Wolfgang Jeschke (Hrsg.) – Heyne Science Fiction Jahresband 1988

Klassische SF-Erzählungen zu kleinem Preis

Der inzwischen verstorbene Herausgeber der Heyne Science Fiction Reihe, Wolfgang Jeschke, pflegte von 1980 bis 2000 eine schöne Tradition: Jedes Jahr präsentierte er seinen Lesern eine Anthologie von guten phantastischen Geschichten zu einem sehr erschwinglichen Preis. Lag dieser 1980 noch bei schlappen 4,80 DM, so war der Preis im Jahr 2000 bereits bei 18,00 DM angelangt – und wäre heute überhaupt nicht mehr bezahlbar. (Man könnte man die Preissteigerungsrate ausrechnen: Sie ist astronomisch hoch.)

Wie immer jedoch lieferten die SF-Jahresbände Erzählungen, die von der ersten Liga der Autoren und Autorinnen stammte. Stets war ein kleiner Ausreißer dabei, sei es ein Autor aus dem Ostblock – zu dem Jeschke von jeher gute Kontakte pflegte -, oder ein Kurzroman, z.B. von C.J. Cherryh.

Dieser Band erschien im Jubiläumsjahr 1988 – 25 Jahre Heyne Science Fiction, wenn ich mich nicht täusche. Die Beiträge sind herausragend, ebenso die angloamerikanischen Autoren.

Der Herausgeber

Wolfgang Jeschke, geboren 1936 in Tetschen, Tschechei, wuchs in Asperg bei Ludwigsburg auf und studierte Anglistik, Germanistik sowie Philosophie in München. Nach Verlagsredaktionsjobs wurde er 1969-1971 Herausgeber der Reihe „Science Fiction für Kenner“ im Lichtenberg Verlag, ab 1973 Mitherausgeber und ab 1977 alleiniger Herausgeber der bis 2001 einflussreichsten deutschen Science Fiction Reihe Deutschlands beim Heyne Verlag, München. Von 1977 bis 2001/02 gab er regelmäßig Anthologien – insgesamt über 400 – heraus, darunter die einzigen mit gesamteuropäischen Autoren.

Seit 1955 veröffentlicht er eigene Arbeiten, die in ganz Europa übersetzt und z.T. für den Rundfunk bearbeitet wurden. Er schrieb mehrere Hörspiele, darunter „Sibyllen im Herkules oder Instant Biester“ (1986). Sein erster Roman ist „Der letzte Tag der Schöpfung“ (1981) befasst sich wie viele seiner Erzählungen mit Zeitreise und der Möglichkeit eines alternativen Geschichtsverlaufs. Sehr empfehlenswert ist auch die Novelle „Osiris Land“ (1982 und 1986), die er sogar in die USA verkaufen konnte (MFSF). Eine seiner Story-Sammlungen trägt den Titel „Schlechte Nachrichten aus dem Vatikan“. Er starb im Juli 2015.

Die Erzählungen

1) Orson Scott Card: Auge um Auge (Eye For Eye, 1987)

Der 17-jährige Waisenjunge Mick verfügt über eine besondere Fähigkeit: Wenn er wütend ist (und das ist er oft), kann er andere Leute, die ihm blöd kommen, mit Krebs infizieren. Sie sterben daran nach spätestens zwei Jahren. Mittlerweile hat er 25 Menschen auf dem Gewissen und allmählich hasst er seine Fähigkeit. Er versucht, sich zu kontrollieren, aber wenn ein Busfahrer einen schikaniert, gibt es einen Punkt, an dem Mick nicht mehr zurückweicht und die „Funken“ losschickt.

Diese unheilvolle Aktivität bleibt nicht lange unbemerkt. Eine junge Frau, die ihren Namen nicht sagen will, spricht Mick auf dem Bus an und sagt, sie wolle ihm helfen. Da bekommt er es mit der Angst zu tun und verlässt Bus – und Stadt. Doch er landet auf einem Hügel, wo sie bereits auf ihn wartet. Sie habe seine Richtung beeinflusst, behauptet sie, denn sie verfügt ebenfalls über eine Gabe. Sie weiß unheimlich viele Dinge über ihn. Dass er aus einer Sippe von ebenso begabten Menschen komme, die ihn zur Adoption freigegeben hätten. Seine Eltern seien gar nicht tot, sondern wollten ihn zurückhaben. Schreckliche Dinge, wie gesagt.

Sie selbst gehöre zu einer Gruppe, die solche Talente wie ihn normalerweise eliminieren würde, aber bei Mick hätten sie auf ihre Bitte hin eine Ausnahme gemacht. Schließlich habe er ja gezeigt, er wolle sich kontrollieren. Sie schläft mit ihm und warnt ihn vor seinen Verwandten. Deren Ruf würde ihn bald ereilen. Tatsächlich: Kaum lässt er sich von einem Autofahrer per Anhalter mitnehmen, fällt er in Schlaf. Er landet nicht wie gewünscht in Washington, D.C., sondern in seiner Heimatstadt: Eden, North Carolina. Mom und Dad begrüßen ihn am Grab eines seiner Opfer: Sie haben große Züchtungspläne mit Mick…

Mein Eindruck

Ist dies nun die Story eines Superhelden oder eines Monsters, fragt sich der Leser. Die Hauptfigur, die ihre Geschichte erzählt, nimmt ihm die Antwort ab: Mick hält sich selbst für ein Monster. Er ahnt aber noch nicht, welche Kräfte in ihm stecken, als er im Haus seiner Eltern überfallen und um ein Haar getötet wird. Seine Sünde ist offenbar in den Augen des Sektenführers groß: Er hat die angebotene Frau abgelehnt, mit der er Nachkommen zeugen sollte. Ja, er kehrte sogar ihre Kraft gegen sie selbst, so dass sie krank zusammenbrach. Der Messerangriff auf Mick scheitert und er setzt das Haus in Brand…

Der Sektenführer zitiert die ältesten Vorväter aus dem Buch Genesis des Alten Testaments: Abraham, Isaak und Jakob nahmen mehr als nur eine Frau und stets solche, die ihnen per Blutlinie nahestanden, bevorzugt Kusinen. Diese bewährte und von Gott offenbar lizenzierte Inzucht soll nun auch Mick praktizieren. Als er sich weigert, soll er sterben. Die Flucht gelingt ihm v.a. durch Mithilfe der „Frau aus Roanoke“, die natürlich ebenfalls über gewisse hellseherische Kräfte verfügt. Sie will ihn überreden, sich der Wissenschaft als Studienobjekt zur Verfügung zu stellen. Sie selbst stamme nämlich aus der gleichen Sippe, und schon ihr Urgroßvater sagte sich von dieser Inzucht-Sekte los. Letzten Endes sind also sie und Mick miteinander verwandt…

Unterm Strich scheint es dem in Bibelangelegenheiten bestens bewanderten Autor (er schrieb drei Romane über biblische Frauengestalten) um die Bewertung von Gut und Böse, Moralkodizes und eine Kritik an den Gepflogenheiten der Bibelväter (Abraham & Co.) zu gehen. Deren Gesetze sind nicht zuletzt auch rassistisch. Frauen, die außerhalb dieser Sippe stehen, werden als Esau-Töchter abqualifiziert. Esau war Jakobs älterer Bruder, wurde aber von diesem um sein Erstgeborenenrecht betrogen – „für ein Linsengericht“, lautet bis heute die Redensart. Letzten Endes soll sich auch Mick von seiner Vergangenheit emanzipieren können und seine zerstörerische Gabe besser kontrollieren. Vielleicht lässt sie sich ja einsetzen, um Gutes zu tun.

2) James Patrick Kelly: Todestherapie (Death Therapy, 1978)

Dr. Carla Walsh ist Expertin fürs Sterben. Als ein Vergewaltigungsopfer nicht mehr auf ihre chemische Behandlung anspricht, schaltet sie die Künstliche Lunge ab und lässt die Gehirnsubstanzen messen. In ihrer Eigenschaft als Fachfrau wird sie von Dr. Edward DeQuincey Challant eingeladen, an einem Experiment teilzunehmen, bei dem Sexualverbrecher dadurch von ihrem übersteigerten Trieb therapiert werden sollen, dass ihnen ein Erlebnis des eigenen Todes beschert wird. Die Sowjets hätten damit gute Ergebnisse erzielt. Die US-Regierung bzw. das Justizministerium hätten Challant die Mittel genehmigt.

Zuerst will Carla wütend ablehnen. Es verstößt gegen alle ihren ethischen Werte, aber sie darf, so erkennt sie, persönliche Vorurteile nicht vor professionelle Arbeitsmethoden stellen. Nachdem sie die Akte des ersten Probanden gelesen hat, stimmt sie zu: Michael Huxol ist ein mehrfacher Vergewaltiger und ein Doppelmörder. Was hätte er mit dem abgeschalteten Vergewaltigungsopfer gemacht? Doch als sie den schmächtigen Kerl mit dem durchdringenden Blick erstmals untersucht, erlebt sie sexuelle Erregung. Wie kann das sein?

Dr. Challant ist nicht gewillt, ihre Warnung ernstzunehmen, dass Huxol möglicherweise über „wilde“ Psi-Fähigkeiten verfügen könnte. Huxol sei ja nicht ausgebildet worden, was könne also schiefgehen, fragt er Carla. Als Huxol nach Wochen von Challants hypnotherapeutischen Sitzungen schließlich das Todeserlebnis verpasst werden soll, geht wirklich alles gründlich schief, und am Ende ist eine Leiche zu beklagen…

Mein Eindruck

Die wirkungsvolle Novelle belegt die Ansicht, dass nichts in der Psychologie eine Einbahnstraße ist. Carla hat recht, als sie Challant vor Huxols Psi-Fähigkeit warnt. Wie die Sowjets ihre vom Geheimdienst abgehörten „Erfahrungen“ mit dieser „Todestherapie“ positiv nennen können, bleibt Carla schleierhaft. Selbst Challant selbst redet von Nazi-Methoden. Was also soll daran positiv sein, einen Menschen durch das Erlebnis seines Todes zu foltern? Carla, soviel zu ihrer Verteidigung, macht mit, weil schon ein anderes Team an der gleichen Sache arbeitet; wenn sie nicht mitmacht (und dadurch an Einfluss und Karriereaussichten verliert), wird ein anderer an ihrer Stelle das Gleiche tun.

Die Geschichte hat noch eine zweite Ebene. Carla muss sich entscheiden, ob sie Jack, ihrem getrennt lebenden Mann, noch eine zweite Chance geben soll oder nicht. Doch Jack ist ein ebenso dominanter Typ wie Challant, und als Challant aufgrund seiner eigenen Arroganz scheitert, sieht die desillusionierte Carla in Jack ebenfalls keine Hoffnung mehr. Männliche Dominanz ist für sie ein Irrweg.

3) Robert A. Heinlein: Der Mann, der in Elefanten reiste (The Man Who Travelled in Elephants, 1957)

Seine Frau Martha ist längst von ihm gegangen, aber John liebt es immer noch, kreuz und quer durch Amerika von Jahrmarkt zu Fest zu reisen wie einst, als sie noch zusammen waren und Spiele erfanden. Eines dieser Spiele lautete, dass er in seinem Bauchnabel kleine Opossum-Babys „ausbrütete“. Ein anderes, dass sie zusammen in Elefanten reisten, so wie andere Handelsvertreter in Bibeln oder Damenoberbekleidung reisten. Das waren noch Zeiten, jaja.

Heute ist John mit einer Reisegruppe in einem Sonderbus zu einem weiteren Fest unterwegs, bei dem ein Umzug stattfinden soll und die Besucher sich verkleiden. Kurz vorm Ziel gibt es einen kleinen Zwischenfall: Der Busfahrer bremst abrupt, und John wird auf die Sitzlehne vor ihm gepresst. Seine Brille zerbricht, und fortan sieht er alles etwas unscharf. Die Ersatzbrille ist unerreichbar.

Der Besuch an seinem Bestimmungsort wird zu einem Erlebnis, das er nie vergessen wird. Denn hier findet er nicht nur seinen Hund Tramp wieder, sondern auch seine liebe Martha. Zusammen dürfen sie in einer Kutsche fahren, die von Elefanten gezogen wird, als König und Königin der Parade…

Mein Eindruck

Nach einer Weile wundert sich der Leser, was das für ein Ort ist, an den es John verschlagen hat. Alle möglichen bekannten Orte wie die Bourbon Street aus New Orleans sind hier wie in einem Disneyland versammelt, und ständig finden Umzüge und Paraden statt. Erst am Schluss ist sich der Leser im Klaren darüber, dass es sich wohl um eine Art Himmel handeln muss, aber um einen sehr amerikanischen…

Die Story ist ein buntes Kaleidoskop von Eindrücken, weist aber keinerlei Handlung im üblichen Sinne auf. Dennoch wirkt sie an keiner Stelle langweilig. Es ist eben ein Werk vom Altmeister.

4) Ian McDonald: Christian (Christian, 1984, VÖ: 1986)

Der junge Fraser ist ein Strandläufer und erträumt sich am Ufer neue Welten. Eines Tages stößt er in der Nähe einer verfallenen Konservenfabrik (Fische gibt es hier schon lange nicht mehr genug) auf einen Wohnwagen. Der ist vollgepackt mit Winddrachen, und manchmal segeln hoch droben drei Drachen gleichzeitig. Der Bewohner dieses Trailers ist der alte Christian, und bald schließen sie einen Pakt der Freundschaft. Christian bringt Fraser das Drachenfliegen bei und dafür muss sich Fraser Christians Geschichte anhören.

Wie Fraser bei Anblick des gekerbten Stabs, dessen Enden mit Silber beschlagen sind, sogleich begriffen hat, ist Christian ein Lotse. Aber nicht irgendeiner: Er hat Raumschiffe zum Cape Infinity geleitet, wo sie durch das Wurmloch im Innern eines Schwarzen Lochs segelten. Bis es eines Tages zu einer Liebesgeschichte, einer Rivalität und einer Katastrophe kam. Seitdem sind Lotsen durch intelligente Maschinen ersetzt worden, lernt Fraser.

Er braucht aber noch einen Tag, um die nötige Schlussfolgerung daraus zu ziehen: Dass nämlich auch Christian ein Roboter ist. Für diese Erkenntnis ist eine weitere Katastrophe nötig: Fraser hat Christians heiligen schwarzen Drachen aus Versehen zerbrochen und gestohlen…

Mein Eindruck

In eine stimmungsvolle und einfühlsame Jungengeschichte, die mich an Iain Banks‘ Roman „Die Wespenfabrik“ erinnerte, hat der Autor eine tragische Liebesgeschichte über Raumschifflotsen eingebettet. Seine Freundschaft ist zur Liebe gar nicht so verschieden: Fraser zerstört das in ihn gesetzte Vertrauen und Christian, sein Freund, reagiert unangemessen aggressiv. Frasers Familie und ihre Freunde wollen für Gerechtigkeit sorgen. Im Verlauf der Krise kommt es zur Katastrophe, in der alle Träume – die Drachen – verbrennen und die hässliche Wahrheit zum Vorschein kommt.

5) Robert Silverberg: Gilgamesch im Outback (Gilgamesh in the Outback, 1986)

Robert E. Howard und H. P. Lovecraft rasen mit ihrem Landrover durch den Outback der Hölle, um König Prester John ein Hilfsersuchen ihres Königs Heinrich VIII. zu überbringen. König Heinrichs rothaarige Tochter Elizabeth hat eine höllische Expedition ausgesandt, um sich auf Prester Johns Land mit den Truppen Mao Tse-Tungs und Kublai Khans zu vereinen.

Doch bevor sie den Königshof erreichen, stoßen sie auf ein Monster der Hölle. Von denen gibt es hienieden leider recht viele. Dieses Monster sieht klein aus, kann aber ein prächtiges Gebiss nadelspitzer Zähne vorweisen. Bevor es zum Angriff übergeht, taucht ein weiteres, weitaus größeres Ungeheuer auf. Ein großer Pfeil steckt in seinem Hals. Das erste Monster stürzt sich sofort auf diesen leckeren Happen, um ihm den Garaus zu machen. Ein großer Mann erscheint, der das erste Vieh vom Rücken des zweiten klaubt und wegschleudert, als wäre es ein nasser Lumpen. Dann bohrt er seinen großen Bronzedolch in den Bauch des Riesenmonsters, das tot zusammenbricht.

Robert E. Howard, von dieser Heldentat sichtlich beeindruckt, fällt vor dem mächtigen Jäger auf die Knie und starrt ihn ehrfürchtig an, nennt ihn gar „Conan! König Conan!“ Der Jäger schaut verächtlich auf den sabbernden Schwächling herab und knurrt, er sei lediglich Gilgamesch, König von Uruk. Dass er mal einen versoffenen, beleidigenden Kelten namens Conan traf und in die nächste Jauchegrube warf, verschweigt er aus Höflichkeit. Der diplomatisch versierte Lovecraft überredet Gilgamesch, den vielbesungenen Sumerer, dazu, sie auf ihrer Mission zu begleiten.

Die Begegnung mit Prester Johns Grenzwachen verläuft gewalttätig, und neun der Wachen beißen ins Gras. Doch auch Gilgamesch wird verwundet und blutet stark. Endlich überbringen Lovecraft und Howard ihre Botschaft, so dass alle drei ins Lager des Königs gebracht werden können. Dort versorgt ein gewisser Albert Schweitzer Gilgameschs Wunde, dabei in einem eigentümlichen Akzent (Schwäbisch) daherbrabbelnd. Doch so erfährt er, dass sich der König von Uruk nichts sehnlicher wünscht, als seinen besten Freund, seinen Seelengefährten Enkidu, wiederzusehen. Doch mehrfach wurde ihm versichert, Enkidu wolle ihn nie mehr wiedersehen.

Nach einigen Beratungen nimmt König Prester John das Hilfsersuchen König Heinrichs VIII an. Er setzt seine Truppen in Marsch, die von Gilgamesch befehligt werden. Denn der Sumerer ist schließlich der beste Kenner jenes Generals, der Mao Tse-Tungs Truppen anführt – kein anderer als Enkidu selbst…

Mein Eindruck

Robert Silverberg, der Veteran, hat sich einen Riesenspaß erlaubt und dieses actionreiche Garn ersonnen. Es ist eine Fortsetzung seines erstklassigen Gilgamesch-Romans (ebenfalls bei Heyne) und daher auf einem soliden Fundament errichtet. Unzählige historische Gestalten finden sich zu ihrer Verwunderung in der Hölle wieder, selbst solche Heiligen wie Albert Schweitzer. Fiktive Gestalten haben allerdings keinen Zutritt, weshalb sich der Kniefall R.E. Howards vor seinem erfundenen Helden CONAN absolut peinlich ausnimmt. Weiß er es denn nicht besser?

Die positive, ironische Seite dieser Grundbedingung von Historie vs. Fiktion besteht indes darin, dass die Schriftsteller, die hier auftreten, endlich ihr wahres, unmaskiertes Ich an den Tag legen. R.E. Howard unterdrückt beispielsweise mit aller Macht seine homosexuelle Liebe zu Gilgamesch und erweist sich im Gefecht als Feigling. Lovecraft, sonst eine von Phobien geplagte Bohnenstange, öffnet seine wahre Kriegerseele und wilde Cthulhu-Schreie ausstoßend feuert er auf die Angreifer: „Shub-Niggurath! Cthulhu Rlyeh!“ Und so weiter.

Als dynamisches Duo treffen sie auf den Unterhändler Mao-Tse-Tungs, einen gewissen Ernest Hemingway. Howard hat einmal dessen saftloses Gesülze gelesen und angeekelt beiseite geschmissen. Hemingway hingegen ist der Name der Magazine „Weird Tales“ und „Astounding Stories“ – legendäre Titel im Reich der Pulp Fiction! – nicht geläufig und ein verbissener Anhänger des Realismus – sogar noch in der Hölle.

Auf diese Weise erlaubt es der Autor dem Leser, sich sein eigenes Bild von diesen kultisch verehrten Autoren zu machen. Der Charakter des jeweiligen Autors steht dabei in auffälligem Widerspruch zu seinen erfundenen Figuren. Andersherum funktioniert es auch: Gilgamesch, der lebende Jäger, stöhnt immer noch über die Verse, die sich mehrere Kulturen, so etwa die Babylonier und sogar die stinkenden Hethiter, über ihn ausgedacht haben. Nun teilt er das Schicksal von Agamemnon und Odysseus, die genauso genervt sind wie er. Das ist insofern ironisch, als wir heute glauben, dass dieses illustre Trio komplett erfunden sei. Nun, ihr Auftauchen in der Hölle belegt das Gegenteil – oder etwa nicht?

Hinweis: Diese preisgekrönte Novelle bildet die ersten hundert Seiten des Roman „Das Land der Lebenden“ von 1990 (dt. bei Heyne 1996).

6) Kate Wilhelm: Das Mädchen, das in den Himmel fiel (The Girl Who Fell Into the Sky, 1986)

Draußen in Kansas ist die Prärie so weit und flach, dass man in ihr verlorengehen kann. Und die Sonne brennt so gnadenlos, dass man es nicht merkt, wenn man einen Sonnenstich bekommt, besonders wenn man so etwas nicht kennt, weil man aus der Stadt kommt. So ergeht es Lorna Shields um ein Haar, als sie hier in der Gegend Forschungsstudien nach religiösen Kindheitserinnerungen betreibt und dabei das Haus ihres Schwagers Ross besucht. Im Tal hinterm Haus fallen ihr die Ruinen von Präriehütten auf, sie denkt sich aber nichts weiter dabei. Erst als sie in der Nacht zuerst ein Saloon-Lied hört und dann von einem heißen Striptease-Auftritt mit ihr selbst als Hauptattraktion träumt, ahnt sie, dass mit diesem Haus etwas ganz und gar nicht stimmt.

John stammt aus der Sippe der MacLaren, die seit 1897 hier in Kansas lebt. Er ist Anwalt und Sohn eines Anwalts, und als solcher macht er im Elternstreit den schlichtenden Vorschlag, anstelle seines alten Dad zu dem alten Haus des verstorbenen Louis Castleman zu fahren, um das verdammte Klavier abzuholen. Das Klavier soll eine wertvolle Schönheit sein und elektrisch obendrein. Als John am Haus eintrifft, hört er zwei Stimmen, Frauen, die sich unterhalten. Eine junge Frau fragt eine betagte Frau, woran sie sich vom Religionsunterricht erinnere. Es ist Lorna, und sie überträgt eines ihrer Interviews vom Tonband auf ihren Notebook-Computer.

Sie stellen einander vor und Lorna erfährt, dass John von seiner Frau getrennt lebt und das alte Klavier abholen will. Gehört es ihm denn überhaupt? Ja, die Papiere, die sie vor diesem Eindringling versteckt hat, belegen es. Er bewahrt sie davor, in der Prärie, wo die Nacht unvermittelt hereinbricht, verlorenzugehen. Aber als sie beide zusammen die wilde Saloon-Musik aus dem Geisterklavier hören, bekommt es Lorna mit der Angst zu tun. Denn mit einem Geist im Haus ist nicht zu spaßen.

Als Johns Vater David auftaucht, findet John endlich Gelegenheit, ihn nach Castleman und dem mysteriösen Josiah Wald, dem die verfallene Siedlung hinten im Tal gehörte, zu fragen. Lorna ist gerade nicht da, und so kann David frei von der Leber weg erzählen: „Das war die Zeit nach 1929, als der Teufel leibhaftig auf Erden wandelte“, fängt er an…

Mein Eindruck

Unversehens gerät Lorna, die vernünftige Wissenschaftlerin, mitten in das hinein, was sie gerade erforscht: den Unterschied zwischen Religion, Vernunft und dem Unerklärlichen. Denn in dem Geisterhaus lebte ein Mann, der es mit dem Teufel – eben jenem Josiah Wald – aufnahm und darüber den Verstand verlor. Der junge Louis Castleman, so erzählt David MacLaren seinem Sohn John, liebte ein Bordellmädchen und wollte sie aus dem Sündenpfuhl entführen. Doch sie verriet seinen Plan, an dem David teilnehmen sollte, an Josiah, der den Auftritt umschrieb. Das Mädchen starb auf offener Bühne…

Während David seine Erinnerungen preisgibt, ist Lorna draußen auf der Prärie. Prompt erscheinen ihr die Geister der Vergangenheit: Josiah Wald als Gefangener Louis Castlemans. Welche Rolle spielt sie in diesem Geisterstück? Sie war bereits einmal das getötete Mädchen im Bordell. Nun ist sie erneut in Gefahr, selbst wenn sie die Rolle eines Engels spielen will.

Die Erlebnisse der Frau werden denen des Mannes (John) gegenübergestellt, denn fortwährend wechselt zwischen diesen beiden der Blickwinkel. Die Frau begibt sich (nach dem Vorbild des Autors M.R. James) empathisch mitten hinein in die Vergangenheit, während der Mann objektiv zu bleiben versucht – und dennoch vom Schluss überrascht wird. Dieses Verfahren der Gegenüberstellung hat die Autorin immer wieder erfolgreich angewandt, so dass viele ihrer Erzählungen mit Preisen ausgezeichnet wurden. Stets sind ihre Texte, ob lang oder kurz, ob Phantastik oder Krimi, jedem Leser äußerst zugänglich.

7) Kim Stanley Robinson: Der blinde Geometer (The Blind Geometer, 1986)

Carlos Nevsky ist von Geburt an blind und hat sich mit seiner „Behinderung“ ausgezeichnet eingerichtet, ja, er ist sogar Professor für Geometrie an einer Washingtoner Universität geworden. Sein räumliches Vorstellungsvermögen ist hervorragend. In letzter Zeit fällt ihm auf, dass sein Kollege Jeremy Blasingame ihn auffällig aushorcht, wie dieser glaubt. Dann tauchen Carlos‘ Ideen in Jeremys Veröffentlichungen auf – sicher kein Zufall, oder?

Carlos ist ein begieriger Leser alter Detektivgeschichten, insbesondere über Carrados, den blinden Detektiv. Was also lässt sich aus Jeremys Verhalten deduzieren? Dass er in jemandes Auftrag handelt? Carlos weiß, dass Jeremy mit dem militärischen Geheimdienst im Pentagon zu tun hat. Aber was hat das Pentagon, das sich ja vor allem für Waffen interessiert, mit n-dimensionaler Vervielfältigungsgeometrie am Hut?

Eines Tages gibt ihm Jeremy eine geometrische Zeichnung. Sie stamme von einer Frau, die gerade verhört werde. Alles Gedruckte kopiert Carlos mit seinem Spezialkopierdrucker in Braille-Schrift. Die Zeichnung ist nichts Besonderes, nur etwas Grundlegendes. Er besteht darauf, die Frau persönlich zu sprechen. Jeremy bringt sie und stellt sie als Mary Unser vor, eine angebliche Astronomin. Ihre Ausdrucksweise ist ungrammatisch. Ist das Absicht? Kann er ihr trauen? In einem unbeobachteten Augenblick, als Jeremy Trinkwasser holt, gibt Mary Carlos Signale per Handdruck. Was will sie ihm sagen?

Allmählich weiß Carlos, dass etwas nicht stimmt, und entdeckt zwei Abhörgeräte in seinem Büro. Er kauft sich selbst eine Wanze, die er in Jeremys Büro platziert. Dieser telefoniert mit einem Mann in Washington, der sich nie identifiziert. Um mehr herauszufinden, macht sich Carlos an Mary heran. Aber auch jetzt muss er sich fragen, ob sie verdrahtet ist. Erst während eines heftigen Gewitters, das alle Abhörgeräte außer Gefecht setzt, kann sie ihm die erstaunliche Wahrheit anvertrauen…

Mein Eindruck

Dieser Blinde ist so ziemlich das Gegenteil von der Blindenkolonie in John Varleys Erzählung „Die Trägheit des Auges“. Sogar dessen Heldin Helen Keller (1880-1968) wird als textbesessene Träumerin kritisiert, die viktorianischen Wertvorstellungen nachhing. Dagegen nimmt sich Carlos Nevsky doch ziemlich modern aus. Wenn er auch eine eigene virtuelle Welt in seinem Kopf errichtet hat, so weiß er sich doch in der sogenannten Realität ausgezeichnet zu bewegen, denn auch davon hat er ein geometrisch exaktes Abbild in seinem Gedächtnis gespeichert.

Doch all dies gerät durcheinander, als ihm Jeremy eine Wahrheitsdroge verabreicht, die ihn dazu bringen soll, seine kühnsten Entwürfe offenzulegen. Das passiert zwar nicht, aber Carlos wankt dennoch völlig desorientiert durch Washingtons Straßen. Und dann ist da ja noch Mary, die ihn seelisch schwer aus dem Gleichgewicht bringt. Mit ihr zu schlafen, ist nicht schwer, doch kann er ihr auch sein Leben anvertrauen?

In einem dramatischen Showdown zeigt sie ihm, was sie drauf hat: Zwei Blinde gegen drei bewaffnete Männer – ob das wohl gut geht? (Denn dass auch sie blind sein muss, ahnen wir von Anfang an.)

8) Harry Harrison: Polizeirevier Mars (Arm of the Law, 1958)

Nineport auf dem Mars liegt ein kleines Stück hinter Nirgendwo, meint der diensthabende Sergeant, unser Chronist. Und man muss entweder inkompetent, ahnungslos oder versoffen sein oder, wie er selbst, etwas auf dem Kerbholz haben, wenn man hier Polizeidienst schiebt. Die eigentlichen Gesetzeshüter sind nämlich die Ganoven von China-Joe, und dieses Schlitzauge schmiert den Captain, damit er stillhält, statt die „Geschäfte“ zu stören.

Als ein Polizeiroboter geliefert wird, ahnen die Cops noch nicht, dass der alles grundsätzlich ändern wird. Ned, wie er sich nennt, soll hier eine Erprobungsphase absolvieren. Keiner weiß was mit ihm anzufangen, also darf Ned erst einmal fegen, putzen und archivieren. Doch plötzlich kommt der Alarmruf herein: Der Schnapsladen wurde überfallen! Natürlich sollte eigentlich China-Joe sich darum kümmern, doch das weiß Ned nicht: Er sprintet los und nimmt die beiden Räuber auf frischer Tat fest. Ihre Revolverkugeln Kaliber .50 prallen wirkungslos an seiner Panzerung ab.

Dem Captain geht der Arsch bereits auf Grundeis, der versoffene Fats quittiert den Dienst, und nur der ahnungslose Billy hält noch mit dem Sergeant die Stellung. Denn eines ist sonnenklar. Der erste von China-Joes Knochenbrechern wird nicht lange auf sich warten lassen. Als dieser Typ das Revier betritt, wird er sofort von Ned als Verbrecher erkannt und eingebuchtet. O nein! Das ist bestimmt der Anfang vom Ende, denkt der Sergeant. Er soll sich irren…

Mein Eindruck

Dieser frühe Vorläufer von „RoboCop“ liest sich unterhaltsam und aufregend bis zum Schluss, der britische Humor kommt nicht zu kurz. Worauf die Story eigentlich abzielt, ist der Aspekt der Korruption. Das Polizeirevier auf dem Mars lässt sich schmieren, von einer Verfolgung der Ganoven sieht man geflissentlich ab. Der Grund dafür: Die Polizei ist den Gangstern an Personal und Waffen unterlegen, nicht zuletzt auch moralisch. Das ändert sich mit der Ankunft des Roboters. Ist er unbestechlich? Und ob! Doch statt den Ganoven unterlegen zu sein, siegt er im Kampf mit ihnen – auch im Showdown. Sind Bots also die besseren Cops? Zumindest die besseren Helfer der Cops.

9) Frank Herbert: Saatgut (Seed Stock, 1970)

Schon seit drei Jahren existiert die menschliche Kolonie auf diesem namenlosen Planeten, doch nicht alles ist zum Besten bestellt. Die Techniker und Wissenschaftler wollen nämlich eine zweite Erde schaffen, ein Unterfangen, das immer wieder zum Scheitern ihrer Versuche führt. Die Saat geht ein, das Wasser ist oft giftig, nur die Luft ist halbwegs atembar.

Kroudar ist der hässliche Anführer der Fischer. Er hat als einziger daran gedacht, Boote zu bauen, Netze zu weben und die Trodi-Schwärme zu befischen. Diese Lebewesen bilden inzwischen eine wichtige Eiweißquelle. Aber bald werden die Schwärme weiterziehen, und was dann? Er ist Honadi sehr dankbar, dass sie ihn geheiratet und mit ihm zwei Kinder bekommen hat. Sie arbeitet als Hydroponiktechnikerin, züchtet also irdisches Gemüse. Zum Glück hören die Techniker mittlerweile auf ihre verständigen Ratschläge, denn sie kennt noch viel Wissen ihrer indianischen Vorfahren – und natürlich das von Kroudar.

Heute Nacht zeigt sie ihm ein Geheimnis: einheimischen Mais. Er sieht so hässlich aus wie ihr Mann, ist aber wenigstens genießbar – er hat das daraus gebackene Brot gegessen. Er verrät ihr ebenfalls ein Geheimnis: Er muss den Schwärmen acht Tage lang folgen. So lange war er noch nie draußen. Aber eines ist sicher: Entweder passen sich die Menschen an, oder diese Welt bringt sie um.

Mein Eindruck

Eine typische Story für das Magazin ANALOG: weltumspannend, technikorientiert, hoffnungsvoll. Der besondere Dreh, den der Autor beiträgt: Die technizistischen Utopien der ANALOG-Leserschaft werden allesamt scheitern, sagt er voraus. Denn die Techniker und Wissenschaftler können nie alle Eventualitäten vorhersehen und Bedingungen ausrechnen, auf die die Siedler treffen werden. Ein grundlegendes ökologisches Bewusstsein ist eben vonnöten – und die ultimative Öko-Welt, die Herbert beschrieben hat, ist Arrakis, der Wüstenplanet.

10) C.J. Cherryh: Der Sündenbock (The Scapegoat, 1985)

Seit rund 20 Jahren führen die Menschen Krieg gegen die sogenannten Elfen, schmalgliedrigen, bleichen Aliens, die der Sprache zwar mächtig sind, aber nie mit den Angreifern kommunizieren, während sie hunderttausende an Artgenossen verlieren. Bis jetzt. Es ist der Panzerinfanterist John DeFranco, dem die Ehre zuteil wird, den ersten Elfen überhaupt „gefangenzunehmen“, der sich nicht sofort umbringt – der Elf lässt sich von seinen Artgenossen einfach direkt vor seiner Nase absetzen.

Während die anderen sich schleunigst aus dem Staub machen, „ergibt“ sich der Elf DeFranco. Ist der Elf auf einer Selbstmordmission, will er Giftgas versprühen, einen Bombengürtel zünden, die Bunker auskundschaften? All diese Gedanken sausen DeFranco durch den Kopf, während er seinen „Gefangenen“ zum Stützpunkt eskortiert. Etwas später bekommt DeFranco die Erlaubnis erteilt, den „Gefangenen“ drei Stunden lang zu verhören. Die Kommunikation mit dem Alien, der zwar erstaunlich gut Englisch spricht, ist dennoch nicht einfach: kein Nicken, kein Lächeln, keinerlei Körpersprache, die Emotionen übermittelt.

Der Elf versucht herauszubekommen, warum die Menschen so aggressiv auf einen einzigen Fehler der Elfen reagiert haben, der sie ein einziges Passagierschiff kostete. Statt die Verständigung zu suchen, begannen die Menschen sie zu vernichten und zu erobern – aber nie ausreichend, um die Elfen zur Kapitulation zu veranlassen. Dieser Funke Hoffnung hat die Elfen weiterkämpfen lassen – bis heute. DeFranco versichert dem Elf, dass auch die Menschen dieses langen (und kostspieligen) Krieges müde seien. Aber können sie den Elfen trauen?

Der Elf bezeichnet sich als Saitas, als Opfer seines Volkes. Aber Opfer wofür? Als er schließlich den Grund und Zweck enthüllt, zu dem er sich hat gefangennehmen lassen, erklärt ihn DeFranco entgeistert für wahnsinnig. Aber der gewiefte Elf hat noch ein As im Ärmel…

Mein Eindruck

Die ziemlich militärisch angehauchte Novelle spielt im wohlbekannten Allianz-Union-Universum der Autorin, auch PELL-Zyklus genannt. Im Vordergrund steht die konkrete Gesprächssituation zwischen dem Frontkämpfer DeFranco und dem Unterhändler der Elfen. Sie wird immer wieder durch Rückblenden unterbrochen, die chronologisch so lange fortschreiten, bis die Gegenwart erreicht ist. Auf diese Weise wird der Dialog nie langweilig.

Zum anderen entsteht ein Bild von DeFrancos persönlichem und beruflichem Hintergrund. Er wäre fast mal in den Geheimdienst eingetreten, wurde dann aber abgelehnt, weil er die letzte Verantwortung, einen oder mehr Menschen zu töten, nicht übernehmen wollte oder konnte. Nun ist er ein Sonderkommando-Frontschwein, wenn auch eines mit seltenem Glück: Sein Gefangener hat sich noch nicht umgebracht, indem er sein Herz stehenbleiben ließ.

Der Elf erklärt ihm auch ganz genau den Grund für sein Hiersein: Er sei zu einem ganz bestimmten Zweck hergekommen, und zwar nur zu DeFranco, denn der sei der einzige, der ihn verstehen könnte, weil er die Verluste kenne und dem Feind ins Auge geschaut habe. Dieses Paar Soldaten steht der anonymen, weitgehenden Organisation der jeweiligen Militärs gegenüber. Dort spielt man leidenschaftlich das „Blame Game“: jemandem schiebt man immer die Verantwortung und Schuld zu, und am Schluss ist das immer der Schütze Arsch, der nichts zu sagen hat – er ist das letzte Glied in der Befehlskette.

Nein, der Elf ist hier, weil er die Verantwortung auf sich persönlich genommen hat und weil er weiß, dass DeFranco ebenfalls dazu in der Lage sein könnte. Sie geben einander als natürliche Wesen und Persönlichkeiten zu erkennen. Doch da ist noch der Plan des Elfen: Dass dieser Wahnsinn der Selbstaufopferung Methode hat, wird DeFranco erst ganz allmählich klar. Aber als er entsetzt aussteigen will, sind alle Türen verschlossen und nur eine Handgranate hat man ihm da gelassen. Die Botschaft ist deutlich: Einer ist IMMER der Arsch…

Diese pazifistische Erzählung hätte ausgezeichnet in Joe Haldemans Anthologie „Nie wieder Krieg“ (1977, bei Heyne 1982) gepasst.

11) Lucius Shepard: Die Sonnenspinne (Sun Spider, 1987)

Carolyn Dulambre und ihr Mann Reynolds ziehen auf die riesige Helios-Station um, die die Sonne umkreist. Reynolds ist ein Mathematiker, der sich als moderner Alchimist betrachtet und entsprechend geheimniskrämerisch arbeitet. Sowohl die kunstsinnige Carolyn als auch Reynolds pflegen außereheliche Beziehungen, denn das monotone Beisammensein mit einem Mathe-Genie ist gar so langweilig. Dass Reynolds die Sonne als seinen Glücksbringer betrachtet, kann Carolyn nicht nachvollziehen. Sie ihrerseits erzählt ihm nicht, dass sie schwanger ist.

Sie werden von Dr. Davis Brent, dem Verwalter der Physikalischen Abteilung auf „Helios“, empfangen, der sehr an Reynolds‘ Forschungsarbeit interessiert ist. Er will offensichtlich einen Abglanz von dessen Ruhm ergattern, weshalb er Reynolds wie eine schleimige Kröte vorkommt. Brent blitzt auch bei Carolyn ab, die aber viel subtiler vorgeht. Wer weiß, wozu Brent ihr noch nütze sein kann.

Es dauert nicht lange, bis Reynolds die Sonnenspinne entdeckt. Sie ist riesig und erstreckt sich über mehrere zehntausend Kilometer. Je intensiver er sich mit diesem Wesen beschäftigt, desto mehr beherrscht es seine Einbildungs- und Vorstellungskraft. Er kann sich sogar vorstellen, dass es seine Wahrnehmung beeinflusst. Er perfektioniert seine mathematische Gleichung, um das Wesen zu beschreiben.

Als Brent entdeckt, dass Carolyn heimlich einen Fötus in eine künstliche Gebärmutter implantiert und verschickt hat, verfügt er über ein Druckmittel, dem sich Carolyn nicht entziehen kann, will sie ihre – angeblich verschollene – Tochter behalten: Sie muss für Brent spionieren. Doch als Reynolds am Abend seiner Geburtstagsfeier früher „heimkommt“ als erwartet, erwischt er sie beim Datendiebstahl. Das bringt das Fass zum Überlaufen. Doch sein Mordversuch an Brent schlägt fehl. Er wird gezwungen, in ein Shuttle zu steigen und zur Sonne zu fliegen. Das Gefährt wird natürlich ferngesteuert…

Der Verlust ihres Gatten verwandelt Carolyn. Durch ein nachgelassenes Gedicht mit dem Titel „Der standhafte Liebende“ ist sie sich seiner Treue sicher. Unbändiger Hass auf diese falsche Schlange Brent erfüllt sie, besonders wenn diese Kröte ihr anzügliche Angebote macht, mit ihm zusammenzuziehen. Nach einem besonders tiefen Traum entdeckt Carolyn, dass ihre rechte Hand aus einer leuchtenden Flamme besteht. Mit ihr kann sie nicht nur Schlösser knacken, sondern auch den Wachtposten mit einem Griff um sein Herz töten. Ihr nächster Bestimmungsort ist die Suite von Dr. Davis Brent…

Mein Eindruck

Was als naturwissenschaftlich orientierte Erzählung beginnt, wandelt sich zunehmend zu einer phantastischen Geschichte, in der Magier auftreten und Wunder geschehen. Anders als in den gewohnten Hard Science Storys steht nicht das Phänomen an sich im Mittelpunkt, sondern wie es sich eines Ehepaars bemächtigt, das um seine emotionale Einheit ringt. Neidisch wie Loki will sich Dr. Brent sowohl des Geheimnisses wie auch der Frau bemächtigen. Doch er hat ebenso wenig wie sie mit dem Erscheinen eines „Drachen“ gerechnet, der Carolyn verwandelt und Brent den Tod bringt.

Das ist aber längst nicht das Ende der Geschichte. Die Transzendenz war schon immer das Hauptthema dieses Autors, und sie ist es auch hier. Das Leben mag kurz gewesen sein, aber wer sagt denn, dass der Tod nicht viel schöner und v.a. dauerhafter sein kann? Zusammen mit Reynolds‘ Klon überschreitet Carolyn die Grenzlinie… Naturwissenschaftler dürften mit dieser metaphysischen Wendung wenig anzufangen wissen. Und so verwundert es wohl kaum, dass die Story nicht wie erhofft im ANALOG Magazin für Naturwissenschaftler erschien, sondern in Isaac Asimov’s SF Magazine.

12) Alan Dean Foster: Das Sardinen-Wunder (A Miracle of Small Fishes, 1974)

Im mexikanischen Fischerstädtchen San Quintin erinnert sich Großvater Flores noch gut an jene seligen Zeiten, als die Sardinenschwärme die kalifornisch-mexikanische Küste heruntergezogen waren und die Netze seines Käscherkutters „Hermosa“ (die Schöne) füllten. Er erzählt seiner Enkelin Josefa davon, bevor der heftige Husten seine Lungen erzittern lässt. Da schaut Josefa immer weg, aber sie klagt ihr Leid dem Pfarrer. Der Pater beschließt, etwas für dieses wunderschöne Mädchen zu tun – und für Opa Flores.

So kommt es, dass der US-Senator Fowler vom Pater in San Quintin einen Brief erhält, der ihn erschüttert. Fowler ist Mitglied des Regierungsausschusses für die trinationale Fischereibehörde, die den Fischfang an der Westküste von Kanada, USA und Mexiko reguliert und fördert.

Die Behörde hat einen genialen Trick genutzt, um die Fisch- und Krabbenbestände der Pazifikregion wieder gedeihen zu lassen: Die vielen Kraftwerke lassen in einer geordneten Folge ihre warmen Kühlwässer ins Meer, was eine Explosion von Nahrungsstoffen für die Fauna hervorruft. Die Sardinen finden reichlich Nahrung und ziehen nach Süden. Wider Erwarten bringt Senator Fowler seinen Antrag durch. Er erreicht aber auch eine zweite Absicht: Er will Gelbschwanzfisch und Thunfisch ansiedeln.

So kommt es schließlich dazu, dass die bereits auf die Milliarden Sardinen wartenden Fabrikschiffe ein fünf Minuten währendes Zeitfenster gewähren. Millionen Sardinen passieren die Netze der Riesenpötte – und erreichen so die Netze der klitzekleinen „Hermosa“ von Opa Flores…

Mein Eindruck

Von der anrührenden menschlichen Seite des „Sardinenwunders“ abgesehen vermittelt der Autor dem Leser eine Vorstellung davon, was es bedeuten könnte, wenn ein völlig andersartiges Modell der Meeresbefischung etabliert werden könnte. Er prophezeit bereits anno 1974 die Überfischung der Küstenmeere und setzt sich für eine geordnete, übernationale Fischereibehörde ein. Dass sogar die Energiewirtschaft eingebunden wird, ist ein Geniestreich: Die Kühlwässer der Kraftwerke, tief genug eingelassen, lassen die Nahrungsgrundlage der Sardinen geradezu explodieren.

Ob das alles so hinhauen würde, müsste natürlich ein Experte beurteilen. Und von der jährlichen Wanderung der Grau- und Buckelwale ist hier auch keine Rede.

13) John Varley: Abgespeichert (Overdrawn at the Memory Bank, 1976)

Die Menschen sind auf den Mond umgezogen und leben jetzt in großen, kilometerhohen Kuppeln. Da ist beispielsweise Kenia-Disneyland. Ein Lehrer erklärt seiner Klasse, dass im Medo-Tech-Zentrum ein Mann mit geöffneter Schädeldecke liegt. Warum, wozu – sie sollen es erklären. Fingal, der Mann auf der Bahre, lauscht ihnen, denn er ist es ja, über den sie reden. Er lässt gerade von seinen Gedächtnisbänken im FPNS-Netz eine Sicherheitskopie ziehen. Mit dieser Kopie kann er praktisch als Doppel in jede Art von kompatiblem Lebewesen eingepflanzt werden. Heute soll es eine Löwin in der kenianischen Savanne sei.

Während sein Körper mit wieder geschlossenem Schädel in einen Raum gebracht wird, ergeht sich sein kopierter Geist im Leben der Löwin. Diese Erfahrung ist weniger befriedigend, als Fingal erwartet hat, denn die Löwin steht ziemlich weit unten in der Hierarchie des Rudels und darf erst als letzte ihre eigene Beute fressen. Dann ist Fingals Zeit in der Löwin abgelaufen.

Als er wieder in seinem Körper erwachen soll, merkt er, dass etwas nicht stimmt: Er sieht eine körperlose Hand, die auf eine Wand in Flammenschrift schreibt und ihm so eine Botschaft übermittelt. Dann darf er sich ein Buch nehmen, das ihm ebenfalls eine Botschaft übermittelt: Er befinde sich im Zentralcomputer der DataSafe Gesellschaft, mit der er den Vertrag abgeschlossen hat, und könne noch nicht in seinen Körper zurückkehren. Der sei nämlich abhandengekommen (!). Sein Geist befinde sich zwar vorerst in einem Computer, dennoch müsse er ihr, seiner Operateuse Apollonia Joachim, glauben, dass er real sei. Na schön. Aber seinem Psychiater, der ihn auf diesen Safari-Urlaub geschickt hat, wird er was husten.

Wie es Fingal vorkommt, lebt er ein Jahr in diesem Rechner. Er ist auf die Idee gekommen, dass er ja von seiner neuen Umgebung lernen kann: nämlich Computertechnik und Kybernetik. Außerdem kann er sich seine eigene Welt hier erschaffen, so etwa ab und zu eine Blondine. Dagegen scheint jedoch Apollonia etwas zu haben. Man könnte fast meinen, sie sei eifersüchtig…

Mein Eindruck

Ja, wo ist hier eigentlich die Pointe, fragte ich mich. Das Dick’sche Thema der Unterminierung der „Realität“ und das Leben als Geist in der Maschine – all das hatten wir doch schon in den sechziger Jahren. Die einzige Neuerung ist die Übertragbarkeit des Geistes auf technischem Wege – und auch die ist für Dick’sche Verhältnisse nicht wirklich neu. Dick benutzte dafür Drogen.

Angesichts der Nicht-Ereignisse in Fingals Computer fand ich die Geschichte denn auch nicht wirklich prickelnd. Und der Schluss vereint den Helden auf die übliche romantische Weise mit seiner Operateuse Apollonia: Boy gets Girl. Alles wie gehabt. Ich war nicht beeindruckt.

14) William Gibson: Chrom brennt (Burning Chrome, 1985)

Im Mittelpunkt der Story stehen die zwei Hacker Bobby Quine und Automatic Jack. Letzterer ist der Ich-Erzähler, ein Typ mit einem künstlichen Arm. Ihre nicht ganz legale Tätigkeit besteht im Eindringen in durch EIS geschützte EDV-Systeme von Konzernen (EIS: Elektronisches Invasionsabwehr-System). Die KI „Chrom“ ist ihr neuestes Ziel: Im Cyberspace sieht das System aus wie ein Kindergesicht, doch mit stahlglatten, kalten Augen. Getarnt als Finanzamt-Buchprüfer dringen die beiden Hacker in Chrom ein, gerüstet mit einem russischen Militärvirenprogramm, das keine Gnade kennt. Sind sie drin, transferieren sie die Unsummen von Geld, die ihnen in die Hände fallen auf geeignete Konten.

Und wofür das alles? Nicht für Macht, nicht zum Vergnügen, sondern – wie romantisch! – für ein Mädchen. Rikki Wildside nennt Bobby sie, und auch Jack hat einiges für sie übrig, wovon Bobby nichts weiß. Rikki will unbedingt ein SimStim-Star werden (Simulierte Stimuli), doch dafür braucht sie noch den richtigen, aber sauteuren Satz künstliche Augen von Zeiss-Ikon. Bobby & Jack würden ihr die Ikons bezahlen.

Doch die beiden wissen etwas zu wenig über ihre Teilzeitgeliebte. Und so gucken die beiden schließlich dumm aus der Wäsche. Aber Automatic Jack ist ja kein Unmensch. Er zahlt ihr den Rückflug von Tokio aus. Ob sie je zurückkehrt?

Mein Eindruck

Die Story, die im gleichen Sprawl-Universum wie der Roman „Neuromancer“ (1984) spielt, ist nicht nur recht romantisch, sondern auch enorm spannend. Das liegt an der raffinierten Erzählstruktur. Das Eindringen ins EIS von „Chrom“ wird nicht in einer einzigen Szene erzählt, sondern häppchenweise eingeflochten in die sogenannte Back-Story, die Vorgeschichte. Daher ist man neugierig darauf, ob der Riesencoup gelingt.

Der Titel „Burning Chrome“ ist ein Meisterstück der Vieldeutigkeit. Natürlich lässt er sich mit „Chrom brennt“ übersetzen, aber auch mit „brennendes Chrom“ und „Chrom verbrennen“. Und wenn man sich die beiden Anfangsbuchstaben wegdenkt, wird etwas Zivilisationskritisches daraus: ROM VERBRENNEN und DAS BRENNENDE ROM. Das wiederum bringt den Literaturkenner zu T.S Eliots epochalem Gedicht „The Waste Land“, in dem Karthago von Rom niedergebrannt wird. Ergo: Bei Gibson schlagen die Karthager zurück.

Die Übersetzungen

Die Übersetzer sind meist hochkarätig und daher gut in ihrem Job. Dennoch tauchen immer wieder Fehler und Zweifelsfälle auf.

Eine Auswahl:

S. 8: „Jimmy Awaggert“ sollte korrekt „Jimmy Swaggert“ heißen.

S.20: „Dann d[a]chte ich…“ Das A fehlt.

S.55: „damit sowohl du als [auch] dein Samen leben mögen.“ Da fehlt ein wichtiges Wörtchen.

S. 191: „in seinem früheren L[e]ben“. Das E fehlt.

S. 204: „Stab aus blassem grünen Jade“: Das Geschlecht von Jade ist weiblich.

S. 377: „Die Kolonie-Vorschriften hatten sich unwillig gezeigt, die wertvollen Boote zu riskieren.“ Irgendetwas anderes als „Vorschriften“ dürfte sich „unwillig“ gezeigt haben, wahrscheinlich die Behörden.

S. 387: „Hondia“ statt „Honida“.

S. 472: „Wie ich so dasaß und schreib“. Buchstabendreher. Es sollte korrekt „schrieb“ heißen.

S. 475: „und mich an seinen Computern zu schaffen machen“. Falscher Kasus. Korrekt muss es „und MIR an seinen Computern zu schaffen machen.“

Unterm Strich

Dieser Jahresband versammelt durchgehend hochkarätige und routinierte AutorInnen. Ihre Beiträge sind meist jüngeren Datums, also etwa 1984 bis 1986, boten also dem deutschen Leser von 1988 entsprechende Informationen darüber, was in der US-Szene produziert wurde. Nicht ganz zufällig hat der Herausgeber Wolfgang Jeschke Texte ausgewählt, die mit Genre-Preisen ausgezeichnet worden waren, so etwa „Gilgamesch im Outback“, „Der blinde Geometer“ und „Chrom brennt“. Solche Erzählungen werden immer wieder in Anthologien nachgedruckt, insbesondere der Text von W. Gibson. Mir haben sie am besten gefallen.

Wie üblich streut der Herausgeber auch gerne ein paar Klassiker in seine Jahresbände, besonders gerne etwas von Frank Herbert, seinem Star-Autor. Auch Harry Harrison trägt eine gewitzte Studie über den ersten „RoboCop“ bei, und Alan Dean Foster entwirft eine ökologische Vision des Jahres 1974 vom kalifornischen Fischfang der Zukunft (ohne dabei belehrend den mahnenden Finger zu heben).

Ausfälle gab es eigentlich keine, nur Varleys Novelle wusste mich nicht zu überzeugen. Und die Novelle von C.J. Cherryh hatte ich mir zum Schluss aufgehoben. Cherryh kostet immer Nerven, denn sie macht es dem Leser wahrlich nicht leicht, besonders dann nicht, wenn es um so wichtige Dinge wie Krieg oder Frieden geht. Ganz im Gegensatz zu Kate Wilhelm, die keinerlei Vorbedingungen stellt, selbst dann, wenn sie dem Vorbild von M.R. James folgt und eine Geistergeschichte erzählt – in Kansas.

Als Jubiläumsband ist der Jahrgang 1988 eine süffige und qualitativ hochstehende Auswahl und Mischung, wenn auch nur aus angloamerikanischen Weinbergen. Dass dieser 607 Seiten dicke Band zu dem niedrigen Preis von ca. 6 Euro auch noch mit ausgezeichneten Illustrationen versehen ist, kann man heutzutage fast nicht glauben. Wohl bekomm’s!

Taschenbuch: 607 Seiten
Aus dem Englischen von diversen Übersetzern.
ISBN-13: 9783453010079 (Achtung: Diese ISBN wurde zweimal vergeben!)

www.heyne.de

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