Megan Miranda – Der Pfad. Thriller

Der Pfad der Verschwundenen

Ein gefährlicher Pfad in den Bergen. Sieben verschwundene Menschen. Ein Dorf, das sich in Schweigen hüllt.

Ein abgeschiedenes Dorf im Schatten mächtiger Berggipfel: Seit zehn Jahren lebt Abby in Cutter’s Pass, North Carolina. Längst fühlt sie sich heimisch, obwohl der eigentlich so idyllische Ort ein düsteres Geheimnis hütet – seit Jahren verschwinden hier Wanderer spurlos im Gebirge. Als wäre der Ort verflucht. Dann taucht in einer stürmischen Gewitternacht plötzlich ein Fremder in Cutter’s Pass auf: Trey West ist gekommen, um herauszufinden, was damals mit seinem Bruder geschah. Denn auch er kehrte von jenem berüchtigten Pfad in die Wildnis niemals zurück. Je tiefer sich Abby in Treys Recherchen hineinziehen lässt, desto deutlicher merkt sie, wie die Dorfbewohner zusammenrücken und eine Mauer des Schweigens um sich errichten. Und bald muss sich Abby fragen, wie gut sie ihre Nachbarn tatsächlich kennt – und ob die Gefahr wirklich in den Bergen lauert. Oder nicht vielleicht dort, wo man sich eigentlich in Sicherheit wähnt … (Verlagsinfo)

Die Autorin

Megan Miranda zählt in ihrem Heimatland USA zu den erfolgreichsten Thriller-Autorinnen. Auch in Deutschland ist sie regelmäßig auf den Bestsellerlisten zu finden. Ihr Markenzeichen sind clevere Plottwists, die selbst ihre größten Fans nicht kommen sehen – bis zur letzten Seite. So garantiert auch ihr neuer großer Thriller atemlose Spannung mit Gänsehautfaktor. Megan Miranda lebt mit ihrer Familie in North Carolina – genau dort, wo »Der Pfad« spielt.

„Die US-Amerikanerin hat nach dem Schulabschluss einen Studiengang gewählt, der mit ihrer heutigen Autorentätigkeit gar nichts zu tun hat. Sie interessierte sich für Biologie, sodass sie ein Studium am Massachusetts Institute of Technology absolvierte. Doch ihre Kreativität und die Begeisterung für das Schreiben gewannen schließlich. Heute ist sie hauptberufliche Autorin und international überaus erfolgreich.“ Bücherserien.de

Romane

Splitterlicht (2012)
Vengeance (2014, noch nicht übersetzt)
Tick Tack – Wie lange kannst Du lügen?
Gefährliche Wahrheiten
Trügerisch
Little Lies – Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht
Perfect Secret – Hier ist Dein Geheimnis sicher
Bad Dreams – Deine Träume lügen nicht
Sommerhaus
Der Pfad

Handlung

Abby Lovett lebt seit zehn Jahren in Cutter’s Pass, dem Einfallstor zum berühmten Appalachian Trail in North Carolina. Ebenso berühmt bzw. berüchtigt ist Cutter’s Pass aber auch wegen der zahlreichen verschwundenen Besucher, die über 25 Jahre hinweg in der Bergkette verschwunden sind, der letzte vor etwa vier Monaten. Abby, die die Rezeption des „Passage Inn“ leitet, wird durch den jüngsten Besucher wird an Landon West erinnert. Der Mann stolpert aus schüttendem Regen in die Lobby und tut so, als wäre er abgebrannt. Doch als sie ihn erkannt hat, rückt Trey West, Landons Bruder, mit einer Kreditkarte heraus. Da das Haupthaus – im August ist Hauptsaison – ausgebucht ist, gibt Abby ihm eine der äußeren Hütten, und zwar, wie sie betont, genau die gleiche, in der bis vor vier Monaten sein Bruder übernachtet hatte – bevor er verschwand. Landon war Journalist und wollte – natürlich – über die Verschwundenen schreiben.

Cory Stiles hat sich an den neuen üblen Ruf von Cutter’s Pass angepasst und führt eine Gruppe Touristen zu den unheimlichsten Orten. Zu denen gehören zu Abbys Leidwesen auch das Passage Inn. Als sie ihn im strömenden Regen anspricht, um ihn zu verscheuchen, sind die Frauen in seiner Gruppe schon so verängstigt, dass sie Abby nur mit geweiteten Augen anstarren können. Cory erkennt den Ernst der Lage, und da der Regen wirklich ungemütlich ist, beendet er seine Tour. Cory verbindet eine gemeinsame Vergangenheit mit Abby, und keine gute.

Abends macht Abby den Laden dicht. Ihre Assistentin Georgia wurde vor einem Jahr von ihrer Chefin Celeste nur widerwillig eingestellt. Aber Georgia hat sich von der Touristin zur vollwertigen Arbeitskraft gemausert. Zusammen haben sie Schlafräume im Untergeschoss des Hauptgebäudes. Was Abby immer auffällt, ist die ungestörte Stille der Umgebung, und sie kann nicht mal Georgias Musik durch die dicken Betonmauern vernehmen. Ihr Fenster lässt wie ein Oberlicht die Helligkeit des Morgens hereinfallen.

Der zweite Tag

Am nächsten Morgen ist Trey noch nicht aufgestanden, also kümmert sich Abby um die Gäste und deren Pläne. Danach fährt sie zu einem Gasthaus, dem Last Stop Tavern, das Marina und Ray gehört. Hier ist stets Sheriff Stamer anzutreffen, der bei einem Kaffee seine Zeitung liest. Er hatte vor vier Monaten die Ermittlung im Fall Landon West geleitet, und zu seinem Verdruss kam nichts dabei heraus. Daher fühlt sich Abby aus einem dunklen Schuldgefühl heraus verpflichtet, ihm über das Auftauchen von Trey, dem Bruder des verschwundenen Journalisten, Bescheid zu geben. Auch Marina und Ray spitzen die Ohren. Sie kann sich darauf verlassen, dass diese Nachricht im Nu die Runde im Dorf machen wird.

Trey lässt sich erst zur Mittagszeit wecken, dann geht er nicht etwa ins Dorf, um zu essen, sondern lässt eine Pizza liefern. Am Nachmittag kehren die ersten Wanderer zurück und haben viel zu erzählen. Als Abby nach ihm sieht, herrscht Chaos in seiner Hütte, und er hat eine ganze Flasche Wein geleert. Er hat Hinweise auf seinen Bruder gesucht: Dessen Handy und Notizbuch sind weg. Als Trey und Abby aufräumen, bricht ein Knopf eines Bettpfostens ab. Ein Hohlraum wird sichtbar. Das bringt Trey auf eine Idee. Im dritten Hohlraum entdeckt er ein Objekt: einen USB-Stick. Doch auf dem Speichermedium sind nur Fotos und eine WORD-Datei zu finden. Der – unvollständige – Text ist von Landon, doch die Fotos stammen von Farrah Jordan, die vor drei Jahren (2019) verschwand. Die Bilder zeigen den Shallow Falls Trail im Winter, aber keinen einzigen Menschen. Wo ist die dazugehörige Kamera, fragen sich Anny und Trey.

Der Pfad

Um diese Frage zu klären, müssen sie selbst auf den Pfad. Um sechs Uhr morgens geht’s los. Schon nach wenigen Metern kommt ihnen Celeste entgegen, die den Pfad täglich bewältigt, denn zum Wasserfall ist es nicht weit. Bestimmt steigt sie noch viel höher, vermutet Abby. Celeste braucht Abby, die Nichte ihres verstorbenen Mannes Vincent, nicht ein zweites Mal zu ermahnen, mit Gästen vorsichtig zu sein. Das Dorf ist schon verrufen genug, und das Gasthaus ebenfalls. Farrah Jordan wollte im „Passage Inn“ Fotos machen, aber Abby, die gerade mit Renovierungsarbeiten beschäftigt war, verscheuchte sie genervt.

Die Fotos Farrahs enden an den Treppenstufen, die den Wanderer zum Wasserfall hinunterführen. Dessen Becken ist seicht, daher sein Name „Shallow Falls“. Das einzige, was Abby findet, ist eine Wegmarke aus übereinander geschichteten Steinen, in die eine orangefarbene Blume gesteckt worden. Erst als sie nach Hause zurückkehrt, erkennt sie zu ihrer Bestürzung anhand der Fotos in der Vorhalle, dass der Rucksack, den sie trägt, einst Alice Kelly gehört hat. Alice Kelly, eine College-Studentin in einer Wandergruppe, verschwand 2012, also vor zehn Jahren, kurz bevor Abby selbst, nachdem ihre kranke Mutter gestorben war, hierherzog, um bei Celestes Mann Vincent, ihrem Onkel, Unterschlupf zu finden. Aber warum ließ Alice Kelly ihren Rucksack zurück? Abby hat das nützliche Teil unter den Fundstücken gefunden.

Der dritte Tag

Allmählich wird Abby bewusst, dass alle Bekannten – Freunde? – im Dorf ein Geheimnis haben. Und diese Geheimnisse wissen sie vor den vielen Touristen und Einwanderern“ – wie Abby – gut zu verbergen. Durch den schlechten Ruf, den Cutter’s Pass inzwischen landesweit genießt, hat sich eine Wagenburg-Mentalität gebildet. Aber das bedeutet auch, dass Leute, die nicht hundertprozentig „dazugehören“, wieder weg wollen, so etwa Corys junge Frau. Sollte sie selbst auch wieder gehen? Der Gedanke schießt ihr durch den Sinn.

Als sie sich Georgias SUV ausleiht, weil ihr eigener Wagen nicht anspringt, findet sie per Zufall einen Schlüssel. Er sieht harmlos aus, und das große E weist ihn als Spindschlüssel für Jacks Laden „Edge“ für Camper- und Wanderausrüstung aus. Jack Oliviers Buchhaltung befindet sich allerdings auf dem Niveau des Mittelalters, so dass Abby eine Weile braucht, um den Eintrag für das gemietete Schließfach 221 zu finden. Es wurde auf ihren, Abbys, Namen gemietet. Erst als sie Alices Rucksack aus dem SUV geholt hat, wagt sie es, das Schließfach zu leeren: Da ist Farrahs Kamera, das ist Landons Tagebuch und sein Handy. Auf dem Handy entdeckt sie Tonaufnahmen eines Interviews…

Klopfenden Herzens versucht sich Abby unsichtbar zu machen, doch sie entgeht den Späherblicken von Jack und Rochelle, des Sheriffs Sekretärin, nicht. Auch vor Georgia kann sie nicht verbergen, dass sich ihr Nervenkostüm im Ausnahmezustand befindet. Sie versteckt den Rucksack schnellstmöglich, bevor sie sich ihren Pflichten widmen kann. Ein Aktenordner ist verschwunden, der hat Celeste gehört. Nun, das wäre nicht das erste, was verschwunden wäre, denkt Abby.

Doch wie soll sie Trey beibringen, dass Besitztümer seines Bruders auf mysteriöse Weise wieder aufgetaucht sind? Und wer sie ihm gestohlen hatte…

Mein Eindruck

An Abby Lovett ist kein Sherlock Holmes verloren gegangen, und auch als Detektivin würde sie durch jede Prüfung fallen. Die Natur wird ebenfalls nur einmal erkundet, was den Roman nicht gerade zu einer Trekking-Fibel macht. Aber Abby hat ein wissbegieriges Herz, das jeder Unstimmigkeit und Eventualität nachspürt. Warum kommt es beispielsweise ständig zum Ausfall der Telefonverbindungen im Passage Inn? Warum verschwinden die Besitztümer der vermissten Gäste? In einer Abfolge wird deren Schicksal wie in einem Dossier ausgerollt. Das letzte Dossier ist für Abby selbst vorgesehen.

Draußen oder drinnen

Abby ist eine Amateurdetektivin, die mit dem Herzen sieht. So erfasst sie emotionale Unstimmigkeiten bei ihren Mitmenschen in Cutter’s Pass, einem kleinen Touristenort in den Bergen. Sie lebt zwar schon zehn Jahre hier, aber nur dank Celestes Hilfe hat sie hier eine Zuflucht gefunden, nachdem ihre Mutter an Krebs gestorben war. Lange Zeit kommt ihr nicht in den Sinn, die Hand zu beißen, die sie füttert – und einfach Celeste nach den Gründen für das Verschwinden der Menschen zu fragen. Denn die war auch nicht schon immer hier, sondern zog ebenso hierher, genau wie etliche andere. Deshalb ist Abbys Problem vor allem, sich dazugehörig zu fühlen. Sie muss sich die Frage stellen, ob sie noch dazugehören wird und bleiben darf, wenn sie zu tief gräbt. Draußen oder drinnen – Abby steht vor einem Dilemma.

Die vier Burschenschaftler

Immerhin begann das Verschwinden schon 25 Jahre zuvor, als Celeste bereits mit Vincent hier lebte und den Passage Inn erbaute. Es verschwanden die vier jungen Männer, die allgemein „Die vier Burschenschaftler“ genannt werden. Sie kamen von der Ostküste. Erinnert jener blumengeschmückte Steinhaufen am Shallow Fall an sie, fragt sich Abby. Es gibt ein Foto von dem Quartett, und es hängt an einer bestimmten Wand. In einer aufregenden Nacht fotografiert sie das alte Foto – und entdeckt in einer Spiegelung das Logo des Passage Inn. Wer hat das Foto gemacht – das hatte sich schon Landon West gefragt: „der fünfte Burschenschaftler“. Die Antwort kann sich vielleicht in Celestes Unterlagen aufstöbern lassen. Doch Abby wird von Celeste, ihrer Ersatzmutter, beim Schnüffeln erwischt. Höchste Zeit, die Karten auf den Tisch zu legen.

Zu ihrer nicht geringen Bestürzung erfährt Abby, dass sie von Anfang von Celeste erwartet worden war…

Die Übersetzung

Mir lag zur Besprechung schon das Leseexemplar vor. Es ist unkorrigiert und daher können Fehler, die später korrigiert wurden, nicht ausgeschlossen werden.

S. 59: „Sheriff [Stamer] würde Rochelle davonerzählen…“: Der Name fehlt.

S. 314: “Ich brauchte Sicherheit.“ Nein, Abby braucht Gewissheit.

S. 364: Ein Schürhaken wird als „Gerätschaft“ bezeichnet. Das ist nicht völlig verkehrt, klingt aber etwas übertrieben.

Unterm Strich

Der Weg dieser Detektivin führt nicht über deduktive Logik zur Erkenntnis, sondern über Intuition. Sie erspürt die emotionale Lage im Dorf Cutter’s Pass und fragt sich, wie es sein kann, dass 25 Jahre lang ein Verschwinden nach dem anderen von Sheriff Stamer nicht aufgeklärt werden konnte. Oder steckt eine bestimmte Absicht dahinter, um das Dorf vor den Folgen einer aufgedeckten Verbrechensserie zu schützen? Die Wanderer würden fernbleiben, mit denen sich gute Umsätze machen lassen. Und es würde noch mehr Schnüffler wie Landon und Trey West über das Dorf herfallen. Im Internet gibt es ganze Seiten mit Verschwörungstheorien: Cutter’s Pass ist eine nationale Berühmtheit n- auf die Einheimischen gerne verzichten würden.

Je tiefer Abby in die Vergangenheit vordringt, desto näher kommt sie dem Geheimnis, und desto brenzliger wird ihre eigene Lage. Dass am Schluss der Showdown direkt auf die Erkenntnis ihrer eigenen Position in diesem Rätsel folgt, ist nicht nur folgerichtig, sondern auch ziemlich wirkungsvoll. Jede Leserin wird sich in ihre Lage versetzen können: voller Angst vor Männern, verwundert wegen der Diebstähle, aber voll unbezähmbarer Neugier, wenn sich eine Schatz wie im Mietfach findet.

Eine Schatzsuche ist ja schön und gut, aber von einem Detektiv erwarte, dass er seinen Grips dazu verwendet, Spuren zu verfolgen, Informationen zusammenzusetzen – kurz: einen Plan zu haben. Das alles ist bei Abby nicht der Fall, allenfalls im letzten Fünftel. An Abby ist kein Philip Marlowe verlorengegangen. Aber auch Cosy Crime sieht anders aus: Agatha Christie hätte keine Mühe, sich hier zurechtzufinden, aber sie hätte die handlung wesentlich stringenter aufgezogen.

Nein, der Zweck dieser Geschichte ist ein ganz anderer als die Aufklärung von Verbrechen. Die Autorin schildert eine abgelegen positionierte Gemeinschaft, die das Problem hat, entweder die Wahrheit zu vertuschen und zusammenzuhalten – oder durch das Aufdecken der Wahrheit auseinanderzufallen. Doch die Gemeinschaft hat einen gemeinsamen Zweck: Sie ist ein Zufluchtsort, ein Refugium, so etwa für Abby, für Georgia und einige andere. Erst als die Geheimnisse als solche zu offensichtlich wahrnehmbar werden, beginnen die ersten Mitglieder lieber wegzuziehen. Bleiben oder flüchten, drinnen oder draußen? Auch Abby muss am Schluss ihre Wahl treffen.

Taschenbuch: 379 Seiten
O-Titel: The Last to Vanish, 2022.
Aus dem Englischen übersetzt von Melike Karamustafa.
ISBN-13: 978-3328109082

www.penguin.com

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