Frank Herbert – Atom-U-Boot S 1881

Frank Herberts U-Boot-Klassiker als entstellter Torso

Zwanzig Atom-U-Boote, die denselben Auftrag erhalten hatten wie die S 1881 – zur feindlichen Küste vorzudringen und die Öllager anzubohren – waren nicht zurückgekehrt. Waren sie in der Tiefsee einer neuen Waffe des Gegners zum Opfer gefallen? Hatten sie sich selbst versenkt, Opfer von Verrat?

Die kleine Crew der S 1881 wird es bald herausfinden. Ihr Boot läuft befehlsgemäß aus, um dasselbe Operationsgebiet anzusteuern, das zum Grab seiner Vorgänger wurde. Doch diesmal ist ein Psychologe und Elektronikfachmann an Bord, und dem Kapitän wurde eine spezielle Sonde in den Nacken gepflanzt. Doch werden diese Maßnahmen ausreichen?

Der Autor

Frank Herbert (1920-1986) wuchs im Nordwesten der USA auf, arbeitete als Reporter und Wahlkampfhelfer, bevor und während er ab 1952 seine ersten SF-Stories veröffentlichte, denen 1956 der erste Roman „Dragon in the Sea“ folgte. 1963 -1965 wurden seine Stories um den Wüstenplaneten Arrakis in „Astounding“ publiziert, doch um seinen daraus aufgebauten Roman „Der Wüstenplanet“ unterzubringen, musste Herbert erst 20 Ablehnungen kassieren, bevor es ihm 1965 gelang, den Verlag Chilton Book Co. zu gewinnen, der mehr für seine Autoreparaturratgeber bekannt war.

Die DUNE-Saga umfasste schließlich sechs Romane aus Frank Herberts Schreibfabrik, von denen die ersten drei verfilmt worden sind. Herbert schrieb neben 20 anderen SF-Romanen auch einen interessanten Non-SF-Roman namens „Soul Catcher“, der meines Wissens noch nicht übersetzt worden ist.

Handlung

Der Kalte Krieg hat bereits Großbritannien vernichtet, und die Amerikaner bedauern dies zutiefst. Doch der Krieg gegen die Sowjetunion, der schon fünfzehn Jahre andauert, muss weitergehen. Die Ölvorräte sind knapp geworden, und deshalb versuchen amerikanische U-Boote immer wieder, sowjetische Öllagerstätten anzubohren und Ölvorräte in großen Schleppern nach Hause zu bringen. Doch von 20 Atom-U-Booten ist kein einziges zurückgekehrt. Hat der Feind eine neue Waffe, fragt sich der Geheimdienst, oder hat er Verräter an Bord der U-Boote eingeschleust, die die Schiffe versenkten? Warum sind einige U-Boot-Kommandanten verrückt geworden?

Der Auftrag

Admiral Belland, der Chef des Geheimdienstes, und der Direktor seiner Abteilung Psychologie, Dr. Oberhausen, bestellen Leutnant John Ramsey, einen Elektroniker und Psychologen mit U-Boot-Reputation, zu sich. Er erhält den Auftrag, an Bord von Atom-U-Boot S 1881 „Hornet“ zu gehen, dort seine Geräte zu installieren und mit der Crew auf Feindfahrt zu gehen. Der Kapitän, Fregattenkapitän Sparrow, hat eine spezielle Sonde in den Nacken eingepflanzt bekommen, die Ramsey aktivieren kann, um Sparrows Geisteszustand zu überwachen. Aber ob Ramsey der qualifizierte Mann für diese Feindfahrt ist, wird von mehreren Geheimdienstleuten angezweifelt.

Mordfall

Südlich von Grönland, nach etwa fünf Tagen, entdecken die vier Crew-Mitglieder – Ramsey, Sparrow, Garcia und Bonnett – einen fauligen Geruch. Er kommt aus der Nähe des Atomreaktors. Mit einer ferngesteuerten Kamera entdecken sie die Leiche eines Mannes, in dessen Brust ein Messer steckt. Aus seinem Notizbuch, das Sparrow findet, geht hervor, dass es sich um einen Geheimdienstler handelt, der einen schweren Akt von Sabotage entdeckte und beseitigte. Er schaffte es aber nicht mehr, rechtzeitig aus dem Reaktor zu kommen, bevor er eine Überdosis radioaktiver Strahlung abbekommen hatte. Und er konnte sich nicht bemerkbar machen, weil sein Sender die schwere Ummantelung des Reaktortraktes nicht durchdrang.

Verfolgungswahn

Südwestlich von Island finden sie einen Peilsender an Bord, doch sie entkommen den angelockten Verfolgern und führen sie dank Sparrows List in die Irre. Die Suche nach weiteren Sendern geht weiter, während sich die vier Männer sicher sind, einen Spion an Bord zu haben. Allmählich erfasst Paranoia die Crew. Da startet der Psychologe Ramsey einen kaltblütigen Plan, um Kapitäns Sparrows unheimliche, eiserne Ruhe ins Wanken zu bringen.

Flucht ins Risiko

Vor der norwegischen Küste spüren feindliche U-Boote die „Hornet“ auf und jagen sie. Zum Glück gelingt es ihr, ein Tiefseebecken zu erreichen und durch eine Idee Ramseys unter die dem Feind bekannte Maximaltauchtiefe zu sinken. Eigentlich müssten die vier Menschen an Bord in dieser Tiefe an dem hohen Kohlendioxidgehalt und dem Druck sterben, doch es gibt offenbar ein riskantes Verfahren namens Kohlenstoffanhydrase, um den CO2-Gehalt im Blut zu senken, allerdings nur mit speziellen Pillen.

Im Zielgebiet

Als die Luft wieder rein ist, schippert die „Hornet“ unbehelligt bis nach Nowaja Semlja im Polarmeer, wo die Bohrstelle am Ende einer Schlucht im Kontinentalschelf auf sie wartet. Weil sie wieder entdeckt werden, überlistet Sparow die Verfolger in der Schlucht mit drei zusammengespannten Torpedos, die das Schallbild der „Hornet“ simulieren. Die List funktioniert. Doch inzwischen hat Sparrow seinen Verdacht gegen Ramsey an Bonnett und Garcia kommuniziert. Als sich Ramsey an den feindlichen Senderöhren zu schaffen macht, bricht Bonnetts Paranoia aus: Er schlägt Ramsey brutal zusammen, weil er ihn für einen Spion hält, der senden will.

Der Schlüssel

Als Ramsey wieder das Bewusstsein erlangt, muss er erst einmal seine Unschuld beweisen. Das ist nicht allzu schwierig. Aber wird das Misstrauen der anderen durch Bonnetts Entschuldigung gemindert? Wohl kaum. Da zeigt ihm Garcia einen wichtigen Hinweis, um Zugang zu Sparrows Psyche zu finden: einen Vers aus der Bibel, in dem der Prophet Jesaja etwas über einen Drachen in der See sagt, der besiegt werden muss…

Mein Eindruck

Der Plot ist simpel: hin und zurück, wie auf jeder U-Boot-Mission. Insofern ähnelt die Story auch der epischen Geschichte von Wolfgang Petersens Klassiker „Das Boot“. Wie dort spielt auch in Frank Herberts U-Boot-Thriller die Psychologie eine überragende Rolle. Das Augenmerk des Autors sowie das Interesse liegt auf den zwischenmenschlichen Handlungen und Dialogen.

Geklaute Erfindungen

Die Technik spielt zwar ab und zu verrückt, so etwa der Atomreaktor, doch das sind Nebensächlichkeiten, die der Mission den Anstrich von Realismus verleihen sollen: Wenn die Story schon in einem U-Boot spielt, dann muss auch entsprechende Technik darin vorkommen. Diese Technik ist für uns heute ein alter Hut, mit einer Ausnahme: der Unterwasser-Schleppkahn, in dem die „Hornet“ das erbeutete Öl transportiert. Herbert ließ sich diese Technik allerdings nicht patentieren, und so kam es (nach Angaben seines Sohnes in der Biografie „Dreamer of Dune“) dazu, dass ein japanischer Unternehmer das geschilderte Verfahren umsetzte.

Tele-Scanner

Futuristisch ist auch die Möglichkeit, den geistigen und emotionalen Zustand eines Menschen aus der Ferne mit Hilfe eines Gerätes zu erfassen und aufzuzeichnen. Dieses Tele-Scannen bewerkstelligt Ramsey mit seinem kleinen schwarzen Kasten, spricht aber nicht darüber. Das macht ihn auffällig, wenn nicht sogar verdächtig.

Ist er etwa der Spion, der an Bord sein muss, weil der Peilsender aktiviert wurde? Auch wir als Leser dürfen ihm nicht trauen, bloß weil wir die Geschehnisse aus seinem Blickwinkel beobachten. Seit Henry James gibt es den unzuverlässigen Chronisten, und wir können uns auf Ramseys Beurteilungen nicht verlassen. Das erweist sich am Schluss als richtige Haltung.

Erzählstil

Allerdings ist Frank Herberts kurzer Roman in der vorliegenden, gekürzten deutschen Fassung alles andere als ein Ausbund an psychologisch einfühlsamer Beschreibung. Vielmehr liest sich der Text streckenweise so trocken wie ein Drehbuch oder Protokoll, denn nur die Dialoge und Handgriffe werden festgehalten. Dies führt zwar dazu, dass sich die Story wie ein Actionroman liest, doch das, worum es Ramsey eigentlich geht (und vermutlich auch dem Autor), fällt dabei fast völlig unter den Tisch. Lediglich auf den letzten Seiten schimmert Psychologie durch, so dass der Autor eine Art Ehrenrettung erfährt: Hey, der Typ kann ja doch erzählen!

Die Übersetzung

Die Übersetzung stammt aus dem Jahr 1967, ist also sprachlich entsprechend veraltet. Viele Jargonausdrücke aus der U-Bootfahrersprache sind vertreten und bereiten dem uneingeweihten Leser Schwierigkeiten beim Verständnis. Nicht jeder hat schon „Das Boot“ gesehen.

Wulf Bergner hat das Original definitiv gekürzt. Nicht nur wurden sämtliche Lücken zwischen Unterkapiteln ausgemerzt, so dass Szenenwechsel völlig unmarkiert erfolgen. Nein, auch wichtige Vorbereitungen zu Aktionen wurden gestrichen, so dass beispielsweise unvermittelt von einem Torpedoangriff der „Hornet“ die Rede ist.

Der Leser fragt sich denn auch auf Seite 64 verblüfft, was denn hier vor sich geht. Am Schluss tritt Ramseys Frau oder Freundin Janet völlig unvermittelt auf. Sie hatte möglicherweise am Anfang einen Auftritt, doch der wurde leider gestrichen.

Echt üble Fehler

Seite 69: „Tod“ statt „Ton“
Seite 67: „Vakkum“ statt „Vakuum“
Seite 73: „fest“ statt „fast“
Seite 128: „Träumen Sie schon!“ statt „Träumen Sie schön!“

Unterm Strich

Im Jahr 1955 war dieser U-Boot-Roman vielleicht noch aufregend, ganz besonders in der ungekürzten Originalfassung (die man heute nur noch ab zwölf oder 13 Dollar bekommt). Inzwischen ist die damals neue Atomtechnik ein alter Hut, die stellenweise stark an die Gefahren, die dem sowjetischen U-Boot K-19 drohten (verfilmt mit Harrison Ford und Liam Neeson), erinnern. Die Mission selbst hat Ähnlichkeit mit den Feindfahrten von Wolfgang Petersens „Das Boot“ nach der Vorlage von Lothar-Günther Buchheim.

Fingerübung für DUNE

Wie Brian Herbert, der Sohn der Autors, in seiner Biografie „Dreamer of Dune“ treffend herausarbeitet, nimmt dieses Buch bereits den Plot von „Dune“ vorweg. Wo auf dem Wüstenplaneten die begrenzt vorhandene Substanz in der Spice Melange besteht, so auf der Erde der Zukunft das Erdöl. Und so wie auf Dune die tödlichen Sandwürmer diesen Schatz bewachen, so sind es auf der Erde die U-Boote, die den „Drachen im Meer“ (O-Titel „Dragon in the Sea“) darstellen. Der Drache, der den Schatz, sprich: Erdöl, stiehlt, ist die „Hornet“. Und nur wenn die Männer an Bord mutig und schlau genug sind, können sie erfolgreiche Diebe sein. Klingt das nicht ein wenig nach dem kleinen Hobbit und dem Drachen Smaug?

Banale Psychologie

Das eigentlich Interessante sind die Fortschritte und Einsichten hinsichtlich der Psychologie der U-Bootfahrer. Die Einsichten Ramseys entpuppen sich aber als reichlich banal, wenn man sie mit denen von Buchheim vergleicht. Man soll den U-Bootfahrern einen prächtigen Abschied und Willkommen bereiten, statt diese Operation nach dem Willen des Geheimdienstes zu vertuschen. Der Feind wisse ja eh darüber Bescheid, wenn ein Boot auslaufe. Na, um diese Einsicht zu erhalten, ist eigentlich keine Feindfahrt nötig – und schon gar nicht die Lektüre dieses äußerst trocken erzählten Romans, der durch die Kürzung in der Übersetzung stark verloren statt gewonnen hat.

Wie Brian Herbert berichtet, war dieser Roman ziemlich erfolgreich und stützte Herberts Ruf, ein kompetenter Erzähler zu sein. Er veröffentlichte die Teile des Romans zuerst ab 1955 unter dem treffenden Titel „Under pressure“. Nur sechs Jahre später begann er die ersten Texte über Dune, seine größte und folgenreichste Erfindung, zu veröffentlichen.

Taschenbuch: 192 Seiten
Info: Dragon in the sea, 1956
Aus dem US-Englischen von Wulf Bergner
www.heyne.de

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