Robert Bloch – Amok

bloch-amok-cover-kleinWer die kleine Statue der Hindu-Göttin Kali besitzt, entgeht auch in der amerikanischen Provinz nicht der Mördersekte der Thugs. Ein junger Mann will seine gemeuchelte Tante rächen, doch stets findet er seine Verdächtigen tot vor … – Thriller vom Verfasser des Kult-Reißers „Psycho“, der seine Mittelmäßigkeit hinter dem exotischen Plot gut versteckt und bis auf das nur mühsam überzeugende Ende zu unterhalten weiß.

Das geschieht:

Waisenkind Jay Thomas wächst als Mündel seiner Tante Tracy auf. Im Städtchen Pointville nahe Chicago führt sie einen kleinen Antiquitätenladen. Der Neffe geht ihr dabei zur Hand. Ein Auftrag führt Jay eines Tages ins Haus von Ann Colton, die sich gerade lukrativ von ihrem Gatten getrennt hat. Die einsame Frau freundet sich mit dem jungen Mann an, der sich sogleich bis über beide Ohren in sie verliebt. In ihrem Haus verbringt er auch jene Nacht, in der seine Tante in ihrem Laden überfallen und erdrosselt wird. Gestohlen wird dabei eine Statue der Hindu-Göttin Kali, die auf etwas krummen Wegen in Tracys Hände gelangt war. Ursprünglich gehörte sie dem reichen Sammler Stuart Athelny, dem sie aus seinem Privatmuseum entwendet wurde; ein Wächter kam dabei zu Tode.

Jay gerät kurz in Verdacht, doch Sergeant Kroke von der örtlichen Kriminalpolizei sieht seinen Irrtum rasch ein. Er bezieht Jay sogar in seine Ermittlungen ein. Die Spur führt ins Haus des Orientalistik-Dozenten Cheyney, der eine abenteuerliche Geschichte erzählt: Zu ihm, einem alten Freund, sei Tracy gekommen um ihn zu bitten, als Vermittler bei der Rückgabe der Statue an Athelny aufzutreten, was er abgelehnt habe.

Tatsächlich spinnt Cheyney eine Intrige, die auf den indischen Subkontinent zielt. Bei Khaliput in der Provinz Chandra stand einst ein Kali-Heiligtum der Thugee-Sekte, deren Anhänger, die Thugs, Kali als Göttin verehrten und in ihrem angeblichen Auftrag mit der Würgeschlinge töteten. Angeblich wurden die Thugs 1830 ausgerottet, die Kali-Statue von Khaliput wanderte in den Palast des Nizams von Chandra. Dort wurde sie vor Jahren gestohlen: im Auftrag von Stuart Athelny, wie sich nun herausstellt. Machtstarke Gruppen in Chandra fordern die Rückgabe. Wer dies in die Wege leiten kann, wird ihre Unterstützung erfahren; nicht unwichtig, da der Thron des Nizams wackelt. Der eigene Neffe will ihn absetzen. Mit der Statue könnte Glophal Singh, der sich mit seiner Schwester Parvati als Austauschstudent in Amerika aufhält, durchaus gelingen. Der Nizam setzt alle Hebel in Bewegung. Er lässt Athelny, Cheyney und Jay entführen und droht mit Folter und Tod, sollte man ihm die Statue nicht ausliefern …

Gut & böse bzw. irgendwo dazwischen

Die Suche nach einem Serienmörder, verquickt mit der Jagd nach einem alten Schatz und religiösem Fanatismus, das Ganze auf knapp 160 Seiten straff und spannend durchgezogen: Hier ist offensichtlich kein moderner Zeilenschinder, sondern ein disziplinierter Autor am Werk, der eine simple Idee mit interessanten Elementen aufpolstert bzw. variiert.

„Amok“ ist wie so oft keine ideale oder auch nur gelungene Übersetzung des Originaltitels, da keineswegs besinnungslose Blutgier den Mörder kennzeichnet. Still und systematisch geht er vor, wahnsinnig ist er vor allem in seiner Verblendung, die zu einem Gutteil andressiert ist – ein Bild, das wesentlich intensiver wirkt als ein simpler Amokläufer mit Schaum vorm Mund.

Sein Leben lang blieb Bloch gefesselt von der Dualität des menschlichen Charakters. Gut und Böse können in einem Gehirn wohnen. Oft wissen beide nicht einmal voneinander. „Psycho“ ist das bekannteste und berühmteste Beispiel dafür, wie Bloch sich mit diesem Thema beschäftigte. Auch „Amok“ steht ganz in diesem Zeichen. Ausführlich weist Bloch darauf hin, dass Kali im Grunde selbst eine gespaltene Persönlichkeit und in ihrer Deva-Inkarnation ein verträgliches Wesen ist. „Wahnsinn mit Methode“ lautet der (deutsche) Titel eines anderen Bloch-Romans, der auch hier recht am Platz gewesen wäre.

Begegnung völlig fremder Welten

Jay Thomas ist der junge Mann an der Schwelle zum Erwachsenen, über die er per Schicksalsschlag oder persönlicher Krise gleichsam gestoßen wird: eine beliebte Figur nicht nur in der Literatur. So ein Jüngling pflegt ungestüm vorzugehen und sich dabei unbedacht in allerlei unterhaltsame Schwierigkeiten zu bringen, so lautet das scheinbar aus Erfahrung geborene Klischee. Bloch bedient sich seiner recht geschickt, denn dieser Jay Thomas ist eine sympathische Figur, die ihrer Aufgabe, uns – die Leser – durch die Handlung zu leiten und Teile davon selbstständig zu gestalten, gut nachkommt.

Ann Colton scheint zunächst die weibliche Hauptfigur zu spielen. Sie ist die Versuchung in Person, vor allem für einen voll im Saft stehenden Fast-Mann wie Jay Thomas. Das bleibt auch ihre Rolle, in der sie später zur Unwichtigkeit absinkt. Hier und da tritt sie noch auf, aber hauptsächlich dient sie nur noch als Symbol für Jays allmähliches Erwachsenwerden.

Blochs Vorliebe für das Bizarre und Exotische verkörpert der Nizam von Chandra. Mit einem Bein ist er ein Mann der modernen Welt, der in die USA reist, um dort Staatsgeschäften nachzugehen und Wirtschaftskontakte zu knüpfen. Mit dem anderen steht er in einer mittelalterlichen Welt, in der eine gewalttätige Religion die Weichen stellt. So umgibt sich der Nizam mit dolchstarken Leibwächtern aus 1001er Nacht – und er hat eine transportable Folterkammer im Reisegepäck.

Realismus ist demnach Blochs Anliegen nicht. Im Vordergrund steht die Unterhaltung. Als schreibender Vollprofi beherrscht der Verfasser die entsprechenden Regeln. Hinzu kommt Blochs Hang zum mental Düsteren – zur „Nacht im Kopf“, so ein weiterer (deutscher) Bloch-Titel. Die Auflösung des Plots (die hier verschwiegen werden soll), ist freilich ein Quasi-Plagiat des „Psycho“-Finales: Bloch schrieb nicht für Kritikerlob, sondern für Geld. „Amok“ ist dennoch ein – freilich ungelenker – Spagat zwischen Thriller-Routine und der verstörender Erkenntnis, wie eng das gute, alte Verbrechen mit dem Wahnsinn verknüpft sein kann.

Autor

Robert Bloch wurde am 5. April 1917 in Chicago geboren. Früh verfiel er dem Reiz der „Pulp“-Magazine, in denen abenteuerliche, oft wüste aber höchst unterhaltsame Geschichten erzählt wurden. 1934 gelang Bloch mit „Lilies“ eine erste Veröffentlichung, weitere Geschichten für verschiedene Magazine folgten in rascher Folge. Bloch zeigte sich versierter und schneller Handwerker, der für viele Genres schreiben konnte. 1947 erschien „The Scarf“, Blochs Romandebüt, die Geschichte eines Psychopathen. Der Blick auf oder besser in die Hirne von geistesgestörten Serienmördern wurde zu einer besonderen „Spezialität“ des Schriftstellers. 1959 gelang Bloch damit sein wahrer Durchbruch: Norman Bates betrat die Bildfläche in „Psycho“. Das Buch wurde ein Bestseller, Hollywood aufmerksam auf Bloch. Für gerade 9.500 Dollar gingen die Filmrechte an Alfred Hitchcock. „Psycho“, der Film von 1960, wurde nicht nur ein Blockbuster, sondern ein Kultfilm, stilbildend für das Thriller-Genre und ein zeitloses Meisterwerk in seiner düsteren Faszination.

Bloch war berühmt – und im Filmgeschäft. Er zog nach Kalifornien und schrieb für die TV-Serie „Alfred Hitchcock Presents“. Ein bescheidener TV-Erfolg wurde die von Boris Karloff („Frankenstein“) präsentierte „Thriller“-Show (1960), für die Bloch viele seiner eigenen Storys verfilmen lassen konnte. Außerdem verfasste er Drehbücher für Kinofilme wie „The Couch“, ein psychiatrisches Drama, und „The Cabinet of Dr. Caligari“, ein Remake des deutschen Stummfilm-Klassikers (beide 1962).

Am 23. September 1994 ist Robert Bloch im Alter von 77 Jahren gestorben. Er hinterließ ein reiches Werk und das unsterbliche Bonmot: „Trotz meines unappetitlichen Rufes habe ich tatsächlich das Herz eines kleinen Jungen; ich bewahre es in einem Einweckglas auf meinem Schreibtisch auf.“

Der biografische Abriss stützt sich auf „The Bat Is My Brother: The Unofficial Robert Bloch Website“, die außerordentlich informativ ist.

Taschenbuch: 157 Seiten
Originaltitel: Terror (New York : Belmont Productions, Inc. 1962)
Übersetzung: Hans Gamber
http://www.randomhouse.de/heyne

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