Craig Russell – Wolfsfährte

Der böse Wolf holt Hänsel und Gretel

Können die berühmtesten Märchen der Gebrüder Grimm zur Vorlage schrecklicher Bluttaten dienen? Mit dieser Frage wird der Hamburger Hauptkommissar Jan Fabel konfrontiert, als man das erste Opfer eines Serienmörders entdeckt. Die Ermittlungen führen Fabel und sein Team bald auf die Spur eines Täters, dem die Grimmschen Märchen offenbar mehr bedeuten als Gutenachtgeschichten für Kinder – und der vor allem unter Beweis stellen will, dass viele Märchen blutig enden …

Der Autor

Craig Russell, geboren 1956 im „Kingdom of Fife“, Schottland, war zunächst in der Werbebranche tätig. Anschließend arbeitete er mehrere Jahre im Polizeidienst, bevor er sich selbständig machte, um Marketingkonzepte für große britische Firmen zu entwickeln. Er ist verheiratet und Vater von zwei Kindern. „Blutadler“ war sein erster Roman und der Beginn einer mehrteiligen Thriller-Reihe um den Protagonisten Jan Fabel aus Hamburg. (Verlagsinfo) „Wolfsfährte“ setzt diese Reihe nun fort.

Der Sprecher

David Nathan gilt als einer der besten Synchron-Sprecher Deutschlands. Seine herausragende Erzählkunst erweckt den Horror zum Leben. Im deutschsprachigen Kino erlebt man ihn als Stimmband-Vertretung von Johnny Depp.

David Nathan leiht oder lieh u. a. folgenden Schauspielern seine Stimme:

Johnny Depp
Christian Bale
Paul Walker
Val Kilmer
Mark Wahlberg
James „Spike“ Marsters
Paul Blackthorne (als Stephen Saunders in „24“)
George Eads (als Nick Stokes in „CSI“)

Der Romantext wurde von Larissa Schieweg gekürzt. Regie führte Kerstin Kaiser, Produzent ist Marc Sieper, und die Musik stammt von Horst-Günter Hank und Dennis Kassel.

Handlung

Kriminalhauptkommissar Jan Fabel aus Hamburg wird am 17. März nach Blankenese an den Strand der Elbe gerufen. Das Mädchen, das tot vor ihm liegt, kann höchstens 16 Jahr alt sein. Ihre blauen Augen bleiben ihm in Erinnerung. In ihrer Hand findet sich ein gelber Zettel mit einem Namen und einer Adresse. Doch sie ist nicht Paula Ehlers, wie der Zettel nahelegt. Paula verschwand vor drei Jahren. Und was bedeutet dieser seltsame Satz: „Ich war unter der Erde, aber nun bin ich zurück, um heimzukehren“? Dieses Mädchen war nie begraben.

Per Zufall hört Fabel im Radio eine Diskussion zwischen einem Literaturwissenschaftler und einem Autor namens Gerhard Weiß, der in seinem Buch „Die Märchenstraße“ die These aufgestellt hat, dass Jacob und Wilhelm Grimm, als sie ihre Volks- und Hausmärchen in Deutschland sammelten, in Wahrheit ein Mörder und sein Komplize waren. Weiß hat das Tagebuch des mutmaßlichen Serienmörders Jacob Grimm veröffentlicht. Das bringt den Literaturwissenschaftler völlig auf die Palme. Aber Fabel grübelt: Das Böse hat es schon immer gegeben, warum also nicht auch Serienmörder?

Dass er es nun mit einem solchen zu tun hat, zeigt sich am 21. März, als im Naturpark Harburger Heide ein totes Pärchen gefunden wird. Beide haben aufgeschlitzte Kehlen, doch sie halten sich an den Händen. In ihren Händen finden sich zwei gelbe Zettel, auf denen steht: „Gretel“ und „Hänsel“. Der Mörder stellt die Geschichten der Gebrüder Grimm nach. Fabel besorgt sich nicht nur das Buch von Weiß, sondern auch einige Ausgaben der ersten, unbereinigten, und der zweiten, bereinigten Auflage der Grimmschen „Kinder- und Hausmärchen“. Darin stößt er auf die Geschichte vom Wechselbalg. Laut dieser in nordischen Ländern verbreiteten Sage lassen sich ungetaufte Neugeborene durch ungetaufte Kinder der Unterirdischen austauschen. Das bedeutet, dass die unbekannte Strandleiche die „Unterirdische“ ist, aber wo ist dann Paula Ehlers?

„Hänsel“ und „Gretel“ stellen sich beide als Angestellte der Backstube Altbertus heraus. Er ist Markus Schiller, Gatte und Angestellter der Firmeninhaber Vera Schiller, einer stahlharten Frau, wie Fabel findet. Und „Gretel“ ist Hanna Grünn, 20 Jahre alt und hübsch, offenbar mit Model-Ambitionen. Hannas Chef, Bäckermeister Franz Biedermeier, bedauert sie als „eine verlorene Seele“ – eine merkwürdige Formulierung, wie Fabel findet.

Hanna hatte vor Schiller einen Freund, der auf einem Motorrad fuhr und etwas gewalttätig war. Im Naturpark ist die Kripo auf Motorradspuren gestoßen und Spuren von Motorradstiefeln. Sie machen diesen Olsen ausfindig – was für ein Brocken von einem Kerl! Gut zwei Meter groß, muskulös, etwas langsam im Hirn, aber nicht zu langsam, um die Polizistenmeute zu täuschen. Er verpasst einem Kommissar ein Ding, steigt auf sein Motorrad und rast den verblüfften Cops davon! Faber ist stinksauer.

Wenige Tage später findet man eine weitere Leiche: Es ist „Dornröschen“. Und eines weiß Fabel mit Gewissheit: Jetzt ist die Kacke echt am Dampfen. Denn es handelt sich um das Supermodel Laura von Klosterstadt. Und die von Klosterstadts haben verdammt gute Verbindungen zu den maßgeblichen Leuten, die bei der Kripo das Sagen haben. Für Jan Fabel brechen harte Zeiten an.

Zur gleichen Zeit bekommt ein Mann die Freigabe des Mariahilf-Krankenhauses für seine Mutter, die seit einem Schlaganfall an den Muskeln gelähmt ist und nichts mehr sagen kann. Flüsternd verspricht er ihr, dass die Zukunft für sie von nun an sehr interessant sein würde. Er werde sich an ihr auf die exquisiteste Weise für das, was sie ihm antat, als er ein Junge war, rächen. Ihr Tod werde ein langes, qualvolles Martyrium werden. Die Frau blickt ihn voll Horror an, kann aber keinen Ton des Protests hervorbringen. Die Dinge nehmen ihren Lauf …

Mein Eindruck

Man kann sich nun sagen: Was für eine läppische Idee für einen Thrillerautor, sich mit Märchen abzugeben! Doch mit den Grimmschen Märchen hat es mehr auf sich als nur ein paar ziemlich grausame Geschichten für Kinder. Als sich Jacob und Wilhelm Grimm im frühen 19. Jahrhundert von Kassel aus auf Wanderschaft machten, hat sie nichts Geringeres vor als die absolute Wahrheit über die deutsche Sprache herauszufinden. Als Romantiker wollten sie herausfinden, was eigentlich „deutsch“ ist und ihrem Land eine Identität geben, die es unter Napoleon verloren zu haben schien.

Und zu diesem Zweck gingen sie zu den Wurzeln der mündlichen Überlieferung zurück, die sie verstreut bei Erzählern in ganz Deutschland – das damals, nach Napoleon, alles andere als eine Einheit war – fanden. Insbesondere Jacob war von den Märchen fasziniert und belauschte sogar insgeheim die Erzählerin Dorothea Viehmann, die ihn abgewiesen hatte. Die erste Ausgabe der „Haus- und Kindermärchen“ von 1812-1815 war viel brutaler und sexuell anspielungsreicher als die zweite, bereinigte Auflage. So ist beispielsweise Rapunzel schwanger und Dornröschen wird vergewaltigt. Es gibt 241 Geschichten, doch 32 davon wurden in den sieben verschiedenen Ausgaben gestrichen. Erst 1987 erschien die erste komplette Ausgabe in englischer Sprache. (Die Grimms veröffentlichten auch „Über den altdeutschen Meistergesang“, „Deutsche Sagen“ und die „Deutsche Mythologie“, doch dies ist hier nicht relevant.)

Alle diese Fakten erwähnt der Autor, der ja aus Schottland stammt, in allen Details und legt eine große Sachkenntnis an den Tag. Für ihn mögen diese Geschichten von großer Faszination gewesen sein, als er sich durch alle 241 Märchen arbeitete. Doch für den deutschen Leser haben die Märchen einen anderen Beigeschmack. Sie sind Teil eines Erbes, das leider auch von den Nazis missbraucht wurde, die ja in ihrem Rassenwahn alles, was sie für deutsch hielten – u. a. auch Ritter und Orden – für Propagandazwecke nutzten. Hinzu kommt, dass viele der Grimmschen Märchen recht gewalttätig sind. Die Hexe wird verbrannt, der Wolf regelmäßig aufgeschlitzt und dergleichen mehr. Es gibt auch ein Märchen, in dem Augen ausgerissen werden: „Der gescheite Heinrich“.

Natürlich kann sich ein routinierter Thrillerautor solche Steilvorlagen nicht entgehen lassen, und deshalb bedient er sich ihrer mit Gusto. Wer sich mit den Märchen auskennt, wird deshalb schon im Voraus ahnen, was auf ihn zukommt. Doch wer kennt diese Märchen schon wirklich? Ich für meinen Teil habe noch nie vom „gescheiten Heinrich“ und vom Grimmschen Wechselbalg gehört. Daher fand ich es spannend, wenn schon wieder eine bizarr hergerichtete Leiche gefunden wurde. Denn natürlich vermitteln alle Leichen der Kripo per Zettel und Fundort klare Botschaften. Nur haben die Kripoleute offenbar eine sehr lange Leitung, und so dauert es eine ganze Weile, bis das Unterbewusstsein von Kommissar Jan Fabel eins und eins zusammenzählt – und heureka! Schon hat er den richtigen Verdächtigen. (Das es einen falschen Verdächtigen gibt, versteht sich von selbst. Was wäre ein Thriller ohne falsche Fährte?)

Richtig unheimlich wird der richtige Verdächtige unseren braven Kriminalern, als er sich nicht als der Herr X aus Y bezeichnet, sondern als Jacob Grimm. Er sei der Verbündete von Wilhelm Grimm, seinem „Märchenbruder“. Es überrascht sie nicht, dass er sich als großer Fan von Gerhard Weiß, dem Autor von „Die Märchenstraße“, outet. Aber sie bekommen eine Gänsehaut, als er ihnen erzählt, dass Wilhelm Grimm schon früher in seiner Jugend bei ihm war, damals, als er erst elf Jahre alt war …

Fabel ahnt, dass dass Herr X, der Mann mit der Wolfsmaske, sein finales Meisterstück noch nicht offenbart hat. Doch wird er noch rechtzeitig eintreffen, um das letzte Opfer noch retten zu können? Es bleibt spannend bis zum Schluss.

Der Sprecher

David Nathan stellt wieder einmal seine Meisterschaft beim Vortragen unheimlicher Texte unter Beweis. Es ist nicht nur seine Flexibilität in Tonhöhe und Lautstärke: Er flüstert und krächzt, dass für Abwechslung gesorgt ist, auch und gerade bei den Aussagen des wahren Täters. Aber sein eigentlich effektvoller Kniff ist die winzige Verzögerungspause vor einem wichtigen Wort. Der Eindruck entsteht, als gebe es einen Zweifel an diesem Wort und als zöge dieser Zweifel ein gewisses Grauen nach sich oder leite sich daraus ab.

Es ist der Unglaube angesichts des Schreckens, der sich dem jeweiligen Betrachter bietet, der den Zuhörer in den Bann von Nathans Vortrag zieht. Es ist die hintergründig mitschwingende Frage: Kann das wirklich wahr sein? Und wenn es wahr ist, dann ist es grauenhaft! Es ist dieses Grauen, das die die Kriminalpolizisten angesichts des Horrors der bizarren Leichenfunde erfasst, den wir über Nathans Vermittlung mit ihnen spüren können.

Nathans Meisterstück ist die Vernehmung des Herrn X auf dem Polizeipräsidium. Herr X hat eine sehr intensive Art, seine Botschaft nahezubringen – und als er sich dann auch noch entblößt, um seine tätowierte Haut zu zeigen, ist man dem großen Roten Drachen eines Thomas Harris schon sehr nahe.

Unterm Strich

Die Handlung des Romans wird keineswegs so geradlinig erzählt, wie ich das oben skizziert habe. Jan Fabel, die Hauptfigur, hat eine ganze Reihe von Kollegen und Kolleginnen, die es ihm ersparen, alles selbst herausfinden zu müssen. Er selbst darf deshalb als individueller Mensch hervortreten. Er ist selbst Sohn einer schottischen Mutter, die nach einem Herzanfall im Krankenhaus liegt. Mütter und Söhne – dies ist der durchgehende rote Faden der Geschichte. Als er sich in dem Killer wie in einem Spiegel selbst erkennt, zieht er die Notbremse. Seiner langjährigen Freundin Susanne Eckart, einer Kriminalpsychologin, macht er einen wichtigen Antrag. Die Ermittlung stößt in ihm eine persönliche Entwicklung an, und das finde ich immer positiv.

Für den Krimikenner dürften sich jedoch ganz andere Werte des Buches als Anreiz erweisen, es zu lesen. Das sind natürlich an erster Stelle die bizarren Morde mit ihren verborgenen Botschaften. Vor der Folie der Grimmschen Märchen entstehen alle möglichen Deutungen. Aber wenn Fabel seine Spuren zurückverfolgt, bringen sie ihn zu Hamburger Villen, in denen es alles andere als freundlich und heimelig zugeht. Wie ein Zeuge sagt, sind hier einige Leichen vergraben. Erstaunlich, wie gut sich der Autor mit den Bevölkerungsschichten in den unterschiedlichen Stadtvierteln auskennt: von der „Bronx des Nordens“ (Wilhelmsburg) bis zum noblen Blankenese am Elbstrand. Dort wohnen Raben- und Stiefmütter, moderne Königssöhne und Prinzessinnen wie Laura von Klostergarten. Und ab und zu findet sich ein Rumpelstilzchen ebenso wie eine Hexe. Hier warnt der Autor vor Bigotterie und Deutschtümelei.

Jeder Leser hat sein eigenes Verhältnis zu den Grimmschen Märchen und wird deshalb das Motiv der Märchen-Leichen anders bewerten. Wer Märchen völlig ablehnt (Tolkien tat es ja nicht), der wird das Motiv läppisch finden und das ganze Buch ablehnen. Wer jedoch Bruno Bettelheims Theorien anhängt und Märchen für lehrreich und notwendig hält, der wird den tieferen Wahrheitsgehalt der Geschichten wie auch der Leichen entdecken. Wie sagt doch der Killer: „Ich habe die Geschichten zum Leben erweckt. Die wertlosen Lebenden erhielten erst durch ihren Tod einen Wert“, nämlich dann, als sie der Kunst dienten. Ob dies eine tragfähige Kunstkritik ist, muss jeder selbst entscheiden. Ironisch ist es allemal. Am Schluss bleiben keine Fragen offen, aber man hat einen Blick hinter die feinen Fassaden der Hamburger Gesellschaft getan – und davor kann es einem nun wirklich grausen.

David Nathan liefert wieder mal eine erstklassige Lesung ab. Besonders an den leisen Stellen, wenn der wahnsinnige Killer nur flüstert, liefen mir Schauder über den Rücken. Und wenn der Typ endlich auspackt, kann Hannibal Lecter endgültig einpacken.

450 Minuten auf 6 CDs
Originaltitel: Brother Grimm, 2006
Aus dem Englischen übersetzt von Bernd Rullkötter
www.luebbe-audio.de