Forrest, Katherine V. – Töchter der Morgenröte

In einer recht nahen Zukunft bringt – entgegen eines Verbots – ein Raumfahrer eine Außerirdische mit auf die Erde. Die außerirdische Frau sieht umwerfend gut aus, gebärt viele Kinder und setzt ihren eigenen Kopf durch.

Viele Jahre später gibt es fast siebentausend weibliche Abkömmlinge, die mit den Genen ihrer Ahnin – liebevoll „Mutter“ genannt – versehen sind. Alle Frauen sehen gut aus, sind gebärfreudig und sehr intelligent. Die Mischung Mensch und Vernaerin führt auch dazu, dass nur Mädchen geboren werden und sämtliche Nachfahren einen starken lesbischen Trieb besitzen. Dazu kommt eine ungewöhnliche Langlebigkeit.

Die Welt ist nun im Wandel und kein Ort für solch eine Menschengruppe, die gleichzeitig auch das wertvollste Gut der Menschheit darstellt. Noch ahnt niemand etwas von dem intellektuellen Potenzial, doch handelt es sich dabei nur um eine Frage der Zeit. Mutter schart nun ihre Familie um sich und kann die meisten dazu bewegen, ihr zu folgen. Sie benennt die junge Megan zur Führerin und schon bald fliehen die meisten Frauen in den Weltraum.

Die Flüchtlinge haben eine neue Welt auserkoren, die es zu bewohnen gilt. Glücklicherweise gibt es nur wenige Gefahren. Schon bald entsteht ein weibliches Utopia in der Weite des Alls. Nur Megan ist unglücklich, da sie ein Mutter gegebenes Versprechen bindet. Doch als plötzlich ein irdisches Raumschiff mit vier Besatzungsmitgliedern erscheint, dreht sich auch für Megan das Liebeskarussell. Leider stellt die Besatzung auch eine große Gefahr für die Frauenkolonie dar…

Katherine V. Forrest ist vielen ihrer Leser – vor allem – als Krimiautorin bekannt. Doch auch mit ihrem 1984 erschienenem Werk „Töchter der Morgenröte“ leistet sie Beachtliches. Bevor man sich jedoch dem Lesegenuss hingibt, sollte die Leserschaft den Klappentext missachten. Der ist leider etwas vom Weg abgekommen und führt mehr in die Irre, als dass er eine Richtung vorgibt.

Auf den ersten Blick scheinen viele Klischees bedient zu werden und kommt einem der Roman langweilig vor. Das liegt jedoch daran, dass der Roman Ansprüche an die Leser stellt. Ein Actionfeuerwerk sucht man vergebens. Hier zeigt sich besinnliche Science-Fiction {nach Harlan Ellison: Speculative Fiction}, die viel Wert auf Charaktere und Beziehungsproblematik legt.

Bereits der Anfang ist packend. Mutter wird von einem Erdenmann als sexuelles Spielzeug mitgebracht und ist damit mit den neuzeitlichen Kataloghochzeiten zu vergleichen, die wir aus Osteuropa und Asien kennen. Mutter ist jedoch clever und lässt sich nicht lange von einem Mann Befehle erteilen. Sie setzt sich durch. Und so avanciert der Vater einer neuen Spezies zum Statisten. Im Grunde genommen haben wir hier eine Vorbildfunktion für die moderne Frau, die noch immer einem männlichen Diktat folgt, und der die Autorin entgegenruft: „Gehe deinen eigenen Weg.“ Im Laufe der letzten zwanzig Jahre hat die Emanzipation Fortschritte gemacht, aber dennoch bleibt diese Aussage oft genug aktuell.

Mutter erkennt nun eine weitere Problematik: Ihre Nachkommen werden immer mehr und können ihre Fähigkeiten immer schwerer verbergen. Die Weltregierung wird sich vielleicht nicht durch die Frauen, sondern durch deren Intelligenz bedroht sehen. Also beschließt Mutter, ihre Töchter bei der Hand zu nehmen und zu neuen Ufern zu führen. Trotz aller Klugheit und Selbstständigkeit handelt es sich um Kinder, die von ihrer Mutter beschützt werden müssen und auch wollen. Dadurch wird erkennbar, dass es sich hier um eine große, harmonische Familie handelt. Oft genug werden intellektuelle Personen durch ein starkes Elternteil geprägt. Diesem Umstand zollt die Autorin hier subtil Tribut. Eine Feinheit, die nicht jeder erkennt, die aber sehr wichtig ist.

Mit zarter Hand fördert Mutter die Eigenverantwortung ihrer Nachkommen. Doch sie weiß, dass bei solch einem Projekt eine starke Führungspersönlichkeit gebraucht wird. Hier kommt Megan ins Spiel, die absichtlich jung an Jahren ist. Dadurch bringt sie glaubhaft die nötige Energie auf, um solch ein Projekt zu leiten. Der Preis, den Megan zahlen muss, ist sehr hoch. Und daran geht sie fast zugrunde.

Forrests Utopia mag auf den ersten Blick fragwürdig aussehen. Doch verdient es einen tieferen Blick. Auf der neuen Heimat angekommen, gibt es erst herbe Rückschläge, die ihre Opfer fordern. Aber dann leben sich die Frauen ein und genießen die neue Freiheit, die sich vor allem in der freien Körperkultur zeigt, die von den Frauen praktiziert wird. Und damit stellt die Autorin die absolute Freiheit heraus, die einst nur im Garten Eden herrschte. Eine wunderbare Metapher, die tief ins Herz blickt und Emotionen weckt.

In einer solch eng verbundenen Gemeinschaft kann eine Bedrohung nur von Außen kommen. Und genau das ist der Fall. Erneut bedient sich die Autorin einer indirekten Sprache, um die Charaktere ihrer Protagonisten zu skizzieren. Die Eindringlinge werden herumgeführt und bekommen Freiheiten zugestanden. Nur das weibliche Besatzungsmitglied versteht die Gesetze Utopias und löst sich vom Patriarch der Erde. Die Männer kommen mit der neuen Welt kaum zurecht. Sie sehen ihre eigenen Spielregeln und Maßstäbe bedroht, haben Angst davor, ihren Einfluss zu verlieren. Sie begegnen der Freundlichkeit mit Verrat und müssen später den Preis zahlen. Dabei zeigt sich die Menschlichkeit der Frauen, die bis zum letzten Augenblick zögern, den Feind zu vernichten. Klasse geschrieben.

Katherine V. Forrest schreibt in einem schnörkellosen Stil, der die Leser fordert. Sie bedient sich subtiler Elemente, überlässt anderen die Schlussfolgerungen, um das Charakterspiel aufzuzeigen. Sie beschreibt keine großen Emotionen, verzichtet auf Action. Feinfühlig und sensibel beschreibt Forrest die Szenerie, lädt zum Träumen ein. Obwohl es sich um lesbische Literatur handelt, spricht der Roman auch das andere Geschlecht an. Ein empfehlenswertes Buch.

_Günther Lietz_ © 2004
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