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Fielding, Joy – Herz des Bösen, Das

Sie wird einfach nicht müde. Auch mit 67 Jahren gehört Joy Fielding immer noch zu den festen Größen im Thriller/Drama-Genre. Immer noch erschafft sie zumeist weibliche Hauptcharaktere, die von der Persönlichkeit her kompliziert, vielschichtig und glaubhaft sind. In diesem Bereich macht der guten Frau niemand was vor.

Valerie Rowe, Hauptcharakter des neuen Werks von Joy Fielding, hängt der guten alten Zeit mit ihrem Ex-Mann hinterher und muss sich mit ihrer Tochter im Teenageralter herumschlagen (Technik, Jungs; Valerie steckt noch in den 70ies fest und hat ihre festen, ganz eigenen Ansichten). Das gipfelt in einem Ausflug mit Ex-Mann, seiner Geliebten und Vals Tochter. Ein Wochenende in dem Waldgebiet, in dem vor kurzem ein grausamer Mord die Bevölkerung erschüttert hat.

„Das Herz des Bösen“ zeichnet sich, wie schon „Schlafe nicht, wenn es dunkel wird“, abgesehen von der fehlenden Logik, durch einen trickreichen Hauptcharakter aus, der die Geschichte trägt, den Leser an die Hand nimmt und durch ihre Erlebnisse führt. Valerie ist tiefsinnig, vielschichtig und Joy Fielding lässt uns, wie gehabt, an der Denkweise ihrer Hauptperson teilhaben. Dabei fällt Val aber für Fielding’sche Verhältnisse ungewohnt naiv aus. Intelligent ist sie, keine Frage, aber ihre Gedanken kreisen zu sehr um Vergangenes. Rückblicke sind interessant, wenn sie den Charakteren mehr Tiefe und Leben verleihen. Die Rückblicke und Erinnerungen in „Das Herz des Bösen“ drehen sich aber in der Regel um Unwichtiges, um Sachen, die man aus dem normalen Handlungsverlauf erschließen kann. Und wenn dann zum gefühlt hundertsten Mal Bezug auf ihre frühere Ehe genommen wird, dann ist das einfach zu viel des Guten.

Aber der aktuelle Roman ist auch eine ganze Ecke spannender geworden. Sie bewegt sich zwar nicht mehr auf dem Niveau ihres absoluten Bestsellers „Lauf, Jane, lauf!“, aber Dramatik und Spannung haben doch deutlich zugenommen. Das macht irgendwo auch den Reiz ihrer Bücher aus – die weiblichen, immer leicht unterschiedlichen, aber im Grunde sympathischen Hauptpersonen, gemischt mit einer kriminellen Spannung und nahezu aus dem Nichts auftretender Gewalt. Nicht exzessiv, wie beispielsweise in dem umstrittenen Roman [„American Psycho“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=764 (jedoch ähnlich in ihrer Spontaneität), aber ausreichend, um den letzten Satz ungläubig noch einmal zu lesen.

Gelungen ist neben dem recht flotten, nachvollziehbaren Finale und dem Ergebnis dessen, was sich da aufgebaut hat, auch die Einleitung, der Prolog. Der gibt auch schon einen tollen Ausblick auf die Art und Weise, wie Joy Fielding die Geschichte von „Das Herz des Bösen“ erzählt (Stichwort: plötzliche Gewalt). Das Tempo wechselt insgesamt recht oft zwischen flotter Action (immer im Rahmen eines Joy-Fielding-Romans; dies ist kein Buch, in dem actionreiche Handlungen im Vordergrund stehen) und viel Handlung in kurzer Zeit und schier endloser Charakterporträtierungen.

Leider fällt die Übersetzung gelegentlich negativ auf. Der Satzbau wirkt stellenweise eins-zu-eins aus dem Englischen übernommen, ohne ihn wirklich unserer Grammatik und unserem Satzbau anzupassen. Selten sind auch einfach Fehler in der direkten Wortübersetzung vorhanden. Das trübt den insgesamt doch zufriedenstellenden Lesefluss ein wenig.

„Das Herz Des Bösen“ ist ein gutklassiker Joy-Fielding-Roman geworden. Die Handlung ist etwas fieser als in den vorherigen Werken, Valerie ist eine teils sentimental naive, teils interessante, aber nie zu humorvolle Hauptperson, Nebencharaktere besitzen den richtige Grad an Hintergrundgeschichte und fügen sich besser als in vergleichbaren Werken in die Handlung ein, harmonieren wundervoll miteinander, und spannend ist das Paket auch noch. Nicht ihr bestes Werk, aber auf einem sehr guten Weg, zu ihrer alten Stärke zu finden. Ideal für den dunklen Winter oder für abends im spärlich beleuchteten Schlafzimmer.

Originaltitel: Shadow Creek
Übersetzung: Kristian Lutze
Gebundene Ausgabe, 384 Seiten
ISBN-13: 978-3-442-31270-2
http://www.randomhouse.de/goldmann/

_Joy Fielding auf |Buchwurm.info|:_
[„Schlaf nicht, wenn es dunkel wird“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=556
[„Träum süß, mein Mädchen“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4396
[„Nur der Tod kann dich retten“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4933
[„Die Katze“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5789

_Dennis Hogrefe_

King, Stephen – Wind (Der Dunkle Turm VIII)

|Der Dunkle Turm|

Band 1: [Schwarz]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5661
Band 2: [Drei]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5839
Band 3: [tot.]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5864
Band 4: [Glas]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6034
Band 5: [Wolfsmond]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=153
Band 6: [Susannah]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=387
Band 7: [Der Turm]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=822

_Bereits 2009 gestand Stephen King_, sich auch in Zukunft um sein Lebenswerk, den „Dunklen Turm“, zu kümmern. Die Geschichte sei „noch nicht beendet“ und nur Teil eines langen „Über-Romans“. Er wollte sich bei der Fortsetzung allerdings auf Nebencharaktere konzentrieren. Nähere Einzelheiten zum Was, Warum und vor allem Wann nannte er nicht, und so vergingen die Jahre und die treue Anhängerschaft verblieb im Dunkeln. Ohne größere Vorankündigung ließ Stephen King dann ein Lebenszeichen von sich und von seinem Turm-Zyklus hören, der „Wind“ kam durch das Schlüsselloch, ein neuer Teil des „Dunklen Turms“ war geboren.

Zu Recht muss sich Stephen King die Frage gefallen lassen, ob ein weiterer Band des Turms denn nötig gewesen ist. Denn entweder, er wollte mit der Lizenz und der ganzen von ihm erschaffenen Welt noch einmal verdienen, oder er konnte sich von seinem Lebenswerk einfach nicht trennen. Befasst man sich näher mit Stephen King, muss man zweifellos letztere Option in Betracht ziehen. Für ihn war „Der Dunkle Turm“ das wichtigste Werk seines Lebens, etwas, um das sich alles andere drehte, und in seiner Epik stellt es sogar den „Herrn der Ringe“ in den Schatten. Er hat im Turm-Zyklus frühere Personen aufgegriffen, spinnt geschickt Handlungsfäden um ganze Bücher aus seinem Repertoire und lässt so nicht nur den Turm als geschlossenes Werk, als eigene Welt erscheinen, sondern bezieht auch sämtliche früheren Werke mit ein und erschafft so ein Universum, das alle seine Bücher beinhaltet und jede Geschichte für sich innerhalb des Turms einordnet. Eine „Stephen-King-Welt“, wenn man so will.

Nun, der neue Teil des „Dunklen Turms“ hört auf den Namen „Wind“ (im englischen „The wind through the keyhole“, also der Wind durchs Schlüsselloch) und ist, wie King selbst bei Veröffentlichung verraten hat, eine Art Turm 4.5. Er ist also romanzyklisch nach „Glas“ und vor „Wolfsmond“ einzuordnen, und so schließt die Geschichte nahtlos daran an. Roland und seine Gruppe haben den Grünen Palast verlassen und marschieren unaufhaltsam weiter Richtung Turm. Auf dem Weg dorthin treffen sie auf einen alten Mann, der sie über einen nahegelegenen Fluss bringt und vorerst der letzte Kontakt mit anderen Menschen bleiben sollte. Billy-Bumbler Oy ist schon den ganzen Weg über, bis sie den Fluss erreicht hatten, nervös und der Grund soll ihnen Bix, der alte Mann am Fluss, verraten: Ein Sturm zieht auf. Ein Sturm, so kalt und unbarmherzig, dass er alles in seinem Weg Stehende sofort zu Eis gefrieren lässt und durch den Druck des Windes umknickt bzw. zersplittert. So suchen Roland, Susannah, Jake, Eddie und selbstverständlich Oy Schutz in einem Versammlungshaus inmitten einer verlassenen und runtergekommenen Geisterstadt. Verbarrikadiert und vorerst sicher vor dem grausamen Sturm, sitzt die Gruppe an einem Feuer im Gebäude, und Roland beginnt aus seiner Jugend zu erzählen.

_Im Grunde ist „Wind“_ in drei Bereiche aufgeteilt. Zu Beginn erfährt der Leser, wie Roland mit seinen Leuten die Hütte erreicht. Dieser Einstieg dient als Rahmen für die Rückblicke. Dem folgt der eigentliche Rückblick, der wiederum in zwei Teilen den Mittelpunkt des Buches bildet und als „Fellmann“ betitelt wird. Der „Fellmann“ soll ein Gestaltwandler sein, den der junge Roland finden und töten muss. Der dritte Teil des Buches durchbricht die beiden Abschnitte des „Fellmanns“ und ist das Märchen „Der Wind durchs Schlüsselloch“. Interessanterweise ist das Märchen so geschrieben, als wäre es von Rolands Mutter erzählt worden. Ausdrücke wie „… lange bevor der Großvater deines Großvaters …“ finden sich demnach reichlich. Überhaupt ist bis auf die Rahmenhandlung alles in einer direkten Form geschrieben worden. Rolands Erzählungen aus seiner Jugend sind in der Ich-Form verfasst und lassen den Leser so geschickt und beinahe sofort eins werden mit der Gruppe, die sich dort im heruntergekommenen Haus vor dem Sturm versteckt.

Die Art und Weise, wie Stephen King seine Gedanken umsetzt, ist nach wie vor großartig. Der Schreibstil ist leicht und flüssig, die Sprünge aus früheren Bänden des Turms (oder gar ganz anderen Werken) kommen nicht mehr oder nur in geringer Form vor. Hier verlaufen keine parallelen Handlungsstränge, wenn man von dem Märchen in der Mitte des Buches absieht. Der Leser kann sich direkt auf die Erzählungen aus Rolands Jugend konzentrieren und durch die erwähnte Ich-Form ist das Erlebnis intensiv und ohnehin spannend sowie interessant. Das Interesse an der Geschichte, auch wenn es nur zusätzliche Ereignisse aus Rolands Vergangenheit sind, ist ab der ersten Seite an vorhanden und reißt bis zum Ende nicht ab. Das Märchen in der Mitte wird zu einem Märchen für den Leser. Roland erzählt nicht nur seiner Gruppe von der Jugend, sondern auch uns. Der eine oder andere Leser wird sich wohl dabei ertappen, wie er noch etwas mehr unter die Decke kriecht, in dem Glauben, Jake und Eddie neben sich sitzen zu haben. Die Lagerfeuerromantik, die sich dabei als Gefühl zu Beginn einstellt, weicht jedoch im Verlauf der Erzählung einer Ungläubigkeit über die Taten, die der junge Roland überstehen muss. Der Charakter des Revolvermannes bekommt natürlich noch mehr Tiefgang. Es entspricht zwar der Tatsache, dass der Leser schon in „Schwarz“ mehr über Roland und seine Vergangenheit erfährt, durch die Detailfülle in „Wind“ und die schiere Größe der Erzählung aber wirkt der neue Band zu keiner Zeit wie ein Aufguss oder eine unnötige Ergänzung.

Stephen King selbst hatte verlauten lassen, dass auch Neulinge in der Welt des „Dunklen Turms“ in „Wind“ eintauchen können. Man muss nicht zwangsläufig die vorher veröffentlichten sieben Bände gelesen haben, um Spaß an dem Roman zu haben. Natürlich ergibt in dem Fall aber vieles einfach keinen Sinn, weil das Grundwissen fehlt. Ist man Kenner der Materie, entfaltet sich die Geschichte ganz wunderbar und regt zum Nachdenken an. Liest man dann bei „Wolfsmond“ weiter, ergeben sich Szenen, die jetzt mit den neuen Erkenntnissen aus Rolands Jugend nachvollziehbarer werden und die Geschichte noch runder und in sich logischer erscheinen lassen.

Der vielleicht größte Pluspunkt, den man dem Buch attestieren muss, ist die Auswirkung, die es auf Leser des gesamten Zyklus hat. Man will gerne noch einmal von vorn anfangen und dieses Mal „Wind“ direkt nach „Glas“ mit einbeziehen, um eine noch stimmigere Gesamtwirkung zu erzielen. Es bringt den Leser also im besten Fall dazu, Erlebtes noch einmal erleben zu wollen, sich noch einmal in die Welt zu werfen und Band für Band zu verschlingen. Ein mit Sicherheit irgendwo einkalkulierter Schachzug des großen Stephen King.

Die Wirkung auf neue Leser kann allerdings nur sein, sich nach dem Genuss von „Wind“ entweder auf eBay oder in die Bibliothek des Vertrauens zu begeben und sich die Werke nachzukaufen. So angelt man sich treue Leser auf Lebenszeit. Das Resümee kann nur positiv ausfallen. „Wind“ lässt sich gewohnt leicht lesen, ist, wie auch die restlichen Bände des Turms, in seiner inhaltlichen Bildgewalt enorm und wird entweder neue Leser für den Zyklus begeistern oder mit dem Stoff vertraute Leser zum erneuten Lesen animieren. Eine klare Empfehlung.

|Originaltitel: The Wind through the Keyhole
Originalverlag: Scribner
Aus dem Amerikanischen von Wulf Bergner
Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 416 Seiten
ISBN: 978-3-453-26794-7|
http://www.heyne.de
http://www.stephenking.com
http://www.stephen-king.de

Über 40 weitere King-Rezensionen findet ihr in unserer [Datenbank.]http://buchwurm.info/book/

_Dennis Hogrefe_

Rautenberg, Eire – Traumgeboren

Eire Rautenberg, eigentlich Inge Rautenberg, nennt sich aufgrund ihrer Liebe zur ‚Grünen Insel‘ Eire. Bekannt ist sie weniger durch die Publikation ihres autobiografischen Romans ‚Dona da Casa – Herrin des Hauses – Eine Liebe in Portugal‘ die schon 1994 erfolgte, sondern eher durch zahlreiche Publikationen in Anthologien und spirituellen Zeitschriften wie |AHA|, |Shekinah|, |Tattva Viveka|, etc., die alle durchweg lesenswert sind.

Hier liegt nun die zweite, überarbeitete und erweiterte Auflage ihres 2002 erschienenen Gedichtbandes ‚Traumgeboren‘ vor. Wie stets präsentiert der |Araki|-Verlag von Georg Dehn eine besondere Publikation. In Anlehnung an Friedrich Nietzsche könnte man sagen: ‚Ein Gedichtband für alle und keinen‘. Die Gedichte des Bandes sind in neun Themenbereiche gegliedert. Der erste Themenkomplex (‚Verborgen‘) reht sich um den Dichter und das Dichten bzw. Kunst an sich. Der Künstler (bzw. Eire als Dichterin) will sich nicht nur mitteilen. Ein Kunstwerk (Gedicht) ist wie eine Geburt, das Hervorbringen von etwas Einzigartigem; es soll in dieser Welt lebendig wirken, soll ein Dienst an der Menschheit sein und erhofft keinen Lohn, wohl aber Kritik bzw. Resonanz.

Nicht nur der zweite Themenkomplex ‚Ich bin‘ trägt autobiographische Züge. Er zeigt das Rad der Zeit von Geburt bis Alter. Eine ‚Reise‘ vom ‚Wachsenland‘, welches als Kind betreten wurde, bis hin zur ‚Altertumsforschung‘. Schon hier wird deutlich, dass die Dichterin auch Kritikerin ist und gesellschaftliche Probleme anspricht. Es geht darum, auch würdevoll alt zu werden, das Kind in sich zu wahren, frei zu bleiben. Durchweg verwendet Eire Metaphern (z. B. Wachsenland für Kindheit), die nicht immer leicht zu verstehen sind, oft erst im Kontext oder der Reflexion klarer werden. Ebenso erschafft sie im kreativen Prozess des Werdens ihres Gedichtbandes stets neue Worte und Wortkombinationen (Garten der Kindheit für Erleben als Kind), die ihre Botschaften auf den Punkt bringen.

Weitere Themen sind Spiritualität (thematisiert unter ‚Maat‘ und ‚Heidenarbeit‘), Beziehungen (Kapitel ‚Zwischen uns‘ und ‚Mein Herz stolpert dir nach‘) sowie Freiheit – nicht nur als Rede- und Denkfreiheit – wie in den Kapitel ‚Rede mit Engelszungen‘ oder ‚Kein Blatt vor dem Mund‘.

In ihrer Verehrung der alten Götter tritt ihre naturreligiöser Lebens- und Sichtweise hervor, die in ‚Mondgöttin‘ einen Höhepunkt erreicht und einer Anrufung der Mondgöttin gleicht. Eire nennt es auch ein ‚liturgisches Gedicht für acht Stimmen im Kreis …‘ im Untertitel. Das weiblich Spirituelle, die Intuition, die Naturverbundenheit wird in der neuen Auflage auch in Beziehung zu ihren späteren Erfahrungen in Kulten bzw. Orden gesetzt, ihre Rationalität, Gruppenbindung und Elitedenken. Klar betont Eire immer wieder Werte wie Freiheit, Liebe, Natur, Menschsein in natürlicher Art und Weise. Ebenso verfügt sie über den nötigen Humor und Zynismus, negative Eigenschaften (wie z. B. Egoismus, Narzissmus) in der ihnen gebührenden Weise darzustellen.

Mühe hatte der Rezensent mit der Form. Diese wird schon in der Reflexion über Kunst, in ihrem Gedicht ‚Kunst‘, welches auch auf dem Rückumschlag abgedruckt ist, aufgehoben:

Kunst

Der Durst
nach Stoff
nach Form
nach Werk

dies erkennen
sich entbinden
wenn vollendet
auslöschen

Meist handelt es sich um zwei bis fünfzeilige Verse, die selten einem Reimschema unterworfen sind, wenn dann ggf. a:b, a:b. Der Begriff ‚unterworfen‘ wurde bewusst gewählt, da das häufig hohe abstrakte oder metaphorische Niveau sich kaum in Jamben oder Trochäen ausdrücken ließe. Schon die Einteilung in Zeilen und Verse stellt oft ein Problem dar, da Zeilen oder Verse nicht immer als ‚Sinneinheiten‘ auftreten und durch das bewusste Weglassen der Interpunktion manchmal etwas schwer zu lesen bzw. verstehen sind. Sinn- oder Spracheinheiten (Satz) gehen oft über einen Vers hinaus, wobei im selben Vers auch schon die nächste Sinn- oder Satzeinheit beginnt.

Vielleicht hätte ein Übergang in das Lyrische dem Werk besser gestanden. Natürlich ist sich der Rezensent der Problematik des Lyrik-Begriffes und der Lyrik-Diskussion bewusst, dennoch soll hiermit nicht allein die Zugehörigkeit zur poetischen Gattung gemeint sein, sondern gilt „demnach als stimmungshafte Verschmelzung von Subjekt und Objekt als Ergebnis der Verinnerlichung der gegenständlichen Wirklichkeit“ (siehe Metzler Literatur Lexikon -> lyrisch).

Es ist stets Eires Wirklichkeit, die sie uns mitteilt, ihr Leben, Denken, Fühlen, sowie Weisheiten und Erfahrungen, an denen sie uns teilhaben lässt. Auch wenn sie als Jahrgang 1956 nicht mehr ’so‘ jung ist, so ist sie doch im Herzen jung und spricht zu uns von Herz zu Herz, welches die Aufhebung aller Formen möglich machen könnte (also auch der Versform). Wer sich durch die Themen und Verse angesprochen fühlt, wird eine Bereicherung erfahren, wenn er sich Zeit und Ruhe zum Genießen, Reflektieren und Verstehen nimmt, vielleicht auch zum Forschen (Mythologien, Religionen), Leben (Lieben) oder Nachahmen (Kampf um Freiheiten, ‚Revolution‘).

|120 Seiten, Paperback
ISBN: 978-3-941848-01-6|
http://www.araki.de

_[Martin Dembowsky]http://martinus-schatztruhe.blogspot.de/ _

Grünwald, Jan G. – Male Spaces – Bildinszenierungen archaischer Männlichkeit im Black Metal

Vor ein paar Monaten habe ich im Fernsehen eine Reportage über Männer auf der Suche nach ihrer Männlichkeit gesehen: Nachdem die Frauen heute alle Männerdomänen erobert haben – sei es nun in Sport, Beruf oder Politik -, treffen sich die suchenden Männer der Gegenwart beim Männerseminar im Indianercamp, springen nackt ums Feuer und spüren ihren verborgenen archaischen Anteilen nach.

Bands wie IMMORTAL, EMPEROR und DIMMU BORGIR haben es da einfacher. Sie dürfen sich unsanktioniert als archaische Kerle präsentieren, die den Frauen überlegen sind und die raue Natur beherrschen. Um all das auszuleben, erweist sich der Black Metal als ungemein praktisch. Mithilfe des Musikvideos steht den Künstlern eine geeignete Bühne zur Verfügung, auf der sie sich abseits des Zeitgeistes archaisch selbst inszenieren können.

Wen interessiert das? Die Rezipienten des Black Metal – vermutlich doch zu einem höheren Anteil Männer – werden kaum einräumen, dass Black Metal eine wunderbare Projektionsfläche für ihre archaischen Träume ist.

Bleibt also wieder mal nur die Wissenschaft, die den Metal und seine Spielarten als Forschungsfeld für sich entdeckt hat. Diesmal ist es der Fachbereich Neue Medien am Institut für Kunstpädagogik in Frankfurt am Main. Hier forscht Jan G. Grünwald, seines Zeichens Dr. phil. und wissenschaftlicher Mitarbeiter im Dunstkreis von Prof. Birgid Richard, die dem forschungsinteressierten Metalfan bereits von der Braunschweiger Tagung „Metal Matters“ aus dem Jahre 2010 bekannt ist, bei der Richard und Grünwald sich mit einem Vortrag bereits des Themas „Mediale Bilder archaischer Männlichkeit im Black Metal“ annahmen.

Nun liegen unter dem Titel „Male Spaces – Bildinszenierungen archaischer Männlichkeit im Black Metal“ Grünwalds komplette Forschungsergebnisse vor. Und man muss es noch einmal deutlich sagen: Das ist eine wissenschaftliche Arbeit. Staubtrocken, mit vielen Fußnoten sowie der Anforderung an den Leser, Hintergrundwissen aus dem Bereich der Medienanalyse mitzubringen. Wer das nicht hat, für den wird die Lektüre des Buches zu einem harten Nüsschen.

Und so geht es auch inhaltlich überwiegend darum, darzulegen, mit welchen Methoden Filme gemacht und analysiert werden. Man lernt dabei, dass in einem Musikvideo unterschiedliche Räume inszeniert werden, die die Medienwissenschaftler als ‚Naturraum‘, ‚Filmraum‘, ‚Andere Orte‘ oder als ‚Heterotopie‘ kategorisieren. Wer Lust hat, sich mit derartig intellektueller Akrobatik zu befassen, der ist bei Jan G. Grünwald richtig.

Der Erkenntnisgewinn speziell zum Black Metal ist für mich hingegen nicht besonders groß. Die Hauptbotschaft legt ja bereits der Buchtitel offen, nämlich, dass Black Metal sich archaischer Männlichkeitsbilder bedient. Beim Durchkämpfen des Buches habe ich festgestellt, dass mich weniger die Frage interessiert, mit welchen Mitteln die dunklen Helden sich filmisch inszenieren als vielmehr a) warum sie das tun und vor allem b) warum archaische Männlichkeitsinszenierungen im 21. Jahrhundert, das den emanzipierten Mann kennt, so erfolgreich sind.

Aber das ist wohl eine andere Forschungsarbeit, die eher am Fachbereich Soziologie denn bei den Neuen Medien geleistet werden müsste.

Wer sich trotzdem an die Bildanalyse heranwagen will, der findet „Male Spaces“ für 34,90 € im Frankfurter |Campus|-Verlag.

|229 Seiten, Broschur
ISBN-13: 978-3-593-39645-3|
http://www.campus.de

_Erika Becker_

Gruber, Andreas / Falke, Matthias / Kemmler, Olaf / Korb, Markus K. / Knoke Michael / Horvath, Nina – Schattenuhr, Die – Die bizarre Welt des Edgar Allan Poe

Es hieße, Eulen nach Athen zu tragen, den Schriftsteller Edgar Allan Poe vorzustellen, der wie kein anderer die Kriminalliteratur und die Phantastik bis hinein in unsere Tage geprägt hat. Zweifellos ist es eine enorme Herausforderung für jeden Autor und Herausgeber, sich dem Anspruch dieses großen Namens zu stellen. Die junge österreichische Herausgeberin und Autorin Nina Horvath hat diesen Schritt gewagt und eine Anthologie deutschsprachiger Autoren vorgelegt, die sich ausdrücklich in der Tradition des Altmeisters sieht.

Das 230 Seiten umfassende Hardcover aus dem BLITZ-Verlag besticht bereits durch seine äußere Gestaltung. Die Coverillustration von Zdzislaw Beksinski harmoniert perfekt mit Farbe und Schriften des Umschlags und der ebenfalls sehr ansprechenden Innenillustration von Mark Freier.

Den Reigen der Geschichten eröffnet der österreichische Autor Andreas Gruber mit |“Rue de la Tonnellerie“|. Die Erzählung schildert die Ankunft des jungen Richard Wagner und seiner Ehefrau Minna im Paris des Jahres 1840, wo er unter anderem auf die Unterstützung Heinrich Heines hofft, der im dortigen Kunstbetrieb bereits etabliert ist. Wagner selbst befindet sich seit der Abreise aus Riga in einer Schaffenskrise, die die desolate wirtschaftliche Situation des Paares noch verschärft. Schließlich besucht er auf Einladung Heines das Cafe Juliette in besagter Straße und trifft dort auf eine Reihe prominenter Künstler wie Berlioz, Balzac, Dumas und Victor Hugo. Auch ein Amerikaner ist vor Ort, dessen Beschreibung durchaus auf Edgar Allan Poe zutreffen könnte. Heine stellt Wagner der Künstlergesellschaft vor und er darf diese zu einem geheimen Treffpunkt begleiten, wo sie auf eine dominante weibliche Persönlichkeit treffen, die sich Madame Sorce nennen lässt und über wahrhaft visionäre Fähigkeiten verfügt. Dort lüftet sich auch das Geheimnis der künstlerischen Kreativität der Anwesenden. Das alles ist glaubhaft und stilsicher geschildert und bildet somit einen äußerst gelungenen Auftakt.

|“Die steinerne Bibliothek“| von Matthias Falke schildert zunächst die etwas ungewöhnliche Beziehung des Ich-Erzählers zu einer jungen Frau, die erst mit seiner Unterstützung das Lesen und Schreiben erlernt. Er muss die junge Smera allerdings zurücklassen, als er sich auf eine wissenschaftliche Expedition begibt, die ihn zusammen mit einem ehrgeizigen Forscherteam zu den Felsenklöstern von Loulan führt. Durch eine stattliche Zuwendung gelingt es den Wissenschaftlern, den Hüter des Ortes, einen alten Mönch zu überzeugen, sie durch das Höhlenlabyrinth ans Ziel zu führen – eine unterirdische Kammer, die er selbst als „Mittelpunkt des Universums“ bezeichnet. Wie sich herausstellt, handelt es sich um eine Art Bibliothek, die aus Tausenden im Sand vergrabener Mamorstelen besteht. Die Stelen sind mit eingravierten Symbolen bedeckt, die keine Schriftzeichen, sondern Symbole darstellen, deren Entschlüsselung eine Sisyphusaufgabe darstellt. Schließlich finden die Forscher auch die sogenannte „Master-Stele“, deren Beschriftung eine düstere Prophezeiung darstellt, die sich alsbald bewahrheitet. Auch wenn die Liebesgeschichte nur mittelbar mit dem Geschehen in der Bibliothek zusammenhängt, überzeugt auch diese Geschichte inhaltlich und sprachlich.

|“Jenseits des Hauses Usher“| von Markus K. Korb beginnt vielversprechend mit der Entdeckung eines Buches von Roderick Poe, dem Bruder des berühmten Literaten. Dort findet sich neben einer Reihe inhaltlich und literarisch wertloser Abenteuergeschichten auch Material aus Rodericks kartographischer Tätigkeit. Auf einer der Karten Neuenglands findet sich der Verweis auf einen Ort namens Usher, dessen Erwähnung den literaturkundigen Ich-Erzähler sofort elektrisiert. Birgt der in der Karte eingezeichnete See tatsächlich die Überreste des untergegangenen Hauses Usher? In der Art einer Tagebuchaufzeichnung werden die Versuche des Protagonisten geschildert, dem Geheimnis auf den Grund zu gehen, was schließlich auf unerwartete Weise gelingt. Die Idee ist faszinierend, die Umsetzung leidet allerdings ein wenig an der etwas kurzgefaßten Schilderung des Umfeldes und einigen stilistischen Ungenauigkeiten, die zumindest meinen Lesefluss gelegentlich unterbrachen.

Olaf Kemmler legt mit |“Zu Gast bei Meister Pforr“| eine atmosphärisch stimmige und an den Stil von E. T. A. Hoffmann oder Wilhelm Hauff gemahnende Erzählung vor, in der es um einen vermeintlichen „Hexenmeister“ geht, um dessen Wirken sich zahlreiche Gerüchte ranken. Erzählt wird die Geschichte aus Sicht des reisenden „Schreiberlings“ Carl Friedrich Cotta, der nach einem unbedachten Kommentar zur französischen Revolution in das offenbar schon damals vorhandene Ressort „Klatsch und Tratsch“ abgeschoben wurde. In der Postkutsche nach Heidelberg erfährt er von dem jungen Fräulein Friedenthal, das in Begleitung seiner Tante unterwegs ist, von einem verrufenen Ort, einem abgelegenen Dorf in den Wäldern, in dem besagter Hexenmeister sein Unwesen treiben soll. Während einer Rast hört sich Cotta bei den Anwohnern um und erfährt allerlei Ungereimtes und Grausliches über die verwunschene Ortschaft. Kaum einer, der dorthin gegangen sei, wäre jemals zurückgekehrt, und wenn doch, dann wäre er danach kaum wiederzuerkennen. Angeblich soll der Diener des Teufels den Menschen sogar das Herz herausschneiden, um es in Maschinen einzubauen, die danach ein Eigenleben entfalten würden. Den unglückseligen Opfern würde er statt dessen ein Uhrwerk einpflanzen. Als Cotta schließlich sogar auf eine konkrete Spur stößt, verlässt er die Reisegesellschaft und macht sich auf den Weg nach Kainswinkel, wo ihm tatsächlich die merkwürdigsten Dinge widerfahren. Auch diese Geschichte überzeugt durch viele liebevolle Details und eine einfühlsame Schilderung der Zeitumstände zwischen Aberglauben und Moderne.

Den Abschluss bildet die titelgebende Erzählung |“Die Schattenuhr“| des leider früh verstorbenen Autors Michael Knoke. Die Geschichte folgt den Aufzeichnungen eines gewissen Robert Thompson, der sich im Jahr 1888 auf den Weg zum einsam gelegenen Anwesen seines Bruders George und dessen Frau Claudine macht. Seit ihrer letzten Begegnung sind einige Jahre ins Land gegangen, und wie sich alsbald herausstellt, hat sich inzwischen einiges verändert. Das Haus ist düster, die meisten Fenster sind auch tagsüber verhängt, und der Garten und der angrenzende Waldfriedhof strahlen eine unheimliche Atmosphäre aus. Claudine und George wirken blass und kränklich und verhalten sich seltsam abweisend. Robert erfährt, dass das Haus in der Vergangenheit zumeist von obskuren Künstlern und Esoterikern bewohnt wurde, die kaum Kontakt zur Außenwelt pflegten. Die meisten waren auf dem Waldfriedhof begraben. Bald gewinnt er den Eindruck, dass das Haus auch George und Claudine auf unheimliche Weise verändert hat, aber die beiden weichen seinen Fragen aus und vertrösten ihn auf das bevorstehende „Fest“, dem sie regelrecht entgegenfiebern. In der Bibliothek stößt Robert auf die Aufzeichnungen des Uhrmachers Tom Wilson und erfährt von dessen Lebenswerk, der sogenannten „Schattenuhr“, einem magischen Mechanismus, der auf die „Gezeiten des Universums“ reagiert und angeblich zeitweise eine Brücke zwischen Diesseits und Jenseits zu bilden vermag. Die Schattenuhr schlägt angeblich im „Herz des Hauses“, doch erst als das Haus auch Robert in seinen Bann gezogen hat und das Fest beginnt, offenbart sich ihm ihr Geheimnis. Die Schattenuhr ist eine klassische Horrorgeschichte und inhaltlich und stilistisch vielleicht am dichtesten mit dem Werk des Altmeisters verbunden. Die von Beginn an unheilschwangere Atmosphäre beherrscht nicht nur den Ort, sondern auch das Denken und Handeln der Protagonisten. Es gibt keinen Ausweg, keine Rückkehr ins normale Leben – eine Botschaft, wie sie auch für Leben und Werk von Edgar Allen Poe typisch ist.

_Insgesamt bleibt zu konstatieren_, dass Herausgeberin und Verlag mit der „Schattenuhr“ ein Buch gelungen ist, das insgesamt sowohl inhaltlich als auch gestalterisch zu überzeugen vermag.

|Gebunden: 250 Seiten
ISBN-13: 978-3898403245|
[www.blitz-verlag.de]http://www.blitz-verlag.de

_Frank Haubold_

_Mehr von Andreas Gruber auf |Buchwurm.info|:_
[Interview, Teil 1]http://www.buchwurm.info/artikel/anzeigen.php?id=87
[Interview, Teil 2]http://www.buchwurm.info/artikel/anzeigen.php?id=89
[„Schwarze Dame“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4584
[„Der Judas-Schrein“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2113
[„Der fünfte Erzengel“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1907
[„Die Engelsmühle“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5758

Gibson, William – Quellcode

„Science-Fiction handelt von dem Moment, in dem sie geschrieben wird.“ Das erklärt William Gibson in einem Interview mit dem Spiegel, als es darum geht, ob seine Werke Prognosen für die Zukunft seien. Man mag bei dieser Aussage zurückzucken, wenn man an all die visionären Dinge denkt, die Gibson entworfen hat, als er seinen „Neuromancer“ 1987 auf einer mechanischen Schreibmaschine geschrieben hat. Spätestens jedoch, wenn man sich „Mustererkennung“ und dem Nachfolger „Quellcode“ widmet, wird einem klar, was Gibson damit meint: Ein Spiel mit dem Aktuellen, eine Überspitzung, ein Zerrbild der Gegenwart, von dem man weiß, dass es mit der „wirklichen Zukunft“ nur wenig zu tun haben wird.

|Von Netzwerk-Kraken und Locative Art|

Beginnen wir also mit Hollis Henry, einer ehemaligen Rock-Musikerin, die sich nun als freie Journalistin verdingt. Ihr erster Auftrag führt sie und den Leser in die Welt der „Locative Art“ ein, eine Kunstform, in der per GPS und W-LAN dreidimensionale Kunstwerke in die Umwelt gemalt werden, die nur dann zu bestaunen sind, wenn man einen entsprechenden VR-Helm aufsetzt.

Hollis wird schnell klar, dass es nicht nur darum geht, über eine Kunst-Avantgarde zu berichten, die Leichen von Berühmtheiten oder dreidimensionale Kraken auf Straßen projizieren: Spätestens als sie den Auftrag bekommt, sich mit Bobby Chombo in Verbindung zu setzen, einem zurückgezogenen Nerd, der die Grundlagen der Locative Art-Technik geschaffen hat, ahnt sie, dass hinter dem Technologie-Magazin „Node“ weit mehr steckt, als die Fassade andeutet. Mit Chombo soll sie sich die „Muster des internationalen Frachtverkehrs“ ansehen; sie nimmt den Auftrag an, recherchiert dabei über das Magazin, das ihr den Auftrag gegeben hat, und findet bestätigt, dass ihre Auftraggeber von bedeutend anderen Dingen angetrieben werden, als von journalistischen Absichten.

Dann gibt es da noch den Junkie Milgrim und den undurchsichtigen Brown. Brown lässt Milgrim nicht aus den Augen, versorgt ihn mit der Droge, die er benötigt, und verlangt dafür von ihm, dass er die schräge Kunstsprache Volapuck entschlüsselt, die Brown auf den Handys der Zielpersonen vorfindet, die er observiert. Ist Brown Polizist? Mitglied eines anderen Regierungsorgans? Brown weiß es nicht, wird unterdrückt und gehorcht seinem ultra-paranoiden Gefängniswärter.

Tito schließlich ist einer der Schmuggler, die von Brown und seinem Junkie-Sklaven observiert werden. Der Leser taucht mit Tito in die Welt des organisierten Verbrechens ein, in die Welt der Schmuggler und Piraten.

Nach und nach wird klar, dass sich alles um einen geheimnisvollen Fracht-Container dreht, hinter dem alle her sind: Hollis Henrys Auftraggeber, Brown und viele mehr. Dieses Netzwerk aus zwielichtigen Motiven und Hintergründen läuft am Ende des Romans zusammen; all die Handlungsstränge treffen aufeinander, und die Verstrickung der Figuren untereinander offenbart sich.

|Die Kunst der indirekten Erzählweise|

Gibson ist ein Meister darin, den Leser direkt in seine Geschichte hineinzuwerfen. Keine Erklärungen von einem Erzähler, der seine Leser aus der Gegenwart an der Hand nimmt, nein, die Figuren reden in der Sprache der skizzierten Zukunft, handeln nach den Richtlinien dieser skizzierten Zukunft so selbstverständlich, wie es sich für natürlich gezeichnete Figuren gehört. Das ist manchmal anspruchsvoll, weil man sich viele Dinge aus den Zusammenhängen herleiten muss; manchmal schickt Gibson seine Leser mit einem dicken Fragezeichen auf der Stirn aus einer Szene hinaus und löst es erst ein paar Szenen später auf, aber genau das macht auch den Reiz dieses Romans aus. Es ist ein Puzzle. Ähnlich wie die Zusammenhänge zwischen all den Figuren und Handlungssträngen, schält sich die Welt nur allmählich aus dem Erzählten heraus. Dabei entsteht nie der Eindruck von aufgeblasenem Techno-Babble oder gewollt kompliziertem Kunst-Getue, Gibson hat die Gratwanderung zwischen Anspruch und Erklärung hervorragend gemeistert.

_“Quellcode“ ist also_ ein würdiger Mittelteil einer Trilogie geworden, die mit „Mustererkennung“ begonnen hat, und aktuell mit „Systemneustart“ ihr Ende findet, es ist ein schillernder und vielschichtiger Roman, der seinen Lesern auch mal Geduld abverlangt. Wer die jedoch aufbringt, wird mit einer spannenden Vision von einer nahen Zukunft belohnt. Pardon, mit einem kunstvollen Zerrbild unserer Gegenwart natürlich. Für Freunde anspruchsvoller Gedankenspielereien jenseits des Sci-Fi-Mainstreams unbedingt empfehlenswert!

|Taschenbuch: 464 Seiten
Originaltitel: Spook Country
ISBN-13: 978-3453526808|
[www.heyne.de]http://www.heyne.de

_Alf Stiegler_

_William Gibson bei |Buchwurm.info|:_
[„Neuromancer“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=280
[„Mustererkennung“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=463
[„Neuromancer“ (Lesung)]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=521
[„Die Differenzmaschine“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1339
[„Idoru“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1445
[„Virtuelles Licht“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1686
[„Cyberspace“ (Lesung)]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4745

Melneczuk, Stefan – Rabenstadt

Nach dem Erfolg seines Romans „Marterpfahl“ und der durchaus lesenswerten „Geisterstunden“-Collection präsentiert der Stefan Melneczuk nunmehr seinen neuen Roman „Rabenstadt“ in einer auch äußerlich wieder sehr ansprechenden Hardcoverausgabe mit einem dekorativen und auch inhaltlich stimmigen Titelbild von Mark Freier.

Der Roman selbst ist ungewöhnlich aufgebaut, denn er beginnt mit dem Ende bzw. einer Nachbetrachtung des Protagonisten zu den Ereignissen. Und selbst im Verlauf der eigentlichen Handlung schildert der Ich-Erzähler seine Erlebnisse teilweise in Rückblenden. So liegt er gleich zu Beginn verletzt und mit Klebeband gefesselt in einem dunklen Kellerraum und versucht sich zu erinnern.

Was sofort auffällt, sind die guten Ortskenntnisse des Autors – die Handlung spielt in einem in die Jahre gekommenen Wuppertaler Villenviertel – und seine Fähigkeit zu anschaulichen Beschreibungen. Selbst als Ortsunkundiger (wie ich) vermag sich der Leser die Straßen, Gärten und Gebäude des Umfeldes vorzustellen und wird damit zum Augenzeugen des Geschehens.

Der Einstieg ist rasch wiedergegeben: Ein Paketbote (der Ich-Erzähler) verfährt sich infolge eines defekten Navigationsgerätes im Briller Viertel und versucht, die Zieladresse zu Fuß ausfindig zu machen. In der einsamen Gegend begegnet er keinem Passanten, bis er schließlich vor einem Hauseingang auf ein Mädchen triff, das auf allen Vieren hockt und eine Hundeleine um den Hals hat. Als es plötzlich davonläuft oder -gezogen wird, setzt er ihm nach und wird beim Eindringen in einen Garten brutal niedergeschlagen. Er verliert das Bewusstsein und erwacht irgendwann später in besagtem Keller.

Zum Glück widersteht der Autor der Versuchung, die Gefangenschaft bzw. das Martyrium des Handlungsträgers so exzessiv in die Länge zu ziehen, wie es prominentere Autoren wie Stephen King schon häufiger praktiziert haben. Auch wenn dem Gefangenen ausreichend Gelegenheit zu Selbst- und Weltbetrachtungen gegeben wird, verspürt der Leser nie den Drang, mangels Handlungsfortschritts einfach ein paar Seiten zu überblättern. Angesichts des vorweggenommen Ausgangs des Abenteuers ist das keine geringe Leistung des Autors. Die Person des Täters bleibt lange Zeit über im Dunklen, und als er schließlich in das Geschehen eingreift, kommt es auch schon zu einem dramatischen Showdown.

Damit ist der Roman jedoch nicht zu Ende, denn der Paketbote ist selbst Träger eines dunklen Geheimnisses, das sich erst später offenbart. So wird der Leser auch jenseits des Ortes des Verbrechens mit seelischen Abgründen und Alptraumszenarien konfrontiert, die auch ihn jederzeit betreffen können. Vielleicht ist das sogar die eigentliche Leistung des Buches, dem Leser über den an sich schon grausigen Kriminalfall hinaus die Augen für die dunklen Seiten menschlicher Existenz zu öffnen. Die „Rabenstadt“ Wuppertal ist hierfür ein perfekter Rahmen, und drei zusätzliche Geschichten vom „Kreuz Wuppertal-Mord“ runden den Lesegenus ab.

Mit „Rabenstadt“ liefert Stefan Melneczuk einmal mehr den Nachweis, dass er auch jenseits der Schubladen des Genres zu den herausragenden „Spannungsautoren“ dieses Landes gehört.

|Gebunden: 280 Seiten
ISBN-13: 978-3898403139|
[www.blitz-verlag.de]http://www.blitz-verlag.de

_Frank W. Haubold_

_Stefan Melneczuk bei |Buchwum.info|:_
[„Marterpfahl“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4719
[„Absurd“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4785
[„Geisterstunden vor Halloween“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5826

Eschner, Michael D. – Leben wie der Phönix – Der Weg zur Unsterblichkeit

Es war vor etwa 10 Jahren, als ich auf einem Sommerfest der damaligen ‚Ethos Gemeinschaft Thelema‘, die auch die Internetcommunity ‚New Äon‘ betrieb, ein kleines Büchlein erstand, welches, wie ich heute wohlwissend feststellen kann, mein Leben grundlegend änderte. Meine Leidenschaft waren seit jeher neben Phantastischer Literatur auch Mythen, Magie und alles Okkulte und Paranormale.

„Der magische Weg zu Wissen, Liebe, Leben, Freiheit“ war der damalige Untertitel zu „Leben wie der Phönix“, damals erschienen bei Peyn und Schulze.
Die Neuauflage in einem anderen Format sprach mich gleich an. Das Motiv des ‚Rising Phoenix‘ auf schwarzem Grund kommt sehr wirkungsvoll zur Geltung. Ebenso die durchgängig farbigen Bildmotive, die jedes Kapitel stilvoll einleiten, im Gegensatz zu den damaligen s/w-Zeichnungen.

Neben dem damaligen Vorwort von Michael Eschner ist die Neuausgabe um ein zweites Vorwort erweitert, welches Knut Gierdahl verfasste und einen Einblick in das Werk, seinen Stil und Thematik gibt, die auch die neuäonische Bewegung „Thelema“ einschließt. Das Vorwort ist sehr pragmatisch und verständlich für solch eine ‚abgehobene‘ Thematik wie Unsterblichkeit.

Die folgenden zehn Kapitel sind sehr detailliert untergliedert und die Aufmachung gleicht einem ‚Lehrbuch‘. Neben kurzen, sinnvollen und prägnanten Kernaussagen, die am Seitenrand platziert sind, gibt es immer wieder grau unterlegte Textkästchen mit praktischen Anweisungen u. ä. Dabei wendet sich der Autor stets selbstbewusst an den Leser, redet von Unsterblichkeit, als sei es das selbstverständlichste der Welt. Es wird in den ersten Kapiteln auf die Situation von Unsterblichen, ihre Herkunft und ihr Leben als Unsterbliche eingegangen. Es werden ausreichend Argumente genannt den Weg des Immortalisten (so werde Menschen genannt, die eine ‚Selbstvergottung‘ anstreben) zu gehen. Sowohl Ernährung, Energie wie Weltbild spielen dabei eine Rolle. Es wird klar der Unterschied aufgezeigt, warum es dem Immortalisten geht, der nicht ‚langlebig‘ ist und dessen ‚Seele‘ nicht wandert. Und die Praxis der Unsterblichkeit ist älter als viele schamanische Traditionen.

Wichtige Bedingungen und die Komponenten werden in Kapitel acht aufgezeigt, wo die sogenannte KLEE-Methode dargestellt wird. Dabei geht es um die Entwicklung bestimmter Kenntnisse, Fertig- und Fähigkeiten, wie Erlangung von Komplexität, Einpunktigkeit und Extase, sowie die Lösung des Astralleibes vom materiellen Körper. Es wird verdeutlicht, warum Selbsterkenntnis letztendlich nur dem Immortalisten möglich. Kritisieren muss ich aber, dass bei diesem Kapitel die unter KLEE genannten Komponenten nicht in dieser Reihenfolge abgehandelt werden, wo ansonsten das Werk durch eine gut durchdachte Struktur glänzt.

Hervorheben möchte ich auch einen anschaulichen Prosatext mit Kapitel neun „Ein Stern geht auf“, der in einer illustren Geschichte verdeutlicht, wie verankert doch der Tod in unser aller Leben ist und klarmacht, dass die meisten Menschen nur ‚funktionieren‘ und nicht leben.

Das zehnte Kapitel beschreibt in einigen kurzen Beiträgen metaphysische Begriffe wie Aura, Seele oder Astralleib oder auch Intuition, Identität, Wahrer Wille, das Ich etc. Eschners Gedanken sind nicht neu und er verweist auch auf viele philosophische und soziologische Denker wie Karl O. Apel, Charles S. Peirce oder Niklas Luhman. Dem kundigen Leser werden auch Bezüge zur Kabbala und anderen Systemen wie des OTO auffallen.

Gänzlich neu in diesem Buch ist ein Leserbrief, der einst in dem damaligen AHA – Magazin, einem Fachblatt für magische und spirituelle Entwicklung, Kritik an Eschners Aufsatz „Reinkarnation – wie geht das?“ übte. An diesem Beispiel erläutert Eschner z. B. Unterschiede zwischen Inkarnation und Weckung der Kundalini, deren es zur Unsterblichkeit bedarf. Interessant auch die Ausführungen in diesem Zusammenhang bei Tieren, Astralen oder Dämonen.

Letztendlich werden mit diesem Buch dem Leser nicht nur Hintergründe, Bedingungen und Methoden zur Erlangung der Unsterblichkeit an die Hand gegeben, sondern auch auf eine praktische Gruppe hingewiesen, wo diese erlernt werden kann, und der Michael Eschner viele Jahre als Berater zur Verfügung stand, bis er 2007 seinen materiellen Leib verließ, um unter Göttern zu weilen.

|Taschenbuch: 116 Seiten
ISBN: 978-3-942736-00-8|
[www.multiwelt-verlag.de]http://www.multiwelt-verlag.de

_Martin Dembowsky_

Stephen Chbosky – Das also ist mein Leben

Inhalt:

„Lieber Freund, das also ist mein Leben. Und ich will, dass du weißt, ich bin glücklich und traurig zugleich und versuche noch immer herauszufinden, wie das eigentlich sein kann.“ – Für den fünfzehnjährigen Charlie steht das erste Jahr an der High School an. Da er kaum Leute kennt, erschafft er sich einen Freund, dem er regelmäßig aus seinem Leben erzählt. Auf manchmal lustige, manchmal traurige Art versucht Charlie sein Leben zu ordnen und zu verstehen.

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Cross, Kady – Mädchen mit dem Stahlkorsett, Das (Steampunk Chronicles 1)

_|Steampunk Chronicles|:_

Band 1: _“Das Mädchen mit dem Stahlkorsett“_
Band 2: „The Girl in the Clockwork Collar“ (2012, noch ohne dt. Titel)

_Inhalt:_

London im 19. Jahrhundert: Für die 16-jährige Finley könnte das Leben in London eigentlich so einfach sein, denn alles was man von ihr erwartet, ist gutes Benehmen und ein hübsches Aussehen. Beide besitzt sie, aber nicht nur das: Sie hat unmenschliche Kräfte, die stellenweise mit ihr durchgehen. Dadurch verliert sie ihre Arbeitsstelle und steht vor dem Nichts. Völlig verzweifelt trifft sie auf Griffin, der sie bei sich aufnimmt. Recht schnell wird klar, dass sie perfekt zu ihm und seiner kleinen Gruppe von Leuten passt, denn auch sie haben übermenschliche Kräfte, mit denen sie leben müssen. Zusammen mit ihren neuen Freunden möchte sie gegen das Böse auf Londons Straßen ankämpfen, doch Finley hat auch eine dunkle Seite in sich, die ihre Entscheidungen fordern …

_Eindruck:_

„Das Mädchen mit dem Stahlkorsett“ ist Kady Cross‘ erster Roman und gleichzeitig der Auftakt der „Steampunk Chronicles“-Reihe. Hinter dem Pseudonym Kady Cross versteckt sich die Bestseller-Autorin Kathryn Smith, deren Bücher regelmäßig bei PAN und Knaur veröffentlicht werden.

Für einen Streampunk-Roman ist „Das Mädchen mit dem Stahlkorsett“ okay, aber leider auch nicht mehr. Die Geschichte hat mich an vielen Stellen verwirrt und ich hatte einige Probleme, mich in das Buch hineinzufinden. Erst gegen Ende kam ich so langsam in die Story hinein, was aber für meinen Geschmack etwas zu spät war. Dadurch konnte kein wirklicher Lesespaß aufkommen und ich konnte mich weder in die Charaktere hineinversetzen, noch mit ihnen mitfiebern. Die Annäherungen der Protagonisten sind zaghaft und werden langsam aufgebaut, ohne zu kitschig zu wirken. Die Dialoge untereinander sind interessant, aber zum Teil sehr langatmig.

Der Schreibstil ist trotz mancher Langatmigkeit flüssig und die Handlung ist durchaus interessant, nur leider macht der erste Band eher den Anschein, als seien zwar viele Ideen vorhanden, aber nicht ganz so umgesetzt, wie man es sich erhofft hat. Einen großen Pluspunkt erhält die Autorin für ihre Recherche, denn (wahre) historische Ereignisse werden hier zum Teil richtig gut und interessant beschrieben. Die Geschichte wird aus mehreren Perspektiven erzählt. Dadurch hat man die Protagonisten ein wenig besser kennengelernt. Am meisten wird jedoch aus der Sicht von Finley erzählt. Ihre Gedanken und Gefühle werden dem Leser gut herübergebracht, weisen aber auch ein paar Schwächen auf, da manche Gedanken sehr widersprüchlich sind. Hier kann man aber auch vermuten, dass es mit dem Alter der Protagonistin zusammenhängt.

Finley ist authentisch, mutig und versucht stets einen klaren Kopf zu behalten. Sie hat zwei Persönlichkeiten, was sie zu einer interessanten und facerettenreichen Protagonistin macht. Sie ist übermenschlich stark und kann sich und ihre Kräfte nicht immer kontrollieren, sodass sie schon öfters unfreiwillig ihre Arbeitsstelle wechseln musste. Ins Herz schließen konnte ich sie jedoch noch nicht, was an den bereits oben genannten Gründen liegt. Gleiches gilt hierbei auch für Jack, Griffin und Emily, wobei mir Letztere immer noch am besten gefallen hat.

Sehr gut hat mir gefallen, dass die Geschichte in London spielt und vor allem, wie die Stadt hier beschrieben wird. Obwohl die Geschichte Ende des 19. Jahrhunderts spielt, wirkt die Stadt stellenweise so modern wie das heutige London, aber auch gleichzeitig altmodisch. Die Mischung ist geradezu perfekt.

Die Covergestaltung ist ein absoluter Eyecatcher. Finley wird hier sehr gut dargestellt, vor allem ihr leicht patziger Gesichtsausdruck und ihre Körperhaltung passen perfekt zu ihren zwei Persönlichkeiten. Auch die Kleidung ist gut ausgewählt und passt ins 19. Jahrhundert. Die Kurzbeschreibung ist vom Verlag etwas zu lang geraten und verrät eindeutig zu viel, sodass ich während des Lesens kaum noch überrascht wurde. Hier wäre weniger mehr gewesen.

_Fazit:_

Insgesamt hat mich „Das Mädchen mit dem Stahlkorsett“ nicht unbedingt gelangweilt, aber auch nicht gänzlich von sich überzeugt. Man merkt der Autorin an, dass noch sehr viele Ideen vorhanden sind. Hoffentlich kann sie diese im zweiten Band besser umsetzen, der 2012 in den USA erscheint.

|Hardcover: 368 Seiten
Originaltitel: The Girl in the Steel Corset – Steampunk Chronicles Book 1
Ins Deutsche übertragen von Jürgen Langowski
ISBN 978-3453267404|
[www.heyne-fliegt.de]http://www.heyne-fliegt.de
[www.kadycross.com]http://www.kadycross.com

_Kady Cross als Kathryn Smith bei |Buchwurm.info|:_
|Traum|-Reihe:
Band 1: [„Tochter der Träume“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6021
Band 2: [„Wächterin der Träume“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6480

_Sabrina Reithmacher_

Ransom, S. C. – Nur ein Hauch von dir (Small Blue Thing 1)

_|Small Blue Thing|-Trilogie:_

Band 1: _“Nur ein Hauch von dir“_
Band 2: „Perfectly Reflected“ (noch ohne dt. Titel)
Band 3: „Scattering Like Light“ (01.01.2012, noch ohne dt. Titel)

_Inhalt_

Alex findet im Wasser der Themse einen silbernen Armreif. Als sie ihn putzt, fällt ihr schon auf, dass der Armreif sonderbar ist. Es sieht immer so aus, als würde zwischendurch ein Schatten über den Schmuckstein huschen. Als sie sich das Armband ums Handgelenk streift, sieht sie eine Erscheinung von einem wunderhübschen Jungen. Sie kann die Augen gar nicht von ihm lassen und ist sofort verliebt. Es scheint so, als ob der Junge auch Interesse an ihr hätte, doch wo genau kommt er her und wieso kann sie ihn sehen? Ist das der Beginn einer tollen Liebesgeschichte?

_Kritik_

„Nur ein Hauch von dir“ von S. C. Ransom ist die Liebesgeschichte eines Teenagers. Das Buch ist einfach geschrieben, die Sätze sind nicht allzu lang. Beim Lesen fliegen die Seiten nur so dahin. Zu Beginn zieht es sich ein wenig, bis endlich etwas Aufregendes passiert. Aber danach mag man das Buch gar nicht mehr zur Seite legen, da man gerne wissen möchte, wie es weitergeht. Die Kapitel sind nicht sehr lang und das Ende eines jeden Kapitels ist so gewählt, dass sich eine gewisse Spannung aufbaut und man geneigt ist, ohne Pause ins nächste Kapitel zu starten.

Die Protagonistin Alex ist mir sehr sympathisch, aber auch etwas langweilig. Der Junge namens Callum, den sie durch den Armreif kennenlernt, ist dagegen nicht so leicht zu durchschauen. Man weiß ja auch erst gar nicht, woher er kommt und wieso sie ihn überhaupt sehen kann. Als er seine Geschichte erzählt, wird die Sache deutlicher und auch ihm wird dadurch eine gewisse Sympathie zuteil. Komisch finde ich allerdings, dass die beiden sich bereits nach einigen „Treffen“ die Liebe gestehen. Im Buch kommen des Öfteren irgendwelche großen Liebesschwüre vor, so dass es etwas schnulzig rüberkommt. Mir ging es da etwas zu schnell zur Sache, denn Alex ist ja noch sehr jung.

Sehr fesselnd fand ich den Schluss. Die letzten hundert Seiten habe ich dann in einem Rutsch gelesen, weil ich unbedingt wissen wollte, ob und wie sich die beiden dann letztendlich „bekommen“. Enttäuschend war das Ende nicht, aber man hätte etwas mehr rausholen können.

_Autor_

S. C. Ransom arbeitet als Headhunterin in London, doch auf dem Weg ins Büro und an den Abenden ist sie Schriftstellerin. Ihr erster Roman „Nur ein Hauch von dir“ war ein Geschenk zum zwölften Geburtstag ihrer Tochter und entstand zu großen Teilen unterwegs auf ihrem Smartphone. S. C. Ransom lebt mit ihrem Mann und zwei Kindern in Surrey, England. (Verlagsinfo)

_Fazit_

„Nur ein Hauch von dir“ von S. C. Ransom ist alles in allem eine gelungene, romantische und fantasievolle Geschichte. Für Leser ab 12 Jahren zu empfehlen. Wahrscheinlich ist sie eher was für Teenager als für Erwachsene, da die Autorin diese ja für ihre 12-jährige Tochter geschrieben hat. Aber mir hat sie auf jeden Fall auch gefallen.

|Gebunden: 375 Seiten
Originaltitel: Small Blue Thing 1
ISBN-13: 978-3596854509|
[www.fischerschatzinsel.de]http://www.fischerschatzinsel.de

_Nadine Stifft_

Diamond, Lucy – Diät-Pralinen

_Inhalt_

Lauren, Maddie und Jess kennen sich noch nicht, aber alle haben ein Problem mit ihrem Gewicht und fangen aus unterschiedlichen Gründen eine Diät an. Lauren ist Besitzerin einer Partnervermittlung und fühlt sich einfach unwohl mit ihren vielen Kilos. Nach ihrer Scheidung möchte sie sich endlich mal wieder verlieben, aber wie soll das gehen, wenn sie sich nicht gut fühlt? Maddie arbeitet bei einem Radiosender und die hübsche Kollegin Collette ruft in ihrer Sendung eine Kampagne aus, wobei Maddie zu einer Abnehm-Gruppe gehen soll, um ihren Pfunden zu Leibe zu rücken. Und Jess will demnächst heiraten und einfach hübsch in ihrem Brautkleid aussehen, somit beginnt sie eine Diät. Alle drei treffen sich in der FatBusters Abnehm-Gruppe und werden schnell Freundinnen …

_Kritik_

„Diät-Pralinen“ von Lucy Diamond ist ein toller und gefühlvoller Roman. Er ist flüssig zu lesen und in einer einfachen Sprache geschrieben. Jedes Kapitel hat eine Überschrift und es ist angegeben, von welcher der drei sympathischen Protagonistinnen das jeweilige Kapitel handelt. Die Kapitel werden jeweils aus der Sicht von Lauren, Maddie oder Jess in der Ich-Form erzählt. Zuerst fällt es dem Leser etwas schwer, den Überblick zu behalten, wer nun wo arbeitet und aus welchen Gründen abnehmen will. Nach ein paar Kapiteln aber kann man die drei Damen sehr gut unterscheiden. Die Charaktere erzählen alle ihre eigene Geschichte, die sich nach und nach zu einer eigenen zusammenfügt, da Lauren, Maddie und Jess sich kennenlernen und immer mehr voneinander erfahren und ihre Freizeit miteinander verbringen. Sie werden Freundinnen.

Alle drei Protagonistinnen werden anschaulich und lebensnah beschrieben. Das Problem, welches alle drei teilen, macht sie noch sympathischer. Man erlebt, welche Gefühle, Ängste und Probleme sie beim Abnehmen haben. Es gibt Hochs und Tiefs in der Geschichte, die man selber mitfühlen kann. Die Familien oder Bezugspersonen werden mit eingeflochten, sodass sich ein gut nachzuvollziehendes Gesamtbild ergibt.

Lauren hat eine Partnervermittlung, ist aber selber geschieden und ziemlich einsam. Sie findet sich zu dick und meint, dass sie so niemals wieder einen Partner bekommen kann. Sie geht zu der Gruppe FatBusters, wo sie auf Maddie und Jess trifft. Maddie arbeitet in einem Radiosender und wird durch eine Kampagne zu der Gruppe geschickt, um diese zu testen. Allgemein findet sie sich aber auch zu dick und die Idee an sich nicht schlecht. Außerdem fängt sie an ins Fitnessstudio zu gehen, wo ihre Mutter für sie einige Probemonate gebucht hat. Sie berichtet im Radio über ihre Erfahrungen. Auch Jess will abnehmen, denn sie wird bald heiraten. Ihr Verlobter Charlie ist allerdings nicht sehr nett zu ihr und kommt sehr unsympathisch rüber. Alle raten ihr ab, ihn als Mann zu nehmen, worüber sie erstmal total sauer ist. Sie sieht nur das Gute in ihm.

Alles sind gute Gründe, um abzunehmen, aber man sollte es vor allem für sich und seine Gesundheit tun und nicht, um in ein Brautkleid zu passen, einen Partner zu finden oder wegen einer Radiosendung. Im Laufe der Geschichte merkt man allerdings, dass sich die Beweggründe und auch die Charaktere ein wenig verändern. Es wird positiver und man merkt, wie es ihnen allen drei guttut, etwas für sich zu tun. Für sich und keinen anderen. Außerdem finden sie durch die FatBusters- Gruppe Freundinnen, die mit ihnen durch dick und dünn gehen.

Mich haben alle drei Geschichten berührt. Es ist frisch und manchmal auch lustig oder traurig geschrieben, die Charaktere werden deutlich dargestellt und sind überzeugend. Die Problematik „Essstörung“ wird interessant verpackt und vielleicht wird einigen sogar dadurch Mut gemacht.

_Autor_

Lucy Diamond stammt aus Nottingham und hat für das Fernsehen und diverse Verlage gearbeitet. Seit ihren ersten erfolgreichen Kinderbüchern widmet sie sich heute nur noch dem Schreiben. Zusammen mit ihrem Mann und den drei Kindern lebt Lucy Diamond in der Nähe von Bath. Der nächste Roman ist bereits in Vorbereitung. (Verlagsinfo)

_Fazit_

„Diät-Pralinen“ von Lucy Diamond ist eine gefühlvolle und lebensnahe Erzählung. Ich fand sie spannend und würde sie jedem empfehlen. Besonders aber, wenn man selber mit diesem Thema zu kämpfen hat, ist sie interessant.

|Taschenbuch: 384 Seiten
Originaltitel: Sweet Temptations
Übersetzt aus dem Englischen von Nicole Seifert
ISBN-13: 978-3499256073|
[www.rororo.de]http://www.rororo.de

_Nadine Stifft_

Moers, Walter – Labyrinth der träumenden Bücher, Das

_Walter Moers‘ „Zamonien“-Romane_ zählen für mich zu den fantasievollsten Romanen, die ich je lesen durfte und besonders „Die Stadt der träumenden Bücher“ habe ich geradezu verschlungen, so fesselnd, aufregend und erfrischend innovativ lasen sich die knapp 500 Seiten, auf denen Moers erstmals vom jungen Schriftsteller Hildegunst von Mythenmetz und seinen Abenteuern in Buchhaim erzählte. In „Das Labyrinth der träumenden Bücher“ spinnt Moers die Geschichte des Lindwurms nun endlich weiter.

200 Jahre sind vergangen, seit Buchhaim, die Metropole der Literatur, von einem verheerenden Feuer größtenteils zerstört wurde. Hildegunst von Mythenmetz, der Zeuge dessen wurde, wie der gefürchtete Schattenkönig den Katakomben der Stadt einst entstieg, um sich, indem er sich selbst anzündete und den Brand so verursachte, an seinem Schöpfer zu rächen, ist inzwischen zum berühmtesten und beliebtesten Schriftsteller Zamoniens avanciert. Vor lauter Beweihräucherung durch seine unzähligen Anhänger und nicht zuletzt sich selbst bemerkt er jedoch nicht, dass die Literatur selbst nur noch Nebensache seines Lebens ist. Eines Tages erreicht ihn jedoch ein Brief, der sein Leben aus der Bahn wirft. Hals über Kopf entschließt er sich, nach Buchhaim, das mittlerweile neu aufgebaut wurde, zurückzukehren und der geheimnisvollen Nachricht auf den Grund zu gehen. Dort angekommen muss er jedoch feststellen, dass von dem charmanten Städtchen Buchhaim, das er einst kannte, nicht viel übrig geblieben ist – stattdessen erblüht die Stadt in neuer Pracht und wartet mir zahllosen neuen Attraktionen und Schauplätzen auf. Hildegunst stürzt sich schnurstracks ins Getümmel, trifft dabei so einige alte Bekannte wieder, wie z. B. seinen Schriftstellerkollegen Ovidios, dem er zuletzt auf dem Friedhof der vergessenen Dichter begegnete und der nun das Orm erlangt hat, die Schreckse Izanuela oder den Eydeeten Hachmed Ben Kibitzer, und stolpert von einer Kuriosität der Stadt, z. B. den Qualmoirs, den Libronauten, den Puppetisten, dem Buchwein oder dem Biblionismus, in die Nächste. Dabei kommt er seinem ursprünglichen Ziel, nämlich den Absender des geheimnisvollen Briefes zu finden, jedoch kaum näher.

_“Das Labyrinth der träumenden Bücher“ ist_, besonders für einen Fan der Bücher Walter Moers‘, vergleichsweise enttäuschend. War „Die Stadt der träumenden Bücher“ meiner Meinung nach ein Meisterwerk der fantasievollen Literatur, das man vor Spannung unmöglich aus den Händen legen konnte, so ist „Das Labyrinth der träumenden Bücher“ eine Art unterhaltsames Reisetagebuch des Hildegunst von Mythenmetz, das den Leser zwar zu faszinieren und bei der Stange zu halten vermag, den sehr hohen Erwartungen, die man nach dem Vorgänger hat, jedoch nicht gerecht wird. Kurzweilig und locker erzählt der Autor über die aufregenden Erlebnisse des schnöseligen Lindwurms im Buchhaim und verwebt, genau wie man es von ihm kennt, eine Menge skurriler, amüsanter Ideen in die Geschichte, doch auch nur annährend so spannend wie sein Vorgänger, wird „Das Labyrinth der träumenden Bücher“ nie. Dies liegt vor allem daran, dass Moers die eigentliche Handlung kaum vorantreibt, sondern sich mit unzähligen Nebensächlichkeiten aufhält, sodass es zeitweise sogar so wirkt, als wollte er bloß so viele Seiten wie möglich füllen – die ziemlich langweilige 100-seitige (!!!) mythenmetzsche Abschweifung zum Thema Puppetismus ist hier wohl das deutlichste Beispiel. Erst in den letzten Kapiteln strafft Moers den Spannungsbogen merklich, ein großes Finale bleibt jedoch auch aus.

Doch der letzte Satz des Buches tröstet den Leser zumindest etwas: Hier fängt die Geschichte an. Im anschließenden Nachwort wird nämlich verraten, dass das Buch „Das Labyrinth der träumenden Bücher“ gesplittet werden musste, ein zweiter Teil, in dem Hildegunst von Mythenmetz dem Geheimnis des Briefes endlich auf den Grund geht, folgt. Warum das Buch geteilt wurde, ist zwar zumindest mir ein Rätsel, denn diesen ersten Teil hätte man problemlos um die Hälfte kürzen und das Buch als Ganzes veröffentlichen können, doch wenigstens bedeutet dies, dass das, was Moers in „Das Labyrinth der träumenden Bücher“ bietet, noch lange nicht alles ist, was wir von Hildegunst von Mythenmetz hören werden.

_Fans werden_, wie schon gesagt, wohl deutlich mehr von Walter Moers erwartet haben, doch alles in allem ist „Das Labyrinth der träumenden Bücher“ dennoch kein schlechtes oder auch nur durchschnittliches Werk. Der Autor hat sich jedenfalls erneut eine ganze Menge für seine Leser einfallen lassen, sodass sich die Lektüre in jedem Falle lohnt. Lesern, die mit Walter Moers bisher noch nicht in Berührung gekommen sind, sei jedoch empfohlen, sich eher einem anderen Werk des Autors zu widmen.

|Gebunden mit Schutzumschlag: 432 Seiten
ISBN 978-3813503937|
[www.randomhouse.de/knaus]http://www.randomhouse.de/knaus

_Katharina Beck_

_Walter Moers bei |Buchwurm.info|:_
[„Die Stadt der träumenden Bücher“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2486
[„Adolf: Der Bonker“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2668
[„Der Schrecksenmeister“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4678
[„Rumeo & Die Wunder im Dunkeln“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4731
[„Der Schrecksenmeister“ (Lesung)]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5078

Feyl, Renate – Aussicht auf bleibende Helle

_Tiefer Wunsch auf Aussicht_

|Die Autorin|

Renate Feyl ist eine 1944 geborene DDR-Autorin, die sich nach der Wende erfolgreich literarischen Gestalten gewidmet hat, wie Sophie La Roche in „Die profanen Stunden des Glücks“ oder Caroline von Wolzogen und Schiller in „Das sanfte Joch der Vortrefflichkeit“. Man merkt einen vortrefflichen Sinn für interessante Buchtitel sowie Gespür für die entscheidende Rolle der Frauen in der Geschichte, entspricht damit auch gerade dem femininen Geschmack und ist nie verlegen um zeitgerechte Details, die erahnen lassen, welche Mühe hinter diesen Werken steckt. Zwar gehen einem die Konflikte nie so recht unter die Haut, aber wer eine kulturell überprägte, gepflegte Sicht auf die Dinge bevorzugt, ist bei ihr bestens aufgehoben.

|Die Zeit|

Nicht jeder wird mühelos wissen, was in Preußen von etwa 300 Jahren los war, als sich der verwachsene Kurfürst zum ersten König von Preußen krönte, der Großvater von Friedrich dem Großen. Noch weniger von der Königin Sophie Charlotte, für die das später nach ihr benannte Schloss Charlottenburg erbaut wurde. Vielleicht weiß man aber, dass dem historischen Berlin mit der Straße Unter den Linden, dem französischen und deutschen Dom am Gendarmenmarkt und vielen anderen Bauten das Gesicht gegeben wurde und dass in dieser Zeit die Preußische Akademie unter Leibniz gegründet wurde. Das alles hört sich nach wahnsinniger Verschwendung an und war es wohl auch, aber wie man heute noch vor sich hinträumt, vermittelt die Autorin das Bild, dass daraus Wohlstand und Kultur hervorspross. Das kann man heute nur bestätigen, jedoch diesem wirtschaftlichen Geheimnis kommt man durch Lesen dieses Buches leider keinen Schritt näher. Was man von dem Zeitbild aber erfährt, ist, wie grandios die Begeisterung der gesamten Bevölkerung für ein preußisches Königtum war. Ist man mutig, könnte man gerade darin das Geheimnis dieses Aufschwungs sehen. Jedenfalls feierte man die Selbsterhöhung als würde „Jubel aus allen Mauern brechen“.

|Die Protagonisten|

Sophie Charlotte leidet auf hohem Niveau, wenn durch ihre Königinnenrolle mehr Zeremonielles in ihr Leben kommt, wo sie doch ihr eigenes, das spätere Schloss Charlottenburg als einen rechten Musenhof führen wollte. Auch war sie von den Staatsgeschäften aus dynastischen Erwägungen weitgehend ausgeschlossen. Ihre anerzogene Contenance konnte dann auch nicht erschüttern, dass sich der König-Gatte nun eine Maitresse hielt. Das alles ordnet die Autorin richtig als monarchische Normalität ein und lässt vor diesem Hintergrund eine ungetrübte Zuneigung zwischen dem Königspaar aufscheinen. Das Leiden ist auch relativ, denn Sophies Motto ist: „Nichts ist ungesünder, als traurig zu sein“.

Am Musenhof der 32-jährigen Sophie Charlotte ist des Öfteren das 54-jährige Genie Gottfried Wilhelm Leibniz zu Gast, wird alsbald mit der Gründung der Akademie beauftragt und die Königin freut sich nicht nur daran, dass Leibniz im Weltranking der Gelehrten auf Platz eins ist, sondern auch an seiner Disputationsfreudigkeit. Solche Dialoge zwischen Königin und Genie zu schreiben, ist nicht einfach, dementsprechend sparsam wird damit umgegangen. Aber was die Schriftstellerin uns an Details dieser barocken Welt ausbreitet, übersteigt beinahe das Erfassbare, macht es aber sehr glaubhaft. In den Gesprächen bringt Sophie das Genie immer wieder in Verlegenheit und fordert Leibniz zum Schluss jedes Mal auf, alles hübsch zu Papier zu bringen. Ihre Briefe allerdings hat der Gemahl nach ihrem frühen Tod vernichten lassen, so dass sich über den Grad eventueller Verliebtheit (Mariage mystique) nichts mehr sagen lässt. Auch in diesem Punkt ist die Autorin auf liebenswürdiges Konstruieren angewiesen und sie bewältigt das so, dass sie außer den Dialogspitzen auch Sehnsuchtsmomente bei Leibniz anlegt, wenn er mal nicht in ihrer Nähe ist. Leibniz bekommt es mit der leichten Entflammbarkeit der Königin für einen Extremisten, der dem Atheismus zuneigt, zu tun und darf ein bisschen eifersüchtig sein, woraufhin ihm die Königin schon einmal zeigt, welch Standesunterschied sie trennt.

_Message_

Sophie Charlotte wird als eine Frau dargestellt, die es liebt „Feuer an die Gedanken zu legen“. Es muss ein wohliges Gefühl für die sich mit ihr identifizierenden Leser sein aus einer kommoden Lage das Genie zu Füßen zu sehen und zu lesen, dass „Frauen unbefangener und aufmerksamer über die Feinheiten der Dinge“ nachdenken. In den Sprachschöpfungen von Renate Feyl, wenn sie von „Plattköpfen und Wetzmäulern“ spricht, kann man sich getrost aalen. Was man an historisch belastbarem Wissen gewinnt, weiß man naturgemäß nicht genau. Was die „Aussicht auf bleibende Helle“ ist, wenn die Protagonistin stirbt und später auch der einsame Leibniz, kann man nur ahnen. Vielleicht ist es der Wunsch auf ein bleibendes und gutes Königtum in deutschen Landen.

|Paperback: 288 Seiten
ISBN-13: 978-3453351974|
[www.randomhouse.de/diana]http://www.randomhouse.de/diana

_Christian Rempel_

Sánchez, Julián – Pforte des Lichts, Die

„Die Pforte des Lichts“ nennt sich das Debüt des spanischen Autors Julián Sánchez, der 1966 in Barcelona geboren wurde und seit 1993 in San Sebastian lebt. Erzählt wird darin die Geschichte des geschiedenen Autors Enrique Alonso, der nach dem Tod seines Ziehvaters Artur Aiguador, der in die abenteuerliche Jagd auf ein mittelalterliches Relikt, den Gottesstein, verstrickt wird.

_Aiguador ist_ renommierter Antiquar in Barcelona und entdeckt in einem Nachlass eine geheimnisvolle Handschrift, verfasst von einem christlichen Steinmetz namens Casadevall. Diesem wurde von den Juden, nachdem diese die pestkranke Tochter des Steinmetzes heilten, ein mysteriöser Stein anvertraut, der seinem Besitzer durch die Eingravierung des wahren Namen Gottes gewaltige Macht verleihen soll. Casadevall soll das Artefakt vor den Christen verstecken, um die Menschheit zu schützen. Kurz nach dem Erwerb der Schrift wird der alte Antiquar tot in seinem Geschäft aufgefunden. Enrique findet kurz darauf das rätselumwobene Dokument und lässt es, unterstützt von seiner Ex-Frau Bety und seiner neuen Geliebten Mariola, übersetzen, um dem Mörder Arturs auf die Schliche zu kommen. Doch mit jedem Detail, das das Dokument aus dem 15. Jahrhundert von seinem Verfasser und seiner Geschichte preisgibt, wächst auch Enriques Neugierde, sodass er sich schließlich Hals über Kopf selbst daran macht, den Stein aufzuspüren. Dabei ahnt er jedoch nicht, dass er sein eigenes sowie das Leben seiner Freunde und seiner Helfer beim Entschlüsseln des Geheimnisses der Schrift in Gefahr bringt. Als er den Ernst der Lage erkennt, ist es schon fast zu spät.

_Die Verwebung_ der mysteriösen Geschichte des Steinmetzen Casadevall aus dem mittelalterlichen Barcelona mit der Aufklärung eines aufsehenerregenden Mordfalles und einer aufregenden Liebesgeschichte in derselben Kulisse einige Jahrhunderte später in einem Roman klingt zunächst überaus spannend, abwechslungsreich und vor allem innovativ – und das ist es auch. Geschickt lässt Sánchez die einzelnen Handlungsstränge nebeneinander herlaufen und an genau den richtigen Stellen aufeinandertreffen, dass es bei der Lektüre von „Die Pforte des Lichts“ nie langweilig wird. Damit lenkt der Autor vor allem bestens davon ab, dass jede der Geschichten für sich genommen den Spannungsbogen kaum über die kompletten 500 Seiten tragen oder gar stetig steigern kann, stattdessen liegt der Fokus immer genau dort, wo sich gerade etwas tut. Beeindruckend ist dabei, dass Sánchez seinen Schreibstil stets der gerade beschriebenen Situation anpasst: Mit alter Sprache, elegantem Audruck und intelligent ausgeschmückt mit historischen Details wird die Handschrift zitiert, packend, schnörkellos und auf den Punkt schildert der Autor die Geschehnisse im modernen Barcelona, lediglich die Beschreibung der romantischen Szenen wirkt an manchen Stellen oberflächlich abgefertigt, sodass es Sánchez nicht gelingt, die passende Stimmung herüberzubringen. Daran scheitert er meiner Meinung nach auch an anderer Stelle, denn obwohl die schöne Stadt Barcelona mit ihren alten Bauwerken und Monumenten wohl der perfekte Schauplatz für eine Geschichte dieser Art ist, so versprüht der Roman leider kaum das Flair der Stadt oder die Mentalität der Bevölkerung, wie ich es mir vor der Lektüre erhofft hatte.

_Abschrecken sollen_ diese Details vom Kauf jedoch keinesfalls, denn mit „Die Pforte des Lichts“ veröffentlicht Julián Sánchez ein sehr gelungenes Debüt, das nur an kleineren Schwächen leidet. Über diese kann man, besonders in Anbetracht der abwechslungsreichen und packenden Handlung des Buches sowie der Vielzahl der aufgegriffenen Genres und der damit einhergehenden Vielzahl der beim Leser erregten Gefühle, jedoch problemlos hinwegsehen. Deshalb kann ich nur dazu raten, die vom Verlag bereitgestellte [Leseprobe]http://www.randomhouse.de/content/edition/excerpts/121725.pdf anzutesten und das Werk gegebenenfalls zu kaufen!

|Gebunden mit Schutzumschlag: 512 Seiten
Originaltitel: El Anticuario
Ins Deutsche übertragen von K. Schatzhauser
ISBN 978-3809025887|
[www.randomhouse.de/limes]http://www.randomhouse.de/limes/index.jsp

_Katharina Beck_

Grimbert, Pierre – magische Zeichen, Das (Die Götter 2)

_|Die Götter:|_

Band 1: [„Ruf der Krieger“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7307
Band 2: _“Das magische Zeichen“_
Band 3: „Die Macht der Dunkelheit“ (12.12.2011)

Nachdem der französische Autor Pierre Grimbert im März dieses Jahr mit „Der Ruf der Krieger“ den ersten Teil seines neuen Zyklus „Die Götter“, der dritten Buchreihe, die er den Geheimnissen um die Insel Ji widmet, veröffentlichte, steht nun das zweite Werk „Das magische Zeichen“ in den Regalen.

Damián, Guederic, Lorilis, Josion, Maara, Najel und Souanne, die Kinder der Protagonisten der Vorgänger-Zyklen, sind noch immer nicht dahinter gekommen, aus welchem Grund ihre Eltern sie unter rätselhaften Bedingungen zusammenbrachten. Doch jetzt müssen sie um das Leben ihrer Mütter und Väter fürchten, die sich überraschend selbst zur Insel Ji aufmachten, um herauszufinden, ob die Dämonen auf die Welt zurückgekehrt sind und laut Aussage der Mutter Josions bei einem geheimnisumwobenen Bootsunglück ums Leben kamen. Deshalb wagen nun auch die sieben Nachkommen die abenteuerliche Reise zum Grab des gefährlichen Dämon Sombre auf der Insel Ji und machen dabei eine folgenschwere Entdeckung.

_Nachdem sich der Autor_ im ersten Teil der Reihe zunächst damit befasste, die Charaktere, vorzustellen und Hintergründe der Geschichte zu erklären, die Handlung selbst jedoch nur wenig vorantrieb, geht es in „Das magische Zeichen“ nun deutlich mehr zur Sache. Ausführliche Beschreibungen und Erläuterungen kann sich Grimbert im zweiten Band sparen, schließlich wurden die Leser im ersten Buch bereits detailliert informiert und können der Geschichte nun problemlos folgen. Auch deshalb gestaltet sich die Lektüre des Werks „Das magische Zeichen“ deutlich spannender und fesselnder als die des Vorgängers, zum weit größeren Anteil lässt sich dies jedoch damit begründen, dass der Autor erst jetzt richtig in die Handlung einsteigt und den Leser, gemeinsam mit den sieben Gefährten der Geschichte, von einem Abenteuer ins Nächste stolpern lässt. Der Spannungsbogen wird sachte aufgebaut, doch schon zu Beginn des Buches immer wieder kurz gestrafft, sodass es selten langweilig wird und man das Buch nur ungern aus der Hand legen möchte. Ist man jedoch erst einmal etwa in der Mitte des Buches angekommen, so scheint dies nahezu unmöglich, denn ab dann jagt ein Höhepunkt den Nächsten.

Kritisch anzumerken ist jedoch, dass man stets zumindest eine Ahnung hat, was als Nächstes passieren könnte und sich dies auch in vielen Fällen bestätigt, sodass wirkliche Überraschungsmomente bei der Lektüre von „Das magische Zeichen“ weitestgehend ausbleiben. Und besonders dieser Punkt wird Pierre Grimberts neuem Buch ein wenig zum Verhängnis, gehört gerade die Vorhersehbarkeit der Handlung doch zu den wichtigen Kriterien, die ein nur gutes von einem herausragenden Werk unterscheiden. Zu diesen zählt auch die Kreativität des Autors beim Erschaffen der Figuren, der Umgebung oder der Geschichte. Grimbert bedient sich in seiner Erzählung von Dämonen, Kriegern und Magie jedoch leider ausschließlich altbekannten Mustern und Ideen, sodass sich „Das magische Zeichen“ getrost als recht klischeehaftes und zumindest teilweise etwas uninspiriertes Fantasy-Buch bezeichnen lässt.

_Wer sich jedoch_ gerade an solch typischen Fantasy-Büchern erfreut, wird von Pierre Grimbert ein weiteres Mal gut bedient. Ähnlich wie die bisherigen Werke des Autors eignet sich „Das magische Zeichen“ also perfekt als leichte Lektüre für zwischendurch, die den Leser aufgrund der einfachen Sprache auch nicht zu sehr fordert.

|Taschenbuch: 336 Seiten
Originaltitel: Le deuil écarlate
Ins Deutsche übertragen von Sonja Finck und Andreas Jandl
ISBN 978-3453527690|
[www.randomhouse.de/heyne]http://www.randomhouse.de/heyne

_Katharina Beck_

Ahern, Cecelia – Ich schreib dir morgen wieder

_Eine neue Cecelia_

Die gerade mal Dreißigjährige hat sich gleich mit ihrem ersten Roman |P.S. Ich liebe Dich| in die Herzen nicht nur der jungen Generation geschrieben, sondern sie erreicht mit ihrem spritzigen Humor, ihrer Seele und einem Schuss Magie auch die Älteren. Ihre Heldinnen sind immer ein bisschen so, wie sich die junge Generation selbst gern sehen würde und wie wir Älteren wünschten, dass es die junge Generation wäre.

|Kritikpunkte|

Jetzt aber machte sich Enttäuschung breit, denn die neue Heldin Tamara ist eine scheinbar verwöhnte Göre von 16, die das Pech hatte, dass der Universalgeldbeschaffer Papa durch Selbstmord aus dem Leben schied und die Ursache dieses Entschlusses der nicht mehr abwendbare Ruin war, der auch für die Rotzgöre das Ende des Schwelgens in teuren Urlaubszielen und Markenerzeugnissen bedeutete. Zwar ist als Rest von Identifikationspotenzial ihre Liebe zu den eigenen Eltern vorhanden, aber sonst hatte man an Idealischem doch wesentlich mehr.

Der zweite Kritikpunkt ist allgemein, dass sie sich diesmal, wie bei anderen Autoren üblich, eine Exposition von etwa einem Drittel des Buches gönnt, dann aber eine Rasanz der Handlung entwickelt, dass die Zeichnung der Personen vor der Action zurücktritt und man das Gefühl hat, sie hat ein wenig zu viel |Dan Brown| gelesen. Sie gibt dem Geschehen die unwahrscheinlichsten Wendungen, so dass man Mühe hat zu folgen. Es genügt da nicht, dass das Buch in einem Show-Down endet, sie muss noch eine Geschichte im Stile eines Märchens nachschieben, um einigermaßen Verständnis zu erlangen.

|Cecelias Stil|

Die Senkrechtstarterin Ahern ist sich wohl bewusst, dass eine Schriftstellerin ihren Erfolg nicht allein ihrem Talent verdankt, sondern der Tatsache, dass sich so viele Leser finden, dass sie gut von den Auflagen leben kann. So wendet sie sich immer wieder an den Leser, was sich im besprochenen Roman aber auf den gemeinhin als langweilig eingestuften ersten Teil beschränkt. Man hat das Gefühl von einer charmanten, geistreichen und hübschen jungen Frau direkt angesprochen zu werden, die sich vorgenommen hat, einem ein literarisches Vergnügen zu bereiten, was man selbstredend gern annimmt. Den Kritikern, die sich teils als sehr enttäuscht von diesem Roman bezeichnen, scheint das nicht mehr zu genügen.

Nach besagtem Ruin findet Tamara mit ihrer in Agonie verfallenen Mutter Aufnahme bei einem verwandten Ehepaar Rosaleen und Arthur, deren Lebensaufgabe darin zu bestehen scheint ein Anwesen um ein verfallenes Schloss in Schuss zu halten. Sie bewohnen dessen Torhaus, versorgen die Mutter von Rosaleen, die irgendwie unter Verschluss gehalten wird, und geheimnisvoll ist auch die Anwesenheit von vier Nonnen in einem der Nebengebäude.

In dieser Szenerie bewegt sich nun Tamara, wobei sie nur wenig Mühe aufwenden muss, diese neue Umgebung in ein gut funktionierendes Dienstleistungskombinat zu verwandeln, wo sie nun zwar auf einiges Entertainment verzichten muss, aber ihre Launen doch gehörig ausleben kann. Es erfordert nicht viel Mühe, bei Tamara, mit der sich doch so wenige Leser identifizieren können, unter der verwöhnten Schale doch einen patenten Kern auszumachen. Sie stammt doch schließlich aus Cecelias Feder, und wie sollte es da anders sein.

Und endlich taucht ja auch das selbstschreibende Tagebuch auf. Es gilt aber noch einen passenden Schlüssel zu finden, da es mit einem Schloss versehen ist. Da die Weiblichkeit in dem Buch deutlich dominiert, die paar Männer nur zum Totsein, Schweigen oder anhimmeln gedacht sind, ist es auch eine Frau, die es, brachial allerdings, öffnet. Dann kommen sie endlich, die Tagebuchaufzeichnungen, die so etwas wie eine Bestimmung symbolisieren sollen, wovon aber nur sparsam Gebrauch gemacht wird, was auch wieder Fans in Harnisch brachte, die nun das halbe Buch voller orakelnder Tagebuchseiten wünschten. Cecelia aber geizt mit dieser kleinen Zeitmaschine für einen Tag, denn es ist auch ein Erziehungsinstrument, und wie sollte man davon zu viel einsetzen bei allseits verbreiteter Abwehrsensorik gegen solcherlei Mittel.

|Action|

Natürlich verbietet es sich, auszubreiten, was sich genau zuträgt, aber man muss Cecelia hier zugutehalten, dass es weder Tote noch ernsthaft Verwundete bei den als spannend eingestuften Aktionen gibt, noch gibt es eine echte Schuld, sondern eben nur psychisch Motiviertes, das eventuell sogar heilbar sein könnte. Auch hier muss eine Frau, Rosaleen herhalten, die ihren Mann gehörig unter dem Pantoffel hält und für die vielen verborgenen oder unter den Teppich gekehrten Dinge zuständig ist, die es also schafft, trotz ihres Fleißes und der Aufopferung für die unfreiwilligen Gäste noch unsympathischer zu erscheinen als die Rotzgöre Tamara. Da zeigt es sich, dass das gröbste Vergehen nicht etwa in Verwöhntheit besteht, sondern in ungerechtfertigter Kontrolle.

|Märchen|

Da man auch nach dem Showdown noch nicht alles verstanden haben kann und nicht alle Motivationen klarliegen, Ahern aber um jeden Preis volkstümlich bleiben möchte, entschied sie sich fast am Schluss noch für ein Märchen, das die Geschichte eines armen Mädchens erzählt, die wir unschwer zuordnen können. Was wäre es auch für ein Schloss, wenn dort nicht Märchenhaftes zu verzeichnen gewesen wäre und sie lässt uns in einem Gefühl zurück, dass alles im Leben seine Ordnung hat. Es ist bedauerlich, dass der Adel dieses Schlosses untergehen musste und nebenbei sind wir auch mit der Wohlstandswelt des moderneren Lebens versöhnt, so dass die Autorin am Schluss freundliche Aufnahme ihres Dankes an den Leser erhoffen kann, dass er dieses Buch auch gelesen hat.

_Fazit_

Cecelia Ahern unternimmt in diesem Buch den Versuch, mit einer nicht von vornherein absolut zu vergötternden Heldin zu einem guten Ende zu kommen, indem sie ein ausgezirkeltes Verwirrspiel um dieses Persönchen herum organisiert, das uns letztendlich mit der Protagonistin Tamara und also auch mit uns selbst versöhnt.

|Hardcover: 368 Seiten
Originaltitel: The Book of Tomorrow
ISBN-13: 978-3-8105-0145-5|
[www.krueger-verlag.de]http://www.krueger-verlag.de

_Christian Rempel_

_Cecelia Ahern bei |Buchwurm.info|:_
[„P.S. Ich liebe dich“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3321

Roche, Charlotte – Schoßgebete

_Inhalt_

Elisabeth lebt ein Leben voller Ängste und Komplexe: Sie hat Angst, dass ihr Mann sie verlässt, weil sie zu kleine Brüste hat, sie hat Angst vorm Sterben jeglicher Art und macht sich immer Sorgen um ihre Tochter. Sie muss alles kontrollieren und ist immer aufs Schlimmste gefasst. Seit etlichen Jahren geht sie deswegen zu ihrer Therapeutin, Frau Drescher, die ihr schon bei vielem geholfen und außerdem bislang verhindert hat, dass Elisabeth sich umbringt. Alle möglichen Themen werden dreimal die Woche mit Frau Drescher besprochen. Insbesondere beschäftigt sie sich aber mit Sex. Da ist Elisabeth nichts peinlich und sie kann alles vergessen und loslassen.

Ihre Ängste aber wurden, ihrer Meinung nach, durch einen schrecklichen Unfall vor acht Jahren ausgelöst, der ausgerechnet vor der geplanten Hochzeit mit ihrem Ex-Freund geschah. Dieser Unfall verfolgt sie bis heute. Und an Elisabeths Komplexen ist allein ihre Mutter schuld, die ihre Kinder zu streng und zu gläubig erziehen wollte. Das hat allerdings bei ihr nicht wirklich funktioniert …

_Kritik_

Völlig frei von irgendwelchen Erwartungen oder Vorbehalten habe ich das Buch „Schoßgebete“ von Charlotte Roche gelesen, denn leider kenne ich den vorigen Roman „Feuchtgebiete“ nicht.

Charlotte Roche beschreibt absolut frei raus, was in dem Kopf von Elisabeth vorgeht. Alle Details ihrer Sexualität und viele komische oder extreme Gedanken, die sie wegen ihrer Ängste und Komplexe hat. Das Buch ist in drei Tage aufgeteilt: „Dienstag“, „Mittwoch“ und „Donnerstag“. Jedem Tag werden etliche Seiten gewidmet und es wird genaustens alles beschrieben, was sie an diesen Tagen erlebt und fühlt. An allen drei Tagen geht sie zu ihrer Therapeutin, um ihren Gedanken freien Lauf zu lassen.

In manchen Gedankengängen findet man sich selbst irgendwie wieder, egal, ob es ekelige, schreckliche oder auch schöne Gedanken sind. Viele Sachen finde ich allerdings auch befremdlich. Wer zum Beispiel wünscht sich schon den Tod eines Menschen? Charlotte Roche ist hier sehr ehrlich und ungezwungen offen. Das Buch ist somit faszinierend, aber auch etwas abstoßend zugleich.

Dass sie viel über den einen schrecklichen Unfall erzählt, der vor acht Jahren einen Tag vor ihrer geplanten Hochzeit geschah, habe ich aufgrund des Buchtitels nicht wirklich erwartet und war etwas enttäuscht. Ich finde, zu diesem Thema sind die Passagen leicht langatmig. Es gibt sicherlich einen Zusammenhang zwischen Elisabeths jetzigem Dasein und dem Unfall, dennoch hätte man die Erzählung, meines Erachtens nach, verkürzen können. Auch springt die Autorin sehr plötzlich von Berichten aus der Vergangenheit ins Jetzt und umgekehrt. Das ist etwas gewöhnungsbedürftig und man muss dann immer schnell umschalten.

Die Protagonistin selbst finde ich oft sehr übertrieben ängstlich und kontrollsüchtig, im Allgemeinen aber schon sympathisch. Eben weil sie so offen ist. Das Buch an sich ist in einer meist einfachen Sprache geschrieben. Einiges ist lustig dargestellt und man muss über Begriffe wie „Geilheitsexperiment“ oder „Polochdialog“ schmunzeln.

_Autorin_

Charlotte Roche wurde 1978 in High Wycombel/England geboren und wuchs in Deutschland auf. Als Moderatorin u. a. bei VIVA, 3sat und das ZDF wurde sie mit dem Grimme-Preis sowie dem Bayrischen Fernsehpreis ausgezeichnet. 2008 veröffentlichte sie ihren ersten Roman, „Feuchtgebiete“, der eine gesellschaftliche Debatte auslöste und zum erfolgreichsten Buch des Jahres avancierte. Charlotte Roche wohnt mit ihrem Mann und ihrer Tochter in Köln. (Verlagsinfo)

_Fazit_

„Schoßgebete“ von Charlotte Roche ist ein durchaus gelungener, offener, aber auch verwirrender Roman. Charlotte Roche hat einen sehr eigenen und freizügigen Schreibstil, der den Leser sicherlich beim Lesen auch schon mal fast „rot werden“ lässt. Für sehr prüde Leser wohl eher nicht geeignet. Aber für alle, denen auch nichts peinlich ist, ist dieses außergewöhnliche Lesevergnügen ein absolutes Muss. Ich für meinen Teil weiß nun, dass ich den Roman „Feuchtgebiete“ unbedingt noch lesen werde. Nicht zuletzt, um auch noch mal einen Vergleich zwischen den beiden Büchern zu ziehen.

|Broschiert: 288 Seiten
ISBN-13: 978-3492054201|
[www.piper.de]http://www.piper.de

_Nadine Stifft_

Schmitz, Ralf – Schmitz\‘ Mama: Andere haben Probleme, ich hab\‘ Familie

_Inhalt_

Comedian Ralf Schmitz widmet sich in diesem Buch seiner Familie, oft und im Speziellen aber seiner Mutter. Er berichtet von vielen lustigen Ereignissen aus seiner Kindheit, aber auch von neusten Erlebnissen. Es gibt Kapitel wie „Die ersten Male“, „Der Mama-Test“ oder „Happy Family“. Außerdem sind zahlreiche Tipps zu Fragen wie „Warum sagt Mama immer Dingens?“ und „Wie beendet man ein Telefonat mit Mama?“ enthalten.

_Kritik_

In „Schmitz‘ Mama“ berichtet Ralf Schmitz wortgewandt, lustig und voller Charme über seine Familie. Viele Kapitel widmet er aber auch seiner Mama. Es werden Themen aufgegriffen wie zum Beispiel die Redseligkeit seiner Mutter, die immer eine peinliche Story über ihn auf Lager hat oder aber er erläutert, wie man am besten ein Telefonat mit nervigen Anrufern beenden kann. Genauso erzählt er absolut komische Geschichten aus seiner Kindheit. Mich hat am meisten das Kapitel „Das erste Mal allein im Urlaub“ vom Hocker gehauen. Ich habe wirklich Tränen gelacht und konnte mir die beschriebenen Szenen bildhaft vorstellen.

Die Kapitel sind recht kurz gehalten und somit schnell zu lesen. Die ersten 150 Seiten hatte ich direkt an einem Stück durch und Etliches musste ich sofort meinem Freund vorlesen, da es so lustig war. Viele Passagen sind noch gespickt mit Fotos, die den ganzen chaotischen und verrückten Geschichten noch den letzten Schliff geben. In dieser Hinsicht ist das Kapitel „Mamas raffinierteste Rezepte“ nicht zu übertreffen. Ralf gibt Tipps, wie man ungenießbares Essen am besten verschwinden lassen kann. Als Beweis, dass diese Tipps wirklich gut umzusetzen sind, werden am Ende noch Fotos angehängt. Und die sind wirklich absolut genial.

Negativ finde ich nur das etwas langatmige Kapitel über das Thema „Weihnachten“. Es wird über diverse Besuche bei Verwandten geschrieben. Mir hätte auch einfach eine Story über Weihnachten gereicht. An dieser Stelle war das einzige Mal, wo ich mir gewünscht habe, dass endlich ein Ende in Sicht ist. Ansonsten habe ich mich über jedes Kapitel gefreut und war immer amüsiert.

_Autor_

Ralf Schmitz, Jahrgang 1974, ist mehrfach ausgezeichneter Comedian und Schauspieler. Bekannt aus den erfolgreichen TV-Serien „Die dreisten Drei“, „Schillerstraße“ und „Genial daneben“ überzeugte er auch mit eigenen Formaten wie „Schmitz komm raus“ oder der Ausstrahlung seiner Live-Programme „Verschmitzt“ und „Schmitzophren“. Als Zwerg Sunny brillierte er in den beiden preisgekrönten Kinofolgen „Sieben Zwerge“ mit Otto Waalkes, die über sieben Millionen Zuschauer begeisterten. In den Kinofilmen „Die Konferenz der Tiere“, „Kung Fu Panda“ oder auch „Ab durch die Hecke“ verlieh er den tierischen Hauptdarstellern seine Stimme, und mit dem Kinderlied „Shaun das Schaf“ sang er sich an die Spitze der Download-Charts. Ralf Schmitz ist regelmäßig in TV-Shows zu sehen und füllt mit über 100 Gastspielen im Jahr die großen Hallen in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Sein 2009 veröffentlichtes Buch „Schmitz‘ Katze“ belegte monatelang die Top Ten der Spiegel-Bestsellerliste und beweist damit, dass er ein wahres Multitalent ist. (Verlagsinfo)

_Fazit_

Ich finde, dass Ralf Schmitz sich mit „Schmitz‘ Mama“ selbst übertroffen hat. Leider habe ich „Schmitz‘ Katze“ bislang nicht gelesen und kann somit keine Vergleiche ziehen, aber „Schmitz‘ Mama“ ist einfach super lustig und man amüsiert sich köstlich. Man kann einige Sachen auch gut mal im Bekanntenkreis vortragen und sich somit gemeinsam kringelig lachen. Ich kann das Buch jedem empfehlen, der zwischendurch mal eine humorvolle Lektüre lesen möchte.

|Broschiert: 332 Seiten
ISBN-13: 978-3596191109|
[www.fischerverlage.de]http://www.fischerverlage.de

_Nadine Stifft_

Woon, Yvonne – Deine Seele in mir (Dead Beautiful 1)

_|Dead Beautiful|:_

Band 1: _“Deine Seele in mir“_
Band 2: „Unendliche Sehnsucht“ (2012)

_Inhalt:_

Für die 16-jährige Schülerin Renée ändert sich das gesamte Leben schlagartig, als sie ihre Eltern tot in einem Wald entdeckt. Als Todesgrund wird bei ihnen Herzversagen festgestellt, was aber weder Renée noch ihr Großvater glauben können. Wie können zwei junge Menschen gleichzeitig an Herzversagen sterben, wenn sie vorher gesund waren und mit Mullbinden im Mund aufgefunden werden?

Ihr Großvater schickt sie auf das Gottfried-Institut, einem Internat für reichere Schüler, auf dem nicht die üblichen Fächer wie Mathematik oder Englisch unterrichtet werden, sondern u. a. Gartenbau auf dem Stundenplan steht.
Im Internat lernt sie Dante kennen, einen Außenseiter, der Menschen meidet und nur mit wenigen redet. Erstaunlicherweise finden die zwei recht schnell Kontakt zueinander und lernen sich gegenseitig kennen, dennoch wagt Dante nicht den nächsten Schritt, um sie zu küssen.

Als Renée erfährt, dass in der Vergangenheit viele Schüler an Herzversagen gestorben sind, entdeckt sie Parallelen zu dem Tod ihrer Eltern – und auch Dante scheint nicht das zu sein, was sie bislang über ihn dachte …

_Eindruck:_

„Deine Seele in mir“ ist der Auftakt einer neuen Serie, bei der die genaue Anzahl der Bände noch nicht bekannt ist.

Yvonne Woon hat mit „Deine Seele in mir“ einen wunderbaren Debutroman geschaffen, der mich von der ersten bis zur letzten Seite fasziniert hat. Lange empfand ich das Buch als normalen Jugendbuchroman, bis immer mehr Fantasyelemente eingebaut wurden, die dem Buch sehr gut tun und an den richtigen Stellen auftauchen.

Die düstere Stimmung und ein interessanter Schauplatz sorgen für Gänsehaut und Faszination. Ich hatte große Mühe, das Buch für längere Zeit aus den Händen zu legen, weil ich unbedingt wissen wollte, wie es mit der Geschichte weitergeht.

Der Schreibstil der Autorin ist flüssig, mitreißend und den Charakteren bestens angepasst. Während die Lehrer und Renées Großvater eher altmodische Dialoge führen, besitzen Renée, Dante und die anderen Schüler eine angenehme, aber nicht aufgesetzte, saloppe Jugendsprache.

Erzählt wird die Geschichte aus der Sicht von Renée in der Ich-Perspektive. Als Leser habe ich einen guten Eindruck über ihre Gefühls- und Gedankenwelt erhalten, die zum Teil doch stark an einen Teenager erinnert, was ich hierbei aber nicht weiter schlimm fand. Gleichzeitig ist Renée aber auch sehr erwachsen in ihrem Handeln. Sie ist intelligent, selbständig und handelt klug, ohne sich dabei durch andere ablenken zu lassen.

Dante ist ebenfalls ein toller Charakter, den ich lange Zeit nicht einordnen konnte. Er war einst einer der beliebtesten Schüler an der Schule, wurde dann aber quasi über Nacht zum Außenseiter und hat den Kontakt zu sämtlichen Schülern abgebrochen. Er spricht mit den Leuten nur das Nötigste und lässt auch sonst keinerlei Kontakte zu – bis er auf Renée trifft, die ihm als Unterrichtspartnerin zugeteilt wird. Dante ist sehr intelligent und beherrscht Latein im Schlaf. Er schreibt und spricht die Sprache nicht nur, er macht die als tot geltende Sprache wieder lebendig.

Die Liebesgeschichte zwischen Renée und Dante wird authentisch und zaghaft dargestellt. Die kleinen Anfänge sind interessant und als Leser habe ich mich oft gefragt, wann sich die Beiden mehr annähern werden. Beide gehen vernünftig und reif mit ihrer Beziehung um, ohne die kindlichen und naiven Dinge wie z. B. Eifersucht ins Spiel zu bringen.

An einigen Stellen hat mich die Geschichte an „Twilight“ erinnert. Zwar ist hier von der Handlung her kaum bis gar keine Ähnlichkeit vorhanden, aber einige Dialoge waren doch beinahe identisch. So hat Dante u. a. Renée gebeten, stillzuhalten, weil er etwas ausprobieren möchte. Obwohl dies nur ein Beispiel von vielen ist, konnte ich eine Absicht der Autorin hier allerdings nicht entdecken. Ansonsten ist die Geschichte jedoch mit den typischen Büchern, wie „Die Tribute von Panem“ oder „Twilight“ nicht vergleichbar.

Natürlich ist die Handlung nicht völlig neu, was aber nicht weiter schlimm ist, da die Wesen, die hier in der Geschichte auftauchen, anders und vor allem besser beschrieben werden, als in so manch anderen Büchern. Hier wird nicht nur in Gut und Böse unterteilt, sondern genau auf einzelne Schicksale eingegangen, was interessant und vielseitig erscheint.

Eine kleine Enttäuschung ist die Covergestaltung, die mich nicht wirklich zum Kauf animieren würde. Das Mädchen auf dem Cover soll Renée zeigen, ist meiner Meinung nach aber völlig misslungen, da ich mir das Mädchen vollkommen anders vorgestellt habe. Dazu ist der Blick starr und ausdruckslos. Hier hätte ich mir ein eher düsteres Cover gewünscht. Renée alleine im Wald oder vor der Kapelle hätte hier ein passendes Cover abgegeben. Aber dies ist natürlich immer Geschmacksache.

_Fazit:_

Insgesamt konnte mich der erste Band der „Dead Beautiful“-Serie sehr begeistern. Die düstere Atmosphäre, das eher strenge Internatsleben und die vielen unterschiedlichen Charaktere machen dieses Buch zu einem großartigen Lesespaß. Ich bin schon sehr auf die Fortsetzung gespannt. Ein deutscher Titel ist bislang nicht bekannt.

|Hardcover: 480 Seiten
Originaltitel: Dead Beautiful
Ins Deutsche übertragen von Nina Frey
ISBN 978-3423760386|
[www.dtv.de]http://www.dtv.de
[www.yvonnewoon.com]http://www.yvonnewoon.com

_Sabrina Reithmacher_