Klaus Bädekerl – Die Frau der Träume

Mystischer Krimi: Ermittlung gegen Göttin und Mutter

Sechs Männer sterben eines „natürlichen“ Todes innerhalb nur weniger Monate auf gleiche Weise, und keiner findet das merkwürdig? Nicht so Staatsanwalt Thomas Zorski, der über den neuesten Todesfall stolpert und von seinem Amtsvorgänger eine dicke Akte mit den übrigen fünf Fällen bekommt. Immer war Vollmond, wenn man einen der sechs fand. Und alle lagen friedlich da – und völlig nackt, als ob sie träumten…

Der Autor

Klaus Bädekerl, geboren 1947 in Augsburg, studierte Soziologie in München, arbeitete dann als freier Autor, um Drehbücher und Hörspiele zu schreiben. Sein Erzählband „Alles über Geld und Liebe“ erschien 1979, der Roman „Ein Kilo Schnee von gestern“ 1983. Er lebt in München und Berlin.

Handlung

Winter 1983. Staatsanwalt Thomas Zorski weiß, dass er sterben wird. Nun, das wissen wir alle, aber er ist sicher, dass sein Los bereits gezogen wurde. Deshalb schreibt er diesen Bericht als Brief und Rechenschaft an seine Mutter, auf dass sie ihn verstehen und das Manuskript an alle Verlage leiten möge. Er wollte nämlich immer schon Schriftsteller werden und hat versucht, die 17 goldenen Regeln guten Schreibens einzuhalten, und wunderbarerweise gelingt ihm das auch – meistens jedenfalls. Und das ist seine Story…

Die Opfer

Der Student Arno Grüninger wird am 12. Mai 1983 tot in seiner Wohnung aufgefunden: völlig nackt, die Arme im 45-Grad-Winkel gebeugt, er sieht entspannt aus. Bei der Obduktion, bei der Staatsanwalt Zorski als Zeuge anwesend sein muss, stellt der Professor eine natürliche Todesursache fest: Herzversagen, begleitet von einer Erkältung. Und das mit 27? Des Professors Assistent Wolff weist Zorski beim Kantinenessen auf eine kleine Merkwürdigkeit hin: Arno Grüninger ist mitnichten Nummer 1 mit diesem Herzinfarkt, sondern bereits Nummer sechs. Zorski wundert sich, doch Wolff ist gottfroh, einen wehrlosen Trottel wie Zorski gefunden zu haben, auf den er die Verantwortung für diese Todesfallserie abwälzen kann.

Zorski findet die Akte über Nr. 1 bis 5 dieser Todesserie, die ihm sein Amtsvorgänger, der inzwischen zum Richter aufgestiegen ist, hinterlassen hat. Zorski weiß, dass er Ärger macht, wenn er sie auch nur öffnet, und das noch in der dreijährigen Probezeit! Er öffnet die Akte trotzdem, denn sonst findet er einfach keine Ruhe. Hätte er sie doch bloß geschlosssen gehalten.

Die Angehörigen

Sechs Männer, alle nackt in der gleichen Stellung wie Grüninger gefunden, gestorben – Zorski schaut im Kalender nach – immer dann, wenn der Vollmond schien. Zorski gräbt ein bisschen tiefer in der Vergangenheit der „Opfer“ und entdeckt, dass einige von ihnen kurz zuvor auf Kreta Urlaub gemacht hatten. Dort ist kein Kontakt zu finden, deshalb hält er sich an die Heimat. Er besucht die Freundinnen, Frauen und Mütter der Opfer (und weckt so die Neugier der Presse und seines eigenen Chefs). Frau Grüninger zeigt ihm Arnos Zimmer: Da hängt das Gemälde eines Vollmonds über dem Bett. Was hat es hier zu suchen, fragt er sich. Immer wieder der Vollmond…

Die entspannte Stellung der Opfer erinnert ihn an Meditation. Also besucht besucht er einen entsprechenden Kurs an der Volkshochschule und lernt derartig gut, seine Atmung zu regulieren und sein Bewusstsein zu entspannen, dass er sich verändert. Er wird leistungsfähiger und entspannter, bloß das Nirvana, das Buddha verspricht, hat er noch nicht erreicht.

Barbara

Als er die Diskothek „Nonplusultra“ besucht, in der einige der Opfer gesehen wurde, besucht, trifft er eine andere Kursteilnehmerin. Sie tanzen und flirten, bis Barbara erzählt, sie male. Sie soll ihm ihre Bilder zeigen, bittet er. Sie nimmt ihn gleich mit in ihre Wohnung. Dort hat er eine Offenbarung: Sie malt das Bild des Mondes, der gerade zunimmt. Das Bild wird fertig sein, wenn der Mond voll ist. Hat sie Arno Grüninger auch eines gemalt? Zorski fragt lieber nicht, um Barbara nicht misstrauisch zu machen. Natürlich schlafen sie miteinander. Er will ihr das Bild abkaufen, und sie verlangt einen Monatslohn. Gebongt.

Kreta

Doch Barbara ist weitaus geheimnisvoller, als er denkt. Nicht nur beherrscht sie die Meditationstechnik perfekt, sie führt auch mit Zorski ein gemeinsames Meditations- und Sexritual aus, jeden Morgen und Abend. Klar, dass er bald von ihr wie gefesselt ist. Als sie ihn (wie die anderen Opfer) nach Kreta einlädt, ist es bereits um ihn geschehen. Arno Grüninger wurde im Frühjahr gefunden, im September fliegt er nach Kreta – ohne sie, jedoch mit ihrer Ersatzfrau Doris. Auch in Kreta findet er Offenbarungen – und das wird ihm (und seiner Karriere als Staatsanwalt) zum Verhängnis. Aber er fasst einen verwegenen Plan, um sich zu rächen…

Mein Eindruck

Der tiefe Fall des Staatsanwalts Thomas Zorski ist natürlich recht ironisch zu sehen. Allein schon der Umstand, dass er sich mit Schriftstellerei befasst, zieht die Ernsthaftigkeit seiner Berufsauffassung in Zweifel. Aber bitte sehr; es gab ja schon schreibende Richter, Anwälte, Ärzte, Pfarrer usw. Er ist ein studierter, gebildeter Mann, der zu recherchieren weiß und Zusammenhänge herstellt, wo andere nur den Zufall vermuten würden. Er weiß aber auch das Leben und die Frauen zu genießen, ist kein Kostverächter, lässt sich auf Neues ein.

Doris

Deshalb mosert er nicht lange herum, als ihm Barbara ihre Freundin Doris als Ersatzfrau unterschiebt, um Zorski auf Kreta zu begleiten. Kreta, die Insel des Zeus, des Endymion, des Königs Minos, seines Labyrinths und vor allem des Minotaurus. Regelmäßig wurden dem Stiermenschen Jungfrauen geopfert, bis ein Held namens Theseus eine Verräterin namens Ariadne fand und dem Ungeheuer den Garaus machte. Auch der Mystik und den alten Sagen kann Thomas Zorski etwas abgewinnen. Doch er findet einen ganz anderen Opferplatz als Theseus.

Die Göttin

Doris lebt mit ihm wochenlang in einer primitiven Schäferhütte aus Stein, sie bringt ihm bei, ihr zu dienen und der Göttin dieser Region zu opfern. Deren Ort scheint zunächst eine tiefe Höhle im Gebirg zu sein, doch Thomas findet durch Doris einen Aufstieg zu einem Gipfelplateau, auf dem offensichtlich seit Urzeiten ein blankpolierter Opferstein auf die Benutzung wartet. Dort wer opfert hier wem – und mit was? Doris macht Thomas unmissverständlich klar, das er, Thomas, das Opfer sei, das sie, Doris, der allerersten Göttin darbringe. Ihr Name laute Aoa und ihr Verkörperung sei der Vollmond. Die Frauen opfern ihr jeden Monat mit ihrem Blut. Jetzt wird Thomas und uns einiges klar.

Selbstversuch

Sind also alle sechs bisherigen Toten, bis hin zu Arno Grüninger, freiwillige Opfer zu Ehren Aoas geworden – oder wurden sie gezwungen? Dieser Frage muss der Staatsanwalt noch auf den Grund gehen. Leider scheint dies nur im riskanten Selbstversuch möglich zu sein. Diesen Selbstversuch schildert das letzte Drittel des Buches. Eine verwegene Idee kommt ihm: Eine so starke Göttin wie Aoa lebt ewig und kann in Reinkarnationen zurückkehren. Was, wenn er eine solche Verkörperung dazu benutzen würde, die Göttin einzufangen? Wäre dies nicht eine Tat, würdig, in die Annalen des Männergeschlechts einzugehen?

Opfer des Mythos?

Spätestens an dieser Stelle von Zorskis Verwandlung sollten dem Leser ernste Zweifel an seiner Zurechnungsfähigkeit kommen. Aber auch Gustav Meyrink („Der Golem“), Hanns Heinz Ewers („Die Alraune“, „Die Spinne“) und etliche Franzosen wie etwa Marcel Aymé haben wunderbar leichte, mystische Geschichten erzählt, die eine Tradition begründet haben. Bädekerl knüpft an diese alte Tradition, die im Dritten Reich abgeschnitten wurde, wieder an.

Sein Antiheld Zorski ist in einem antiken Mythos gefangen, der ihn in einen Gläubigen verwandelt. Zuvor war er der sprichwörtliche „ungläubige Thomas“, nun glaubt er an die Urgöttin, die im Mond über Männer und Frauen gleichermaßen wacht und herrscht. Zumindest bis zu einem gewissen Grad, denn wie sonst könnte er es wagen, sie einzufangen? Die Falle ist ausgeklügelt und es kann eigentlich nichts schiefgehen. Bis auf die winzige Kleinigkeit, dass die Göttin vielleicht überhaupt nicht existiert.

Würde man die Göttin Aoa durch Jesus ersetzen, so hätte man es hier wohl mit einer theologischen Komödie über den Glauben und Unglauben zu tun, was aber keinen mehr interessieren würde. Aber durch Einführung der Göttin Aoa und des Staatsanwalts Zorski, der eine Todesserie aufklären will, macht der Autor einen metaphysischen Kriminalfall daraus.

Emanzipation durch Schreiben

Auf einer unausgesprochenen, vielleicht dem Erzähler selbst unbewussten Ebene ist sein Manuskript, ja, alle seine Erlebnisse in diesem Fall eine Auseinandersetzung mit der Mutter. An sie ist der Bericht adressiert, und sie spricht er wiederholt direkt an. Nicht nur, um sich für seine ständige Lügen zu entschuldigen, sondern auch um mit ihrer unterbewussten psychologischen Realität fertigzuwerden. Denn die Mutter ist nichts anderes als ebenfalls eine Verkörperung der Mutter. Das Schreiben ist ein Abnabelungsprozess, so wie der Plan, die Verkörperung der Göttin gefangenzusetzen, ein männlicher Befreiungsschläg werden soll. Schreiben als männlich-intellektuelle Emanzipation von der Mutter und der Göttin – das ist doch mal eine klare ästhetische Aussage.

Unterm Strich

Das Lesen dieses Buches war nicht ganz einfach. Zunächst lässt es sich an wie ein Kriminalfall, und Zorskis Ermittlung macht uns neugierig. Doch die Ermittlung gerät schon bald auf private Abwege, bis der Held auf Kreta landet. Jetzt berührt die biografische Schilderung den ewigen machtkampf zwischen Mann und Frau, bis der Mythos der Göttin obsiegt. Was kann jetzt noch bleiben, fragte ich mich etwas beklommen, denn das Buch sollte nun eigentlich aus sein.

Doch halt, am Anfang sagte Zorski ja etwas von wegen, er müsse jetzt ebenso wie die sechs Opfer vor ihm sterben. Aber warum nur, fragte ich mich und erfuhr von Zorksis verwegenem, vielleicht ein wenig hirnrissigen Plan, eine Vierzehnjährige ins Bett zu nehmen, nur weil er denkt, sie sei die Inkarnation der Göttin. Klingt nach Pädophilie? Mitnichten. Denn wie Zorski als Jurist ganz genau weiß, ist die sexuelle Interaktion ab 14 Jahren (zumindest anno 1983) durchaus legal.

In ziemlich expliziter Sprache schildert Zorski, wie es ihm mit der jungen Göttin erging. Mehr sei nicht verraten. Aber der Autor nimmt in sexueller und erotischer Hinsicht kein Blatt vor den Mund, weshalb man meinen könnte, dieser Roman eigne sich zur anregenden Lektüre im Urlaub. In dieser Erwartung sieht man sich aber bald getäuscht, denn das einzige, was der Autor mit seiner Geschichte anregt, sind die grauen Hirnzellen und stellenweise auch das Zwerchfell, besonders wenn er ständig auf die goldenen Regeln der Schriftstellerei abhebt und laufend dagegen verstößt.

Denn komisch ist das Unterfangen des Staatsanwalts Zorski von Anfang bis Ende: eine metaphysische Komödie, die den Blick des männlichen Lesers auf die weibliche Welt um ihn herum durchaus zu verändern vermag. Mann wird den Vollmond nie wieder mit dem gleichen gleichgültigen Blick wie zuvor betrachten. Und die eigene Mutter ebenfalls nicht.

Taschenbuch: 289 Seiten
ISBN-13: 9783518383292

www.suhrkamp.de

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