Norman, John – The Totems of Abydos

Entdeckungen im Urwald: Totems, Monster, Wandlungen

In der fernen Zukunft besuchen zwei Anthropologen den abgelegenen Planeten Abydos. Die zwei sind sehr verschieden: Was dem älteren Rodriguez selbstverständlich erscheint, schockiert den jungen Brenner zutiefst. Beispielsweise menschliche Frauen, die sexuelle Bedürfnisse haben und quasi in Leibeigenschaft gehalten werden.

Aber die zwei Forscher sind hier, um die einheimische Spezies der Pons zu untersuchen. Diese hat sie eingeladen, sie in den tiefen Wäldern von Abydos zu besuchen. Was die Forscher vorfinden, ist eigentlich schon vordekretiert worden, doch als sich die Ereignisse bei den Pons überstürzen, erhalten die beiden Forscher eine Erkenntnis, die die Heimatwelt des menschlichen Sternenimperiums erschüttern würde …

Der Autor

In seinem bis dato 34 Bände umfassenden Gor-Zyklus erzählt der 1931 geborene US-amerikanische Geschichtsprofessor John Norman (eigentlich John Frederick Lange) die Abenteuer des Erdenmenschen Tarl Cabot auf Gor, einem Planeten, der sich in seiner Umlaufbahn um unsere Sonne der Erde genau gegenüber befindet. Aber er hat noch etliche weitere Romane veröffentlicht, darunter die „Telnarischen Chroniken“, in deren Universum „Totems of Abydos“ spielt.

1: Gor – die Gegenerde (Tarnsman of Gor)
2: Der Geächtete von Gor (Outlaw of Gor)
3: Die Priesterkönige von Gor
4: Die Nomaden von Gor
5: Die Meuchelmörder von Gor
6: Die Piratenstadt von Gor
7: Die Sklavin von Gor
8: Die Jäger von Gor
9: Die Marodeure von Gor
10: Die Stammeskrieger von Gor
11: In Sklavenketten auf Gor
12: Bestien von Gor
13: Die Erforscher von Gor
14: Kampfsklave auf Gor (Jason Marshall #1)
15: Der Schurke von Gor (Jason Marshall #2)
16: Der Leibwächter von Gor (Jason Marshall #3)
17: Die Wilden von Gor
18: Die Blutsbrüder von Gor
19: Kajira von Gor
20: Die Spieler von Gor
21: Die Söldner von Gor
22: Dancer of Gor / Die Tänzerin
23: Die Verräter von Gor
24: Die Vagabunden von Gor
25: Die Zauberer von Gor
26: Witness of Gor
27: Prize of Gor
28: Kur of Gor
29: Swordsmen of Gor
30: Mariners of Gor
31: Conspirators of Gor
32: Smugglers of Gor
33: Rebels of Gor
34: Plunder of Gor

Handlung

PROLOG

Auf dem Planeten Abydos, der von Urwald bedeckt ist, lebt die Bruderschaft in einem kleinen wohlgeschützten Dorf. Denn im Urwald lauern wilde Tiere auf den unachtsamen Wanderer. Der alte Horemheb begibt sich dennoch immer wieder auf den unsichtbaren Pfad, der von seinem Dorf zu einer Plattform mitten im Wald führt. Indem er einen Faden aufnimmt, kann der Blinde dem Pfad folgen, bis er zur Plattform gelangt.

Hier tut er praktisch nichts, außer ein wenig von seinen Vorräten zu sich zu nehmen und zu warten. Niemals geschieht etwas, und selbst die Bestien, die ihn nach umschleichen, greifen ihn an. Was Horemheb hier in der Finsternis sucht, sind drei Dinge:

1) das Geheimnis
2) die Wahrheit
3) die Erinnerung

Er hat vor langer Zeit Bilder in seinem Verstand gesehen, die ihn vermuten lassen, dass es diese drei Dinge hinter der Wirklichkeit gibt, die die Bruderschaft kennt. Vielleicht liegt das Geheimnis in dem alten Pergament mit seinen Sprüchen und Anrufungen. Doch auf die Anrufung hin rührt sich auf der Plattform ebenfalls nichts. Die Frage ist allerdings, wer überhaupt diese Plattform errichtet hat. Sie ist groß und aus hartem Stein. Horemheb hat von Raumschiffen gehört, aber noch nie eines gesehen. Unverrichteter Dinge kehrt er ins Dorf zurück.

Haupthandlung

In der fernen Zukunft haben die Menschen das Universum erschlossen und den einen oder anderen Planeten besiedelt, aber es gibt viele Welten, mit denen sie Freundschaft schlossen. Der Kapitän des Raumschiffes, das die zwei Anthropologen Brenner und Rodriguez nach Abydos bringt, ist so ein Fremdwesen, ein Zard. Doch der Translator erlaubt ihm , sich mit ihnen zu verständigen.

Allan Brenner ist jung, naiv und ehrgeizig. Emilio Rodriguez hingegen nähert sich dem Ende seiner Laufbahn und genießt diverse Laster, wie etwa Alkohol und Tabak beziehungsweise deren Äquivalente in dieser Zukunft. Er sagt, er habe den Tod vielfach gesucht, um mehr über das Leben herauszufinden. Allein schon dieses Unterfangen wäre auf der Heimwelt verpönt, denn dort sind alle gleich und alle gleich zufrieden. Sie müssen es auch sein, denn die wohltätige Administration sorgt dafür, so oder so. Brenner hat herausgefunden, dass er selbst um ein Haar postnatal abgetrieben worden wäre. Kann eine Gesellschaft, die die absolute Macht über ihre Mitglieder beansprucht, wirklich so wohltätig sein, wie sie behauptet?

Die Bergbaugesellschaft, die eine Erschließungslizenz für Abydos hat, betreibt (ähnlich wie in „Avatar“) ein ausgedehntes Lager auf der Planetenoberfläche: Company Station. Diese Station ist ringsum von einem hohen Zaun gegen den Urwald abgeschottet – ob aus notwendigem Schutz gegen außen oder um den Diebstahl von wertvollem Gerät zu verhindern, bleibt offen. Mehrere nichtmenschliche Spezies leben hier, nicht zuletzt wieder die geschäftstüchtigen Zards.

Schon die erste Nacht hält für Brenner mehrere Schocks bereit. Auf der verregneten Straße stößt er mit einer vermummten Gestalt zusammen: eine barfuß gehende, sehr hübsche Frau, die unglaublicherweise unter ihrem Regenmantel ein „Kleid“ trägt. Ein derart antiquiertes und unzüchtiges Kleidungsstück kennt Brenner nur aus historischen Büchern. Denn auf der Commonworld gibt es weder Mann noch Frau, sondern nur Personen, und so etwas Sex ist seit Langem abgeschafft und durch künstliche Befruchtung ersetzt worden. Schließlich weiß der Staat ja am besten, was für seine Mitglieder am besten ist.

Der zweite Schock sind die Zimmermädchen, die gerade im Company Hostel das Zimmer der beiden Besucher herrichten. Auch sie tragen „Kleider“, aber obendrein noch kleine Fußkettchen, an denen eine kleine Scheibe angebracht ist. Rodriguez zeigt Brenner an einem Exemplar, was diese Scheibe zeigt: das Logo der Company. Das Fußkettchen ist also keineswegs Schmuck. Diese Zimmermädchen sind vielmehr vertragsgebundene Leibeigene der Company.

Doch es kommt für den armen Brenner noch viel schlimmer: Körperkontakt! Die erste Lokalität, die Rodriguez aufsucht, ist eine Bar. Dort süffelt er mit Genuss sein velasisches Bier namens „Heimat“. Fehlt nur noch, dass er sein bertinisches Kraut raucht, befürchtet Brenner. Der Barbesitzer ist ein Zard, der mit einer Gerte zweimal auf seinen Tisch knallt. Beim ersten Mal kommt eine Blondine in einem „Kleid“ zu den beiden Besuchern, doch die zeigen kein Interesse. Es ist klar, dass ihr Interesse nur gespielt ist, erkennt Brenner. Ganz anders das zweite Mädchen, eine Brünette. Ihre Unterwürdigkeit ist echt. Und wegen der Angst, die sie vor der Gerte des Besitzers hat, schmiegt sie sich mit Armen und Wange an Brenners linkes Bein.

Er möchte am liebsten vor Scham im Boden versinken. Nicht weil sie offensichtlich eine nicht ganz freie Person ist – auch sie trägt ein Kettchen am Fußgelenk -, sondern wegen seiner eigenen physischen Reaktion: Er begehrt sie. Er hat es Rodriguez bereits gestanden: Er habe sexuelle Bedürfnisse. Dafür hätten ihn die Behörden auf Commonworld ins Umerziehungslager geschickt. Oder postnatal abgetrieben.

Dass es einen erheblichen unterschied ausmacht, ob eine Frau, die sich ihm anbietet, eine Sklavin ohne jede Rechte oder eine freie Frau ist, lernt Brenner nicht nur durch Rodriguez‘ Lehren, sondern auch durch praktische Erfahrung. Die Brünette hat die Wahl, ob sie ihm in allen Belangen zu Willen ist, selbst wenn sie bei Weigerung ihren Vertragskalter, den Zard, dadurch vergraulen und dazu veranlassen würde, ihr eine Vertragsstrafe aufzubrummen. Eine Sklavin hingegen hätte keinerlei Wahl und könnte bei Weigerung ohne Folgen getötet werden.

Brenner hätte nie geglaubt, dass ihn eine Frau dazu bringen könnte, alle seine Prinzipien und indoktrinierten Überzeugungen zu überwinden, zu vergessen, aber die Brünette schafft es. Es ist genau das, was sie will: eine Frau zu sein, die mit einem Mann, dem sie sich freiwillig unterwirft, zusammen sein will. Umso besser, wenn der Kunde auch noch mit ihrem betragen und ihren Leistungen vollauf zufrieden ist!

Bei den Pons

So ein Pon sieht sehr unscheinbar aus: Gerade mal drei Fuß ragt er über den Boden hinaus, ist meist in eine grob gewebte Kutte gehüllt, hat ein, wie Brenner findet, äffisch aussehendes Gesicht und spricht meist kein Wort. Dieser erste Eindruck, so muss er feststellen, täuscht. Von den Händlern in der Company Station haben einige Pons durchaus Ausdrücke der Gemeinsprache aufgeschnappt, die sie sinnvoll einsetzen können. Sie können sogar zählen, solange man mit der Zahl, sagen wir: drei, einen konkreten, sichtbaren Gegenstand verbindet, sagen wir; einen Kieselstein. Das abstrakte Konzept einer Zahl „drei“, mit der sich rechnen ließe, ist ihnen unerreichbar.

Wie clever die Pons sind, zeigt sich Brenner, als er mit Rodriguez dem Pfad folgt, der kilometerweit durch den Urwald von Abydos führt: In jeweils 50 Metern Abstand liegt ein weißer Stein, der als Markierung des Wegs dient. Dass sich solche Steine auch versetzen lassen, um den Wanderer in die Irre zu führen, muss Brenner später zu seinem Leidwesen herausfinden. Die Pons benutzen auch Werkzeuge, nämlich einen Graber, und wahrscheinlich auch Werkzeuge zum Schneiden und Schnitzen. In ihrem Dorf ragt ein aus Holz errichteter Tempel zwischen den Holzhütten auf, zu dem ihnen die Pons den Zutritt verwehren.

Die Totems

Aber sie scheinen keine Waffen außer zugespitzten Stöcken zu haben. Was hat es nun mit ihren Totems auf sich, fragt sich Brenner, denn wegen denen ist er ja lichtjahreweit geflogen. So ein Totem sei eine vielschichtige Angelegenheit, doziert Rodriguez (zu unserem Nutzen). Es sei herauszufinden, welche Art von Totemkult die Pons pflegen.

So ein Totem sei an sich ein Schutzgeist, den eine Gruppe verehrt und dessen Regeln und Tabus sie befolgt. Jeder Tabubruch werde durch Buße bestraft. Ein Totem ist aber auch dessen Abbild, wie man etwa an den Totempfählen der Ureinwohner der amerikanischen Pazifikküsten sehen kann. Zu den strengsten Regeln des Totems gehört die Exogamie. Das bedeutet, dass jeder Gruppenangehörige keinen anderen Angehörigen seiner Gruppe berühren oder sich gar mit ihm paaren darf. Jede Paarung muss also mit den Mitgliedern einer anderen Totemgruppe erfolgen. Dumm nur, denkt Brenner, dass die Pons nur ein Totem haben, die Waldmaus: Wie wollen sie da Exogamie realisieren?

Monster

Dies ist nur eines der vielen Rätsel, auf die die beiden Forscher bei ihrem wochenlangen Aufenthalt stoßen. Die Pons sind auch Diebe. Auf einmal sind die beiden Walkie-Talkies verschwunden, ein Rasierspiegel, die Kamera, der Audiorekorder und vieles mehr. Nur sein als Teleskop getarntes Gewehr, das hier höchst illegal ist, hat Rodriguez bislang vor den Langfingern bewahren können.

Wie nützlich das Gewehr, das Explosivgeschosse abfeuert, ist, stellt sich heraus, als Brenner die ultimative Katastrophe auslöst. Zwei Gruppenmitglieder haben einander berührt und das Tabu verletzt. Sie sollen sterben. Brenner stellt sich zwischen Verteilte und Henker und behauptet, es sei in Ordnung, einander zu berühren. Hat er das bei seiner Begegnung mit der Brünetten gelernt? Auf seiner Heimatwelt nämlich herrscht strengstes Berührungsverbot, genau wie bei den Pons.

Die Pons sind erst vor Entsetzen wie erstarrt. Wer das tabu des Totems verletzt, hat nicht nur mit schlimmen Bestrafungen zu rechnen, sondern hebt die Gültigkeit des Tabus und somit des Totems an sich auf. Wenn es aber keine Totems mehr gibt, gibt es nichts mehr, das als Leitfaden fürs leben dienen kann. Übrig bliebe nur das blanke Chaos. Rodriguez, der Brenner auf diese Konsequenzen hinzuweisen versucht, dringt bei Brenner, der sich als Retter sieht, nicht durch.

Schon am nächsten Tag greift das erste Monster einen Pon an, der auf dem Feld arbeitet. Und dreimal darf man fragen, wem die Pons die Schuld daran geben werden, fragt sich Rodriguez. Er eilt mit Brenner in den Wald, um mit seinem Gewehr das Raubtier zu erlegen …

Mein Eindruck

In einem Interview hat John Norman gesagt, dass seine drei Lieblingsautoren Homer, Freud und Nietzsche seien. In „Totems von Abydos“ kann man ablesen, wie die Gedanken Nietzsches und die Theorien Freuds mit dem Abenteuergarn einer „Odyssee“ verknüpft worden sind. Ein guter Schuss H. Rider Haggard findet sich ebenfalls. Mehr dazu weiter unten.

Formal und werkchronologisch lässt sich der Einzelroman an die „Telnarischen Chroniken“ anknüpfen, eine SF & Fantasy-Trilogie, die von Warner Brooks rabiat abgewürgt wurde, als der zuständige Lektor wechselte. Dass der neue Lektor das Ideengut, das Norman verbreitet, ablehnte, ohne den bereits erzielten Bucherfolg zu berücksichtigen, ließ sich der Autor eine Lehre sein. Seitdem achtet er darauf, nur bei E-Reads zu veröffentlichen, und zwar ausschließlich ungekürzte Ausgaben.

Konditioniert

Auch in „Totems“ wird der Leser bereits im zweiten, rund 60 bis 70 Seiten langen Kapitel darauf gestoßen, dass die Gesellschaft von Commonworld, die mehrere Jahrtausende in der Zukunft existiert, von politischen Imperativen abgewürgt wird. Brenner ist das direkte Produkt dieser verkrüpppelnden psychosozialen Konditionierung. Doch Rodriguez ist sein Gegenteil, ein Außenseiter und Rebell. Dass sie zusammen zu den Pons geschickt werden, hat einen Grund, der erst sehr viel später enthüllt wird. Ohne den Nietzscheaner Rodriguez hätte der naive Brenner einfach nicht überlebt.

Vorgeblich soll das dynamische Duo die Pons als die „ideale Gesellschaft“ entdecken, eine sanfte, friedliebende Art des frühen Menschen, wie er von der Meta-Partei der Commonworld als Ideal propagiert wird, um die Massen ruhig und leicht regierbar zu halten. Es ist eine grandiose Ironie, die ans Satirische grenzt, dass sich die Pons als die Endstufe des Menschengeschlechts von der Heimatwelt erweisen: Sie sind unfruchtbar und nähern sich dem Aussterben ihrer Rasse.

Wahrheitssucher

Doch sowohl Brenner als auch der rebellische Rodriguez suchen die Wahrheit, als Wissenschaftler wie auch als Männer. Seine Männlichkeit muss Brenner erst noch im Bordell der Company Station entdecken, während Rodriguez dort etwas ganz anderes vorhat: Er schwängert die Leibeigene des Zard, die er gemietet hat. Beide Erfahrungen verwirren Brenner, doch das ist noch nichts im Vergleich zu den Entdeckungen, die er mit seinem Mitreisenden bei den Pons macht. Diese 250 Seiten des Anfangs erweisen sich später als notwendig, um sowohl die beiden Protagonisten als auch die Brünette verstehen, die am Schluss erneut auftaucht.

Nachdem die mühselige Kärrnerarbeit der Einführung erledigt ist, legt die Handlung mit hohem Tempo los. Ich meinte, mich stellenweise in einem Abenteuergarn von Henry Rider Haggard zu befinden, dem berühmten viktorianischen Autor solcher Klassiker wie „Sie“ und „König Salomons Minen“. Allerdings wäre dies kein John-Norman-Roman, wenn er nicht auch Nietzsches Ideen und Freuds Lehren mit einbrächte. So wird daraus etwas völlig Unerwartetes. Es ist schwierig, nicht zuviel davon zu verraten. Ich war jedenfalls mehrmals überrascht und am Schluss begeistert.

Die Totems

Dies ist kein Vorläufer von „Avatar“, denn es gibt keine ökologische Botschaft, und das vom Aussterben bedrohte Volk der Pons ist keine fremde Spezies, sondern die Endstufe der menschlichen. Nein, es geht um Entdeckungen, die im Bereich des Religiösen liegen und zwar in der frühesten Form jeder Religion: im Totemkult.

Wie oben erwähnt, dient der Totemkult zwei Hauptzwecken: Die Verehrung eines Schutzgeistes dient dem Schutz des Totemtiers ebenso wie der Errichtung von Regeln, die vom Totemgeist (lies: Gott, großer Geist, Schöpfer usw.) abgeleitet sind und Tabus rechtfertigen. Das wichtigste dieser Tabus ist das der Exogamie. Es legt fest, dass es keine Paarung innerhalb einer Totemgruppe geben darf. So lässt sich Inzest vermeiden, der zu negativen Mutationen im Erbgut der Gruppe führen würde. Das ist also ein sinnvolles Tabu.

Grüße von Oidipos rex

Doch Rodriguez, der ketzerische Nietzscheaner, hat in uralten, verborgenen Schriften, die sämtlich verboten sind, eine weitere Theorie gefunden, die den Totemkult rechtfertigt, ja, notwendig macht: das Ödipus-Syndrom. (Spätestens jetzt dürfte bei den Freud-Gegnern Alarmstufe Rot ausgelöst werden!) Es besagt, vereinfacht gesagt, dass die Nachkommenschaft eines Vaters und einer Mutter das Problem hat, den Vater zu wollen, um die Mutter begatten zu können. Bei König Ödipus, der sich blendete, erfolgte dies unwissentlich. Dennoch wurde er von den Göttern gestraft.

Aber wie verhält sich dies bei den so sanft und unschuldig erscheinenden Pons? Auch sie haben in ihren Totemkult, der keineswegs der Waldmaus gilt, eine Vaterfigur eingebaut: Es handelt sich um einen riesigen Löwen, der von einer anderen Welt importiert worden sein muss. Doch warum hat das über zehn Meter hohe Raubtier nicht schon längst sämtliche Pons zum Dessert verspeist? Im Gegenteil: Es scheint, wundert sich Brenner, die Pons vor den anderen Raubtieren des Urwaldes zu beschützen.

Wer aber Ödipus und Freud kennt, ahnt schon, worauf dies hinausläuft: Der Riesenlöwe mag eine Vaterfigur sein, die als totemistischer Schutzgeist dient, doch ihre Tage sind gezählt: Das Tier ist alt geworden. Die Pons zählen darauf, dass der Vater, anders als etwa der Titanenvater Chronos, seine Kinder nicht verspeisen wird. Ganz im Gegenteil: Es kommt der Tag, das sich der Vater für seine Kinder opfert und der Pakt so erneut besiegelt wird.

Die Aufgabe eines Helden

Wer aber wird das Riesentier erledigen und seinen Verehrern zum Fraß vorlegen? Ein Held wird dringend benötigt, ein Riesentöter, der den Wandel im Pakt einläutet. Brenner hätte sich nie träumen lassen, dass ausgerechnet er dieser Held zu sein hätte. Und dass er sein ganzes Leben lang für genau diese Aufgabe und was danach kommt, ausgewählt worden ist. Denn für Normans Ansichten gilt stets, dass das Ende stets der Beginn von etwas Neuem, etwas Anderem, vielleicht etwas Besserem darstellt. Die neue Form, die Brenner annimmt, kann man sich bereits denken…

Schwächen

Wie schon erwähnt, muss der Leser die Aufgabe bewältigen, die ersten 250 Seiten dichter Exposition zu überwinden. Zugegeben, es ist nicht uninteressant, was die beiden Forscher über sich und ihre Gesellschaft kundgeben. Und die Sexszene, die sich mit der Brünetten über Dutzende von Seiten entspinnt, hat ihren ganz eigenwilligen erotischen Reiz. Brenner ist, wie der goreanische Held John Marshall, ein sanfter Mann, der keiner Frau, die sich ihm unterwerfen will, etwas zuleide tun könnte. Er wird eines Besseren belehrt, als sich seine unterdrückten Leidenschaften regen, wenn sie ihre Verführungskünste anwendet.

Sobald dieser 250-Seiten-Komplex überwunden ist, kommt die Handlung richtig flott in die Gänge, und die Dialoge, die die beiden Forscher führen, führen den Leser von einer bemerkenswerten Entdeckung zur nächsten – bis Brenner die Katastrophe unter den Pons auslöst, indem er ihr stärkstes Tabu negiert: Es sei in Ordnung, wenn zwei Liebende aus der gleiche Totemgruppe zusammen seien. Das Ende des Exogamie-Tabus würde aber die Grundfesten der Pons-Religion und -Gesellschaftsordnung erschüttern…

Druckfehler

Was mich wirklich frustriert hat, sind jedoch nicht die langen Reden am Anfang, sondern die zahlreichen Druckfehler im Text. Irrelevante Zeichen und fehlerhafte Wortformen („amongstst“) tauchen zuhauf auf, und nicht selten stehen zwei Einsen für zwei L. Warum dieser Text nicht redigiert wurde, weiß ich nicht, aber die Kostenfrage dürfte eine Rolle gespielt haben. Die Textformen der Gor-Romane sehen jedenfalls viel besser aus.

Unterm Strich

Dieser Norman-Roman ist in vielerlei Hinsicht ein Solitär. Obwohl im Telnarischen Imperium (oder was davon noch übrig ist) angesiedelt, hat er nichts mit den typischen Master-and-Slave-Handlungen zu tun (außer in einer Sequenz am Anfang). Und mit den Gor-Romanen teilt er sich nur die Ansicht, dass es auf vielen Welten dieses Sternenreiches Sklaven, Arenen, Gladiatorenkämpfe usw. wie im alten Rom gibt. Die vielen Namen aus der bekannten Antike, wie Megara, Sybaris, Naxos, Chios usw. belegen, dass sich der Geschichtsprofessor bestens damit auskennt.

Wichtiger sind die philosophischen Konzepte, die hier – mal wieder – verhandelt werden: Was sind Wahrheit, Vernunft, Moral, Gut und Böse? Dies ist aber der erste Roman Normans, der sich explizit mit einem religiösen Konzept befasst, nämlich dem Totemkult. Das römische Wort „religio“, von dem unser Wort „Religion“ stammt, bedeutet „Hingabe, Verehrung“, und genau das tun die Pons mit ihrem Schutzgeist, dem Totem. Wer an die Totemtiere der nordamerikanischen Ureinwohner denkt oder an afrikanische Kulte, liegt richtig. Der Autor erklärt sie im Detail, so dass der Leser nichts selbst nachlesen muss – aber ein Blick in die Wikipedia wäre nützlich.

Ödipus lässt grüßen

Der verblüffende Kniff, den Norman einsetzt, besteht nun darin, dieses mehr oder weniger bekannte und verbreitete Konzept mit einem tiefenpsychologischen Phänomen zu begründen, nämlich dem Ödipus-Komplex. Klar stand hier Sigmund Freud Pate, aber die Umsetzung ist purer Norman, als in erzählerischer Form. Ich folgte den Ausführungen von Rodriguez, der mittlerweile ebenso wie Brenner stark verwandelt ist, mit großer Aufmerksamkeit und einigem Erstaunen.

Anschließend die Welt von Abydos aus der ungewohnten Sicht eines Riesenlöwen zu betrachten, der einen Pakt mit den winzigen Pons geschlossen hat, ist ein besonderes Erlebnis. Die Natur des Paktes zwischen den Pons und ihrem Totemtier hat sich merklich verändert: Der Pakt repräsentiert nun nicht mehr ein einengendes Tabu, das immer wieder Opfer fordert – es gibt nur noch 70 Pons -, sondern das nun zum Symbol der Freiheit geworden ist.

Freiheit – das ist die Kernbotschaft des Romans. Wie sie zu erringen ist, erfordert nicht nur Einsichten in das, was wahr und was wirklich ist, sondern auch den Mut, alte Barrieren und Denkverbote zu überwinden. Der Preis dafür ist manchmal hoch – mitunter das Menschsein selbst, sofern man Menschlichkeit als den Besitz eines menschlichen Bewusstseins in einem menschlichen Körper definiert. Es geht aber auch anders, wie dieser Roman zeigt.

Englischniveau

Aber auch hier ist, wie im gesamten Roman, ein sehr hohes Englischniveau vonnöten, um dem vielfach akademischen Sprachgebrauch folgen zu können. Wohl dem, der ein dickes Wörterbuch sein Eigen nennen kann – oder einen leichten Webzugang zu LEO und Co. Während die Gor-Romane meist vergleichsweise einfach im Vokabular und im Aufbau zu bewerten sind, kommen die Einzelromane Normans „Ghost Dance“, „Totems“ und „Time Slave“) ziemlich schwierig daher. Ganz besonders dann, wenn sie nicht redigiert worden sind.

Für wen sich das Buch eignet

Kurzum: Dieser Norman-Roman ist nur etwas für die allerentschlossensten und furchtlosesten Fans des Autors. Sie werden jedoch mit außergewöhnlich schönen Szenen und Entdeckungen belohnt werden. Wer Michael Bishops streckenweise anstrengenden Anthropologen-Roman „Transfigurationen“ (s. meinen Bericht) bewältigt hat, dürfte auch für „Totems“ fit sein. Nur dass Norman sich einiges bei H. Rider Haggard abgeguckt hat – zu seinem Vorteil und unserem Vergnügen.

Taschenbuch: 564 Seiten
ISBN-13: 978-1617564765

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