Ian Rankin – Sein Blut soll fließen

Routinierter Actionthriller mit kritischem Ansatz

Als der ehemalige Elitesoldat Gordon Reeve nach San Diego fliegt, um die Leiche seines toten Bruders James abzuholen und zurück nach England zu bringen, merkt er, dass an Jimmys Tod einiges sonderbar ist. Er selbst wird ebenso überwacht wie Jimmys Fahrer. Steckt der Konzern CWC dahinter, gegen den sein Bruder recherchierte, fragt sich Gordon. Als er einen ehemaligen Mitsoldaten vor dem Bestattungsinstitut entdeckt, ist ihm, als wäre ein Geist aus seiner Vergangenheit erschienen, und er ahnt, dass an der Sache viel mehr daran sein muss, als es scheint.

Zurück in England beginnt ihn dieser Geist zu verfolgen – bis zu seiner Haustür. Doch Gordon Reeve lehrt nicht umsonst taktisches Überlebenstraining in der schottischen Wildnis …

Der Autor

Sir Ian Rankin, geboren 1960, gehört zu den wichtigsten Krimischriftstellern der britischen Insel. Er war u.a. Alkoholtester“, Schweinehirte, Musikjournalist und Punkmusiker, bevor er sich dem Schreiben zuwandte. Sein Inspektor Rebus macht die schottische Hauptstadt Edinburgh nun schon in zahlreichen Abenteuern sicherer – soweit man ihn lässt!

Für „Die Kinder des Todes“ wurde Rankin mit dem Deutschen Krimipreis 2005 ausgezeichnet. Die englische Königin verlieh ihm für seine Verdienste um die Literatur den „Order of the British Empire“. Der Autor lebt mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen in Edinburgh. Er schrieb auch Romane wie den vorliegenden unter dem Pseudonym Jack Harvey. Mehr Info: www.ianrankin.net.

Die Jack-Harvey-Romane:

1) Blood Hunt
2) Witch Hunt
3) Bleeding Hearts

Handlung

Es ist Samstag, und Gordon Reeve lehnt sich mit seiner Frau Joan gemütlich zurück. Die Woche über haben sie eine Gruppe von Grünschnäbeln in der schottischen Wildnis in Sachen Überleben und taktisches Verhalten ausgebildet. Reeve verdient gut dabei, und meistens gewinnt er den letzten Wettbewerb, bei dem die Lehrlinge ihre erworbenen Kenntnisse umsetzen müssen. Diesmal jedoch erwischte ihn Joan, als er dicht vorm Ziel war. Auch ein ehemaliger Angehöriger der englischen GSG-9-Elitetruppe SAS macht mal Fehler. Da klingelt das Telefon: Sein Bruder James ist in San Diego tot aufgefunden worden. Er muss sofort hinfliegen, um die Leiche nach England zurückzubringen.

In San Diego erfährt er von Detective McCluskey, dass James, der hier als freier Journalist arbeitete, Selbstmord begangen habe. Das ist das Erste, was Gordon sonderbar findet: Obwohl Jimmy ein Trinker war, hätte er sich nie umgebracht, ohne wenigstens seinem Bruder Bescheid zu geben oder einen Abschiedsbrief zu hinterlassen. Und er hatte offenbar einen Laptop dabei, von dem jede Spur fehlt, ebenso von den Disketten. Gordon findet das Ladegerät.

Der „Selbstmord“ ist ebenfalls fragwürdig. Jimmy soll einen Wagen gemietet haben, zum Strand gefahren sein, die Tür von innen verriegelt und sich dann mit einem Revolver eine Kugel in den Kopf gejagt haben. Doch woher hatte Jimmy die Waffe? Warum fehlt beim Vermieter der kleine Sender für die funkgesteuerte Türverriegelung? Wieso fuhr Jimmy erst an vier anderen Autovermietungen vorbei, bevor er sich für die von Carlos Perez entschied, der bei Gordons Fragen sichtlich nervös wird?

Im Handumdrehen hat Gordon mit seinen wiedererwachten SAS-Instinkten seinen Beschatter entdeckt. Doch Eddie Cantona ist harmlos: Er war Jimmys Fahrer. Was das Mieten eines Wagens noch seltsamer erscheinen lässt. Als Eddie von McCluskeys Leuten wegen „Fahrens unter Alkoholeinflusses“ verhaftet wird, obwohl er völlig nüchtern ist, merkt Gordon, dass die Sache persönlich wird. Jemand will verhindern, dass Gordon Spuren entdeckt, die zu dem Chemiekonzern CWC führen, gegen den Jimmy ermittelte.

Gordon spielt den Ahnungslosen, der kein Wässerchen trüben kann, lässt Jimmys Leiche einäschern und begibt sich zum Flughafen. Vor dem Bestattungsinstitut sieht er aus dem Augenwinkel einen Mann, den er aus seiner Vergangenheit bei der SAS kennt: ein Geist, oder?

London

Jimmys Wohnung in London ist belegt. Fliss Hornby, eine ehemalige Kollegin Jimmys, hält Gordon, der sich mit den ausgehändigten Schlüsseln Zutritt verschafft, für einen Einbrecher und erdolcht ihn um ein Haar. Aber sie beruhigt sich wieder und redet mit Gordon, hilft ihm bei der Durchsicht der Unterlagen. Sie war nicht gerade liiert mit Jimmy, ist geschieden und hat ihren letzten Freund verlassen. Sie flirtet keineswegs mit Gordon, der immerhin in Trauer ist. Gordon sucht Hinweise auf Jimmys versteckt notierten Hinweis AGRIPPA, doch außer einem Autor im Mittelalter und dem Enkel des berüchtigten Königs Herodes ist da nichts. Hat AGRIPPA etwas mit CWC zu tun?

Durch Zufall fällt Gordon in Jimmys Post ein Schlüssel in die Hände. Er gehört zu einer Garage, die er bei einem Bekannten angemietet hat. Im Kofferraum des alten verbeulten Saab liegen immer noch die Kartons mit Jimmys Unterlagen, aber sind das wirklich alle, fragt sich Gordon. Immerhin findet er die Nummer einer französischen Journalistin, die am gleichen Thema arbeitete: BSE-Rindfleisch und Prionen, die Gehirnkrankheiten hervorrufen. Und stets steckte CWC dahinter.

Frankreich

Nachdem er seiner Frau Joan Bescheid gegeben hat, fährt Gordon nonstop mit Jimmys Saab nach Limoges zu Marie Villambard. Sie kennt das Geheimnis, das sich hinter AGRIPPA verbirgt. Dumm nur, dass dies ihre letzte Unterhaltung auf Erden ist. Denn der Todesengel, den CWC ausgesandt hat, ist bereits da, um alle lästigen Zeugen zum Verstummen zu bringen…

Mein Eindruck

Die Recherche um den BSE-Skandal und seine Hintergründe dient lediglich als Aufhänger für eine ganz andere Geschichte. Rinderwahnsinn und Prionen, die zur Verbreitung von Gehirnkrankheiten wie Demenz, Parkinson und Alzheimer führen, waren in der Entstehungszeit des Romans wohl recht aktuell – und ihre Folgen sind es bis heute, denn gegen Parkinson, Alzheimer und Co. gibt es immer noch keine Impfung.

Aber letzten Endes stehen nicht die Machenschaften von CWC im Vordergrund, denn dann müsste es einen Showdown zwischen Gordon und Kosigin geben, dem skrupellosen CWC-Manager. Vielmehr geht es dem Autor um das Aufeinanderprallen zweier Geisteshaltungen in einem einzigen Menschentyp: dem Krieger. Und dieser Krieger bzw. der Idealtyp, den der männliche Leser erreichen möchte, wird hier auf den Prüfstand gestellt.

Falkland-Krieg

Gordon Reeve war 1982/83 Soldat im Falkland-Krieg, als die britische Flotte und Spezialeinheiten wie die SAS Operationen gegen die argentinischen Eroberer ausführten und die besetzten britischen Inseln im Südatlantik zurückeroberten. Dabei gab es auf beiden Seiten hohe Verluste im vierstelligen Bereich – also keineswegs ein Zuckerschlecken. Operationen wurden sowohl zur See, auf den Inseln als auch auf dem argentinischen Festland ausgeführt, im Feindesland also.

Dabei geriet Gordon mit seinem Partner Jay in eine lebensgefährliche Lage: Sie wurden angepeilt, nachdem sie ihren ersten und einzigen Funkspruch abgesetzt hatten, und fortan von den Argentiniern gesucht, die jeden Stein umdrehten. Es kam zur psychologischen Krise, bei der Jay die Sicherungen durchbrannten. Gordon sah ihn nie wieder – bis jetzt.

Alter Ego

Gordon Reeve ist mittlerweile Ausbilder von Grünschnäbeln aus der Stadt, die sich wünschen, sie könnne harte Kerle sein und in der Wildnis überleben. Das scheint ein einträgliches Geschäft zu sein. Er wäre glücklich, wenn er nicht diese Albträume hätte und seine Neigung zu Wutausbrüchen zügeln müsste: Gordon ist „auf Bewährung“ draußen.

Jay hat dieses Problem nicht. Seine Wut lässt er an den Opfern aus, die er als Auftragskiller erledigt. Er hat im Auftrag von Drogenbaronen gearbeitet und in Jamaika ein lockeres Leben geführt, bis dann aber die amerikanische Bundespolizei zu neugierig wurde. Nun arbeitet er für den multinationalen Konzern CWC und insbesondere für den skrupellosen Manager Kosigin. Als Gordon in San Diego und La Jolla dumme Fragen stellt, schart Jay eine Truppe von Killern um sich und macht sich auf den Weg nach Frankreich und, nachdem ihm Gordon entkommen ist, weiter nach Schottland. Dort findet der Showdown statt.

Die beiden ehemaligen Kollegen müssen sich also grundlegend in etwas unterscheiden. Der Autor arbeitet heraus, worin diese inneren Werte bestehen und lässt dann die beiden aufeinander los. Das ist eigentlich ein ganz einfacher Plot. Nur dass es noch einiges an Kollateralschäden gibt, die die Geschichte recht interessant und amüsant machen.

Der Philosoph

Worin liegt der Hauptunterschied? Der Philosoph Friedrich Nietzsche gibt die Antwort, und Gordon Reeve zitiert den berühmten Gottesleugner an vielen verschiedenen Stellen. Gordon wurde bei den Soldaten nicht umsonst „Der Philosoph“ genannt. Nietzsche forderte die Entstehung eines Menschen (Frau oder Mann), der der Übermensch sein sollte, weil er sich nämlich die Welt nach seinem Willen formt. Statt die Einschränkung „mit angemessener Moral“ zu beachten, übernahmen die Nazis diese Forderung einfach, verstanden sie als Rechtfertigung und unterwarfen sich einen Großteil von Europa. Heute darf niemand mehr ohne ernste Konsequenzen über den „Übermenschen“ theoretisieren, nur die Amis haben den Persilschein, über den „Superman“ zu phantasieren.

Jay ist ebenfalls ein Übermensch, denn er biegt sich seine Welt nicht mit dem Gehirn zurecht, sondern mit der Kanone. Es ist, als habe er sich selbst den Persilschein ausgestellt, kein Gewissen haben zu müssen. Auf einer kahlen schottischen Insel, wo sich Gordon bestens auskennt, kommt es zum Showdown: Wer ist der überlebensfähigere „Übermensch“ von den beiden? Dabei ist es absolut kein Zufall, dass die letzte Szene über einem Abgrund stattfindet. Denn eine von Nietzsches bekanntesten Sentenzen laut: „Nimm dich in Acht: Wer lange in den Abgrund blickt, in den blickt der Abgrund zurück.“ (Eigene Übersetzung.)

Humor

Eines der besten Kapitel ist nicht nur sehr spannend, sondern auch sehr amüsant. Hierin wird Gordons Frage beantwortet: „Wer hat meinen Bruder James an CWC verpfiffen?“ Die Antwort wird schon früh mit dem Auftauchen der ersten fremden Agenten in Schottland angedeutet, aber Gordon folgt dem Krümelpfad, bis er zu der Spinne in ihrem Netz gelangt ist: Allerdyce ist der Inhaber einer Washingtoner Detektei, die CWC Infos geliefert hat. Doch Allerdyce besitzt und sucht Macht über alle seine Klienten – macht in Gestalt von pikantem, verbotenem Wissen.

Diesen Allerdyce besucht Gordon in dessen extrem gesichertem Privatdomizil, wo sich all die pikanten Geheimnisse auf Papier gedruckt befinden. Wäre Gordon ein Hacker, hätte er kein Glück: Nichts davon ist in Computern digital vorhanden – aus gutem Grund. Also muss Gordon zu einem Soldatentrick greifen: Birdy. Birdy ist (im Buch) der Spitzname für ein extrem seltenes und damit ziemlich teures Nervengift namens Burundaga, das nicht nur als Wahrheitsdroge beste Dienste leistet – es macht das Opfer auch gefügig und empfänglich für posthypnotische Befehle.

Was nun folgt, kann man sich ausmalen. Hinterher wird es dann richtig lustig: Allerdyce findet heraus, was Gordon mit ihm gemacht haben muss und setzt alle Hebel in Bewegung, um den Schaden zu begrenzen. Bei Gordon hält sich die Freude in Grenzen, beim Leser aber nicht. Und Birdy kommt noch ein zweites Mal zum Einsatz, bei einem Wissenschaftler, den James Reeve seinerzeit dringend wegen des BSE-Skandals sprechen wollte. Da ist der Birdy-Einsatz wesentlich ernster.

Unterm Strich

Dies ist ein richtiger Pageturner für Männer oder solche, die sich gerne dafür halten würden. Der Thriller ist in regelmäßigen Abständen mist spannenden Konfliktsituationen bestückt, die schließlich im actionreichen Showdown auf den Hebriden gipfeln. Wird Gordon Reeve, der Nietzsche-Jünger, den Kürzeren ziehen? Wir drücken ihm jedenfalls den Daumen.

Aus einer halbwegs alltäglichen Umgebung zieht der Plot den männlichen Leser – es gibt hier keinerlei Romantik, Mädels! – zunehmend in eine militärischer werdende Umgebung, bis schließlich die Ein-Mann-Armee Gordon Reeve gegen die Killertruppe von Jay antritt. Und da er den Heimvorteil hat, ist der Ausgang offen. Wichtig ist im Hinblick auf Militaria auch das lange Kapitel, das auf Feuerland spielt, wo Gordon und Jay ihre Krise bekommen. Diese „Operation Stalwart“ wird sorgfältig vorbereitet und in kleine Schnipsel aufgeteilt, um den Leser anzufüttern, neugierig zu machen und schließlich durchhalten zu lassen. Dieses Kapitel ist die Grundlage für die zentrale Konfrontation zwischen Gordon und Jay, dem „guten“ und dem „bösen“ Krieger.

Immer wieder habe ich mich etwas besorgt gefragt, woher der Autor nur diese vielen Insider-Informationen bekommen hat. Der Kenner von Ian Rankins Krimis um Inspektor John Rebus dürfte sich die Augen reiben. Aber wer John Rebus WIRKLICH kennt und das erste Buch „Knots & Crosses“ über ihn gelesen hat, weiß auch, dass Rebus selbst einmal in der Ausbildung der Spezialeinheit SAS war und dort ein Trauma erlebte, das sich mit dem zwischen Gordon Reeve und Jay vergleichen lässt. Ist Rankin etwa ein Militarist?

Nein, Rankin, der Autor, war jedoch nie in der SAS, wenn man seinen biografischen Angaben glauben darf: „Er war Traubenpflücker, Schweinehirt, Steuereintreiber, Alkoholforscher, Hi-Fi-Journalist, Uni-College-Sekretär und Punk-Musiker“, schreibt die Wikipedia. Allerdings hat Rankin viele dieser Berufe nutzbringend in seine Bücher eingebracht. Der Journalist James Reeve wird mit Einsichten eines Insiders charakterisiert, der diesen Beruf selbst ausgeübt hat. Und dass John Rebus für sein Leben gern Rockmusik hört, weiß jeder Fan. Dass Rankin einmal einige Zeit in Südfrankreich gelebt hat, hat seinen Niederschlag im Frankreich-Kapitel des vorliegenden Romans gefunden. Die Schilderung von Marie Villambards Haus mutet völlig authentisch an.

Mit der unzusammenhängenden Trilogie, die Rankin unter dem Pseudonym „Jack Harvey“ veröffentlichte, wandte er sich an einen anderen Leserkreis: männliche, actionorientierte Leser von Militaria, wie es sie in Großbritannien als ungebrochene Tradition in Hülle und Fülle gibt. Gleichzeitig experimentierte er mit einem größeren Buchumfang: Diese Romane sind doppelt so dick wie jene Rebus-Krimis, mit denen Rankin anfing. Das Ergebnis: Auch die Rebus-Krimis wurden danach wesentlich umfangreicher. Jeder Schriftsteller muss eben mit Themen und Formen experimentieren, und „Blood Hunt“ ist in beiderlei Hinsicht ein gelungenes Experiment.

Schwächen

Natürlich hat das Buch viele Schwächen, die nicht verschwiegen werden sollen und zur Abwertung führen: Frauen kommen nur am Rande vor (selbst Fliss ist keines One-night Stands würdig), die meisten Figuren sind eindimensionale Handlungs- und Informationsträger, und im Vordergrund stehen Action und eine vorwärts drängende Handlung. Dass auch der BSE-Skandal nur ein Aufhänger für die eigentliche Story ist, wird dem Leser spätestens dann klar, als Gordon keine Anstrengung unternimmt, seine Erkenntnisse an die Presse zu verkaufen: „He didnt’t really care anymore. He’d done what he could.“

Taschenbuch: 544 Seiten
Originaltitel: Blood Hunt
Aus dem Englischen von Giovanni & Ditte Bandini

http://www.randomhouse.de/goldmann

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