Harris, Charlaine – Vorübergehend tot

Charlaine Harris’ „Vorübergehend tot“ mag mit seinem Cover wohl auch Männer neugierig machen. Denn da gibt es sowohl auf dem Buchdeckel als auch auf dem Rücken eindrückliche weibliche Reize zu sehen. Doch sollte Mann sich davon nicht locken lassen. „Vorübergehend tot“ ist nämlich ein reiner Frauenschmöker und Harris fährt sämtliche Geschütze auf, um ihre Leserinnen zu begeistern.

Da wäre zunächst die erzählende Protagonistin Sookie Stackhouse. Sookie ist jung und hübsch – natürlich. Doch ihre „Behinderung“ hat ihr bisher alle Chancen im Leben verbaut. Sookie kann nämlich Gedanken lesen, weswegen sie weder eine höhere Bildung noch einen Mann hat. Ein ziemlicher Stimmungskiller sei das, wenn man die Gedanken des Mannes beim Sex hören müsse … Und so arbeitet Sookie als Kellnerin in einer kleinen Kneipe im provinziellen Städtchen Bon Temps und versucht sich ansonsten aus dem gesellschaftlichen Leben herauszuhalten.

Doch dann geschieht es: Ein Vampir betritt die Bar. Dazu muss man wissen, dass Vampire durchaus legale Bürger in den USA sind und sich hauptsächlich von synthetischem Blut in Flaschen ernähren. Nach Bon Temps, ein kleines Kaff in Louisiana, hat es allerdings noch keinen der Blutsauger verschlagen und Sookie ist sofort Feuer und Flamme für den mysteriösen (und natürlich unverschämt gut aussehenden) Untoten. Die beiden kommen sich näher, wie könnte es anders sein, und Sookie stellt erfreut fest, dass sie Bills (so heißt unser Vampir nämlich) Gedanken nicht lesen kann. Welch eine Erholung! Und der Sex ist selbstverständlich auch nicht zu verachten.

Bis Sookie ihre neue Idylle mit Bill so richtig genießen kann, vergehen jedoch fast 300 Seiten, denn in Bon Temps wurden einige Frauen auf brutale Weise umgebracht. Zunächst wird Bill verdächtigt, da die Opfer Bissspuren aufweisen, doch dann konzentrieren sich die Ermittlungen auf Sookies Bruder Jason. Und offensichtlich ist auch Sookie mittlerweile ins Visier des Mörders geraten, während Bill in geheimer Mission nach New Orleans abschwirrt, um sich in der Vampirgemeinschaft nach oben zu arbeiten.

Charlaine Harris, die bereits seit 20 Jahren Mystery-Romane schreibt und mit „Vorübergehend tot“ den ersten Band ihrer dritten Serie vorgelegt hat (mittlerweile sind in Amerika vier Bände mit Sookie als Protagonistin erhältlich, der fünfte wird 2005 erwartet), lebt selbst in den amerikanischen Südstaaten und kann damit das Leben im provinziellen Bon Temps wunderbar beschreiben und ironisch überspitzen. So muss Bill beispielsweise dem Verein der Nachkommen ruhmreicher Toter (natürlich ist der Amerikanische Bürgerkrieg gemeint), bestehend aus Kuchen backenden Rentnerinnen, einen Vortrag über ihre heldenhaften Ahnen halten. Und als Zugabe erhält auch der wohl berühmteste Südstaatler überhaupt (kleiner Hinweis: er kommt aus Memphis und sein Name reimt sich auf „pelvis“) einen Gastauftritt gegen Ende des Romans.

In diesen Szenen läuft „Vorübergehend tot“ wirklich zu Hochform auf und löst ein, was es zu Anfang verspricht, nämlich „skurriler Vampir-Krimi“ zu sein. Harris’ Charaktere sind zwar bis zu einem gewissen Grad schablonenhaft, doch bleiben sie trotzdem liebenswert. Vor allem Sookies Großmutter, mit der sie zusammen in einem Haus wohnt, findet sofort den Weg in die Leserherzen. Und Bill, mal abgesehen von seinem lächerlichen Namen, ist natürlich ein Bild von einem Mann … Vampir. Er ist gut aussehend, charmant, loyal und auch ein bisschen geheimnisvoll. Außerdem ein außergewöhnlich guter Liebhaber und treuer Freund, der als Hobby Sookie auch gern mal die Haare zu Zöpfen flicht. Eigentlich ist er schon wieder zu gut um wahr zu sein, doch wird frau Bills überirdische und gänzlich unrealistische Erscheinung zugunsten des Lesevergnügens schnell verzeihen.

Leider, und das ist wirklich schade, gewinnt Harris dem Vampirthema keine neuen Seiten ab. Ihre Vampire sind ein Konglomerat aus den Vorstellungen verschiedener anderer Autoren, besonders scheinen hier die Einflüsse von Laurell K. Hamiltons „Anita Blake, Vampire Hunter“-Serie durch. Doch im Unterschied zu Hamilton geht es bei Harris nur in der Nebenhandlung ums whodunnit. Der Krimiplot treibt zwar die Handlung voran, doch liefert Harris vor allem ein Frauenbuch zum Sehnen und Schmachten. Das Hin und Her von Sookies und Bills Beziehung bildet den Mittelpunkt der gesamten Handlung, komplett mit heißen Sexszenen in Badewannen und Blutspielchen im Himmelbett. Für die gemütliche Lektüre empfiehlt es sich also, faul auf der Couch zu lümmeln und beim Lesen pfundweise Schokolade zu verputzen, um den Genuss noch zu verstärken!

„Vorübergehend tot“ ist leichte, spannende und auch komische Unterhaltung, die den Leser nicht eine Minute langweilt. Trotzdem muss man kleine Abstriche machen, besonders bei der Übersetzung, die sprachlich etwas holprig daherkommt. So oft wie sich in diesem Roman die Wendung „baß erstaunt“ findet, kommt sie ansonsten wohl in der gesamten Weltliteratur nicht vor. Dafür ist das Bändchen ansonsten liebevoll aufgemacht, angefangen mit dem Cover-Artwork bis hin zu den Blutflecken, die jedes neue Kapitel schmücken. Da macht das Schmökern besonders Spaß!