Jodi Picoult – Bis ans Ende aller Tage

Jodi Picoult, eine wahre Meisterin des Spannungsromans, hat mit „Bis ans Ende aller Tage“ ein Buch vorgelegt, das zwar sehr umfangreich ist und auf der Inhaltsebene gar nicht allzu viel zu erzählen hat, aber dennoch von der ersten Seite an fesselt und das man von Anfang an kaum aus der Hand legen kann. In ein Genre lässt sich dieses Buch nur schwerlich einordnen, hier muss (und sollte) sich jeder sein eigenes Bild machen.

Das Buch beginnt mit einem echten Paukenschlag, nämlich mit einem gemurmelten „Ich liebe dich“ und einem darauf folgenden Schuss. Anschließend blendet Picoult über und stellt die beiden Familien Harte und Gold vor, die im Zentrum des Geschehens stehen. Diese wohnen in direkter Nachbarschaft zueinander und sind verbunden durch eine jahrelange Freundschaft, die sich sogar auf die Kinder übertragen hat. Denn Chris Harte und Emily Gold sind seit ihrer Geburt nahezu unzertrennlich, schon von Kindesbeinen an sind sie beste Freunde, Vertraute und später auch ein Liebespaar. Doch diese Idylle wird zerstört durch eine Schreckensnachricht: Chris Harte wird verletzt ins Krankenhaus eingeliefert, er hat eine Kopfverletzung davongetragen, die jedoch nicht sehr schwerwiegend ist. Aber auch die Familie Gold muss ins Krankenhaus eilen, denn ihre Tochter Emily wurde ebenfalls dort aufgenommen. Emily ist jedoch bereits tot, als ihre Eltern eintreffen und sie besuchen wollen. Auf einem Karussell wurde Emily mit einer Schusswunde im Kopf aufgefunden, während Chris seine schwer verletzte Freundin in Armen hielt. Neben ihnen liegt die Schusswaffe, die aus dem Waffenschrank von Chris‘ Vater stammt.

Während Chris noch von einem geplanten Doppelselbstmord erzählt, der gescheitert ist, weil er nach Emilys Selbstmord das Bewusstsein verloren hat, häufen sich die Indizien, die gegen Chris sprechen. Es ist die Waffe seines Vaters, mit der er selbst schon häufig geschossen hat, außerdem spricht der Einschusswinkel eigentlich gegen einen Selbstmord. Doch hat Chris wirklich seine geliebte Emily erschossen? Als die Golds erfahren, dass Emily schwanger war, steht für Emilys Mutter Melanie fest, dass Chris seine Freundin kaltblütig erschossen hat, um seine eigene Zukunft nicht zu gefährden. Daraufhin wird Chris angeklagt und muss in Untersuchungshaft. Plötzlich steht Gus – Chris‘ Mutter – ganz alleine da, selbst ihr eigener Mann James versucht zu verdrängen, was passiert ist. Doch Gus hält eisern zu ihrem Sohn, besucht ihn regelmäßig im Gefängnis und findet merkwürdigerweise in Emilys Vater Michael ihren stärksten und auch einzigen Verbündeten.

In zahlreichen Rückblenden erfahren wir schließlich nach und nach, was wirklich passiert ist – wie sich die Beziehung zwischen Emily und Chris entwickelt hat, die schließlich zu Emilys Tod geführt hat. Während des Prozesses wird schlussendlich der gesamte Fall aufgerollt, der mit einer großen Sensation endet, als Chris in den Zeugenstand tritt und die Wahrheit erzählt …

„Bis ans Ende aller Tage“ ist ein spannender Familienroman, der im endlich vorliegenden Taschenbuchformat viele Buchliebhaber begeistern dürfte. Was dieses Buch ausmacht, ist der geschickt inszenierte Spannungsbogen. Picoult zögert nicht lange, sie widmet gleich die erste halbe Seite in ihrem Roman einer Szene, wie sie schrecklicher und unglaublicher kaum sein könnte. Ein junges Mädchen ist tot, ihr langjähriger Freund sitzt neben ihr und gerät plötzlich ins Zielfeuer der Ermittlungen. Und natürlich drängt sich von Anfang an die Frage auf, was genau passiert ist und wie es überhaupt zu Emilys Selbstmordabsichten kommen konnte – sofern es sie denn überhaupt gegeben hat. Was ist passiert? Was ist diesem nach außen so glücklichen Mädchen passiert, dass es nicht mehr leben wollte? Oder muss man eher fragen, was mit Chris passiert ist, dass er seine Freundin nicht mehr am Leben lassen wollte? Man weiß es nicht und tappt lange Zeit im Dunkeln.

Jodi Picoult versteht es dabei auf hervorragende Weise, ihren Lesern sämtliche Informationen sehr spärlich dosiert vorzusetzen. Nachdem Emily ums Leben gekommen und Chris zum Hauptverdächtigen geworden ist, springt Picoult zunächst in die Vergangenheit und berichtet vom Kennenlernen der beiden Familien Harte und Gold, die über 18 Jahre hinweg Tür an Tür gewohnt und jede freie Minute miteinander verbracht haben. Beide Familien haben es gerne gesehen, dass die Verbindung zwischen Chris und Emily immer enger und intensiver wurde und doch endet sie mit einer solchen Tragödie – auch der Leser kann es kaum glauben. Und man ist ständig hin- und hergerissen und weiß nicht, was man glauben soll. Eigentlich traut man es Chris nicht zu, seine Freundin erschossen zu haben, dennoch sprechen die objektiven Beweise gegen ihn. Was nun? Jodi Picoult wird es im Laufe ihres umfangreichen Romans in zahlreichen Rückblenden glaubwürdig aufklären.

Insbesondere die Figurenzeichnung ist positiv hervorzuheben, denn Picoult schafft es auf so überzeugende und realistische Weise, die Beziehung zwischen Emily und Chris auszumalen, dass man eine Ahnung davon erhält, wie groß Chris‘ Schmerz sein muss angesichts Emilys Todes. Und obwohl die beiden noch so jung gewesen sind, nimmt man ihnen jede Gefühlsregung ab und ist ebenfalls überzeugt davon, dass Emily und Chris füreinander geschaffen waren, obwohl die perfekte Fassade immer mehr zu bröckeln beginnt. Diese Liebesgeschichte wird uns kitschfrei, aber dennoch herzerweichend erzählt; hier schafft Picoult genau die notwendige Gratwanderung, um eine Liebesgeschichte stimmig in einen Spannungsroman einzubauen, und genau das ist „Bis ans Ende aller Tage“: Obwohl sich hier mehrere Genres vereinigen und der Liebesroman sicherlich einen Teil der Geschichte ausmacht, kommen andere Elemente dennoch nicht zu kurz. Wenn Chris vor Gericht steht und von dem geltungsbedürftigen und karrieresüchtigen Jordan McAfee verteidigt wird, erinnert das vorliegende Buch plötzlich doch sehr an John Grisham, denn hier bekommen wir die Feinheiten der Juristerei vorgesetzt und fiebern in Chris‘ Prozess mit dem Angeklagten mit, denn eines ist sicher: Obwohl sich die Verdachtsmomente gegen Chris verdichten, ist er der Sympathieträger, da man ihm einfach keinen Mord zutraut. Ob Jodi Picoult uns damit jedoch hinters Licht geführt hat, wird sich am Ende zeigen.

Bevor wir Chris in den Gerichtssaal begleiten, haben wir recht ausführlich sein Leben im Gefängnis geschildert bekommen, die Probleme und Sorgen, die er dort mit sich herumtragen muss, die Menschen, mit denen er dort zusammenlebt, und die Verzweiflung, die Chris immer wieder befällt. Angesichts dieser Schrecken, die Chris im Gefängnis ertragen muss, ist es für uns unvorstellbar, dass er nach einem Schuldspruch dorthin zurück muss, aber warten wir ab, was Picoult für uns auf Lager hat.

Bei einem Gesamtumfang von knapp 640 Seiten bleibt es natürlich nicht aus, dass das Erzähltempo zwischendurch abnimmt und man auch ein paar Durststrecken zu überbrücken hat. Insbesondere die ausführlichen Schilderungen des Gefängnislebens hätte man deutlich straffen können. Dennoch hält der übergeordnete Spannungsbogen den Leser immer wieder bei der Stange, da man unweigerlich erfahren möchte, was zwischen Emily und Chris vorgefallen ist. Besonders gelungen fand ich Jodi Picoults literarischen Zaubertrick, dass sie uns die Lösung für alle Rätsel mitten im Buch ganz nebenbei präsentiert und zwar so, dass man sie nicht erkennt und erst sehr viele Seiten später ins Grübeln kommt und auf die Schlüsselszene zurückblättert, die alles erklären wird. An dieser Stelle wird Picoult wohl jeden Leser überlisten – klasse!

Insgesamt gefällt „Bis ans Ende aller Tage“ ausgesprochen gut, das Buch ist spannend von der ersten Seite an, und zwar auch dann, wenn zwischendurch das Tempo absinkt, weil sich Picoult ein wenig in ausschweifenden Erzählungen verliert. Dennoch wird sie unterwegs wohl keinen Leser verlieren, weil jeder wissen möchte, was auf der ersten halben Seite wirklich geschehen ist und wie alles miteinander zusammenhängt. Dies erklärt uns die Autorin jedoch erst ganz am Ende, sodass man anschließend das Buch zufrieden zuklappen kann.

Taschenbuch: 640 Seiten
www.piper.de

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