John Norman – Kur of Gor (Gor 28)

Unter Bestien: Robin Hood auf den Stahlwelten

Mehrere Male haben die fremdrassigen Kur bereits Gor, die Gegen-Erde, angegriffen, so etwa in Band 12, „Die Bestien von Gor“, als sie am Nordpol einen Stützpunkt errichteten, oder in Doppelband 17/18, als sie die Wilden der Prärien Gors aufstachelten, Tarl Cabot, den Diener der Priesterkönige, sowie goreanische Kavallerie anzugreifen. Wiederholt hat Tarl Cabot ihre Pläne vereitelt.

Doch nun ist Tarl Cabot der Gefangene der Bestien geworden. Sie sind keine Tiere, sondern verfügen über eine militärische Hierarchie, leben in ihren Raumschiffen – und warten auf die Invasion Gors, denn sie benötigen dringend eine eigene Welt, haben sie doch ihre eigene zugrunde gerichtet und verlassen müssen.

Tarl Cabot befindet sich irgendwo im Asteroidengürtel in einem Geheimgefängnis. Doch welche Pläne wollen die Kur mit ihm in die Tat umsetzen? Wie auch immer ihr Interesse aussehen mag, sie müssen bald feststellen, dass Tarl Cabot ein Mann ist, den sie ernstnehmen müssen …

Der Autor

In seinem bis dato 34 Bände umfassenden Gor-Zyklus erzählt der amerikanische Geschichts- und Philosophie-Professor John Norman (eigentlich John Frederick Lange, geb. 1932) die Abenteuer von Menschen auf der Welt Gor, einem Planeten, der sich in seiner Umlaufbahn um unsere Sonne der Erde genau gegenüber befindet. Gor ist somit eine Art Zwillingswelt, allerdings weitaus wilder, altertümlicher, wenig erforscht und von zwei Alienspezies umkämpft, den auf Gor im Verborgenen herrschenden Priesterkönigen und den sie bedrängenden Kurii. Raumschiffe der Priesterkönige verkehren zwischen Erde und Gor: Sie bringen geheime Technik, Gold und entführte junge Damen auf die Gegenerde.

1: Gor – die Gegenerde (Tarnsman of Gor)
2: Der Geächtete von Gor (Outlaw of Gor)
3: Die Priesterkönige von Gor
4: Die Nomaden von Gor
5: Die Meuchelmörder von Gor
6: Die Piratenstadt von Gor
7: Die Sklavin von Gor
8: Die Jäger von Gor
9: Die Marodeure von Gor
10: Die Stammeskrieger von Gor
11: In Sklavenketten auf Gor
12: Bestien von Gor
13: Die Erforscher von Gor
14: Kampfsklave auf Gor (Jason Marshall #1)
15: Der Schurke von Gor (Jason Marshall #2)
16: Der Leibwächter von Gor (Jason Marshall #3)
17: Die Wilden von Gor
18: Die Blutsbrüder von Gor
19: Kajira von Gor
20: Die Spieler von Gor
21: Die Söldner von Gor
22: Dancer of Gor / Die Tänzerin
23: Die Verräter von Gor
24: Die Vagabunden von Gor
25: Die Zauberer von Gor
26: Witness of Gor
27: Prize of Gor
28: Kur of Gor
29: Swordsmen of Gor
30: Mariners of Gor
31: Conspirators of Gor
32: Smugglers of Gor
33: Rebels of Gor
34: Plunder of Gor

Handlung

Tarl Cabot findet sich nackt in einem ihm unbekannten Gefängnisbehälter wieder. Wie ist er hierher gekommen und wie kommt er wieder raus? Er weiß es nicht. Jede Gewalteinwirkung verpufft an der Glassinschale wirkungslos. Nur sein geduldiges Warten wird belohnt. Eine schöne Erdenfrau wird von Unbekannten in seinem Behälter abgelegt. Die offensichtlich freie Frau ist ebenso nackt wie das andere weibliche Wesen. Bei dieser Blondine handelt es sich offenbar um eine Sklavin, die über keine Sprechfähigkeit mehr verfügt. Aber woher kommt sie? Tarls Codex als Krieger verbietet es ihm, die Frauen wie Sklavinnen zu behandeln. Es kommt zu einer Krise, wer die Herrschaft im Behälter innehat.

Eine interessante Konstellation, die die Priesterkönige da mit Tarl Cabot aufgebaut haben. Das findet zumindest ein unbeteiligter Beobachter, der weder Priesterkönig noch Mensch noch Kur ist. Er weiß nicht einmal, wie ein Priesterkönig aussieht, und viele seine Erklärungsversuche wirken notdürftig und vorläufig. Die Frage ist deshalb, womit wir es bei diesem Erzähler zu tun haben, denn von einer dritten Macht war im Gor-Zyklus bislang noch nie die Rede.

Die Blondine ist unterwürfig und schmeichelt sich bei Tarl ein. Die Erdenfrau indes stammt wie Tarl aus „einem England“ und hat wie er, der aus Bristol stammt, in Oxford studiert. Dort hat sie offenbar die Männer mit ihrer Schönheit und ihren Allüren reihenweise zur Verzweiflung getrieben. Sie glaubt nicht, dass sie eine optimale Dienerin abgeben würde. Doch dies ändert sich schlagartig, als eine Explosion den Gefängnistrakt erschüttert: Riesige und schwerbewaffnete Kur-Krieger dringen ein und befreien die Insassen. Oder geht es nur um Tarl? Bevor er bewusstlos geschlagen wird, registriert Tarl drei wichtige Dinge:

1) Die Blondine hüpft einem der Kur praktisch in die pelzigen Arme, voller Freude über das Wiedersehen;
2) die Erdenfrau, eine gewisse Victoria Cecily Pym, erklärt sich in größter Panik zur Sklavin und redet die Kurii mit „Herren“ an – ein schwerer Fehler;
3) der Anführer der Kurkrieger ist Tarls alter Bekannter Zarendargar, mit dem er einst am Nordpol von Gor mal einen gehoben hat (in Band 12).

Die Kurii bringen Tarl und die beiden Frauen auf eines ihrer Raumschiffe: eine zylinderförmige Stahlwelt, die innen hohl ist und eine Landschaft beherbergt, die von künstlicher Schwerkraft an Ort und Stelle gehalten wird. Die Blondine ist verschwunden, doch Cecily, die Brünette, ist mit Tarl in einer Zelle angekettet. Er bringt ihr Goreanisch bei. Das ist von Vorteil, denn so kann sie verstehen, was er mit dem Gefängniswärter spricht. Dieser ist eine Züchtung aus Mensch und Kur; Tarl nennt ihn „Grendel“, nach dem Ungeheuer aus dem Heldenepos „Beowulf“. Grendel hat nur fünf Finger und wird deshalb von den Kurii ausgegrenzt. Er weiß nicht, wohin er gehört – genau wie Tarl im Moment.

Das aktuelle Oberhaupt der Kurii nennt sich Agamemnon, 11. Gesicht des Namenlosen, Theokrat der Stahlwelten. Doch Agamemnon hat kein Gesicht, sondern versteckt seinen geist in verschiedenen mechanischen Gestalten, etwa einem Riesenskorpion. Er hat es auf Gor und die Erde als neue Siedlungsgebiete abgesehen. Was ihn noch an der Invasion hindert, sind jedoch die Priesterkönige. Sein Wissen über sie gibt Tarl nicht preis, doch er erklärt, er sei weder Diener noch Freund der Herrscher über Gor. Prompt bietet ihm Agamemnon die Herrschaft über Gor an.

Dass dies eine Lüge ist, erkennt Tarl von Anfang an. Und dass Agamemnon nicht überall nur Freunde hat, wird ihm auch bald klar. Der Kur Pyrrhus etwa hat sich Cecily genommen und will Tarls Zuneigung für sie gegen ihn und Agamemnon verwenden. Doch daraus wird nichts, macht ihm Tarl klar. Denn mittlerweile ist Cecily nichts weiter als eine Sklavin wie Millionen andere auf Gor, und er empfinde weder Zuneigung noch Begehren für sie. Die Blondine hingegen verwöhnt wieder ihren Kur-Herrn Arcesilaus und ist dabei glücklich.

Als Agamemnon klar wird, dass Pyrrhus ihm nicht mehr treu ergeben ist, lässt er ihn in der Arena öffentlich fertigmachen. Das wiederum bringt etliche andere gegen den gegenwärtigen Herrscher auf, darunter den Menschen Peistratus, der in der Vergnügungs-Stahlwelt der Kurii ein angenehmes Leben führt. Als Tarl weiterhin zögert, die Informationen über die Priesterkönige herauszurücken, fällt er in Ungnade. Es wird Zeit, sich abzusetzen.

Für Tarl, Grendel und Peisistratus wendet sich das Blatt, als sich nicht nur der Kur Pyrrhus, sondern auch Arcesilaus für die Rebellion entscheiden. Nach Pyrrhus‘ Tod flüchten sie in die Wildnis der Stahlwelt, wo sich große Seen und Wälder erstrecken. Tarl hat Cecily bei sich, Grendel hat sich in die nunmehr sprechfähige Kur-Sklavin verliebt. Die Blondine hingegen schaut auf den halb-Kur herab, denn sie strebt nach Höherem: Sie will eine Ubara auf dem sicher schon bald unterworfenen Planeten Gor werden, eine Herrscherin.

Doch der Angriff der Flotte auf Kur scheitert und Agamemnons Machtstellung wankt. Zusammen mit Grendel, Peisistratus und den wilden Waldmenschen gründet Tarl eine Rebellentruppe, die Agamemnons Leibgarde das Leben schwer macht. Allerdings haben die Rebellen nicht mit dem Verrat ihres Helfers Flavion gerechnet …

Mein Eindruck

In seinem 28. Gor-Roman inszeniert John Norman den amerikanischen Unabhängigkeitskrieg auf einer der Stahlwelten der Kur. Über diese haben wir bislang sehr wenig erfahren, deshalb ist der Schauplatz umso interessanter. Doch wer „Äon“ von Greg Bear oder „Rendezvous with Rama“ von Arthur C. Clarke gelesen hat, dürfte sich sofort zurechtfinden. Merke: Die Kurii sind den menschen in technischer Hinsicht weit überlegen. In dieser zylindrischen Kunstwelt sind Kur wie Menschen gleichermaßen zusammengepfercht, und es kommt zu einer existentiellen Krise: Werden die Menschen allesamt vernichtet werden?

Tarl Cabot ist nicht der Typ, der aufgibt, wenn es hart auf hart kommt. Er ist ein Angehöriger der Kriegerkaste und fertig als Erstes einen Langbogen an, der die jagenden und angreifenden Kurii, die Agamemnon ausschickt, um die Rebellen zu töten, Mores lehrt. Selbstverständlich stellt Tarl mit den abtrünnigen Waldmenschen und den vormals kollaborativen Kur-Freunden wie Peisistratus eine Rebellentruppe auf, die Robin Hood und seine lustigen Gesellen neidisch gemacht hätte. Da aber Agamemnon am längeren Hebel sitzt, müssen die Rebellen erst heiße Sommer, dann klirrend kalte Winter überstehen.

Immer wieder geht es in diesem Band um Entscheidungen, die die Beteiligten in Grenzsituationen treffen müssen. Tarl hat die einfachste Wahl: Kämpfen, die Erde und Gor verraten oder untergehen. Für Grendel ist die Wahl viel schwerer: Als Kur sollte er seine Welt verteidigen, doch Agamemnon zwingt ihn dazu, sich dem menschlichen Widerstand anzuschließen. Flavion schließlich ist ein schlauer, opportunistischer Grenzgänger: Er tut so, als wäre er als Kur ein Menschenfreund und wolle für sie einen Frieden mit Agamemnon aushandeln. In Wahrheit verrät er sie alle, um sich beim Herrscher lieb Kind zu machen.

Noch kniffliger wird die Wahl für die beiden Frauen, die mit Tarl auf dem Gefängnismond waren. Die Kur-Sklavin steigt über Arcesilaus und eine Sprachausbildung zu einer Ubara auf, die über das dumme menschliche Vieh herrschen darf, das die Kurii als Nahrung halten. Trotz ihres Hochmuts liebt Grendel sie weiterhin, statt sie, wie Tarl ihm ständig rät, zu seiner Sklavin zu machen und beherrschen. Stattdessen tanzt sie ihm fortwährend auf der Nase herum und verrät ihn natürlich, genau wie Flavion.

Schließlich ist auch Cecily Pym an der Reihe, sich endgültig zu entscheiden. Will sie auf die Erde zurück, nach Gor weiter oder auf der Stahlwelt bleiben? Soll sie nach dem Thron einer Ubara streben wie Grendels Lady Bina oder sich unterwerfen und eine Sklavin werden? Tarl macht ihr ziemlich schnell klar, dass sie sich bereits für das Sklavendasein entschieden hat, als sie sich gegenüber den Kurii Zarendargars selbst zur Sklavin erklärte und sie als „Gebieter“ bezeichnete.

Für Cecily ist jedoch der Weg dorthin, wo sie sich am liebsten sähe, ein sehr steiniger: Tarl will sie überhaupt nicht haben. Doch sie scheint ihn zu lieben und andere Männer, geschweige denn Kurii interessieren sie nicht. In ihrer wachsenden Verzweiflung ob Tarls Desinteresse begeht sie einen schweren Fehler, der seine ganze Rebellentruppe in tödliche Gefahr bringt.

Unterm Strich

Dieser 700-Seiten-Schmöker ist wahrlich ein Schwergewicht unter den Gor-Romanen. Er vereint einen kompletten Weltentwurf, schildert den Verlauf einer Revolution, die lange Zeit auf der Kippe steht, und zeichnet die alternativen Lebenswege von vier zentralen Figuren nach. Bei den männlichen Wesen muss sich entscheiden, welchen Stellenwert Menschen gegenüber Kurii einnehmen werden. Es kann nicht sein, dass Menschen als Vieh oder Vergnügungssklaven gehalten werden. Grendel hingegen, der Halb-Kur, muss sich auf eine Seite stellen und schwankt hin und her, wenn er auch einem treu bleibt: seinem Freund Tarl Cabot.

Die Frauen

Bei den Frauen ist der Verlauf der Entwicklung noch kurioser. Aus der kleinen Kur-Sklavin ohne Namen wird über die Ausbildung und die Beziehung zu Grendel die Parodie einer Freien Frau, die künftig als Ubara über einen Stadtstaat auf Gor herrschen will. Bei der Erdenfrau beobachten wir das genaue Gegenteil: Cecily unterwirft sich den Männern bedingungslos, denn sie liebt Tarl und sonst keinen.

Paradoxerweise findet sie erst dann, als sie sich ihm völlig unterworfen hat, zur völligen sexuellen Freiheit als Frau. Das ist natürlich für alle heutigen Leserinnen (sofern vorhanden) völlig inakzeptabel, und auch so manchem männlichen Leser, mich nicht ausgenommen, dürfte diese Vorstellung schwerfallen. Allerdings ist für Cecily die Wahl eine Überlebensfrage. Denn bei den Kurii gilt das Motto: Wer nicht pariert, wird als Nachtisch serviert …

Action & Co.

In regelmäßigen Abständen bietet der Roman Abenteuer, Rätsel und viel Action. Von der Arena über die Wälder bis hin zu einem finalen Showdown zwischen Grendel und Flavion erfreut die Geschichte den (meist) männlichen Leser. Dennoch stellen viele Passagen die Geduld des Lesers auf eine harte Probe, und wie so häufig in den Gor-Romanen ist der Anfang die höchste Hürde. Danach kommt die Handlung flott in Gang und steuert dem ersten Actionhöhepunkt zu.

Bindeglied

Innerhalb der Gor-Reihe stellt „Kur of Gor“ ein Bindeglied zwischen Band 25 („Zauberer“) und Band 29 („Swordsmen“) dar. Daher braucht der Leser, der die abwechslungsreichen Abenteuer Tarls mit Talena verfolgen möchte, diesen Band zwar nicht zu lesen, aber er erfährt, woher in „Swordsmen“ die Sklavin Cecily und der anhängliche Sleen Ramar kommen – und warum beide einem Typen wie Tarl in diesem nächsten Abenteuer folgen.

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