Klosterman, Chuck – Fargo Rock City

Chuck Klosterman ist seit einigen Jahren als Redakteur bei prestigeträchtigen amerikanischen Medien wie der |Washington Post| und dem |Time Magazine| tätig und hat sich nicht nur mit seinen dortigen Kolumnen über das Amerika aus seiner Perspektive, sondern auch mit seinem zynischen letzten Buch „Eine zu 85 % wahre Geschichte“ weltweit einen Namen gemacht. Die Redaktionsarbeit ist jedoch nicht die einzige große Leidenschaft des erfolgreichen Autors; auch die härteren musikalischen Klänge zwischen traditioneller Rockmusik und Heavy Metal haben es dem ursprünglich aus der Provinz stammenden Klosterman angetan, was ihn unlängst dazu veranlasste, die Geschichte seiner eigenen Erfahrungen in Buchform zu erzählen und eine ganz persönliche Odyssee durch die Länder der heftigen Klänge zu starten.

Allerdings hat der Autor eine ganz eigene Sicht der Dinge, soll heißen unter klassischem Heavy Metal versteht Klosterman in erster Linie den Glam-Sound der späten Achtziger mit Bands wie MÖTLEY CRÜE, GUNS N‘ ROSES und CINDERELLA, die er in seinem neuen Werk „Fargo Rock City“ auch ganz offenkundig zu seinen Heroen erklärt. Und dies ist mitunter eine Tatsache, die den Einstieg in diese nette Lektüre ein wenig erschwert, schließlich liefert der Autor zumindest für den strengen europäischen Fan schon direkt zu Beginn einigen Anlass zur Grundsatzdiskussion, was die kategorische Einordnung der einzelnen Stilrichtungen betrifft. Tja, so sind wir halt, die Schubladendenker durch und durch …

Abgesehen von der genauen, korrekten Charakterisierung der einzelnen Sub-Genres der harten Musik ist „Fargo Rock City“ aber definitiv ein sehr lesenswertes Buch, weil es zumindest von der Grundeinstellung her betrachtet jedem Verfechter dieser Klänge aus dem Herzen sprechen sollte, und dies sowohl hinsichtlich der kritischen Auseinandersetzung und der altbekannten „subjektiven Objektivität“, mit der Klosterman über ’seine‘ Bands redet und andere in die Pfanne haut. Bisweilen entsteht bei seinen Erzählungen nämlich der Eindruck, man würde an irgendeinem Festival-Biertresen stehen und gerade mit einem langjährigen Fan über die Entwicklungen in der Szene und die guten alten Zeiten schwadronieren und fachsimpeln und unbewusst bewusst seine alten Helden in den Himmel heben. So viel zur Sympathie und Nahbarkeit, die die verschiedenen, im Rahmen eines größer angelegten Tagebuchs verfassten Kapitel ausstrahlen.

Inhaltlich ist „Fargo Rock City“ dementsprechend auch ein sehr persönlicher Erlebnisbericht, der irgendwo in einem Provinznest im Norden Amerikas beginnt, und zwar mit dem Tag, an dem Chucks großer Bruder die ersten MÖTLEY CRÜE-Platten mit nach Hause bringt. Die Begeisterung für die rauen Klänge war für den gerade mal elf Jahre alten Mini-Klosterman die Initialzündung in ein Leben als bedingungslos hartnäckiger Fan, der nach und nach Bands wie KISS und VAN HALEN in sein Herz schloss und harten Kram wie METALLICA sowie später die zerstörerische Grunge-Szene grundsätzlich verurteilt, weil sie seine Idole zugrunde gerichtet haben. Allerdings ist „Fargo Rock City“ dabei kein stringenter Text oder eine chronologisch dargestellte Rückblende in das Leben des Autors, sondern schon ein Kapitel für Kapitel sehr spezifisch angelegter Bericht über bestimmte Erlebnisse, die Klosterman mit gewissen Bands in Verbindung bringt und anhand dieses individuellen Aufhängers noch einmal näher beleuchtet. Darin enthalten sind sowohl Geschichten aus seinem Leben als Teenager und dem Einfluss der Pubertät auf seine Entwicklung als Heavy-Fan als auch Storys eines jungen Mannes, der seinen Fanatismus gegen die Rolle eines nüchternen Analytikers eingetauscht hat, der Klosterman bis zum heutigen auch geblieben ist.

Dies alles wird natürlich auch mit Ansätzen von Humor und stets auch von einer etwas klischeebelasteten Seite erzählt, wobei sich der Autor gottlob nicht als Komiker verkaufen möchte. Seine Intention bestand indes darin, ein zeithistorisches Dokument über die amerikanische Popkultur anhand seiner eigenen Erfahrungen zu schreiben und das Ganze mit Eindrücke, Meinungen und teils auch kritischen Stellungnahmen zu versehen, was ihm alles in allem auch sehr gut gelungen ist.

Von der kritischen Seite aus betrachtet ist lediglich anzumerken, dass Klosterman den Bogen zwischen informativer Dokumentation und persönlicher Schilderung teilweise etwas zugunsten seiner individuellen Sichtweise überspannt und somit teilweise die Distanz zur umfassenden Berichterstattung über den Metal der 80er und frühen 90er vermissen lässt. Allerdings ist dies eigentlich erst das Salz in der Suppe, welches „Fargo Rock City“ aus der großen Auswahl der einschlägigen Rockliteratur hervorhebt. Bloße Zeitdokumente gibt es nämnlich schon in einer gehörigen Vielzahl, und insofern ist dieses kurze, aber sehr unterhaltsame Werk eine erfrischende Erscheinung auf dem musikalischen Buchmarkt und auf jeden Fall empfehlenswert für Vertreter der hart rockenden Zunft.

http://www.rockbuch.de/

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