Melo, Patrícia – Ich töte, du stirbst

_Brasilianischer Psychothriller_

Die vernachlässigte Ehefrau Rita verdächtigt ihren Mann, ein berüchtigter Frauenmörder zu sein. Ist sie das nächste Opfer? – Ein pedantischer Bankangestellter will seine Nachbarin killen, muss sie aber zuerst verführen: ein todbringender Don Juan. Ist er der gesuchte Frauenmörder? – Zwei Episoden um Psychosen bilden diesen kriminell guten Roman einer Brasilianerin.

„Ich töte, du stirbst“ ist Patricia Melos erster Roman und erschien 1994. Nach „O Matador“ und „Wer lügt gewinnt“ ist dies der dritte von |Klett-Cotta| verlegte Roman Melos.

Patricia Melo wurde in zwölf Sprachen übersetzt und 1998 für „O Matador“ mit dem Deutschen Krimi-Preis ausgezeichnet. 2001 erhielt sie den begehrten Premio Jabuti ihres Heimatlandes.

|Die Übersetzerin|

Barabara Mesquita, 1959 in Bremen geboren, ist Dolmetscherin und Übersetzerin für Portugiesisch und Spanisch. Sie hat u. a. Luis Verissimo und Juan Manuel de Prada ins Deutsche übertragen. Ihre Arbeit an „Ich töte, du stirbst“ ist einfach makellos.

_Zwei Handlungen_

|Erster Teil|

Die Hauptfigur und Ich-Erzählerin des ersten Teils ist die junge Brasilianerin Rita. Sie sucht ein Polizeirevier auf, um dem Beamten zu berichten, sie vermute, ihr eigener Gatte sei der berüchtigte Frauenmörder des Stadtteils Lapa. Sie fürchte um ihr Leben. Das macht den Beamten erst einmal skeptisch.

Und uns auch, denn Rita, die vernachlässigte Gattin, die den ganzen Tag im Fernsehen amerikanische Krimiklassiker anschaut (diese Szenen verschwimmen mit der Realität), schnüffelt ihrem Männe, Rubem Marcondes, hinterher. Rubem ist Fernsehproduzent, und tatsächlich scheint ihn ein Geheimnis zu umgeben.

Auf ihren Beschattungsfahrten entdeckt Rita, wie ihr Angetrauter andere Frauen trifft, attraktive Blondinen gar, in Cafés und Bars. Ihre Paranoia wächst: Landet sie demnächst bald beim alten Eisen? Doch Rubem streitet natürlich alles als Einbildung und Unsinn ab. Rita zweifelt an ihrem Verstand.

Dann findet sie, ganz die Paranoikerin, in einem geheimen Versteck im Keller mehrere mysteriöse Ampullen: Darin befindet sich Aqua Toffana (vgl. O-Titel), jenes tückisch wirkende Gift aus der Renaissance, das so langsam tötet, dass es zwei Jahre (!) dauert, bis das Opfer verendet.

Der Polizeibeamte ist weiterhin skeptisch: Ist Rita nicht doch nur eine durchgeknallte Psychopathin? Wenig später wird die Leiche einer jungen Frau in Lapa gefunden, das sechste Opfer: Rita.

|Zweiter Teil|

Auch am Geisteszustand der zweiten Hauptfigur und des zweiten Ich-Erzählers des Romans gibt uns reichlich Anlass, ernsthaft an seiner geistigen Gesundheit zu zweifeln. Der unscheinbare, aber höchst penible Bankangestellte – er hat täglich nur Formulare abzustempeln, sonst nichts – und Vater zweier Kinder ist relativ besessen von Hemdkragen. Sie müssen a) von seiner Frau korrekt gebügelt sein und b) korrekt sitzen. Nur wenn sie richtig gebügelt sind, verleihen sie dem jeweiligen Träger jene lässige Eleganz (meint er).

In seine Albträume mischen sich Bilder von Stich- und Schneidewerkzeugen: Messer, Stichel, Dolche. Auch Revolver. Sein Hass richtet sich gegen seine etwas betagte Nachbarin Célia, eine gut erhaltene Vier- oder Fünfzigerin. Er schickt ihr Karten, Blumen. Irgendwie muss er ihr ja näher kommen. So nahe, dass er sie in ihrer Badewanne ertränken kann. Denn das ist der Trick: Den Mord so aussehen zu lassen wie einen Unfall: Das Badewasser läuft ihr in den Mund, ein Reflex hindert sie an der Gegenwehr, Affe tot.

Sein Wunschtraum geht in Erfüllung (oder ist alles nur Einbildung?): Er zerstückelt Célias Leiche und versenkt die Müllbeutel vor der Küste. Ha, wie soll man ihm nun auf die Spur kommen? Nie im Leben.

Doch als ihm niemand verdächtigende Fragen stellt, wird er unruhig. Eines Morgens liest er die Zeitung: Der Frauenmörder von Lapa hat ein sechstes Opfer gefordert. Unverzüglich meldet er sich auf dem Kommissariat und gesteht: Ich bin der, den ihr sucht. Der Kommissar schaut ihn erschrocken an.

_Mein Eindruck_

Patricia Melos Geschichten erinnern an die Mördergeständnisse in Edgar Allan Poes Geschichten „Die schwarze Katze“ und „Das geschwätzige Herz“: Der Mörder (?) empfindet mehr Einbildungen, leidet unter einer (imaginären?) Tat und stellt sich schließlich: entweder, wie bei Poe und Melo Nr. 2, dem Arm der Gerechtigkeit oder, wie bei Melo Nr. 1, dem unausweichlichen Schicksal.

Das Thema der beiden Novellen, die den Roman „Ich töte, du stirbst“ ausmachen, ist in jedem Fall Gewalt: sei sie nun real oder „nur“ eingebildet. Die Erzählweise ist brillant, vielseitig, schier atemlos dahinjagend in ihrer Paranoia. (Ich habe den Roman komplett an einem Tag gelesen.)

|“Paranoia me destroya“|

Woher kommt er, dieser Verfolgungswahn? Er hat viele Quellen. Die vernächlässigte Rita erfindet sich einen Mörder nach dem Vorbild der amerikanischen Krimis. Sie findet ihre höhere Bedeutung als Opfer, ein Opfer von derart durchtriebener Mordlust und Tücke, dass sie sozusagen die Krönung aller Opfer darstellt.

Auch der Bankangestellte stilisiert sich zu höherer Bedeutung: Direkte Einwirkung auf die Umwelt, nicht mehr nur denken, stempeln wie ein kleines Rädchen in der Maschine, nein, ein Mord muss her. Als ob eine solche Tat zum Heldentum tauge. So kommt man in die Zeitung. Berühmt oder berüchtigt – wo liegt da heutzutage der Unterschied?

In Washington, D.C., spielt jemand Gott, indem er wahllos Menschen abknallt. Terror oder ultimativer Horror (bei Rita) als Vergegenwärtigung des verschwindenden, anonymen Individuums. „Selbsternannte Götter“, wie Gert Heidenreich sie nennt, sind vielleicht die Agonie im Kampf des Einzelnen um Selbstbehauptung: Träume von Gift, Dolchen, Messern, Revolvern überschwemmen, freigelassen von den visuellen Medien, das Bewusstsein der Massen. Der Mörder und sein Opfer als Doppelheldenpaar. Für 15 Minuten bzw. Sekunden Ruhm.

_Unterm Strich_

Melo ist eine Entdeckung, nicht nur in Sachen Einfallsreichtum und Aussage des Inhalts, sondern auch in literarischer Hinsicht. So rasant und dennoch unter die Haut gehend erlebt man heute selten eine Erzählung. Das Thema sorgt ebenso wie seine brillante Umsetzung für wohlige Schauder beim Leser.

|Originaltitel: Aqua Toffana, 1994
Aus dem Brasilianischen übertragen von Barbara Mesquita|

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