Ambrose Bierce – Die gesammelten Geschichten und Des Teufels Wörterbuch

Ursprünglich in vier Bänden sammelte der Haffmans Verlag die Kurzgeschichten, ‚Fabeln‘ und Aphorismen des Schriftstellers Ambrose Bierce (1842-1913/14), der zu den (lange vergessenen) Meistern der US-amerikanischen Literatur gehört und in seinen Werken grausige Realität und gruselige Fiktion sowohl eigenwillig wie eindringlich darzustellen weiß: Diese Sammlung demonstriert Zorn und Talent eines auch gegen sich selbst unbarmherzig kritischen Menschen.

Das Beste vom „bitteren Bierce“

Ambrose Bierce (1842-1913/14) war Soldat, Publizist und Schriftsteller und als solcher Autor einiger der besten fantastischen Geschichten aller Zeiten. Zudem war er ein unbarmherziger Literaturkritiker, trotz seines Ruhmes eine zwiespältige, innerlich zerrissene, faszinierende Person (und Persönlichkeit), die weitgehend in Vergessenheit geraten ist.

Gerade im deutschsprachigen Raum konnte Bierce nicht die Aufmerksamkeit gewinnen, die ihm zukommt. Dabei kommt kaum eine Anthologie klassischer Phantastik-Geschichten ohne Storys wie „Ein Vorfall an der Owl-Creek-Brücke“, „Moxons Meister“ oder „Ein Totenwächter“ aus. Daher war es lobenswert, dass der Züricher Haffmans-Verlag die hier vorgestellte Sammlung der besten und wichtigsten Arbeiten des nicht zu Unrecht „Bitter Bierce“ genannten Autors in sein Programm aufnahm.

Diese Ausgabe vereinigte vier Sammelbände, die zuvor separat erschienen waren: „Des Teufels Wörterbuch“ (1986), „Lügengeschichten und fantastische Fabeln“ (1987), „Horrorgeschichten“ (1988) und „Geschichten aus dem Bürgerkrieg“ (1989).

Geschichten aus dem Bürgerkrieg und (bzw. gleich) Horrorgeschichten

Bevor sich Bierce zum Schrecken der Literaturszene entwickelte, lernte er das reale Grauen als Soldat im Amerikanischen Bürgerkrieg (1861-1865) kennen. Der junge Mann ließ sich vom patriotischen Überschwang mitreißen, meldete sich freiwillig und nahm praktisch vom ersten Tage an auf Seiten der Union des Nordens am Krieg gegen die konföderierten Südstaaten teil, die sich aus dem Verbund der Vereinigten Staaten losgesagt hatten. Bierce war einer der wenigen Schriftsteller von Rang, die aktiv an den Kämpfen teilnahmen und später den Wahnsinn dieses ersten Massenvernichtungs-Kriegs der modernen Neuzeit in adäquate Worte fasste.

Er kämpfte in beinahe allen berühmten und blutigen Schlachten des Sezessionskrieges, und die Gräuel, die er dabei erlebte, sowie die zahlreichen Lektionen in Dummheit und Inkompetenz, die ihm die nachträglich gefeierten Feldherren dieses Krieges gratis erteilten, sollten sein Wesen und seine Weltsicht prägen.

Der Krieg bot Gelegenheiten genug, der Liebe zum Fantastischen und Makabren zu frönen, die Bierce sein Leben lang hegte. Die Jahre zwischen 1861 und 1864 waren die eigentliche Wiege von „Bitter Bierce“, dem nüchtern-genialen Chronisten des Bürgerkriegs – der noch Ernest Hemingway oder Norman Mailer als Vorbild diente -, aber auch des Verfassers buchstäblich unheimlicher Geschichten. Bierce, der Schriftsteller, war von der Angst fasziniert, „und zwar sowohl die rationale Angst des Soldaten vor einem gewaltsamen Tod (und die kaum weniger starke Furcht vor Feigheit und Schande) wie auch die irrationale Angst des einfachen Bürgers vor dem Unheimlichen und Unerklärlichen. Zugleich erweisen sich Ursprung und Folgewirkung dieser Angst hier wie dort oft als Ausgeburten der eigenen Psyche“, schrieb Roy Morris in seiner Bierce-Biographie von 1995 („Allein in schlechter Gesellschaft“), die ebenfalls im Haffmans Verlag erschien.

So fällt es schwer, Bürgerkriegs- und Horrorgeschichten zu trennen. Bierce hatte selbst seine Schwierigkeiten damit, als er sich in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts daran machte, seine „Gesammelten Werke“ in zwölf voluminösen Bänden zusammenzutragen, weshalb Überschneidungen nicht ausblieben.

Lügengeschichten und fantastische Fabeln

Nach dem Bürgerkrieg begann der mühsame, von zahllosen Enttäuschungen begleitete Aufstieg des Schriftstellers Ambrose Bierce. Er arbeitete als Journalist in San Francisco, einer rauen Stadt in einer rauen Zeit. Bald lernte Bierce, wie seine nicht minder rücksichtslosen Kollegen kein Blatt vor den Mund zu nehmen. Er übertraf sie rasch in seinem unerbittlichen Wüten gegen korrupte Politiker, skrupellose Geschäftsleute, bigotte Kirchenherren, mörderische Rassisten, minderbegabte Autoren-Kollegen und alle jene, die seinen strengen moralischen Maßstäben nicht genügen konnten.

Attackierte er sie nicht direkt, nahm er sie in seinen „Lügengeschichten“ und „Fabeln“ auf die Schippe. Seine Leser machten sich ein Vergnügen daraus, Bierces Chiffren zu entschlüsseln. Für den modernen Übersetzer stellen die oft an die Zeit und den Ort ihrer Entstehung gebundenen Anspielungen allerdings einen permanenten Albtraum dar. Herausgeber Gisbert Haefs schildert seine Qualen in einem dem Umfang des vorliegenden Bandes gerecht werdenden, sehr ausführlichen, immer vergnüglichen Nachwort.

Der böse Witz verbrämte die Realität nur notdürftig und gab die auf diese Weise Karikierten erst recht der Lächerlichkeit preis. Es spricht für Bierces Talent, dass sich die Lügengeschichten und Fabeln auch ohne das Wissen um seine Opfer (die ihr Schicksal in der Regel verdienten) heute noch mit Genuss lesen lassen.

Des Teufels Wörterbuch

„Geschichte: Die meistens falsche Darstellung meistens unwichtiger Ereignisse, die von meistens schurkischen Herrschern und meistens dummen Soldaten herbeigeführt wurde.“
„Skrupel: Wort, das außer Gebrauch gerät, da es eine Idee birgt, die nicht mehr existiert.“
„Gegenwart: Jener Teil der Ewigkeit, der den Bereich der Enttäuschung von jenem der Hoffnung scheidet.“

Mehr als drei Jahrzehnte hielt Bierce sein publizistisches Trommelfeuer aufrecht. Er zahlte dafür einen hohen Preis: Sein Privatleben war unglücklich, seine Ehe ein Desaster, beide Söhne starben unter tragischen Umständen, und mit zunehmendem Alter trieb ihn die wachsende Zahl seiner Gegner mehr und mehr in die Isolation. Der erschöpfte, zunehmend verbitternde und zynische Bierce wich keinen Deut vom einmal eingeschlagenen Weg ab – er konnte es wohl nicht mehr.

„The Devil‘s Dictionary“ stellte deshalb ein Ventil für Bierce dar. Die Anfänge gehen bereits auf das Jahr 1875 zurück. Mehr als dreißig Jahre lang schuf Bierce Aphorismen, Epigramme, kurze Gedichte und Geschichten, die in ihrem galligen Spott beispiellos und zu einem guten Teil in den allgemeinen Sprachgebrauch eingegangen sind.

Ein Leben bzw. Werk in über 1000 Dünndruckseiten

Das Werk als Spiegel eines Lebens: Kaum verwunderlich ist unter diesen Umständen, dass Bierce höchstwahrscheinlich den Selbstmord als konsequenten Abschluss wählte. Er, der das Jahr schließlich als „Periode von dreihundertfünfundsechzig Enttäuschungen“ definierte und seine Kraft schwinden fühlte, ertrug den Gedanken nicht, dem Heer seiner Gegner und Kritiker hilflos ausgeliefert zu sein. Also gab er im Winter des Jahres 1913 vor, als Journalist ins revolutionsgeschüttelte Nachbarland Mexiko zu reisen. Um die Jahreswende 1913/14 ist Ambrose Bierce spurlos irgendwo auf dieser Reise verschwunden. Bis heute Tag ist es nicht gelungen, seine letzten Tage zu rekonstruieren – und so hatte er es zweifellos geplant.

Die „Gesammelten Geschichten“, die der Züricher Haffmans Verlag 2000 auf den Buchmarkt brachte, stellen die Quintessenz des Bierceschen Werkes dar. Selbst hatte es der Autor zu Lebzeiten nicht geschafft, die Spreu vom Weizen zu trennen. Dies übernahmen für den deutschsprachigen Raum Herausgeber Gisbert Haefs mit einem Team engagierter Mitarbeiter/innen. Der Aufwand war immens, das Projekt ist glänzend gelungen: Dieser Sammelband ist eine kleine, aber gewichtige Schatztruhe, die in jedem Bücherschrank einen Ehrenplatz einnehmen sollte, denn weiterhin antiquarisch problemlos erhältlich sind 1120 Seiten taufrisch gebliebener, geschliffener, eindrucksvoller, Angst einflößender, giftiger Prosa, das Ganze im liebevoll bibliophilen Gewand; Einband und Buchrücken sind einer Ausgabe des 19. Jahrhunderts nachempfunden.

Gebunden: 1120 Seiten
Übersetzung: Jan-Wellem van Diemkes, Viola Eigenbertz, Gisbert Haefs u. Trautchen Neetix

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