Phillip P. Peterson – Vakuum

Inhalt:

Die Physikerin Susan Boyle überwacht im antarktischen Winter ein Neutrino-Teleskop. Sie empfängt ein starkes Signal aus der Richtung eines nahen Sternhaufens, kann aber nichts Außergewöhnliches erkennen. Bis nach und nach immer mehr Sterne am Himmel verschwinden.

Der Astronaut Colin Curtis bereitet sich im Mondorbit auf seine Landung vor. Aber das Manöver wird abgebrochen, als eine Astronomin seiner Crew ein außerirdisches Raumschiff entdeckt, das sich mit großer Geschwindigkeit unserem Sonnensystem nähert.

Es schickt eine Funkbotschaft an die Menschheit, die nur aus physikalischen Formeln besteht, bevor es – offensichtlich auf der Flucht – davonrast. Nach und nach wird den Wissenschaftler*innen klar: Aus den Tiefen des Raums kommt etwas auf uns zu. Etwas so Gewaltiges, dass es die Erde in ihren Grundfesten erschüttern wird. (Verlagsinfo)

Mein Eindruck:

Was geschieht, wenn die Menschheit erstmals Kontakt zu außerirdischen Lebensformen bekommt? Und wenn sie erkennt, dass die Wesen aus einer fremden Galaxie mit nahezu Lichtgeschwindigkeit vor etwas fliehen? Was tun die Menschen, wenn sie erkennen, dass das Ende der Welt bevorsteht? Was für Lösungen entwickeln sie, was wird aus dem System und dem Verhalten der Menschen? All diesen Fragen widmet sich Phillip P. Peterson in ‚Vakuum‘. Es ist ein Werk, das sich mit technischen und physischen Feinheiten, doch ebenso mit menschlichen Grundwerten befasst. Und das mit großer Klasse! Es gelingt dem Autor, das perfekte Maß zu finden, um den Leser nicht mit technischen Details zu erschlagen, sondern darüber hinaus grundlegende ethische Fragen aufzuwerfen und zu beantworten. Ethik kann in Bezug auf apokalyptische Szenarien stets einen üblen Beigeschmack haben, was in einigen Punkten auch hier der Fall ist. Doch im Großen und Ganzen hat Peterson ein Werk geschaffen, das unglaublich realistisch und dadurch nachvollziehbar ist.

Schon zu Beginn wird deutlich, dass der Autor astronomisch den Durchblick hat. Es ist die Rede von einer Supernova, weißen Zwergen, roten Riesensternen, Neutrinos etc. Ohne zu langweilen, erklärt Peterson anschaulich, wie das Leben eines Sternes abläuft. Dass er sich auch beruflich mit der Raumfahrt beschäftigt, kommt ihm hier zugute. Abläufe werden klar geschildert und das zieht sich durch den gesamten Roman. Ob es nun um astronomische Vorgänge geht, Ingenieursarbeiten oder die Nuklearwissenschaft, der Leser bekommt alle Fragen so beantwortet, dass es selbst für den Laien verständlich ist. Stets gibt es einen Charakter, der von dem speziellen Fachbereich, um den es geht, keine Ahnung hat, Fragen stellt und diese beantwortet bekommt. Das ist ein nützliches Instrument, das diesem teilweise sehr technischen Roman wahnsinnig guttut, damit der Leser ohne Fragen diesbezüglich zurückbleibt.

Beeindruckend ist, dass Peterson reale Ideen und Techniken verwendet. Nicht nur erwähnt er das Max-Planck-Institut oder Neil A. Armstrong. Vielmehr noch nutzt er Ideen, die mitunter bereits im letzten Jahrhundert aufgekommen sind. Im Nachwort benennt er die Quellen seiner Inspiration… und lässt den Leser mit gemischten Gefühlen zurück. Denn zu lesen, dass all die Institutionen und Ideen tatsächlich Relevanz in der heutigen Forschung besitzen, ist beeindruckend, doch genauso unheimlich. Diese Nähe zur Realität bedeutet, dass das Grundgerüst dieses Romans durchaus wahr werden könnte. Doch gerade diese Realitätsnähe macht ‚Vakuum‘ auch zu einem fantastischen Werk.

‚Vakuum‘ spielt an verschiedenen Orten bzw. mit verschiedenen Hauptcharakteren. Zunächst ist da Susan Boyle, Physikerin am Südpol, die mit einem Neutrino-Teleskop starke Signale empfängt und schließlich erkennt, dass die Sterne nach und nach verschwinden. Sie ist eine bodenständige Frau, die sich voll und ganz der Wissenschaft verschrieben und nur noch ihre Mutter hat. Weit vom Boden entfernt ist Astronaut Colin „Cool“ Curtis, der sich kurz vor dem Mond befindet, um diesen zu betreten. Er ist ein absoluter Frauenheld und versteckt das auch gewiss nicht. Susan und Colin werden im weiteren Verlauf mehr miteinander zu tun bekommen, da sie und etliche weitere Menschen verhindern müssen, dass das ‚Vakuum‘ die Erde erreicht. Denn wenn dies der Fall ist, wird es die Erde verschlingen und nichts wird übrig bleiben. Außerirdische sind vor dem Vakuum geflohen und es ist schnell klar, dass Flucht die einzige Chance für die Menschheit ist. Doch wie sollte ein Raumschiff gebaut werden, das mit nahezu Lichtgeschwindigkeit unterwegs ist, wenn die Menschen es bisher gerade einmal zum Mond geschafft haben? Und selbst wenn sie es schaffen, ein solches Raumschiff zu bauen – wie viele Menschen wird es transportieren können? Lässt sich ein Ökosystem darauf errichten? Wer wählt aus, welche Menschen das Privileg haben werden, an Bord zu gehen und damit zu überleben? Mit all diesen Fragen beschäftigen sich auch Susan und Colin, die der Leser schnell zu schätzen lernt. Obwohl Susan sehr auf ihre Forschung bedacht und Colin auf Frauen konzentriert ist, erfährt der Leser, wie viel mehr dahinter steckt. Diese Einzelschicksale werden immer wieder abwechselnd aufgegriffen, sodass es durch den Wechsel niemals langweilig wird.

Im krassen Gegensatz zu diesen von Technik umgebenen Charakteren steht Pala, die als dritter Protagonist eingeführt wird. Sie befindet sich in einem Dorf, in dem vom ‚Zyklus‘ die Rede ist, Rechnen und Lesen als mysteriöse Fertigkeiten gelten und Technik als etwas angesehen wird, das den ‚Vorvätern‘ zur Seite gestanden hat. Es ist schnell ersichtlich, dass sich Pala nicht in der gleichen Welt befindet wie Susan und Colin. Die große Frage ist jedoch: In welcher dann? Wird mit ihr die Zukunft geschildert? Handelt es sich um Außerirdische, die wie Menschen aussehen und interagieren? Diese Frage wird endgültig erst recht spät beantwortet, allerdings wird der Leser schon früh Vermutungen anstellen können. Anders als bei Colin und Susan geht es auch nicht um das Ende der Welt, sondern um Palas Vater, der schwer krank ist und dem sie und ihr Freund Toma helfen wollen. Dafür begeben sie sich auf eine Reise, die sie an neue und doch altbekannte Orte führt, mit bekannten Namen interagieren lässt und zeigt, wie schnell man sich vom Unbekannten verängstigen lassen kann, obwohl es dafür nicht immer einen Grund gibt. Ständig fragt sich der Leser, was genau passiert ist, dass die Personen in dieser Welt Abstand von der Technik genommen haben, aus den Städten geflohen sind, diese meiden und nun in den Wäldern leben. Selbst die Namen der in dem Dorf lebenden Personen sind anders, als wir es gewohnt sind. Der Leser merkt also schnell, dass diese Welt zwar etwas mit unserer zu tun hat, aber irgendetwas doch anders ist.

Was macht es mit einem, zu wissen, dass die Welt in naher Zukunft ihr Ende findet? Politisch und ordnungstechnisch stünde die Menschheit vor großen Herausforderungen. Aber auch zwischenmenschlich wäre es nicht einfach, was Peterson eindrucksvoll schildert. Manch einer will einfach nur mehr Zeit mit der Familie verbringen, andere wollen nochmal einen draufmachen. Wiederum andere finden zurück zu sich selbst und ihren Liebsten. Während manche mehr Sex haben, hören andere auf, fremdzugehen. Menschen bringen sich frühzeitig selbst um, klären Probleme endgültig, um einen Schlussstrich zu ziehen, oder erfüllen sich ihren größten Traum, bevor es zu spät ist. Jeder geht anders mit dieser vor allem psychischen Last um und diese Einzelschicksale führt der Autor mit viel Feingefühl aus, was mitunter sehr herzzerreißend und ergreifend ist. Aufgrund der großen Nähe zur Realität bleibt jedoch auch der Leser nicht verschont. Unweigerlich stellt man sich selbst die Frage: Was würde ich in einer solchen Situation machen? ‚Vakuum‘ ist also nicht nur eine nette Unterhaltung, sondern regt auch zum Nachdenken an.

Nicht nur private Einzelschicksale greift Peterson auf. Es geht auch darum, zu entscheiden, welche wenigen der Milliarden von Menschen am Ende überleben sollen. Wenn Flucht die einzige Möglichkeit ist, wem wird diese dann vergönnt? Reichen und Politikern? Kindern? Fachkräften? Selbst diese Gruppen haben mehr Angehörige, als Menschen gerettet werden können. Also wie trifft man eine Entscheidung? Ist eine Lotterie gerecht? Aber was, wenn Fachkräfte fehlen, um einander versorgen zu können? Was für Kriterien sind an Überlebende zu stellen, damit Fertigkeiten und Fertilität sichergestellt sind? Ist es moralisch vertretbar, den Menschen falsche Hoffnungen zu machen, um unsere Spezies zu retten? Wer trifft am Ende die Entscheidung, die utilitaristische Züge hat? Und wie geht man gegen Personen vor, die sich gegen diese Entscheidung stellen? Ist das gesellschaftliche Chaos überhaupt aufzuhalten? Wie zu erkennen ist, geht es in ‚Vakuum‘ um mehr als Außerirdische und Sci-Fi. Es geht um fundamentale Fragestellungen, die jederzeit auch uns treffen könnten. Wieder sind wir damit bei einem Punkt angelangt, der uns zum Nachdenken anregt.

Es kam überraschend, dass ein deutscher Autor eine amerikazentrierte Sicht beschrieben hat. ‚Vakuum‘ spielt in Amerika, wo vor allem die NASA tätig ist. Schon durch die Corona-Pandemie hat die Welt gemerkt, dass die internationale Zusammenarbeit zu wünschen übriglässt. Nicht anders ist das in ‚Vakuum‘, denn wenn das Ende der Welt bevorsteht, ist jedes Volk auf sich fixiert. Es geht dann nicht mehr darum, ‚die Menschheit‘ zu retten – sondern die eigenen Einwohner. In Amerika geht es also um das Überleben des amerikanischen Volkes, in China um das chinesische und in Russland um das russische. Dass sich Peterson für die amerikanische Sicht entschieden hat, ist nachvollziehbar, da das Land eine große Raumfahrt-Nation ist. Europa hat keine Mittel und ist in vielen Punkten von anderen Staaten abhängig. Das Überleben des ‚europäischen Volkes‘ zu sichern, wäre also recht ernüchternd geworden. Zu glauben, dass sich die Staaten gegenseitig in Ruhe lassen, um ihr Überleben sicherzustellen, ist ebenfalls ein Irrglaube. Sehr realistisch schildert der Autor, dass internationale Konflikte neu aufflammen und sogar eskalieren, gewisse Bevölkerungsgruppen auf Rache aus sind und Staaten gewiss nicht zusammenarbeiten, sondern auf ihren eigenen Vorteil bedacht sind. Internationale Zusammenarbeit scheint da fehl am Platz.

Und weiterhin sieht sich der Leser mit moralischen Fragen konfrontiert. Wenn die Erde in zwei Jahren ohnehin nicht mehr existiert, ist es dann vertretbar und legitim, Menschen zu töten, aus welchen Gründen auch immer? Was für Grenzen gibt es noch und wie lapidar darf mit einem Leben umgegangen werden? Ist Vergeltung um jeden Preis in Anbetracht der Apokalypse vertretbar oder sollte man sich auf menschliche Grundlagen besinnen? Wenn das Überleben weniger Menschen sichergestellt werden soll, muss man sich fragen, ob das im Umkehrschluss bedeutet, dass alle anderen Leben nichts mehr wert und verzichtbar sind. Ist es wirklich so wichtig, die menschliche Spezies mit ihrer Geschichte zu retten, dass man dafür einen Großteil einfach opfert, auch ohne gerichtlichen Prozess? Ich wage es zu bezweifeln, aber letztlich befinden wir uns heute nicht in einer solchen Lage – und darüber sollten wir froh sein. In ‚Vakuum‘ hat der amerikanische Präsident einen unglaublich schwierigen Job, der ihn gewiss selten gut dastehen lässt. Um das Überleben zu sichern, muss vielfach die Moral beiseitegeschoben werden. In einer solchen Situation würde wohl niemand mit ihm tauschen wollen.

Der Aufbau dieses Romans ist interessant gewählt. Wie schon beschrieben, wechseln sich Susan, Colin und Pala mehr oder weniger ab, sodass verschiedene Blickwinkel beleuchtet werden. Über einigen Kapiteln steht auch die verbleibende Zeit („V minus 27 Monate“ etc.), sodass der Leser genau weiß, wie viel Zeit noch bleibt, bis der Vakuumzerfall das Sonnensystem trifft. Dieses Element steigert die Spannung enorm, sodass der Leser gar nicht anders kann, als mitzufiebern. Während die Zeit zu Beginn eher langsam vergeht, nimmt sie zum Ende hin rasend schnell ab… wie es sich wohl auch für die handelnden Charaktere anfühlen muss. Dementsprechend löst es auch eine gehörige Gänsehaut aus, von „V Null“ zu lesen.

Der Autor:

Phillip P. Peterson arbeitete als Ingenieur an zukünftigen Trägerraketenkonzepten und im Management von Satellitenprogrammen. Neben wissenschaftlichen Veröffentlichungen schrieb er für einen Raumfahrtfachverlag. »Transport« war sein erster Roman, der zum Bestseller wurde. Mit »Paradox« gewann er 2015 den Kindle Storyteller-Award. Zu seinen literarischen Vorbildern gehören die Hard-SF-Autoren Stephen Baxter, Arthur C. Clarke und Larry Niven. (Verlagsinfo)

Fazit:

Peterson hat Ahnung von dem, was er schreibt, und das merkt der Leser in jedem Kapitel. ‚Vakuum‘ ist so realitätsnah, dass es Angst macht und das eigene Gedankenkarussell in Gang setzt. Während es anfangs viel um technischen Kram geht, wird auch immer mehr die moralische Seite beleuchtet. Am Ende konnte ich das Buch gar nicht mehr aus der Hand legen, weil es so spannend war. Der Leser fiebert automatisch mit, als wäre er dabei; doch genauso bangt und trauert er auch mit.

Wir beschweren uns ständig, in der Schule viel unnötiges Zeug zu lernen, was später gar nicht mehr gebraucht wird. Pala im Umkehrschluss beschwert sich darüber, nichts über die Geschichte zu lernen, nicht lesen oder rechnen zu können, weil all das für ihr Leben im Stamm nicht benötigt wird. Wenn die Welt nun aber untergeht, sollte die menschliche Geschichte dann gerettet werden? Die Menschen tun so viel Schreckliches, das man meinen könnte, wir sollten uns nicht retten. Doch genauso haben sie Positives, gar Wundervolles geschaffen und vollbracht, das erinnerungswürdig ist. Doch um welchen Preis? Wenn ich die Chance hätte, das Ende der Welt zu überleben, würde ich sie ergreifen? Würde ich als eine von wenigen überleben wollen? Und was würde ich mit meiner auf der Erde verbleibenden Zeit anfangen? Diese Fragen beschäftigen mich auch nach Ende des Romans noch, was dafür spricht, dass Peterson ein großartiges Werk geschaffen hat. Jeder Mensch befindet sich in einer anderen Situation und jeder hat sein Päckchen zu tragen. Kann man da wirklich differenzieren, welche Päckchen überlebenswürdig sind?

‚Vakuum‘ ist ein spannendes, stellenweise sogar lustiges und höchst dramatisches Werk. Der Autor hat die Verbindung zwischen Sci-Fi und Moral perfekt hergestellt und auch den Realitätsbezug nicht außer Acht gelassen. Aus diesem Grund halte ich den Roman nicht nur für der Unterhaltung dienlich, sondern darüber hinaus in der Lage, unsere Grundfeste zu erschüttern und uns zum Nachdenken anzuregen. Sprachlich kann ich absolut nichts bemängeln und selbst die Kapitel haben eine angenehme Länge. Im Großen und Ganzen ist ‚Vakuum‘ in meinen Augen sehr eindrucksvoll und absolut empfehlenswert!

Broschiert: 496 Seiten
ISBN-13: 978-3596700745

www.fischerverlage.de

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