Brandon Sanderson – Kinder des Nebels (Mistborn 1)

Vin ist sechzehn und auf der Straße aufgewachsen. Überlebt hat sie nur, weil ihr großer Bruder ihr eingebläut hat, keinem Menschen jemals zu vertrauen – und weil sie etwas besitzt, was sie ihr Glück nennt: Eine Art innere Energie, die sie befähigt, andere Menschen zu besänftigen. Damit kommt sie zumindest einigermaßen über die Runden.

Doch eines Tages tauchen zwei Männer im Schlupfwinkel ihrer Bande auf, die ihr gesamtes bisheriges Leben auf den Kopf stellen! Plötzlich findet sie sich in einer Truppe von Revolutionären wieder, die versuchen, den Obersten Herrscher zu stürzen. Ein wahnwitziges Unterfangen, denn der Oberste Herrscher ist nicht einfach nur ein mächtiger Mann. Er ist ein Gott!

Vin ist klug, anpassungsfähig, zäh und besitzt eine durch das harte Leben auf der Straße geschulte Beobachtungsgabe. Vor allem aber ist sie eine Nebelgeborene und verfügt damit über eine Macht, die eigentlich nur dem Adel vorbehalten ist. Das bringt sie allerdings auch in große Gefahr, denn die Inquisitoren des Reiches verfolgen unnachgiebig jeden „Missbrauch von Allomantie“.

Auch Kelsier ist ein Nebelgeborener, ein charismatischer, von einer geradezu mystischen Aura umgebener Mann, der die Gruben von Hathsin überlebt hat, die nächtlichen Nebel durchwandert und sich der Herrschaft des Adels widersetzt. Für seine Freunde dagegen ist Kelsier ein unbekümmerter, leicht verrückter, aber genialer Dieb, der ständig überall hin zu spät kommt und keinerlei Bedenken hat, selbst das Unmögliche zu versuchen.

Sazed dagegen beherrscht zwar keine Allomantie, besitzt aber dafür seine eigenen, besonderen Fähigkeiten. Offiziell bekleidet er das Amt eines Haushofmeisters, tatsächlich aber ist der würdevolle Mann mit der gebildeten Ausdrucksweise nicht nur ein wandelndes Lexikon, sondern auch ein hervorragender Beschützer.

Und dann wäre da natürlich noch Elant. Der Erbe des mächtigsten Adelshauses in Luthadel liest gern philosophische Texte und trifft sich regelmäßig mit seinen Freunden – deren Familien eigentlich mit der seinen verfeindet sind -, um über eine bessere Welt zu diskutieren. Allerdings ist der gute Junge auch ein klein wenig naiv, denn er glaubt tatsächlich an die Möglichkeit, den obersten Herrscher zu Reformen zu bewegen. Sein Vater hält allerdings ausgesprochen wenig von seinem Erben. So wenig, dass er ihn am Liebsten los wäre …

Mit Ausnahme einiger Nebenfiguren sind Brandon Sandersons Charaktere Leute mit moralischen Grundsätzen. Dennoch hat der Autor es verstanden, keinen von ihnen moralinsauer oder als überhöhten Helden darzustellen. Alle haben sie ihre Marotten, Ecken und Kanten, und das auf eine gewisse, liebenswerte Weise, die die gesamte Gruppe – vom Pimpf Spuki bis hin zum mürrischen alten Keuler – zu einem skurrilen, aber sympathischen Haufen macht. Auch Vin ist in ihrer Veränderung vom zugeknöpften, misstrauischen Gör hin zu einer selbstbewussten, fast schon weltmännischen jungen Dame sehr gut getroffen, vor allem, weil sie dabei durch ihre gelegentlichen Selbstzweifel, Ängste und Misserfolge stets menschlich bleibt.

Auch der Entwurf der Welt ist ungewöhnlich. In den meisten Fällen ist es so, dass die Gruppe in den Kampf gegen das Böse zieht und die Welt in letzter Sekunde rettet. Hier ist die letzte Sekunde schon seit tausend Jahren vorbei, das Böse hat bereits gesiegt. Und Sandersons Truppe kämpft, um dieses bereits etablierte Böse zu stürzen. Dazu passt der geographische Hintergrund ausgezeichnet: Die Welt ist eine Wüste. Ständig rieselt Asche vom Himmel, die Sonne ist nur ein roter Fleck, der sich mühsam durch die schmutzige Luft kämpft, die Pflanzen sind kümmerlich braun und mager. Ein Wunder, dass überhaupt genug Wasser für alle vorhanden ist.

Natürlich hat die Welt früher anders ausgesehen. Doch davon weiß inzwischen niemand mehr etwas. Der Oberste Herrscher hat alles Wissen ausgerottet, das nicht zu seiner eigenen Staatsdoktrin gehört. Und die unwissenden, unterdrückten Massen sind abergläubisch und ängstlich.

Die Magie, hier Allomantie genannt, ist erblich. Deshalb müssen alle Skaa, mit denen der Adel sich zeitweise vergnügt, nach kurzer Zeit getötet werden. Doch selbst in einer absoluten Diktatur wie der des Obersten Herrschers gibt es Schlamperei, und so kommen immer wieder Bastardkinder zur Welt, in deren Adern adliges Blut fließt und damit die Fähigkeit, Allomantie zu gebrauchen.

Ein Allomant ist in der Lage, Metalle, die er geschluckt hat, in seinem Magen zu „verbrennen“ und daraus gewisse Formen der Energie zu gewinnen. So erhöht Weißblech die Leistungsfähigkeit des Körper, während Zink die Wahrnehmung verbessert, und dergleichen mehr. Das Interessante an diesem Entwurf ist, dass zum Einen nach Verbrauch der Metalle keine weitere Magie mehr ausgeübt werden kann, zum Anderen, dass das Ganze Nebenwirkungen hat. Ein Allomant ist also trotz seiner ungewöhnlichen Fähigkeit niemals ein unbesiegbarer Übermensch.

Und so kommt es, dass der Allomantie in Kelsiers Plan, den Obersten Herrscher zu stürzen, nur eine von vielen Rollen zukommt. Das ist auch der Grund dafür, warum er so viele Helfer um sich geschart hat. Tatsächlich ist Kelsiers Plan eine ziemlich komplexe Angelegenheit: Rekrutierung und Ausbildung von Rekruten für die Rebellenarmee, Spionage, Unterwanderung des Ministeriums, geheimer Mord.

Der Plan entwickelt sich langsam und nicht ohne Rückschläge. So erfolgreich Kelsier als Allomant ist, gelegentlich gerät auch er in Schwierigkeiten, genau wie Vin, was zu einigen atemberaubenden Duellen führt. Außerdem hat der Autor in den ruhigeren Passagen immer wieder ganz beiläufig ein paar gemeine kleine Sätze eingebaut, die dafür sorgen, dass er Leser ständig mit einer Entdeckung des Schlupfwinkels rechnet, oder damit, dass einer der Spione auffliegt. Als es schließlich zum Showdown kommt, ist längst offensichtlich, dass der Umsturz nur gelingen kann, wenn der Oberste Herrscher getötet wird. Doch noch immer weiß niemand, wie das möglich ist. Und tatsächlich sieht es so aus, als würde Vin letztlich scheitern …

Mit anderen Worten, dieses Buch hat alles, was man von einem guten Fantasyroman erwartet: Der Entwurf der Welt und ihrer Magie ist neu, ungewöhnlich und gut durchdacht, die Charaktere sind sympathisch, jederzeit menschlich und frei von Klischees, die Handlung ist einfallsreich und spannend. Dass der Autor gewisse Details seines Magieentwurfs zurückgehalten hat oder teilweise als falsch entlarvt, stellt einige interessante Fragen für den Folgeband. Dasselbe gilt für das bisher ungelöste Rätsel um den Dunkelgrund und die unbekannten Ereignisse, die zur Herrschaft des Obersten Herrschers geführt haben. Allein dessen Identität dämmerte mir relativ bald, aber die Geschichte selbst war so fesselnd erzählt, dass dieser kleine Aspekt kaum ins Gewicht fiel. Wer Fantasy mag, kann mit diesem Buch gar nicht daneben liegen.

Brandon Sanderson gehört zu denjenigen, die bereits als Kinder phantastische Geschichten schrieben. Sein Debütroman „Elantris“ erschien 2005, seither war er ungemein fleißig. „Kinder des Nebels“ ist der erste Band seiner Trilogie Mistborn, die auf Englisch bereits komplett erschienen ist und deren zweiter Band unter dem Titel „Kinder des Feuers“ im Februar 2010 auf Deutsch erscheinen soll. Außerdem schreibt er an seinem Jugendbuchzyklus Alcatraz, der inzwischen ebenfalls bis Band drei gediehen ist, sowie an zwei weiteren Serien, Warbraker und Dragonsteel. Er lebt mit seiner Frau in Provo, Utah.

Paperback, Broschur, 896 Seiten
Originaltitel: The Final Empire, Mistborn 1
Aus dem Amerikanischen von Michael Siefener
ISBN-13: 978-3-453-52336-4
www.brandonsanderson.com
www.heyne.de

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