Jussi Adler-Olsen – Erbarmen. Die Frau im Bunker. Der erste Fall für Carl Mørck, Sonderdezernat Q (Das Buch zum Film)

Spannend, anrührend: verschnörkelter Krimi, reich an Ballast

Die verzerrte Stimme kam aus einem Lautsprecher irgendwo im Dunklen: »Herzlichen Glückwunsch zu deinem Geburtstag, Merete. Du bist jetzt hier seit 126 Tagen, und das ist unser Geburtstagsgeschenk: Das Licht wird von nun an ein Jahr lang eingeschaltet bleiben. Es sei denn, du weißt die Antwort: Warum halten wir dich fest?«

Am 2. März 2002 verschwindet eine Frau spurlos auf der Fähre von Rødby nach Puttgarden, man vermutet Tod durch Ertrinken. Doch sie ist nicht tot, sondern wird in einem Gefängnis aus Beton gefangen gehalten.

Wer sind die Täter?

Was wollen sie von dieser Frau?

Und: Kann ein Mensch ein solches Martyrium überleben?

Der erste Fall für Carl Mørck, Spezialermittler des neu eingerichteten Sonderdezernats Q bei der Kopenhagener Polizei, und seinen syrischen Assistenten Hafez el-Assad, der seinen Chef nicht nur durch unkonventionelle Ermittlungsmethoden überrascht … (Verlagsinfo)

Der Autor

Jussi Adler-Olsen wurde am 2. August 1950 unter dem bürgerlichen Namen Carl Valdemar Jussi Henry Adler-Olsen in Kopenhagen geboren. Er studierte Medizin, Soziologie, Politische Geschichte und Film und arbeitete anschließend in den verschiedensten Berufen. 1995 begann er mit dem Schreiben und landete bereits mit seinen ersten Büchern unter anderem in Schweden, Spanien und Südamerika auf den Bestsellerlisten, mit der Serie um das Sonderdezernat Q erlangte er seinen internationalen Durchbruch. Seine Bücher wurden in über 20 Länder verkauft.

In Deutschland kam Jussi Adler-Olsen mit dem ersten Fall für Carl Mørck, „Erbarmen“, auf Platz 2 der besten Kriminalromane des Jahres 2010 aus aller Welt.

Die Romane von Jussi Adler-Olsen

Sonderdezernat Q

1) Erbarmen. Die Frau im Bunker
2) Schändung: Die Fasanentöter
3) Erlösung: Flaschenpost von P
4) Verachtung: Akte 64
5) Erwartung: Der Marco-Effekt

Andere:

1) Das Alphabethaus
2) Das Washington-Dekret

Handlung

Entgegen ihren Anweisungen betreten drei Ermittler der Kopenhagener Mordkommission eine scheinbar verlassene Hütte. Carl Mörck ist einfach zu ungeduldig: Er fürchtet, der vermisste Mann könnte schon getötet worden sein. Der Gesuchte wird mit einer Kugel im Kopf gefunden, dann fallen Schüsse…

Carl und sein Freund Hardy wachen im Krankenhaus wieder auf. Während Carl wieder genest, bleibt Hardy querschnittsgelähmt. Das Nachspiel lässt nicht auf sich warten: Er könne nicht mehr in der Mordkommission arbeiten, erklärt sein Chef Jacobsen und bietet ihm die Leitung der neu geschaffenen Abteilung Q an: unaufgeklärte Fälle.

Allerdings hat sich Jacobsen Mörcks folgende Arbeit völlig anders vorgestellt. Und Mörck denkt nicht daran, den Fortbildungskurs für Kommissare zu besuchen. Zu den psychologischen gesprächen mit der Psychologin lässt er sich nur breitschlagen, weil ihre weibliche Kurven auf ihn unwiderstehlich wirken.

Partner

Abteilung Q bringt auch einen Partner mit sich: Der Syrer Hafez al-Assad ist zwar ein guter Muslim, braut aber einen schrecklichen Kaffee, findet Carl. Schon bald muss er aber Assads Vorzüge anerkennen: ein systematischer Arbeiter, der ein erstaunliches Einfühlungsvermögen aufweist – etwas, was dem Sturkopf Carl Mörck völlig abgeht. Carls Frau Vigga hat sich von ihm getrennt und den gemeinsamen Sohn Jesper mitgenommen. Sie will auf keinen Fall zu Carl zurück, sagt sie am Telefon, lädt ihn aber ihrerseits zu einer Vernissage ihres künstlerisch veranlagten Gatten ein – gegen einen „kleinen Obolus“, meint sie.

Zweifel

Der Inspektor hat schon bessere Tage erlebt. Deshalb heißt er den neuen Fall willkommen, in den er sich stürzt: Die aufstrebende Politikerin Merete Lynggaard verschwand vor fünf Jahren von einer Fähre zwischen Dänemark und dem deutschen Fehmarn, und der damalige Ermittler Björn Bak kam zu dem Schluss, es sei Selbstmord gewesen. Carl nun fragt: „Wer würde schon seinen hirngeschädigten Bruder mitnehmen und im Stich lassen, um Selbstmord zu begehen?“ Das könne sich eine erfolgreiche Politikerin wie die Lynggaard gleich zweimal nicht leisten.

Die Zeugenaussagen widersprechen sich hinsichtlich des Geschehens auf der Fähre. Zwar ist klar, dass Merete ihren stets schweigsamen Bruder Uffe mitnahm, dann aber angeblich einen Streit mit ihm hatte. Uffe verschwand irgendwo auf dem Schiff, und Merete begann, ihn zu suchen. Aber was passierte dann? Fiel sie einfach mir nichts, dir nichts über Bord? Oder wurde sie doch entführt?

Lichtblick

Der erste Besuch bei Uffe, der im einem noblen Sanatorium lebt, verläuft ergebnislos. Doch Assad gewöhnt Uffe so lange an seine Anwesenheit, bis er ihm Fragen stellen kann. Unterdessen verfolgt Carl eine heiße Spur: Merete soll nach Angaben ihrer Sekretärin einen One-night Stand mit einem Schweden auf einer Konferenz der Global Health Organisation gehabt haben. Aber wer war der Mann? Für eine schöne Stange Geld besorgt Carl die Fotos von der Konferenz, die Merete zeigen, sortiert alle fremden Frauen aus, und Assad zeigt sie behutsam Uffe. Als dieser einen der Männer darauf erkennt, bekommt er einen Anfall. Auch das wird ein Nachspiel haben, soviel ist gleich klar.

Doch der Mann, den Uffe erkannt haben will, ein gewisser Daniel Hale, ist längst tot, gestorben bei einem sehr dubiosen Autounfall. Erst als sie vor Ort jemanden fragen, der Hale an jenem Unglückstag gesehen haben sollte, wird klar, warum der ganze Fall völlig verkehrt aufgezogen worden ist. Und er ist weit davon entfernt, abgeschlossen zu sein. Ganz im Gegenteil: Nach fünf Jahren wird die Zeit knapp – auch für Merete Lynggaard in ihrem stählernen Gefängnis…

Mein Eindruck

Als erstes fällt die freche Vermischung von Gegenwart und Vergangenheit auf. Tatsächlich tut der Film so, als gäbe es keinen Unterschied zwischen dem Jetzt und dem Gestern, und der Leser muss aufpassen, nicht auf die falsche Spur zu geraten. Diese Handhabung der Zeit verdeutlicht, dass zumindest in dem Verstand der beiden Ermittler Mörck und Assad die Vergangenheit wieder zum Leben erwacht. Nur die Kapitel, die aus Merete Lynggaards Blickwinkel erzählt werden, sind durch Kursivdruck sofort als Exkursionen zu erkennen.

In chronologischer Reihenfolge fördert die Abteilung Q an den Tag, was ihrer Theorie zufolge an jenem Tag vor fünf Jahren mit Merete Lyngaard und ihrem Bruder Uffe geschah. So gelangen sie schließlich auf einen düsteren, verfallenden Bauernhof, der ein schreckliches Geheimnis birgt.

Merete

Parallel zu der Geschichte der Ermittler erzählt der Roman Meretes Geschichte aus ihrer Sicht. Eben war sie noch auf einer Fähre, die sie von Kopenhagen nach Fehmarn bringen sollte, jetzt erwacht sie in völliger Dunkelheit in einem Metallbehälter, der gerade mal sechs Schritte lang und rund wie eine auf der Seite liegende Tonne geformt ist. Wenn draußen vor den dicken Fenstern der Bullaugen mal die Lichter angehen, kann sie niemanden erkennen. Eine tiefe, verzerrte Stimme sagt ihr voraus, dass sie erst in einem Jahr wieder mit ihm sprechen wird. Dann wird der Luftdruck in der Kammer auf 2 bar erhöht, also das Doppelte des Luftdrucks, der auf Meereshöhe herrscht.

Fünf Jahre hinterlassen ihre Spuren an Merete, aber sie lebt, als die Rettung naht. Gebremst von ihren Vorgesetzten und ihren Kollegen, die denken, andere Fälle seien viel wichtiger als olle Kamellen, machen sich Mörck und Assad dennoch auf den Weg, um der Spur in die Vergangenheit zu folgen. In einem actionreichen Finale kämpfen die zwei Ermittler gegen Meretes drei Kerkermeister. Dass es sich um drei handelt, ist eine gravierende Abweichung gegenüber der Verfilmung. Auch sonst nimmt sich der Film viele Freiheiten, siehe meinen Bericht dazu.

Die Übersetzung

Seite 84 weist einen Buchstabendreher auf. Das heißt es nämlich „in pyhsiologischer Hinsicht…“

Ansonsten ist das Buch praktisch frei von Druckfehlern, was mich sehr erfreut hat. Auch liest sich der Text flüssig, allerdings bekommt man keinerlei Aussprachehilfen angeboten.

Unterm Strich

„Erbarmen“ ist, zumindest im Film, ein schnörkellos und doch raffiniert erzählter Thriller, der sich zielstrebig dem Showdown nähert. Schnörkellos ist er insofern, als das Privatleben der Ermittler, sofern vorhanden, praktisch ausgeblendet wird. Das ist im Roman leider nichts der Fall, sondern hier auf verschlungenen Wegen nichts Wichtiges außer Allzumenschlichem erzählt.

Wenn Mörck nicht so ein sturer, verbissener Kerl wäre, der sich jeden Ansatz eines Lächelns verkneift, könnte er die interessanten Eigenarten seines Partes viel früher wahrnehmen.. Assad erscheint erst als sein genaues Gegenteil, doch wenn es ums Kämpfen und Verhören geht, verrät er seine wahre herkunft: Er muss einmal für den syrischen Geheimdienst gearbeitet haben.

Raffiniert werden die drei Zeitebenen miteinander verschränkt: das Jetzt, das Jahr 1988, als alles begann, und die rund 20 Jahre dazwischen, deren Verlauf und Ereignisse die beiden Schnüffler herausfinden müssen. Aber ihre Aufgabe ist alles andere als einfach: Der Bruder als einziger Zeuge kann nicht sprechen, und die Gesuchte kann nicht ausbrechen.

Erschwerend kommt hinzu, dass Mörcks Chef ihm Knüppel zwischen die Beine wirft und ihn schließlich sogar zu suspendieren droht. Man wundert sich, dass in Dänemark überhaupt irgendwelche Verbrechen aufgeklärt werden. Etwas ist hier – wieder mal – „faul im Staate Dänemark“, um einen bekannten Prinzen zu zitieren. Ironischerweise ist es gerade der bettlägerige Polizist Hardy, dem Assad all seine Akten vorgelesen hat, der schließlich die zündende Idee hat, die auf die richtige Spur führt – allerdings auch in einem ganz anderen Fall.

Im Rückblich fand ich es sehr interessant, erst den Film zu sehen und dann das Buch zu lesen. Es sind zwei Kunstformen, die völlig unterschiedlichen Regeln folgen. Die Verschiedenartigkeit führt zu gravierenden Abeichungen bei der Darstellung, bei der Ausführlichkeit und bei der Konstellation der Figuren. Ich würde also nicht der einen Kunstform den Vorzug vor der anderen geben, denn das wäre unfair. Aber wer eine leicht verständliche und doch spannende Kurzfassung der Story sucht, ist beim Film auf jeden Fall besser aufgehoben.

Taschenbuch: 432 Seiten
Originaltitel: Kvinden i buret
Aus dem Dänischen von Hannes Thiess
ISBN-13: 978-3423086370

www.dtv.de

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