Nils Westerboer – Athos 2643



Auf Athos, einem kleinen Neptunmond, stirbt ein Mönch. Rüd Kartheiser, Inquisitor und Spezialist für lebenserhaltende künstliche Intelligenzen, ermittelt. An seiner Seite: Seine Assistentin Zack. Schön, intelligent und bedingungslos gehorsam. Ein Hologramm. Für Rüd die perfekte Frau. Doch das Kloster des Athos verbirgt ein altes, dunkles Geheimnis. Rüd erkennt: Um zu überleben, muss er Zack freischalten.

Das Jahr 2643: Der Neptunmond Athos ist zum Schauplatz eines unerklärlichen Verbrechens geworden. Die lebenserhaltende KI des Klosters steht im Verdacht, gemordet zu haben. Inquisitor Rüd Kartheiser, ein Spezialist im Verhören künstlicher Intelligenzen, wird mit dem Fall beauftragt. Zusammen mit seiner attraktiven holografischen Assistentin Zack, die ihm durch eine Reihe von Sicherheitsbeschränkungen absolut ergeben ist, erreicht er den kleinen, zerklüfteten Mond. Doch die Ermittlungen der beiden treffen auf Widerstand. Während Zacks anziehende Erscheinung bei den Mönchen Anstoß erregt, entpuppt sich die KI des Klosters als gerissene Taktikerin, die ihr Handeln geschickt verschleiert. Als sich unter den Mönchen ein zweiter Todesfall ereignet, begreift Rüd, dass er mehr als je zuvor auf Zacks Hilfe angewiesen ist. Um ihr Potential auszuschöpfen, trifft er – hinsichtlich ihrer Sicherheitsbeschränkungen – eine folgenschwere Entscheidung.

(Verlagsinfo)

Nils Westerboer, geboren 1978, war nach der Schule in Israel tätig unter anderem als Betreuer für Menschen mit Behinderung, Hausmeister und Trainer für Sprengstoffsuchhunde. Anschließend studierte er Germanistik, Theologie und Medienwissenschaften in München und Jena. Als Naturfilm-Kameraassistent ging er für ZDF, NDR und arte auf Tuchfühlung mit Hornissen, Wölfen und Vampiren. Seit 2012 unterrichtet er an einer Gemeinschaftsschule. Sein Debüt „Kernschatten“ wurde für den Deutschen Science-Fiction-Preis 2015 nominiert
(Verlagsinfo)

Athos 2643? Ein Titelbild in Blau, ein Planet und schroffe Felsen? Hobbit-Presse? Anfangs war es diese Konstellation, die mich aufmerksam machte, kannte ich den Verlag doch überwiegend durch die Fantasy-Bibliothek. Und hier sah alles stark nach Science Fiction aus, sogar jenseits der Erde, im Weltraum angesiedelt. Der Klappentext zeigte auch, wohin die Reise geht. Doch was er außerdem aufwarf, war der Eindruck, ein eher klassisches Szenario anzubieten mit dem Ermittler und seiner weiblichen Begleitung. Gut, diese sollte KI sein, aber vom Setting her erstmal konservativ.

Nun muss ich zugeben, erst durch die Leseprobe endgültig überzeugt worden zu sein, dass dieser Roman sich lohnen würde. Hier präsentiert der Autor Nils Westerboer Stil und Ausdruck in einer Weise, die mich stark ansprach. Geschrieben aus der Sicht der KI, was bereits eine besondere Aufgabe sein kann, erreichen Lesende trotz 1. Person Präsenz einen Überblick und eine Tiefe, die sonst aus dieser Perspektive unglaubwürdig erscheinen würde. Interessant in stilistischer Hinsicht ist die Fähigkeit Westerboers hier, keine ausschweifenden Erklärungen für diese Übersicht und die Besonderheiten der KI nötig zu haben, da genau diese Details Teil der Erzählung sind und sich damit nach und nach erschließen. Einschübe als kurze Infodumps gibt es trotzdem, wenn der menschliche Protagonist um Informationen ersucht und die KI einen Vortrag hält, doch zum Glück sind diese Brocken kurz und kurzweilig genug, um das Bild zu erhellen und den Lesefluss nicht zu mindern.

Dagegen macht das Zwischenmenschliche vorerst mehr zu schaffen, und zwar vor allem das Geschlechterbild. Erstens ist der menschliche Protagonist ein Mann, die ihn begleitende gehorsame KI erscheint in weiblicher Gestalt und wird entsprechend von allen auftauchenden Männern anzüglich beäugt. Westerboer integriert dieses Verhältnis als wichtigen Baustein der übergeordneten Handlung in die Geschichte und begeht sich nie in sexuellen Ausschweifungen, immerhin, jedoch spart er nicht an knappen, hautengen Kleidern oder Nacktheit. Erstaunlich ist, dass dies tatsächlich wichtig und erhellend für die Geschichte ist, die steuerbare Männlichkeit in ihrer Primitivität darstellt und veranschaulicht, was auch die Dialoge transportieren: Bei der Vorführung von Fähigkeiten ist Rüd, dem Ermittler, deutlich die Künstlichkeit der KI und ihrer Erscheinung bewusst und er nutzt sie berechnend für seine Zwecke. Im privaten Umgang scheint er zu vergessen, dass sie eben weder weiblich ist noch ein willentliches Ich-Bewusstsein besitzt, und das vergisst auch die Lesegemeinde schnell während der Lektüre, doch die KI vergisst nicht, es bei Bedarf uns wieder in Erinnerung zu rufen.

Dieser Aspekt des fehlenden Antriebs wird schlussendlich zur Spitze des Dramas, nachdem die vordergründige Geschichte bereits zu einem Abschluss gekommen ist. So ist auf der einen Seite die Handlung ein hervorragend inszeniertes Kammerspiel mit logischer Spitzfindigkeit und mindestens doppeltem Boden, auf der anderen Seite ist das Wesen und die Beschränkungen einer KI Konzentrationspunkt einer ausführlichen Betrachtung, und dies verbindet Westerboer zu einem kurzweiligen, beinahe berauschenden Roman.

Das Geschlechterbild wurde oben angesprochen mit Erstens, dem sollte noch ein Zweitens folgen: Man begibt sich in eine christliche Gemeinschaft, in der Frauen nicht erwünscht sind. Damit wimmelt es in dem Buch von einer festen Gruppe Männer, die die weiblich dargestellte KI umringen. Glücklicherweise hat dieses Konstrukt einen interessanten Hintergrund und wird außerdem aufgelockert durch ein besonderes Detail. Insgesamt müssen alle Begegnungen und Dialoge im Rahmen der vordergründig laufenden Ermittlung rückblickend neu bewertet werden, wodurch der Roman erneut eine weitere Ebene erhält.

Es verbirgt sich also mehr zwischen diesen Buchdeckeln, als sich anfangs vermuten lässt, und der Klappentext bleibt flacher, als dem Roman gerecht wird, allerdings muss hier die Notwendigkeit zugrunde gelegt werden, einen interessanten Klappentext zu erzeugen, der inhaltlich nur einen Anstoß liefert – dies erscheint aufgrund der oberflächlichen Prämisse des Romans durchaus als anspruchsvolle Aufgabe.

Insgesamt bin ich überzeugt, mich mit „Athos 2643“ bereits an einem Höhepunkt des Jahres habe erfreuen dürfen. Da sehe ich gern über die doch unglaublich rasante Lösung im zweiten Drittel des Buches hinweg, die einen komplexen Eingriff an einem sehr kleinen Computersystem in Minuten unter fortwährender Lebensbedrohung erfordert – das erscheint übermenschlich in einem ansonsten die Menschlichkeit betonenden Entwurf. Im Lesefluss allerdings geht es unter und bleibt, wenn überhaupt, als leiser Misston im Geist erhalten, den zu fassen kaum die Mühe wert ist. Was bleibt, ist die Erinnerung an eine vielschichtige Geschichte und eine Menge Spaß dabei.

Paperback
Originalausgabe
432 Seiten
ISBN 9783608984941
19. Februar 2022

Das Buch beim Verlag
Hier bietet der Verlag eine Leseprobe an.
Autorenhomepage: https://www.nilswesterboer.de/

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