Alfred Bester – Tiger! Tiger! (SF-Roman)

SF-Klassiker: Der Graf von Monte-Christo teleportiert

War in Alfred Besters erstem Roman „Demolition“ Telepathie das Hauptthema, so ist es in „Tiger! Tiger!“ die Teleportation, genauer das „Jaunten“ von einem Ort zum anderen durch Gedankenkraft. Aufgrund der Symbolik und der ungewöhnlichen Sprache und Struktur des Romans verschaffte er der Science Fiction neue Impulse. Dieser Roman erschien in Deutschland zunächst unter dem Titel „Die Rache des Kosmonauten“, dann in der Heyne-SF-Klassiker-Reihe 1983 unter dem Titel „Tiger! Tiger!“. Diese Ausgabe verfügt über ein Nachwort von Uwe Anton und über Illustrationen von Giuseppe Festino.


Der Autor

Alfred Bester, geboren am 18.12.1913, studierte an der Uni von Pennsylvania Natur- und Geisteswissenschaften. Als er 1939 mit seiner Erzählung „The Broken Axiom“ ein Preisausschreiben der Zeitschrift „Thrilling Wonder Stories“ gewann, wurde er freier Schriftsteller. Sein Werk ist schmal, aber sehr gewichtig und einflussreich. Für seinen ersten Roman, „Demolition“, erhielt er 1953 den ersten HUGO Award überhaupt. Mit „Tiger! Tiger!“ (GB-Titel; US-Titel: „The Stars My Destination“, 1956) gelang ihm ein zweiter großartiger Erfolg. Schilderte Bester in „Demolition“ eine halbtelepathische zukünftige Gesellschaft, so bringt nun die Fähigkeit zur Teleportation den Helden dazu, das bestehende Universum in eine Krise zu stürzen. Die beiden Romane gehören zu den besten in der SF überhaupt. Er experimentierte gerne, auch mit typografischen Elementen, was besonders in seinem Roman „Golem 100“ die Buchhändler verschreckte – Bester verschwand von der Bildfläche.

Es grenzt schon fast an ein Wunder, wenn sich noch ein Verlag traut, einen Bester aufzulegen. Wer kann, sollte sich die Heyne-Ausgabe von „The stars my destination“, die 2000 unter dem Titel „Der brennende Mann“ erschien, sichern. Eine auf Deutsch vorliegende Storysammlung mit dem Titel „Aller Glanz der Sterne“ ist eine Neuausgabe der Anthologie „Hände weg von Zeitmaschinen!“, die Knaur 1991 veranstaltete.

Handlung

Der Maschinenmaat 3. Klasse Gulliver Foyle ist der letzte Überlebende des zusammengeschossenen Frachters „Nomad“. Der Beschuss ist im Laufe des Krieges zwischen den Inneren Planeten (IP) und den Äußeren Satelliten (Ä.S.) um die Vorherrschaft im Sonnensystem erfolgt. Foyles einziges Refugium ist sechs Monate lang eine Art Besenkammer, in der ein einziger alter Raumschutzanzug hängt. Regelmäßig muss er Proviant und eine Sauerstoffpatrone besorgen, um nicht zu ersticken. Er ist gerade mal wieder auf Exkursion zum Vorrat, als er ein fremdes Schiff entdeckt, das die „Nomad“ umkreist. Doch er hat sich zu früh auf die Rettung gefreut, denn das Schiff mit der Kennung „Vorga T:1339“ dreht wieder ab.

Der Schwur

Wutentbrannt schwört Foyle ihr ewige Rache – und Vernichtung. Seine Obsession treibt ihn dazu, sich Ingenieurs- und Navigationskenntnisse anzueignen. Auf diese Weise bekommt er die „Nomad“ wieder flott. Von dem Schatz an Bord der „Nomad“ ahnt er nichts. Die nächsten Menschen leben im Asteroidengürtel: Piraten, die sich „Wissenschaftler“ nennen, aber bizarre Rituale praktizieren. Sie können Foyle nur wenige Informationen entlocken, so etwa den Namen seines Schiffes „Nomad“ und den Namen „Vorga“. In einem Ritual tätowieren sie seinem Gesicht nicht nur den Namen „NOMAD“, sondern auch die Maske eines Maori-Gottes auf, die Wut zeigt. In letzter Sekunde, bevor er als Zuchthengst antreten muss, kann er eine uralte Privatjacht kapern und sie aus dem Asteroiden reißen.

Brisantes Geheimnis

Nächste Station: die Raumflotte der I.P., die den Schiffbrüchigen aus dem All fischt. Für die Marine ist der Fall Foyles recht sonderbar, denn alle Welt hat die Fähigkeit, sich zu teleportieren. Dieses nach seinem Erfinder „Jaunten“ genannte Verhalten erfordert allerdings geistige Konzentration, weil man sich genau vorstellen muss, an welchem Ort man eintreffen will. Es gibt inzwischen fünf Jaunte-Klassen, was die Kuriere usw. betrifft. Wie bei den alten Römer steht M für Mille, also 1000 Meilen, C für Centum, also hundert Meilen usw. Foyle wundert sich selbst am meisten, warum er an Bord der „Nomad“ nicht in der Lage war, sich an einen anderen Ort zu teleportieren. Er war einfach zu geschwächt, sagt er sich.

Der Tycoon

Die „Nomad“ hatte Platinbarren im Wert von 20 Mio. Credits geladen. Das Geld war für die Mars-Bank bestimmt, um die Konten des reichsten Mannes der I.P. auszugleichen. Der Presteign von Presteign ist quasi der König des globalen Einzelhandels, und jeder Kunde seiner Supermärkte kennt den lokalen „Mr. Presto“ als den Geschäftsführer. Presteign hat nicht nur eine Schar von Anwälten, sondern auch beste Kontakte zum Globalen Geheimdienst.

Der Geheimdienst in Gestalt von Mr. Y’ang Yeovil ist sehr an der ANDEREN Fracht interessiert, die die „Nomad“ geladen hatte: PyrE ist eine neuartige Substanz, die den Verlauf des Krieges entscheidend ändern könnte. Deshalb hat Presteign schon längst vom letzten Überlebenden der „Nomad“ erfahren. Aber was will dieser Gully Foyle, den die Marine aufgegriffen hat, eigentlich? Er weiß noch nicht, dass Foyle aus dem Militärhospital geflohen ist.

Der Angriff

Der Presteign von Presteign jauntet mit seinen Leibwächtern und Schergen Sheffield und Dagenham nach Kalifornien, um dem Stapellauf seines neuesten Raumschiffes beizuwohnen. Im Komplex C der Werft steht unter anderem auch die „Vorga T:1339“. Kurz vor der Schiffstaufe wird Alarm ausgelöst. Das Gelände hat natürlich keine Zäune, denn diese können einen Jaunter nicht aufhalten. Die Bewegungssensoren verfolgen einen Eindringling, der offenbar mehrere Wachen überwältigen kann.

Gebannt verfolgt Presteign den Weg des Eindringlings, der schnurstracks zur „Vorga“ führt. Es muss sich um Foyle handeln, denn seine Gesichtstätowierung mit den Tigerstreifen ist unverkennbar. Aber was macht er da eigentlich? Er scheint etwas an der „Vorga“ anzubringen, dann zurückzutreten, so dass ihn die Wachen packen bringen. Kurz darauf wird die Spitze der „Vorga“ abgesprengt…

Mein Eindruck

Im französischen Hochsicherheitsgefängnis Gouffre Martel, das sich tief unten den Pyrenäen befindet, lernt Foyle Jisabel kennen, mit der über einen ungewöhnlichen Flüsterdraht kommunizieren kann. Da keiner der Häftlinge von diesem Ort herausjaunten kann – außer direkt in den gewachsenen Fels -, plant er mit ihr seinen Ausbruch aus diesem Gefängnis. Sie schaffen es nur, weil sie eng zusammenarbeiten und sich alle Mühen und Leiden teilen. An der Erdoberfläche ist es dann leicht, zusammen nach Hause in die USA zu jaunten, um Foyles grässliche Tätowierung mit Säure zu entfernen.

Es ist Jisabel, die ihn auf den entscheidenden Gedanken bringt, der fortan sein Handeln bestimmt: Da es sinnlos ist, ein ganzes Schiff namens „Vorga“ mitsamt allen Unschuldigen zu vernichten, muss er herausfinden, wer auf der „Vorga“ den Befehl dazu gab, wieder abzudrehen und ihn seinem Schicksal zu überlassen. Die Frage ist allerdings, wer dazu überhaupt die Macht hatte. Da sein Handicap darin besteht, dass er keine Umgangsformen und Sprachkenntnisse besitzt, spannt er seine frühere Lehrerin Robin Wednesbury dazu ein. Er muss in die Gesellschaftsschicht aufsteigen, wo sich die Presteigns dieser Welt begegnen.

Der Clown

Als exzentrischer Clown und Zirkusdompteur Geoffrey Fourmyles kommt er mit seinem fliegenden Zirkus in jede beliebige Ecke der Welt. Und als Unterhalter kann er sich auch die stark gesicherte Welt der Presteigns vorwagen. Er entwickelt sich zu einem Superteleporter, der unglaubliche Strecken überspringen kann, zum „Tiger“, einem Killer, vor dem niemand sicher ist und den alle abstoßend finden, außer der psychotischen Olivia Presteign.

Innenleben

Doch in Foyles Bewusstsein spielt sich ein gegenläufiger Prozess ab. Zunehmend von seinem eigenen Handeln abgestoßen, wird Foyle zum „Brennenden Mann“, der an seinem physischen Ich, der rohen Gewalt, zweifelt und sie schließlich überwindet. Der äußere Supermann weist nicht den Weg zu den Sternen, die er so gerne erreichen würde. Der „Brennende Mann“ wird zum Symbol für Foyles wachsende Bereitschaft zur Liebe, die den Tod des äußeren Superhelden, des Außenseiters, mit sich bringt und die Geburt wahren Superheldentums ankündigt: geistige, emotionale, moralische und selbst ästhetische Überlegenheit.

Finale

In den letzten Kapiteln verschmelzen Foyles Supersinne seine Wahrnehmungen zu völlig neuen Eindrücken, die Bester mit stilistischen und typographischen Tricks den Leser nachvollziehen lässt. Diese Schlusssequenz war für viele Genre-Autoren und Leser wegweisend und hat ihm eine feste Anhängerschaft verschafft.

Nachwort der Ausgabe von 1983 von Uwe Anton

Uwe Anton zeichnet zunächst den beruflichen Werdegang des Autors nach. So ist es recht interessant zu erfahren, dass Bester eigentlich von den Comic Books kam. An Grafik erinnern auch seine typografischen „Experimente“: Die Beschreibung einer Sternexplosion sieht typographisch genau aus wie ein explodierender Stern.

Wo in Besters Romandebüt „Demolition“ Telepathie im Mittelpunkt steht, ist es in „Tiger! Tiger!“ die Teleportation, das „Jaunten“. Das ist der Anfang einer nicht allzu langen Reihe von Romanen, die bis 1982 erschienen. Aber auch zwei brillante Story-Sammlungen gehören zum Werk des Meisters. Schließlich versucht sich Anton an einer Interpretation des vorliegenden Klassikers. Verweise auf den Grafen von Monte Cristo waren zu erwarten.

Die Übersetzung

Dies ist immer noch die erste Übersetzung aus dem Jahr 1965. Sie ist somit über ein halbes Jahrhundert alt und wirkt dementsprechend renovierungsbedürftig. Manche Ausdrücke sind schon gar nicht mehr verständlich bzw. geläufig.

S. 22: „Sodiummetall“: Sodium ist hierzulande unter dem Decknamen „Natrium“ bekannt.

S. 25: „Potassiumbromid“: Potassium firmiert hierzulande unter dem Decknamen „Kalium“.

S. 27: „aus den frühen 23000ern“: Gemeint ist eine bestimmte Ära, aber hier hat sich wohl eine Null zuviel eingeschlichen. Gemeint ist wohl das 24. Jahrhundert – und keinesfalls das 23.!

S. 32: „Negerin“: politisch nicht korrekt.

S. 64: „ehtische Ratschläge“: gemeint sind „ethische“.

S. 65: „Fs klappt wirklich!“ Es muss wohl „Es klappt wirklich!“ heißen.

S. 81: „Willst du nicht?“ Falscher Sprechakt. Dies ist ein negierender Widerspruch. Es müsste ein Ausrufezeichen anstelle des Fragezeichens verwendet werden.

S. 123a: „Ceres Mini[n]g Company“. Das N fehlt.

S. 123b: „Pallos“. Gemeint ist der Asteroid oder Planetoid Pallas.

S. 135: „ang[e]widert“: Das E fehlt.

S. 136: „ein EKG-Apparat zum Analysieren von Psychose-Schemata“. Unsinn! Ein EKG misst den Herzschlag. Gemeint ist hier ein EEG-Sensor.

S. 168: „Aber Gouffrey Fourmyle“: Auf S. 57 wird aber ein „Geoffrey Fourmyle“ eingeführt.

S. 181: „Unterwood“. In einer Aufzählung englischer Namen dürfte es sich wohl um einen „Underwood“ handeln.

S. 207: „Zehn Quadratmeilen einer Ebene in Texas wurden in waschbrettartiges Gelände[r] verwandelt.“ Das R ist überflüssig.

S. 214: „jeder Zelle, jeder Fiber, jedes Nervs…“: mit „Fiber“ ist wohl eine Muskelfaser gemeint.

Zeichnungen

Die Illustrationen stammen von Giuseppe Festino. Sie werden in den Credits gar nicht erwähnt.

Unterm Strich
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Comic-hafte Gestalten agieren wie in einem Cartoon vor einer bizarren Szenerie, und innerer und äußerer Raum treffen zusammen. Für die Verhältnisse von 1956 war diese Kombination aufsehenerregend – und sie ist es bis heute. Dennoch ist die Handlung im Grunde altbekannt: Es handelt sich um den Plot des „Grafen von Monte-Christo“ von Alexandre Dumas: ein klassischer Rachefeldzug.

Inner Space

Lediglich die innere Dimension, die Entwicklung zu einem übermenschlichen Wesen und doch zu einem „Brennenden Mann“ ist ein Geniestreich. Mehr als einmal wird auf die Ähnlichkeit des wahnsinnigen Rächers mit der Figur des leidenden Erlösers hingewiesen. Ein Kreuz , das er tragen muss, wird ihm angedichtet, und ein gebrochenes Herz ist ebenfalls zu erleiden. Welche größere Wunde könnte man ihm zufügen als durch seine große Liebe, die ihn verrät?

Werdegang

Wie in den Iterationen eines Computerprogramms durchläuft Foyles psychologischer Werdegang immer wieder die Station der „Nomad“, auf der sich in ein Monster verwandelte. Auf der „Nomad“ wartet nicht nur die Lösung des Rätsels, warum er dort quasi ausgesetzt wurde, sondern auch die Offenbarung, dass hier eine Substanz deponiert ist, mit der sich das Schicksal der Menschheit radikal ändern lässt. Foyle mag ja paranoid sein, aber deswegen sind doch wirklich alle hinter ihm her.

Frauen

Besonders beeindruckt haben mich die weiblichen Figuren. Sie kommen in der fehlerhaften und veralteten Übersetzung leider nur schlecht zur Geltung. Aber Jisbella ist eine Macherin, und Presteigns Tochter ist eine trügerische Kameliendame. Außerdem sind da noch eine furchtsame, aber rachsüchtige Lehrerin und eine verführerische Dame mit schwarzer Haut. Ihnen gegenüber muss sich Foyle stets wie ein Schauspieler verhalten, um sich durchzusetzen.

Nur bei einer dieser vier Damen begeht er den Fehler, sein Herz sprechen zu lassen – und wird prompt wiederum betrogen. Wird er die Fähigkeit des Verzeihens erlernen? Mit der Verschärfung seiner psychischen Krise geht die Verstärkung des Bombardements der Erde einher. Die Apokalypse liegt in den Händen dieses Übermenschen (im Nietzscheschen Sinne): Der kritisch gewordene Inner Space droht in einer absoluten Zerstörung des Outer Space zu kulminieren.

Für die fehlerhafte Übersetzung gibt es Punktabzug.

Taschenbuch: 251 Seiten
Originaltitel: The stars my destination, 1956;
Aus dem Englischen von Gisela Stege.
ISBN-13: 9783453309630

www.heyne.de

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