Sharon Shinn – Im Zeichen der Weide

Ein Zauberlehrling tritt in die Dienste eines neuen Meisters ein – wir kennen die Geschichte zur Genüge. Oder doch nicht? Nein, denn hier verliebt sich der Lehrling in die rätselhafte Frau seines Meisters und muss erkennen, welches schreckliche Verbrechen an ihr begangen wurde.

Doch wie kann er die Untat beenden und die durch Magie Verwandelte befreien, wenn mit dem Tod eines Zauberers auch dessen Magie verschwindet? Muss dann nicht auch die Geliebte sterben? Diesmal muss der Zauberlehrling weit über sich hinaus wachsen.

Die Autorin

Sharon Shinn ist eine amerikanische Fantasy-Autorin, die 1957 in Wichita, Kansas, geboren wurde und in St. Louis aufwuchs. Shinn studierte Journalistik an der North Western University in Chicago. Shinn arbeitet neben dem Schreiben als Journalistin bei verschiedenen Wirtschaftsmagazinen, aber auch bei Zeitschriften über Fotografie, Bilderrahmen und Managementausbildung.

1995 veröffentlichte Shinn ihren ersten Roman „The Shapechanger’s Wife“ (Im Zeichen der Weide), der 1996 mit dem IAFA William Crawford Award für das beste Nachwuchswerk ausgezeichnet wurde. Im Jahr darauf folgte „Archangel“, der erste Roman in der Samaria-Reihe, die in einem biblisch vorgebildeten Rahmen auf einer Siedlerwelt in etwa 400 bis 500 Jahren spielt. Es gibt einen Gott namens Jovah und etliche Erzengel, die – bis auf einen – eigentlich zum Schutz der Siedler geschaffen wurden. Der neue Erzengel Gabriel soll sich eine Menschenfrau erwählen. Seine Wahl fällt auf Rachel. Doch die Lady findet die Idee gar nicht witzig, eine „Angelica“ zu werden, und erteilt ihm eine Abfuhr.

Shinn wurde von Altmeister Peter S. Beagle („Das letzte Einhorn“) in den höchsten Tönen gelobt. „Da weiß jemand, wie man Fantasy schreibt. Die begabteste und eigenwilligste Autorin seit Robin McKinley.“

Website: www.cs.rose-hulman.edu/~thomass/shinn

Von Shinn sind bislang nur zwei Romane auf Deutsch erschienen:

– Im Zeichen der Weide (1995, Heyne 1997)
– Erzengel (1996; Heyne 03/1998, 1. Band des Samaria-Zyklus)

Shinns umstrittene Samaria-Reihe, die teilweise religiöse Hintergründe hat, ist mit ihrem starken Romantik-Einschlag angeblich bei einer großen Leserschaft beliebt. Sie hat aber auch reine SF geschrieben. Im Internet gibt es eine Reihe von englischen Interviews mit Shinn zu lesen. Im Heyne SF-Jahrbuch 1999 (S. 778-786) ist ein deutsches Interview mit der Autorin nebst Foto abgedruckt.

Handlung

Aubrey ist bis jetzt nur ein mittelguter Adept der Magie: Er kann hellsehen, kurieren und sich bei Bedarf auch mal unsichtbar machen – nichts Großartiges, sicher. Nun schickt ihn sein Meister Cyril fort, um bei dem großen Magier Glyrenden in die Lehre zu gehen, auf dass Aubrey auch lerne, wie man Dinge in andere Dinge umwandelt und ganz generell die „Gestalt wechselt“.

Als er ankommt, sieht das furchteinflößend hohe Steinhaus verlassen aus. Erst nach einer Weile lässt sich jemand hören, und Aubrey erhält von einer Frau Einlass, die sich Lilith nennt und etwa so alt sein muss wie er selbst. Aubrey wundert sich über das verwahrloste Innere des Hauses, das vor Staub und Unordnung abstoßend wirkt.

Lilith ist Glyrendens Ehefrau, aber das würde man nicht glauben, wenn man sie ansieht: Sie trägt nur sehr einfache Baumwollsachen, keinerlei Schmuck, ist bleich und antwortet dem Neuankömmling mit einer Gleichgültigkeit, die Aubrey beinahe zornig macht. So hat er sich seinen Empfang nicht vorgestellt. Das einzige Bemerkenswerte sind ihre smaragdgrünen Augen. Ihre zwei Mitbewohner sind Arachne, eine emsige, alte, aber völlig stumme Magd, und Orion, ein behaarter Diener in Riesengestalt, der im nahen Wald auf die Jagd geht, um Essen zu beschaffen. Der Herr des Hauses glänzt durch Abwesenheit.

Es fällt daher dem normalerweise charmanten, lebhaften Aubrey schwer, sich hier einzuleben. Lediglich Lilith ist interessant, und es gelingt ihm, sie zum Lächeln zu bringen. Auch als ihr Mann Glyrenden von einer seiner zahlreichen Reisen zurückkehrt, bessert sich die Lage für Aubrey nicht. Er wird vielmehr hart in seinem Wissen geprüft und für mittelmäßig befunden.

Im etwas entfernt gelegenen Dorf erfährt er beim Einkaufen, was die Umgebung vom Haus des Magiers hält: nichts. Eine Marktfrau beschimpft Lilith als Hexe, und ein Junge bewirft den hilflosen, sanften Riesen Orion mit Steinen, bis der sich wehrt … Der bewusstlose Junge beschwört sofort einen wütenden Aufruhr herauf, und Aubrey sieht zu, dass er Orion in Sicherheit bringt.

Etwas Abwechslung bringt der einwöchige Aufenthalt bei Lord Faren Rochester. Glyrenden steht in Diensten des Königs, und Rochester ist ebenfalls interessiert, selbst wenn er schon einen Hofmagier, Sirrit, in Diensten hat. Aubrey kommt nicht umhin zu bemerken, dass Lilith sich weder für die Männer interessiert noch für die vergnügungssüchtige Gesellschaft noch für die prächtige Umgebung. Erst als ein Freudenfeuer zu Erntedank angezündet wird, zeigt sie eine heftige Reaktion. Sie fällt in Ohnmacht. Kurz zuvor hat die Gruppe einen Schrei vernommen. Hat Lilith geschrien – oder gar der Baum, der gerade verbrannt wird?

Aubrey muss sich eingestehen, dass er immer mehr Zuneigung, ja Liebe zu Lilith empfindet und eine wachsende Abneigung gegen ihren Mann. Er schenk ihr ein goldenes Halsband, wobei sie gegenüber ihrem Mann immer vorgeben kann, Aubrey habe das Glitzerding aus einer wertlosen Schnur geschaffen. Den kümmert das auch gar nicht, denn er hat eine neue Errungenschaft mitgebracht: ein junges Mädchen, das er Eva nennt. Das erscheint Aubrey als die neueste Grausamkeit des alten Lüstlings.

Er besucht Sirrit, Lord Rochesters Magier, und lernt einiges darüber, wie sich die Magie eines Zauberers mit dessen Tod aufheben lässt. Endlich erkennt er, was die Bewohner von Glyrendens Haus wirklich sind: Sie wurden alle verwandelt. Doch was war ihre Ursprungsgestalt? Bei Arachne (Spinne), Orion (Bär) und Eva (Rehkitz) ist das leicht zu erkennen, doch nirgendwo findet Aubrey die ursprüngliche Gestalt Liliths. Er will sie von Glyrendens Bann erlösen, doch das bedeutet ein großes Risiko, denn er könnte sie dabei unabsichtlich töten. Doch seine Liebe zu ihr ist größer.

Und so muss Aubrey erst einmal lernen, die Magie der Gestaltwandlung selbst zu beherrschen, auf sich selbst anzuwenden: Er wird Wolf und Hirsch, Adler und Bär, Fliege – und schließlich auch ein Baum. Und endlich weiß er, was er zu tun hat …

Mein Eindruck

Das Buch endet mit einem furiosen Showdown, diversen Erlösungen und einer Nachgeschichte. Doch alle guten Liebesgeschichten enden traurig, so auch diese hier – vor dem Epilog, der ein paar gerüchtweise kolportierte Happy-Ends bereithält. Anders als die Mehrzahl der heute verkauften Fantasyromane erkundet dieses Buch das Wesen der Liebe unter ganz besonderen Umständen. Hier wird Liebe als befreiende Macht geschildert, die schlussendlich Erlösung aus der Knechtschaft bringt – zumindest für Lilith.

Doch der seelische Prozess, den Aubrey, der liebende Befreier, bis dahin durchlaufen muss, ist in seiner Komplexität einzigartig. Er muss seinen bisherigen tändelnden Umgang mit dem anderen Geschlecht ablegen, als er das Schicksal erfasst, unter dem Lilith leidet. Er muss die Autorität abschütteln, die Glyrenden als Lehrer und geistige Kapazität ausübt, muss ihn mit seinen eigenen Mitteln schlagen und dann noch einen drauflegen. Was ihm aber am meisten abverlangt, besteht darin, Lilith loszulassen und ihr die eigene Identität – nicht die einer Frau – zurückzugeben und sie darin gedeihen zu lassen.

Lilith ihrerseits erlernt zum ersten Mal in ihrem Leben, was das Wesen der Liebe überhaupt ist. (Denn die Lust des alten Glyrenden, die sie zu ertragen lernte, ist bestimmt nicht Liebe.) Und die Liebe verwandelt sie in etwas, das in unserer Welt eine Frau genannt wird. Doch dies ist nicht ihre wahre Gestalt, noch ihre echte Identität. Selbst wenn sie künftig als Aubreys Frau leben könnte und würde, so wäre dieses Leben doch eine Lüge, eine Fortsetzung von Glyrendens Bann unter anderen Vorzeichen.

Und so lernen beide, dass Liebe und Freiheit immer Opfer fordern. Wenn Aubrey Liliths Gestalt befreit, verliert er nicht ihre Liebe, wohl aber die Frau, mit der er sie verwirklichen könnte. Und wenn sich Lilith zurückverwandeln lässt, verliert sie Aubreys Liebe, gewinnt aber die Freiheit und wahre Identität. Auch höhere Zusammenhänge sind zu beachten: Lilith spielt eine Rolle in der Naturwelt, der sie durch Glyrendens Bann entrissen wurde. Nach ihrer Rückkehr ist die Natur wieder vollständig, von ihren Freundinnen wird sie willkommen geheißen.

Aubrey sagt an einer Stelle, das Wesen der Magie sei die Wahrheit. Doch Glyrenden hält seinem Schüler entgegen, das Herz der Magie sei die Illusion. In Aubreys Augen begeht Glyrenden mit jeder neuen Gestaltwandlung , besonders der der armen Eva, ein weiteres Verbrechen – und einen weiteren Selbstbetrug. Er ist wie ein archaischer Dr. Seltsam, der seine Illusionen einsetzt, um weitere Macht, weiteres Ansehen hinzuzugewinnen – in wessen Diensten auch immer (Dr. Seltsam hebt die künstliche Hand zum Hitlergruß).

Der Zauberlehrling Aubrey entwickelt sich durch seine Liebe zu Lilith zu Glyrendens genauem Gegenteil: Auch er wendet Macht an, doch zum Wohle anderer Lebewesen, nicht zu seinem Eigennutz oder zur Befriedigung seines Egos. (Diese beiden Arten von Machteinsatz hat der britische Science-Fiction-Autor John Brunner in seinen wichtigsten Romanen wiederholt geschildert, so etwa in „Morgenwelt“, aber schärfer noch in „Schafe blicken auf“.)

Unterm Strich

Vom Ende der achtziger bis zur Mitte der neunziger Jahre gab es in den USA eine Welle von Fantasyautorinnen, die, auf historisches Material wie die Grimmschen Märchen gestützt, zahlreiche Urbilder der Märchen und Fantasy aufgriff und unter den Maßgaben der menschlichen Emanzipation umformulierte. Zu diesen Frauen zählte keineswegs Marion Zimmer Bradley oder gar ihre Ko-Autorin Diana Paxson, sondern weitaus jüngere Semester wie Jane Yolen, Patricia A. McKillip, Nancy Kress – und eben Sharon Shinn. (Ursula K. Le Guin ist ein Sonderfall: Sie ist die Grand Old Lady, die allen zeigt, wo der Hammer hängt.)

Diese Epoche ist vorbei, so scheint es. Nun herrscht wieder Einheitskost à la Tolkien-Epigonen. Doch für den Sammler von Fantasy bietet sich hier noch eine reiche Ernte, die hierzulande noch kaum eingebracht wurde. Anthologien von Fantasy-Autorinnen kann man mit der Lupe suchen. Nicht einmal mehr die neuen Werke von Patricia A. McKillip – noch Anfang des Jahrzehnts bei Klett-Cotta veröffentlicht – werden mehr auf den Markt gebracht. Allenfalls bekannte männliche Fantasyautoren wie der oben erwähnte Peter S. Beagle können mit deutschen Neuauflagen ihrer Werke rechnen.

Das schmale Bändchen von gerade mal 223 Seiten verlockte mich nicht mit grandiosen Szenarien à la Ringkrieg und Weltuntergang zum Weiterlesen, sondern mit dem fein gesponnenen psychologischen Rätsel, das sich dem sympathischen „Helden“ stellt. Und da er bei dessen Auflösung in einen Konflikt mit seinem Lehrmeister gerät und sich zwischen Eroberung der Geliebten oder ihrer Befreiung entscheiden muss, war die Neugier darauf, wie die Geschichte wohl enden mag, nie gestillt. Also musste ich zu Ende lesen. Was sehr befriedigend war und zugleich sehr bewegend.

Solche Bücher bereichern den Leser persönlich, statt ihm seine Zeit zu stehlen. Und es wäre nicht schlecht, wenn mehr Männer dieses Buch lesen würden. Sie könnten verstehen lernen, was eine Frau durchmachen muss, die unter einem Zwang steht, und wie es ist, eine Frau zu lieben, deren Befreiung Entsagung bedeutet. Doch wie ein kluger Kopf einmal gesagt hat: „Es ist besser, im ganzen Leben nur einmal geliebt zu haben, als überhaupt nicht geliebt zu haben.“

Ein Wort von der Autorin

Hier noch ein – hoffentlich erhellendes – Wort der Autorin: „Bei dem, was ich schreibe, geht es oft um Menschen, die eine Art von äußerer Maske tragen, sich dahinter verstecken, sich nicht bewusst sind, wer sie eigentlich sind. ‚The Shapechanger’s Wife‘ handelt zum Beispiel von dem Prozess, sich von einer solchen Maske zu befreien. Es ist eine Suche, bei der der junge Zauberer sich selbst findet. Ich nehme an, solche Fragen berühren mich irgendwie bei dem, was ich schreibe. Die Selbstfindung.“ (Zitiert nach: „Das Science Fiction Jahr 1999“, Heyne, Seite 781).

Das Buch eignet sich somit durchaus für junge Erwachsene ab 16 Jahren, die ja auch stark mit Selbstfindung beschäftigt sind (wenn ich mich an meine Jugend recht erinnere *fg*).

Ein anderes Internetmagazin (URL auf Anfrage) wendet Aubreys Dilemma auf unser tägliches Leben und die ökologische Grundfrage an: „Unter dem Deckmantel der Liebe(sgeschichte) spielt Shinn auch mit Umweltthemen. Aubrey fragt den Zauberer Sirrit einmal: ‚Wie kann man etwas lieben, das man noch nie in seinem ursprünglichen Zustand gesehen hat?‘ Worauf der weise Magier erwidert: ‚[…] Wie verhindert man, dass man genau das zerstört, das man wiederherzustellen versucht?‘ (S. 168)

Diese Fragen gleichen den Fragen, dir wir uns täglich stellen: Lieben wir etwas mehr für das, wozu wir es gemacht haben, aufgrund seiner Nützlichkeit für uns als Menschen? Oder finden wir in uns die Stärke, es um seiner selbst willen zu lieben, unabhängig von unseren Bedürfnissen oder gar unserem Einfluss? Schließlich stellt sich die schwierige Frage, ob wir die Erde im gleichen Maße lieben können wie uns selbst, indem wir sie von unseren Wünschen befreien, so dass sie so existieren kann, wie es für sie notwendig ist?“

Broschiert: 222 Seiten
Besprochene Auflage: März 1998
www.heyne.de