Schlagwort-Archive: John Brunner

John Brunner – Ein irrer Orbit

Die Vereinigten Staaten der Apartheid

Die US-Bevölkerung ist rassisch gespalten in die weiße Mehrheit der „Blanks“ und der farbigen „Knieblanks“ (beide Wörter sind aus dem Afrikaans der Kapprovinz abgeleitet), die in eigenen Enklaven leben müssen. Zwischen beiden Gruppen wird die Angst voreinander und der Hass füreinander geschürt von der Mafia der Waffenhändler, den Gottschalks, die daran kräftig verdienen, dass beide Gruppen ständig aufrüsten.

„Ein irrer Orbit“ (1969) bildet zusammen mit „Morgenwelt“ (1968) und „Schafe blicken auf“ (1972) jenes Trio an gewichtigen, sozial engagierten Romanen, das John Brunners Ruhm innerhalb der modernen Science Fiction begründet hat. Auch wenn dieses Buch unter diesen der formal schwächste sein mag, ragt er doch noch haushoch über die Masse der SF-Produktion hinaus.
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John Brunner – Reisender in Schwarz

Philosophische Fantasy mit kritischem Ansatz

In der Vergangenheit herrschte das Chaos, es gab keine Naturgesetze, und Magie machte es möglich, die Dimensionen von Zeit und Raum zu wechseln. Vernunft versuchte das Chaos zu bändigen, doch es gibt immer wieder Rückschläge durch Katastrophen und Irrationalität. Überall wo dies geschieht, taucht ein Mann in Schwarz auf, ein unscheinbarer Reisender, der einen Stab aus Licht bei sich trägt.

Er hat die Macht, Wünsche zu erfüllen. Waren es die Richtigen, besserte sich die Lage der Menschen, waren es die falschen, fanden die Frevler bald ihren gerechten Lohn. Aber der Reisende entstammt einer noch älteren Welt, einer Welt der Wunder der dunklen Naturkräfte. Als er das Chaos zurückgedrängt hat, ist er am Ende seiner Reise angelangt … (Verlagsinfo)

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John Brunner – Schnittstelle

_Im Provinzkaff ist der Teufel los – oder was anderes?_

In den Provinzstädtchen Weyharrow ist der Teufel los – buchstäblich, wie manche meinen. Die Menschen sind von ungehemmter Aggressivität und begehen Gewalttaten. Selbstmorde und Forderungen nach Todesstrafe sind an der Tagesordnung. Reporter der nationalen Presse schnüffeln schon bald nach dem Grund dieses seltsamen Verhaltens, auch Hippies und Neoheiden lassen sich im Ort unweit von Stonehenge nieder.

Dr. Steven Gloze, ein junger Arzt, und Jenny Severance, eine Lokalreporterin, glauben, dass hinter den Ereignissen nichts Übernatürliches steckt, wie manche gern glauben möchten, sondern ein merkwürdiger Nebel, der einige Nächte vorher über dem Fluss lag. Könnte dieser Nebel die Ursache für die Verhaltensstörungen sein?

_Der Autor_

John Kilian Houston Brunner wurde 1934 in Südengland geboren und am Cheltenham College erzogen. Dort interessierte er sich schon früh „brennend“ für Science-Fiction, wie er in seiner Selbstdarstellung „The Development of a Science Fiction Writer“ schreibt. Schon am College, mit 17, verfasste er seinen ersten SF-Roman, eine Abenteuergeschichte, „die heute glücklicherweise vergessen ist“, wie er sagte.

Nach der Ableistung seines Militärdienstes bei der Royal Air Force, der ihn zu einer pazifistisch-antimilitaristischen Grundhaltung bewog, nahm er verschiedene Arbeiten an, um sich „über Wasser zu halten“, wie man so sagt. Darunter war auch eine Stelle in einem Verlag. Schon bald schien sich seine Absicht, Schriftsteller zu werden, zu verwirklichen. Er veröffentlichte Kurzgeschichten in bekannten SF-Magazinen der USA und verkaufte 1958 dort seinen ersten Roman, war aber von der geringen Bezahlung auf diesem Gebiet enttäuscht. Bald erkannte er, dass sich nur Geschichten sicher und lukrativ verkaufen ließen, die vor Abenteuern, Klischees und Heldenbildern nur so strotzten.

Diese nach dem Verlag „Ace Doubles“ genannten Billigromane, in erster Linie „Space Operas“ im Stil der vierziger Jahre, sah Brunner nicht gerne erwähnt. Dennoch stand er zu dieser Art und Weise, sein Geld verdient zu haben, verhalf ihm doch die schriftstellerische Massenproduktion zu einer handwerklichen Fertigkeit auf vielen Gebieten des Schreibens, die er nicht mehr missen wollte.

Brunner veröffentlichte „The Whole Man“ 1958/59 im SF-Magazin „Science Fantasy“. Es war der erste Roman, das Brunners Image als kompetenter Verfasser von Space Operas und Agentenromanen ablöste – der Outer Space wird hier durch Inner Space ersetzt, die konventionelle Erzählweise durch auch typographisch deutlich innovativeres Erzählen von einem subjektiven Standpunkt aus.

Fortan machte Brunner durch menschliche und sozialpolitische Anliegen von sich reden, was 1968 in dem ehrgeizigen Weltpanorama „Morgenwelt“ gipfelte, der die komplexe Welt des Jahres 2010 literarisch mit Hilfe der Darstellungstechnik des Mediums Film porträtierte. Er bediente sich der Technik von John Dos Passos in dessen Amerika-Trilogie. Das hat ihm von SF-Herausgeber und -Autor James Gunn den Vorwurf den Beinahe-Plagiats eingetragen.

Es dauerte zwei Jahre, bis 1969 ein weiterer großer sozialkritischer SF-Roman erscheinen konnte: „The Jagged Orbit“ (deutsch 1982 unter dem Titel „Das Gottschalk-Komplott“ bei Moewig und 1993 in einer überarbeiteten Übersetzung auch bei Heyne erschienen). Bildeten in „Stand On Zanzibar“ die Folgen der Überbevölkerung wie etwa Eugenik-Gesetze und weitverbreitete Aggression das handlungsbestimmende Problem, so ist die thematische Basis von „The Jagged Orbit“ die Übermacht der Medien und Großkonzerne sowie psychologische Konflikte, die sich in Rassenhass und vor allem in Paranoia äußern. Die Lektüre dieses Romans wäre heute dringender als je zuvor zu empfehlen.

Diesen Erfolg bei der Kritik konnte er 1972 mit dem schockierenden Buch „Schafe blicken auf“ wiederholen. Allerdings fanden es die US-Leser nicht so witzig, dass Brunner darin die Vereinigten Staaten abbrennen ließ und boykottierten ihn quasi – was sich verheerend auf seine Finanzlage auswirkte. Gezwungenermaßen kehrte Brunner wieder zu gehobener Massenware zurück.

Nach dem Tod seiner Frau Marjorie 1986 kam Brunner nicht wieder so recht auf die Beine, da ihm in ihr eine große Stütze fehlte. Er heiratete zwar noch eine junge Chinesin und veröffentlichte den satirischen Roman „Muddle Earth“ (der von Heyne als „Chaos Erde“ veröffentlicht wurde), doch zur Fertigstellung seines letzten großen Romanprojekts ist es nicht mehr gekommen Er starb 1995 auf einem Science-Fiction-Kongress, vielleicht an dem besten für ihn vorstellbaren Ort.

_Handlung_

Das West Country von England ist nicht bekannt für Sensationen, und so beginnt dieser seltsame Freitag im Provinzkaff Weyharrow Goodsir recht unspektakulär. Das soll sich rasch ändern. Der Dorfchronist verspürt einen kreativen Schub und schreibt einen anspielungsreichen Artikel über die Geschichte seines Dorfes, wonach bereits im Namen die Rede von Teufeln und Heiden die Rede sei. Doch als er abspeichern will, meldet ihm die Maschine: „Text erfolgreich getilgt“!

|Ausrutscher?|

Simon, der Gemeindegärtner, bereitet das Frühstück für die Kinder seiner neuen Freundin Sheila zu: die kleine Hilary und der Junge Sam. Da kommt ihm in Sinn, das es gestern noch zwei Jungs gewesen sein könnten, oder? Steve ist sich nicht sicher. Das Cannabis, das er heimlich zieht, ist ein ganz schön starkes Kraut, wow!

Reverend Patrick Phibson begrüßt seine sieben Kopf starke Kirchengemeinde zum morgendlichen Gottesdienst mit der Aufforderung, sie mögen alle einander küssen. Als sich Entsetzen auf den Gesichtern seiner Schäflein ausbreitet, legt er noch einen drauf. Die Bekenntnis, selbst ebenfalls einen Unterleib zu besitzen, löst denn doch Abscheu aus.

Wenig später berichtet ein Bauer seiner stutzenden Frau, wie er seine Viehherde in das Rübenfeld seines Nachbarn getrieben habe. Und dem Hund, der ihn davon abhalten wollte, habe er eine verpasst. Ha! Seine Frau zweifelt an seinem Verstand: Die Nachbarn besitzen und wirtschaften das Rübenfeld seit vorigem Jahr. Was hat da seine Viehherde zu suchen? Und schon klingt das Telefon. Der Bauer gerät ins Schwitzen und zweifelt an seinem Verstand.

|Steven und der Teufel|

Das passiert auch Dr. Steven Gloze, den jungen Vertretungsarzt, der von eben jenem unglückseligen Bauern gleich einen Besuch wegen diverser Blessuren erhalten wird. Da ruft der Apotheker an, Mr. Ratch. Das Rezept eines frisch geschlachteten Huhns könne ja wohl nur ein geschmackloser Witz sein! Als Steve die empfohlene Behandlungsmethode für Arthritis nachschlägt, kann er sie in den Fachbüchern nirgends finden. Wie konnte ihm das bloß in den Sinn kommen, fragt er sich zweifelnd.

Doch als er den Pfarrer abends darauf anspricht, fängt dieser plötzlich an, etwas davon zu reden, dass Weyharrow, wie ja schon der heidnische Name implizieren, vom Bösen Feind, dem Teufel, besessen sei. Steven ist baff, versucht aber, Phibson zu beschwichtigen. Dieser wettert jedoch in seiner Abendpredigt, wie verlottert das Dorf sei, eine leichte Beute für den Widersacher …

|Jennys Problem|

Jenny Severance, Lokalreporterin beim „Chapminster Chronicle“, macht sich zitternd auf den Weg nach Weyharrow. Soeben ist sie um Haaresbreite einer beruflichen Katastrophe entgangen. In einem Anfall geistiger Umnachtung schrieb sie einen Artikel, demzufolge ein bisheriger Aktivist der Friedensbewegung auf einer Kundgebung zum Atomkrieg aufgerufen habe. Aber hallo! In letzter Sekunde vor Abgabe des Manuskript bemerkte sie ihren Irrtum – und der Chef bemerkte ihre Panik.

Jenny hat noch eine Chance, die Scharte auszuwetzen und begibt sich ins Gerichtsgebäude, wo der Gutsherr Sir Basil Goodsir – seine Familie ist im Dorfnamen verewigt – als Richter des Magistralgerichts über einen Fall von Schafdiebstahl zu entscheiden hat. Jenny traut ihren Ohren nicht, als der Richter plötzlich von seinem Sitz aufspringt und wettert, alle Schafsdiebe gehörten am Galgen aufgehängt, wie es schon seit Jahrhunderten der Brauche. Es gebe ja nichts Schändlicheres als ein Schaf zu stehlen. Jenny glotzt wie gelähmt und verpennt es vor Unglauben, diesen aufsehenerregenden Vorfall ihrem Chef zu melden. Dafür bekommt sie einen gehörigen Anpfiff.

In ihrer Not will sie abends entweder den Arzt oder den Pfarrer sprechen. Dr. Steven Gloze läuft ihr zuerst über den Weg, warnt sie vorm Pfarrer und lädt sie zu einem Drink im Pub ein. Dort ereignet sich eine denkwürdige Szene, in dem die Frau des einen Bauern sowohl über ihren Mann Harry herzieht, als auch über Ken, Harrys Gegner mit dem Rübenacker, eine echte Show! Endlich hat Jenny nun eine tolle Story und hängt sich sofort ans Telefon. Inzwischen sind sich Polizei, Arzt, Pfarrer und jede Menge Bürger darin einig, dass es in Weyharrow nicht mehr mit rechten Dingen zugeht. Aber warum? Ist wirklich der Teufel los?

|Der Augenblick der Wahrheit|

Am Abend einer Gemeindeversammlung sprechen erst der Erzdiakon und dann Steven Gloze, um die Wogen zu glätten. Keine gute Idee, denn die Wahrheit muss ans Licht, fordern die Einwohner Weyharrows. Da steht einer der erfahrenen Journalisten auf und zückt sein Notizbuch, um daraus vorzulesen. Es war an jenem Mittwochabend, als sich das Verhängnis über das Dorf legte, vom Fluss aus. Und weil den Journalist, Don Prosher vom angesehenen „Sunday Globe“, auch mit dem Direktor des flussaufwärts gelegenen Pharmawerks gesprochen hat, kann er den Leuten nun mitteilen, welcher Kampfstoff sich im Nebel über dem Fluss ausgebreitet hat – ein Stoff, der die Grenze zwischen Traum und Erinnerung auflöst …

_Mein Eindruck_

John Brunner war ein vielseitiger Autor, der nicht nur Zukunftsromane schrieb, sondern auch Fantasy, Detektivkrimis und Gedichtbände, von seiner Friedensaktivistenprosa ganz zu schweigen. Von diesem Oevre ist bis heute meines Wissens nur die Phantastik bei uns veröffentlicht worden. Seine Essays muss man in der englischsprachigen Fachliteratur zusammensuchen. Dieses zweifelhafte Vergnügen hatte ich, als ich meine Magisterarbeit über ihn schrieb. Das war wohl anno 1986/87. Ich bekam eine Eins minus dafür, auch nicht schlecht.

|Katastrophe mit Folgen|

In „Schnittstelle“ geht es also im Grunde um einen Chemieunfall mit nachfolgender Verseuchung der Bevölkerung, etwa wie in Seveso und Bhopal, nur nicht so verheerend. Brunner war sicher nicht der erste SF-Autor der sich an diesem Thema versuchte (die Amis kamen ihm zuvor), aber es kommt eben darauf an, was man daraus macht. In diesem Roman krepieren keine Schafe, und tote Fische treiben den Fluss Chap auch nicht hinab. Tatsächlich gibt es keinerlei äußerlichen Anzeichen für einen Chemieunfall – wenn da nur nicht die rätselhaften Ausraster und Fehlleistungen in der Bevölkerung von Weyharrow wären.

|Neuartige Ermittler|

Dadurch wird die Geschichte zu einer Art psychologischem Rätsel, und die Detektive sind in diesem Fall nicht die Inspektoren, Bobbys und Kommissare, sondern ganz gewöhnliche Leute, nämlich ein Vertretungsarzt und eine Journalistin. Sie sind aber genauso wenig gegen die Auswirkungen des Giftgases gefeit wie die ortsansässigen Einwohner. Deren Problem ist das eines jedes Kaffs: Jeder kennt jeden und zerreißt sich das Maul darüber, sobald etwas ungewöhnlich ist. Und als Phyllis Knabbe ins Bett ihrer Untermieterin Moira steigt, ist das ein gefundenes Fressen: „Lesbierinnen in der Stadt des Satans!“ Man kann die Schlagzeilen förmlich in den Augen der Kneipenbesucher lesen.

|Gesellschaftsporträt|

Um aber die psychologischen Auswirkungen des Gases als etwas Ungewöhnliches bemerkbar zu machen, ist der Erzähler gezwungen, ein detailliertes Panorama der menschlichen Gesellschaft Weyharrows in all ihren Verästelungen darzustellen. Anders geht es nicht, will er nicht summarisch verurteilen und sich damit auf eine Stufe mit dem Pastor stellen, der von der Kanzel wettern darf. Nein, der Autor muss unparteiisch bleiben und es dem Leser überlassen, sich sein Urteil selbst zu bilden. Ist Weyharrow wirklich vom Teufel besessen? Die Antwort lautet ja, falls mit „Teufel“ die Regierung gemeint ist, die den Kampfstoff mit Steuergeldern herstellen, und die Chemiefabrik, die das Gas hat entweichen lassen.

Das facettenreiche Gesellschaftsporträt vom Lande erinnert an nichts so sehr wie an jene wunderbaren viktorianischen Romane, die hierzulande fast nur noch an den Unis gelesen werden. Wer liest heute noch Thomas Hardy, der „Tess of the d’Urbervilles“ schrieb, das Roman Polanski so trefflich verfilmte? Oder wer kennt heute noch Anthony Trollope mit seiner Saga oder gar George Eliot, eine couragierte britische Erzählerin, die in voluminösen Romanen wie „Middlemarch“ oder „Mill on the Floss“ die Rolle der Frau in ihrer Zeit untersuchte?

|Zeitenwechsel|

In „Schnittstelle“ treffen zwei Epochen aufeinander, nämlich die alte ständisch organisierte Vergangenheit des 19. Jahrhunderts und die moderne demokratische des 20. Jahrhunderts. Im Verlauf der Handlung wird das uralte Bündnis zwischen Pfarrei und Landjunker, die „Parish Manor Opera“, einem totalen Bankrott ihrer Werte zugeführt. Nur dieser Pfarrer, natürlich unter dem Einfluss des Kampfstoffs, kann vom Teufel als althergebrachten Erklärungsmuster faseln. Doch basil Goodsir, der Friedensrichter, ist nicht weniger schlimm, wenn er den Tod durch den Strang fordert. Beides sind Rückfälle ins finstere Mittelalter, in den diese Gesellschaftsordnung entstand.

Ironischerweise sind es gerade die konservativen Hippies der Neuzeit, vertreten durch Chris Pilgrim, die die vorchristlichen Werte wiedererwecken wollen, die sich aber als die wirklich fortschrittlichen Geister erweisen. Chris hält auf der denkwürdigen Gemeindeversammlung eine flammende Rede, mit der er den Einwohnern ins Gewissen redet. Er ist Brunners archetypischer „weiser Mann“ und posaunt die Wahrheit hinaus, die der Autor verkündet hören möchte. Allerdings ist Chris‘ Figur ironisch gebrochen, so dass es leicht fällt, ihn nicht ganz ernstzunehmen.

|SF? Welche SF?|

Da reibt sich der Leser die Augen, wenn er auf das Etikett blickt, das den Buchrücken ziert: „SF“ steht da drauf. Wo ist sie geblieben, die Zukunftsperspektive? Der Leser muss sich während der Ermittlungen gedulden, bis endlich ab Seite 240 die Wahrheit über die Vorfälle im Dorf ausposaunt wird. Denn es geht nicht um irgendeinen Kampfstoff wie etwa Senfgas oder Sarin, sondern um einen eigens vom Autor erfundenen namens „Oneirin“.

|Heimtückisch|

„Oneirin“, so die Erklärung im Buch, ist vom griechischen Wort für „Traum“ abgeleitet und löst nach dem Willen seiner perfiden militärischen Erfinder die Grenze zwischen Erinnerung und Traum auf. Folglich gelangen Wünsche aus dem Unterbewussten in den Bereich der Erinnerung und umgekehrt. Ungewöhnliches, als anstößig wahrgenommenes Verhalten ist die Folge. Am Schluss jedoch trifft die Einwohner selbst die Schuld: Sie setzen Chemie bedenkenlos auf ihren Äckern ein und scheren sich nicht darum, was sich an Chemie in ihren Nahrungsmitteln befindet. Auch hierbei legen die Neoheiden und Hippies um Chris ein ökologisches Bewusstsein an den Tag, das als Vorbild dienen kann – und das wir heute längst übernommen haben (*klopf auf Holz*).

Aber die Freisetzung von regierungseigenen Stoffen wie Oneirin sind natürlich nicht die Ausnahme, sondern die Regeln, suggeriert Brunner. Ganz am Rande ist die Rede von vergifteten Bächen in Cumbria und leukämiekranken Kinder rund um das Atomkraftwerk bzw. die Wiederaufbereitungsanlage Sellafield. Solche Dreckschleudern existieren noch massenhaft in Merry Old England – höchste Zeit, sich darum zu kümmern. Brunner erweist sich als erster Grüner seines Landes, der dies auch in seinen Büchern umsetzt.

|Humor|

Meist hält sich der Autor zurück in seinem Humor, indem er als Erzähler nur leiser Ironie voll Sympathie und Verständnis für die Figuren anklingen lässt. Die richtigen humoristischen Kracher lässt er seine Figuren bringen. Das passiert meist dann, wenn zwei der englischen Gesellschaftsklassen aufeinandertreffen. Ein typischer Fall ist auf Seite 127 zu finden, als Chris, der Hippie-Pilger, mit Cedric, dem Sohn und Alleinerben des Landjunkers Basil Goodsir, telefoniert.

Cedric fragt zaghaft: „Wer ist denn dort?“
„Shit, Mann, ich bin’s, Chris-der-Pilger! Du selber hast mir MEINEN Namen gegeben, Mann – und ich hab dich dafür meine Alte, die Rhoda, bumsen lassen!“
„Oh, wow“, sagte Cedric leise. Jetzt erinnerte er sich allmählich wieder …

Aber der Roman ist keine Klamaukshow. Humorstellen wie diese finden ihren Ausgleich durch den tragischen Selbstmord von Phyllis Knabbe und die ebenso traurige Erstarrung von Ursula Ellerford, die sie durch Autosuggestion herbeigeführt hat. Diese Autosuggestion, ausgelöst durch einen Panikanfall, ist wahrscheinlich ebenfalls durch das Kampfgas hervorgerufen worden.

Der Autor macht nur ein einziges, kleines Zugeständnis an die Konventionen des Happy Ends aus dem viktorianischen Roman, wie ihn Charles Dickens prägte. Einer der Söhne Ursula Ellerfords ist nicht von ihrem angetrauten und inzwischen verstorbenen Mann, sondern von Don Prosher, dem gereiften und erfahrenen Journalisten aus London. Er erinnert sich an eine Liebschaft in Hongkong. Diese Affäre, wenn auch nicht unmöglich, ist doch zu unwahrscheinlich, um sehr plausibel zu klingen. Sei’s drum, Hauptsache Happy End.

_Die Übersetzung_

Die Übersetzung hat mir diesmal außerordentlich gut gefallen. Im Unterschied zu dem anspruchslosen Hans Maeter und dem manchmal übergenauen Horst Pukallus ist Roland Fleissner in der Lage, den humorvollen Umgangston und Erzählstil des Originals in ein Deutsch zu übertragen, das sich echt und glaubwürdig anhört. Hier hört man geradezu, wie den Leuten in der englischen Provinz der Schnabel gewachsen ist. Dieser Ton gehört ganz wesentlich zum Eindruck, den die Geschichte auf den Leser machen soll, dazu. Und der Erzähler ist meist mit ein wenig Ironie zu vernehmen.

Da fallen die wenigen Fehler, die ich fand, kaum ins Gewicht. Es ist Fleisner nicht durchweg gelungen, die Namen von Bridge Hotel und dem Pub Hochzeit zu Kana konsistent zu halten, so dass mal das deutsche „Brückenhotel“, mal das englische Wort „Marriage“ gebraucht wird. Hauptsache, der Leser weiß, was jeweils gemeint ist.

Auf Seite 170 unterlief Fleissner der berüchtigte Standardfehler aller Übersetzer: Er verwechselte die Figuren. Statt Colin muss es an einer Stelle wohl Cedric heißen, sonst ergibt eine Erwiderung wenig Sinn. Auch der Korrektor scheint zugeschlagen zu haben und verlängerte ein Wort bis zur Sinnlosigkeit. So wurde auf Seite 247 aus dem Wort „krümmten“ die Verballhornung „kümmerten“, die überhaupt keinen Sinn ergibt.

Auf Seite 266 fehlt ein kleines Wörtchen in dem Satz: „Moira, ich weiß nicht, [was] soll ich sagen, es tut mir leid …“. Auf Seite 290 findet sich einer der allseits unbeliebten Buchstabendreher, so dass aus einer „Jeans“ eine „Jenas“ wurde. Auf Seite 293 schlug wohl der Zensor zu: “ …an einem Ort wie hier ereignen kann, am …Absatz der Welt“. Im Umgangsdeutsch würde man wohl „am Arsch der Welt“ sagen. Aber das geht natürlich nicht, oder?

_Unterm Strich_

Obwohl es herzlich wenig Action gibt und nur den Hauch einer Ermittlung, fesselte mich doch das fein verästelte Geflecht der Bevölkerung von Weyharrow, derart, dass ich den zweiten Teil des Romans an einem Abend verschlag. Ich wollte einfach wissen, worauf der Autor hinauswollte. Handelt es sich, wie der Pfarrer behauptet, um einen Fall von Teufelsbesessenheit in dem Provinzkaff oder gibt es, wie der Arzt glaubt, um eine rational-wissenschaftlich erklärbare Ursache?

Zwei Methoden, Weltanschauungen, Zeiten und Gesellschaftsordnungen treffen aufeinander, und daran macht der Autor eine Zeitenwende kenntlich. Seine Erzählmethode hat er Viktorianern wie Charles Dickens entliehen, ohne sich jedoch zu weitschweifigen Beschreibungen hinreißen zu lassen. Beruhigend wirkt auf mich, dass die skurril und suspekt wirkenden Ökofreaks, hier „Hippies“ genannt, heute die dominante Geisteshaltung der aufgeschlosseneren (= nichtkapitalistischen) westlichen Welt darstellen. Ist das nicht toll? (Man muss ja nicht gleich das Eheweib mit anderen teilen, wie Chris es mit Rhoda bei Cedric tat, siehe oben.)

Natürlich schlägt die Aussage in die gleiche Kerbe wie etwa G. Pausewangs Roman „Die Wolke“ oder jede andere Anklage eines Chemie- oder Atomkraft-Unfalls. Aber diesmal liegt der Fall etwas anders: Das fiktive Oneirin ist ein Kampfstoff, den die Regierung in Auftrag gegeben hat. Besonders perfide sind die psychologischen Folgen, die sogar an Philip K. Dicks Unterhöhlung der Realität erinnern: Wie zurechnungsfähig sind Menschen, wenn Traum und Erinnerung eins werden? Das ist eine reizvolle Vorstellung, und Brunner exerziert die Folgen mit allem gebotenem Ernst eines Realisten durch.

Taschenbuch: 303 Seiten
Originaltitel: The Shift Key (1987)
Aus dem Englischen von Roland Fleissner
ISBN-13: 978-3453039322
www.heyne.de

John Brunner – Der Infinitiv von GO

Philosophisch: Die Öffnung des Universums für Menschen

Als die Wissenschaftler die ersten Menschen durch den Materietransmitter schicken, treten bei den Versuchspersonen seltsame Erinnerungsstörungen auf. Sie haben das Gefühl, in eine Wirklichkeit befördert worden zu sein, die nicht ganz der entspricht, aus der sie kamen. Verändern die elektrischen Felder des Geräts die Gedächtnisinhalte – oder verändert sich bei jedem Transfer die Wirklichkeit selbst?

Der Autor

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John Brunner – Im Zeitalter der Wunder

Nach dem Holocaust die große Chance: Weltraumtrips!

Die Außerirdischen landen keineswegs unbemerkt: Sämtliches spaltbares Material auf der Erde explodiert. Nachdem Zerstörung, Panik und Chaos verebbt sind, gelangen Berichte über geheimnisvolle Städte der Außerirdischen, die über die Erde verteilt sind, zu den Regierenden. Es handelt sich um riesige Gebiete voll flackernder Lichter und fürchterlich viel freier Energie, die Menschen orientierungslos werden lassen. Sie sind unangreifbar. Die Frage lautet also: Sind sie die Stützpunkte der Fremden – oder etwas völlig anderes?
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Brunner, John – Kolonisator, Der

_Übermensch und Maria Magdalena: ein super Gespann_

Als der Stern Zarathustra zur Nova wurde und in einer lebensfeindlichen Lichtflut explodierte, flohen die wenigen Überlebenden in alle Richtungen und suchten auf Planeten der Nachbarsonnen eine neue Heimat. Doch diese Welten waren grundverschieden, und jede war auf ihre Art menschenfeindlich. Und schon die geringste Abweichung von der gewohnten Norm konnte auf überraschende Weise tödlich sein.

_Der Autor:_

John Kilian Houston Brunner wurde 1934 in Südengland geboren und am Cheltenham College erzogen. Dort interessierte er sich schon früh „brennend“ für Science-Fiction, wie er in seiner Selbstdarstellung „The Development of a Science Fiction Writer“ schreibt. Schon am College, mit 17, verfaßte er seinen ersten SF-Roman, eine Abenteuergeschichte, „die heute glücklicherweise vergessen ist“, wie er sagte.

Nach der Ableistung seines Militärdienstes bei der Royal Air Force, der ihn zu einer pazifistisch-antimilitaristischen Grundhaltung bewog, nahm er verschiedene Arbeiten an, um sich „über Wasser zu halten“, wie man so sagt. Darunter war auch eine Stelle in einem Verlag. Schon bald schien sich seine Absicht, Schriftsteller zu werden, zu verwirklichen. Er veröffentlichte Kurzgeschichten in bekannten SF-Magazinen der USA und verkaufte 1958 dort seinen ersten Roman, war aber von der geringen Bezahlung auf diesem Gebiet enttäuscht. Bald erkannte er, dass sich nur Geschichten sicher und lukrativ verkaufen ließen, die vor Abenteuern, Klischees und Heldenbildern nur so strotzten.

Diese nach dem Verlag „Ace Doubles“ genannten Billigromane, in erster Linie „Space Operas“ im Stil der vierziger Jahre, sah Brunner nicht gerne erwähnt. Dennoch stand er zu dieser Art und Weise, sein Geld verdient zu haben, verhalf ihm doch die schriftstellerische Massenproduktion zu einer handwerklichen Fertigkeit auf vielen Gebieten des Schreibens, die er nicht mehr missen wollte.

Brunner veröffentlichte „The Whole Man“ 1958/59 im SF-Magazin „Science Fantasy“. Es war der erste Roman, der Brunners Image als kompetenter Verfasser von Space Operas und Agentenromanen ablöste – der Outer Space wird hier durch Inner Space ersetzt, die konventionelle Erzählweise durch auch typographisch deutlich innovativeres Erzählen von einem subjektiven Standpunkt aus.

Fortan machte Brunner durch menschliche und sozialpolitische Anliegen von sich reden, was 1968 in dem ehrgeizigen Weltpanorama „Morgenwelt“ („Stand On Zanzibar“) gipfelte, der die komplexe Welt des Jahres 2010 literarisch mit Hilfe der Darstellungstechnik des Mediums Film porträtierte. Er bediente sich der Technik von John Dos Passos in dessen Amerika-Trilogie. Das hat ihm von SF-Herausgeber und -Autor James Gunn den Vorwurf den Beinahe-Plagiats eingetragen.

Es dauerte zwei Jahre, bis 1969 ein weiterer großer sozialkritischer SF-Roman erscheinen konnte: „The Jagged Orbit“ (deutsch 1982 unter dem Titel „Das Gottschalk-Komplott“ bei Moewig und 1993 in einer überarbeiteten Übersetzung auch bei Heyne erschienen). Bildeten in „Stand On Zanzibar“ die Folgen der Überbevölkerung wie etwa Eugenik-Gesetze und weitverbreitete Aggression das handlungsbestimmende Problem, so ist die thematische Basis von „The Jagged Orbit“ die Übermacht der Medien und Großkonzerne sowie psychologische Konflikte, die sich in Rassenhass und vor allem in Paranoia äußern. Die Lektüre dieses Romans wäre heute dringender als je zuvor zu empfehlen.

Diesen Erfolg bei den Kritikern konnte er 1972 mit dem schockierenden Buch „Schafe blicken auf“ wiederholen. Allerdings fanden es die US-Leser nicht so witzig, dass Brunner darin die Vereinigten Staaten abbrennen ließ und boykottierten ihn quasi – was sich verheerend auf seine Finanzlage auswirkte. Gezwungenermaßen kehrte Brunner wieder zu gehobener Massenware zurück.

Nach dem Tod seiner Frau Marjorie 1986 kam Brunner nicht wieder so recht auf die Beine, da ihm in ihr eine große Stütze fehlte. Er heiratete zwar noch eine junge Chinesin und veröffentlichte den satirischen Roman „Muddle Earth“ (der von Heyne als „Chaos Erde“ veröffentlicht wurde), doch zur Fertigstellung seines letzten großen Romanprojekts ist es nicht mehr gekommen Er starb 1995 auf einem Science-Fiction-Kongress, vielleicht an dem besten für ihn vorstellbaren Ort.

_Handlung:_

Die Sonne Zarathustra ist zur Nova geworden und explodiert. Rechtzeitig vor dem Eintreten dieser Katastrophe haben sich die Bevölkerungen der Planeten in Sicherheit bringen können. Sie landeten auf verschiedenen anderen Welten. Die erste davon schildert der Roman „Der Kolonisator“. Hier gingen zwei Raumschiffe nieder. Das von Captain Arbogast ist im Meer vor einer Flussmündung versunken, doch die Besatzung konnte sich retten und hat den harten Winter halbwegs gut überstanden. Schiffbrüchige wie der unternehmungslustige und einfallsreiche Lex bergen wie einst Robinson Crusoe noch wertvolle Güter aus dem halb versunkenen Wrack, doch an einen Start ist nicht zu denken.

Doch was ist aus dem zweiten Raumschiff geworden, das auf einer kargen Hochebene landete, wo der Winter die Besatzung bestimmt dezimiert hat? Ornelle ist eine der 800 Überlebenden an der Flussmündung und versucht im Frühjahr verzweifelt, per Funk das zweite Raumschiff zu erreichen. Die Vierzigjährige glaubt immer noch, sie könnte diesen Dreckball verlassen, wenn man das zweite Raumschiff starten könnte. Lex sagt zu Doktor Jerode, sie gehöre zu den Nutzlosen, die rückwärts blicken, statt sich auf die Gründung einer Kolonie zu konzentrieren.

Nach einer kleinen Konferenz, bei der der depressive Captain den Vorsitz an Dr. Jerode abgegeben hat, verrät Lex dem Arzt, was er wirklich ist: ein angehender Polymath, ein Weltenmanager mit übermenschlichen Fähigkeiten. Dr. Jerode würde einem derartigen Menschen liebend gerne die Führung der Kolonie übergeben, doch Lex winkt ab: Jerode darf seine geheime Fähigkeit auf keinen Fall verraten, denn sonst würde man Lex sofort sämtliche Fehlschläge anlasten und ihn mit Verwaltungskram bis über beide Ohren zumüllen! Jerode willigt ein, und nach Arbogasts Selbstmord leitet er die Siedlung.

Während des Sommers läuft alles bestens, findet Lex, und alles ist im Aufbau. Da kommt es zu zwei folgenschweren Ereignissen. Das erste besteht darin, dass sich die sechzehnjährige Naline selbst mit einer Energiepistole blendet. Angeblich aus Verzweiflung über die Zurückweisung durch die sexuell aktive Delvia. Doch Lex vermutet, dass mehr dahintersteckt. Delvia kann froh sein, wenn sie nicht das Opfer eines Lynchmobs wird.

Das zweite Ereignis löst Besorgnis aus: Der Fluss versiegt innerhalb einer Stunde. Das Tempo ist ungewöhnlich, und so kommt eigentlich nur eine drastische Ursache in Frage: ein Erdrutsch oder ein Damm, etwa durch Biber. Lex erhält den Auftrag, eine Expedition flussaufwärts zu führen und das Wasser wieder zum Fließen zu bringen. Delvias Antrag auf Teilnahme weist er brüsk zurück: Sie ist viel zu impulsiv und brächte alle in Gefahr.

Was Lex‘ Expedition vorfindet, ist tatsächlich ein Damm. Die Leute vom zweiten Raumschiff haben ihn errichtet. Aber ein Blick genügt, um zu erkennen, dass er in spätestens drei Tagen brechen wird. Diese Einsicht hilft Lex aber nicht: Bewaffnete Kerle entwaffnen ihn mit vorgehaltenen Energiewaffen. Im Lager herrscht ein Oberst Gomes, und es ist deutlich zu sehen, dass der Raumfahrer wahnsinnig ist. Er lässt die Bildung einer Kolonie nicht zu, vielmehr müssen alle anderen unter Strafen wie die Sklaven schuften, damit das beschädigte Raumschiff flottgemacht wird. Lex weiß, dies ist Wahnsinn, aber wie soll man dies einem Irren begreiflich machen?

_Mein Eindruck:_

Dies ist schon der dritte Siedlerroman, den ich von John Brunner gelesen habe. Die anderen waren „Die Pioniere von Sigma Draconis“ und „Das Geheimnis der Draconier“. Anscheinend lag dem produktiven Autor das Thema. Andererseits konnte er anhand der alternativen Erden die Fehler auf der aktuellen Erde so aufzeigen, dass sie dem Leser als Warnung dienen konnten. Das ist bei „Der Kolonisator“ ein wenig anders.

|Supermensch|

Der wichtigste Unterschied ist natürlich der Auftritt eines Supermenschen, eines „Polymathen“. Lex ist zwar nicht ganz ausgebildet und hat schon gleich gar keine Praxiserfahrung, aber er verfügt über besondere Fähigkeiten, die nicht nur physischer, sondern auch psychischer Natur sind. Er kann im Dunkeln sehen und schärfer hören als die anderen, aber wichtiger ist sein logisches Denken und die Konsequenz im Handeln, die ihn auszeichnet. Allerdings hat auch er seinen schwachen Moment, so wie Jesus, als nämlich Delvia, seine Maria Magdalena, ihm verdeutlicht, welche immense Verantwortung nun allein auf Lex‘ Schultern liegt.

|Hoffnung|

Der Knackpunkt, der das Siedlungsprojekt fast zum Scheitern bringt, ist nämlich die Frage, welche Hoffnung man den Siedlern geben soll. Eine Fraktion um Ornelle und einen ehemaligen Kontinentalmanager denkt rückwärtsgewandt und will unbedingt das Raumschiff flott kriegen – oder wenigstens eine Subraumfunkboje starten. Dass dies mit ihren Mitteln unmöglich zu bewerkstelligen ist, versucht Lex immer wieder zu demonstrieren, doch man glaubt ihm nicht, bis er aus Gomes‘ Lager Flüchtlinge mitbringt, die bezeugen können, wozu der Glaube an eine Rückkehr in den Raum führen kann. Lex und seine Fraktion ist vorausschauend und plant für eine feste Kolonie.

|Zwei Modelle zur Wahl|

Zwei konträre Gesellschaftsmodelle prallen direkt aufeinander, nicht nur innerhalb der Lex-Kolonie, sondern auch zwischen dieser und dem Gomes-Lager. Gomes hält Arbeitssklaven und trifft keine Vorsorge für den Winter, weil er hofft, sein Raumschiff zum Fliegen zu bringen und Hilfe zu finden. Der Höhepunkt des Romans sieht tatsächlich den Flug des Gomes-Raumschiffs, doch diese Hoffnung scheitert, wie Lex es voraussah. Doch zu frohlocken, verzweifelt auch er ob des Absturzes. Er ist ja letzten Endes kein Tyrann, sondern nur ein Mensch, der von Glaube, Liebe und Hoffnung lebt.

|Maria Magdalena|

Apropos Liebe: Die kommt ebenso wenig zu kurz wie die Erotik. Schließlich müssen sich die Siedler ja vermehren. Im Mittelpunkt steht Delvia, die attraktive und oben ohne herumlaufende Maria Magdalena von Lex, dem Retter. Sie bezeichnet sich selbst als „Naturtier“, was ich bemerkenswert finde. Durch die unglückliche Affäre mit der jungen Naline und der wahnsinnig werdenden Ornelle steht Delvia kurz davor, für ein nicht vorhandenes Verbrechen gelyncht zu werden. Das führt zu ihrer moralischen Läuterung. Nun versteht sie auch Lex und dessen Mission viel besser. Tatsächlich wird sie zu seiner glühenden Anhängerin, die sein rätselhaftes Verhalten gegen Zweifel und Anfeindungen verteidigt.

Ich staunte immer wieder, welche Fülle von Informationen der Autor für diesen einfachen Siedlerroman aufgebracht hat. Er hat zahlreiche Sachgebiete aufbereitet: Medizin, Elektrotechnik, Kommunikation, Solartechnik, Chemie, Papier- und Kleiderherstellung und vieles mehr. Leider kommen die entsprechenden Fachausdrücke in der Übersetzung nicht immer verständlich herüber.

_Die Übersetzung: _

Der Text ist gespickt mit Fachausdrücken. Auf Seite 40 ist von einem „Präzipitat“ die Rede. Das ist nichts anderes als der körnige Niederschlag einer Salzlösung. Auf Seite 94 wird eine „Urgastrula“ erwähnt. Eine Gastrula ist mir noch aus dem Biologie-Unterricht bekannt. Es handelt sich um die Urform in einem Fötus, aus der sich die Wirbelsäule und die inneren Organen bilden.

Neben den üblichen Flüchtigkeitsfehlern finden sich auch echte Rechtschreibfehler, so etwa auf Seite 41 „verpöhnt“ statt „verpönt“ und auf S. 79 „expliziert“ statt „explizit“. Ansonsten ist der Text relativ frei von Fehlern, die den Lesefluss stören könnten.

_Unterm Strich:_

Ich habe den 200-Seiten-Roman in nur einem Tag gelesen, denn er ist zunächst detailliert und dann zunehmend szenenreicher erzählt. Man darf also nicht gleich die Geduld verlieren, denn das letzte Drittel bringt durch die Konfrontation zwischen Gomes und Lex das eigentliche Abenteuer. Innerhalb der Lex-Kolonie tritt aber auch Wahnsinn auf, und der kann bekanntlich ebenfalls gefährlich werden.

Das ist wahrscheinlich einer der wenigen Supermensch-Romane John Brunners. Ich zwar nur wenige seiner Ace- und DAW-Books-Klassiker, aber seine dystopischen Klassiker „Schafe blicken auf“, „Morgenwelt“ und „Ein irrer Orbit“ sowie „Der Schockwellenreiter“ sind mir natürlich vertraut. Dort findet sich jedes Mal ein außerordentlicher Mann, der als Rebell und innovativer Denker gegen das System angeht. Das klappt mal gut („Schockwellenreiter“), mal weniger gut („Morgenwelt“). Die Idee eines Polymathen erscheint mir nicht so abwegig, ergibt aber nur in einem Sternenreich einen Sinn, das auf Expansion ausgelegt ist. Davon können wir heute nur noch träumen.

|Taschenbuch: 206 Seiten
Originaltitel: Polymath (1974)
Aus dem Englischen übersetzt von Barbara Heidkamp
ASIN: B002074CRI|

_John Brunner bei |Buchwurm.info|:_
[„Morgenwelt“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1274
[„Chaos Erde“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2555
[„Der ganze Mensch / Beherrscher der Träume“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3444
[„Das Geheimnis der Draconier“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5920
[„Doppelgänger“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5940
[„Der galaktische Verbraucherservice: Zeitmaschinen für jedermann“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6171

Brunner, John – galaktische Verbraucherservice, Der: Zeitmaschinen für jedermann

_Stiftung Warentest goes Galaxy!_

Endlich hat sich mal jemand die Mühe gemacht, preiswerte Zeitmaschinen und doppelröhrige Wunscherfüllungsmaschinen auf Herz und Nieren zu prüfen! Die Berichte des Galaktischen Verbraucherservice sind Gold wert und jeder Endbenutzer, der sie als Heimgerät zu verwenden gedenkt, sollte die entsprechenden Berichte in „Der gute Kauf“ gelesen haben – möglichst VORHER. Sieben weitere Erzählungen ergänzen diese wertvollen Berichte.

_Die Erzählungen_

_1) Der galaktische Verbraucherservice 1. Bericht: Preiswerte Zeitmaschinen (1965)_

In einem Vergleichstest, der der „Stiftung Warentest“ alle Ehre machen würde, untersucht die Zeitschrift „Der gute Kauf“, 2329 veröffentlicht von der Galaktischen Föderation der Verbraucher-Gemeinschaften, sechs verschiedene Zeitmaschinen auf ihr Preis-/Leistungsverhältnis. Die üblichen Testkategorien wie Leistung, Verarbeitung, Betriebssicherheit, Garantien und vor allem Preis werden auf ihre Güte abgeklopft. Dabei tritt Erstaunliches zutage.

Erste Zeitmaschinen gab es schon 2107 auf Logaia, doch erst nach einem Jahrhundert des Einsatzverbots gelang es Dr. Ajax Yak von der Universität Spica um 2230, ihr Prinzip so zu vereinfachen, dass sie zu erschwinglichen Preisen für Endverbraucher hergestellt werden konnten. Auf den meisten Welten wird dafür ein Führerschein verlangt. Aber nur auf wenigen Welten wie Terra, Konfuzius und Osiris gibt es auch Mindestanforderungen an Leistung und Qualität. Deren Normen wurden dem Test zugrunde gelegt.

Die Testgeräte liegen im Preis alle unter 10.000 Krediteinheiten. Sie liegen in drei Kategorien, je nachdem ob sie beim Einzelhandel zum regulären Preis und/oder beim Discounter gekauft wurden. Die Modelle heißen, vom Topmodell abwärts:

Welt-Wanderer
Chronokinetor
Super-Wandler
Tempora Mutantur
Jederzeit-Hüpfer
Ewigkeits-Twister (importiert)

Um es kurz zu machen: Der „Welt-Wanderer“ erwies sich als empfehlenswertes Heimgerät, doch vor dem Kauf des Ewigkeits-Twisters warnen die Autoren des Tests eindringlich. Nicht nur die Klausel, dass laut „Garantie“ jeder Käufer sein Eigentum gepfändet bekommt, sollte er Mängel am Gerät reklamieren, machte sie stutzig. Auch die Entdeckung, dass die Kabelisolierung aus TIERLEDER bestand, ließ bei ihnen das rote Lämpchen grell aufleuchten. Und als sie ein wenig nach der Herkunft dieses Imports forschten, stießen sie auf jenes verhängnisvolle Jahr 2107, als auf Logaia die ersten Experimente gemacht wurden …

Drum lese, wer sich für das Zeitreisen interessiert, erst einmal „Der gute Kauf“, bevor man sich unrettbar im Kochtopf eines Barbaren wiederfindet!

|Mein Eindruck|

Ganz wundervoll, wie der versierte Autor Brunner hier das Prinzip der „Stiftung Warentest“ auf ein in der SF gängiges Requisit anwendet, auf die Zeitmaschine. Seit H. G. Wells sie so erfolgreich im Jahr 1895 erfand, taucht sie immer wieder in klassischen Geschichten auf, sei es bei Asimov oder Heinlein. Noch heute sind diese Apparate von großer Faszination, so etwa in „Zurück in die Zukunft“. Doch keiner der geistigen Schöpfer verschwendet auch nur fünf Minuten darauf, uns zu erklären, wie diese Maschine funktioniert, geschweige, ob sie ein qualitätsvolles Gerät der Topkategorie ist oder ein Billigimport von Irgendwo.

Brunner beschreibt wenigstens einige Bestandteile der Maschine, so etwa die Energieversorgung – Atomfusion oder –spaltung – sowie den Feldgenerator. Er erwähnt ein geheimnisvolles „Versteinerungsfeld“, das – irgendwie selbstverständlich – den gesamten Körper des Zeitreisenden umfangen müsse, um ihn komplett und nicht etwa in Einzelteilen von Zeitpunkt A nach Zeitpunkt B zu transportieren. Nicht alle Geräte erfüllen im Test diese Voraussetzung, mit fatalen Folgen für die Prüfer!

Auch die Reichweite ist natürlich ein Kriterium für die Leistungsfähigkeit. Hier unterscheidet sich die tatsächliche Leistung in Erdnormjahren (ENJ) von der im Datenblatt genannten mitunter beträchtlich. Immerhin bringt es der „Welt-Wanderer“ auf fast ein Dutzend Jahrtausende, wohingegen der „Ewigkeits-Twister“ nicht einmal den Mindestwert von 4,7 ENJ erreichte.

Höchst interessant ist das Konzept VERBOTENER Zeitzonen, die niemand besuchen darf. Ähnlich wie das Tempolimit im Straßenverkehr, das bei Strafe nicht überschritten werden darf, gibt es auch im Zeitreiseverkehr Verbote. Sie sind meist religiös begründet, denn eine Zuwiderhandlung könnte einen galaktischen Krieg auslösen. Zu solchen Zeitzonen gehören: Jesu Kreuzigung und Auferstehung, Buddhas Meditation unterm Bo-Baum, die Hedschra Mohammeds in Jahr 622 n. Chr. und zwei andere Zeitzonen neueren Datums.

Diese Daten sind in Listen eingetragen, die die Maschine automatisch beachten muss, damit es zu keinem Verstoß kommt. Leider waren manche Geräte nicht in der Lage, sie alle ausnahmslos zu beachten, und so kam es, dass einer der Prüfer nach dem Besuch von „Bertie Tuddles Streben“ einen hysterischen Lachanfall erlitt, der ihn arbeitsunfähig machte. Die Autoren des Tests geben deshalb strenge Empfehlungen, auch was die Retemporisierungs-Police für die Rückkehr-Versicherung betrifft.

Wie man sieht, verfügt der Autor über eine gehörige Portion Humor und Ironie. Er macht seinen Job ausgezeichnet und sehr glaubhaft. Dass er überhaupt keine Geschichte erzählt, verzeiht man ihm gerne, denn die „Helden“ dieser Story sind neben den namenlosen Prüfern vor allem die Geräte selbst. Die Textsorte „Prüfbericht“ wurde während der SF-Epoche der New Wave mehrfach von den besten Autoren des Feldes gewählt, doch unter ihnen ragen Brunners Beiträge heraus.

_2) Reden ist Silber (Speech is silver, 1965)_

Jeremy Hankin hat auf Betreiben seiner ehrgeizigen Frau Mary der Schlaffest GmbH seine Stimme verkauft. Die Schlaffest GmbH stellt einen neuartigen Therapieservice bereit, bei dem den Klienten unterschwellige Botschaften ins Ohr geflüstert werden, während diese fest schlafen. Wie Mr. Welland Jeremy erklärt, habe sich bei Tests herausgestellt, dass nicht die Botschaft das wesentliche therapierende und beruhigende Element sei, sondern die Darbietung durch eine menschliche Stimme. Und Jeremy besitze die ideale Stimme – sonor, glaubhaft, tolerant, verständnisvoll, aber mit männlicher Autorität versehen.

Obwohl es Jeremy zuwider ist, sich in die Publicity der Firma einspannen zu lassen, lässt er sich dazu breitschlagen, vor allem aus Angst, Mary sonst zu verlieren. Als ihm Welland Mary ausspannt, verliert seine Tätigkeit jeden Sinn, und er steigt aus. Doch die Schlaffest GmbH ist gewieft. Als sie Anstalten macht, einen jungen Schauspieler als Hankin-Double mit Hankin-Stimme auftreten zu lassen, greift Jeremy zur Selbsthilfe: Er bearbeitet die unterschwelligen Botschaften so, dass ihre Ergebnisse die Schlaffest GmbH in den Ruin treiben werden.

|Mein Eindruck|

Die Story ist ein richtiger „Runterzieher“, denn sie zeigt das Ausbeutersystem, das dem Kapitalismus innewohnt, in seinen menschenverachtenden Auswirkungen. Jeremy, erst seiner Frau beraubt, dann seiner Stimme enteignet, verstummt. Erst als er den letzten Schritt zur Zerstörung des Systems tut, gewinnt er seine Menschenwürde zurück – und sein Selbstbewusstsein.

_3) Zwei Monde (The warp and the woof-woof, 1966)_

Tom Halliday tut seiner Frau Susan einen kleinen Gefallen und nimmt sie und seinen Hund Jeff mit auf einen Kurztrip zum Mars. Als Tom und Susan nach Hause zurückkehren, ist Jeff verschwunden …

Die Marsbewohner planen schon seit hunderten von Generationen die Invasion der Erde, doch die Gravitation, der Sonnenwind und Brudermord machen ihnen stets einen dicken Strich durch die Rechnung. Diesmal eleiminiert Marskaiser Jr-Truk den Leiter der Invasionsabteilung und ersetzt ihn. Der vormalige Stellvertreter zeigt Jr-Truk nervös einen Neuankömmling auf der Marsoberfläche: Es ist ein UNGEHEUER!

Zunächst fragt sich Jeff, ob es hier wie zu Hause Kaninchen und Mäuse gibt, die er jagen könnte. Er jagt leidenschaftlich gern. Dass er sein Herrchen und Frauchen nicht finden kann, rückt in den Hintergrund seines Bewusstseins, als er eine kleine Maus erspäht, die vor ihm zu fliehen versucht. Hm, nicht schnell gut und – mmh, sie schmeckt ein wenig wie Käse. Wie wär’s mit einem Nachschlag?

Wenige Stunden später bläht sich Jeffs Bauch beträchtlich. Im Vollgefühl seiner Sättigung heult er die zwei Monde an und wartet auf sein Herrchen.

|Mein Eindruck|

Mit viel Ironie und wenigen Pinselstrichen zeichnet der Autor das Bild einer Marsinvasion der tierischen Art. Er hat sich vorgestellt, dass die Marsianer nicht notwendigerweise so groß sind wie Humanoide, sondern etwa so groß wie Mäuse, mit 16 Augen und Scheinfüßchen. Sie mögen ein Imperium aus Höhlen haben, aber gegen die tierische Invasion von der Erde haben sie nicht den Hauch einer Chance. Hier kommt Brunner praktisch auf den Hund.

_4) Frühlingserwachen (The product of the masses, 1968)_

Auf der erdähnlichen Welt Chryseis erforschen Biologen die Verhaltensweise der größten Tierart Macrodiscos. Um solch ein Wesen praktisch selbst zu steuern, brauchen sie aber ein Steuerungsmodul und fordern es von der Raumpatrouille an. Kapitän Jeff Hook ist gerade in der Nähe und dockt an der orbitalen Forschungsstation an. Die Chefbiologin Dr. Leila Kunje erweist sich leider als ein Eisschrank, der immer Recht haben will. Sie verbietet ihrem Forscherteam jede Art von dem, was sie verächtlich „Fraternisierung“ nennt, als wären die Raumpiloten Feinde.

Weil Hook diese Art von Persönlichkeit krankhaft findet, greift er ein. Nach einer Unterredung mit seiner Pilotin und den Forscherkollegen Kunjes entwirft er einen Plan, wie sie Kunje eines Besseren belehren können, ohne sie psychisch zu zerbrechen.

Dr. Kunje ist es gelungen, einen optimalen weiblichen Macrodiscos herzustellen, transportiert das Wesen auf die Oberfläche und schließt das Steuerungsmodul an, in dem die Forscher sowie Hook und die Pilotin direkt die Steuerung darüber übernehmen können, wohin das Riesentier trabt. Schon bald tauchen Männchen auf, die sich aggressiv zu verhalten scheinen. Doch die Flucht des Weibchens endet an einem undurchdringlichen Wald. Dr. Kunje ist ratlos, was sie tun soll. Ihr Leben hat sie nicht darauf vorbereitet, diese Situation zu erkennen, geschweige denn zu bewältigen.

Jeff erklärt ihr, was los ist und warum Kunje dennoch Recht hat: Es ist die Paarungszeit, und die Männchen wollten einfach bloß Liebe machen, nichts weiter. Dr. Kunje, 35 Jahre alt und noch nie verliebt gewesen, bricht in Tränen aus.

|Mein Eindruck|

Die Story wirkt zunächst ein wenig frivol, erweist sich aber dann als psychologisch fundiert. Selbst denn, wenn die Erkenntnis, zu der die frigide Dr. Kunje geführt wird, im Grunde ziemlich banal ist: Sie kann nicht mit etwas umgehen, was sie nicht kennt – nämlich Liebe und Sex. Im Ausgleich zu dem, was ihr als Person fehlt, ist sie eben eine hervorragende Wissenschaftlicherin. Deshalb wird sie auch respektvoll behandelt, als Jeff & Co. ihre eine Lektion erteilen.

Die Aussage der Story ist eine versteckte Kritik an allen amerikanischen Geschichten über abgebrühte (lies: frigide) Wissenschaftler, die fremde Welten unter die Lupe nehmen, ohne ihre eigene Persönlichkeit in die Gleichung einzubringen. Hätte die Autorin Alice Sheldon alias James Tiptree jr., die um 1968 enormen Erfolg hatte, diese Story zu erzählen gehabt, so wäre etwas viel Bizarreres dabei herausgekommen. Aber Brunner hat das Thema unter Kontrolle und verwirrt den Leser nicht.

_5) Der galaktische Verbraucherservice 2. Bericht: Automatische Doppelröhren-Wunschmaschinen (1966)_

Die Notwendigkeit von Wunschmaschinen ist offensichtlich und braucht nicht weiter begründet zu werden – viele Leute sind mit ihrem Dasein unzufrieden. Allerdings ist es in ihrem Gebrauch schon zu etlichen Missgeschicken gekommen, weil es manchen Nutzern nicht gelang, ihr Bewusstsein nicht von ihrem Unterbewusstsein abzukoppeln, wenn sie sich auf einen Wunsch konzentrieren. So kam es beispielsweise zur Entstehung von 95 Babys einer Mutter, die eigentlich abtreiben wollte. Merke: Diese Maschinen sind MASCHINEN und keine Zauberstäbe!

Warum zwei Röhren, wird sich mancher Nutzer fragen. Die Veranschalichungs- oder Realisierungsröhre erzeugt ein materielles Produkt auf einen geistigen Befehl, so weit, so schön. Doch wie aus obigem Beispiel hervorgeht, ist eine Moderatorröhre erforderlich, um Gedankenbefehle zu filtern, deren Umsetzung verboten, unrealisierbar oder sittlich unangebracht ist. Eine der wackeren Prüferinnen des Galaktischen Verbraucherservices landete wegen Exhibitionismus im Knast, weil sie per Wunschmaschine erzeugte Kleidung trug, die nach einer Stunde durchsichtig wurde …

Geprüft wurden sieben Geräte für den Heimgebrauch, die alle so um die 25.000 Krediteinheiten kosten:

1) Füllhorn
2) Midas
3) Krösus (baugleich mit Midas, wie sich herausstellte, aber 200 KE billiger)
4) Unerschöpflich
5) Trillionär
6) Hexenmeister
7) Flaschengeist (Djinn; funktioniert nur in einer streng moslemischen Umgebung)

„Unerschöpflich“ fiel gleich auf, weil es sich um einen riesigen Kasten handelte, dessen Kontrollen auf zwei gegenüberliegenden Seiten angebracht sind, so dass der Bediener Arme von 3,2 Meter Länge braucht. Die Bedienungsanleitung – auf 16 von 100 Seiten – war in einem unverständlichen Kauderwelsch geschrieben, und die Garantie lautet wie folgt: „Wir lehnen Verantwortung jeder Art, Form, Größe und Farbe ab.“ Hmmm …

„Unerschöpflich“ erwies sich insofern als einzigartig, als der Apparat mit zwölf Kilo Technetium als Energiequelle beschickt werden musste – ein zusätzlicher Kostenaufwand von rund 17.000 KE. Das Gerät erzeugte Speisen – einer von drei Tests -, die mit Arsen und Brom versetzt waren und eine purpurrote Farbe aufwiesen – interessant. Die Klimaanlage erzeugte Chlorgas, das sofort abgesaugt werden musste, um das Leben des Prüfers zu retten.

Es kam zu zahlreichen Missgeschicken, unangenehmen Vorfällen, sogar Verbrechen wie Falschmünzerei oder Porno-Vertrieb, deretwegen sich der Galaktische Verbraucherservice einer Reihe von Gerichtsverfahren gegenübersieht. Der Superdistriktsanwalt teilte mit, dass „Unerschöpflich“ aus dem Sektor Andromeda stammt und womöglich einen ersten wirtschaftlichen Unterwanderungsversuch der Andromedaner von M31 darstellt. Kaufen Sie dieses Gerät UNTER KEINEN UMSTÄNDEN! Jeder, der es Ihnen andrehen will, ist wahrscheinlich ein andromedanischer Spion und sollte umgehend gemeldet werden!

|Mein Eindruck|

Wie schon bei den „preiswerten“ Zeitmaschinen hat sich Brunner für seine galaktische „Stiftung Warentest“ an Wunschmaschinen ein paar hübsche Ideen ausgedacht, komplett von der pannenreichen Erfindung des Geräts bis zur Entdeckung eines Invasionsversuchs. Man kann eben nie vorsichtig genug sein, wenn es um Wünsche und Maschinen geht!

Jedenfalls ist die scheinbar so trocken wirkende Materie voller menschlicher Schicksale – man kann sich lebhaft die wackeren Prüfer vorstellen, wie sie eine horrible Entdeckung nach der anderen machen, wenn sie nicht gleich mit Lebensmittelvergiftung im Krankenhaus oder als Verbrecher im Knast landen. Man könnte ganze Romane daraus entspinnen.

_6) Bis der Tod euch scheidet (Death do us part, 1955)_

Arthur Jordan, ein Londoner Anwalt, stöhnt wie alle anderen unter der Hitzwelle, die England im Griff hält. Als er sich abends einen Whisky mixt, erscheint ein Gespenst. Nachdem er sein Nervenkostüm wieder repariert hat, hört Arthur dem Gentleman zu, der aus dem 18. Jahrhundert stammt und sich James Shaw of Clayhurst nennt. Dir Dürre hat es ihm erlaubt, die bislang hinderlichen Wasserläufe zu überwinden (Geister dürfen bekanntlich keine Wasserläufe überspringen) und zu Arthurs Domizil vorzudringen.

Sir James wünscht, von seiner ebenfalls verstorbenen Frau Kitty, einer zänkischen Nörglerin, geschieden zu werden. Ein kniffliges Problem, aber nicht unlösbar, wie sich erweist. Und eine neue Unterkunft besorgt er Sir James auch noch, als Arthur einen Mandanten näher kennenlernt, der aus den ehemaligen Kolonien jenseits des Atlantiks zurückgekehrt ist. Diesem Manne kann geholfen werden.

|Mein Eindruck|

Im zarten Alter von 21 oder 22 Jahren veröffentlichte Brunner diese nette Story, die durchaus Charme und Pfiff hat. Britische Ironie erlaubt ein paar Seitenhiebe auf die „Kolonien“ in Amerika, auf die unanständigen Sitten des 19. Jahrhunderts und die angenehmen Seiten „schlechten Wetters“, das hier in einer Dürre besteht.

_7) Seltsame Zoo-Tiere (Coincidence Day, 1965)_

Nigel Stonerley ist Verwalter des Nordamerikanischen (Südwesten) Extraterrestrischen Zoos NASEEZ) und Midge, seine Ehefrau, die PR-Chefin. Beiden steht ein langer und wunderlicher Tag bevor: der Zufall-Tag (Coincidence Day) nämlich. Es ist der seltene Tag, an dem 40 der 50 Außerirdischen für wenigstens fünf Stunden ein Höchstmaß an Aktivität zeigen. Klar, dass die Besucher nur so herbeiströmen. Hauptattraktion ist der intelligente Chuckaluck von Agassiz IV.

Kurz nach Öffnung des Zoos tritt jedoch die Sitten- und Moralwächterin Madam (ihr wirklicher Vorname) Senior-Jones (jawoll, das sind ihre echten Nachnamen) mitsamt Anhängerinnen auf und beklagt lautstark, dass die armen Wesen da so eingesperrt seien, wo ihnen doch jedes Recht auf Freiheit und Freizügigkeit zustünde. Sie belästigt sogar einen Raumfahrer, der mit Chuckaluck kommuniziert, einen gewissen Laban Howe: „Schande!“ Ob er sich nicht schäme, an diesem Spektakel teilzunehmen!? Howe hat überhaupt nichts dagegen. Da ruft Madam die Polizei.

Vor Gericht wird das unrühmliche Schauspiel mit Nigel als Angeklagtem fortgeführt. Zum Glück rettet der Auftritt des Kongressabgeordneten Sissoko den Tag für Nigel und Midge. Nach einem Wort mit Richter Corcoran wird das Schauspiel, an dem zahlreiche Medien Blut geleckt haben, abgesagt. Madam fällt in Ohnmacht.

Denn in Wahrheit verhält es sich genau andersherum: Der Zoo ist eine Kooperative der Außerirdischen und die Besucher sind ihre Studienobjekte. Aber die kostenlose PR war gut!

|Mein Eindruck|

Wieder mal nimmt Brunner eine klischeehafte Ausgangssituation und enthüllt erst am Schluss ihre wahre, nämlich den Erwartungen des Lesers völlig widersprechende Bedeutung. Auf die Idee, dass Aliens sich selbst eine Forschungsstation einrichten, diese als Zoo deklarieren und dann die Besucher als Forschungsobjekte begaffen, würde man auch nicht ohne weiteres kommen. Ansonsten ist die Story von viktorianischen Klischees geprägt: Wo gibt’s denn heute noch solche altjüngferlichen Sittenwächterinnen?

_8) Sprung in die Zukunft (Whirligig, 1967)_

Tommy Caxton und seine Solid Six ist eine Jazzkapelle, die neulich ein sehr merkwürdiges Erlebnis hatte. Nun liegt Tommy dem Aufnahmeleiter seiner Plattenfirma in den Ohren, er müsse unbedingt und schnellstmöglich das Stück „Gumshoe Stumble“ aufnehmen. Und zwar deshalb, weil es eine 500 Jahre alte 78er Platte gibt, auf der Tommy Caxton und seine Solid Six dieses Stück spielen – 500 Jahre in der Zukunft! Dorthin wurde die Combo nämlich neulich entführt, um auf der Geburtstagsparty von Miss Galena Smith aufzuspielen, und diesen Abend wird Tommy nie vergessen …

|Mein Eindruck|

Der gesamte Text ist ein einziger Monolog am Telefon, aber so lebhaft und in so astreinem Jargon formuliert, dass man ihm einfach folgen muss. Diese Authentizität lässt auf eine gewisse Vertrautheit des Autors mit der Musikszene schließen. Das habe ich auch in seinem Roman [„Doppelgänger“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5940 von anno 1969 bestätigt gefunden. Außerdem kennt sich Brunner mit Jazz offenbar ausgezeichnet aus. Einem Leser, der keinen Jazz mag, dürfte die Geschichte allerdings weniger sagen.

_9) Der galaktische Verbraucherservice 3. Bericht: Überblick über die Leserschaft (1967)_

Die Zeitschrift „Der gute Kauf“ wollte im Jahr 2322 wissen, wer ihre Leser sind und was sie wollen, schickte also in die Galaxis ihren Fragebogen aus. Endlich, acht Jahre später, veröffentlicht sie die Ergebnisse. Denn es kamen etwa 2,6 Milliarden Rückantworten, und die überforderten die einsame alte Sekretärin in Buenos Aires. Auch gab es jede Menge Zustellprobleme, die wahrscheinlich demnächst zur Insolvenz des Verbraucherservices führen werden. Denn ein Leser schickte sich gleich selbst, weil er alles andere für unhöfliche gehalten hätte, doch weil er weder Einreiseerlaubnis noch ärztliches Attest vorweisen konnte, wird er in Quarantäne gehalten, in einem 40 Meter langen Warenhaus und auf Kosten der Föderation der Verbrauchergemeinschaften, versteht sich.

Wie auch immer, es gab auch Zuschriften, in denen sich Leser bestimmte Beiträge wünschten, so etwa über den Markt für planetenzerstörende Bomben (seltsamerweise aller von einer bestimmten Partei), Voyeuranzüge, die unsichtbar machen (der Leser wurde überfahren), und das Testen der 37 Freier, die eine junge Dame auf Hippodamia heiraten wollten. Die Lady wurde aus dem Leserverzeichnis gestrichen.

Die Frage, wer der durchschnittliche Leser sei, beantwortete der eingesetzte Computer auf verblüffende Weise: Es handelt sich zu über 40 Prozent um Superreiche auf Luxuswelten wie Eldorado. Dazu ging ein ergreifender Brief mit Diamanten-Schrift ein, ein zu Herzen gehender Hilferuf: „Wenn wir unser Vermögen nicht bis zum Mittsommertag ausgegeben haben, wird es vom Staat für allgemeine Zwecke eingezogen! Helft uns, es vorher auszugeben!“ Getty C. Midas dem XXXIII. kann geholfen werden. Es wird demnächst mehrere Luxusausgaben der Zeitschrift geben.

|Mein Eindruck|

Auch dieser Text erinnert in seiner Art und mit den angesprochenen Problemen an die galaktischen Satiren Stanislaw Lems aus den [„Sterntagebüchern“.]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=669 Immer wieder ertappte ich mich bei einem Schmunzeln. Am witzigsten ist wohl der Zusammenhang zwischen Reichtum und Sozialismus, den Getty C. Midas XXXIII. beklagt. Klingt nach England unter der Labour-Regierung, als der Steuersatz astronomische Höhen erreichte, von denen selbst die Beatles ein Lied zu singen wussten: „Taxman“!

_10) Zeit zum Töten (Nobody axed you, 1965)_

Die ganze Welt ächzt unter der Überbevölkerung, aber es lässt sich etwas dagegen unternehmen: töten. Gene Gardner ist der Regisseur und Mitschauspieler einer TV-Produktionsfirma für eine Show, in der immer neue Morde ausgetüftelt und gezeigt werden. Hauptsache, die Zuschauer lassen sich davon „inspirieren“ und bringen ihre Mitmenschen um, die ihnen zu dicht auf die Pelle rücken. Den Erfolg ihrer Show können Gardner und sein Boss Crane am BAT-Index wöchentlich ablesen. BAT bedeutet „bei Ankunft (im Krankenhaus) tot“ (englisch: DOA). Und in letzter Zeit ist der BAT-Index von rund 700 auf über 800 gestiegen. Ein schöner Erfolg. Aber für Crane nicht genug. Es gibt harte Konkurrenz.

In einer solchen Welt ist wertvoll, wenn jemand frigide und somit unfruchtbar ist. Daher rastet Gene völlig aus, als ihm seine Frau und Hauptdarstellerin Denise Delarose freudig mitteilt, dass sie schwanger sei. Na, das ist ein Schlag ins Kontor: Seine Glaubwürdigkeit als Propagandist des Tötens ginge ja völlig flöten, wenn das rauskäme! Klar, dass er will, dass sie den Fötus abtreiben lässt. Doch Denise reagiert lediglich mit Schweigen.

Nachdem der Produktionsbeirat mit Vertretern der Industrie, Regierung, Medien und Kirchenzensur Genes neuestes Konzept abgesegnet hat, macht er sich an die Produktion der neueste Show. Tatwerkzeug ist diesmal ein Gewehr mit 40 Schuss im Magazin. Denise scheint etwas im Schilde zu führen, das mit ihrer Doppelgängerpuppe zu tun hat, aber auch mit der Frau des Requisiteurs Al.

Als Gene im entscheidenden Moment mit seinem Gewehr auf Denise schießen soll, ist ihm jedenfalls nach all den Ablenkungen nicht hundertprozentig klar, ob diejenige, auf die er jetzt zielt, die echte Denise ist oder ihre leblose Puppe. Doch die Show muss weitergehen.

Gene drückt ab. Verdammt, die falsche! Aber wo er gerade so schön am Schießen ist …

|Mein Eindruck|

Es ist wahrlich keine schöne Welt, dieses übervölkerte London. Auf allen Gehsteigen und Straßen drängeln sich Menschen und Fahrzeuge. Kaum hat Gene einen Sitz in seinem Auto frei, lästern schon die Passanten, die diesen Frevel sehen. Aber die Cops kennen Genes Show zur Genüge und stehen ihm zur Seite. Seelenruhig wird der Nörgler abgeknallt. Einer mehr oder weniger, was macht das schon aus? Kein Wunder, wenn frigide Frauen sich sogar als solche mit einem Emblem kennzeichnen: Sie stehen hoch im Kurs. Im Gegensatz zu Schwangeren wie Denise, die sich auch noch über ihr Baby freuen.

Die Ironie an dieser extrapolierten Zukunftsvision, die auf den Vorhersagen des Club of Rome 1968 beruht, ist in mehrfacher Hinsicht bitter, auch wenn sie in sich selbst schlüssig ist. Die Tat, zu der Denise dann Zuflucht nimmt, stellt nicht nur Gene infrage, sondern das ganze System, dem er dient: Es ist die ultimative Negation des Lebens. Gene reagiert wie von Denise geplant. Sie stirbt zwar, doch der Schmerz und die Wut über ihren Tod, den er verursacht, richtet sich in Gene gegen diejenigen, die das Töten als kommerzielle Vernastaltung betreiben. Es ist eine psychische Implosion, die sich in der totalen Zerstörung des Lebens um ihn herum entladen muss.

Ein Rätsel gibt mir jedoch der Originaltitel auf: „Nobody axed you“ bedeutet eigentlich: „Keiner hat dich gefeuert“, in einer bei Afrikanern verbreiteten Dialektbedeutung aber auch: „Keiner hat dich gefragt“ (das x entspricht sk in „asked“). Dem Autor kam es offenbar auf die Assoziation mit „axe“, also „Beil“ an, ein Tötungswerkzeug, das in der Geschichte tatsächlich vorkommt.

_Die Übersetzung_

Bei Übersetzungen von Tony Westermayr ist stets größte Vorsicht angebracht. Schon auf Seite 21 geht’s los mit den Fehlern. Da steht der Satz: „in einem alten Gebäude, das in … Gegenstand …“. Gemeint ist natürlich ein „Gebäude, das in einer … Gegend stand“. Nur dass jemand das D und das Leerzeichen kürzte, um mehr Zeichen in die Zeile zu quetschen.

Auf Seite 74 scheint ein wichtiges Wörtchen zu fehlen. Es geht um die Garantiebestimmungen der Wusnchmaschine „Füllhorn“: „Die Hersteller sind [nicht?!] haftbar für a) die Erzeugnisse einer krankhaften Phantasie“ usw. Das klingt stark nach Haftungsausschlus. Folglich muss das Wörtchen „nicht“ eingefügt werden, damit der Satz einen Sinn ergibt. Allerdings kann es sich auch um einen vom Autor beabsichtigten Fehler handeln. Denn die Warentester empfehlen die Entfernung dieser seltsamen Klausel aus dem Garantievertrag. Das kann man gut nachvollziehen.

_Unterm Strich_

Die meisten Storys in dieser frühen Sammlung Brunners sind einfach nur durchschnittlich und manchmal nicht mal zum Lachen, sondern zum Fürchten. Herausragend fand ich hingegen die drei Berichte des Galaktischen Verbraucherservices. Hier kann es Brunner durchaus mit Stanislaw Lems Satiren in den „Sterntagebüchern“ aufnehmen.

Er benutzt die prosafremde Textsorte des Testberichts, um einige witzige Aussagen über so traditionsreiche SF-Klischees wie Zeitmaschinen und Wunscherfüllungsmaschinen zu machen. Im dritten Bericht zieht er dann die Leser der Zeitschrift „Der gute Kauf“ selbst durch den Kakao und macht auf einige bizarre Folgen gewisser Steuergesetzgebungen aufmerksam, die im damaligen England wahrscheinlich gar nicht so unbekannt waren.

|Originaltitel: Time Jump, 1973
Aus dem Englischen von Tony Westermayr
160 Seiten
ISBN-13: 978-3442232352|

Brunner, John – Doppelgänger

_Flotter Ökokrimi: John Wyndham trifft „Das Ding“_

Eine Londoner Popband sucht an der Küste von Nord-Kent einen Strand für ein groovy Open-Air-Konzert. Als sie ihn entdecken, übersehen sie das kleine Chemiedepot, wissen aber von einer nahen Fischereiforschungsstation. Als sie nachts schwimmen gehen, entsteigt dem Wasser eine entsetzliche Gestalt. Tatsächlich wird ein abgestürzter Pilot vermisst. Aber er müsste längst tot sein. Warum scheint er dann noch zu leben? Sie ergreifen panisch die Flucht. Doch das ist erst der Anfang seltsamer Erscheinungen an der südenglischen Küste …

_Der Autor_

John Kilian Houston Brunner wurde 1934 in Südengland geboren und am Cheltenham College erzogen. Dort interessierte er sich schon früh „brennend“ für Sciencefiction, wie er in seiner Selbstdarstellung „The Development of a Science Fiction Writer“ schreibt. Schon am College, mit 17, verfasste er seinen ersten SF-Roman, eine Abenteuergeschichte, „die heute glücklicherweise vergessen ist“, wie er sagte.

Nach der Ableistung seines Militärdienstes bei der Royal Air Force, der ihn zu einer pazifistisch-antimilitaristischen Grundhaltung bewog, nahm er verschiedene Arbeiten an, um sich „über Wasser zu halten“, wie man so sagt. Darunter war auch eine Stelle in einem Verlag. Schon bald schien sich seine Absicht, Schriftsteller zu werden, zu verwirklichen. Er veröffentlichte Kurzgeschichten in bekannten SF-Magazinen der USA und verkaufte 1958 dort seinen ersten Roman, war aber von der geringen Bezahlung auf diesem Gebiet enttäuscht. Bald erkannte er, dass sich nur Geschichten sicher und lukrativ verkaufen ließen, die vor Abenteuern, Klischees und Heldenbildern nur so strotzten.

Diese nach dem Verlag „Ace Doubles“ genannten Billigromane, in erster Linie „Space Operas“ im Stil der vierziger Jahre, sah Brunner nicht gerne erwähnt. Dennoch stand er zu dieser Art und Weise, sein Geld verdient zu haben, verhalf ihm doch die schriftstellerische Massenproduktion zu einer handwerklichen Fertigkeit auf vielen Gebieten des Schreibens, die er nicht mehr missen wollte.

Brunner veröffentlichte „The Whole Man“ 1958/59 im SF-Magazin „Science Fantasy“. Es war der erste Roman, das Brunners Image als kompetenter Verfasser von Space Operas und Agentenromanen ablöste – der Outer Space wird hier durch Inner Space ersetzt, die konventionelle Erzählweise durch auch typographisch deutlich innovativeres Erzählen von einem subjektiven Standpunkt aus.

Fortan machte Brunner durch menschliche und sozialpolitische Anliegen von sich reden, was 1968 in dem ehrgeizigen Weltpanorama „Morgenwelt“ gipfelte, der die komplexe Welt des Jahres 2010 literarisch mit Hilfe der Darstellungstechnik des Mediums Film porträtierte. Er bediente sich der Technik von John Dos Passos in dessen Amerika-Trilogie. Das hat ihm von SF-Herausgeber und -Autor James Gunn den Vorwurf den Beinahe-Plagiats eingetragen.

Es dauerte zwei Jahre, bis 1969 ein weiterer großer sozialkritischer SF-Roman erscheinen konnte: „The Jagged Orbit“ (deutsch 1982 unter dem Titel „Das Gottschalk-Komplott“ bei |Moewig| und 1993 in einer überarbeiteten Übersetzung auch bei |Heyne| erschienen). Bildeten in „Stand On Zanzibar“ die Folgen der Überbevölkerung wie etwa Eugenik-Gesetze und weitverbreitete Aggression das handlungsbestimmende Problem, so ist die thematische Basis von „The Jagged Orbit“ die Übermacht der Medien und Großkonzerne sowie psychologische Konflikte, die sich in Rassenhass und vor allem in Paranoia äußern. Die Lektüre dieses Romans wäre heute dringender als je zuvor anzuempfehlen.

Diesen Erfolg bei der Kritik konnte er 1972 mit dem schockierenden Buch „Schafe blicken auf“ wiederholen. Allerdings fanden es die US-Leser nicht so witzig, dass Brunner darin die Vereinigten Staaten abbrennen ließ, und boykottierten ihn quasi – was sich verheerend auf seine Finanzlage auswirkte. Gezwungenermaßen kehrte Brunner wieder zu gehobener Massenware zurück.

Nach dem Tod seiner Frau Marjorie 1986 kam Brunner nicht wieder so recht auf die Beine, da ihm in ihr eine große Stütze fehlte. Er heiratete zwar noch eine junge Chinesin und veröffentlichte den satirischen Roman Muddle Earth (der von Heyne als „Chaos Erde“ veröffentlicht wurde), doch zur Fertigstellung seines letzten großen Romanprojekts ist es nicht mehr gekommen. Er starb 1995 auf einem Science-Fiction-Kongress, vielleicht an dem besten für ihn vorstellbaren Ort.

Mehr von John Brunner auf |Buchwurm.info|:

[„Morgenwelt“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1274
[„Chaos Erde“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2555
[„Der ganze Mensch“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3444
[„Das Geheimnis der Draconier“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5920

_Handlung_

In ihrem psychedelisch bunt bemalten Lieferwagen sucht die Londoner Pop-Band „Bruno and the Hermetic Tradition“ einen kleinen Sandstrand, den einer von ihnen von der Fähre aus gesehen hat, und zwar genau hier irgendwo, an der Küste von Nord-Kent. Dort wollen sie eventuell ein Open-Air-Konzert veranstalten, aber wie sollen die Besucher dorthin kommen?

Als sie den Wissenschaftler Tom Reedman danach fragen, zeigt er ihnen den Weg. Er erforscht Methoden, um Fische zu Farmern umzuerziehen und Delphine zu Hirten. Das finden die drei Mädels in den Miniröcken interessant. Weniger schön ist es, von der nahen Chemiefabrik zu erfahren, die ihre Abwässer nicht ausreichend klärt. Sie fahren weiter und finden die Bucht. Als sie eine alte Frau um Erlaubnis gefragt haben, dorthin zu gehen, und diese für eine Flasche Bier einverstanden ist, machen sie es sich am Lagerfeuer gemütlich. Zwei der Frauen gehen schwimmen. Da entdeckt eine von ihnen, wie eine Gestalt, die sie für ein Tier hält, aus dem Wasser kriecht.

|Der Fremde aus der See|

Die ruft die Männer herbei: Es ist ein Mensch, in einer Art Ledermontur. Bruno und Gideon, der Westinder, stützen den schwankenden Kerl und halten ihn für einen Schwerverletzten. Doch als Bruno dessen halb weggefressenes Gesicht entdeckt, lässt er ihn los und tritt entsetzt zurück. Auch die anderen weichen zurück, werden panisch und eilen davon. Nur der arme Gideon bleibt mit dem Kerl allein, was er echt unfair findet. Der Schwerverletzte bricht zusammen, wankt dann weiter. Nachdem Gideon die anderen zurückgeholt hat, ist der Fremde verschwunden.

|Eine Lady verschwindet|

Bruno fühlt sich verpflichtet, der Polizei zu sagen, was er erlebt hat. Die Polizisten meinen, es könnte sich um den seit Tagen gesuchten Piloten einer abgestürzten Sportmaschine gehandelt haben. Leider hängt dort ein abgewrackter Provinzreporter herum, der alles mitbekommt und mitverfolgt, wie die Suche erfolglos verläuft. Am nächsten Tag steht in gewissen Zeitungen etwas von Halluzinationen gewisser Popmusiker. Das ist gar nicht gut fürs Geschäft. Als die Cops einen Tag später auftauchen, um Bruno nach der alten Frau zu fragen, reagiert er entsprechend verärgert. Aber die alte Lady, Miss Beeding, scheint nach einem Kampf in ihrem verfallenen Häuschen verschwunden zu sein.

|Seltsamer Fang|

Auf dem Schiff des Piratensender „Jolly Roger“ angelt DJ Dunbar gerade in einer Pause, als ein dicker Fisch anbeißt. Er ruft Hilfe herbei, und Kollege Mitch filmt den den heldenhaften Kampf Dunbar mit einem Monsterfisch. Es ist in der Tat ein Ungeheuer: ein Krake, aber mit Flossen. Als die Leine reißt, verschwindet das Wesen in der Tiefe. Nun braucht Dunbar für den Spott nicht mehr zu sorgen, er ist ihm sicher. Ein Fabelwesen, was sonst? Wenn da nicht die Filmaufnahme wäre …

|Wiedergänger|

Constable Sellers meint, Miss Beeding in seinem Dorf Brindown gesehen zu haben, aber da ist er der Einzige. Und außerdem: Die Nervenklinik im Nachbarort Geddesley meldet, sie hätten eine alte Frau eingeliefert bekommen, die ziemlich genau der vermissten Miss Beeding entspreche. Als Sellers jedoch in die Zelle schaut, in der sich Miss Beeding befinden sollte, ist er verunsichert: Diese alte Frau ist zwar in den gleichen alten schwarzen Mantel gekleidet, den er kennt, aber sie ist DICK, wohingegen das Original klapperdürr war. Er geht mit Direktor Nimms in die Zelle: Die Frau duldet nicht, dass man sie anfasst. Und sie redet sehr merkwürdig, so als lasse sie jedes zweite Wort aus. Tja, aber wer könnte sie sonst sein? Verwirrt geht Sellers zu seiner Freundin Doreen, doch alles, was das Mädchen versteht, ist: Miss Beeding gibt es doppelt. Kann ja nicht sein, oder?

Als er am Chemiedepot vorbeifährt, ruft ihn der Stellvertretende Leiter, Mr. Fleet herbei: Der Wachhabende habe eine verrückte alte Frau auf dem Gelände gesehen. Jetzt wird’s Sellers ein wenig zu bunt, aber man hat ihm beigebracht, stets höflich zu sein, wenn er Blödsinn hört, und zweitens niemals seine Vorgesetzten unnötig zu verwirren. Deshalb fragt er zunächst Tom Reedman von der Fischzuchtstation, ob man hier eine verrückte alte Frau gesehen habe. Das nicht, aber jemand hat die Bruttanks aufgebrochen.

Als Tom Reedman spätabends noch mit seinem Hund spazierengeht, hört er einen weinenden Mann – nicht unbedingt ein alltägliches Geräusch. Es ist Paddy Ryan, einer der Techniker, die tags zuvor einen neuen Tank in seiner Station fertiggestellt haben. Paddy weint vor Schmerzen, weil seine Hand fehlt: Sie sei mit Säure weggebrannt worden, behauptet er. Tom ruft sofort die Ambulanz und die Polizei.

Wenig später leitet ein grantiger Chief Inspector Neville, zu nachtschlafender Stunde zum Dienst gerufen, eine Suchaktion auf dem Gelände des Chemiedepots. Sellers nimmt an der Suche teil – im Schutzanzug. Mit Säure ist nämlich nicht zu spaßen. Sie spüren die alte Frau auf und verfolgen die erstaunlich flink laufende Kreatur, doch dann endet die Jagd auf grauenerregende Weise …

_Mein Eindruck_

John Wyndham trifft hier Quatermass und „Das Ding“. Wyndham ist der bekannte Autor von „Das Dorf der Verdammten“ (Verfilmt 1959) und „Der Tag der Triffids“ (als „Blumen des Schreckens“ 1962 verfilmt). Seine Vorliebe für Weltuntergangsszenarien machten seine Romane zur beliebten bürgerlichen Horrorlektüre, enthielten aber unter der Oberfläche oft eine ökologische Botschaft, so etwa die globale Überflutung in „Der Krake erwacht“.

„Quatermass“ war eine wissenschaftlich initiierte Horror-SF-Serie im britischen Fernsehen der späten fünfziger und frühen sechziger Jahre, quasi eine billige Variante von Jack Arnolds Monsterfilmen. Stets wurden die Schrecken der neu entdeckten Atomkraft ausgeschlachtet. Und schließlich stellt „Das Ding“, das (angeblich) William Wyler und später John Carpenter filmisch in Szene setzten (Vorlage von John W. Campbell jr.) den Archetyp des Gestaltwechslers dar, um den es in Brunners Roman geht.

|Die Wissenschaftler|

Die Entdeckungen reißen nicht ab. Nicht nur Polizisten machen Beobachtungen und kombinieren scharf wie ein Rasiermesser, nein, auch die gestandenen Wissenschaftler von der Meeresforschungs- und Fischzuchtanstalt wissen ihre Kenntnisse fachgerecht und erfolgreich anzuwenden. Denn als ihnen die Cops ein Exemplar jener Kreatur auf den Seziertisch legen, die das Chemiedepot und die Nervenklinik unsicher gemacht hat, offenbart sich, dass sie es mit einem gänzlich unbekannten Organismus zu tun haben. Schon bald haben sie Gelegenheit, die unerfreulichen Eigenschaften dieser Kreatur aus nächster Nähe zu beobachten …

|Die Musiker|

Die Popband, die am Anfang so erstaunliche Entdeckungen gemacht und sie den Bobbys gemeldet hat, taucht als Running Gag immer wieder auf. Allerdings sind die Beobachtungen von Bruno, Gideon, Glenn und Cressida weniger lustig: Die unbekannte Kreatur weist reichlich gefährliche Eigenschaften auf, und es ist besser, Abstand zu halten. Die Musiker sind recht realistisch in ihrem eigenen kulturellen und geschäftlichen Milieu geschildert, so dass ich vermute, dass der Autor, der ja selbst einen Protestsong geschrieben und wohl auch gesungen hat, selbst mal als Musiker auftrat.

Die Auftritte der Popband sind notwendig, um die Story auch für junge Leser interessant zu machen. Wie man an den „provozierenden Miniröcken“ von Nancy und Cressida ablesen kann, muss die Handlung spätestens im Jahr 1976 stattfinden, denn danach drehte der modische Wind doch gewaltig. Aber ein bisschen Sinnlichkeit darf schon sein, gell?

|Die Cops|

Dass der Autor auch mal beim Militär war, lässt sich an seinem Einblick in die Hierarchie der Polizei und der Bürokratie ablesen. Cops oder Soldaten, Feuerwehr oder Bürokraten – es geht stets um die richtigen Befehle, aber auch darum, jemanden als Sündenbock zu finden, dem man die Schuld in die Schuhe schieben kann, wenn etwas schiefläuft. Und für die Cops läuft in dieser Geschichte jede Menge schief. Allerdings habe ich für sie genauso wenig Mitleid, wie es Sellers‘ Freundin Doreen aufbringt. Wenn ihr Galan morgens um vier zum Dienst gerufen wird, dann hat das wenig mit Romantik zu tun, aber viel mit Pflichterfüllung. Und die ist meist frustrierend.

|Das Monster|

Das Ungeheuer ist, wie gesagt, ein Gestaltwechsler. Wie es dies bewerkstelligt, tut nichts zur Sache, wird aber recht detailliert erklärt. Wichtiger sind die Gründe seiner Entstehung und die Folgen seines Auftretens. Wie schon erwähnt, sind das Chemiedepot und die Infrastruktur der Menschen generell nicht besonders tüchtig darin, Abwässer zu klären, von den atomaren Abfällen der Atomtests und der Müllfässer am Meeresboden ganz zu schweigen. Es kommt also auch in der Meerestiefe zu kuriosen Mutationen, die durch Zufall an die Oberfläche gelangen können. Und hier treiben sie ihr Unwesen, beispielsweise wenn sie die Gestalt eines abgestürzten Piloten annehmen.

Das wäre nicht weiter schlimm, aber nun kommt der Faktor X hinzu: Die Gestaltwechsler nehmen neben der menschlichen Form auch Intelligenz und Bewusstsein auf. Sie können das ungeübte Auge durch Mimikry täuschen, in der Menge untertauchen und weitere Opfer finden. Das wiederum erinnert an nichts so sehr wie an die Androiden bzw. Replikanten in [„Blade Runner“.]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1663 Wenn Sellers erstmals einen Blick auf die Pseudo-Miss Beeding wirft, ist dies ein klassischer Philip-K-Dick-Moment: Ist dies ein Mensch oder …?

|Showdown|

Eine spannender Zweikampf entbrennt, der unweigerlich zum Showdown führen muss: zwischen der Schläue, Anpassungsfähigkeit und zunehmenden Kraft des Gestaltwechsels auf der einen Seite und der Erkenntnisfähigkeit, Tatkraft und Entschlossenheit der Menschen andererseits. Doch welche Eigenschaften sind es wirklich, die den Menschen wirklich die Oberhand behalten lassen? Es sind nicht die besseren Waffen, die größere Zahl oder was auch immer. Nein, letzten Endes ist es seine Teamfähigkeit. Nur weil Behörden, Wissenschaftler und Bürger (Popband) mehr oder weniger solidarisch zusammenarbeiten, gelingt der Sieg. Von solcher Solidarität kann man heute in England und anderswo jedoch nur noch träumen. Warum? Darüber lässt sich trefflich spekulieren.

Eines aber darf man nicht aus dem Blick verlieren: Die Menschen sind nur deshalb in Bedrängnis durch ein potenziell überlegendes Wesen geraten, weil sie durch Dummheit, Profitgier, Bequemlichkeit und Skrupellosigkeit erst das Monster geschaffen haben. Als genetisches Produkt der Umweltverschmutzung symbolisiert es die Rache von Mutter Natur. Die Frage stellt sich, ob es der Mensch verdient hat zu überleben. Die Antwort lautet diesmal noch: ja. Aber nur wegen der Solidarität und Liebe zwischen den Menschen.

|Die Übersetzung|

Ich zählte mindestens zehn Druckfehler. Das ist für eine altes |Heyne|-Taschenbuch jener Zeit ein recht guter Wert. Die Übersetzung ist stilistisch recht gut gelungen, fand ich, weist aber auch ein paar Schnitzer auf.

Was hat man sich denn konkret unter einer „Aktualisierung der Bedrohung“ (Seite 186) vorzustellen? Eine Bedrohung mit Update? Eine Bedrohung Version 2.0? Gemeint ist das englische Wort „actual“, das nicht „aktuell“ bedeutet, sondern „tatsächlich“. Die Bedrohung, so die Bedeutung des Ausdrucks, nimmt also eine wahrnehmbare, tatsächlich vorhandene Gestalt an. Und das ist eine andere Qualität von Gefahr und ihrer Wahrnehmung.

Auf den Seiten 176 bis 178 ist mehrmals von Detektiven die Rede, die die Bewohner vernehmen. Gemeint sind aber nicht Privatdetektive wie im deutschen Sprachgebrauch, sondern „detectives“, also Kriminalbeamte. Und das ist doch etwas anderes.

|Die Zeichnungen|

Der Künstler John Stewart hat diesen Band ganz wunderbar illustriert. Seine Schwarzweißzeichnungen, die nur aus Strichen bestehen, sind von einem bestechenden Realismus und Detailreichtum, andererseits aber wirken sie genau dadurch ein wenig unheimlich – optimal für fremdartige oder verfremdete Gestalten wie etwa Aliens. Stewart hat dementsprechend auch eine große Zahl von C. J. Cherryhs frühen Romanen illustriert.

Leider wurden der Abdruck und die Bezahlung von Zeichnungen in einem Taschenbuch ein zu großer Kostenfaktor für |Heyne|. Die Zeichnungen verschwanden im Laufe der neunziger Jahre, wenn ich mich recht entsinne. Sehr schade.

_Unterm Strich_

Der Roman liest sich anschaulich wie ein in Prosa gefasstes Drehbuch. Häufige Szenenwechsel werden ebenso souverän gehandhabt wie durchgängige Motive (Popband, Gestaltwechsler) und Handlungsstränge. Wer John Wyndhams Verfilmungen mag, der wird sich an das Aufeinandertreffen eines unheimlichen Phänomens mit der biederen ländlichen Idylle Englands erinnern. John Brunner hat dieses Szenario für die späten siebziger Jahre aktualisiert und mit ökologischem Gedankengut angereichert.

Herausgekommen ist ein sehr unterhaltsamer, leicht zu lesender Öko-Krimi, der mich an [„Der Schwarm“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=731 von Frank Schätzing erinnerte. Bildkräftige Zutaten wie erotische Frauen und ein Monster aus der See dürfen in der ersten Szene nicht fehlen – schon hängt der Zuschauer, pardon: Leser am Haken. Einziger Ausrutscher ist in meinen voreingenommenen Augen die Figur des sensationsgeilen Provinzreporters in fortgeschrittenem Alter – nicht wegen seiner Jagd nach Informationen, sondern weil er in einem Anfall von frustriertem Altruismus sein Notizbuch wegschmeißt, sobald eine Nachrichtensperre verhängt worden ist. Das fand ich doch reichlich unrealistisch. Ein Reporter würde heute auf Deibel komm raus weiterrecherchieren, Nachrichtensperre hin oder her.

Das Ungeheuer steht angenehmerweise nie im Vordergrund und bleibt damit ein Rätsel. Vielmehr ist es stets die menschliche Gemeinschaft, die sich zusammenraufen muss, um es zu bekämpfen – ähnlich wie in Hitchcocks „Die Vögel“, aber längst nicht so psychologisch tiefgründig. Das Buch kann ich mir sehr gut als Drehbuch vorstellen, und einer von Hitchs Jüngern sollte es verfilmen.

|Originaltitel: Double, Double; 1980
Aus dem Englischen von Hans Maeter
220 Seiten|

John Brunner – Geheimnis der Draconier, Das

_Warnung an die Erde: Genetischer Kapitalismus_

Im Jahr 2020 stößt eine internationale Expedition 19 Lichtjahre von der Erde entfernt auf die Spuren einer menschenähnlichen Kultur: die der Draconier im System Sigma Draconis. Als spektakulärstes Artefakt hinterließen sie ein Teleskop, das sie aus einem natürlichen Mondkrater herausarbeiteten. Nachfolgende Expeditionen liefern den Beweis, dass die Draconier schon 3000 Jahre nach ihrer Entstehung untergingen. Eine fieberhafte Suche nach dem Grund für das Verschwinden der Fremden beginnt, damit eine ähnliche Entwicklung auf der übervölkerten Erde verhindert werden kann. Im Jahr 2028 landet die vierte Expedition auf der fremden Welt – und sie soll über die Schließung der Kolonie entscheiden.

_Der Autor_

John Kilian Houston Brunner wurde 1934 in Südengland geboren und am Cheltenham College erzogen. Dort interessierte er sich schon früh „brennend“ für Sciencefiction, wie er in seiner Selbstdarstellung „The Development of a Science Fiction Writer“ schreibt. Schon am College, mit 17, verfasste er seinen ersten SF-Roman, eine Abenteuergeschichte, „die heute glücklicherweise vergessen ist“, wie er sagte.

Nach der Ableistung seines Militärdienstes bei der Royal Air Force, der ihn zu einer pazifistisch-antimilitaristischen Grundhaltung bewog, nahm er verschiedene Arbeiten an, um sich „über Wasser zu halten“, wie man so sagt. Darunter war auch eine Stelle in einem Verlag. Schon bald schien sich seine Absicht, Schriftsteller zu werden, zu verwirklichen. Er veröffentlichte Kurzgeschichten in bekannten SF-Magazinen der USA und verkaufte 1958 dort seinen ersten Roman, war aber von der geringen Bezahlung auf diesem Gebiet enttäuscht. Bald erkannte er, dass sich nur Geschichten sicher und lukrativ verkaufen ließen, die vor Abenteuern, Klischees und Heldenbildern nur so strotzten.

Diese nach dem Verlag „Ace Doubles“ genannten Billigromane, in erster Linie „Space Operas“ im Stil der vierziger Jahre, sah Brunner nicht gerne erwähnt. Dennoch stand er zu dieser Art und Weise, sein Geld verdient zu haben, verhalf ihm doch die schriftstellerische Massenproduktion zu einer handwerklichen Fertigkeit auf vielen Gebieten des Schreibens, die er nicht mehr missen wollte.

Brunner veröffentlichte „The Whole Man“ 1958/59 im SF-Magazin „Science Fantasy“. Es war der erste Roman, das Brunners Image als kompetenter Verfasser von Space Operas und Agentenromanen ablöste – der Outer Space wird hier durch Inner Space ersetzt, die konventionelle Erzählweise durch auch typographisch deutlich innovativeres Erzählen von einem subjektiven Standpunkt aus.

Fortan machte Brunner durch menschliche und sozialpolitische Anliegen von sich reden, was 1968 in dem ehrgeizigen Weltpanorama „Morgenwelt“ gipfelte, der die komplexe Welt des Jahres 2010 literarisch mit Hilfe der Darstellungstechnik des Mediums Film porträtierte. Er bediente sich der Technik von John Dos Passos in dessen Amerika-Trilogie. Das hat ihm von SF-Herausgeber und -Autor James Gunn den Vorwurf den Beinahe-Plagiats eingetragen.

Es dauerte zwei Jahre, bis 1969 ein weiterer großer sozialkritischer SF-Roman erscheinen konnte: „The Jagged Orbit“ (deutsch 1982 unter dem Titel „Das Gottschalk-Komplott“ bei |Moewig| und 1993 in einer überarbeiteten Übersetzung auch bei |Heyne| erschienen). Bildeten in „Stand On Zanzibar“ die Folgen der Überbevölkerung wie etwa Eugenik-Gesetze und weitverbreitete Aggression das handlungsbestimmende Problem, so ist die thematische Basis von „The Jagged Orbit“ die Übermacht der Medien und Großkonzerne sowie psychologische Konflikte, die sich in Rassenhass und vor allem in Paranoia äußern. Die Lektüre dieses Romans wäre heute dringender als je zuvor anzuempfehlen.

Diesen Erfolg bei der Kritik konnte er 1972 mit dem schockierenden Buch „Schafe blicken auf“ wiederholen. Allerdings fanden es die US-Leser nicht so witzig, dass Brunner darin die Vereinigten Staaten abbrennen ließ, und boykottierten ihn quasi – was sich verheerend auf seine Finanzlage auswirkte. Gezwungenermaßen kehrte Brunner wieder zu gehobener Massenware zurück.

Nach dem Tod seiner Frau Marjorie 1986 kam Brunner nicht wieder so recht auf die Beine, da ihm in ihr eine große Stütze fehlte. Er heiratete zwar noch eine junge Chinesin und veröffentlichte den satirischen Roman Muddle Earth (der von |Heyne| als „Chaos Erde“ veröffentlicht wurde), doch zur Fertigstellung seines letzten großen Romanprojekts ist es nicht mehr gekommen. Er starb 1995 auf einem Science-Fiction-Kongress, vielleicht an dem besten für ihn vorstellbaren Ort.

Verwandtes Werk: „Die Pioniere von Sigma Draconis“ (Bedlam Planet; deutsch bei Heyne 1971).

Mehr von John Brunner auf |Buchwurm.info|:

[„Morgenwelt“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1274
[„Chaos Erde“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2555
[„Der ganze Mensch“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3444

_Handlung_

Ian Macaulay ist Archäologe aus der erdigen Praxis. Er wundert sich, dass er für die vierte Expedition nach Sigma Draconis ausgewählt wird, an der doch offensichtlich nur Akademiker teilnehmen. Mit einer Ausnahme: Senor Ordonez-Vico ist der Chef des bolivianischen Militärgeheimdienstes. Er weigert sich, die übliche Raumfahrerkluft anzuziehen, und tritt in vollem militärischen Ornat auf. Nur den Säbel hat man ihm strikt verweigert. Alle hassen ihn. Er soll nämlich im Auftrag der UNO, welche die Expeiditionen nach Sigma Draconis finanziert und leitet, über die Schließung der Siedlung auf dem erdähnlichen Planeten dieser Sonne urteilen – und ob dort Waffen produziert werden, die gegen die Erde gerichtet sind.

Macaulay hat ja schon einige Paranoiker gesehen, aber Ordonez-Vico schlägt sie alle um Längen. Kommandant Rudolf Weil darf nicht mal eine Grußbotschaft an die Kolonie absetzen, um zu erklären, warum die |Stellaris| 12,5 Tage zu spät kommt. Doch während sich der Rest der Passagiere während des brutalen Bremsmanövers in den Gravitationssesseln quält, schickt Weil dennoch eine supergeheime Warnung an die Siedlung. Die Botschaft vernichtet sich sofort selbst. Die solchermaßen Benachrichtigten gucken sich alarmiert an: Na, das kann ja heiter werden!

Die |Stellaris| bringt die vierte Forschungsgruppe nach Draconis. 2020 entdeckte die erste den erdähnlichen Planeten, nachdem sich zuvor näher gelegene Sternensysteme als Nieten erwiesen hatten. Draconis ist 19 Lichtjahre von der Erde entfernt und nur durch den Flug durch den Quasiraum schneller als das Licht zu erreichen. Die Raumflüge sind ebenso teuer wie der Bau des Raumschiffs, und die Nationen der Erde rebellieren unter der finanziellen Last des Sternenflug-Fonds, den die UNO verwaltet. Ordonez-Vico soll entscheiden, ob die Basis aus Kostengründen zu schließen ist.

Der General unterzieht alle Wissenschaftler einem gemeinschaftlichen Verhör, und seine Spionaugen zeichnen alles auf. Sein Lügendetektor prüft die Wahrhaftigkeit der Aussagen. Seine Frage lautet einfach: Wieso verschwanden die Draconier vor hunderttausend Jahren, nachdem sie 3000 Jahre lang erfolgreich den Planeten erobert und besiedelt hatten? Könnte dies auch der Erde passieren? Die Wissenschaftler schließen nacheinander eine Invasion durch eine zweite Rasse, eine kosmische Katastrophe, planetare Katastrophen, eine Seuche und sonstige Krankheiten aus. Dann bleibt nicht mehr allzu viel als Erklärung übrig.

Ian Macauley, der Schriftexperte, soll die Aufzeichnungen der Draconier untersuchen, die sie in kristallinen Bögen niedergelegt haben, die man in Bibliotheken fand. Leider kann keiner die Schrift entziffern, denn die Draconier nahmen alles auf elektromagnetische Weise wahr. Unter den zehn Archäologen nimmt er also jetzt eine Schlüsselposition ein. Er kommt auf die ungewöhnliche Idee, sich einfach mal in einen der Draconier hineinzuversetzen. In einem Sammelsurium von Stangen erblickt er, anders als alle anderen zuvor, eine Art elektromagnetisches Barometer: ein Sturmwarngerät.

Darob ist auch Ordonez-Vico verblüfft und fragt misstrauisch, wieso niemand zuvor dies entdeckt hat. Soll hier etwas vertuscht oder verborgen werden, hm? Wütend geigt ihm Ian die Meinung über die unglaublich große Leistung der Forscher auf dieser Welt, und zwar auf eine bildhafte, anschauliche Weise, die der Bolivianer auf Anhieb begreift. Als der General den Fortbestand der Basis genehmigt, sind alle begeistert. Cathy Polyzotis, eine Biologin, gründet eine intensive Beziehung zu dem genialen Ian.

Als sie mit ihm die Kristallplatten der Draconier untersucht, entdeckt sie den piezoelektrischen Effekt, wie ihn jede Plattenspielernadel auf der Erde aufwies. Er findet Cathy auch ziemlich genial. Wirklich verblüffend findet der Direktor jedoch Ians Einfall, es wie in Simbabwe zu machen und sich in die Lebensweise und die Wahrnehmung eines Draconiers hineinzuversetzen. Zuerst als als aktives Männchen, dann als sesshaftes Weibchen, umgeben von zwei Schalen wie eine Krabbe und mit sechs Beinen, empfindlich für Schwarzweiß und das elektromagnetische Spektrum. Administrator Rorschach starrt ihn erst entgeistert an, dann genehmigt er den Versuch enthusiastisch.

Während die Forscher sich daran machen, die genaue Form der Draconier herauszufinden und nachzubauen, entdecken die Archäologen an einer der Ausgrabungsstätten eine Sensation: vier Gebäude mit je einer riesigen Statue davor und Unmengen von Kristallbögen darin. Die Statuen sind wunderschön, doch etwas findet Ian ziemlich beunruhigend: Unter diesen offensichtlichen Idealbildern liegen tote Großmütter und Mütter mit schwer deformierten Kindern und Föten. Könnte es sein, dass diese Mutationen die Draconier als Rasse ausgelöscht haben?

Ein halbes Jahr nach seiner Landung kann Ian endlich in die Attrappe des Draconiers schlüpfen. Wie jeder inzwischen weiß, war die männliche Phase recht aktiv, wurde von einer neutralen Phase gefolgt, die ein Jahr dauerte, bevor sie endlich die finale weibliche Phase überging, die recht sesshaft verlief. Um also möglichst viel erkunden können zu können, wählen die Bastler die männliche Form für Ians Selbstversuch. Ergänzt wird dieser Versuch auf der geistigen Ebene durch Hypnose und schließlich Selbsthypnose: Ian sieht nicht nur aus wie ein Draconier, er denkt auch, er wäre einer!

Innerhalb der vier Wochen des Selbstversuchs versetzt sich Ian immer tiefer in die Lage eines männlichen Eingeborenen. Wonach würde ihm der Sinn stehen, wenn er wüsste, dass er den Rest seines Lebens als Weibchen existieren würde? Gerade, als Ian blitzartig die Erkenntnis kommt, wird er von den Kollegen aus seiner Hypnose gerissen: Er hat 42 °C Fieber und ist völlig ausgehungert! So sehr hat er sich selbst vernachlässigt. Doch Ian trauert nur der verlorenen Erkenntnis nach.

Es soll anderthalb weitere Jahre dauern, bis er sie wiederfindet. Doch da bildet diese Nachricht nicht mehr einen freudigen Auftakt zu frohen Taten, sondern den Schlussakkord in einem Drama: Die |Stellaris| ist bereits 30 Tage überfällig – die Erde hat sie ihrem Schicksal überlassen. Wird die Kolonie das gleiche Schicksal ereilen wie einst die Draconier?

_Mein Eindruck_

Auf dem Titelbild steht zwar groß „ACTION“, doch davon kommt in dem Roman nichts vor. Und so mancher Leser könnte sich jetzt auch fragen, was denn bitteschön mit dem großen Teleskopspiegel auf dem Mond los ist, der im Trailer so großartig angekündigt wurde. Im Verlaufe der Dialoge erfahren wir lediglich, dass schon eine der ersten Forschungsgruppen den Mond besucht hat, aber dort nichts gefunden habe außer ein paar organischen Hüllen (Haut?) und wieder diese rätselhaften Kristallbögen.

Doch was steht auf diesen Bögen geschrieben? Das ist eben der Grund, aus dem der Chefarchäologe Igor schließlich Ian Macauley von der Erde angefordert hat. Ian hatte sich in Zimbabwe in die Lage eines Ureinwohners versetzt und war so zur Lösung des Rätsels der uralten Schriftzeichen gelangt. Mit Hilfe seines Selbstversuchs in der Hülle eines Draconiers will er diese Methode wiederholen – doch kurz vorm Ziel holt man ihn zurück, bevor er dabei draufgeht. Was könnten diese seltsamen Schriftzeichen darstellen, die auf sämtlichen Kristallbögen beinahe identisch sind? Was sich nicht variiert, kann doch auch keine Bedeutung haben, oder? Warum wurden diese Dokumente dann aber in solchen Unmengen hergestellt?

Wie man sieht, handelt der Roman nicht von Auseinandersetzungen, sondern von einer Suche nach Erkenntnis. Diese Erkenntnis ist von höchster Relevanz für die Menschen, denn sie betrifft nicht nur das Schicksal der Erde, sondern, nach Ausbleiben der |Stellaris|, auch das der Kolonie. Was hat die Draconier umgebracht? Sie stiegen in nur 3000 Jahren zur beherrschenden Spezies des Planeten auf, breiteten sich von Siedlungszentren planmäßig aus, besuchten den Mond, züchteten Pflanzen und Tiere genetisch um – und verschwanden dann einfach wieder.

Wie in vielen anderen Romanen Brunners ist die Suche nach Erkenntnis auf eine ganz spezifische Weise umgesetzt. In Krimis mögen ja Verhöre und Spurensuche zur Erkenntnis führen, doch kaum einer der Kommissare versetzt sich vier Wochen lang in die Lage des Täters, oder? (Von rechtlichen Bedenken mal ganz abgesehen.) Doch bei Brunner ist es gerade die Methode des Sichhineinversetzens, der Immersion, in die Lage des Untersuchten, die immer wieder zum Erfolg führt. Es ist die Begegnung mit dem Du, das im Ich die Erkenntnis auslöst, sei dieses Du nun ein auffällig friedliebender afrikanischer Stamm (in „Morgenwelt“) oder eine untergegangene Rasse.

Die Folgen der Erkenntnis sind häufig dramatisch. In „Die Pioniere von Sigma Draconis“, das als Alternativmodell auf dem gleichen Planeten (Asgard) spielt, führt der Selbstversuch des Helden zu einer völligen Neubewertung aller Siedler. Die Folgen sind schockierend drastisch. In „Der Schockwellenreiter“ erweist sich das demokratisch legitimierte System als faschistisch und wird von seinem kompetenten Opfer Nick, einem Computerhacker, per Computerwurm in die Knie gezwungen.

Immer geht es um Selbstbehauptung. Nicht immer gelingt sie. So etwa auch auf Sigma Draconis, wo sich die unversehens zu Siedlern umfunktionierten Forscher einem schweren Problem gegenübersehen, das ein Echo der ursprünglichen Draconier ist: Wie retten wir unser einzigartiges Erbgut? Da Chefarchäologe Igor Frau und Kind verloren und keine sonstigen Nachkommen hat, hat er ein Anrecht, seine Gene weiterzuvererben. Doch welche Frau würde sich dazu bereitfinden, das Kind eines Mannes auszutragen, den sie nicht liebt? Egal, ob man eine zweigeschlechtliche Spezies ist wie die Menschen oder eine Spezies mit veränderlichem Geschlecht wie die Draconier, stets geht es um die Rettung der wertvollsten Gene.

|VORSICHT, SPOILER!|

Die Weiterverfolgung dieses Gedanken aus seiner eigenen Betroffenheit heraus bringt Ian endlich auf die Lösung des „Geheimnisses der Draconier“: Die Draconier hatten ein kapitalistisches System entwickelt, in dem sie ihre Gene wie Geld und Aktien handelten. Wer in seiner männlichen Phase hohes genetisches Kapital erwerben konnte, dem war auch als späteres Weibchen ein gutes Leben beschieden. Der Wert des Genkapitals stieg umso mehr, je höher bestimmte hochgezüchtete Eigenschaften gehandelt wurden, etwa Schönheit oder bevorzugte Haarfarbe usw.

Es gab jedoch zwei dumme Nebeneffekte, die den Draconiern den Garaus machten. Erstens machten die hochgezüchteten Gene sie anfällig für Mutationen und Deformationen, wie sie bei den Weibchen unter den Statuen gefunden wurden. Und zweitens verhinderte die maximal verlängerte, erwerbsorientierte Männchenphase und die maximal verkürzte, konsumierende Weibchenphase, dass sich gesündere Gene erhielten und Weibchen mehrere Nachkommen zur Welt brachten. Die Draconier gingen, wie Ian es ausdrückt, an ihrem eigenen „genetischen Kapitalismus“ zugrunde. Sie wurden bankrott.

In den westlichen Gesellschaften der Gegenwart wird dieses Problem der erwerbsorientierten FRAUEN, die nicht oder nur relativ spät für Nachwuchs sorgen, immer wieder diskutiert. Dabei erscheint diese Diskussion sich mittlerweile von allein zu erledigen, denn immer mehr Frauen mit akademischem Hintergrund entscheiden sich dafür, Kinder zu haben. Sie lassen ihre berufliche Karriere eine Weile ruhen, um sich den Kindern zu widmen, bevor sie wieder in den Beruf zurückkehren. Dieses Verhalten funktioniert in den meisten westlichen Gesellschaften gut, solange es genügend finanzielle Unterstützung vom Staat gibt. Diese Unterstützung ist allerdings unterschiedlich. In dieser Hinsicht steht Deutschland nicht sonderlich gut da.

|Die Übersetzung|

Die Übersetzung ist zwar durchaus verständlich und stilistisch anspruchslos, aber leider mit Flüchtigkeitsfehlern gespickt, so dass ich den Eindruck hatte, der Übersetzer hätte sich nur sehr wenig Zeit dafür gelassen. Die Liste der Fehler wäre schier endlos, daher lasse ich sie einfach weg.

_Unterm Strich_

Dieser wissenschaftliche und auf Erkenntnis bedachte Zukunftsroman erweist sich als überraschend relevant für die Gegenwart des Lesers. Das sollte eigentlich keine Überraschung sein, weil ja jeder Zukunftsroman für aktuelle Leser geschrieben wird. Umso erfreulicher ist jedoch die Warnung des Autors, wonach wir Menschen den Fehler der Draconier, den ich oben geschildert habe, nicht wiederholen sollten. Brunners Romane, selbst solche Schnellschüsse, sind häufig als Warnung gedacht.

Ein amerikanischer Autor hätte den Schluss sicherlich gut ausgehen lassen und Ian mit seiner Cathy ein Happy End bereitet. Nicht so der Brite John Brunner, der in einer ganz anderen Erzähltradition steckt. Wer an den Schluss von [„Die Zeitmaschine“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3578 von H. G. Wells aus dem Jahr 1895 zurückdenkt, der kennt die trübsinnige Zukunftsvision für das Schicksal der Erde. Realistischerweise schätzt auch Brunner die Lage des Menschen so ein, dass dieser selbst auf einem erdähnlichen Planeten wie Asgard nicht überleben kann. Die letzten Seiten bestehen aus den Aufzeichnungen eines alten, gebrechlichen Ian Macauley, eines Ishmael ohne Zukunft.

Das Buch hätte wegen dieser Charakteristika sehr gut in |Heyne|s SF-Reihe gepasst, wo ja schon der Roman „Die Pioniere von Sigma Draconis“ erschien. „Das Geheimnis der Draconier“ schildert einen alternativen Besiedlungsverlauf.

|Originaltitel: Total Eclipse, 1974
Aus dem Englischen übertragen von Barbara Heidkamp
202 Seiten|
http://www.bastei-luebbe.de

Brunner, John – ganze Mensch, Der / Beherrscher der Träume

_Spannendes SF-Drama um Telepathie_

Was könnte es für dich bedeuten, mit anderen Menschen unmittelbaren geistigen und emotionalen Kontakt zu haben? Mit allen Gefahren und Glücksmomenten, die daraus entstünden?

Diese Vorstellung hat der britische Autor John Brunner in diesem schmalen Roman auf bewegende Weise gestaltet. Als ich das Buch zum ersten Mal las, war ich stark beeindruckt. In der Folge habe ich jedes Buch von Brunner gelesen, das ich in die Finger bekommen konnte.

_Das Buch „Der ganze Mensch“ und sein Autor_

Der Roman „Beherrscher der Träume“, der später bei |Heyne| in „Der ganze Mensch“ umgetauft wurde, besteht aus einzelnen Storys, die Brunner von 1958 bis 1959 im Magazin „Science Fantasy“ veröffentlichte. Es ist der erste Roman, der Brunners Image als kompetenter Verfasser von Space-Operas und Agentenromanen ablöste – der Outer Space wird hier durch Inner Space ersetzt, die konventionelle Erzählweise durch auch typographisch deutlich innovativeres Erzählen von einem subjektiven Standpunkt aus.

Fortan machte Brunner durch menschliche und sozialpolitische Anliegen von sich reden, was 1968 in dem ehrgeizigen Weltpanorama [„Morgenwelt“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1274 gipfelte, der die komplexe Welt des Jahres 2010 literarisch mit Hilfe der Darstellungstechnik des Mediums Film porträtierte.

Diesen Erfolg bei der Kritik konnte er mit dem schockierenden Buch „Schafe blicken auf“ wiederholen. Leider fanden es die US-Leser nicht so witzig, dass Brunner darin die Vereinigten Staaten abbrennen ließ und boykottierten ihn quasi – was sich verheerend auf seine Finanzlage auswirkte. Gezwungenermaßen kehrte Brunner wieder zu gehobener Massenware zurück. Er starb 1995 auf einem Science-Fiction-Kongress, vielleicht an dem besten für ihn vorstellbaren Ort.

_Handlung_

Gerald Howson ist als Krüppel geboren worden, und er leidet an Hämophilie: Bei der geringsten Verletzung, bei der harmlosesten Operation würde er verbluten. Er ist außerdem auch hässlich und wächst auf in einer hässlichen Welt, in den verdreckten, deprimierenden Slums einer Großstadt. Er lernt früh, sich in Traumwelten zu flüchten, und als er einmal versucht, sich in der Realität zu behaupten und seinen Mann zu stehen, erfährt er ihre gnadenlose Brutalität. Keine gute Aussichten also für ihn, alt zu werden.

Doch in der Auseinandersetzung hat noch etwas anderes über sich erfahren: Er verfügt über die äußerst seltene Gabe der Telepathie. Doch schon bald tauchen auf seinem persönlichen Radarschirm Unbekannte auf: Eine Spezialtruppe der Weltgesundheitsorganisation, die Telepathen dazu benutzt, um Krisenherde „auszuhorchen“, hat ihn geortet. Man bringt ihn in ein Ausbildungscamp. Er soll als Psychotherapeut in einer Telepathentruppe der UNO eingesetzt werden, deren Aufgabe es ist, als Vermittler in Krisengebieten zu arbeiten.

Doch Gerald Howson hat kein Interesse an der Welt da draußen. Wie sollte er? Sie hat ihm nichts geschenkt, er schenkt ihr nichts. Und je weiter sein Talent trainiert – und er belastet – wird, desto größer wird die Versuchung, alle Kontakte zur Wirklichkeit abzubrechen und völlig in eine selbst geschaffene Fantasiewelt auszuflippen.

Howsons Aufgabe ist es, in den Traumwelten seiner Kollegen nach einer dominierenden Persönlichkeit zu suchen und sie in die Realität zurückzubringen. Er wird berühmt und gewinnt die Achtung und Freundschaft der anderen, aber dennoch ist er kein ganzer Mensch.

Erst als er in seine Heimatstadt zurückkehrt, den Künstler Rudi vor dem Selbstmord bewahrt und ihn aus seiner Hoffnungslosigkeit befreit, findet er seine Erfüllung: Er hat Rudi auf geistigem Wege eine vollendete Synthese aus Licht, Farbe und Bewegung ermöglicht. Nun weiß Howson: Er kann seinen Mitmenschen helfen, indem er ihnen etwas „vordenkt“.

Nach mehreren Gesprächen mit den besten Medizinern der Welt bietet sein neuer Freund Howson auch eine physische Befreiung an: Er soll eine geistige Verbindung mit dem intakten Regenerationszentrum Rudis schaffen und jenen Teil des Gehirns, der bei ihm nicht funktioniert, telepathisch von Rudi ‚ausborgen‘. Howsons Körperfunktionen, die geistig bedingt quasi verkrüppelt sind, werden sich normalisieren; endlich wird er „ein ganzer Mensch“ werden.

_Mein Eindruck_

„Morgenwelt“ und „Schafe blicken auf“ sind Horrorvisionen, die die Aufgabe von Warnschildern für die Heutigen haben: Nicht hier entlang! Auf der anderen Seite haben auch die Agentenromane und Space-Operas recht wenig mit der inneren Verfasstheit des Menschen zu tun. Daher kommt dem Roman „Der ganze Mensch“ in Brunners Werk eine besondere Bedeutung und Stellung zu: Es ist einfach sein menschlichster Roman. Es wird keinen Leser kaltlassen, was bei den genannten anderen Werken durchaus der Fall sein kann.

Hier versucht Brunner aufzuzeigen, wie die innere Welt eines verkrüppelten Menschen aussehen kann, der sein einziges Talent, die Telepathie, dazu nutzen kann, mit anderen Menschen zu kommunizieren, diese zu heilen und dadurch schlussendlich sich selbst. Der Weg zu dieser Art platonischer Liebe (‚agape‘ statt ‚eros‘) ist hart und steinig, doch notwendig, wenn Howson überleben will.

Das Buch vermittelt ein hohes Maß an Wärme und Anteilnahme, ist aber dennoch spannend. Doch diese Spannung stammt nicht so sehr aus äußerer Action und Bedrohung (jedenfalls zu einem geringen Maß) als vielmehr aus einer bangen Hoffnung auf Heilung eines Menschen, der sich selbst fast aufgegeben hat. Ein Buch, das man gerne mehrmals liest, sofern man die Anspannung aushalten kann. Es mag Unterhaltung sein, doch auf eine anstrengende Art und Weise. Von dieser Dosis kann man nicht allzu viel auf einmal (v)ertragen.

|Originaltitel: The Whole Man, 1964
Aus dem Englischen übertragen von René Mahlow|

John Brunner – Morgenwelt

Vision von morgen – ein Buch wie ein Film

In „Stand on Zanzibar“ verwirklichte John Brunner ein gewagtes stilistisches Experiment: die Welt von morgen einzufangen wie in einem Film. „Morgenwelt“ ist ein ernst zu nehmender Roman für Erwachsene. „Wenn John Dos Passos Science Fiction geschrieben hätte – ein Buch wie dieses wäre das Ergebnis gewesen.“ (Washington Post)

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