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Tricia Sullivan – Lethe

Soft-SF: Hoffnung nach den Genkriegen

Die Genkriege haben die Ökologie der Erde völlig verändert und eine Vielzahl neuer Lebensformen hervorgebracht. Es gibt noch ein paar echte Menschen, aber sie können nur in Reservaten überleben. Sie werden von körperlosen Gehirnen verwaltet, die ständig mit dem Datennetz verbunden sind. Haben sie die Menschheit vor dem Aussterben gerettet? Oder sind sie die eigentliche Gefahr? (Verlagsinfo)

Nach der griechischen Sage galt es bei der Reise ins Totenreich, den Hades, zwei Flüsse zu überqueren. Über den Styx brachte den Reisenden der Fährmann Charon. Nach dem Gerichtetwerden durch die drei Totenrichter durften die guten Seelen zu den elysischen Gefilden weitergehen. Bevor sie dort in ewiger Glückseligkeit „leben“ durften, mussten sie den Lethe überqueren, den Strom des Vergessens.

Die Legende schlägt schon zwei Grundthemen von Tricia Sullivans erstaunlich gutem Erstlingswerk „Lethe“ an: Wasser als Element und Grenze bzw. Übergang, sowie Gerechtigkeit und Richten. Denn die Menschheit ist im 22. Jahrhundert am Ende ihrer Existenzfähigkeit angelangt. Neue Hoffnung kann nur ein Übertritt in radikal andersartige Umstände bringen. Insofern geht es in „Lethe“ um Revolution.

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Ursula K. Le Guin – Verlorene Paradiese

Die ganze Welt in einer Seifenblase.

Ein Generationenraumschiff ist auf seinem Weg ins Unbekannte. Die Hoffnung der Menschheit ruht auf den Schultern der Reisenden. Doch der Weg durchs Weltall steckt voller Gefahren und Überraschungen – innerhalb wie außerhalb der Schiffshülle.

Ursula K. Le Guin zeigt sich in ihrem Spätwerk als gewohnt souveräne Erzählerin und großartige Stilistin. Ein Meisterwerk voller Dramatik und Schönheit – ein Buch zum Träumen von der Zukunft.
(Verlagsinfo)

Das Titelbild ist unauffällig, und der Klappentext klingt wenig innovativ. Aber dass Ursula K. Le Guin eine Schriftstellerin von besonderem Format ist, weiß man nicht erst seit gestern. Ihre Geschichten sind von besonderer Qualität und so ist es außerordentlich erfreulich, mit dem vorliegenden Buch endlich eine neue Übersetzung für uns deutschsprachige Leser serviert zu bekommen. Und diese Novelle hat es absolut in sich.

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Nicola Griffith – Ammonit

Überlebenskampf auf der Welt der Frauen

„Ammonit“ erzählt – wie andere SF-Utopien von Frauen ebenfalls – von einem Planeten, auf dem Frauen mehrere abgeschlossene Gesellschaften gebildet haben. Eine Außenweltlerin muss lernen, damit zurechtzukommen, wenn sie diese Welt vor der Vernichtung bewahren will: Ihr Überleben steht auf dem Spiel.

Die Autorin

Nicola Griffith wird als vielversprechende Nachfolgerin von Ursula K. Le Guin und James Tiptree (d.i. Alice Sheldon) angesehen. Sie hat auch die Romane „Untiefen“ und „The Blue Room“ (einen Krimi) geschrieben. Sie ist Herausgeberin einer Jahres-Anthologie mit lesbischer und schwuler Science-Fiction. Der Lambda-Preis wird solchen AutorInnen verliehen. „Ammonit“ wurde mit den Tiptree- und Lambda-Preisen ausgezeichnet.

Handlung

Der Planet Jeep ist unter Quarantäne gestellt worden. Ein rätselhaftes Virus hat alle männlichen Siedler dahingerafft, und nur Frauen vermögen zu überleben. Sie haben mittlerweile verschiedenartige Gesellschaftsformen herausgebildet.

Marghe, eine Xenobiologin, wird aus der Umlaufbahn hinunter auf die Oberfläche von Jeep geschickt, um ein neues Serum zu erproben. Sie weiß, dass sie nicht zurückkehren wird: Die Angst der Männer vor einer Ausbreitung der tödlichen Seuche ist viel zu groß, und so schwebt als ständige Mahnung und Bedrohung ein Kriegsschiff mit dem bezeichnenden Namen „VanDamme“ über der Welt.

Die Soldatinnen im Camp erzählen Marghe von den einheimischen Frauen, von Soldatinnen, die bei den Stämmen untergetaucht sind. Das macht sie erst recht neugierig, und sie zieht in den Norden Richtung Ollfoss, wohin die letzten Menschenfrauen gezogen sind. Doch im rauhen Norden verliert sie ihre Begleiterin, gerät in die Irre und wird von einem wilden Stamm zwischen den Monolithen eines heiligen Steinkreises gefangen genommen.

Die Frauen dieses wilden Stammes nehmen sie auf, und Marghe bemüht sich, sie zu studieren. Sie pflanzen sich mit Hilfe des Virus fort, ohne Sperma, doch im System der Inzucht. Damit Marghe neues Genmaterial in den Stamm einbringt, wird sie nicht mehr fortgelassen. Doch als sie sich von einer der Frauen, die sich von der Todesgöttin besessen glaubt, bedroht fühlt, haut sie ab. Nur mit knapper Not überlebt sie einen Schneesturm im Innern eines Pferdekadavers. (Genau wie im Film „The Revenant“.)

Gerettet wird sie von den Frauen im nahen Ollfoss, die sie bei sich aufnehmen. Hier sieht sich Marghe mit der entscheidenden Frage ihrer Existenz konfrontiert: Wer ist sie wirklich? Kann sie weitermachen, andere Menschen wie „fremdartige Muscheln am Strand“ zu studieren, wie man ihr vorwirft? Nein, sie gliedert sich in die Gesellschaft von Ollfoss ein und nimmt dabei in Kauf, dass ihr der Impfstoff ausgeht und sie sich der Attacke des Virus ausliefert …

Der zweite Erzählstrang hat das Verhalten der Soldatinnen im Basiscamp der Company zum Thema. Dort entdeckt man eine Spionin, die die Paranoia und Fremdenangst der Company widerspiegelt. Doch die führende Offizierin lässt den Zaun um das Camp niederreißen und schließlich nach der verschollenen Wissenschaftlerin Marghe suchen.

Mein Eindruck

Griffith schildert nicht nur das Schicksal einer reinen Frauengesellschaft, sondern treibt auch das individuelle Schicksal ihrer Hauptfigur bis an die Grenzen des Erträglichen und Vorstellbaren. Ständig muss Marghe aufgrund ihrer neuen Erkenntnisse riskante Entscheidungen treffen. Die wichtigsten besteht darin, dass sie ihr Leben als Spieleinsatz hernehmen muss, um ein wirkliches Leben auf Jeep für sich gewinnen zu können. Und dabei weiß sie nicht einmal, auf was sie sich damit einlässt. – Dies ist ein ungeheuer mutiges Buch.

Die Geschichte wird in einem ruhigen, genau beobachtenden Ton erzählt, der das Geschehen aus Sicht der Hauptfigur wiedergibt, nicht ohne Emotionalität, versteht sich. Ein eindringliches Buch, das man nicht so leicht vergisst.

Zum Titel

Zum Symbol des Ammoniten: Ein Ammonit“ ist ein versteinertes Fossil, das aus der Schale eines Tiers entstand, das Ähnlichlichkeit mit einem Tintenfisch hatte, sich aber bei Gefahr in seine Gehäuse zurückziehen konnte. Heutige Vertreter werden als Nautilus bezeichnet.

Warum „Ammonit“? Die ersten Forscher hielten es für ein Horn des widderköpfigen altägyptischen Gottes Ammon/Amun (wie in Tut-ench-Amun).

Warum dieses Symbol? Ich denke, es geht um die Spiralform des Gehäuses. Die Bedeutung daher: Man muss als Anthropologe/Xenologe immer tiefer in die Lebenswelt und -umstände der beobachteten Kultur eindringen, um sie überhaupt richtig verstehen zu können. Der Endpunkt besteht darin, dass man zu einem Mitglied dieser Kultur wird – so geschieht es mit der Hauptfigur in „Ammonit“.

Michael Matzer (c)2018ff

Hardcover: 544 Seiten
Originaltitel: Ammonite, 1993
Aus dem Englischen von Ingrid Herrmann
ISBN-13: 9783453119093

www.heyne.de