Tricia Sullivan – Lethe

Soft-SF: Hoffnung nach den Genkriegen

Die Genkriege haben die Ökologie der Erde völlig verändert und eine Vielzahl neuer Lebensformen hervorgebracht. Es gibt noch ein paar echte Menschen, aber sie können nur in Reservaten überleben. Sie werden von körperlosen Gehirnen verwaltet, die ständig mit dem Datennetz verbunden sind. Haben sie die Menschheit vor dem Aussterben gerettet? Oder sind sie die eigentliche Gefahr? (Verlagsinfo)

Nach der griechischen Sage galt es bei der Reise ins Totenreich, den Hades, zwei Flüsse zu überqueren. Über den Styx brachte den Reisenden der Fährmann Charon. Nach dem Gerichtetwerden durch die drei Totenrichter durften die guten Seelen zu den elysischen Gefilden weitergehen. Bevor sie dort in ewiger Glückseligkeit „leben“ durften, mussten sie den Lethe überqueren, den Strom des Vergessens.

Die Legende schlägt schon zwei Grundthemen von Tricia Sullivans erstaunlich gutem Erstlingswerk „Lethe“ an: Wasser als Element und Grenze bzw. Übergang, sowie Gerechtigkeit und Richten. Denn die Menschheit ist im 22. Jahrhundert am Ende ihrer Existenzfähigkeit angelangt. Neue Hoffnung kann nur ein Übertritt in radikal andersartige Umstände bringen. Insofern geht es in „Lethe“ um Revolution.

Die Autorin

Valerie Leith ist das Pseudonym der SF-Autorin Tricia Sullivan (geboren am 7. Juli 1968 in New Jersey, USA), das sie für ihre Fantasy verwendet. Sie gewann den Arthur C. Clarke Award für ihren SF-Roman DREAMING IN SMOKE. geboren in den USA, lebt sie heute in Großbritannien und wird dort regelmäßig lobend besprochen. Die Romanautorin ist zudem eine Expertin für Kampfsport. Sie ist verheiratet mit ihrem früheren Agenten Todd Wiggins, der ebenfalls schreibt. Mehr Info in ihrem Blog: https://triciasullivan.com/ und in der Wikipedia.

Hier gibt es ein Interview mit ihr: http://www.infinityplus.co.uk/nonfiction/intts.htm (Adresse geprüft).

Werke

1) Lethe (1995)
2) Someone to Watch over Me (1997)
3) Dreaming in Smoke (1998)
3) Maul (2002)
4) Double Vision, 2006
5) Sound Mind, 2007
6) Lightborn, 2010
7) Occupy Me (2016)
8) Sweet Dreams (2017)

Der Everien-Zyklus (als Valery Leith)

* Vol. 1: The Company of Glass, 1999
Band 1: Die Schatten von Jai Pendu, Knaur, 2001, ISBN 3-426-70218-5
* Vol. 2: The Riddled Night, 2000
Band 2: Nacht und Istar, Knaur, 2001, ISBN 3-426-70219-3
* Vol. 3: The Way of the Rose, 2001

Handlung

Nachdem im 21. Jahrhundert die Forschungs- und Entwicklungslabors der großen Genkonzerne wie Ingenix, Helix und Gen9 von Ökoterroristen gestürmt worden war, die deren Inhalt freisetzten, wurde die Menschheit weltweit zum Opfer freigesetzter Virenkulturen. Die „bösen Wissenschaftler“ wurden hingerichtet oder verschwanden von selbst von der Bildfläche. Die sogenannten „Gen-Kriege“ machten weite Gebiete unbewohnbar, und die Menschen zogen sich in Kuppelreservate zurück.

Im Sonnensystem gibt es noch unberührte Kolonien, doch die Raumfahrt ist stark eingeschränkt. Auf dem kleinen Planeten Underkohling jenseits der Plutobahn werden vier Wurmlöcher in eine andere Dimension entdeckt. Ein Forscher, Daire Morales, verschwindet durch das vierte Loch – und landet auf einem paradiesischen Wasserplaneten. Seine Bewohner, meist junge menschliche Kinder haben ihn Dilarang getauft, das heißt „verborgen“.

Wie Daire herausfindet, handelt es sich bei den Kindern um die Nachkommen entkommener Ingenix-„Verbrecher“. Alle Erwachsenen bis auf die jugendlich erscheinende Tsering sind bereits gestorben, als Daire ankommt und das Geheimnis der Kolonie lüftet: Die Kinder verwandeln sich nach einer gewissen Zeit in etwas, das sie als Monster betrachten: eine Lebensform, die nur im Wasser des Ozeans überleben kann, der die Insel der Kinder umgibt. Die Ingenix-Leute haben die Evolution des Menschen so manipuliert, dass seine Zukunft im Meer liegt.

Auf der verwüsteten und halbwegs wieder gesundeten Erde wird das Wurmloch auf Underkohling von der „Liga der Neuen Alchimisten“ untersucht. Es handelt sich um eine Verbindung aus Gehirnen, die an Computer angeschlossen sind, ihren wissenschaftlichen Helfern und den Delphinen, die sich quasi telepathisch mit diesen Helfern und Gehirnen verständigen können. Die junge Helferin Jennae kommt hinter das Geheimnis der Gehirne: Es handelt sich um die verschwundenen Ingenix-„Verbrecher“. Nun leiten sie den Gang der Dinge, steuern die lebenswichtige Infrastruktur der Computernetze und Reservate – und mögen es gar nicht, wenn man sie hintergeht oder gar entlarvt. Jennae muss fliehen, doch sie erhält Gelegenheit, über die Gehirne zu richten und mit ihnen abzurechnen.

Zusammen mit dem Oxford-Gelehrten Colin, der mit Daire Morales auf Underkohling gewesen war, und Delegierten der Gehirne schmuggelt sie sich auf eine Expedition zu Underkohling. Dort entdecken sie, dass Daire noch lebt und eine verheißungsvolle Welt gefunden hat. Verfolgt von einer Art Raumpatrouille gelingt es Jennae, ihr Schiff durch das Wurmloch zu steuern und sicher zu landen.

Auf Dilarang, wo sich Daire mit der von ihm geliebten schwangeren Tsering auf die Ankunft der Fremden vorbereitet hat, nimmt Tsering mit Hilfe eines telepathischen Pflanzenwesens namens Lywyn, eine Art Urwald, Kontakt mit den Gehirnen auf. Danach, so lautet später die Kunde der Raumpatrouille, hat man nie wieder etwas von den Gehirnen gehört. Als Folge bricht auf der Erde das Chaos aus. Doch auf Dilarang verwandelt sich Tsering nach der Geburt ihres Kindes in das, was Daire die ganze Zeit befürchtet hatte – in ein Geschöpf des Ozeans, das dort lebt, wohin ihm Daire nicht folgen kann.

Tsering, die nächste Stufe der menschlichen Evolution, hat ihren Fluss Lethe gefunden und ist nun unerreichbar für das „alte Modell“. Sie selbst hat die Erinnerung an das alte Leben abgestreift. Es kommt nun darauf an, dass die neuen Dilarang-Kolonisten von der Erde ebenfalls den Übertritt in ein neues Dasein schaffen: Auch wenn sie sich dabei physisch nicht verändern, so werden doch die Kinder, die sie mit den Ingenix-Nachkommen zeugen, wieder im Ozean enden, wie Tsering.

Mein Eindruck

„Lethe“ ist eine schöne Lektion, wie geheimes Wissen, richtig genutzt, die Menschheit weiterbringen kann. Allerdings macht die Autorin auch klar, dass dieser Prozess nicht ohne große Verluste ablaufen kann: Reaktionäre Kräfte wie die „Koalition der Reinen Menschen“ stemmen sich gegen jede Veränderung, auch wenn sie sich dabei den eigenen Ast, auf dem sie sitzen, absägen.

Der Roman überzeugt durch Charaktere, die erstaunlich facettenreich und tief gezeichnet sind, so dass ihr Schicksal den Leser anrührt. Das gilt für Jennae, Daire und Tsering. Auch mit der Schilderung der fremden Umwelt auf Dilarang weiß Tricia Sullivan zu verzaubern: Der Lywyn bietet zahlreiche verblüffende Eigenschaften und Möglichkeiten, so etwa die Kontaktaufnahme mit ferner Vergangenheit. Die Schilderung der irdischen Delphine zeugt von Sachkenntnis und tiefer Sympathie mit diesen intelligenten Säugern. „Lethe“ ist ein Beispiel gelungener „Soft-Science“-SF.

Hinweis: Leider war Sullivans zweiter Roman „Someone to Watch over Me“ nicht mehr gut genug, um ins Deutsche übersetzt zu werden. Die Amazon.com-Leser haben ihm aber 4,5 Sterne von 5 gegeben. Sie gewann den Arthur C. Clarke Award für ihren SF-Roman DREAMING IN SMOKE.

Hardcover: 574 Seiten
Originaltitel: Lethe, 1995
Aus dem Englischen von Jakob Leutner
ISBN-13: 978-3453139664

www.heyne.de


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