Clara Dupont-Monod – Das Mädchen mit Flügeln

Zauberhaft zuversichtlich: Die Mutantin wird gerettet

Die kleine Eova lebt mit ihrer Mutter Theodora auf einer Insel vor der Küste Venezuelas. Eova ist ein zartes Kind, das immer schon ein wenig anders war als die anderen Mädchen ihres Alters. Doch eines Tages geschieht etwas Unglaubliches – denn an ihrem Rücken wachsen Flügel… (Verlagsinfo)

Den Einbruch des Wunders in eine kleine Gemeinschaft schildert dieser kleine Roman – voll Poesie, Humor und sprachlicher Ausdruckskraft. Ich bin beeindruckt. Gabriel Garcia Marquez, der Meister der lateinamerikanischen Literatur, könnte diese Geschichte nicht lebendiger erzählen.

Handlung

Auf einer kleinen tropischen Insel vor der Küste Venezuelas lebt um 1911, als diese Geschichte beginnt, die gemischtrassige Bevölkerung seit jeher im Einklang mit den Jahreszeiten, bescheiden und quasi geschichtslos – genau die richtige Umgebung, um Mythen, Sagen und Legenden entstehen zu lassen. Und wie eine Legende mutet die Lebensgeschichte von Eova Luciole an.

Eovas Mutter ist Theodora Lucile Palombio, die schöne junge Witwe eines mit seinem Schiff untergegangenen Kapitäns. Sie wird von Octavio, dem Krämers des Küstendorfes, beharrlich umworben. Trotz ihrer Trauer lebt sich jedoch nur für ihre von jenem Kapitän empfangene Tochter Eova Luciole (= Glühwürmchen auf Spanisch). Eova ist ein zartes, geradezu ätherisches Kind, das die Dinge nimmt, wie sie sind, auch wenn in der Schule alle Schabernack mit ihr treiben – bis auf wenige Ausnahmen.

Eovas Verhalten scheint sich auch nicht zu ändern, als ihr eines Nachts Flügel wachsen. Diese Flügel sind schneeweiß und so groß, dass Eova damit fliegen kann. Der bestürzte Octavio steht der ebenso verstörten Mutter zur Seite. Zunächst geht alles gut, denn die Flügel verschwinden wieder von alleine.

Als aber die geflügelte Eova einmal der Dorflehrerin erscheint, dringt die Nachricht über den kleinen Familienkreis hinaus. Zur selben Zeit suchen verheerende Überschwemmungen die Insel und das Dorf heim, so dass dessen Bürgermeister darin umkommt, und plötzlich geben die abergläubischen Einwohner der missratenen Eova die Schuld an der Katastrophe. Um sie vor dem Zorn der Menschen zu schützen, wird Eova aufs Festland geschickt, in eine Anstalt, die verwaiste und verwilderte Jugendliche aufnimmt. Mit ihren neun Jahren ist Eova die Jüngste unter den 15-Jährigen. In der gestrengen, lieblosen Umgebung verliert sie ihre Sprechfähigkeit.

Paco Aracas, ein von seiner Familie verstoßener Junge, entdeckt Eovas Geheimnis: ihre wunderschönen Flügel und ihren gescheiterten Versuch, zu ihrer Familie zurückzufliegen. Von diesem Wunder überwältigt, widmet er seine Liebe dem Schutz der kleinen Stummen.

Als Octavio eines Tages auftaucht, findet die mittlerweile 13-Jährige ihre Sprache wieder und folgt ihm nach Hause. Zum Glück nehmen die Menschen ihres Dorfes sie wieder auf. Sie passt sich an, und ihr wachsen keine Flügel mehr. Paco schreibt ihr weiterhin Liebesbriefe, doch sie beschließt, sich mit einem früheren Verehrer, Arturo, zu verloben. Am Tag ihres Verlobungsfestes findet sie jedoch die von ihrer Mutter versteckten Liebesbriefe Pacos…

Mein Eindruck

Im Zentrum dieser anrührenden Geschichte steht natürlich ein Geheimnis. Dieses wird umso besser gewahrt, je weniger Eova, die Quelle des Wunders, zu sprechen und zu verraten vermag. Manchem Leser könnte dies als eine Schwäche der Erzählung erscheinen, doch sie trägt vielmehr zu seiner wunderbaren Wirkung bei. Dies ist schließlich nicht Science-Fiction, wo alles erklärt wird, sondern eine Liebes- und Lebensgeschichte.

Geben wir uns damit zufrieden, dass die Flügel des noch nicht von der Zivilisation verbogenen Mädchens ein Symbol oder eine Metapher sind. Doch wofür stehen sie? Möge sich jeder Leser seine eigene Erklärung suchen. Eine Mutter aber dürfte wissen: Die Flügel stehen nicht nur für das Wunder eines neuen Wesens, sondern auch für dessen innere Andersartigkeit, wenn es noch ein kleines, heranwachsendes Kind ist. Insbesondere dort, am Rande der bürgerlichen Gesellschaft, wo Eova bei ihrer Mutter aufwächst, mag sich die Andersartigkeit gut entwickeln.

SF-Leser wissen, was mit Mutanten üblicherweise passiert. Sie enden im „Kuckucksnest“ oder werden gleich erschlagen. Dem Totschlag entgeht der „Engel“ Eova (klingt wie ‚Jehova‘, nicht?) knapp, doch nicht der Anstalt: Sie wird weggesperrt, um für die bürgerliche Gesellschaft geformt zu werden. Sie leistet passiven Widerstand, für den sie schwer büßt. Erst als ein Mensch das Wunder ihrer andersartigen Existenz und dessen Wert begreift, ist sie gerettet.

Unterm Strich

Die Moral von der Geschicht: Auch wenn dein kleines Kind dir wie ein Mutant vorkommt, so sieh in ihm nicht die Bedrohung, sondern die Chance und das Wunder. Für ein Romandebüt ist das eine beachtliche Botschaft und eine gelungen erzählte dazu.

Taschenbuch: 160 Seiten
Originaltitel: Eova Luciole, 1997
Aus dem Französischen übertragen von Maria Dessauer.
ISBN-13: 9783442447480

www.randomhouse.de

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