Simmons, Dan – Drood

Die Werke des englischen Schriftstellers Charles Dickens gehören zu den wichtigsten Romanen der englischen Literatur. Titel wie: „Oliver Twist“, „David Copperfield“ oder „Eine Weihnachtsgeschichte“ wurden mehrfach erfolgreich verfilmt. Seine Figuren wie Scrooge, der Waisenjunge Oliver Twist oder der Abenteurer David Copperfield sind aus der literarischen Welt nicht mehr wegzudenken, und ihre Schicksale verzaubern und berühren noch immer viele Generationen von Lesern.

Am 9. Juni 1865 verunglückte der Tidel Train in Staplehurst. Das schwere Bahnunglück forderte zahllose Tote und Verletzte. Charles Dickes, einer der Fahrgäste, überlebte die Entgleisung des Zuges und den Sturz von der Brücke. Noch am Unfallort leistete Dickens Erste Hilfe, doch auch wenn Dickens mit dem Schrecken davongekommen war, so durchlebte er dieses Unglück im Geiste immer wieder. Ein Trauma für den Rest seines Lebens, wie sich zeigen sollte.

Der vielseitige amerikanische Autor Dan Simmons, der mit seinem ebenfalls im |Heyne|-Verlag erschienen Buch „Terror“, in dem er die abenteuerliche Suche nach der Nordwestpassage von John Franklin erzählte, einen internationalen Bestseller landete, erzählt nun in „Drood“ die nicht minder abenteuerliche Geschichte von Charles Dickens und beginnt dabei mit genau diesem Ereignis.

_Inhalt_

Als der berühmte Autor Charles Dickens bei einem schweren Bahnunglück am 9. Juni 1865 nur knapp mit dem Leben davonkommt, ist dies der Beginn eines neuen Lebensabschnittes. Der bekannteste Schriftsteller seiner Zeit wird mit dem unmittelbaren Tod konfrontiert, und fortan leidet er unter diesem tragischen Erlebnis. Noch am Unfallort, als er Schwerverletzte birgt und bei der Versorgung hilft, begegnet dem Autor ein Mann mit schwarzem Umhang und Zylinder. Eine imposante, aber auch mysteriöse dunkle Erscheinung, die den Schriftsteller verängstigt, aber ebenso fasziniert.

Der unbekannte Mann stellt sich als „Drood“ vor, und Dickens erlebt persönlich, wie dieser am Ort des Unfalles zur elementaren Personifizierung des Todes wird. Eine schier unheimliche Aura umgibt Drood, und Dickens erscheint diese Person als Botschafter des Todes.

Charles Dickens wird in seinen Träumen fortan von Drood verfolgt. Dickens entwickelt eine verhängnisvolle Leidenschaft in dem Versuch herauszufinden, was es mit Drood auf sich hat. Zusammen mit seinem literarischen Kollegen und Freund Wilkie Collins begibt sich Dickens in die dunklen Gassen des viktorianischen Londons und erlebt eine makabere Faszination für das ihm Unbekannte und Spirituelle.

Auf der Jagd nach dem geheimnisvollen Phantom finden die beiden etwas, das sie so nicht vermutet haben, nämlich ihre dunklen Seiten, die sie in Opiumräuschen ausleben und deren Grenzen sie zwischen Alptraum und Realität nicht mehr ausloten können …

_Kritik_

„Drood“ ist in erster Linie ein bodenständiger historischer Roman von Dan Simmons. Nach „Terror“ und dessen Erfolg ist die Erwartungshaltung der Leser sicherlich groß, und Dan Simmons versteht es wie erwartet, seine Geschichten auf hohem Niveau zu erzählen.

Der Leser wird dennoch keinesfalls den Roman „Terror“ mit „Drood“ vergleichen können. Zu unterschiedlich ist nicht nur das Thema, sondern auch vielmehr der Stil des Autors. Als spannend ist „Drood“ nun wirklich nicht zu bezeichnen; der Autor vermischt zwar historische Fakten mit Fiktion, doch erzeugt er bei dem Leser nicht die packende Atmosphäre wie in seinem Vorgängerroman.

Dan Simmons konzentriert sich viel zu sehr auf die umfangreiche Charakterisierung seiner Protagonisten und nimmt damit der Geschichte die Dynamik. Die Einleitung des Romans, das schwere Zugunglück und das erstmalige Erscheinen von Drood gehören schon zu den wenigen Höhepunkten in disem Roman. Überflüssige Passagen, in denen das Leben von Charles Dickens und Collins bis ins kleinste Detail analysiert
und interpretiert wird, mildern das Lesevergnügen und wirken ungemein ernüchternd, oder sagen wir schlicht – es wird langweilig. Manchmal hatte ich den Eindruck, dass es sich beinahe um eine nonfiktionale Biografie von Dickens handeln könnte.

Als Hauptfigur allerdings kommt Charles Dickens nicht gut an. Dan Simmons hat den großen Schriftsteller als arroganten, unsympathischen Menschen dargestellt, der bei seinem Mitmenschen alles andere als positiv im Gedächtnis geblieben ist. „Drood“ wird aus der Perspektive von Wilkie Collins erzählt, der immer im Schatten von Dickens lebt und arbeitet und seinen Erfolg zwar nachvollziehen kann, aber das nur mit Neid- und Hassgefühlen.

Dan Simmons hat sich mit der Entstehung seines Romans „Drood“ viel vorgenommen. Wie schon gesagt, gewinnt der Leser schnell den Eindruck, dass es die etwas ausführlichere Version einer Biografie sein könnte. Ebenso findet man in „Drood“ eine Geistergeschichte und phasenweise eine Dokumentation wieder. Der Autor hat dabei aber außer Acht gelassen, dass sich der Leser dabei schnell verlieren könnte, denn ein wirklich spannendes Konzept sucht man hier leider vergebens.

Nicht nur der Leser verliert hier den Überblick, auch die Protagonisten verlieren im Drogennebel der Opiumhöllen ihre Wahrnehmungen und ihre Intelligenz. Streckenweise gelingt es allerdings Dan Simmons, sich wieder als faszinierender Erzähler zu profilieren. Das viktorianische London lässt der Autor vor den Augen des Lesers mit all seiner stinkenden und dunklen Präsenz aufleben. Inmitten der labyrinthischen Unterstadt, der Kanalisation, die von opiumsüchtigen Menschen bevölkert ist, beweist Simmons sein Talent der Erzählkunst.

Diese authentischen Abschnitte werden mit einem stilvollen, beklemmenden Gefühl dargeboten, ähnlich grandios wie in „Terror“. So bildlich und düster stellt man sich eine Gruselgeschichte vor, so hätte es sein können und bleiben müssen.

Im Scheinwerferlicht der Handlung bleiben allerdings nur zwei Personen übrig – Dickens und Collins, der kümmerliche Rest von Protagonisten finden sich in der klassischen Rollenverteilung wieder, die das soziale Bild einer Gesellschaft um das Jahr 1865 in London gut widerspiegeln.

_Fazit_

In „Drood“ finden sich gleich mehrere Genres wieder. Eher als historischer Roman konzipiert, könnte er ebenso gut eine Biografie, eine Dokumentation oder Mystery-Roman sein; wenn man allerdings alles erreichen möchte und dabei über einen schmalen Grat wandert, könnte man leicht abstürzen. Und genau das ist leider bei „Drood“ passiert.

Dan Simmons‘ „Drood“ kann ich letztlich nicht zur Lektüre empfehlen. Zu wenig inhaltliche Spannung ist in diesem Roman zu finden, dafür viel zu viele kleinere Nebengeschichten rund um die Protagonisten, die zusammen mit der Person des geheimnisvollen Drood als in der Summe völlig überflüssig erscheinen.

Dan Simmons hat mit [„Terror“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4278 bewiesen, dass er ein großartiger Autor ist. Sein Stil und sein Talent für Sprache sind deutlich ausgeprägt, und er weiß durchaus, wie man Spannung erzeugen kann, doch hier hat Simmons sich anscheinend übernommen. „Drood“ ist ein Flickenteppich unterschiedlicher stilistischer Genres, der mich im Gesamtbild leider nicht überzeugen konnte.

|Originaltitel: Drood
Aus dem amerikanischen Englisch von Friedrich Mader
975 Seiten, gebunden
ISBN-13: 978-3-453-26598-1|
http://www.heyne.de
http://www.dansimmons.com

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