Griffith, Nicola – Ammonit

_Überlebenskampf auf der Welt der Frauen_

„Ammonit“ erzählt – wie andere SF-Utopien von Frauen ebenfalls – von einem Planeten, auf dem Frauen mehrere abgeschlossene Gesellschaften gebildet haben. Eine Außenweltlerin muss lernen, damit zurechtzukommen: Ihr Überleben steht auf dem Spiel.

_Der Titel_

Zum Symbol des Ammoniten: Ein Ammonit“ ist ein versteinertes Fossil, das aus der Schale eines Tiers entstand, das Ähnlichlichkeit mit einem Tintenfisch hatte, sich aber bei Gefahr in seine Gehäuse zurückziehen konnte. Heutige Vertreter werden als Nautilus bezeichnet.

Warum „Ammonit“? Die ersten Forscher hielten es für ein Horn des widderköpfigen altägyptischen Gottes Ammon/Amun (wie in Tut-ench-Amun).

Warum dieses Symbol? Ich denke, es geht um die Spiralform des Gehäuses. Die Bedeutung daher: Man muss als Anthropologe/Xenologe immer tiefer in die Lebenswelt und -umstände der beobachteten Kultur eindringen, um sie überhaupt richtig verstehen zu können. Der Endpunkt besteht darin, dass man zu einem Mitglied dieser Kultur wird – so geschieht es mit der Hauptfigur in „Ammonit“.

_Handlung_

Der Planet Jeep steht unter Quarantäne. Ein rätselhaftes Virus hat alle männlichen Siedler dahingerafft, und nur Frauen vermögen zu überleben. Sie haben verschiedenartige Gesellschaftsformen herausgebildet.

Marghe, eine Xenobiologin, wird aus der Umlaufbahn hinunter auf die Oberfläche von Jeep geschickt, um ein neues Serum zu erproben. Sie weiß, dass sie nicht zurückkehren wird: Die Angst der Männer vor einer Ausbreitung der tödlichen Seuche ist viel zu groß, und so schwebt als ständige Mahnung und Bedrohung ein Kriegsschiff mit dem bezeichnenden Namen „VanDamme“ über der Welt.

Die Soldatinnen im Camp erzählen Marghe von den einheimischen Frauen, von Soldatinnen, die bei den Stämmen untergetaucht sind. Das macht sie erst recht neugierig, und sie zieht in den Norden Richtung Ollfoss, wohin die letzten Menschenfrauen gezogen sind. Doch im rauhen Norden verliert sie ihre Begleiterin, gerät in die Irre und wird von einem wilden Stamm zwischen den Monolithen eines heiligen Steinkreises gefangen genommen.

Die Frauen dieses wilden Stammes nehmen sie auf, und Marghe bemüht sich, sie zu studieren. Sie pflanzen sich mit Hilfe des Virus fort, ohne Sperma, doch im System der Inzucht. Damit Marghe neues Genmaterial in den Stamm einbringt, wird sie nicht mehr fortgelassen. Doch als sie sich von einer der Frauen, die sich von der Todesgöttin besessen glaubt, bedroht fühlt, haut sie ab. Nur mit knapper Not überlebt sie einen Schneesturm im Innern eines Pferdekadavers. (Merke: Dies ist nix für Zimperliesen!)

Gerettet wird sie von den Frauen im nahen Ollfoss, die sie bei sich aufnehmen. Hier sieht sich Marghe mit der entscheidenden Frage ihrer Existenz konfrontiert: Wer ist sie wirklich? Kann sie weitermachen, andere Menschen wie „fremdartige Muscheln am Strand“ zu studieren, wie man ihr vorwirft? Nein, sie gliedert sich in die Gesellschaft von Ollfoss ein und nimmt dabei in Kauf, dass ihr der Impfstoff ausgeht und sie sich der Attacke des Virus ausliefert …

Der zweite Erzählstrang hat das Verhalten der Soldatinnen im Basiscamp der Company zum Thema. Dort entdeckt man eine Spionin, die die Paranoia und Fremdenangst der Company widerspiegelt. Doch die führende Offizierin lässt den Zaun um das Camp niederreißen und schließlich nach der verschollenen Wissenschaftlerin Marghe suchen.

_Mein Eindruck_

Griffith schildert nicht nur das Schicksal einer reinen Frauengesellschaft, sondern treibt auch das individuelle Schicksal ihrer Hauptfigur bis an die Grenzen des Erträglichen und Vorstellbaren. Ständig muss Marghe aufgrund ihrer neuen Erkenntnisse riskante Entscheidungen treffen. Die wichtigsten besteht darin, dass sie ihr Leben als Spieleinsatz hernehmen muss, um ein wirkliches Leben auf Jeep für sich gewinnen zu können. Und dabei weiß sie nicht einmal, auf was sie sich damit einlässt. – Dies ist ein ungeheuer mutiges Buch.

Die Geschichte wird in einem ruhigen, genau beobachtenden Ton erzählt, der das Geschehen aus Sicht der Hauptfigur wiedergibt, nicht ohne Emotionalität, versteht sich. Ein eindringliches Buch, das man nicht so leicht vergisst.

_Die Autorin_

„Ammonit“ wurde mit den Tiptree- und Lambda-Preisen ausgezeichnet. Nicola Griffith wird als vielversprechende Nachfolgerin von Ursula K. Le Guin und James Tiptree (d.i. Alice Sheldon) angesehen. Sie hat auch die Romane „Untiefen“ und „The Blue Room“ (ein Krimi) geschrieben. Sie ist Herausgeberin einer Jahres-Anthologie mit lesbischer und schwuler Science-Fiction. Der Lambda-Preis wird solchen AutorInnen verliehen.

|Originaltitel: Ammonite, 1993
Aus dem US-Englischen übertragen von Ingrid Herrmann|