Gordon D. Shirreffs – Der letzte Zug von Gun Hill

Shirreffs Gun Hill Cover 1986 kleinSheriff Matt Morgan jagt die beiden Cowboys, die seine indianische Ehefrau umbrachten. Einer der Mörder ist der Sohn eines mächtigen Viehbarons. Dieser ist nicht bereit, den Sohn vor Gericht stellen zu lassen, und hetzt Killer auf Morgan, als der auf Gerechtigkeit besteht … – Im Kino ein (Edel-) Western-Klassiker, als Buch eine solide, eigenständige Nacherzählung, die freilich die emotionale Tiefe des Films höchstens im Finale erreichen kann.

Das geschieht:

‚Spaß‘ mit der „Indianerfrau“ wollten sie haben, die beiden jungen Männer, doch die Sache geriet außer Kontrolle: Rick Beldon und Lee Smithers haben im Suff Catherine Morgan vergewaltigt und umgebracht. Das bereuen sie rasch, denn der Gatte der Toten ist der Sheriff von Pawley. Matt Morgan schwört, die flüchtigen Mörder vor Gericht zu bringen, koste es was es wolle.

Die Spur führt nach Gun Hill, eine nicht weit entfernt liegenden Stadt. Hier herrscht Craig Beldon, ein reicher, mächtiger Viehbaron – und Ricks Vater. Er weiß um die Charakterschwäche seines Sohnes, der indes sein einziger ist. Deshalb ist er nicht bereit, Rick von Morgan verhaften und vor Gericht stellen zu lassen.

Morgan und Beldon sind alte Freunde; sie haben einander früher oft das Leben gerettet. Deshalb bittet Beldon inständig um das Leben seines Sohnes. Doch Morgan lässt nicht von seinem Plan ab. Die Situation eskaliert. Beldon befiehlt zahlreiche Männer, die jedem Befehl ihres Bosses bedingungslos folgen. Sie sollen Morgan hindern, ihn notfalls umbringen.

Der Sheriff stellt sich der Übermacht. Er ist ein ehemaliger Revolverheld, der nichts von seinem Handwerk verlernt hat. So kommt es schließlich, wie es kommen musste: Während der letzte Zug nach Pawley in den Bahnhof von Gun Hill einfährt, stehen sich die ehemaligen Gefährten mit der Waffe in der Hand unversöhnlich gegenüber …

Im Teufelskreis der Rache

Eine einfache, aber starke Geschichte, oft erzählt, aber zuverlässig weil wirkungsvoll: Äußere Umstände entzweien alte Freunde, ohne dass sie selbst dafür verantwortlich sind. Ein unerbittliches Schicksal hetzt sie gegeneinander, bis schließlich geschieht, woran sie in ihren schlimmsten Albträumen nicht gedacht hätten: Sie stehen sich nach hartem Kampf, den sie nicht wollten und der sie alles verlieren ließ, was ihnen lieb und teuer ist, mit gezogener Waffe gegenüber. Nur einer wird den Platz verlassen, der Überlebende auch noch den Freund verloren haben. Es gibt kein Entrinnen.

Dieses Drama spielt sich innerhalb von zwölf Stunden ab, die zwischen der Ankunft des Morgenzuges aus Pawley mit Matt Morgan und seiner Abreise am Abend liegen. Der knappe zeitliche Rahmen schürt die Spannung, denn die Entscheidung muss bis zur Abfahrt des letzten Zuges aus Gun Hill gefallen sein.

Das Buch zum (besseren) Film

Die größten Vorbehalte erwachsen „Der letzte Zug von Gun Hill“, dem Buch, aus der möglichen Kenntnis des gleichnamigen Films. Dieser gilt nicht grundlos als Klassiker seines Genres. Mit Kirk Douglas als Matt Morgan und Anthony Quinn als Craig Beldon spielen zwei Ausnahme-Schauspieler die Titelrollen. Sie verstehen sich auf ihr Handwerk und liefern großartige Charakterspiele ab. Mehr als einmal fleht Quinn als Beldon geradezu um das Leben seines nichtsnutzigen Sohnes: starke Szenen voller Emotionen, die aus dem harten Rancher, dem das Leben nichts geschenkt hat, einen Menschen machen, dessen Verhalten man sogar verstehen kann.

Shirreffs Figuren sind im Vergleich dazu eindimensional. Dies fällt wie gesagt hauptsächlich im direkten Vergleich zwischen Buch und Film auf. Aber unabhängig davon stützt sich der Autor zu schwer auf allzu bekannte Western-Klischees. Ein Mann muss tun, was ein Mann tun muss, und das möglichst wortkarg. Ein Wort ist ein Wort und muss gehalten werden – im Guten wie im Bösen. Eine Frau ist wie ein Wesen von einem anderen Stern; als Mutter, Hausfrau, Gattin (in dieser Reihenfolge) und oft genug Witwe eine verehrungswürdige Lichtgestalt (die nach ihrem gesellschaftlichen Status allerdings nur knapp über einem guten Reitpferd steht). Emanzipation erschöpft sich in dieser Männerwelt darin, dass frau sich traut in der Öffentlichkeit zu rauchen oder dem Helden eine Schrotflinte ins Haus schmuggelt.

Generationen und Freunde im Konflikt

Etwaige Brüche werden nur quasi zwischen den Zeilen deutlich. Dass Rick Belden ein Schwächling, Säufer und Mörder geworden ist, geht zu einem guten Teil auf den Vater zurück, der ihn zum harten Mann und Erben seines Königreiches erziehen wollte, aber gleichzeitig verzog, ängstigte und nie wirklich verstehen konnte. Beldon Senior wünschte immer nur Reichtum und Macht; beides hat er nun im Überfluss, aber seine Persönlichkeit hat gelitten, er ist allein und fürchtet mit dem Verlust des Sohns die Erkenntnis der Sinnlosigkeit seines Raffens. Deshalb verweigert er Morgan die geforderte Gerechtigkeit: Ohne Rick ist ihm gleichgültig, was er geschaffen hat.

Morgan ist auf diesem Ohr natürlich taub. Er ist vielleicht die vom Schicksal härter gebeutelte, aber ansonsten weniger interessante Figur dieser Geschichte. Ein guter Sheriff, Ehegatte und Vater wird zum Rächer, der angeblich das Gesetz über die Selbstjustiz stellt – lobenswert, aber irgendwie unglaubwürdig, da alle, die sich ihm in den Weg stellen, tot am Boden liegen, als sich der Pulverdampf verzieht.

Anmerkung

„Last Train from Gun Hill“ ist der Roman zum gleichnamigen Film, den Meisterregisseur John Sturges 1959 inszenierte. Shirreffs brachte das Drehbuch von James Poe in Romanform. Dieses basierte wiederum auf einer Kurzgeschichte von Les Crutchfield (1916-1966).

Autor

Gordon Donald Shirreffs wurde im Jahre 1914 in Chicago, Illinois, geboren. Seine berufliche Karriere begann er als Angestellter der „Union Tank Car Company“, bis er 1940 zur Army ging und seinen Kriegsdienst leistete. 1946 kehrte Shirreffs ins Zivilleben zurück und schlug sich als Vertreter durch, bis er 1948 einen Laden für Scherzartikel und Spielzeug eröffnete.

Tagsüber arbeitete Shirreffs, des Nachts versuchte er sich als Schriftsteller. Er besuchte Schreibkurse in Chicago. 1952 zog er mit seiner Familie nach Kalifornien, wo er sich als professioneller Autor niederließ. Shirreffs begann mit Geschichten, die in Comics verwandelt wurden – Western zumeist: Roy Rogers, Johnny Mack Brown, Auntie Duchess, Rin Tin Tin (ein lassieschlauer Schäferhund im Dienst der US-Kavallerie). 1956 gelang ihm der Verkauf eines ersten Romans („Rio Bravo“, ebenfalls ein Western).

Shirreffs kam gut ins Geschäft, denn er war vielleicht kein begnadeter, aber ein versierter und vor allem schneller Schreiber: sechs Romane pro Jahr waren nicht ungewöhnlich. So veröffentlichte er mehr als 80 Bücher; nicht nur Western, sondern auch Kinder- und Sachbücher sowie 150 Kurzgeschichten, die auch unter Pseudonymen wie Gordon Donalds, Stewart Gordon und Jackson Flynn erschienen. Darüber hinaus schrieb Shirreffs Drehbücher für Kino und Fernsehen.

Seit jeher investierte Shirreffs viel Zeit in die Recherche. Die korrekte historische Darstellung seiner Western war ihm wichtig. Mit über 50 Jahren drückte er noch einmal die Universitätsbank und studierte Geschichte. In seinen späteren Schriftstellerjahren wurde Shirreffs ehrgeiziger; seine Serie um den Westmann Kershaw erreichte geradezu epischen Umfang.

Gordon D. Shirreffs erlag im Dezember 1996 einem Schlaganfall. Er war 82 Jahre alt.

Taschenbuch: 126 Seiten
Originaltitel: Last Train from Gun Hill (New York : Signet 1959)
Übersetzung: Werner Gronwald
www.randomhouse.de/heyne

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