McCammon, Robert R. – Unschuld und Unheil

1964 in der Kleinstadt Zephyr in Alabama, tiefster Süden der USA: Der zwölfjährige Cory verbringt hier eine bislang idyllische Kindheit. Seine besten Freunde sind der pummelige Ben, der nachdenkliche Johnny und der draufgängerische Davy, nicht zu vergessen natürlich Corys geliebter Hund Rebell. Eines Morgens begleitet Cory seinen Vater auf dessen Tour bei der Milchauslieferung. Am düsteren See Saxon’s Lake schießt plötzlich ein Auto aus dem Wald an ihnen vorbei und stürzt hinein. Corys Vater springt hinterher und versucht, den Fahrer zu retten, doch vergeblich. Tatsächlich ist der Mann bereits tot, sein Gesicht von Schlägen gezeichnet, eine Schlinge um den Hals und an das Lenkrad gekettet. Corys Vater kann nicht verhindern, dass der Wagen mitsamt der Leiche im See unrettbar versinkt.

Der einzige Hinweis auf den Toten ist eine seltsame Tätowierung, die Corys Vater erkannt hat, doch der Sheriff findet keinen passenden Vermissten. Cory hat während der Rettungsaktion seines Vaters eine Gestalt am Ufer gesehen, die eine grüne Feder verloren hat, und ist überzeugt davon, dass diese Person darin verwickelt ist. Auch sein Vater hat das Erlebnis nicht verkraftet. Immer stärker plagen ihn Alpträume und die Frage, ob der Mörder aus ihrer behüteten Stadt kommt.

Nicht nur die Suche nach der Gestalt mit der Feder begleitet Cory in diesem Sommer. Da sind auch die unheimlichen Legenden über Old Moses, das Ungeheuer aus Saxon’s Lake, die geheimnisvolle uralte Voodoo-Lady aus dem Schwarzen-Viertel, schlicht „die Dame“ genannt, deren Visionen Cory noch manches Mal helfen werden, seine erste Kurzgeschichte und ein nächtlicher Campingausflug mit seinen Freunden, der ihn einem Geheimnis gefährlich nahe bringt. Zwischen all den schönen Erlebnissen lauert der Tod, und Cory spürt bald, dass er das Schicksal des Toten im See klären muss, um sich und das Leben seines Vaters zu retten …

_Das Ende der idylllischen Kindheit_ hat mit Werken wie Stephen Kings „Es“ und „Die Leiche“ („Stand by me“), Ray Bradburys „Das Böse kommt auf leisen Sohlen“ sowie Dan Simmons „Sommer der Nacht“ großartige Werke der modernen Literatur hervorgebracht, und besonders die Kombination mit Horror erzielt diesen wunderbaren Effekt, den auch „Unschuld und Unheil“ voll für sich beanspruchen kann.

|Dichte Atmosphäre, gelungene Charaktere|

Robert R. McCammon gelingt es großartig, eine verzaubernde Stimmung zu kreieren. Nicht erst im Nachwort, in dem sich der Autor bei allen möglichen Schauspielern und Autoren bedankt, wird offenkundig, dass er sich bei Corys Kindheit stark von seiner eigenen beeinflussen ließ, denn immer wieder werden typische Bücher, Zeitschriften, Filme und TV-Serien der sechziger Jahre erwähnt. Von Anfang an wird der Leser hineingesogen in die beschauliche Kleinstadt Zephyr, in welcher der damals zwölfjährige Cory eine behütete Kindheit führt. Es ist ein verschlafenes Städtchen, in dem sich die Bürger untereinander gut zu kennen glauben und das doch in jenem Sommer eine Vielzahl von Geheimnissen preisgibt.

Corys Kindheit lädt zum Identifizieren ein, sowohl für jene, die ähnliche Erinnerungen haben, als auch für solche, die davon träumen. Cory ist ein in vielerlei Hinsicht typischer Junge kurz vor seinem zwölften Geburtstag, der Abenteuer liebt, Gruselfilme schaut, spannende Bücher verschlingt, mit seinen Freunden durch die Natur streift, Baseball spielt und per Fahrrad durch Zephyrs Straßen prescht. Dazu liebt er es, Geschichten zu erzählen, die andere Menschen trösten oder ablenken und in diesem Sommer wird er eine ganz besondere Kurzgeschichte schreiben.

Besonders faszinierend sind die vielen kleinen Zwischenspiele, die der Autor in die Haupthandlung, die sich um den Toten im See dreht, einflechtet: Da sind die Übernachtung bei Corys Freund Ben, die ihm mehr über dessen Eltern verrät, als ihm lieb ist; der lispelnde Nemo, der Neuling in der Stadt, hinter dessen schmächtigem Körper sich ein ungeahntes Talent verbirgt; das Hochwasser, in dem Cory das legendäre Monster Old Moses leibhaftig zu Gesicht bekommt; Corys Hund Rebell, dem ein trauriges und doch zugleich schönes Schicksal bevorsteht; da sind die Schulschläger Gordo und Gotha, die zum ersten Mal Gegenwehr erleben; der Ku-Klux-Clan, der sein Unwesen treibt; Miss Grace und ihr verrufenes Vergnügungshaus; die junge Frau im Wald, die Cory zum ersten Mal ins Schwärmen bringt; und da ist der Jahrmarkt, dessen angebliche Saurierattraktion noch für eine Menge Aufruhr in Zephyr sorgen wird. Viele der Episoden scheinen unabhängig von der Haupthandlung zu bestehen, kleine Momente im Leben eines Jungen, der zum ersten Mal das Leben der Erwachsenenwelt schmeckt, aber die meisten fügen sich im Nachhinein sehr gut ins Gesamtbild ein. Manche Szenen bringen den Leser zum Trauern oder gar zum Weinen, dann wieder sorgen Corys Abenteuer, die Neckereien unter den Freunden und sein lakonischer Tonfall beim Erzählen seiner Erinnerungen für witzige Augenblicke.

Die bemerkenswerteste Nebenfigur ist „die Dame“, eine schwarze Lady von 106 Jahren, die von der schwarzen Bevölkerung wie eine Königin verehrt und von der weißen überwiegend misstrauisch beäugt wird. Sie gilt als Voodoo-Zauberin, die aber eine der wenigen in der Stadt ist, die schon früh das nahende Unheil spüren. Ihre prophetischen Träume handeln vom Toten im See, und Cory ahnt, dass er der Dame nicht nur vertrauen kann, sondern auch ihre Hilfe zwingend braucht, um das schreckliche Geheimnis des Mordes zu lösen, das seinen Vater zunehmend quält. Von ihr erhält er auch ein neues Fahrrad als Geschenk, das nicht nur imposant aussieht und ob seiner Schnelligkeit zu Recht von Cory den Namen „Rakete“ erhält – sondern bei genauem Hinsehen glitzert ein goldenes Auge in seinem Scheinwerfer, das Rad lenkt gelegentlich eigene Wege, und wer es unbefugt anfasst, kann sich schon mal eine Bisswunde einfangen. Zephyr ist voll an skurrilen Originalen wie die altjüngferlichen Miss Blue und Miss Green Glass in ihren Farbgewändern, der liebenswerte Sonderling Vernon Thaxter, der dank seines mächtigen Vaters unbehelligt stets nackt durch die Straßen läuft, Corys cholerischer Großvater Jaybird und der alte Mr. Cathcoate, der angeblich einmal Revolverheld Wyatt Earp das Leben rettete.

|Spannung bis zum Schluss|

Bei allen netten Anekdoten und Abschweifungen steht immer die Frage nach dem Toten im See und dessen Mörder im Hintergrund, der höchstwahrscheinlich aus dem beschaulichen Zephyr stammt. Die einzigen Hinweise sind die Tätowierung des Ermordeten mit einem geflügelten Totenkopf, die aber bislang zu keiner Identifizierung führte, und die grüne Feder, welche die Gestalt im Mantel, die den Unfall beobachtete, verlor und die Cory sorgsam aufbewahrt. Er schweigt über diesen Fund, denn er befürchtet zu Recht, damit nicht ernst genommen zu werden, hält aber unentwegt die Augen offen.

Nach und nach steigert sich die Spannungskurve, die sich nicht nur darum dreht, wer der Unbekannte war, warum er ermordet wurde, wer sein Mörder ist, sondern auch darum, ob Cory und sein Vater als einzige Zeugen ins Visier des Täters geraten. Mehrfach scheint es, als habe Cory einen begründeten Verdacht, doch erst kurz vor Schluss enthüllen sich alle schrecklichen Umstände um die Tat in einem überstürzten Finale. Die Auflösung des Mordes führt viele Jahre zurück in die Vergangenheit, die Identifizierung des Mörders bestürzt nicht nur Cory, sondern auch den Leser, doch sie passt in das bittersüße Gesamtbild des Romans, in dem sich Erleichterung und Trauer immer wieder die Hand geben.

|Kaum Schwächen|

Nur wenig lässt sich an diesem großartigen Werk kritisieren, etwa dass manche der angerissenen Episoden wider Erwarten nicht mehr fortgeführt werden. Manche Personen, die einem in den kleinen Abweichungen begegnen, tauchen später nicht mehr auf, höchstens in Corys Gedanken. Das ist besonders schade, weil Cory in einem Epilog, als er dreißig Jahre später mit seiner Ehefrau nach Zephyr zurückkehrt, die Entwicklung einiger Menschen aus der Stadt Revue passieren lässt, und man sich unweigerlich wünscht, er hätte dabei noch mehr Personen bedacht. Ein kleines bisschen konstruiert ist außerdem das spektakuläre Finale, bei dem Cory und sein Vater gleichzeitig unabhängig voneinander die richtigen Schlüsse ziehen. Natürlich ist der Roman grundsätzlich nichts für ungeduldige Leser, die eine temporeiche Handlung bevorzugen, sondern in erster Linie auf eine intensive Atmosphäre bedacht.

_Als Fazit_ bleibt ein wunderbarer Roman, der Kindheitserinnerungen mit Horror und Thriller mischt und definitiv zu den besten Horrorwerken der Moderne zählt. Die Handlung ist vielschichtig, die Charaktere sind originell und bei aller Skurrilität authentisch dargestellt, die Geschichte besticht durch dichte Stimmung, in der sich lustige und traurige Momente ausgewogen abwechseln. Abgesehen von sehr kleinen Mängeln ist „Unschuld und Unheil“ ein rundum gelungener Roman, der sich trotz seines enormen Umfangs sehr schnell liest und im Gedächtnis bleibt.

_Der Autor_ Robert R. McCammon, Jahrgang 1952, studierte zunächst Journalismus in seiner Heimat Alabama, ehe er 1978 mit „Ball“ seinen ersten Horror-Roman veröffentlichte. Weitere Werke folgten rasch, und ab den achtziger Jahren standen sie regelmäßig auf den Bestsellerlisten und gewannen Preise wie den |Bram Stoker Award|. 1992 zog sich McCammon vom Schreiben zurück, nachdem Verleger andere Genres nicht akzeptieren wollten. 2008 veröffentlichte er aber die Fortsetzung zu einer neuen Serie und widmet sich damit zumindest partiell wieder dem Schreiben. Für „Unschuld und Unheil“ erhielt er den |Bram Stoker Award| und den |World Fantasy Award|. Zu seinen Werken zählen u. a. „Das Haus Usher“, „Nach dem Ende der Welt“, „Botin des Schreckens“ und [„Tauchstation“.]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=261

|Originaltitel: Boy’s Life
Aus dem Amerikanischen von Ute Thiemann
797 Seiten, gebunden
ISBN-13: 978-3-89996-070-9|
http://www.robertmccammon.com
http://www.area-verlag.de

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