Grangé, Jean-Christophe – schwarze Blut, Das

|“Beginne nie eine Brieffreundschaft mit einem Serienkiller. Sobald er frei ist, wird er dich kennen lernen wollen…“|

Ein schlauer Ratschlag, den uns der |Ehrenwirth|-Verlag zum Roman des französischen Bestsellerautors Jean-Christophe Grangé mit auf den Weg gibt. Der Journalist Mark Dupeyrat hätte sich wohl auch besser an den Ratschlag gehalten, als ihm während seiner Recherchen in dem Fall Jacques Reverdi jemand den Tipp gab, dass nur eine Frau Reverdi sein Geheimnis entlocken könnte.

Reverdi, früher ein viel umjubelter Champion im Freitauchen, arbeitet seit seinem Rückzug aus dem Sport als Tauchlehrer in Asien. Eigentlich ist er unauffällig, doch die Fischer des kleinen Dörfchens Papan in Malaysia überraschen ihn eines Tages, als er gerade dabei ist, eine junge Touristin auf bestialische Art zu töten: Er lässt sie in einem luftleeren Raum ausbluten.

Nun wartet Reverdi in einem malaysischen Gefängnis darauf, zum Tode verurteilt zu werden, und Mark, der wittert, dass Reverdi seine Frage nach dem „Gesicht des Bösen“ beantworten kann, beginnt eine Brieffreundschaft mit dem eiskalten Mörder, indem er sich die Identität einer jungen Psychologiestudentin schafft. Sie schreibt an Reverdi, weil sie ihn zum Thema ihrer Diplomarbeit machen möchte, und trotz anfänglicher Skepsis gelingt es Mark, einen regen Kontakt zustande zu bringen. Er merkt dabei nicht, dass Reverdi ein perfides Spiel mit ihm spielt. Beinahe naiv folgt er seinen Anweisungen, als Reverdi ihn nach Asien dirigiert, damit er dort die Spur seiner blutigen Verbrechen nachvollziehen kann. Er füttert Mark mit kleinen Häppchen und es kommt zu einer Art Detektivspiel, das ein schlimmes Ende nimmt, als Reverdi sich eines Tages befreien kann. Denn nun ist nicht nur Mark in Gefahr, sondern auch das junge Model Khadidscha, dessen Foto er Reverdi geschickt hat, denn selbiger ist schon längst auf dem Weg nach Paris …

Was sich wie ein spannender Thriller anhört, ist auf weiten Strecken leider ziemlich vorhersehbar. Es ist klar, dass Mark mit dem Feuer spielt, doch anstatt sein Hauptaugenmerk darauf zu legen, erzählt der Autor Dreiviertel des Buches davon, wie der Kontakt zustande kommt und von Marks Reise entlang der „schwarzen Linie“. Dadurch geht eine Menge Spannung verloren, denn der Leser ahnt von Anfang an, worauf das Buch hinauslaufen wird.
Es geht also viel um das Motiv Reverdis, doch selbst dieses ist nicht besonders spannend und klingt wirklich sehr psychopathisch. Am Ende gelingt es Grangé durch eine überraschende Wendung für einen kurzen Moment Spannung aufzubauen, doch diese verflüchtigt sich zu schnell, denn auch über dieser Wendung liegt ein Hauch Irrealität, mit dem ich mich überhaupt nicht anfreunden konnte.

Dabei hatte alles sehr gut angefangen – nämlich in medias res. Der Leser wird anhand Reverdis Perspektive Zeuge, wie die Fischer ihn zusammen mit der halbtoten Frau in der luftleeren Bambushütte entdecken. Dadurch, dass der Mörder selbst nicht ganz bei Sinnen ist, wirkt dieses erste Kapitel sehr konfus, aber schmerzhaft authentisch. Es wird auf lange Erklärungen verzichtet, der Autor wirft nur ein paar Köder aus, die das Interesse wecken. Man möchte erfahren, was da los ist. Ist Reverdi Opfer oder Täter und was hat er überhaupt für eine Rolle in diesem Buch?

Im Gegensatz zu diesem kargen Anfang steht der Rest des Buches, der in einem dichten, flüssigen Stil geschrieben ist, der sehr viele ausschweifende Geschichtchen einwebt. Die beiden Protagonisten Mark und Khadidscha werden zum Beispiel gleich bei ihrem ersten Auftauchen zusammen mit ihrer Biografie vorgestellt. Wider Erwarten bekommt das Buch dadurch keine Längen, da Grangé seinen Charakteren viel Tiefe verleiht und einige ihrer Wesenszüge durch die Vergangenheit erklärt werden müssen.

Doch gut ausgearbeitete Charaktere alleine machen einen Roman, der sich Thriller nennt, leider nicht aus. Dazu gehören auch noch einige andere Dinge, vor allem Spannung, doch gerade das ist der Knackpunkt. Das Buch weist in dieser Hinsicht eine entscheidende Länge auf, und das ist die Suche nach dem Motiv Reverdis, die zwar interessant, aber nicht besonders spannend ist. Dadurch sind überraschende Wendungen stark nach hinten verlagert und zum großen Teil vorhersehbar. Das Ende weiß zwar noch einmal zu überzeugen, kann das Ruder aber natürlich nicht mehr herumreißen.

Deshalb ist „Das schwarze Blut“ in meinen Augen ein eher durchschnittlicher Thriller, dessen Stärken die Protagonisten und der Erzählstil sind.

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