Christian C. Walther – Der zensierte Tag

Pünktlich zum dritten Jahrestag des Anschlags auf die Twin-Towers des WTC veröffentlicht der |Heyne|-Verlag das Buch „Der zensierte Tag“ von Christian C. Walther. Der Titel lässt es bereits vermuten, dass dieser von der offiziellen Darstellungsweise augenscheinlich nicht viel hält. Kritische Betrachtungsweisen zum 11. September 2001 gibt es mittlerweile zuhauf. Die meisten davon werden als Spinnerei von unter Paranoia leidenden Verschwörungstheoretikern geschmäht. Gelesen und diskutiert werden sie dennoch gern – wenn auch manchmal hinter vorgehaltener Hand. Fest steht: Die Vorgänge des denkwürdigen Tages sind noch nicht hinreichend erklärt, zu viele Lücken und Fragen tun sich weiterhin auf, daher ist der Untertitel „Wie man Menschen, Medien und Maschinen manipuliert“ recht passend gewählt.

Corpus Delicti

Wohl kaum eine Publikation zu explizit diesem Thema kommt ohne zumindest eine grobe Beschreibung der politischen Szene Amerikas und die mannigfaltigen Verquickungen mit der amerikanischen Wirtschaft aus. So natürlich auch hier. Die ersten Seiten rufen ein leicht prickelndes Déjà-vu auf der Haut hervor, oder anders ausgedrückt: Just another von Bülow. Wirklich? Nicht ganz. Allein schon stilistisch unterscheiden sich die beiden, auch wenn sich die dargebotenen Zusammenhänge auf den ersten Blick gleichen. Logisch. Der zweifelhafte Background und die dubiosen Verbindungen von „Dubya“ und Konsorten sind mittlerweile hinreichend (auch von so genannten „seriösen“ Quellen) belegt. Auf das in letzter Zeit immer mehr in Mode kommende „Bush-Bashing“ verzichtet Walther jedoch und reitet nicht gierig auf jedem noch so kleinen Fehltritt des weltweit in Ungnade gefallenen Präsis rum. Auch Antiamerikanismus weist er von sich.

Im Folgenden entfernt und distanziert er sich auch noch von den derzeitig gängigen Konspirationsaposteln. Scheinbar. Der lockere Schreibstil, gewürzt mit Wortwitz und gelegentlichen Zynismuseinlagen, kann aber nicht darüber hinweg täuschen, dass er sich Elemente ihrer Verschwörungstheorien durchaus in Teilen zu Eigen macht, sie jedoch leicht variiert. Immerhin nimmt seine – wie er selbst schreibt – spekulative Rekonstruktion nur knappe drei Seiten in Anspruch. Wobei er sich trotzdem auf die Kernsätze einiger alteingesessener Konspirationspäpste stützt, also ferngesteuerte Flugzeuge, die zudem nicht diejenigen sind, die offiziell in die Türme bzw. ins Pentagon gerauscht sind etc. Klar, dass auch das (angeblich physikalische unmögliche) Zusammensacken der Twin-Towers und des ominösen Gebäudes WTC 7 thematisiert wird. Von dort aus soll die Fernsteuerung vorgenommen worden sein.

Als Beweis dafür, dass die Flugzeuge gar nicht diejenigen waren, in denen die vermeintlichen Attentäter eincheckten, sondern speziell umgebaute Militärmaschinen, dienen in der Hauptsache Fluglotsen-Protokolle über die Flugrouten der Attentatsmaschinen und der aufgestiegenen Abfangjäger. Ein sehr unscharfes Foto kurz vor dem Einschlag soll untermauern, dass dieses kein ziviles Passagierflugzeug ist. Gerade Letzteres ist aber wirklich so unscharf, dass man sich an UFO-Sichtungen erinnert fühlt. Besonders stichhaltig ist dieses Bild als Beweismittel so ohne weiteres nicht. Oft genug haben sich solche Aufnahmen als Fake herausgestellt. Aus gutem Grund werden – zumindest vor deutschen Gerichten – Bilddokumente nur in absoluten Ausnahmefällen als Beweismittel zugelassen. Das Bild ist hinlänglich bekannt, gilt als authentisch, ist aber dennoch oft kontrovers diskutiert worden. Wer weiß schon, ob es nicht doch (von wem auch immer) manipuliert und in Umlauf gebracht wurde?

Wo andere Autoren die Anwesenheit der 19 mutmaßlichen Attentäter (und zum Teil sogar die Existenz der Al-Qaida als solches) komplett verneinen und sich in allerwüsteste Thesen verstricken, bezweifelt Walther deren Teilnahme an der Aktion nicht – wohl aber deren Kenntnis der Ereignisse, die da auf sie zukommen sollten. Sehr befremdlich ist in der Tat das Auffinden von persönlichen Gegenständen und anderen Indizien, die so deutlich auf Al-Qaida hinweisen. Wo doch alles andere an persönlichen Gegenständen (und sogar die Leichen) der restlichen Passagiere an Bord angeblich vollkommen vernichtet wurde. Insofern riecht das Ganze schon danach, als sollte hier absichtlich eine Spur gelegt werden, um den Verdacht gegen die fraglichen Terroristen zu erhärten.

Also doch eine groß angelegte Verschwörung aus dem Inneren? Seiner Meinung nach eher eine in kleinem, überschaubarem, erlauchtem Kreis von Drahtziehern, die aus den Anschlägen ihren Nutzen ziehen und somit ein Motiv haben. Das unterstellte Motiv? Handfeste wirtschaftliche und geo- bzw. auch innenpolitische Interessen, getarnt unter dem Deckmäntelchen der Bekämpfung islamistischer Terrorzellen. Dieser Vorwurf ist weder neu noch von der Hand zu weisen. Stichhaltig nachweisen lässt er sich indes nicht – jedenfalls nicht nach der derzeitigen Informationslage. Es bleibt Vermutung, wenn auch einiges dafür spricht.

Eine globale Konspiration würde jedoch alleine an der menschlichen Natur scheitern, denn je mehr potenzielle Mitwisser vorhanden sind, desto schwieriger ist es dichtzuhalten. Von der schier unlösbaren Aufgabe, so viele Verschwörer zu koordinieren, einmal ganz zu schweigen. Zu komplex, um durchführbar oder gar glaubhaft zu sein. So weit seine Zusammenfassung. Schon recht, da ist was Wahres dran, doch auch sein Szenario erfordert eine schier unüberschaubare Logistik und macht es aus den gleichen Gründen ebenso unwahrscheinlich. Die angebotenen Quellen im Netz sind verifizierbar, doch ist es ein Leichtes, sich aus der Fülle von Informationen eine Hypothese zusammenzustricken, die zu den Fakten passt – hundert Prozent wasserdicht sieht anders aus.

Gegen eine Verstrickung des kompletten Regierungsapparats, Geheimdienstes, Militärs, FAA und FBI spricht die Tatsache, dass die Behörden teilweise gegeneinander arbeiten und zu widersprüchlichen Ergebnissen und Schlussfolgerungen/Ergebnissen kommen – ja geradezu ein Konkurrenzkampf zwischen den Instanzen tobt. Eine übergeordnete, offizielle Aufklärungskommission wurde nur widerwillig und unter Druck eingesetzt, der sind jedoch weitgehend die Hände gebunden und sie hat nur Zugriff auf Protokolle und Aussagen, die auch wir Normalsterbliche entweder über die Presse oder das Internet einsehen können. Eine Menge aufschlussreicher Akten liegen aus nicht ganz nachvollziehbaren Gründen unter Verschluss. Kein Ruhmesblatt, fürwahr. Wenn schon keine Verschwörung zugrunde liegen mag, dann muss man aber den amerikanischen Behörden zumindest Dilettantismus und aktives Werfen von Nebelkerzen bei der Aufklärung vorwerfen.

Ein weiterer Hauptanklagepunkt sind weniger die augenscheinlichen Versäumnisse der amerikanischen Regierung, sondern die Art der Berichterstattung und somit das, was wissentlich oder unwissentlich dank der Massenmedien in den Köpfen der Menschen verankert wird. Ständige Wiederholungen von Falschinformationen machen sie zwar keinen Deut richtiger, doch werden sie gemeinhin als die „Wahrheit“ akzeptiert. Ein altbekanntes Phänomen, nicht nur in diesem Fall. Auch wenn später berechtigte Zweifel auftauchen oder gewisse Dinge nachweislich einfach unter den Teppich gekehrt wurden. Vieles von dem, woran sich offiziell als Erklärung geklammert wird, erweist sich auf den zweiten Blick als physikalisch oder logisch schwer erklär- und manches gar als nicht haltbar.

Es kriegen nicht nur die Boulevardpresse à la |Springer| & Co. ihr Fett weg, sondern Walther prügelt vorzugsweise auf das Nachrichtenmagazin |Der Spiegel| ein. Womit wir beim abschließenden Thema Medienschelte angelangt wären. Doch nicht nur Print- und TV-Medien sollen sich an die Nase fassen, sondern auch gerade wir Konsumenten, die wir danach verlangen, nur leicht verdauliche und verständliche Kost vorgesetzt zu bekommen. Die Kritik an unserer auf Kommerz und Manipulation ausgerichteten Medienwelt (und damit uns selbst) ist nicht unberechtigt und das Plädoyer, den eigenen Verstand öfter zu gebrauchen und nicht alles unbesehen zu schlucken, ehrenrührig. Allerdings dürfte die Zielgruppe dieses Appells nicht zur Leserschaft solcher Bücher gehören, weswegen er ungehört verhallen wird.

Fazit

Indem es gekonnt polemisiert und überzogen formuliert, lässt sich das 400-Seiten-Werk locker-flockig lesen. Auffällig jedoch ist, dass der beißende Rhetorikhammer immer dann verstärkt ausgepackt wird, wenn die Luft für die unglaublich klingenden Komplott-Hypothesen merklich dünner wird. Dabei sind einige Gedankengänge gar nicht mal so abwegig und bedürften dieses Tunings eigentlich nicht, eine sachliche Schilderung der oft fragwürdigen Umstände und Zusammenhänge des 9/11 wäre der Sache meiner Ansicht nach dienlicher gewesen.

Das Buch wird die Fronten von Konspirologen und deren Gegnern nicht aufweichen und die Gemüter wieder mal erhitzen. Die zugrunde liegenden Quellen sind verifizierbar, bieten Stoff zum eigenen Nachdenken, präsentieren aber auch nur einen Ausschnitt der Gesamtbilds. Um definitiv zu sagen: „So (und nicht anders) war es!“, reichen die Indizien indes bei weitem nicht aus. Summa summarum muss sich jeder doch wieder aus den zugänglichen Versatzstücken ein eigenes Bild zusammenschustern – auch aus den hier so gescholtenen Massenmedien. Werden wir je die ganze Wahrheit erfahren? Zu hoffen bleibt es …

Taschenbuch: 384 Seiten
www.heyne.de

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