John A. Keel – The Mothman Prophecies: Tödliche Visionen

1967 treibt im US-Staat Virginia der womöglich aus dem Weltall stammende „Mottenmann“ sein Unwesen, kündigt kryptisch großes Übel an und bringt seinen Verfolgern großes Unglück … – Ein Klassiker für verschwörungssüchtige Esoteriker, Spökenkieker & Spinner, ansonsten ein Machwerk nie vertiefter Andeutungen, dreister Behauptungen und sich selbst ‚beweisender‘ Ringschlüsse, das entweder langweilt, als Trash amüsiert oder ungut verdeutlicht, mit wie vielen Idioten man diesen Planeten teilt.

Sie kommen! Sie kommen!

Gar grausig klabautert’s im winterlichen Westvirginia – der Mottenmann geht um! Wir schreiben das Jahr 1967, als brave US-Bürger schlichten Geistes (böse Zungen nennen sie „Hinterwäldler“) aus dem kleinen Städtchen Point Pleasant die Öffentlichkeit alarmieren: Gespenstisches Ungeziefer treibt sein Unwesen dort, wo die Täler tief sind und die durchschnittliche Hirnstromkurve flach verläuft. Über zwei Meter groß ist die Kreatur, die des Nachts und in der Dämmerung auf grauhäutigen Schwingen durch die Lüfte gaukelt, dabei „quiekt wie eine große Maus“ (Zeugin Mrs. Malette, S. 75) oder mit roten, grässlich leuchtenden Riesenaugen durch Speisekammerfenster späht.

Was sie damit bezweckt, bleibt unklar. Möglicherweise ist der Mottenmann die Vorhut einer Invasion aus dem All; es kämen aber auch eine andere Dimension oder die Hölle in Frage. Auf jeden Fall munkelt es auch außerhalb von Point Pleasant seltsam in Virginias Bergen, wie der eilends aus New York herbeigeeilte Journalist und UFO-Spezialist John A. Keel feststellt: Mysteriöses Ungetier bricht durch die Wälder, leutselige Raumschiffpiloten halten Schwätzchen mit perplexen Einheimischen, und dann sind da noch die roboterhaften „Männer in Schwarz“, die sich überall und nirgendwo ebenso unauffällig wie ungeschickt angeblich im Auftrag der Regierung danach erkundigen, ob denn das Erdenvolk schon reif sei für Besuch aus anderen Welten.

Obwohl Geister und Außerirdische in Legionsstärke Point Pleasant und Umgebung heimsuchen und gestandene Bürger, die ihn an die Brennpunkte des Spuks begleiten, schreiend die Flucht ergreifen, sobald es hinter einem Busch raschelt, will dem wackeren Forscher aus der großen Stadt keine eigene Sichtung gelingen. Keel muss sich immerhin mit unerklärlichen Kälte- und Angstgefühlen herumschlagen, für die er sachkundig x-dimensionale Kälte- und Angststrahler verantwortlich macht. Wieso diese in öder Landschaft zum Einsatz kommen, weiß er sich (und dem Leser) allerdings auch nicht recht zu erklären.

Wo ist nur der verflixte Mottenmann?

Währenddessen schlägt der Mottenmann an anderer Stelle wieder zu. Der einzige Faktor, der alle Manifestationen eint, ist das generelle Versagen oder die Abwesenheit von Fotoapparaten. So bleibt denen, die dem flatterhaften Geist in die glühenden Augen blicken, stets nur die rasende Flucht im voll ausgefahrenen Wagen, während der Mottenmann fliegend & spielend Schritt hält und boshaft erst kurz vor Erreichen der nächsten Polizeistation abdreht. Aber Keel lässt sich nicht entmutigen. Unverdrossen befragt er ‚Zeugen‘, deren Verhalten und Äußerungen zumindest im deutschen Leser die Frage aufkeimen lässt, wie lange die Geschwisterehe in Amerikas schönen Südstaaten 1967 bereits verboten war.

Auch Keel bleibt lange skeptisch aber wachsam, und das zahlt sich aus, als plötzlich des Mottenmannes wundersame Gespielen höchst gesprächig werden und mit düsteren Prognosen über die nahe Zukunft der irdischen Zivilisation aufwarten. Diese sind leider nicht nur vage, sondern werden nicht selten telepathisch durchgegeben, was die Umsetzung schwierig gestaltet, da allerlei dümmlich Menschenvolk sich nach Kräften bemüht, eigene Heilsbotschaften der herzlich naiven Art in die (seltsam nach Hollywood schmeckende) übernatürliche Suppe zu rühren.

Als dann eintrifft, was (irgendwie) prophezeit wurde, ist die eigentliche Warnung längst untergegangen. Aber noch ist nicht aller Tage Abend, denn in manchen Nächten, in denen die Sonnenflecken, die Anti-Alien-Strahlen des geheimen CIA-Kampfsatelliten „Debilia IV“ und der Alkoholpegel der Bevölkerung sich in einem fein austarierten Gleichgewicht befinden, fliegt über Point Pleasure noch heute der Mottenmann …

Gegen Dummheit kämpfen selbst Aliens vergeblich

Bereit, liebe Leser, für eine Reise ins Hirn der Finsternis, der Heimat jener Zeitgenossen, die der mit der Gabe (oder dem Fluch) der Vernunft geschlagene Realist gewöhnlich nicht ganz grundlos meidet? Dann sitzen Sie hier richtig neben John A. Keel, dem Mottenmann und Indrid Cold, dem Botschafter vom Nudisten-Planeten Lanulos, auf unserer Fahrt in die Twilight Zone. Ja, zwischen Himmel und Erde spielt sich wahrlich einiges ab, das sich mit normaler Schulweisheit nicht erklären lässt – und falls doch, dann wollen es die Männer und Frauen, die Keel uns hier vorstellt, ganz sicher zuletzt wissen.

Das ist der Schluss, der sich nach der Lektüre dieses Science-Fiction-Horror-Spektakels (das ein Sachbuch zu nennen Ihr Rezensent sich verbissen weigert) aufdrängt: Da draußen in dieser feindseligen Welt gibt es nicht nur die Selbsttäuschung, sondern auch eine große Zahl von Menschen, die ohne UFOs, Geister und Phantome ihr Dasein nicht bewältigen könnten. Sie sind einerseits aus dem Lot oder schlicht dämlich oder vegetieren im sozialen Abseits, bis der Mottenmann in einer seiner vielen Inkarnationen erscheint und ihnen endlich ein wenig Beachtung und Warhols sprichwörtliche fünf Minuten im Scheinwerferlicht beschert.

Wissenschaft, die Unwissen schafft

Der gesunde Menschenverstand richtet auf diesem glatten Parkett wenig aus. John Keel (1930-2009) legt in „The Mothman Prophecies“ eine Vielzahl von ‚Beweisen‘ für übernatürliches Treiben auf dieser Welt vor, die den Skeptiker verzweifelt den Kopf schütteln lassen. Hörensagen, Wunschdenken, Irrtum, offener Betrug: Die Liste lässt sich problemlos fortsetzen; sie erfasst alle Schattierungen jenes Schattenreiches, das den Fragenden vom Gläubigen trennt.

Keels Erinnerungen an ein für ihn und die Seinen denkwürdiges Jahr 1967 stellt sich objektiv als wüstes Durcheinander schlecht oder gar nicht belegter Pseudo-Berichte, einseitiger Interpretationen, Schmähtiraden, wirrer Thesen und weitschweifiger Anekdoten dar, durch das nicht einmal der titelgebende Mottenmann trotz seiner Augenfarbe einen roten Faden zu legen vermag. Von Point Pleasant geht es munter quer durch die USA und dann weiter durch Raum und auch Zeit in eine mystische Vergangenheit, zu der Historikern, Archäologen und anderen Spielverderbern kein Zutritt gewährt wird. Selbstverständlich werfen wir einen Blick in die geheimen Archive und Versuchsstationen der notorisch gegen das ‚die Wahrheit‘ begehrende Volk verschworenen Regierung und steigen schließlich hinauf zur Wolke Sieben, wo die von Keel zusammengesponnene „kosmisch-extradimensionale Zentralintelligenz“ aus unerfindlichen Gründen rund um die Uhr damit beschäftigt ist, die Menschheit mit übersinnlichen Schattenspielen auf Kindergarten-Niveau zu piesacken.

Autor im Teufelskreis der Selbsttäuschung

Lange wird man nicht schlau, wie John Keel selbst zum Mottenmann und seinen nebulösen Kumpanen steht. Er hat sich der ‚wissenschaftlichen‘ Untersuchung unerklärlicher Phänomene verschrieben, und geht ihnen seit Jahrzehnten nach, was ihm große finanzielle und auch persönliche Opfer abverlangte. Keel ist ein weit gereister Mann, der Augen und Ohren stets offengehalten hat. Er kennt seine Pappenheimer und weiß durchaus, dass primär Humbug und Wirrnis das Schattenreich dominieren, das ihm zur zweiten Heimat geworden ist. Mit ironischem Witz legt er zunächst offen, wie sich die geistig Armen ihre Mottenmänner selbst erschaffen.

Aber dann wird deutlich, dass Keel selbst tief im Sumpf des Dubiosen steckt. Die UFO- und Spiritisten-Szene zerfällt in ein verworrenes Geflecht vieler Fraktionen, die sich jeweils im Besitz der absoluten Wahrheit wähnen und Gegner in den eigenen Reihen womöglich noch erbitterter bekämpfen als die üblichen Spötter und Zweifler von ‚draußen‘. Die Fronten liegen nicht fest, sondern verändern sich ständig, wenn neue Bündnisse geschlossen werden oder alte rettungslos zerfallen, während die Splittergruppen sich anderen Gruppen anschließen.

John Keel hat seine eigene Wahrheit gefunden und glaubt fest an überirdischen Besuch. Letztlich schießt er sich als potenzieller Sachbuch-Autor selbst ins Abseits, wenn er im Brustton der Überzeugung von Begegnungen der ganz besonderen Art berichtet: „Anfang Juni 1967 empfing Mary Hyre [aus Point Pleasant] den ersten von einer langen Reihe seltsamer Besucher … ‚Er kam immer näher‘, berichtete sie. ‚Seine komischen Augen starrten mich fast hypnotisch an.‘ … Einmal klingelte das Telefon, und während sie das Gespräch führte, nahm der kleine Mann einen Kugelschreiber von ihrem Schreibtisch und untersuchte ihn staunend, als ob er noch nie einen Kugelschreiber gesehen hätte. ‘Sie können ihn haben, wenn Sie wollen‘, bot sie an. Er reagierte mit einem lauten, auffälligen Lachen, das einem Gackern ähnelte. Dann rannte er in die Nacht hinaus und verschwand hinter einer Ecke. Am nächsten Tag fragte Mary Hyre bei der Polizei nach, ob irgendwelche Personen mit psychischen Schäden vermisst würden. Die Antwort war negativ.“ (S. 105/106)

Wie man Unfug durch Hörensagen ‚beweist‘

An eine Selbstanzeige hat die gute Frau offenbar nicht gedacht, aber unabhängig davon führt Keel aus dem Zusammenhang gerissene, bedeutungsfreie Schnurren wie diese laufend als ‚Beweise‘ dafür an, dass die Außerirdischen unter uns sind. Hand aufs Herz, liebe Leser: Würden Sie Mary Hyres angeblichen Besucher für den Repräsentanten einer extraterrestrischen Supermacht halten, dem es gelang, Lichtjahre durch den Kosmos zu reisen, nur um sich dann am Ziel der Reise wie ein Volltrottel aufzuführen? Aber für Keel und seine Jünger ist jede Abweichung von der menschlichen Verhaltensnorm mit dem Beweis für buchstäbliche Weltfremdheit identisch.

Gleichzeitig entwickelt er jedoch die einleuchtende These, nach der Phantome wie der Mottenmann und seine galaktischen Spießgesellen von den Menschen selbst als Projektionen des Geistes in die Welt geworfen werden. Wenn’s so funktioniert, so Keel weiter, lässt sich die Flut umhertölpelnder Außerirdischer und erbärmlich animierter Geistwesen sehr leicht dadurch erklären, dass es hauptsächlich Spinner und Schwachköpfe sind, die sie sich ausdenken. Damit hat er den gewiss klügsten Gedanken seiner gesamten Laufbahn in klare Worte gefasst. Schade, dass er ihn für sich selbst nie gelten lässt! Denn nur John Keels Studien des Mysteriösen sind stets über alle Zweifel erhaben. Dabei erkennt selbst der Amateur, dass Keel Ende der 1960er Jahre die Grenze zum Verfolgungswahn definitiv überschritten hatte. Es ist verrückt: In einem eigenen Kapitel skizziert er Keel die Mechanismen, die Paranoia entstehen lassen und sie nähren. Wiederum beschreibt er haargenau auch sich selbst – und erneut scheint er es nicht zu merken.

Variable Prophezeiungen verhindern Irrtümer

Natürlich lösen sich auch die „tödlichen Visionen“ des deutschen Untertitels bei näherer Betrachtung in Luft auf. Sie bilden ein völlig aus der Luft gegriffenes Bündel obskurer Unkereien, die alles und nichts ankündigen: Wirklich großen Visionen zeichnen sich seit jeher durch Verschwommenheit aus, sodass sich alle möglichen Ereignisse nachträglich auf sie beziehen lassen. So sitzt Keel im Dezember 1967 erwartungsvoll vor dem Fernseher, weil die Zeichen angeblich einen landesweiten Stromausfall prophezeien. Als stattdessen die Brücke von Point Pleasant einstürzt und viele Menschen in einen grausamen Tod reißt, disponiert er sogleich um: Plötzlich passen die von ihm ‚erkannten‘ Vorzeichen exakt zu dieser Katastrophe!

Aus dem Gesagten wird deutlich, dass „The Mothman Prophecies“, das Buch, wenig bis überhaupt nichts mit dem gleichnamigen Film zu tun hat, den Regisseur Mark Pellington 2001 mit Richard Gere als John Keel (hier John Klein geheißen) in Szene gesetzt hat. Hollywood zahlte allein für den Mottenmann-Plot, der sich zu einem modernen US-Mythos entwickelt hat und somit für sich selbst im Kino Werbung fliegt. „The Mothman Prophecies“, der Film, ist freilich ein zäher Langweiler, der sich beim Versuch, Keels sinnfreie aber immerhin kunterbunte und unterhaltsame Vorlage in eine halbwegs logische Abfolge zu zwingen, selbst ein Bein stellt. Es bleibt einfach nichts übrig vom Mottenmann außer einer interessanten aber bedrückenden Lektion in moderner und weiterhin ansteckender Massenhysterie.

Taschenbuch: 301 Seiten
Originaltitel: The Mothman Prophecies (New York : Tor 1975/1991/2001)
Übersetzung: Kristiana Ruhl
http://www.randomhouse.de/heyne

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