Seyfarth, Andreas – Giganten der Lüfte

Luftschiffe, seinerzeit auch Zeppeline genannt, zählen nach wie vor zu den wichtigsten Errungenschaften der technischen Entwicklung und scheinen besonders vor dem Hintergrund der historischen Bedeutung geradezu prädestiniert für den thematischen Leitfaden eines Brettspiels. Seltsam also, dass sich bislang noch kein renommierter Spielautor an die Thematik herangewagt und die damit verbundenen Möglichkeiten für ein neuartiges Konzept aufgegriffen hat – bis zur letztjährigen Messe in Essen. Dort nämlich präsentierten |Queen Games| erstmalig den von Andreas Seyfarth frisch konzipierten Zeppelin-Titel „Giganten der Lüfte“, der bereits bei der ersten Betrachtung des Spielmaterials Großes erhoffen ließ. Doch ob der optische Reiz auch auf den Spielmechanismus übertragen wurde?

_Spielidee_

Die Spieler gründen in „Giganten der Lüfte“ ihr eigenes Luftschiffunternehmen, welches im Laufe des Spiels immer weiter ausgebaut wird und schließlich auch in der Lage ist, eigene Luftschiffe zu konstruieren. Zu Beginn jedoch ist man zunächst nur ein einfacher Unternehmer, der auf dem freien Markt nach Ingenieuren, Motoren und Finanziers Ausschau hält und mit ein wenig Würfelglück erst die entsprechenden Ausbauten vornehmen kann. Doch je weiter man schließlich fortschreitet, desto größer wird auch das eigene Repertoire, bis man schließlich über die Möglichkeiten (also Würfel) verfügt, die ersten eigenen Schiffe zu produzieren. Die Krönung wartet schließlich bis zuletzt, nämlich der Bau der prestigereichen „Hindenburg“, der insgesamt die meisten Siegpunkte verspricht. Doch auch der gezielte Ausbau des eigenen Unternehmens und die Investition in das Luftschiffangebot werden belohnt, so dass schließlich derjenige zum erfolgreichsten Unternehmer wird, der hier den besten Mittelweg findet – und natürlich die meisten Siegpunkte einheimst.

_Spielmaterial_

• 1 Spielplan
• 4 Firmentableaus
• 18 Luftschiffkarten
• 48 Ausbaukarten
• 1 Kärtchen Epochenwechsel
• 4 Unternehmerkärtchen
• 24 Bonus-Chips
• 9 spezielle Würfel
• 1 Luftschiff aus Holz
• 1 Spielanleitung

Wie bereits angesprochen, macht das sehr schön auf das Thema zugeschnittene Material bereits auf den ersten Blick einen hervorragenden Eindruck, insbesondere was die Gestaltung der Karten und Tableaus betrifft. Diesbezüglich ergibt sich ein äußerst stimmiges Gesamtbild, welches dem Spiel schon einmal ein angenehmes Setting verpasst und den anfänglichen Reiz auf ein konstant hohes Level bringt. Lediglich bei der Auswahl der Zeppeline hätte man sich noch ein wenig erfinderischer zeigen können, doch derlei Dinge sind wohl eher Erbsenzählerei.

Darüber hinaus ist auch die Spielanleitung schlüssig und leicht verständlich aufgebaut, so dass nach kurzer Erklärphase bereits ein schneller Start ins Spiel gewährleistet ist. Die Weichen sind also gestellt …

_Spielvorbereitung_

Vor jeder Partie wird der Spielplan in der Mitte ausgelegt und das Kartenmaterial individuell angeordnet. Die Luftschiffkarten werden nach Farben sortiert und anschließend separat gemischt. Jeweils vier Karten jeder Farbe werden nun auf die dafür vorgesehenen Flächen ausgelegt, wobei die Karten mit dem stärksten Wert an unterste Stelle gelangen. Die übrigen Karten gehen ganz aus dem Spiel. Die Ausbaukarten wiederum werden nach Phasen unterteilt und unabhängig voneinander gemischt. Anschließend werden das Kärtchen für den Epochenwechsel zwischen die beiden Kartenstapel für die erste und zweite Phase geschoben und der Gesamtstapel anschließend neben dem Plan bereitgelegt.

Als Letztes werden die Unternehmen der Spieler aufbereitet. Jeder Spieler bekommt ein Unternehmerkärtchen in der gewünschten Landestracht und vier der dazugehörigen Bonus-Chips. Dann werden die Start-Aufbaukarten gemischt und jeweils eine an die Spieler bzw. der Rest auf den Spielplan gelegt. Dieser wird dann noch so weit aufgestockt, dass sechs Aufbaukarten dort bereitliegen. Der Startspieler gibt nun einen Bonus-Chip für sein Startprivileg ab und eröffnet die erste Runde.

_Spielablauf_

„Giganten der Lüfte“ ist im weitesten Sinne ein strategisches Würfelspiel, in dem jeder einzelne Fortschritt vom Würfelglück sowie dem Einsatz der Ausbaukarten abhängig ist. So muss man zunächst einmal die sechs Bereiche auf dem eigenen Tableau mit Ausbaukarten bestücken, um auch weitere Würfel einsetzen zu können, mit denen man wiederum erst um die ausliegenden Luftschiffe buhlen kann. Zu Beginn einer Partie besitzt man dank des Unternehmer-Kärtchens und des ersten Ausbaus vorerst zwei weiße Würfel, mit denen man nun die ersten Schritte machen kann. Später wird dieses Kontingent stetig erweitert, so dass man auch die wertvolleren schwarzen und roten Würfel einsetzen kann.

Ein Spielzug gliedert sich nun in insgesamt zwei Phasen, deren jeweilige Aktionen auch durchgeführt werden müssen. Zunächst zieht der aktive Spieler eine Karte vom Nachziehstapel und legt sie auf das dafür vorgesehene Feld in der Ausbaukarten-Ablage. Diese Auslage ist in sechs Gattungen getrennt, in denen jeweils Platz für drei Karten ist. Sollte man nun beispielsweise eine vierte Karte für die Gattung ‚Motor‘ nachziehen, werden die Karten weitergerückt und die erste Karte in der Reihe verschwindet aus dem Spiel.

Nachdem eine Karte gezogen wurde, darf sich der Spieler nun entscheiden, ob er einen Ausbau oder sogar ein Luftschiff erwerben möchte. Die jeweiligen Karten geben an, welche Würfelsumme hierzu erzielt werden muss und welche Würfel man einsetzen darf. Allerdings darf man immer auch nur so viele Würfel einsetzen wie die eigenen Ausbauten erlauben. Sollten also anfangs drei weiße Würfel gefragt sein, sieht es schon ziemlich schlecht aus. Im Laufe des Spiels erwirbt man aber immer lukrativere Ausbaukarten, so dass man schließlich auch die andersfarbigen Würfel einsetzen und auch um die besseren Luftschiffe bieten kann.

Wer sich nun also für eine Karte entschieden hat, würfelt mit mindestens so vielen Würfeln wie angegeben und versucht, die erforderliche Summe zu erreichen. Man darf auch mit mehreren Würfeln werfen und schließlich die besten herauspicken, sofern ein höheres Kontingent erlaubt ist. Schafft man es nun, die gewünschte Summe zu erzielen, nimmt man die Karte an sich und nutzt für die kommenden Runden ihre Vorzüge. Auch Luftschiffe gehen in den eigenen Besitz über und können von dort nicht mehr verschwinden. Wer indes nicht genügend Würfelaugen beisammen hat, kann nun noch auf einen Bonus-Chip oder eventuell auf die Vorzüge eines Motors hoffen. Sollte man außerdem der letzte Spieler sein, der ein Luftschiff erworben hat, bekommt man das Holzschiff ausgehändigt, welches die Würfelsumme ebenfalls noch einmal um ein Auge hochschraubt. Möglicherweise kann man anschließend mit diesen Hilfsmitteln doch noch zum Erfolg kommen. Sollte aber selbst dies schiefgehen, bekommt man als Entschädigung zumindest einen Bonus-Chip zurück – und darf sich gegen den Einsatz von genau drei solcher Chips ein zweites Mal versuchen.

In dieser zweiteiligen Abfolge wird munter weiter gewürfelt und ausgebaut, bis schließlich die zweite Phase mit dem Aufdecken des Epochenwechsels eingeläutet wird. Von nun an liegen noch reizvollere Ausbauten bereit, mit deren Würfelboni man schließlich auch die besten Luftschiffe aufkaufen kann. Sollte nun einer der vier Luftschiff-Stapel komplett erwürfelt sein, darf man sich fortan auch am Bau der „Hindenburg“ beteiligen, welcher in insgesamt vier Abschnitten abläuft, den Würfeln aber höchste Summen abverlangt. Allerdings muss es nicht zwingend zum Bau der Hindenburg und dem damit verbundenen Spielende kommen. Sollten in der Zwischenzeit nämlich alle Luftschiff-Stapel bis auf ein verbliebenes aufgebraucht sein, erlebt das Spiel ein noch schnelleres Ende.

_Spielende und Wertung_

Je nachdem, welches Szenario zuerst eintritt, wird das Spiel sofort beendet. Anschließend werden die Siegpunkte für alle erworbenen Luftschiffe sowie die prestigereichsten Ausbauten verteilt. Außerdem erhält man eventuell auch Punkte für die Beteiligung an der Hindenburg-Konstruktion, wobei diese noch wertvoller werden, wenn das große Luftschiff tatsächlich fertiggestellt wurde. Der Spieler, der nun das beste Resultat erzielt hat, gewinnt.

_Persönlicher Eindruck_

Tja, eine gewisse Enttäuschung kann man auch nach mehren Partien des aktuellsten Seyfarth-Titels nicht unterdrücken, denn alles andere wäre angesichts der wirklich guten Vorzeichen und des hervorragenden ersten Eindrucks auch höchst ungewöhnlich. Dem Spielkonzept fehlt es jedoch merklich an Frische, und insbesondere die taktischen Vorzüge, die „Giganten der Lüfte“ vorab zugeschrieben wurden, sind letzten Endes nur halbherziges Geplänkel.

Dabei muss der hohe Glücksfaktor nicht zwangsläufig ein Hindernis sein – siehe „Um Krone und Kragen“ -, jedoch wird er hier nicht lebendig genug ins aktive Spielgeschehen einbezogen. Zudem ist die Herausforderung, bestimmte Dinge zu erwerben, aufgrund der Bonus-Chips nicht sonderlich hoch, was die Spannung im Spielverlauf natürlich merklich einschränkt. Zumeist nämlich wird man problemlos an die jeweilige Wunschkarte herankommen, da auch die Bonuskarten sehr vorteilhaft gestaltet sind. Von Anspruch und einer wirklich brisanten Konkurrenz fehlt also jede Spur. Dass letzten Endes sogar meistens über Sieg und Niederlage entscheidet, welche Karte man gerade nachgezogen hat, ist bezeichnend für die lückenhafte Ausarbeitung des Spiels. Dort nämlich, wo bei der Optik überhaupt nicht gegeizt wurde, fehlt es in der Konzeption an Tiefe und Weitsicht. Klassische Werte wie Intuition, Risikobereitschaft und planvolle Strategien sind nämlich nur sehr begrenzt gefragt, und auch wenn die bunte Würfelei anfangs noch Spaß macht, so ist der langfristige Spielreiz doch sehr stark eingeschränkt und büßt mangels flexibler strategischer Inhalte auch sehr schnell wieder sein Potenzial ein. Dies ist im Gesamtüberblick auch überaus bedauerlich, da einerseits der Versuch, eine neue Themenwelt spielerisch zu ergründen, gescheitert ist, sich andererseits aber auch all die positiven Ersteindrücke nur als heiße Luft erwiesen haben. Es bleibt schließlich die Gewissheit, dass auch renommierte Autoren wie Seyfarth mal einen Durchhänger haben – und die Hoffnung, dass verpatzte Titel wie „Giganten der Lüfte“ in seinem Katalog Ausnahmen bleiben!

http://www.queen-games.de

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