Frankfurter Buchmesse 2004

Angesichts der Größe und des gigantischen Event-Charakters, welche die jährliche Buchmesse als kulturelles Ereignis einnehmen, ist es natürlich nicht möglich, im Nachhinein objektiv und insgesamt unberührt darüber zu berichten. Möglich ist nur ein subjektives Kaleidoskop von Eindrücken.

Gastland war dieses Jahr die Arabische Liga, was in der Öffentlichkeit und auch von den Sicherheitsvorkehrungen her mehr wahrgenommen wurde, als es normalerweise bei Gastländern der Fall ist. Den Organisatoren ging es um den Dialog zwischen der westlichen und islamischen Kultur, der auch stattfand. Zwar brachte die Auswahl der arabischen Autoren von Seiten der Gastländer wenig Oppositionelles, dafür kamen aber auf Einladung der Messeleitung auch genügend der im Exil lebenden nicht-angepassten islamischen Literaten. Für den interkulturellen Dialog standen dann am Ende tatsächlich mehr als 200 Intellektuelle, Schriftsteller und Übersetzer zur Verfügung. Arabische Literatur selbst macht in Deutschland nur etwa drei Prozent aus, und daran dürfte sich auch nach dieser Messe nicht viel ändern. Diese hat allerdings auch im arabischen Raum selbst keine große Bedeutung. Dort sind die Auflagen ebenfalls gering, es gibt keinen funktionierenden arabischen Buchhandel und zu strenge Zensur. Großes Interesse dagegen nehmen bei uns seit dem 11. September 2001 die Sachbücher über Islam und Politik ein, ein Trend, dessen Ende noch nicht abzusehen ist.

Neues an Ausstellern gab es in diesem Jahr erstmals nicht wirklich zu entdecken. Im Grunde das Gleiche wie im letzten Jahr. Interessant waren dabei vielleicht die „linken“ Verlage, die im letzten Jahrzehnt in der Öffentlichkeit endgültig in der Bedeutungslosigkeit verschwunden waren, aber durch Hartz IV ihr großes Comeback erleben dürfen. Die vertretenen linken Verlage und Kleinparteien genossen große Aufmerksamkeit. Denn was den Sozialabbau angeht, sind eigentlich alle Verlage und Intellektuellen, die ich ansprach, einer Meinung. Die Zeiten werden schlechter für alle. Schon immer auf der Messe vertreten, kam durch die Besorgnis der Bürger diese Verlagsszene endlich wieder aus ihrem Schattendasein heraus und die Messe machte den Eindruck, als stände ein kulturelles Revival der 68er-Bewegung unmittelbar bevor.
Natürlich gibt es – wie nicht anders gewohnt – keine einheitliche linke Politik. Ironischerweise wirft jede Gruppierung den anderen vor, die Bewegung zu spalten und keine Bündnispolitik zu betreiben. Wahrscheinlich haben damit alle auch Recht, denn lokal dürfte die jeweilige Politik einer Gruppierung ganz anders sein als an einem anderen Ort. Die „Assoziation linker Verlage“ – vornehmlich Autonome – sind die einzigen, die seit Jahren über ein gut strukturiertes Netzwerk verfügen. Erstaunlicherweise ist Hartz IV bei diesen aber weniger ein Thema. Andere traditionelle Verlage der „alten Schule“ wie die MLPD oder der „Bund gegen Anpassung“ (Ahriman-Verlag) dagegen treten sehr selbstbewusst mit einer klaren Positionierung ihrer eigenen Linie und Ansicht auf.

Die esoterische Verlagsszene dagegen tritt von Jahr zu Jahr weniger als gemeinsames Netz in Erscheinung. Auch ist sie in diesem Jahr etwas zusammengeschrumpft. Eine ganze Reihe der gewohnten Verlage fehlte, vielleicht haben der Ausblick auf Hartz IV und wirtschaftliche Rezession diese schon jetzt erreicht, denn die Standpreise sind sehr teuer. Die finanziellen Möglichkeiten, sich auf der Messe präsentieren zu können, sind sicherlich knapper geworden. Interessant ist sowieso die gesamte Zusammensetzung in dieser speziellen Halle. Esoterik teilt sich den Raum mit den Verlagen der Linken und des psychologisch-therapeutischen Spektrums. Mir erscheint aber dieses „neue“ Bild – linke Politik, Therapie und Esoterik – durchaus auch sinnvoll. Trotz seiner Widersprüche passt das sehr gut zusammen und schürt Hoffnungen auf gesellschaftliche Veränderungen. Völlig selbstbewusst steht in diesen Reihen seit Jahren auch der Stand der „Jungen Freiheit“. Wurden diese vor Jahren noch als Provokation empfunden, konnten sich diese liberalen Rechtskonservativen allein durch ihre konsequente Präsenz mittlerweile integrieren und stoßen auf Akzeptanz.
Unter den Esoterik-Ständen befanden sich neben der eigentlichen Gastland-Halle auch eine Anzahl islamischer Verlage. Interessanterweise erweckten diese bei mir durchaus auch Unsicherheit und Misstrauen. Denn es handelte sich um eine breite Palette von schwer einzuordnenden Glaubenspositionen vom Fundamentalismus bis hin zu den Marokkanern, die sehr offensiv für Haschisch warben anstatt des zu erwartenden Islam. Und der Emir der arabischen Emirate, Sheikh Dr. Sultan Bin Mohammed Al Quassimi, hat offensichtlich viel Geld investiert, um jedem Messebesucher ein fast 500-seitiges großformatiges Werk zur Geschichte und Kultur der Araber kostenlos aushändigen zu lassen.

Seit 2003 wurde die Buchmesse zu einer Event- und Arbeitsmesse mit vielen Foren und Bühnen in jeder Halle. Dadurch sollte die Messe eigentlich auch länger dauern können als nur von Mittwochs bis Sonntags. Denn was dort geschieht, ist so interessant, dass ich – obwohl ich zum ersten Mal verlängerte und sogar an den überfüllten Publikumstagen zum Wochenende blieb – nicht mehr die Zeit fand, alle Ausstellerhallen zu besuchen. Die spannenden ausländischen Aussteller – besonders den USA gilt normalerweise mein besonderes Augenmerk – blieben von mir in diesem Jahr ungesehen. Nur für einen kurzen Pflichtbesuch des arabischen Gastlandes hatte es gereicht. Skandalträchtig war dabei ein amerikanischer Stand mitten unter den ganzen Arabern, der die Werke des libanesischen Häretikers Doktor Dahesh präsentierte. Allesamt illustriert und auffallend gänzlich mit Darstellungen Nackter und von Teufeln bestückt. Der Stil ist eine Mischung aus Jugendstil und Kasperl-Theater (Teufelchen mit Hörnern und Flügeln). Für die übrige arabische Welt auf jeden Fall eine Provokation.

Die Foren sind für mich tatsächlich eine große Bereicherung. Wie im letzten Jahr hatte dabei das Hörbuch-Forum – obwohl es nur maximal drei Prozent des Umsatzes in den Buchhandlungen ausmacht – auf mich wieder die größte Attraktivität. In diesem Jahr stand es komplett in Zusammenarbeit mit dem Magazin „Focus“. Über die ganze Messe verteilt gab es auch Hörbuchtürme mit Kopfhörern, um als Chillout auch mal zu hören anstatt immer nur zu lesen. Wie weit das wirklich genutzt wurde, wäre eine interessante Frage. Eröffnet wurde das Hörbuch-Forum mit einer Pressekonferenz zur aktuellen Entwicklung im Hörbuchbereich. Die Anzahl der lieferbaren Titel wird immer größer. Das Hörbuch etabliert sich zunehmend am Markt. Viele Diskussionsveranstaltungen gab es zum neuen Medium des Downloads, dem die Branche nicht abgeneigt ist und das nicht als Ersatz, sondern Ergänzung zum traditionellen Verkaufsweg gesehen wird. Nachdem die Startauflage für Hörbücher – von Rennern wie John Sinclair abgesehen – bislang unter tausend lag, bewegt sie sich mittlerweile im Schnitt bei fünftausend.
Selbstverständlich hat auch das Hörbuch bereits seine Auszeichnungen, die wichtigste dabei ist seit 2002 der Deutsche Hörbuchpreis des WDR, der im nächsten Jahr im März erstmals auf der LitCologne verliehen wird. Ursprünglich war die Buchmesse Leipzig das Forum für Hörbücher, seit letztem Jahr ist dies zur Frankfurter Messe gewechselt und angesichts der immensen Werbung für die AudioBooksCologne auf dem Literaturfestival LitCologne 2005 scheint es offensichtlich, dass die Hörbuch-Macher ihren Schwerpunkt schon wieder verlegen werden.
Eine wichtige Diskussion betraf angesichts der schon jetzt vielfältigen Hörbuch-Preise die Frage, ob es nicht Zeit für einen übergreifenden Hörbuch-Award, sozusagen den „Oscar“, wäre. Dies wurde sehr kontrovers betrachtet.
Jedenfalls bleiben die Hörbuch-Forum-Events der Geheimtipp der Messe, mit ihrem vielfältigen Programm zu Inszenierungen, ungewöhnlichen Präsentationen, Darstellungen zur Produktion etc., und haben dem in den letzten Jahren noch innovativen Comic-Forum, mittlerweile aber schon wieder zu etabliert, den Rang abgelaufen.
Selbstverständlich wird nicht nur „gehört“, sondern auch „gelesen“. Hervorzuheben sind in diesem Jahr Serdar Somuncu – der Türke, der „Hitler“ und „Goebbels“ las und auch auf der Messe überaus unterhaltsam bissig und provokativ auftrat – und auch Helmut Krauss, die deutschen Stimme von Marlon Brando, der aus „Necroscope“ und [„HR Giger`s Vampirric“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=581 las. Gänsehaut für die Ohren, Horror ist sowieso einer der Renner der Hörbuch-Branche. Eigentlich macht das Lanze auch Lust, Hörbuch-Veranstaltungen zu organisieren, deren Präsentationsmöglichkeiten grenzenlos sind. Natürlich sind die rechtlichen Bedingungen dafür sehr kompliziert, den Leistungsschutz geben Verlage, das Urheberrecht liegt ebenso bei Verlagen wie den Autoren. Aber bislang sind die Verlage gegenüber Veranstaltern sehr kulant und machen das kostenfrei, da ihnen die PR fürs Hörbuch generell noch wichtiger ist als daran zu verdienen.

Angenehm war die Präsenz der Dienstleister der Branche – das Forum Management – im Herzen der Messe, die früher immer abseits angesiedelt waren. Nicht nur, weil das Sortimenterzentrum preiswerteres Essen und Trinken anbietet, für Azubis mit dem Azubi-Café fast für Unkosten (ein Platz, wo auch schon immer ständig im Wechsel bekannte und unbekanntere Autoren live lesen), sondern weil für die Buchhändler und Verleger auch die obligatorischen Wege zu den Vertriebsnetzen, Barsortimenten, Buchhandelsschulen, Beratungs- und Dienstleistungsangeboten kürzer und zeitsparender waren. Auch kann man sich an diesem Platz immer ein wenig vom sonstigen Messetrubel erholen. Als Überraschung dabei war festzustellen, dass die vor einigen Jahren neu eingeführte Fachschule des deutschen Buchhandels, die noch in diesem Sommer angesichts ihres universitären Charakters den hochprotegierten Stolz der Branche ausmachte und als neue Elite galt, sang- und klanglos im Nichts verschwunden ist. Ursache dafür sind zu wenige Teilnehmer an dem Studiengang. Wer sich für aktuell Interneres aus der Branche interessiert, kann immer die in dieser Halle anwesenden Buchschulen-Lehrer befragen. Verständlicherweise sind diese am besten und umfassendsten über alles informiert.

Im Lesezelt musste man sich dieses Jahr in langen Schlangen anstellen, um überhaupt Einlass zu bekommen. Ein Highlight dabei war die zweistündige Lesung von Dirk Bach aus dem neuen Walter Moers, „Die Stadt der träumenden Bücher“, einer spannenden Geschichte, die auf hohem Niveau eine Hommage an die Geschichte der Literatur darstellt. Vor allem das Fantasy-Event, welches auf dem Podium das „Königspaar der deutschen Fantasy“ Heike und Wolfgang Hohlbein, die neue „deutsche Queen der Fantasy“ Monika Felten und den amerikanischen Autor Tad Williams zusammen präsentierte, konnte wegen Überfüllung von vielen nicht gesehen werden. Tad Williams war sowieso einer der Stars der gesamten Messe, der seine aufwendige Hörspiel-Adaption von „Otherland“ präsentierte und von einem Termin zum anderen hechtete. Siehe dazu auch http://www.buchwurm.info/artikel/anzeigen.php?id=29. Als wahre deutsche Nationalhelden wurden aber der 75-jährige Pierre Briece (Winnetou), der seine Biografie vorlegte, und aber auch das „Urmeli“ aus der Augsburger Puppenkiste gefeiert. Zur Platin-Verleihung (600.000 Exemplare) der erst im Frühjahr erschienenen DVD-Reihe des Hessischen Rundfunks waren die Originalpuppen Urmeli, Jim Knopf und Lukas, der Lokomotivführer, angereist, die dem dankbaren Publikum eine eigens konzipierte Inszenierung präsentieren. Fernsehdirektor Dr. Hans-Werner Conrad vom HR ließ sich diese Gelegenheit, anwesend zu sein, nicht entgehen und verteilte sehr großzügig DVD-Exemplare ans anwesende Publikum, was natürlich großen Anklang fand, denn die Puppenkiste ist vor allem bei den Erwachsenen unverändert Kult.

Schon in diesem Jahr ausgebaut – neben dem gewohnten Messekino gab es ein Rechtezentrum und einen Gemeinschaftsstand der Filmindustrie – wird das Forum Film & TV im nächsten Jahr noch größer werden. Eine Kooperation mit der „Berlinale“, den internationalen Filmfestspielen in Berlin, wurde abgeschlossen, Filmproduzenten reisen zur Buchmesse, Workshops vom Drehbuchschreiben bis zum Lizenzgeschäft stehen auf dem Programm.

Und Frankfurt steht auch außerhalb der Messe in dieser Zeit gänzlich im Zeichen des Buches. Unzählige Verlage präsentieren auch abends verschiedenste Veranstaltungen. Auch hier füge ich nur ein Beispiel an von den vielen, die ich besucht habe. Der Nachtschatten-Verlag veranstaltete im Tanzhaus West – einem Rave-Techno-Szenentreff – eine gut besuchte Informationsveranstaltung zu Ahayuasca. Auf dem Podium saßen Arno Adelaars (Ritual-Leiter), Dr. Christian Rätsch (Ethnopharmakologe), Govert Derix (Manager / Philosoph), Dr. Henner Hess (Soziologe) und Wolfgang Sterneck (Publizist). In recht intimer Atmosphäre verfolgten ungefähr 200 Gäste dicht gedrängt die Berichte zu dieser eigentlich längst bekannten Droge, als sei es etwas völlig Neues, und erweckten den Eindruck, dass eine neue psychedelische Drogenwelle auf die westliche Welt zurollt. Zwar gab es das, was da als letzte Möglichkeit, sich selbst und die gesamte Welt zu heilen, angepriesen wurde, in ähnlicher Ansicht und Form in den Anfangszeiten der LSD-Bewegung, aber alle Redner waren sich sicher, dass diese beiden Drogen in ihrer Wirkung nicht zu vergleichen wären. Selbst die anwesenden gesellschaftlichen Anti-Drogen-Experten waren sprachlos und konnten den Argumentationen nichts entgegensetzen. Man müsste, um die Bewegung zu beurteilen, wahrscheinlich die Sache mal ausprobieren. Die Lust darauf zu wecken, ist jedenfalls als gelungen zu betrachten. Der Star des Abends war natürlich der bekannte Pharmaethnologe und Autor Christian Rätsch, aber der holländische Philosoph Govert Derix – dessen aktuelles Buch „Kritik der psychedelischen Vernunft“ (Nachtschatten-Verlag) präsentiert wurde – trat mit seinen Ansichten in ungeahnter Weise richtig radikal und revolutionär auf und sorgte für ziemliches Aufsehen. Die Vorträge selbst sind mittlerweile auch schon im Netz abrufbar unter http://www.sterneck.net/connecta/03program/index.php.
Alles in allem eines der Highlights der diesjährigen Messe, ein Abend, der lange in Erinnerung bleiben wird.

Was wäre eine Messe ohne Preise. Bedeutsamster deutscher Literaturpreis ist der Friedenspreis des deutschen Buchhandels, der zum Abschluss der Messe in diesem Jahr an Pèter Esterházy ging. Aber es gibt viele unbekanntere Preise mehr … z. B. die Verleihung der „schönsten deutschen Bücher“ der Stiftung Buchkunst für die Hersteller, Lektoren etc. von Büchern. Zwar wurden diese schon im Mai in Berlin bekanntgegeben, aber erst auf der Messe wurden die Urkunden für die etwa 50 preisgekrönten Bücher übergeben. Eine lange Prozedur, die Standbein verlangte. Dann gibt es auch den Preis für den Comic des Jahres, der in diesem Jahr an die in Frankreich lebende Exil-Iranerin Marjane Satrapie für ihr Werk „Persepolis“ ging. Der erste Band ist bereits erschienen, der zweite Band erscheint im Dezember in der „Edition Moderne“. Vielleicht war der eigentliche Grund dieser Verleihung auch nur der arabische Schwerpunkt der diesjährigen Messe, denn dafür war dieser Preis ja sehr passend. Dies nur als kleine Auswahl. Von den Überlegungen zu Hörbuch-Preisen wurde schon weiter oben berichtet und zu den im nächsten Jahr erstmals neu vergebenen deutschen Buchpreisen hatte ich bereits am Ende meiner [Sommer-Herbst-Kolumne]http://www.buchwurm.info/artikel/anzeigen.php?id=27 einiges geschrieben.