich verrate aber nicht, wer sich für was entscheidet.

Klein oder groß?

Von Beginn an geht es dem Autor darum, die Relativität von Größe zu thematisieren. Als sich die beiden Lover in die Büsche schlagen, heißt es in einem Nebensatz: „Da kam ein Riese des Weges“. So zumindest empfinden es die Käfer und Insekten auf dem Pfad der beiden Männer. Das ist am Morgen. Doch in der folgenden Nacht sind sie es selbst, die sich winzig wie Käfer vorkommen, als der Riese kommt und die Sterne verdunkelt: ein wandelnder Gott, der diese Menschlein nicht einmal wahrnimmt. Ganz am Schluss sind es wieder die Insekten und anderes kleine Getier, das sich an dem gefallenen Riesen gütlich tut. Nur ist es nicht der wandelnde Riese, sondern ein saftiger Engländer …

Nimmt man die wandelnden Städte als Symbole und überträgt ihre Bedeutung auf reale Städte, so lassen sich Kräfte und Gewalten denken, die diese Metropolen entweder zu ruhmreicher Größe emporwachsen lassen – aber auch welche, die sie vernichten können, und seien diese Kräfte noch so klein. Es kann sich um einen Tsunami (oder 11. September) handeln oder auch nur um Ratten und Termiten – die Wirkung ist die gleiche: Untergang.

Eine Metapher für diese Zusammenhänge hat der amerikanische Schriftsteller John Shirley bereits 1980 in seinem Stadt-Roman „Stadt geht los“ (deutsch bei Argument) erarbeitet, mit überzeugender Wirkung. Barker verlegt die Handlung in eine abgelegene Stadt und macht sie dadurch archaischer, elementarer und allgemeingültiger.

Unterm Strich

Um mit Barker zu sprechen: „Am besten macht man sich auf das Schlimmste gefasst, und ratsam ist es, erst einmal die gangart zu erlernen, ehe einem die Luft für immer wegbleibt.“ Jede der Geschichten für sich allein weckt selbst beim abgebrühtesten Leser einen ganz speziellen Schauder, den nur wirklich gute Horrorstories erzeugen können. Die Übersetzungen von Peter Kobbe sind zumindest hier noch sehr gut. Viele dieser Stories wurden verfilmt, und als Klassiker gehören die sechs „Bücher des Blutes“ in die Sammlung jeden Horrorfans.

O-Titel: Books of Blood, Vol. 1, 1984;
Hardcover: 288 Seiten,
aus dem Englischen übertragen von Peter Kobbe
ISBN-13: 9783426191859

https://www.droemer-knaur.de/

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