Watson, Ian – Feuerwurm

John Cunningham, Engländer, Ende 40, Single und von Beruf Psychiater, führt ein zurückgezogenes Leben ohne besondere Aufregungen. Seine kranke Mutter, die mit ihm in dem Haus wohnt, in dem sich auch die Praxis befindet, übt mehr oder weniger subtil Druck auf ihn aus, sich mit seiner Sekretärin zu verheiraten, weil sie auf diese Weise ihre Pflege gesichert sehen möchte.

Eine freudlose Existenz also, wäre da nicht Dr. Cunninghams großes Geheimnis: Unter dem Namen Jack Cannon schreibt er sehr erfolgreiche Horrorromane, die ihm Ruhm und gutes Geld bringen. Auch beruflich steht Cunningham/Cannon gut da. Er gilt als Mode-Arzt, der sich auf die bei seinen Patienten sehr beliebte „Reinkarnationstherapie“ spezialisiert hat. Unter Hypnose meinen sie sich an frühere Leben erinnern zu können. Cunningham selbst glaubt nicht an die Wiedergeburt. Die scheinbar erinnerten Leben sind aus wissenschaftlicher Sicht bloß ersonnen, aber sie geben Aufschluss über tatsächliche psychische Störungen, die auf diese Weise maskiert und ausgelebt werden.

Der junge Tony Smith passt gut ins Spektrum dieser Patienten. Seit einiger Zeit plagen ihn Albträume. Sehr plastisch erlebt er mit, wie ein Schuljunge namens Ted Appleby im Jahre 1955 in einem kleinen Küstenstädtchen namens Tynemouth von einem grotesken Ungeheuer verfolgt wird – dem alchimistischen Salamander oder Feuerwurm, einem Elementarwesen aus der Urzeit der Welt, geboren in der Glut des Erdinneren. Es haust in einer Felsenhöhle nahe dem Wasser, wo es halb schläft, halb wacht und über enorme suggestive Kräfte verfügt. In gewissen Abständen zwingt es unglückliche Menschen in seinen Bann, um sie als Wirtskörper für seinen Nachwuchs zu missbrauchen. Ted ist eines dieser Opfer.

Weitere Nachforschungen Cunninghams ergeben seltsame Übereinstimmungen mit Smith’ Träumen. Tynemouth existiert, und es gibt auch die besagte Höhle. Der Psychiater findet weiter heraus, dass in ihrem Umfeld schon vor 1955 seltsame Dinge vorgingen. Seit Jahrhunderten treibt der Feuerwurm sein Unwesen und zieht, gierig und geschickt zugleich, eine Spur des Verderbens durch die Zeit. Immer tiefer dringt Cunningham in die Vergangenheit vor – und stößt schließlich auf die unerwartete, aber wohl nicht wirklich überraschende Tatsache, dass es immer der Mensch ist, der sich selbst die schrecklichsten Monster schafft …

… was so ausgedrückt nicht ganz richtig ist, denn der Feuerwurm wird nicht erschaffen, sondern „nur“ geweckt. Weil dabei etwas schrecklich schief geht, mutiert die an sich schon bemerkenswerte Kreatur zu einem wahrlich schauerlichen Ungetüm. Dass es so angenehm furchterregend geratend ist, verdanken wir der Kunst seines geistigen Vaters. Ian Watson bedient sich des alten, aber bei richtiger Anwendung immer noch wirksamen Tricks, sein Ungeheuer nur sporadisch auftreten zu lassen und seine Taten höchstens im Ansatz zu erklären. Deshalb wirkt es fremd und bleibt unheimlich (auch wenn sich der Leser manchmal fragt, wieso es z. B. mit unfreiwilliger menschlicher Unterstützung Nachkommen in die Welt setzt – es gibt und gab offenbar nur einen Feuerwurm).

Der ist ein Gast aus dem Reich des Übernatürlichen und unterscheidet sich angenehm von den ewigen Vampiren, Zombies und Zwischenfällen aus dem Genlabor, mit denen unheimliche Reißbrett-Literaten heutzutage ihr Publikum langweilen. Sehr schön ist auch der Einfall, die Geschichte des Feuerwurms analog zur Geschichte der kleinen Stadt Tynemouth zu erzählen. Realität mischt sich immer wieder mit Volksüberlieferung und halb vergessenen Gerüchten. Der Salamander, der doch in seiner Höhle festsitzt, hat in den sieben Jahrhunderten seiner Existenz die Geschicke der Bürger von Tynemouth mehr oder weniger subtil beeinflusst und zum Teil gesteuert. Es macht Spaß zu lesen, wie Verfasser Watson drei Stationen dieses Weges rekonstruiert. Wir lernen den Feuerwurm in den Jahren 1955, 1843/44 und 1314 kennen. Watson entwickelt seine Geschichte gegen die Chronologie; eine schriftstellerische Herausforderung, die den Reiz der Lektüre erhöht, weil der Leser die komplexe Feuerwurm-Chronik immer weiter auf ihren überraschenden Beginn zurückverfolgen kann.

Allerdings kann nur die letzte (oder zeitlich erste) Episode im Rahmen der Handlung wirklich überzeugen. Watson plante offensichtlich einen historischen Horrorroman. Entstanden ist ein Bastard, der über weite Strecke das Schlechteste beider Welten in sich vereinigt. Viel Mühe hat sich Watson mit dem Lokalkolorit gegeben. Die 50er Jahre des 20. Jahrhunderts nehmen miefig Gestalt an, und der Ausflug ins 19. Jahrhundert ist gleichzeitig das Porträt einer freigeistigen und -mütigen Frau, die ihrer Zeit weit voraus ist – nur leider hat das rein gar nichts mit der eigentlichen Geschichte zu tun. Die wird wie nebenbei hastig eingeflochten. Erst die Mittelalter-Episode stellt sich voll und ganz in den Dienst der Feuerwurm-Story – und erfreut gleichzeitig den historisch interessierten Leser.

„Feuerwurm“ ist ein Roman nicht gerade jüngsten Datums. Das beeinträchtigt die Lektüre aber nicht – mit einer Ausnahme: 1988 ist das Jahr, in dem die Angst vor der noch nicht lange bekannten und wenig erforschten AIDS-Seuche ihren Höhepunkt erreichte und in Hysterie umschlug. Ian Watson zeichnet das Bild einer Welt, die vor einer geradezu apokalyptischen Katastrophe zu stehen scheint. Aufgesetzt wirken Watsons Tiraden heute, da diese offensichtlich ausgeblieben ist. Diese Passagen lassen sich als Ausflüsse des Zeitgeistes goutieren oder überspringen. Sie mindern nicht den Eindruck eines ungewöhnlichen und lesenswerten Romans.

Verlagshomepage: http://www.festa-verlag.de