Charles Webster Leadbater – Das ägyptische Parfüm (Gruselkabinett 103)

Zwei Schatzsucher erlösen einen Geist

London 1932: Der Anwalt Thomas Keston hat, nachdem er ferne Länder – unter anderem Ägypten – bereist hat, nach Abschluss seines Studiums in London eine bescheidene Kammer bezogen und hält sich mit dem Verfassen von Artikeln für diverse Fachzeitschriften mehr schlecht als recht über Wasser. Eines Abends hat er ein unheimliches Erlebnis, das eine ganze Kette von Ereignissen nach sich zieht…

Der Verlag empfiehlt sein Hörspiel ab 14 Jahren.

Der Autor

Charles Webster Leadbeater (* 17. Februar 1847 in Stockport, Großbritannien; † 1. März 1934 in Perth, Australien) war Priester, Theosoph und Okkultist. Bekannt wurde Charles W. Leadbeater als Propagator des späteren Mystikers und Philosophen Jiddu Krishnamurtis (1895-1986), den er seiner Kirche als den wiedergeborenen Christus vorstellte. Anfang des 20. Jahrhunderts war er einer der führenden und umstrittensten Ideologen der Theosophischen Gesellschaft Adyar. Seit 1916 war er Bischof der Liberalkatholischen Kirche. Sein Leben war äußerst interessant und skandalumwittert.

Die Sprecher/Die Inszenierung

Die Sprecher und ihre Rollen:

Jonas Baeck: Thomas Keston
Matthias Lühn: Jack Fernleigh
Eckart Dux: Scheich
Marius Clarén: Mustapha
Jochen Schröder: Carter
Sven Dahlem: Sir Ralph Fernleigh

Die Macher

Marc Gruppe schrieb wie stets das Buch und gemeinsam mit Stephan Bosenius setzte er es um. Die Aufnahme fand im Titania Medien Studio und in den Planet Earth Studios statt und wurde bei Kazuya abgemischt. Die Illustration stammt von Ertugrul Edirne.

Handlung

Thomas Keston ist Rechtsanwalt und verfasst regelmäßig Aufsätze für die Uni. Auch am 14. Dezember 1932 kratzt sein Füllfederhalter übers Papier, da vernimmt er in seinem Zimmer ein eindringliches Hauchen. Es ist aber niemand zu sehen. Nur ein sonderbarer Duft hängt in der Luft, der ihn an Ägypten erinnert: herbsüß und erregend. Das ägyptische Parfüm – in Kairo war es unverkäuflich, und der Händler warnte ihn sogar davor. Es sei verflucht, uralt und obendrein magisch.

Die Silhouette eines Mannes materialisiert sich mitten in der Luft. Er bittet den Sterblichen um einen Gefallen, denn er habe alles im Spiel verloren. Die Feder des Füllhalters hebt sich und kratzt über Papier, ganz ohne Thomas‘ Zutun: „R.A.“ erscheint da, gefolgt von Zeichen in einer unbekannten Sprache. Dann verfliegt der Spuk.

Die Einladung

Jack Fernleigh, ein Schulkamerad, kehrt aus der Karibik zurück und besucht Thomas. Er dürfe den Onkel nach dessen Tod beerben und lädt Thomas zu Weihnachten nach Fernleigh Hall ein. Wer weiß? Vielleicht wartet dort ein verborgener Schatz darauf, gehoben zu werden. Thomas sagt sein Kommen gerne zu.

Am 23. Dezember kommt Thomas mit der Bahn an. Fernleigh Hall ist riesig, uralt – und dunkel. Jack lacht: Herrje, mehr als hundert Räume – ein wahres Labyrinth. Und alle dunkel und unbeheizt, denn es sei kein Geld dafür da. Außer im „Wohnzimmer“, versteht sich. Dort hat Carter, der Butler, im Kamin ein Feuer entzündet. Jack wartet auf Lilian Featherstone, seine Jugendliebe. Doch seit ihre Familie verarmt sei, empfehle sich eine Hochzeit vorerst nicht.

Schatzsuche

Doch vielleicht befindet sich eben jener Schatz im Anwesen, von dem man seit langer Zeit in der Familie munkelt. Sir Ralph Fernleigh, ein Ägyptenreisender, wurde zwar stets der schwarzen Magie verdächtigt, soll aber etliche wertvolle Juwelen versteckt haben. Dessen italienischer Diener behauptete allerdings nach Sir Ralphs Verschwinden, Dämonen hätten ihn geholt. Was natürlich Unsinn ist, nicht wahr.

Na, prächtig, finden Jack und Tom. Aber mitten in der Nacht erwacht Thomas, als ihn eine geisterhafte Stimme ermahnt: „Geh den Weg zu Ende!“ In der Luft schwebt ein Gesicht, und es ist das gleiche neulich wie in London. Und es ist dasselbe, das ihm nun aus der Ahnengalerie entgegenstarrt: Sir Ralph Fernleigh. Jack erkennt den schockierten Zustand seines Freundes und will ihm helfen.

Dem fällt der Zettel ein, den das Gespenst in London beschrieben hatte: „R.A.“ sind die Anfangsbuchstaben Fernleights. Und der Rest? Ganz klar ein Code, meint Jack, und damit kennt er sich offenbar bestens aus. Er braucht nur zwei Stunden, um die eigentliche Botschaft zu entschlüsseln. Es ist eine Ortsangabe, die irgendwo in diesem Haus liegt. Kurzum: eine Art Schatzkarte!

Doch welche Fallen lauern auf den unerwünschten Schatzsucher? Der Weg der beiden Freunde führt in den tiefsten, ältesten Keller…

Mein Eindruck

„Das ägyptische Parfüm“ ist eine Geschichte über bedingte Erbschaften, und zwar im weitesten Sinne: Die Erben müssen sich des Erbes würdig erweisen. Bei Jack ist die Sache klar: Er hat zwar etwas zu erben, doch das Anwesen an sich ist für ihn lediglich eine finanzielle Belastung – er kann nicht mal eine Ehefrau ins Haus holen, um es mit Leben zu erfüllen. Der wahre Schatz ist eine Hinterlassenschaft der fernen Vergangenheit, und für deren Erschließung benötigt er einen Freund, eine Botschaft und einen Code. Hier sind also Intelligenz wie auch Teamwork gefragt.

Doch wie das mit Erbschaften so ist, könnte damit auch ein Fluch verbunden sein. Was hat es mit dem magischen Parfüm auf sich, das Thomas in Kairo geschnuppert hat? Es verkörpert die Verlockung des Verbotenen, und Thomas findet heraus, dass Sir Ralph Fernleigh diesem Verbotenen anheimgefallen ist. Ob es nun ein echter Dämon war, der Sir Ralph geholt hat, oder nur eine besonders teuflische Metapher – auf jeden Fall ist Jacks Vorfahr keine Seelenruhe beschieden: Er hat sich des Erbes, das die alten Ägypter hinterlassen haben, als NICHT würdig erwiesen. (Und damit hat auch die westliche Welt, die Sir Ralph vertritt, versagt. Ihre Sünde ist der Egoismus.) Wir müssen befürchten, dass es dem braven Jack ebenso ergehen könnte.

Es muss also noch eine weitere Bedingung erfüllt werden, damit das Erbe seinen Erben nicht vernichtet. Zu einen ist die Freundschaft zu Thomas, die sich als Kontakt zu Sir Ralph erweist und die Überbringung des Schatz-Codes ermöglicht. Zum anderen ist Jack offensichtlich auch zur Liebe fähig, denn nichts täte er lieber, als seine Jugendliebe heimzuführen. So ein riesiges Haus, das ist schon eine enorme Verpflichtung. Es sind mindestens zwei Menschen nötig, um es mit Leben zu füllen.

Jack will den Schatz also nicht für sich selbst, sondern für andere. Als Sir Ralph wieder einmal geisterhaft in Erscheinung tritt, ist er erlöst, weil er mal an andere statt an sich selbst gedacht hat, und Jack kann den Schatz gefahrlos heben, weil er ihn nicht für sich selbst behalten will. Dass auch Thomas einen Anteil abbekommt, ist für ihn selbstverständlich. Im Gegensatz zu Robert Louis Stevensons klassischem Schatzsucherabenteuer „Die Schatzinsel“ nimmt diese Schatzjagd also ein gutes Ende. Die Zeiten haben sich wahrhaftig geändert.

Die Inszenierung

Die Sprecher

Es gibt eigentlich nur zwei Hauptdarsteller, nämlich Thomas und Jack. Deren Sprecher Jonas Baeck und Matthias Lühn erledigen ihren Job als relativ junge Schatzjäger einwandfrei, ohne irgendwie peinlich oder unplausibel zu wirken. Wie leicht könnte einer von ihnen abweisend oder egoistisch wirken.

Die Figuren „Der Scheich“ (Eckart Dux) und „Mustapha“ (Marius Clarén) haben eher kommentierende und warnende Funktion, „Carter“ dient als nahezu unsichtbarer Subalterner im Schloss, und „Sir Ralph Fernleigh“ als echter Unsichtbarer ist mit Sven Dahlem einwandfrei besetzt – er hat ja auch nicht allzu viel zu tun…

Geräusche

Wie so häufig in den Gruselkabinett-Hörspielen sind die Geräusche realistisch gestaltet, aber spärlich eingesetzt. Das markanteste Merkmal der Szenen ist die Einsamkeit. Thomas ist als Junggeselle allein in seinem Schreibzimmer, als der Geist aus der Vergangenheit ihm erscheint. Das Kratzen der Feder, die von Geisterhand geführt wird, ist das unheimlichste Geräusch, das er sich vorstellen kann.

Und zusammen mit Jack befindet er sich schon wieder in fast völliger Einsamkeit: Fernleigh Hall ist selbst ein gigantischer Geist aus Dunkelheit und Leere, der Anpassung fordert – oder einen Gegenzauber, der es mit Leben erfüllt. Die Korridore hallen, die Treppen hallen, nur die Schatzkammer selbst wirkt beengt – wie eine Gruft. Ist dies das Ende? All dies wird akustisch nachgebildet, so dass sich der Hörer schnell zurechtfindet.

Die einzige Flucht aus diesen beiden Einsamkeitsszenen ist die kurze, aber wichtige Szene in Kairo. Im Stimmengewirr der Kasbah (Altstadt) stößt der junge Keston auf den Scheich, der ihn vor dem Einfluss des ägyptischen Parfüms warnt. In dieser Szene sind ein paar orientalische Geräusche zu hören.

Musik

Ein derart einfach gestricktes Abenteuergarn bedarf einer Menge Stimmung, um zum Leben zu erwachen. Diese Aufgabe fällt der Musik zu. Klassische Instrumente, aber auch ein elektronischer Synthesizer erwecken die Klänge zum Leben und zaubern die notwendige Stimmung herbei. In der Basarszene in Kairo erklingen orientalische Instrumente, wenn ich mich nicht verhört habe.

Aber wie vertont man einen Duft? Die erste Szene in Kestons Schreibzimmer fordert bereits die Bewältigung dieser Aufgabe. Die Tonregie greift wieder tief in die Trickkiste, und am besten hört man sich das Ergebnis selbst einmal an. Die entsprechende Hörsprobe findet sich auf www.titania-medien.de.

Musik, Geräusche und Stimmen wurde so fein aufeinander abgestimmt, dass sie zu einer Einheit verschmelzen. Dabei stehen die Dialoge natürlich immer im Vordergrund, damit der Hörer jede Silbe genau hören kann. An keiner Stelle wird der Dialog irgendwie verdeckt.

Das Booklet

… enthält im Innenteil lediglich Werbung für das Programm von Titania Medien. Auf der letzten Seite finden sich die Informationen, die ich oben aufgeführt habe, also über die Sprecher und die Macher.

Im Booklet finden sich Verweise auf die kommenden Hörspiele aufgeführt:

Nr. 103: Charles Webster Leadbeater: Das ägyptische Parfüm
Nr. 104: Edith Wharton: Allerseelen
Nr. 105: Benjamin („Crazy“) Lebert: Mitternachtsweg
Nr. 106: M. R. James: Das Traktat Middoth (vgl. http://en.wikipedia.org/wiki/The_Tractate_Middoth) (1911)
Nr. 107: Sir Gilbert Campbell: Der weiße Wolf von Kostopchin (1889)

Unterm Strich

Die relativ einfach gestrickte Geschickte von zwei Schatzsuchern endet gut, was sie von ähnlichen Geschichten wie „Die Schatzinsel“ wohltuend abhebt. Die eigentliche Botschaft ist eng mit der Tätigkeit des Autors in der Theosophischen Gesellschaft Madame Blavatskys und der Liberalkatholischen Kirche verbunden.

Sir Ralph Fernleigh hat die Sünde des Egoismus und des Magie-Missbrauchs – durch das titelgebende Parfüm – begangen und muss nun Erlösung finden. Er wendet sich an Thomas Keston mit einer Botschaft, weil er offenbar irgendwie weiß, dass Keston ein Freund von Sir Ralphs Nachfahren Jack Fernleigh ist. Keston selbst ist ebenso wenig ein „Eingeweihter“ wie Jack selbst. Doch weil beide von der selbstlosen Weitergabe des Codes für den Schatz profitieren, findet der Geist Sir Ralph endlich Erlösung.

Angesichts des theosophischen und katholischen Hintergrunds des Autors verwundert es nicht, dass Motive wie Seelenwanderung, Sünde/Erlösung und die Weitergabe von Wissen eine wesentliche Rolle spielen. Fernleighs Schuld war es wohl auch, dass sein herrschaftliches Anwesen eine leere, leblose Hülse geworden ist. Er muss seinem Nachfahren helfen, es mit Leben zu erfüllen, um erlöst zu werden. Der Schatz ist also kein Selbstzweck, sondern quasi die Ersteinzahlung in ein Investment-Konto, das eine Ehe begründen soll – und die Fortsetzung des Hauses Fernleigh, versteht sich.

Man kann die Geschichte aber auch als einfache Schatzsucherstory deuten, muss sich dann aber fragen lassen, wieso dann ein Geist darin vorkommt? Eine simple Erklärung reicht dafür nicht aus. Innerhalb der Gruselkabinett-Reihe fügt sich das Hörspiel in die lose Serie von Geschichten ein, die mit dem alten Ägypten verbunden sind, also mit Geschichten von Arthur Conan Doyle, Bram Stoker und anderen.

Das Hörspiel

Die professionelle Inszenierung, die filmreife Musik und Synchronstimmen von Schauspielern einsetzt, bietet dem Hörer ein akustisches Kinoerlebnis, das man sich mehrmals anhören sollte, um auch die Feinheiten mitzubekommen. Auch jungen Menschen, die sich einfach nur für gruselige Audiokost interessieren, die gut gemacht ist, lässt sich das Hörspiel empfehlen. Es ist leicht verständlich, wirkungsvoll inszeniert und die Stimmen der Sprecher vermitteln das richtige Kino-Feeling.

Audio-CD: 51:24 Minuten.
Info: The Perfume of Egypt, 1911 in dem Buch „The Perfume of Egypt and Other Weird Stories“
www.titania-medien.de

Der Autor vergibt: (4.0/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (1 Stimmen, Durchschnitt: 5,00 von 5)